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Full text of "Encyclopadische Jahrbucher Der Gesammten Heilkunde"

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ENCYCLOPÄDISCHE JAHRBÜCHER 

OBR 

GESAMMTEN HEILKUNDE; 



SIEBENTER JAHRGANG. 



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ENCYCLOPÄBISCHE JAHRBÜCHER 

GESAMMTEiX HEILKUNDE 



ITNTF.R MITWIRKUXG DKR HKRRKN 

Hofrath Prof. ALRKRT. Wien l'rof. H. ALHliKrUT. Gi Lirliterl^M.- > H^rlin» - KreUwundarat 
Dr. A.SCHEK. HoniHt tPoopn) -- S«n.-R. Kni. AüKRECHT. Macdfl.nri: - l'rof. A. BAUIN'SKY, 
Berlin — Prof. B. BA(JLNMK V. «orlin — Prof. Kuiil BALLOWITZ, Gr. it!.\valil — Prof. K. von BARDE- 
LKBKX. Jena — l'rof. ü. BKHRKNÜ. Ikrlin - (ieh. Med. Rath l'r<.f. BKHRIXG. Marlmri« — Dr. 
B. UENDIX. Berlin - Prof. BENKDIKT. Wien - Huinith Prof. BINSWANQER, Jena - Geh. 
M«d.-B Pnf. BUtCH-BISSCIiFUjD, I.alj>i« " Dr. Muu B£BSG£N, Fnutktan ft. M. — Ur. LaAwfg 
BR0X8, BumoTtr — Jftr. A. BOV.^'Wnii — Ved. u. phtl. Dr. V. 6. BTTäCBAN. Stettin — Do«. 
L- CASPKR, Berlin — Prof. B. v. DÜRING , Constantinojwl - Prof. KK'HHORST, Zürich — Dr. 
ENliRKS. Halle a. d. S«al« — Prof. KXGI>ISCH, Wien — OH». Med.-Rath Prof. EWALD, Berlin — 
Dr K<lm«nd FRIEDRICH. Dresden — Med.-Rath Prof. FÜRBRINOKU, Berlin — Prof. GAD. Pnwc — 
Pr.-t. A. (JOLr.^^CHBIDER, Berlin - Dor. C. GÜNTHER. Berlin — Dr. H. (JUTZMANN. Berlin — 
Hr UAIKK. Ik-rlin — Pr..f. Th. Ht SKMANX. Güttingen - Piof v. JAK.<('H. Pra^ — .San.-Rath 
.r.-vSTROWITZ, Borlin l-or. H. KloNKA. Br-slau - IT KIKCHHOKK. h. tliu - Dr. A. KlIt.STEIN, 
U.^rliu — Med.-Rftth Prof. KI'^CH, MarienUd l'rnjc — l'r'it. KLKIXWACllTEli, Cz4'rn..wit/. - Doc. 
.\. KXORR, Marhur); — K. ruü.s. .•^iiiamrath Pn.f U KdliM'iT. n,,il>risiliirl - Prof. K( CH.^, Bonn — 
U.-.St. A. Prof. A. Ki>HLER. Berlin — San.-liHtii W. KOKTi:, li. rlui — .Stalisarzt KOHl>.STi .CK, 
Berlin - Prof. J. KBATTER. Graz — Ür. A. Kl'TTNK (, Boilin Dr. K, i.ANPAI". Nurnli.-rj; — 
Saii.-R. J. LAZARUS. Berlin — Geh- Med.-R. Prof. LIKHRKICH, Berlin Prot LITTEX, Berlin — 
K. k. San.-R. Prof. UKBI.SCH, Innubrnck - Prof. LOREX/. Wien Prof. A. M.\RT1N, Berlin — 
Doc il. WKNDELSOHN, Berlin - Doc, v. METXITZ. Wien - Dr. G. MEYEE. Berlin — Prof. Im. 
MONKlBbcUb - Dm. BBDBBB. Ktal — Dr. B. IfBOBOBOBB. Wien — Prof. POSMBB, Bnlln - 
Dr. rIbFISCH, RmUh — Profr7nNJ8S/WI< n — Prof. HIBBRRT. ZOrteh - SUi.-R. Prof. L. BIBBB, 
Berlin - Prof. BOSENBACH, Berlin — Prof. Th. ROSENHEIM, Berlin - Doc. H. ROSIN, Berlin — 
Prof. Wilh. ROÜX, Hnll0 — Prof. SAMUEL, Königübern: - Prof. Fr. SCHAUTA. Wien„- Dr. S H. 
SCHEIBER, Biidapem — San.-R Förstl. PI'V«irn« Dr. SCHEl BE, Greiz - Dr. U. SCHOXHF.IMER, 
Berlin - Dr. Freiherr v. SOHRENCK-XOTZlXG, Mnnriien - Dr. Jnl. SCHWALBE, Berlin l'rof. 
SKELIGMÜLLEK. Hall- a -i, S - Prof SONNKXHI'RG. Berlin — Ol»'istHbs.'ir/.t SPERLING, 
Berlin Itoc .STEIXKH Kn ilo ir v. l'Kt \(.K.N\ \V;.n - In. UXNA, Hamliini; Mo»l.-RHth Prof. 
K. rXVERHICHT, .Sudf nburg-Maicd.l.iirg Prof. J. VEIT, Leiden — Dr. A. WAS.SKKMANX. 
herlin - ■ R^g.- u. M.- l -i;..,th WEHMER. Berlin — Dirf tor WKRXER. Dwinsk (Poaen: - K. u' Kath. 
Prof. WINTERMTZ. Wien — Prof. Jul. WULFF. Berlin - Subaantt a. D. WüLZE^iDüHFF, 
Wtoatedn — Doe. M. ZBIS8L, Wien -> Prof. ZI BBBHT, J«m 

HERAUSGEGEBEN 

Geh. Med.-Raai Prof. Dr. ALBERT EULENBURG 



Siebenter Jahrgang 



Mit zabIrelcbBfl lllustratiORen In Holzsebnltt 



WIEN UND LEIPZIG 

Urban & Schwarzenberg 

1897. 



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Nachdruck der in diesem Werke enthaltenen Artikel, sowie Uebersetsung 
derse^en m fremde Sprachen ist nur mit Bewiiiigutig der Verleger 

gestattet» 



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A. 



Afedamtnaltyplins. Die seit der Abfaasniiff unseres fOnften Nach- 

trapres (Encyclopäd. Jahrböclior. VI. Jahr^r . papr. 1 — 4) vcrflossone kurzo Spanne 
Zeit hnt fronügrt • uni unffi'zäliltp Fodorn für cinp Enldcckung in Bowcffunff 
zu Hetzen, welche rücksichtiich der Diagnose unserer Krankheit alles Andere 
einifpermassen in den Scliatten gestellt hat, vor der Hand wenigstens. Wir 
meinen die im letzten Sommer von Widal zwar nidit entdeckte, aber in 
der Motrnpolo seines Vaterlandes einfffföhrte S eroding-n est ik. Mit ihrer 
EriHterun^. so weit sie das Interesse des denkenden Praktikers zu wecken 
geeignet, glauben wir be^rinnen SU sollen. 

Sclion vor Widal haben deutsche Autoren, und zwar Grubbr und un- 
abhängig von diesem R. Pfeiffer und Kolli: (larjrethan, dnss das Blutserum 
gegen Typhus immunisirter Thiere und menschlicher Typhuskranker auf das 
Wachsthum der TyphusbacUlen hemmend, verlangsamend einwirkt. Letztere 
werden unbewegriieh und ballen su Floeken susanunen, weleiie sedimentlren, 
80 dass die vordem durch sie fretrObte NahrflQssigkeit sich aufhellt. Dieser 
auf dem durch die baktciKidcn Antikörper vermittelten Schutz gegen die 
Typhusbacillen beruhende V'organg der »Agglutinirung« iQkubbk), bezi<>hungs- 
weise »Paralysinwirkung« (PPBirPBR-KoLi.s) mnss als eine specifische Reak- 
tion gelten, insofern die Erreger unserer Krankheit im Serum der Trager 
andersartiger Krankheiten, beziehungsweise der gegen dio Ictztoren immuni- 
sirten Thiere lebhaft gedeihen. Es lag somit nahe, das Kriterium zur bak- 
teriologischen Differentialdiagnose in Anwendung zu bringen. 

Widal gebührt, obzwar er neue Thatsachen nicht gefunden, das Ver- 
dienst . die agglutinirende Wirkung dos Serums Typhöser auf dio Typhus- 
bacillen zur diagnostischen Methode ausgebildet zu haben. Er beobachtete 
zunächst, dass ein Geniisch von Typhusbouilloncultur mit dem aus sub- 
cutanen Venen oder der Fingerspitze gewonnene Blute von Typhuskranken 
sich absetzenden Serum im BrOtofen am nächsten Tage eine deutliche Auf- 
hellung darbot. Andt^rerseits war der agglutinirende Einfluss. un<l zwar 
schon nach einigen Minuten, unter dem Mikroskope wahrzunehmen. Ders(>lbe 
insserte sieh selbst bei starker VerdOnnung noch als in die Augen springende 
lähmende Wirkung fGBC.NBAU.M u. A.). 

Selbstverständlich haben NaciiprQfungen dieser serodiagnost ischen Me- 
thode nicht lange auf sich warten lassen. Ihr Inhalt lautete zunächst fast 
i)edingungslo8 zustimmend, insofern die Reaction in Fällen, welche nur einen 
Typhus votgetäusidit, versagte. Dies gilt von der Inangriffnahme des Verfahrens 
durch die Landsleute des Ctofeierten (Dieulapoy, Codruont, Thiroloix, Vbdsl, 

■nojelop. iahiMehiir. VII. \ 



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I 



2 



Abdominaltyphiis. 



Achard. Haüshaltbr, Catrix) und nicht minder den nSrdliehen Nachbarn 

Frankreic hs (Delepine und Sidebotham, Wyatt Johxstox und Mc. Tai.». \ut). 
Letztere haben bei einer statt liclu-n Zahl von Typhi'u den positiven Ausfall 
der Reaction nie, bei underen Krankheiten ^Pneumonie, Malaria, Meningitis; 
und Gesmiden stets vermisst. 

Erst später folgten andere Länder. In Italien haben sich um die Er- 
grDndung: der praktischen niul t lieoret isclim ßedeulunfr der FVa^^e unter 
Anderen Bobi. Puulieri, Jkmma. Maraolianu bemüht. Auch in Deutsehland 
hat sich ein überaus regrer Eifer in der Handhabung der Methode, zumal in 
Anstalten entwickelt. Wir nennen Lichtheim, dessen erste Ifittheilungen in 
den October I89fi zurQckreiehen . Bkeleu und R. Stern, ferner aus der 
Reihe der Autoren von diesem Jahre unter Anderem A. C. und B. Fraexkel, 
Ppdhl, f. Pick, Haedke, du Mesml, Jez, Kkluer. Stadelmanx. Schkkfek. 
Aas der Summe der einschlägigen VerSHentlichungen hebt sich zunächst der 
Orundgedanke heraus, dass die neue diagnostische Metbode {rej^renüber dem 
Irftheren »praktischen^^ bakterioloirischen Differen7.irun}r?<verfahren einen be- 
«onderen Werth beanspruchen üürtu. Verlässlichkeit und relativ leichte Hand- 
habung wurde, ganz abgesehen von dem theinretischen Interesse, als neue 
"wichtige Errungenschaften für den Arzt fast fibereinstimmend empfunden. 
• Alles das begreift sich ohneweiters hiiiui-sehen auf die trotz scharfsinniirst er 
Verwertbuntr der bislanir uns an die Hand i-effebenen (lia<inost ischen Behelfe 
Inoch immer relativ hohe Zahl von Fehldiagnosen. Wir urinnern nur an da:» 
berfichtigte »gastrische Fiebere, andererseits an die »typhöse Pneumoniec, 
Sepsis und Pyamie inclusive maligner Endokarditis. Miliartuberkulose. Bs 
bedarf für den Erfahrenen keines bciiiündenden Wortes, warum gerade inner- 
halb des Bereiches dieser Krankheiten unter Ltustünden nur die bakterio- 
logische Diagnose eine sichere Entscheidimg gestattet. 

Nichtsdestoweniger hat es dem aufmerksamen Späher nicht gut ent- 
'gehen können, dass da. wo die namentlich von Koli k als uii erlässlich ange- 
sprocbenen Cautelen bezüglich der Culturenvirulenz. der Nührbodenbeschaffen- 
heit und der Controlversuche mit normalem Serum in genügender Weise 
berfleksichtigt worden « die Resultate im Allgemeinen weniger gflnstig als 
bei Befolgung der ursprünglichen WiDALschen Vorschriften ausgefallen sind. 
Wir dürfen auch, von einer Reihe verschiedenerorts (ÜUME.SXII-. Jez. .Achard 
und Bensaude, Fkhrand u. A.) aus Anlass des positiven Ausfalles bei Nicbt- 
typbSsen ausgesprochener Bedenken besfiglich der absoluten Sicherheit und 
Eindeutigkeit der Methode gerade bei der von Wioal angegebenen Hand- 
habung ganz abgesehen, nicht verschweigen, dass neuerdings Kolle selbst 
an einigen genau beobachteten Typbusfällen beherzigenswerthe Beobachtungen 
machte. Während er im Laufe der zweiten Krankheitswoche in den Roseolm 
und Deiecten die Typhusbadlleii auffand, blieb die serodiagnostische PrOfung 
des Blutes bis zum Bi>'j-iiin der drilt<'r\ Woche er'jcluiisslos; erst in der Con- 
vale^cenz gelang die Reaction. Aelinlirlit's haben übrigens früher schon Widai, 
und S TERX beobachtet ; ja Breuer und Thoixot sahen die Reaction erst beim 
Recidiv eintreten. Also kann auch der negative Ausfall zu folgenschweren 
IrrthQmern fuhren. Gegenüber der ursprünglichen Widai h< In n Mnhode ver- 
langt Koi.i.R als Kriterium des sicheren positiven Ausfalles der Reaction. liass 
die genau festzustellende Grenze der agglutiuirenden Wirkung bei Dosen des 
Serums liegt, wo sie normales Serum nie zeigt, z. B. bei VerdQnnungren von 
mindestens 1 : 30. Zu gleichsinnigen Forderinigen gelangt in einer soeben 
über »Fflil'>ii|uellen der Serodiagnost ik - v crnfrcnt lichten Aldiaiidliing R. Stkrx. 
der schon früher auf die deutlich agglutinirende Wirkung der Blutsera von 
Nichttyphüsen auf Typhusbacilleu bei relativ starker Verdünnung hingewiesen. 
Der Autor selbst wendet letzt auf die Gefahr einer Einbusse der Methode 
an Empfindlichkeit im Interesse der unbedingten Zuverlässigkeit eine 40- bis 



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Abüominaltyphus. 



3 



öOfache Verdünnung: an. Ob dio auf dem positiven Avisfall der Reaction 
noch Monate und vieiieiclil Juhre nach Ablauf des Typhus beruhende Fehler- 
quelle wirklich aU nur für einen kleinen Theil der Fälle in Betracht kom- 
mende, den Werth der Methode nicht wesentUeh schmälern kann, mius die 
Zukunft lehren. 

Wir selbst verfügen — ein unwillkommenes Resultat der erfreulichen 
Seltenheit des Typhus in den Berliner Krankenanstalten seit mehreren Jahren — 
nur fiber 9 Fälle, wdche uns aufgrefordert, die 8erodia?nostik in — zum Theil 

beim Einzelfall nK'hrf.iclic — Anwendung zu ziehen. Grobe Widersi)rii< h(> haben 
sich bislang nur einmal* or;r<'l»en. andererseits werthvoUo Corrccturen zwfifol- 
häfler Üiagno:>en erniügiichen lassen. Unbequem er.schieu uuh die bisweilen 
nicht g:«iflgend in die Auf^mi fallende Differenz der Trflbangen bei der makro- 
skopischen Handhabung der Methode, so dass wir bei aller Hochhaltung des 
Werthes des conibinirten Verfahrens nach und nach gelernt haben, der mikro- 
skopischen Coutrole den Vorzug /m geben. Aber auch hier gestaltete sich 
das Resultat, so schlagend es auch in den positiven Fällen sich dargeboten, 
nicht immer so sdiarf und (>indeutig. wie man es nach dem Inhalte der 
Literatur v(>rmr>in(>n nuM-liie. Waclisende Uebung vermag offenbar viel aus- 
zugleichen, aber nicht Alles. 

Die Technik de» Verfahrens anlangend, haben sich wohl die Meisten 
bereits ihre besonderen Modificationen zurechtgelegt, auf welche die eigene 
Erfahrung sie verwiesen hat. Da die Gegenwart der rothen Blutkörperchen 
bei den üblichen \'i>rdijnnungen kaum stört, fügen wir das dem Schropfkopf 
oder der Fingerwunde entnommene Blut, das man mit gutem Gewissen aU 
dem Serum annUiemd äquivalent ansehen kann, zu einigen wenigen TVopfen 
mit der Platindse oder Pipette der Typhusbacillenknollencultur im Roagens- 
gläschen zu. etwa B — 5 Trojjfen (10 — 15 Oesen) auf K» Ccm. Genauere 
Dosirungen mit besonderen Apparaten sind wohl stets entbehrlich. Für die 
mikroskopische Untersuchung ist der hängende Tropfen unerlässiich. Hier 
wird von emer Mischung einer Oese Serums und — 40 Oesen Wassers 
eine Oese dem Bouillontröpfchen ziiir' Tn'jrt. Am bequemsten beobachtet man 
das Starrwerden der Bacillen und «iic liaulenweise Lagerung der Leichen am 
Rande des Tropfens. Stets cunlrolire man durch Vergleich mit »normalen« 
Präparaten, die unter Verwendung des Blutes Gesunder gewonnen. 

Man wird sol<diem Verfahren die Attribute »einfach und schnell« füglich 
nicht absprechen dürfen, und doch argwöhnen wir. dass die diagnostische 
Methode nicht zum Gemeingut der Aerxle werden wird. Muss doch immerhin, 
vom BrQtofen ganz abgesehen , ein gewisser Apparat am Krankenbette ent- 
faltet werden, den nicht jeder Praktiker mitzuführen den Geschmack entwidceln 
dQrfte. So einfach wie bei der Fahndung auf All)iiminuric oder hei dt»r Laryngo- 
skopie liegen die Verhältnisse nicht. Auch die Be.schatfung und Erhaltung 
der virulenten Typhusculluren kann seine Schwierigkeiten haben. Je subtiler 
und bedingungsreicher die äusseren Verhältnisse der Technik, um so eher 
wird die Methode dem Arbeitsfelde des Arztes entrückt. 

Im U<'i)ngen kann man schon jetzt sagen, dass der neuen serodiagno- 
stischen Methode weder die wissenschaftliche Grundlage, noch die klioische 
Bedeutung abgesprochen werden darf, lieber das wahre Quäle und Quantum 
freilich der Einschränkungen der letzt»'ren werden nur grosse Reihen neuer 
Versuche Aufschlu«s ueljcn können. Sie allein können uns i'iber den defini- 
tiven Grad der Bereicherung unserer diagnostischen Methoden belehren. Eine 
prognostische Bedeutung scheint der WiDAL'schen Reaction nicht zuzukommen. 



« In doem Weheren Typhnafalle Teraagte dto BoaetiM bU aar Tierteo Woohe; tm Ende 

derselben wurde b'm- rit iitlich. Noch splter ergab eine Verdiinnaag von l,tO tin pMitives, 
Ton 1,30 eiu negatives Heaultat. 

1* 



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Abdomtnaltypbiu. 



Was die »onstigen Forlschritto auf dem Gebiete der Aetiologie und 
Pathologie unserer Krankheit anlangrt, so ist, hingesehen auf die Interessen 
des Arztes als solchen, viel Neues und Beachtenswert hes eben nicht zu 
verzeirlnu'ii ; das GifM'clic fjilt von der Thernpif» des Typhus. 

Aetiologie. Die Beobachtung einer kleinen, offenbar durch den Ge- 
nuss von Austern vmnittelten Typhusepidemie gab Chahtbmbssb Anlass, 
frische Austern in inficirtes Wassor aussnsetsen und ihr Inneres dann auf 
lebende Typhusbacillen zu untersuch on : trotz panz nnv('r(lächti<r<*n Aussehens 
der Thiere ofelang dieser Befund. In ähnlicher Wfi.se ;rlü< kto es Piokkowski. 
das Innere von Eiern durch Einlegen derselben in typhusbacillenhaltige Nähr- 
flllssigfcelten zu inficiren. 

Bemerkenswerthe fttlolofrische Beiträge liefen femer von Wolff und 
DüPüY vor. Krsterer beoh.u htcte. dans auf einer isolirton Elbinsel hei Ham- 
burg sämmtliche Erkrankungsfälle während einer Typhusepidemie auf die zu 
einem Graben ressortirenden Häuser entfielen, welohw zur Aufnahme der 
AbtaUstoffe und des Unraths diente. Die andere Seite, auf welcher das 
Wasser durch Zuflü.sse aus der Elbe und Teichen von Stajrnation bewahrt 
wurde, beziehungsweise sich rein erhielt, blieb frei. Dupüy hat e.s einiger- 
massen wahrscheinlich gemacht, dass eine heftige Epidemie in St. Denis durch 
Verdiinnung des Aepfelweines mit infioirtem Seinewasser und den Oenuss 
des den Wasserwerken entnommenen Wassers veranlasst worden 

Auch die Frage nach der Unterscheidung des T\ phiisbat illus von dem 
Bacillus coli hat wieder einige Forscher beschäftigt. Wir glauben von einer 
Wiedergabe der an sich gewiss vwdienstvollen Resultate absehen zu sollen, 
da sie einer Methode für den Praktiker noch nicht V^)rscbttb geleistet. Das 
trilt auch von der Verwerthung: der Diazoreaction als (lifferen/lrenden Merk- 
mals durch SoEULA, der Bouillonculturen von Typhusbacillen eine intensive, 
solche von CoUbadOen keine Reaction ergeben sah. Selbst das BLsmtR'sche 
Plattenverfahren (vergl. den letzten Nachtrag pag. 1), welches unter Anderen 
Breuer verwerthbare Resultate nicht peg-eben. während sich M. Wolff. 
Senator. Ewald, Ritter, Pollak und Hädkk mehr weniger günstit? darüber 
ausgesprochen, hat entschieden unter dem Siegeszug der Serodiagnostik gelitten. 

Dass der Orad des Fiebers von wesentlichem Binfluss auf die Ur- 
sache unserer Krankheit sei, Ist wieder zweifelhaft geworden, nachdem die 
Untersuchunfren Müllers orsreben. dass erst Temperaturen von 14.5" eine 
Beeinträchtigung der Wacbsthumsgeschwindigkeit und Virulenz der Typhus- 
bacillen im Gefolge haben. 

Zfichtungen des Typhusbaoillus aus Eiterherden im Gefolge der Krank- 
heit sind auch diesmal wieder zu verzeichnen, so aus einem siibphrenischen 
Abscess von Ad. Schmidt, aus Hodenabscessen von Sall&s und Barjon, aus 
reactionslos verlaufenden osteomyelitischen Herden im Knochenmark der 
Tibia von Bröks noch Im sechsten Jalure nadi dem Ablauf des Typhus. 
Hingegen vermissten Ti'ffiku und Widal den Mikroorganismus in einem perl- 
ostltiscben Eiterherde schon nach .\blauf eines Jahres nach der Qrundkrank- 
beit. (Sonstiges über Knochenprocesse bei Typhus s. unten.) 

Die eigenüiche Klinik unserer Krankheit ist etwas stielmfitterlich weg- 
gekommen ; ihr Charakter Shndt auffallend denjenigen dm letzten Jahre. 
Die Nervensymptome überwiegen. 

Haut. Ueber Typhusbacillen führende, also specilische papulöse und 
pustultoe Efflorescenzen (PoUiculitiden) berichtet Sinobr, über ein prodro- 
males scarlatiniformes Exanthem Rüssel. Sudaminneruptionen mit nachfolgen- 
der kleienförraitrer wie laraelir>ser Desquamation hält Comby für einen retrH- 
massiircn Befund beim Kindertyphiis. Hämorrhagien meist beschränkter 
Ausdehnung am Oberrumpf und an den Streckseiten der Oberschenkel be- 
NiCBOLis mit gflnstiger Prognose gegenüber den nicht mehr harmlosen, 



Abdomlnaltyphus. 



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auf eine hämorrhagische Diathose liuut enden generellen . mit Blutbrccheo, 
blutigen StQhlen und Blutharoen eiohergehenden Eruptionen. 

Ueber typhöse Ulcerationen der Mundhöhle berichtet Dbvic. Scharf- 
ntndige. rundh'che. indolente Substnn/.verluHte mit granulirtem Grnnde im 
Bereiche der üaunienbögen bilden den Typus. Nicht so hiiiifi!,'' ist die Zuncfe 
der Sitz dieser Erosionen, welche vielleicht echte Typhusmelastasen darstellen. 

Knochensy Stenn. Nach Bomour's eingehender Darstellnng liegt den 
typhösen Knochenerkrankungren meist eine scrophulöse Anlage su Ghrunde; 
auch sollen mit den Typhiisl)a< illen noch andere Bakterien durch die typhösen 
Gcsclnvure in die Lymphbahnen und Gefässe •r<'laii<ren. imi mit den ersteren 
im Kno( hengcwebe gemeinsame Arbeit zu machen. Rücksichtlich der spe- 
eiellen Symptomatologie wird im Wesentlichen das von uns bereits mehrfach 
Berichtete wiederholt (wechselnder Beginn, nächtlich exacerbirende Schmerzen, 
schleppender Verlauf. Fieber. Tumorbilduntr. Resolution. Exostosen- oder aber 
Absressbildung etc.). Eine eigronse periostitische Geschwulst an einer unteren 
Kippe mit ToUstlndiga- Rflckbildung iMsdurelbt Widal. 

Nervensystem. Den postdiphtherischen fthnliche Kehlkopflfthmungen 

mit vorwiegend günstiger Prognose schildert Li hlinski. ein«' hystericfibnliche 
Naclikrankheit mit motorisclHT Spiaclistnrung. Katalepsie und ^^cisti-jer 
Schwäche SiiiPSON. Auch Bernheim berichtet über eigenthümliche katalep- 
tisehe Zustände, die im Qefolge des Typhus keine besonderen Seltenheiten 
darstellen sollen. Eine Symptomatologie der initialen Delirien bei Typhus 
an der Hand von 17 Fällen verdanken wir Aschaffenburg, welcher eine 
vorwie<ren(l ruhi^re (/um Theil hypochondrische Wahnideen, Angst. Verfolgungs- 
wahn mit Wiederherstellung oder Ausgang in Verworrenheit und lautes Ver- 
halten) und eine manische Form (Rededrmig. Ideenflucht, motorische Unruhe) 
dieser Intoxicationspsychosen (NisSL fand keine entzflndlichen Processe) untep- 
scheidet. Beginn bisweilen schon vor dem Eintreten des Fiebers, meist aber 
in der Mitte oder am Ende der ersten Krankheitswoche. Eine Abhängigkeit 
vom Fiebergrad besteht nicht. Prognose ernst 

Den Beweis für die typhöse Natur einer > Typhusmeningitis« erbrachte 
KOhNAT durch den Befund von zahlreichen Typhushacillen in den snl/.ig- 
eiterigen Massen, welche an der Convexität di<' Gefässe umscheideten . mit 
ihnen in die Gehirosubstanz eindringend. Derselbe Autor beschreibt einen 
baktOTlologiseh erwiesenen, unter dem Bilde einer typischen Septicopyftmle 
verlaufenen Typhusfall. 

Sehr kurz können wir uns bezuglich der Fortschritte der Therapie 
unserer Krankheit fassen. Gerade die besseren Arbeiten haben mehrfach 
mit negativen Resultaten abgeschlossen. Von der »intestinalen Antisepsis« 
sind nur noch einige agonale Bewegungen /u bemerken. So empfiehlt Sher- 
MAN Tabletten aus Guajacol. Menthol. Thyinol. Calomel un«I Po(loi)hyllin, 
AULDE gar arseniksaures Kupfer, während Kob. Simon die intestinalen Des- 
inficientien verwirft. Gegen die Behandlung mit abgetödteten Culturen des 
Bacillus pyocyaneus polemisirt auf statistischer Grundlage heftig GlXsbr. 
Das von Stoppe als Tnternum einpfohh'ne Chloroform hat Palmer als wir- 
kungslos befunden. Hinirem-n rühmt Rikdi. das Lactophenin . das er in 
Tagesdosen vod 7 Grm. reicht, als ein subieciiv erleichterndes und hyper^ 
pyretiache Temperataren verhinderndes Mittel. 

Für die chirurgische Behandlung der Darmperforation treten Hotch- 
KiNs. HoLLis und Armstrong ein, obzwar die mitgetheilten laparotomirten 
Fälle unglücklich verlaufen sind. 

Von serumtherapeutischen Erfolgen schwelgt die Literatur. 

Literatur (zuui Thei! in das i'r>t»> (Quartal 1897 hinfiiireicheml/ : Achard und Bi>* 
Min», tjeiDiiiQc lui-d. 18%, Nr. tiO— 1)2. — Arm.stroko, Urit. tiiud. .lourii. b. 1896. — 
AscuATFKMUL'BO, Allg. Zeitschf. f. Psycli. lbU5, LIl. — Usuxheiu, Wiener klin. Kuudaclian. 



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6 



Abdominaltyphus. — Ae«tylen. 



1891, Nr. 1. — BoBi, G»«. degli ospedaH etc. 1896, Nr. 113. — Bomocb, Gaz. de» höp. 
189(5, \r. 38. - Rrkcer, B. rliner klin. Wocluiififhr. Xr. 47 und 48. •- rJiti Ns, Aniwil. 

de l institut Pastecr. lb'J6, Nr. 4. — Catbin, Gaz. hebdom. etc. 18U6, pag. ^93. — Chaktb- 
MBM«, Gaz. des hdp. 1896, Nr. 64. — Comr, Ibid. 1886, Nr. 81. — CooMOVr, Semaiae 
möd. 1896. pag. 293. — DBLBrim ond SiDtBOTRAit, Lancet. 12. Dccrmbor 1896. — Dkvic, 
Prov. med. December 1895. — DmaAFOY, Bull, de 1 aiad. «-tc. 1896, Xr. 27 nnd 38. — - 
DmESNiL, MUnchener med. Wocht-iiHrhr. 1S97. Xr. 5. — Dcpüt, Progri-n med. 1896. Nr. .'). — 
Ewald, Berliner i(lio. Wocbenscbr. 1896, Nr. 26. — Fkbbaiid, Semaine m^d. 1887, Nr. 4. — 
A. FtiAtwsxL, Dentaehe med. Woehenaebr. 1897, Yerelnab., pa^. 57. — 0. Fkabikcl, Ebenda. 
1887, St. '^. — E. Fbaenkel, MUnchener med. Wodn nschr. 1897, Xr. ö. - Gl.\hki!, rii< i;i|t. 
Monatshefte. Februar 1896. — Gkl-ukr, Verhandl. des U.Congr. f. innere Med. Wiesbaden 1896j 
Wiener klin. Woehenw-hr. 1896, Xr. 11 und 12 ; Münehener med. Woehensehr. 1896, pag 206. — 
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Haushaltkb, Seuiaine med. 1896, .\iigu»t bis October. — Hollib. Lancet. 4. Mai 18'.)6. — ■ 
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med. 1896, pag. 294, 303, 393 und 410: 1897. Xr. 4 bisi); Presse med. 10. Oetol.er 1896; 
Bull, de Tacad. etc. 1896, Nr. 3^ ; Gaz. des hup. 1896, Nr. 47 ; Lancet. 14. Nov. 1896. — 
WoKV», Berliner klin. Woebesicbr. 1896, Nr. 26 nnd 89. Farbrtagm, 

Acetylcn. Das Acptylen hat in niMiestor Zoil. soitdom es ^^rlung-on 
ist, dus8elbe auf fubriksmässigcni Wege herzustellen, für die Beleuchtungs- 
tedinik eine hervorragende Bedeatung erlanirt und nimmt andereraeits seiner 
Explosionspcfähi iiclikeit wegen ein nicht g-crinjrcs };(>\ver.bo- und .sanität.s- 
polizeilichos InttTcssc in Anspruch. Ks ist (iicsi-s Gas bekanntlich ein Kohlen- 
wasserstoff von der Zusammensetzung C|H„ der sich auf mannigfache VVei.so 
bildet, z. B. wenn Kohlenoxydkaliam, KohlenstoHkalinm , Kohlenstoffnatrium 
and Kotilenstoffcaicium mit Wasser in BerOhrong kommen. Das Acetylen 
entsteht in kleinen Mcnjren auch bei der trockenen Destillation der Kohle 
und findet sich daher als Beiraenjrunjr in dem frewiduilichen Lt'iichtf^as. 
Seinen charakteristischen Geruch nimmt man wahr, wenn ein Bunsenbrenner 
darehgeschlagen, d. h. wenn die flamme im Innern des Brenners und nicht 
Aber seiner AusmQndungsoffnung brennt. Das Ac(>tylen^ns brennt mit gans 
weisser, stark leuchtender, aber russender Flamme. Die KntflnmmuTicstempe- 
ralur liegt bei 480" C, ist also niedriger als die der meisten anderen brenn- 
baren Oase. Die Flamme seichnet sich durch grosse Rohe ond Stetigkeit 
aus. Die I^euchtkraft öbertrifft die der Steinkohlenfrasflamme um das 10- bis 
lölache. Darin lieurt seine höbe Hedent nni:- für die BeleiicbtiinL'"stechnik. 

Bei der fabriksmässigen Hersteilun^r des Acetylengases wird als Aiis- 
gangsmaterial das Calciumcarbid benutzt, das im Grossen herzustellen vor 
Kurzem dem Amerikaner Thomas L. Willson gelangen ist. Letzteres wird 
durch Beduction und Koblung des Caiciummetalls aus Aelzkalk (Calcium- 
oxyd) gewonnen, indem man 56 Gewichtstheile Aetzkalk und Ü6 Gewichts- 



Acetylen. 



7 



theüp Kohlenstoff, innic trenienfrt. der onormon Hitze dos olektrischen Bogens 
aussetzt ; es bildet nich dabei Caiciumcarbid nach der Formel: 

CaO + 8C = CaC« (Calciumcarbid) + CO, 
wobei das grasfönnigro Kohlenoxvd in die Luft entweicht. Wird dieses Cnl- 
ciumrarbid mit Wasser in RtMÜlirunfr irelirarht so bildet sich in lebhafter 
Entwickiang Acetylen<?as nach folgrender Formel ; 

Ca -f Hj O = Ca H, (Acetylenj + CaO. 
Schon die Anfbewabrung grösserer Mengen des Calciamcarbld erfordert 

besondere Vor8ichtsmassr(>}rehi seiner Feu(>r<refälirlic]iki'i1 wi^tren. Sobald das- 
selbe feucht wird, findet nach dem Gesa*rten Ent wicklun;: von Acetylenjras 
statt; wenn uisu z.B. bei einem Brande die das Calciumcarbid enthaltenden 
QeSBaae dnrch die Einwirkung der Hitze undteht werden und mit dem LSsch- 
wasser in Berührung kommen, kann die alsdann entstehende rapide Gas- 
entwicklung die verheerendsten Folijen hul)en. Das Acelyicii ist bei ije- 
wöhnlicher Temperatur i'in Gas von unangenehmem Gerüche. Sein speci- 
üsches Gewicht ist = 0,91. Wird es comprimirt so yerflfissigt es sieh bei 
1* C. and 48 AtmosphXren Druck, bei WC. und 63 Atmosphären, f>ei 
.•^inC. und 103 Atmosphären. Unter Lnftabschluss auf 780» P. .'iliit/t. zer- 
fällt das Act-tylcn in seine Compunenlen. in Kohlenstoff, welcher si !i atnorph 
als Kuss abscheidet, und in W'asserstoffgas. welches so plötzlich i xpundirt, 
dass es bei nicht genügender Festigiceit der GefSftswandungen diese zerstört. 
Diese niedrige Zersetzungstemperatur bildet eine der jjrefiihrlichen Eigen- 
schaften des Acetylens. Eine zweite Gefahr wird durch den Umstand be- 
dingt, dass das Gas nur dann ohne zu russen brennt, wenn der Flamme 
bedeutende Mengren Luft zagefBhrt werden. Mit Loft gemischt erh&lt das 
Gas aber explosive Eiirenschaften. Das Maximum der Explosionskraft er- 
reicht es bei (mimt MiscluuiL;- mit Ii' Thcilcn Luft Wälircnd das Gas, so- 
lanyre es unter j;ew()linlichem Drucke steht, ungefährlich ist, nimmt es sofort 
explosive Eigenschaften, die denen der gefälirlichstcn Sprenggemische nicht 
nadistehen, an, wenn es dorch Comprimiren verdichtet wird. 

Die.'^e explosiven Eigenschaften des Acetyb^nyases mnss<'n bei seiner 
Darstellung: und Verwendunpr zu Keleuchtunirs/wecken entsprechende Berück- 
sichtigung finden. In erster Linie muss unter allen Umständen verhindert 
werden, dass eine B^rwärmung des Acetylens bis zu 780® stattfindet. Eine 
Anzahl der in der letzten Zeit vorgekommenen Explosionen sind auf die 
Ausserachtlassqng dieses Umstandes zurfickzuführen. Es sind .Apparate im 
Gebrauch, in deren Entwicklern ein grösserer Vorrath von Calciumcarbid 
aufgespeichert ist ; das zur Zersetzung nothwendige Wasser tritt in kleinen 
Mengen hinzu und wird, wenn eine zu stürmische Oasentwicldung eintritt, 
zurucktrcdrfinf^t. Dieses Princip ist zu verwerfen, denn bei der Beruhnmfr des 
Carbids mit dem Wasser wird Wärme fi-ei. einmal infolire der chemischen 
Zersetzung-sreaciion und zweitens bei der Verbindung dvs gebihleten Cakium- 
oxyda mit Wasser, d. h. l>eiiD Ablöschen des KaU(s. Hiertwi tcann es leicht 
vorlcommen. dass im Bntwicider die Zersetzungstemperatur des Acetylens 
erreicht wird. Zur Gewinnnnij: des Acetylen.s in «rn'isseren Menjren dürfen 
daher nur Apparate verwandt werden, in denen nur kleine Mengen Calcium- 
carbid mit einer hinreichend grossen Wasswmenge in Verbindung treten, so 
dass die Temperatur nicht über den Siedepunkt des Wassers steiL'^en kann. 
Die Ent \virkliin<rsapparate sind ferner so zu constniiren. dass ein ir<reiidwie 
nennenswert lier Ueberdruck nicht entstehen kann. Sull Aceiylengas z. B. für 
die Beleuchtung von Eisenbahnwagen comprimirt werd<'n, so miis.sen be- 
sondere Pumpen zur Verwendung kommen, die das Gas aus einem Gasbehälter 
ansaugen imd in die unter Druck stehenden Transport irefässe hineindrQcken ; 
es darf niemals der eigene Druck des Gases hierzu benutzt werden. Die 
Explosionsfähigkeit des Acetylens wini wesentlich herabnesetzt, wenn es mit 



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8 



Aeetylen. — Aetol. 



anderen, selbst mil brennburen Gasen g;eniisciil wird, da in diesen Geiuischon 
die Zeraetzungrstemperatur des Acetylens steigt. So wird z. B. ffir Beleuch- 
tunfi^szwecke ein Gemisch von 30°,, Aeetylen und TO" St cinkolden- oder 
Fi'ftL'-as verwandt mul {rllt für gefahrlos: die Leuchtkraft dieses Geniisrhes 
betragt noch über das Ureilacbe des gewühnliclien Fettgases. Ungleich ge- 
ffthrlicher als das ^sförmige ist das flfissigre Aeetylen. Schon beim Fflllen 
der Behälter kann durch zu sclinelles Comprimiren des Gases, wenn nicht 
durch starkes Kühlen der Behälter für hinreichende Abieituntr der Wärme 
gesurf^t wird, die Temperatur so ansteigen, dass die Zersetzung eijitritt. Ebenso 
kann eine Explosion dadurch hervorgerufen werden, dass ein mit flüssigem 
Aeetylen gefOUter Behftlter, der mit einem andern Oelftss von zu schwacher 
Fnssuni^ in Vcrhinduns: steht, zu schnell geöffnet wird und infol-^e der ndia- 
butistheii Conipression in dem vortrelojrten Behälter eine Temperatur ent- 
steht, welche hinreichend hoch ist, um eine örtliche Zersetzung hervorzurufen, 
die sieh rfickwftrt« bis zum Reservoir fortpflanzt Für die praktische Ver- 
wenduti!? des Acetylens fQr Beleuchtungszwecke ist noch von Bedeutung, 
dass feuchtes imd verunreinigtes Aeetylen. wenn es mit Kupfer oder seinen 
Legiruugen, die bekanntlich vielfach in der ßeleuchtuiiy:stechnik \'erwendung 
finden, in Berflhrun}? kommt, sich Acetylenkupfer (CujOCsH^) bildet, das 
sehr heftig durch Stoss. Schlag oder durch Brw&rmen auf 200° C. explodirt^. 

Die gefährlichen Eigenschaft cii des Acetylens. iiamenHicli in den Händen 
nichtsachverständiger und unerfaiirener Personen haben bereits \'eranlassung 
zu gewerbepolizeilichen Verordnungen gegeben. Eine solche Verordnung des 
Berliner Polizeipr&sidenten vom 19. December 1896 macht die Darstellunf? 
des Acetylens von der vorherigen Prüfung der betreifenden Anlage und Appa- 
rate durch die Gewerbeaufsichtsbeamten und von der Erlaubnissertheilung 
dt>r Polizeibehörde abhängig. 

Literatur: Bbmthkuit und TniLu, Compt. rend. de l'Acad. des Seienees. October 

1896. — Gkkpk.-;, ViTtrnj,' im Verein Deutscln r Mii.sohiiuiiiti^'rn'uMirr am 1. Soptfmlirr ISUd. 
Abgedrackt in Glaskus Aanaleu. 1897. — Si-kehoku, Zeitscbr. der Centralstelle für Arbeitt^r- 
wohlfahrtadnriclitiiafeD. 1887, Nr. 1 and 2. B. MbreehU 

Actol I Argentum lacticum puriss., auf Anregung von Hohnth Crcd£ 

von der chemischen Fabrik von Heyden in Radebeul dargestelltes milch- 
saures Silber. Cj H^, A^^O, -f H-, 0. weisses haltbares Pidver. 1 Theil in 
15 Theilen Wasser löslich. Credit, der sieb durch bakteriologische LInt«T- 
suchungen von der bakterleiden Wirkung des metallischen Silbers überzeugte, 
machte hiebei die Beobachtung, dass das Silber mit einem Stoffwechselproduct 
der pal liOL'^cnen Spall pil/.e. der Milchsäure, «dne Verbindunir ein'^'eht und in 
milchsaures Silber übergeht, und dass dieser Stoff es ist, welcher den ver- 
nidbtenden Sinfluss auf die Mikroorganismen ausObt. In einer Lösung von 
1 : 1000 tödtet milchsaures Silber Spaltpilze in 6 Minuten ab. In 1 : 50.000 
gelöst, hemmt es die Entwicklung derselben, im Blutserum soirar in einf'r 
Lösuiiir von 1 : lOO.UOO. Bei länirerer Eiinvirkun".; }renü.u:en noch verdünn- 
tere Lösungen. Das Actol wirkt nicht ätzend, nicht giftig, doch in I'ul ver- 
form etwas reizend. Wegen seiner allmftlig erfolgenden Auflösung im Wund- 
secret und im G(>wel)ssaft kommt ihm eine Dauer- uud Fernwirkung zu. Auch 
geht das Actol mit der alkalischen Wundflüssi^'keit und dem Gewehssafte 
keine unlösliche Verbindung ein wie das Sublimat. Subcutan in^icirt hat das 
Actol ausser leichten brennenden Schmerzen an der Iniectionsstelle keine 
tinangenehmen Nebenwirkungen. Das Actol kann bei örtlichen und allgemeinen 
Leiden subcutan versucht werden und sollte nicht unter O.Ol produsi mul 
pro die angewendet werden. Zwei hoffnun;>slose Fälle von Milzbrand und 
fünf F&lle von schwerem Erysipel wurden durch subcutane Einfuhrung von 
ActollÖHungen (bei Milzbrand 0.05:20,0 Aqua, bei Erysipel 0.3 — 1,0: 100 bis 
200.0 Aqua) rasch coupirt. Die In|ectionen wurden stets in das Unterliaid Zell- 
gewebe der Bauchdecke appiicirt, was allerdings etwas schmerzhaft ist und 



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Actol. — Akromegatie. 9 

daher nai h vDrlu'ry('y;aiig:ener Cofainisiruiitr oder in diT Narkose aiiMjrelülu t 

werden soll. Actol eignet sich sehr zu G ur gel wässern und Spülungen 

und kann 1 : 50,0 Aqua In brauner Flasche verschrieben werden, wovon dann 

1 Theeloffel auf ein Glas Wasser zu nehmen ist. Die Fii tna von Heyden brinsrt 

an Stelle der Sublimatpastillen Aclollabict icn in 0.2 in den Handel. Das Actol 

löst sich schon im V'erhültniss 1:15 im Wasser. Cr£d£ hält für fast alle 

FSIle LSsungren von 1 : 1000 — 8000 zur Wundbebandlunfr ausreichend. Die 

Angaben von Cred^ wurden von Tilger und C.\kl Meybr bost&tigt. Beide 

heben die antiseptisi-he und wundheih'nde Kraft des Actols hervor. 

Literatur: Cbb»^, U«ber Silber in cbirargil^cb<:r and bakteriologiscbcr Ikziebuog. 
Tortnir lo der GefleHsdi. für Natar- und Hellk. ni Dresden. 85. Januar 1896. — Tilokh 

'Mailand), lieber Act<»l und Itrol. MdnolH iior iiit d. Wocheiischr. 1807. Xr. G. — Mkykh, 
Lieber die autiseptiacbe Kraft der Ckkuk sehen Silbernaize. Aus dem hygieuiaclu n lustitut in 
ZIfich. CentralU. L (Mr. 1897, 8. Leebiseh. 

Alodln» Patentname für das von der chemischen Fabrik F. Hoff- 
mann-La Roch e und Co. (Basel) in den Handel g-ebrarbte. dem Thyrojcdin 
Baumann's entsprechende Schilddrüsenpräparat. Dasselbe enthält 0 4^0 Jod 
und es soll 1 Qrni. Aiodin die wirksamen Bestandtheile von 10 Qrm. frischer 
SehilddrOse enthalten. Es stellt ein lockeres, geruch- und geschmaclüoses 
und in Wasser unlösliches Pulver dar. Schüttelt man dieses mit einer sehr 
verdünnten Lösune: von Kalilaugre. so tritt deutliche Rosafärbung ein; kocht 
man es jedoch mit verdünnter Kssig.säure, so coagulirt (gelatinirt) es, während 
Minerals&uren dasselbe unter Abspaltung von Jod fast gans lösen. 

Literatur: Pharm. Pott. 1887, pig. 456. £o«USseJr. 

Akromegalie (vergi.Encydopäd. Jahrb.. V. pag.8). Die Casuistik der 
Akroniegalie ist in den letzten Jabreti diiicli Mittheilung von einijren "JO Fällen 
vermehrt — wenn auch nicht gerade wesentlich bereichert — worden. Die be- 
treffenden Publicationen rühren her von Erb >), Kalinobro^') (2 Fälle), Ricardo 
Jorgs*), Cahpbbll«), Pbrsbino^). Parsoks«), Stbrhbbro'), Nommb«), N. 

SCHf.KSl.NGBR«), CaTON '"). MUKR.W " l T. Fälle !, BrI'NS '2). M.\X HOFFMANX "), 
PiNELES'*!. Fr. SCHI LTZI: ' ■ ). WORCKSTEK " . H AXSEMAXX > ' ). SCH W( )XEK -°}. In 

ätiologischer und symptumatologischer Hinsicht bietet sich nicht viel Neues. 
Zttsanunenhangr mit Atfectionen des weiblichen Genitaltractus schien sich unter 

Anderem in dem Falle von Ricardo Joriie zu ergeben, wo das l.eiflcn sich 
wHlirend einer Gravidität entwickelte und nach Rückkehr der fast zwei Jahre 
ausgebliebenen Menses eine Besserung zeigte, sowie vielleicht in dem Falle von 
PiMBLBS"), der mit ausgesprochener Atrophie des Uterus einherging. Indem 
ScHWOKER'schen Falle ^<>) entstammte die Patientin einer durch Riesenwuchs 
ausgezeichneten Familie: sie litt anssiM-detn an i-incr (icschwulsl di r Hnist- 
drüse : es bestanden bei ihr psychische Störungen und bitenipurale Hetni- 
anupsie. In dem erwähnten Falle von Ricardo Jouui^^j bestand Amaurose, iu 
dem Falle von Nokkb *) eine Complication mit den Erscheinun^n einer nicht 
systematisch-tabischen Hinterstrangdegeneration (Miosis. herabgesetztePupillen- 
reaction. WESTPHAL sches Zeit'ben) ; in dem erst postmortal diairnost icirt«'n 
Falle von Hansemaxm '<) war ein massiger Kropf (Colloiddegeneraiion der 
SdiflddrOse) und Olykosurfe vorhanden trewesen. Die von Fr. Schultzb 
veranlasste RoEXTüEX-Untersuchung ei irab VerdickuuL-^ der Endphalangen ohne 
0>te()pliyten. der distalen Epiplivsen der Mittel- und Grundphalanircn. sowie 
Auftreibung der Diaphyse der ürundphainngen . Knickung der Läng.sachsu 
der Orundphalanx am Zeige- und kleinen Finger in seitlicher Richtung. — 
Zur Section kamen nur die F&lle von Worcbstbr i') und von Hansbaiaxk. 
In ersterera (3<»iährige Frau, die vorher auch an Myxödem ^:elitten haben 
sollte, das unter Thyreoidlx'liandlunir zurückging) wurde ein Tuujor diT H\ po- 
physis gefunden, der 58 Grm. schwer und 4,ü Cm. lang war (^Sarkom mit 
psammöser Degeneration). Auch in dem schon erwähnten HAXSBUANN'schen 
Falle zeigte sich etai Tumor der Hypophysis; diese war gleichmässig vergrössert, 



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Akroniegalie. — Alcariiose. 



der Tuinm- niir (Inn Gi'liirn w»'ni<r vcrwnrhscn. hatte dalirr auf dieses keinen 
besontleieii Diuik ausjjeQbt. sondern erstreckte siili nielir nach unten, so 
dasB das Knochenlager ffir die Hypophysis in der Sella tnrrica eine Brwei> 
terung erfahren hatte. — Auch noch in einijren anderen FäHen war intr» 
vilam eine Vertrrössorunis: der Hypophysis diautiosticirt worden. So sicher 
ein Zusaiumeuhung anzunehmen ist. so muss doch darauf aufmerksam ge- 
macht werden, dass noch neuerdings Fftlle von Hypophysistnmor publicirt 
wurden, in denen Akromepalie bei Lebzeiten nidit bestanden hatte (swei 
Fnile von Beadi.ks . irj denen es sich um malftrne (ies« h\\ ülste handelte). 
Es seheint also iedenfalls die Qualität der Veränderun}^ dabei auch — ähn- 
lich wie es sich bezQglich der Nebennieren und Schilddrüse für dit> Patlio;j:enese 
von ADDisoK'scher und BASBDOW'scher Krankheit verhält — eine wesentlich 
mitwirkende Rolle zu spielen. Wir sind keinesweirs berecht ifrt . die Begriffe 
von Akromeijalie und Hypophysistnmor als einfach sich deckend zu betrachten. 

Dieser Umstand ist auch für die Tlierapie von Beian^i^, die in neuester 
Zeit vielfach mit PrSparaten der Olandola pitnitaria, dann — wegen der 
vorausgesetzten Analogie mit MyxSdem und SchllddrCsenerkranknng auch 
mit Schil Idrüsenpräparaten. ini Ganzen erfolulns. in Anjrfif? frenommen wurde. 
Eine Besserung durch Schilddrüsenpriiparate l»eobachtete PARSONä "j. durch 
Hypophysis- und Thyreoidprä parate Caton i") ; gänzlich erfolglos fand die 
letzteren H. Schlesingbr *) in zwei Fällen, während Bruks anch nur einen 
vorQbertrehenden Nachlass der Parästhesien und Schm(»rzen dabei constatirte. 
CaMI'BELL will in einem Falle durch Sol. Fowleri (bis zu ."o Tropfen friiilii lii 
Besserung bewirkt haben. U. Schlesinger .'^j durch antiluetische Beliandlun;;, 
die dagegen in einem anderen Falle vollständig versagte. 

Das anfan^^s mit der Akromegalie vielfach zusammmigeworfene Krank- 
heitsbild der >Osteoarthropathie hypertro|)hiant e pnenmique« (secun- 
Uäre hyperplastische Ostitis Arnold s) — über das neuerdings. Ludwig 
Tblbky ") wprthvolle Mittbeilungen machte — wird gegenwärtig ziemlich 
allgemein von der Akromegalie scharf unterschieden; nur Max Hofkmann 
trachtet auf Grund seines (wohl diairnostisch unsicheren, auch mit l)eträcht- 
licher Hypertrophie der Weicbtheile u. s. w. einhei^ehenden) Falles eine Tren- 
nung der Akromegalie von den Krankheitsbildern der Osteoarthropathie und 
der Erythromelalgie für flberflQssig und vorläufig undurehfflhrbar. 

Literatur: Krb. MUncheiier iiieil. \ViK-li<ii>.i-lir. 1S'.I4, \r. 27 f. — *> Kai.inukuo, 
Koumanie med. 18U4, Nr. 3. — *) Uicahdo Jouuk, Arch. di psichiatria. XV. — *) Camphkli,, 
Brit. med. Joarn. 17. Noremher 1894. — PnsHiKo, Joaro. of aerroa» and mental diaease. 
ISfM. XXI, pap. im. — PvRsoNs, Ibid.. p.-ig. 717. — ^) Sterxbkko. Z.-itschr. f. kliii. Med. 
XXVII. — "j NoNNK, Aerztl. Verein zu Hamburg. .Sitzung vom 5. Feliruar IS'Jö. — *» Sculk- 
8IKQKB, Wiener med. Club. Sitxnng vom 23. Januar 1895. — " j ('aion, Brit. med. Jouro. 
6. Februar 18ttö. — ") Hob«at, Ibid. — '*) Bkums, Versamnü. der Irrenärzte Nieder«acliBeas 
nad Weatplialens xn Hannover. 1. YLA 1895. — ") Max HoPFMASir, Dentsdie med. Wochen- 
Mhrilt IHtt.'x Nr. 24. — ") Pikelk«, Wi. n. r un d. Clnb. 12. .Fniii IS'.lf). - '^ Fi: S( uri.TXK. 
Niederrhein. GeselUcb. f. Natnr- und Heilk. zu lionii. 10. Februar IHiMi. — Wouce«»tkk, 
Boi^ton med. and sorg. Jonrn. 23. April 1896. — *') Hansemann, HurKtAND Sche Gesrlkch. sn 
Berlin. Sitzung vom 21. Janaar 185)7. — '••) Beadi.es, Brit. med. Journ. 22. Deceniber 1894. — 
'*) Lt'Dwio Teleky, Die Ooteoartbropatbie bypertrophiante pnenmique. Wiener med. Clab. 
20. Jaanar 1897. A. Ealen^rg. 

AlcanifMiey Patentnamc für ein von Dr. Hiller dargestelltes künst- 
liches Nahninpsniittel, welches die Eiweissstoffe sowohl aniinab'n als pflanz 
lieben Ursprunges, als auch die Kohlehydrate in direct reäurbirbarer Form 
enthält. Neben Albumosen, Dextrin und Maltose enthält die Alcamose auch 
die Salse, welche mit der natOrllehen Nahmng dem Körper sQgefQbrt werden, 
so dass hier eino Zusammensetzung vorliegt, die das Redfirfniss des Körpers 
an Nährstoffen vollstiindijr ersetzen soll. Nur das Fett ist aus der Alrarnose 
weggelassen und wuss daher in Form von Kahm oder Butter eventuell 
sugwetst werden. Die Alcarnose, von Hillbr als »kfinstllche Nabrungc be- 
leichnet, hat folgende procentische Zasammensetaung: 



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Alcarnose. — Alkaloide. 



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1. Verdautes Eiweiss (Albnmoieil) 

aus Fleisch 88 Gnu. 1 „ - - _ 

h) am Brot nnd Gemjtoe .... 24 » j "l™* - ^^'^ 

2. ExtracttTStoffe und Salse des Fleisches (Brfihe) 5,5 » = 2,3*/« 

3. Verdaute Kohlehydrate (Dextrin und Maltose) . 160 » = 67,1Vq 

4. Salze (Chlornatrium, kohlensaure, schwefelsaure, 
phospborsaure und pfianzensaure Alkalien und 

Erden, Sporen von Bisen) . . 16,3 » = 6,8Vo 

Znsammen . 238.8 Grm. = 100*/» 

Das von der t irtna J. D. Riedel (Berlin) dargestellte Prftparat bildet 
in lufttrockenem Zustande eine braune und zähe Masse . ohne wahrnehm- 
baren Geruch und von ancrenehmen, schwachsüsslichen, brot- und bonig- 
knchenähnlichen Geschmack. Es löst sich leicbt in warmem Wasser unter 
Opalescens auf. Da das Präparat an der Luft leicht nachthefllKe Verinde- 
rungen erleidet und andererseits die Dosirung- durch die Zähigkeit der 
Masse sehr erschwert wird, so hat die genannte Fabrik die Alcarnose in 
Oelatinekapseln mit 12 Urm. Inhalt, welche ungefähr für eine Portionstasse 
Wasser reichen, in den Verkehr gebracht. Bei Schwerkranken g^anbt Hillbr, 
das ganze NährstorfbedOrfniss für l Tag mit 10 — 15 Kapseln decken zu können. 

Zur Darreichung an Kranke eignet sich am besten eine Auflösung 
der Alcarnose in warmem Wasser im Verhältniss von 1 : 10, welche durch 
Znsfttse von Rahm in genügender Menge (welcher zugleich das im Präparat 
fehlende Fett enthUt), oder von Kafffee mit Zacker, oder von Cacao und 
Zucker u. dergl. schmackhaft gemacht werden kann. Zu einer Tasse Wasser 
genügt 1 Kapsel ; zu einem Teller Suppe sind "2 Kapseln erforderlich. 

Literatur: Abhold IIilleb, Privattiocent an der Universität iu Breslaa, ücbur kUnat- 
Uehe EnUimiif nad kttnsüiehe Nahmog. Zdtaelir. L Kraakenpllege. 1897. Loebtteh. 

Alkaloide* Die Möglichkeit, Alkaloide, die zur Ver{>:iftung eines 
Menschen gedient haben, im Magen und Darmeanal und selbst In entfernten 
Organen wieder aufzufinden, kennen wir s(>it dorn berühmten Bocarm e schen 
Giftmordproresse. in wt^lchcm der bflyrisiht' Chnmiker Stas 1850 den Xarh- 
weis von Nicotin in der Leiche lieferte. Die zahlreichen späteren L'nler- 
snchungen, theils bei Oelegenheit von Vergiftungen am Menschen ausgeführt, 
theils in Versuchen an Thieren bestehend, haben den Beweis geliefert, dass 
es keineswegs erlaubt ist. von allen Alkalnidcn die Möirlirlikeit. sie im Orga- 
nismus wiederzufinden, zu behaupten. Obsrhon es keinem Zweifel unterlieirt, 
dass einzelne negative Resultate, wie sie z. B. in Bezug auf Strychnin von 
verschiedenen Experimentatoren erhalten worden, auf mangelhaften Methoden 
beruhten, ist es doch ebensowenig zweifelhaft, dass man auch mit den besten 
Methoden beim Morphin mitunter kein positives Resullaf erhSIt. wahrend in 
anderen Fällen ein nicht zu beanstandender positiver Nachweis geliefert wird. 
Durch Skliii*s wichtige Entdeckung der sogenannten Ptomaine in Leichen 
schien ein Grund gegeben, den Werth der Stas sehen Entdeckung herabzu- 
setzen. Wiederholt ist namentlich hei der Veiibeidlgung des Giftmord(>s An- 
geklagrter der Versuch gemacht, die Angabe der Experten, dass ein giftiges 
Alkaloid in der Leiche gefunden sei, mit dem Hinweise darauf, dass einzelne 
Ptomaine mit gewissen Substansen analoge Farbenreactionen geben, in Zweifel 
zu ziehen. Obschon in den ersten Jahren nach Sblmi's Entdeckung, wo die 
Eigenschaften der Cadaveralkaloide noch nicht genau erforscht waren, die 
Möglichkeit einer Verwechslung nahe lag, und obsch(»n in der That eine 
Ansahl FUle vorhanden sind, in denen eine derartige Verwechslung wirklich 
stattgefiiiidefi hat. ist doch jetzt bei uns jeder mit einer di'rarliüen geri<-ht- 
lichen Analyse betraute Chemiker auch mit den Kii:eii<(li:iften der Ptomnine 
vertraut und wird sein Augenmerk darauf richten, auch die Anwesenheit dieser 



12 



Alkaloide. Amylnitiitverglftuiig. 



sich 8t üt /enden Einwände u priuri beseitigen. Die Möglichkeit deis Nuch- 
weises von ^ftigren Alkftloiden in den Leichen Verfrifteter Oberhaupt ist aber 

durch die Pt omaine nicht aniretMstet worden, und der Wissenschaft bleibt 
nur die Auftfabe. die g-enaiieren Verhält nisse zu studiren. inwieweit die Xach- 
weisbarkeit der einzelnen Alkaluide im Tractus unter dum Einflüsse der 
Fftttlniss und der Erreger derselben beeintrichtigt werde, wobei es slcli, da 
der Nachweis thcils durch chemische, theils durch physiologische Reactionen 
getOhrt wird, um eine doppelte Versuchsreihe handelt 

Versuche, die von ()ttolen\;hi und Hossi -j über die Beeinfl us.su ng 
der phy .siologischon Reactionen desAtropins und des Strycb nins 
durch verschiedene Bakterien in Bonillonculturen unternommen wurden, 
zeigen deutlich , dass die Verhältnisse bei den einzelnen Alkaloiden sehr 
differiren. Unter dem F^influssc von Bacillus li(juefariens putriflus. B. mesen- 
uricus, B. subtilis und B. diifusus. sowie unter demjenigen vun Bacillus coli 
büssen Atropinlösungen von 1 : 100.000 schon in vier Tagen ihre Wirkung 
auf das Raninchenaufre ein, ujhI « ine Losuntr von i : 10 OuO /i i<rt schon am 
dritten Ta;r(' Abnahme ihrer Wirksamk<'i1 und am 1'». Tai:»' völlig;»' Aiifhchimjf 
ihrer Actiou. Dagegen wird bei Slrychninlüsungen unter dem Einflusse der- 
selben Bakterien die tetanisirende Wirkung in den ersten Tagen gesteigert, 
und zwar dwartig. dass sie in der zweiten bis viert«n Woche das Dreifache 
der gewöhnlichen betrSfrt ; dann folgt X'i rinindcruim; . die b(>i den meisten 
Saprophyten bis auf ' a - '/s der urspriinti liehen Wirkunt,"-, l)ei Bacillus i-oli 
im Laufe eines Jahres noch weiter zu gehen scheint. Die Zunahme der 
Toxicitftt des Strychnins ist die Folge der Bildung toxischer Ptomaine, die 
sich im Laufe der F'äulniss zwischen dem 10. und 20> Tage, wie auch frühere 
Untersuchuntren lehren, in besonders grossen Meniren bilden ; doi b ist nach 
ÖTTOtBNGHl ihre Actiun nicht tetanisireud, sondern deprimirend, und es kann 
daher die Steigerung der Activitit des Strychnins nur dadurch herabgesetzt 
sein, dass die Resistenz des Organismus herabgesetzt ist. In forensisch- 
cberuisflier Beziehung- Lrestatten diese Versuche den Scbluss, dass man schon 
nach wenigen Tagen das in einer zur Tüdtung «'Ines Menschens ausreichenden 
Menge eingeführte Atropin möglicherweise nicht wiederfinden kann, und dass 
zur Destrnction dieses Alkaloids keineswegs ein fibermissiger F&ulnissgrad 
gehört, wogegen das Strychnin auch in sehr verfaulten Leichen wiederzu- 
finden ist. wenn schon ein durch weitere Studien noch genauer zu bestimmender 
Theil dieses Aikaloids der Zerstörung durch Fäuliiiss unterliegt. Dass übrigens 
im Laufe der FlUilniss auch tetanislrende Stoffe entstehen können und der 
physiologische Nachweis allein für den Nachweis der Strychninvergiftung 
nicht ausreicht, ist eine Tbatsache, welche noch besonders zu betonen 
sein möchte. 

Literatur: 'i 8. Orroi.KNOHi. Wirkung der Baktriien anf diu ToxidtUt der Alkaloide. 
Vicrti lialirstlir. f. grriclitl. Med. 1M',H;. Heft 3. pajf. l.'H. — M. Ho8,si , Azione del Hacilliis 
coli aulla toxicitit delle stricDina e dell'atropiiM. K. Accad. dei Fisiocrit. di tiiena. Qiugno l^dö, <4< 

Haaemmnu. 

Amylnitrilver^iUuuig. Man ist gewohnt, das Amyinitrit uLs ein 
Gift zu betrachten, das zwar leicht durch Inhaliren zu grosser Mengen Ohn- 
mächten und Collaps herbeifOhren kann, jedoch im Ganzen wenig zu furchten 

sei, da solche Zufälle meist unter dem Einflusse des Einathmens reiner Luft 
rasch verschwinden. Dass schwere CoUapszulälle vorkommen können, die 
selbst stundenlange Wiederbelebungsversuche erfordern, ist allerdings schon 
vor iSnger als 20 Jahren durch Sauelsohn^) bekannt. Schwere Erscheinungen 
sind auch nach länirerem Verweilen in einer amylnil ril halt iiicii At iiiuspliäre 
Vorgekommen. So beobachtete \■E^ riekks -i nach länyferem Aufenthalte in 
einer Amylnitritatmosphäre bei Darstellung des Präparates an sich selbst 
Eingenommenseui des Kopfes, die ihn zur Arbeit unffihig machte, Brech- 



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Amylnltritvergiftung. — Anhaloninm. 



13 



neigrung:. Schwäche. Kühle dor Extremität on . Pulsbeschleuni^^un^ . profus« 
Sch weisse und schlechten Schlaf in der darauffolgenden Nacht Dass aber 
durdi mehratOndif:«!! Aufenthalt in einer derartigen Atmosphäre selbst tddt- 
liche Vergiftung hervorgerufen wird, lehrt der von Cadwallader*) raitge- 
thoilto Fall eines 24jahricon amerikanischen Arztes durch das Schlafen in 
einem kleinen geschlossenen Räume, in welchem sich aus einem Glasgefässe 
mit defectem K<Nrke die D&mpfe von etwa 15,0 Grm. Amylnitrit entwickelten. 
Der Kranke wurde 14 Stunden später in bewusstlosem Zustande mit dunkel- 
rothem Gesichte. lan^:s;im und retj-elmässiir athmend. aber mit schwachem 
und rapidem Pulse aufgefunden. Die Bewusstlosigkeit machte; nach 4 bis 
5 Stunden einem Zustande von Halbbewusstsein mit Tendenz zum Schlafe 
Plate, daliei bestand Maskelerschlaffong und Abgeschlagenheit, Schwellung 
der Zunire und stark beeinträchtigte Articulation . auch kamen Anfälle von 
Occipital- und Gesichtsneuralgie vor. Während anfnntrs die Respiration normal 
(bei schwachem, beschleunigtem Pulse und subnormaler Temperatur) war, 
Stellte sich am sechsten Tage nach der Vergiftung Aussetzen des A^mens 
ein. das sich bei Zunahme des Koma htufig wiederholte und mehrfach kQnst- 
lirbe Athmunc nöfhi<r machte, bis am zehnten Tage (nach vergeblicher An- 
wendung von Ergotin, Strychnin und Atropin) der Tod durch AthemstiUstand 
eiatrat. Der Fall fordert zur grSssten Vorstellt bdi Aufbewahrung von Amyl- 
nitrit auf, das in grösseren Mengen niemals in Schlafr&umen aufbewahrt 
werden sollte. Bei dem Manixel eines Sectionsberichtes lässt es sich nicht 
mit Sicherheit entscheiden, o!) in diesem Falle Lungenödem vorhanden war 
oder nicht ; doch spricht die Krankengeschichte dagegen, und jedenfalls waren, 
wenn auch im Anfange die Hersaction schwach war und die Oefissi&hmung 
durch das dunkehiolette Aussehen des Kranken sieh deutlich geltend machte, 
zur Zelt des Todes die primären Circulationsstorungen nicht mehr vorhanden. 
Von Asthma cardiaie, wie es bei Amylnitritvergiftung bei Thieren ^) infolge 
des Ansteigens des Druckes im linken Vorhofe und Insufficienz des linken 
Ventrikels und der daraus resultirenden Vermehrung der Blutföllung in den 
Lungengefässen mit consecutiver Lungenstarre und LungenschweUung resul- 
tirt, enthält die Krankengoschichte nichts. 

Literatur: ') Samklsohm, Zur physiologischen und thcrapeiitiHchen Beurtheiliing des 
AmylnitritB. Berliner klin. Wochenschr. 1876| Nr. 24, 25. — *) VEVRif-.RKS, ReclierclieB anr 
le oitrite d^aioyle. Paris 1874. — ') CadwaUiAdbi, Poiaoning )>y »mylaitrlte. Ued. B«oord. 
h. DeoMsber 1896. — *) Wn»us, Ncse ezpeiiaMaldlfl Beitrugu zw AmjAsitrltirtrfcaiMr* 
Wieoer med. Woelieaaclur. 1896, Nr. 14. Hwnmmaa. 

Amyloföruiy von Glabsbm dargestellte Verbindung von Formal- 
dehyd mit Starke, bildet ein vollständig geruchloses. imt::iftiü:es Pulver von 
weisser Farbe, in allen Lösungsmitteln unlöslich, welches sich selbst bei 
180° nicht zersetzt, sich jedoch im lebenden Organi^mu-s unter Abgabe von 
Formalddiyd zoiegt. Wegen seiner BestAndigkelt eignet es sich besonders 
zur Imprignfrung von Verbandstoffen, die überdies in strömendem Dampf 
vollkommen keimfrei «remacht werden können. C. Longard und auch F*. Mon- 
GARTZ wendeten das Mittel in Pulverform als Ersatz des Jodoforms bei 
^teraden Wunden, Osteomyelitis, Empyem an; Bbaücamp benfltaste 10%ige 
Amyloformgaze zur Tamponade des Uterus und der Bauchhohle. Ob es auch 
den tiif)erkulösen Process 80 gOnstlg beeinflusst wie Jodoform, Iftsst Loitoard 
noch unentschieden. 

Literatur: C. Loni;akd, Tcber den Worth des Amyloforms in der Cliirurgif. Therap. 
Monateh. 18%, piag. 5ö7. — P. 1$onoaktz, Ans <ler chir. Abth. des Btildt. Uariabilfspitales 
in Aachen. MUnchn«>r med. Wocticnschr. 1897, Nr. 22. Loebiacb. 

Anhaloninm. Die Empfehlung des Pellotins als schlafmachendes 
Mittel durch Jolly (vergl. Knryriop, Jalirh.. VI. png. r)3<)) macht es noth- 
wcndig, auf die neueren amerikanischen Studien über die als Bcrauschungs- 



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u 



Anhalontum, 



mittel gewisser, in den Grenzgebieten von Mexico und der Union wolinender 
Indianerstimme bekannten sogenannten Ifeacal Buttons zurfici&zukommen, 
umsomehr, als dies»« Dro-rc «'in narkotisches Genussmittfl zu sein srhcitit. 
das oinc Wirkiini; sui gfoncris besitzt. Nai-h den neiu'sten Verüffentlichuuji-en 
von Pkextiss und Morgan ^) einen^eits und vuu S. WEiu-MncHEtL -) anderer- 
seits Ober dies ebekanntlich zuerst von Lbwin (Jahrb., I, pag. 4G; V, pag. 90; 
pharmakolog'isch untersuchte Droge steht der Effect am n&chsten der Can- 
nabis Itidica. indem sie einerseits eig:eiithrimliclie V'isionen erzetjgt. anderer- 
äeitü das bekannte Schwinden der Beurtheilung der Zeit im Gefolge liat, 
besitst aber auch manches an Coca und Cocain Elrinnerndes, insofern auf 
den visionenreicben Rausch nicht Schlaf, sondern fQr die nachät<>n 12 bis 
24 Stunden ireradezu Insomnie folirt und ausserdem constanf PupiHenervvei- 
terun^ von '24 Stunden Dauer, niil Accommodationsstürungen verbunden, 
eintritt. Die.se Specificatiou der Wirkung Iftsst sich theils aus den Beob- 
achtungen abstrahiren, welche Moonby bei den Kiowa-Indianem, die trotz 
des Verbotes der Regierung: noch immer Orgien mit Mescal Buttons leiern, 
zu machen Geles:eJiheit hatte, theils aus Prüfungen des Mittels, die von 
amerikanischen Studenten auf Anregung von Prentiss und Mokua.n und von 
MiTCHBLL und einigen Freunden unternommen wurden. Die Kiowa-Indianer 
\ « rsaaimeln sich in der Nacht (meist vom Sonnabend auf den Sonntag), um 
ein Feuer sich lagernd und geniessen von Mitternacht bis zum Anbruche 
des Tages etwa lu — 12 Stück jener Mescal Buttons, wobei zugleich gesungen, 
gebetet und getronunelt wird. Im Anfange erhält jeder Indianer 4 Stfick nach 
emem von dem OI>eriuiupte gesprochenen Gebete, befreit diese von den daran 
haftenden Haarbüscheln, steckt sie in den Mund, speit sie \vi->(ler aus auf 
die Handfläche und rollt sie in einen Bolus, der dann hinuntergeschluckt 
wird. Später wird die Provision vervollständigt und nach Vollendung der 
Ceremonien entlemen sich die Theünelmier, die bis dahin meist In Trftumerei 
versunken gewesen, ohne |egliclu> Störung ihres Befindens. Nach den von 
Prextiss und MoitGx\x veranlassten Prüfungen an Amerikanern genügten bei 
diesen schon 3 — 4 Stück, um die eigentliümlichen Visionen herbeizulüluen, die 
von einfachem Farbensehen bis zu dem Erschauen der schönsten farbigen 
Aralieskeo, Figuren und Landschaften wech.seln, nur bei geschlossenen Augen 
manifest und durch TronuiK'lsrhlair und Musik wesentlich ver-starkt werden 
und in einer gewissen Abhängigkeit vom Willen und selbst von Suggestion 
Anderer stehen. Schon nacli 3 — 4 Stück resuitirle Schwäche der Musculatur 
neben Verstärkung und Verlangsamung der Herzaction, bei Binzeinen auch 
Nauses und Erbrechen, bei den meisten partielle Anästhesie der Haut. Mitchell 
sah bei seinen Selbstversuchen namentlich farbige Zickzacklini<'n und einen 
förmlichen Regen von Silbersternen, doch traten diese Visionen nur bei ge- 
schlossenen Augen ein und schwanden sofort nach dem Oeffnen. Einseitige 
Migräne. Occipitalschnierz. den MlTOHRLL sowohl wie Prk.vtiss und Morgan 
auf eine Einwirkung auf das Sehcentrum zurQckfCUiren wollen, traten bei 
Mitchell als Nebenerscheinungen ein. 

Es ist bei den relativ geringen Nebenaffectionen nicht unmöglich, dass 
die Mescal Buttons zu dnem verbreiteten Berauschungs- oder Qenussmittel 
werden, sobald einmal irrössere Mengen davon in den Handel irelaitLren Der 
Veisu' hung die entzückenden Phantasmen wieder hervorzurufen, wird, wie 
MiTCiiKLL sagt, Mancher nicht widerstehen. 

Die bisherigen Untersuchungen fiber die aus der Mescal Buttons dar- 
gestellten Alkaloide haben i^enugende Aufklärung über dasjenige Princip. das 
den eigenthOmlichen Rausch hervorruft Iu-^Imt nicht L^'schafft. Es ist nicht 
unwahrscheinlich, dass die in reichlicher Menge vorhandenen harzigen Stoffe 
analog wie im indischen Hanfe wesentlich daran betheiügt sind. Das von 
Lbwin zuerst aufgefundene Alkaloid Anhalonin ist in Tagesgaben von 0,2 



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Anhalonium. — Arbeltorhyglene. 



15 



fOr den Menschen ganz indifferent. Eine zweite BaeU, das Alkaloid A von 
Hbfptbr, tfldtet Kaninchen tn 0»12 pro Kilo und eraeugt bei Warmblütern 

beschlouDigte und erschwerte Respiration, womit offenbar dio Convulsion«^n 
und Pupillfinerweiterunj? im Zusaramenhaiiffo stehen, die bei schwerer Ver- 
gütung beobachtet sind. Lucal bewirkt die Base keine Pupilienerweiterung, 
wodnrob sie sich, von Cocain unterscheidet Bin drittes, von Bwbll dargo- 
stelltos Alkaloid wirkt wie Strychnin ; der dadurch hervorfrerufene Tetanus 
wird wie der Strychnintetanus durch Chloralhydrat gemildert oder gans 
aufgehoben. 

Literatur: Prantiss nnd Moboax, Meseal Bottons (Anhalonium Lewinii Henntn^, 
Lophophora Willi.imsii Lewinii Coulten. Mt il. Hecord. 22- August, pa^. 238. — ") S. Weik- 
MiTcacLL, RemarkB on tbe eflects of Anhalonium Levrinii (the Hoscal Battona). Brit. med. 
Joam. 6. Deeember, pa^. 1685. HusemMa. 

Arbelterliygiene. Der unverkennbare Furtschritt, der mit dem 
Erlass der Novelle zur Gewerbeordnung des Deutschen Reiches vom 1. Juni 
1891 und der Reorganisation der Gewerbeaufsicht in Preussen auf dem Ge- 
biete der Arbeit erliyiriene in l)eut>?rbland und rückwirkend aix-h in anderen 
Ländern platzgegrillen bat, erfordert eine erneute Behandlung dieses Gegen- 
standes, die sich an die Artikel Arbeiterhygiene und Arbeiterschuts 
der Real-Encyclopädie anlehnt. An dieser Stelle sollen namentlich eruränzend 
zwei besondere Gesicbtspunkte Berücksichtigung finden, nämlich eiiunal der 
Schutz der Arbeiter gegen die für sie aus der Beschäftigung im Üewerbe- 
betrieb sich ergebenden Gefahren ffir Leben und Gesundheit und ilire Ver- 
hfltung, und sweitens der Schutz der Umgebung gewerblidier Anlagen gegen 
die durch letztere verursachten Belästigfungen luid Schadlichk(Mten. 

I. Die Ursachen der den Arbeitern aus ihrer Bescli:ifti^:unf4' erwaclisemlen 
Schädlichkeiten sind am angefülirten Orte hinreichend beleuchtet. Wu- iuibeu 
uns hier nur noch mit den Mitteln zu Ihrer Abhilfe zu beschftftigen., und zwar 
dürfen wir uns auf die speciell beruflichen Schädlichkeiten bescbränken ; 
die aus «ier alliremeinen socialen Lag^e der Arbeiter sich «T^reljt'nden Scliiid- 
liclikelten und die \ ersuche zu ihrer Abwehr liaben ebenfalls am angeführten 
Orte Ber&cksichtigung gefunden. Wir betrachten gesondert : ») die aus der 
gewerblichen Th&tigkeit f0r den Arbeiter erwachsenden, chronisch wirkenden 
Schädlichkeiten und hl die durch ijefäliiliche Beruhrnnfren mit Maschinen oder 
Maschinentbeilen oder durch andere in der Natur der Betriebsstätte liegende 
Gefahren bedingten Unfälle. 

•) Eine der wichtigsten Quellen fflr die Oesundheitsschädigungen 
der Arbeiter, gleichviel welcher besonderen Betriebsarten, bilden die in jedem 
Raum, in welchem viele Menschen länf^ere Zeit verweilen. auftreteniJen Luft- 
verunreinigungen. In dieser Beziehung hat die Qcwerbehygienc keine anderen 
Forderungen zu erheben als die Hygiene ganz Im Allgemeinen : der Arbeits- 
raum muss einen der Zahl der in ihm beschäftigt (>n Arbeiter entsprechen- 
den liUftraum erhalten, und es muss für ausreichenden I,.uftwechsel gesorgt 
werden, üeber das Mass des für den Kopf zu fordernden Luftraumes gehen 
die Ansichten der Hygieniker sehr weit auseinander. Wenn wir die ver- 
Bchiedenen tiieorettsch begrOndeten Forderungen mit den Erfahrungen der 
Praxis zusammenhalten, kommen wir zu dem Schlüsse, dass die Anforde- 
runtren an den Luftraum {fewohnlicher Werkstätten und Fabriken, die be- 
sondere künstliche Lüftuugseinrichtungen nicht besitzen, niemals unter das 
Mass von 7 Cbm. fflr den Kopf sinken dflrfen ; wo es irgend mSglich er- 
scheint, namentlich auch in allgemeinen behdrdlichm Verordnungen, sollte 
unter keinen Umständen ein Mindestmass von wenijrer als in Thm. fi'st- 
gesetzt werden, insbesondere dann, wenn in den Räumen während der 
Abendstunden längere ^it bei Oaslieht, oder wenn in Naditschichten gear- 
beitet wird, oder auch wenn jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, die 



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16 



Arbeiterhygiene. 



für die Entwicklung ihres Körpers eines besonderen Schutzes bedürfen. 
Neben diesen Anforderuniren an den Luftraum ist aber vor Allem darauf 
hinzuarbeiten, dass ein angreniessener Luftwechsel hinzutritt. FQr den Luft- 
wechsel in Fabrikräumen grelten im Allgemeinen ebenfalls dieselben Grund- 
sätze wie für andere zu ventilirondc Räume, nur dass in Fabriken die 
durch mechanische Kraft bewegten Qeblftseconstructionen naturfremftss eine 
grossere Rolle spielen, als die Benutsung von Tempt'raturuiitiTschicdcn zur 
Bewepun? der Luft. Eine nicht zu vernachlässiLrt ii'lc Quelle für die X'er- 
unreinigung der Raumluft liegt speciell für Fabriken und Werkstätten in 
dem Mugel an Reinlichkeit, dem wir leider vielfach in denselben begegnen. 
Bin unnachsichtiger Kampf gegen alleriei überflOssiges Oerfimpel, gegen den 
Schmut/. der sich in K> ken und Winkeln ansammelt, ist eine der eijten 

Fordeniiiiren der Fat)fikliyiriene. 

Etwas eingehender müssen wir uns mit den Fällen besciiäft igen , in 
denen es sich nicht melir lediglich um den Ersatz der durch den blossen 
Anfnitlialt von Men.schen in den Pabrilcrftumen verschlechterten Alheraluft 
handelt, sondern der Fabricationsprocess selbst der Rauinliifl Stoffe zuführt, 
die entfernt werden müs.sen, wenn daraus nicht sanitäre Mis.sstände schlimm- 
ster Art entstehen sollen. In erster Linie ist hier der Staub von Bedeutung. 
Erfreulicherweise macht sich mit der wach.senden Kennt niss von der Gefähr- 
lichkeit desselben immer mehr das Bestreben geltend, den Arbeiter mit alirn 
im Bereiche des Möglichen liegenden Mitteln vor der Staubeinathmuug zu 
schfltzen. Dies kann einmal geschehen, indem man versucht, den bereits 
entstandenen und in der Umgebung des Arbeiters verbreiteten Staub un» 
schädlich zu machen (Niederschlagen dos Staubes durch Besprengen und 
feuchtes Abwischen des Fiiss!>nd«'ns . Zerstäuben von Wasser. Verhinderung 
der Einatbmung des Staubes durch Respiratorenj, zweitens — und das ist 
die wirksamere Methode — indem man den Staub verhindert, Oberhaupt 
in die Umgebung des Arbeiters zu gelangen. Am vollkommensten wird dieser 
Zweck erreicht, wenn es gelingt, an die Stelle von Fabricationsverfahren, 
die bislang mit Entwicklung von Staub verbunden waren, andere zu setzen, 
bei denen kein Staub mehr entsteht, d. h. wenn man k. B. das Trocken- 
sdUeifen durch Nassschleifen ersetzt. Wo die Beschaffenheit des su ver- 
arbeitenden Materials dies nicht zidässt. hat man die Stelle, an weh her 
Staub entstellt, möglichst dicht ^'■egen den übrigen Raum abzuschliessen und 
mit einem künstlichen V'entiiations.system in Verbindung zu setzen, welches 
absaugend wirkt und krftftig genug Ist, den Staub mit sich fortzureissen. 
Derselbe wird alsdann gesammelt und in der weiter unten zu be.schreihenden 
Weise für die L'^mgebung unschädlich geniaeht Dieses Verfahren ist bei den 
verschiedensten \ errichtungen — beim Transport von verschiedenen Materia- 
lien, beim Verpacken, beim Sortiren und Reinigen, bei den mannigfachen Zer^ 
Meinerungsverfahren (KugelmOhlen). beim Sieben und Mischen, beim Schleifen 
u. 8. w. — mit Erfolg angewandt. Nicht wesentlich anders gestaltet sich das 
Princip, wenn es sich darum handelt, den Arbeiter vor der Einathmung in 
Qas- oder Dampfform auftretender Substanzen zu schfltzen. Auch hier 
wird es darauf ankommen, entweder die versdiiedenen Verrichtungen, bei 
denen sich derartige Substanzen entwickeln, in dicht geschlossenen Qefässen 
vorzunehmen — z. B. das Kochen des weissen Phosphors für die Zündholz- 
fabrication in dichtschliessenden Kochern mit mechanischen Rührwerken — 
oder, wo dies nicht möglich ist, die Oase oder Dftmpfe möglichst dicht an 
der Entstehungsstelle durch Blechhauben oder ühnliche Vorrichtungen auf- 
zufangen. iVio entweder mit einiMU stark ziehenden Schornsti'ln oder mit einem 
mechanisch angetriebenen Exhaustor in \ erbiudung stehen. Durch zweck- 
mässig eingerichtete Vorrichtungen dieser Art ist es in gut eingerichteten 
Fabriken vielfach gelungen, Arbeitsverrichtungen, die frQher fOr in hohem 



Arbeiterbygiene. 



17 



Grade gesandheitsschftdlidi angesehen werden mussten« zu nahesu gefahr^ 

lotet! zu g-fstalttMi. 

Gewisse andoro ^i'werblichc Verrichtuns:on . welche z.B. die Haut mit 
resorbirbaren giftigen Substanzen in BerQhrung bringen, erfordern noch andere 
Massnahmen zum Sohatse der Arbeiter. Hier spielen namentlich auch die 
Einrichtunffon zur Beförderuntr der individuellen Reinlichkeit fR;id(M) eine 
grosse Rolle. Auf weitere P'inzeiheiten in dieser Beziehung einzugehen, ver- 
bietet der zugemessene Kaum. 

Wälirend nun in einzelnen, namentlich grösseren Betrieben bereits 
heute allen Anforderungen Rechnung getragen ist , welche die Hygi«ie be- 
rechtifjiler W«'ise an die Beschaffenheit einer Arbeitsstätte stellen kann, und 
somit der Beweis erbracht ist, dass die Technik in dieser Beziehung in 
lio£^m Grade ihren Aiilgahen gewadisen ist, zeigt es sich ganz al gemein, 
dass das Gros der Fabriken und Werl^st&tten in (^resundheitlicher Beziehung 
noch fast Alles zu wünschen ijbrijr lässt. Neben der Furcht vor den Kosten 
solcher Einriebt unü:en trüirt vielfach auch Indolenz und Unkeimtniss der Ge- 
fahren der Betriebsweise Ihren Theil dazu bei. Sollen daher die Grundsätze, 
die im Vorstehenden kurz angedeutet sind , allgemeinere Verbreitung finden, 
80 ist ein auf di<' Unternehmerkreise ausgeübter gesetzlicher Zwang unver- 
meidbar. Die deutsche Gewerbeiresetzgebung betrachtet folireireniäss den 
Schutz der Arbeiter gegen Gefährdung des Lebens und der Gesundiieit im 
Betriebe als eine Verpflichtung der Untemelimer, und zwar als eine solche 
öffentlich-rechtlicher Natur. Es hiess in dieser Hinsteht schon in der Ge- 
werbeordnung vom 21. Juni ISG'.i (Jj 107): 

»Jeder Gewerbennternehmer ist verboadeo, aal s^e Kosten alle diejenigen Einrieli- 
tnafen bersostellen und zn anterbalteo, welehe mK Rflekriclit anl die beMttdere BeachnIIeB- 

heit des Gewerbebetriebe» und der n* triebsst;itte zu thunlichater Sicherheit der Arbeiter 
gegen Gefahren für Leben und (JeHUndheit imtliwendi«,' sind.« 

Für die Lehrlinge galt noch folgende besondere Bestimmung 106) : 

»IMb naeh den Lande^geaetaen snatMndige BdiOrde bat darauf an acbten, daaa bei 
r.M hiiftignng der Ldirliqge febUhrende Rflckalefat aal Oesoadbeit and ffittUchlieit ge- 

Doninien .... werde.c 

Hieran anknüpfend verpflichtete die Gewerbenovelle vom 17. Juli 1876 
die Unternehmer, bei der Besch&ftigrung von Arbeitern unter 18 Jahren (nicht 

blos I^'hrlingen dieses Alters) die durch das Alter derselben gebotene be- 
sondere Rücksicht auf Gesundheit und Sittlichkeit zu nehmen 12o. Abs. l). 
Die Vorschrift des älteren § 107 wurde durch die Novelle mit unerheblichen 
Aliinderimgen dem § 120 als dritter Absatz nebst folgender Bestlmmunir 
hlnzugefOgt: 

>D.irübcr, welche Einrichtungen für nlle Anlnfjen einer Itestinimten Art b(Tzn^t<'llen 
Bind, können durch lienchluas dea Bundesrathes Vorsuhrilteu erlassen werden. Soweit solche 
nicht eriansen äind, bleibt es den^naoh den Landeagesetien soatindigen Behörden flber- 
laaaen, die erforderlichen Bestimmongen za treffen.« 

Wer der Aufforderung der Behörde unii'eachtet den Bestininiungen des 
§ 120 zuwiderhandelte, wurde mit Geldstrafe bis zu 3uO Mk. und im Unver- 
m^ensfaUe mit Haft bedroht 

Bine wesentliche Ausgestaltung haben diese Bestimmungen durch die 
Novelle vom 1. Juni IS'.'l erfahren. Zunächst erhielt die Gewerbeordnung 
bezüglich des Inhaltes der ächutzvorschriftun in den §§120a — c die fol- 
gende Fassung: 

§180«. Die Gewerbeuntemehmer sind verpfllclitet, die Arbeitsräuine , Betriebsvor- 
richtangen, Maschinen und Geräthschaften so einzurichten und zn unterhalten und den Be- 
trieb so zu regeln, dass die .Arbeiter petren Gefahren für Leben und Gesundheit soweit ge- 
•ehfitzt sind, wie es die Natur des Betriebes gestattet. 

Insbesondere ist lUr genügende« Licht, ausreicbeuden Luftraum und Lultwecbsel, 
Beaeitigang dea bei dem Betriebe entatebenden Stanbes» der dabei entwickelten Dttnato nnd 
GMe^ aowie der dabei entatebenden AblUie Soige sa tragen. 

■nsrslap. 3sliiMMh«r. VII. 2 



18 



Arbelterhygieoe. 



EbeiWO Bind dieienigen Yorrichtungen herzustellen, w.-lche zuiu Sohatie 4«r Arbeiter 
fegi-n geBlirllobe BerUhmogen mit MMcliin«o oder Mascbinentbeilen oder gegen andere io 
•dar Natv der Betriebsstitte oder des Betriebes lieg'ende Gefahren , nameBtlieh auch gegen 

die Oelabreu. weich«- ans F^ihrikhriiinlrn erwachsen kiinni'n. rrrnnlerlich »iod. 

Endlich sind diejenigen Vorttchriften über die Orduang des Uetriebefl and das Verhaltea 
der Arlieiter zn erla»sen, welche rar Sichemng eiaes gefafariowni Betriebe« erfofdertleb eind. 

S 120/'. Die Gewerbeuntemehmer «ind verpflichtet, diej«'nigen Einrichtungen zn treffen 
und zu unterhalten and diejenigeo VorBCbriften Uber das Verhalten der Arbeiter im Betriebe 
zu erlassen , welche erforderlich alnd , wa die Anfrechthaltutig der gntea Sitten a»d de» 
Anstände« sn «icbern. 

Insbesondere nrass, soweit es die Netar des Betriebes solisst, bei der Arbeit die 
Treiiminpr «ler Geschlechter durchgeführt werden, sriferTi nirht die Aufrechthaltung der guten 
43itten und des Anstandes durch die Elnriclituii}.' d« > Betriebe» ohnehin gesichert Ist. 

In Anlagen, deren Betrieb ea mit »ich bringt, da.sH die Arbeiter sich nmideiden und 
nach der Arbeit sich reinigen, nittsaen ansreichende, nach Geschlechtem getrennte Ankleide* 
lind Waschräume vorhanden sein. 

Die HcdUrfnissanstalten miissen so eingerichtet sein, dass sie fUr die Zahl der Arl)i iter 
«nsreicben, das« den Anlordemngen der Oeanndheitspllege entsprochen wird nnd das« ihre 
Benotsimg obae Yerietmng Ten Sitte md Anstand erfolgen Icana. 

§ 120r. Gewerbeuntemehmer. welche Arbeiter unter 18 Tabren bt scbUftigen , sind 
veriiflichtet , bei der Einrichtung der Betriebsstätte und bei der Kegelung de» Betriebes die« 
jenigen besonderen liUcltaichteu auf Gesondbett nnd Sittüehkeit m nehmen, w«dcbe dnrdi 
das Alter dieser Arbeiter geboten sind. 

Die DurcliführuDg der obigen Schutzvorsciirifti'n ist durcii den § I JiJd 
in Verbindung mit den Stntfvoradiriften dos §147, Abs. 1, Ziffer 4 und 
Abs. 4 gr^regelt. Dieselben lauten : 

§120'/. Die zuatändigren Polizeibehörden sind befugt, im Wi-ge der Verfügung für 
einzelne Anlagen die Ausführung derjenigen Massnahmen anzuordnen , welche zur Durch- 
führung der in § 120 a bis 120 f enthaltenen Grundsätze crfonlerlich und nach der Bcschaflen- 
lieit der Anlage aoslfibrbar erscheinen. Sie Itdnnen anordnen, dass den Arbeitern znr Ein* 
Bttae Ton Habiseiten ausserhalb der Arbeitsiiane angemessene, in der kalten Jahresieit 
geheizte T?äume unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden. 

Soweit die augeordneten Massregelu nicht die Beseitigung einer dringenden, das 
Leben oder die Gesundheit bedrohenden Gelihr benweeken, mnss die AMfObmag eine 
angemessene Frist gelassen werden. 

Den bei Erlus dieses Gesetzes bereits bestehenden Anlagen gegenüber- k5nnen , so- 
lange nicht eine Erweiterung oder ein Umbau eintritt, nur Anfordenmgen gestellt werden, 
weiche zur Beseitigung erheblicher, das Leben, die Uesundbeit oder die Sittlichkeit der 
AAcAter gelUirdender Mlssstlnde erleiderlieb oder ohne miTerbiltnlasmlasige Aitfwendragen 
•naiabrbar erscheinen. 

Gegen die Verfügung der Polizeibehörde steht dem Gewerbeuntemehmer binnen zwei 
Wochen die Beschwerde an die höhere Verwaltungsbehörde zn. Gegen die Entscheidung der 
bOheren Verwaltoqgsbebtfrde ist binnen vier Wochen die Beschwerde an die Oentralbehörde 
mlifliiff I diese entseheldet endgiltig. Widenprldit die Yerfflgung den von der zostibidigen 
Berali|geBOs»enschaft erlassenen Vorschriften zur Verhütung von l'nfiillen, so ist zur Eiu- 
legmg der vorstehend bezeichneten Rechtsmittel binnen der dem Gewerbeunternebmer zu- 
stehenden Fri.st auch der Vorstand der Bemfsgenosscnschaft befugt. 

§ 147. Hit Gddstrafe bia su dteihandert Mark nnd im UnvermOgensfaUe mit Halt 
wird bestraft 

.... 4. wer den auf Grund des § 120'/ endgiltig erlasseaen Yorfligangen oder den 
auf Grund des § 120 e erlassenen Vorschriften zuwiderhandelt. 

.... In dem Falle sn 4. kann die Poli>eibeb9rde Ms mr Herstellnng dee der Yer^ 

fUgung <n!i>r der Vorschrift entsprechenden Znstandes die Einstellung des Betriebes, soweit 
derselbe durch die Verfügung oder die ^'orscbrift getroffen wird, anordnen, falls dessen Fort- 
aetsnng «bebUehe Naditheile oder Gefabren herbeinfBbren geeignet sebi wttide. 

Welche Behörden in ledetn Bundesitaate unter der Bezeichnung »höhere 
Verwnltunfrsbcbörde^. »Polizeibehörde« u. a. w. zu verstehen sind, ist nach § I r>5 
der Gewerbeordnung von der Central behörde des Bundesstaates belcunnt zu 
machen. FBr Preussen Ist CentndbehSrde Im Sinne des § 120tf der Minister 
fOr Handel und Gewerbe, höhere Verwaltungsbehörde der RegierungsprSsI- 
dent . Polizeibehörde die Ortspolizeibebörde f Amtsvorst elier . Rürtrermeistor, 
Poli/eiiliret'tor u. s. w.i. Neben den ordentllelien Polizeibehörden ist nber 
durch § 139Z> der Gewerbeordnung autli den Gewerbeaufsichtsbeamten die 
Aufsicht fiber die AusfQhruiif der Bestimmungen des§ 120« — e eingeräumt. 
Das Verfahren bei der DurchfQhruog poUseilfcher Verfügungen richtet sidi 



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Arbeiterliyglene. 



19 



nach den Laadesgesetzen. In Preussen sind die Bestimmungen des Landes- 
Teriraltangsgesetaes vom 30. Juli 1888 massgebend. 

Während die Bestimmungen des § 120 a — d die DurchfOtanmg gewisser 
Grundsätze des Arbeiterschutzes durch polizeilirlip Vrrfncung an einzelne 
Unternehmer regeln, gestattet § 120 e, entsprechend der \ orschrift des älteren 
§ 120, Abs. 8, aueh nodi den Brlass allgemeiner, für ganie Betriebsnr^ge 
geltender Vorsohrfften : 

§ 120 e. Durch Heschluss des Bnndcf5rathcs künnon Vorsi lirifti n ilarübcr crlasson wt-rden, 
weksbeo Anlordenutgen in beatimmten Arten von Anlagen zur Durcblfitamng der in dem 
f ISO»— e enOidteineii Graadflltce m genegeo tat. 

Soweit solche Vorschriften durch Beschhiss des Riindf^rathes nicht erlassen sind, 
kennen dieselben durch Anordnuug der Landes-Centralbehürdeii oder dnrch Polizciverord- 
nnu^en ilcr zum BritBS solcher berechtigten Behörden erlassen werden. Vor dem EAu» 
solcher Anordnnnfen und PoUseiverordnuiies ist den Yontiiidea der betheiUgten Berol»- 
^enoBsenschatten oder 6enifsgenomenMili«fli>8eeilonen Oelefenheit so efiier gntachtUeheD 
Aeussenintr zu gebeu. Auf diusc finilt'n dii- Bestimnunpen des §79, Abs. 1 diM OflSCtSM 
betrelleod die UnlaUverücberang der Arbeiter vom 6. Juli 1884 Anwendung. 

Durah BewAdoM dw Bondearathes kOnnen Illr solche Gewerb«, in welchen dnnli 
tIbermSflsige Daner der tiiglichen Arbeitszeit die Gesundheit der Arbeiter gefährdet wird, 
Daner , Beginn nnd Ende der zoläaaigen täglichen Arbeitszeit uud der zu gewährenden Pausen 
Torgeschriebea mid die swr Dnrehfllhnuig dlewr Tonehriften erforderllobeB AneffdamfeB er- 
luMB weiden. 

Die dnrah Botehtai« des BondeanfheB erisweaen Tonohrihen lind dvrek das BelelW' 

^">^"tzM;itt zu ven'iffentiichon oad deu Belebttag bei Ktaem lAohiten Zmamnentritt nr 

Kenutuisänahme vorzuleben. 

Es waren schon auf Qrund des älteren § 120, Abs. 3, vom Bundes- 
rathe SchutsTorschriflen fflr Bleifarben- und BleizudLerfabriken (Bekannt- 
machung vom 12. April 1886) und fQr Anlagen sar Antertigong von Cigarren 

(Bekanntmachung: vom O.Mai 1888) erlassen worden ebenso schon früher, 
zugleich auf Grund des Reichsgesetzes betreffend die Anfertigung und Ver- 
zollung von Zündhölzern vom 18. Mai 1884, für Anlagen, welche zur Anfer- 
tigung von ZOndhSlsem unter Verwendung von weissem Phesfiiior dienten 
(Bekanntmachung vom 11. Juli 1884). Es war nothwcndip:. die älteron Be- 
kanntmachungen auf den durch die Novelle vom 1. Juli 1891 treschaffonen 
neuen Rechtsboden zu stellen ; zu diesem Zwecke sind sie nach dem Inkraft- 
treten der Novelle unter dem 8. Juli 1898 neu veröffentlicht worden (R G. BL 
pag. 200, 213 und 218). Hierzu sind neuerdintrs noch die Bundesraths- 
bekanntmacliunpron vom 1. März 1806 betreffend den Betrieb von Bä<kereien 
nnd Conditoreien , welche in erster Linie die übermässig lauge Arbeitszeit 
In diesen Betrieben einschrSnkt, und vom 2. Febrnar 1897, betreffend die 
Einrichtung und den Betrieb von Anlagen rar Herstellung von Alkali-Chro- 
maten. hinzn^ekommen. Für andere Gruppen von Betrieben, so für die Buch- 
druckereien und Schriftgiessereien , für Accumulatorenfabriken u. s. w. sind 
entsprechende Verordnungen in Vorbereitung. 

Die Landesoentrall>ehörden der Bundesstaaten, sowie die zum Brlass 
von Polizeiverordnnngen berechtigten Behörden (In Preussen Oberpräsidenten, 
Regierungspräsidenten. Landräthe. Ortspolizeibehörden), welche nach ij 120e, 
Abs. 2, soweit nicht der Bundesrath Schutzvorschrifteu erlassen hat, dazu 
berufen sind, hattmi schon firQher auf Grund Ihrer landesgesetzlichen Zu- 
ständigkeit auf diesem Gebiete vielfach eingegriffen und haben damit bis in 
die neueste Zeit fortgi'fahrcii. Ein näheres Kincrehen auf dl»« zahlreiclien 
hierhergehörigen Erlässe und Verordnungen verbietet der zugemessene be- 
schränkte Baum (vergl. hierzu die in der Literaturzusammenstellung aufge- 
tflhrt« Schrift von Evbrt). 

Während die Vorschriften des § 120« c fOr alle Arten irewerblicher 
Anlagen gelton, bestehen für Fabriken und yleichuestellte Anhijren noch 
besondere Vorschriften hinsichtlich der BeschäfLigung von iugendiichen 
Arbeitern nnd Arbelterinnen. Sie lauten, nachdem die Gewerbenovelle 

2* 



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20 



Arbeiterbygteiw. 



vom 1. Juni 1891 «Rb In wesentlich!»!! Punkten erweitert, Insbesondere die Arbeit 
von Kindorn unter i:^ ifrülD r unter li'j Jahren, sowie die Nachtarbelt erwach- 

aener Arbeitorinnon vcihot* n hat. fok-^rniifi-masscn : 

§ 13Ö. Kinder unter Iii Jahren ilürfen in Fabriken nicht beiwhältigt werden. Kinder 
Iber 13 Jahre dttrten in Fabriken nur beseUftiirt wwden, wenn tie nieht mehr snm Be> 

lOdhe der VolksHclmlc vcrpfliobtft sind. 

Die Ik'Sfhaftigung von Kindt-rn unter 14 Jahrru dar! die DainT von t! Standen taglii li 
■kht flbersebreiteD. 

Junge Leute zwiBcben 11 und lü Jahren dOrfen in Fabriken nicht länger als sehn 
Standen tiglieh beiebiftigt werden. 

is 13*;. Dil' Arbettratnnden der lujfondlichen Arlx itor f!; lar») dürfen nicht vor fiinf. iii- 
halb Uhr Morgens beginnen nnd nicht Ul>er achtt-inhail) L'hr Alicnds dauern. Zwi.schen den 
Arheitsstonden niUsMen an jedem Arbeitstage regelniiisHitre I'au.si n gewährt werden. Für 
logendliche Arbeiter, welche nar 6 Standen täglich besehiiltigt werden, masa die Pause min- 
desten» eine halbe Stande betragen. Den übrigen jugendlichen Arbeitern muss mindestens 
Mittags eine einstibi^fe, sowie Vormlttaga and Naehmittaga je eine balbatOndige Panae ge- 
währt werden. 

Wlhrend der Pansen darf den lagendtiehen Arbeitern eine Besehittlfrang in dem 

Fahrikshetriebe Überhaupt nicht und der Anfenthalt in den ArbeitHränim n nur «I inii (jestatti-t 
werden, wenn in denselben diejenigen Theile des Betriel»es, in weleben jugeudlielu- Arbeiter 
beschäftigt »ind, für die Zeit der Pausten TÖllig einge»ttelit wj!rdeu, oder wenn der Anfenthalt 
im Freien niolit thanlieh oder andere geeignete Aafenthaltsriame olue anverliiltniBsmJissige 
Schwierigkeiten nicht besehafft werden kSnnen. 

\u Siiiiii- mnl I^'i-tta^^' t), s<twii' \\:ihrend der von dem ordentlichen Si i'lsor^'cr für den 
i^atechuuicuen- und Coufiruiaudeu- , liciebt- und Comuninionunterricbt bestimmten Stunden 
dflffeo ingendliehe Arbeiter nicht be»eliiiftigt werden. 

§ 137. Arbeiterinnen dUrfen in Fabriken nicht in der Nachtzeit von 8', , l'hr Abends 
bia 6' ., Uhr Morgens und am Sonnabend , sowie au Vorabenden der Fe.sttage nicht nach 
d*.,Uhr Nachmittags beHchältiKt werden. 

Die Beachäftigong von Arbeiterinnen Uber 16 Jahre darf die Dauer von 11 Standen 
taglich , an den Vorabenden der Sonn- und Festtage tob 10 Standen nicht flhendirdtiea. 

Zwi'iclK n den Arbeitsstunden muss den Arbeitertoiwn eine mindeatena einstllndlge 
Mittagspause gewährt werden. 

Arbeiterinnen Uber l().Jabro, welche ein Hanswesen sn liesorgen haben, sind auf 
Ihren Antrag eine halbe Stunde Tor der Mittagapaoae sn entlassen, sotem diese nicht min- 
destens IVi stunde beträgt. 

Wöchnerinnen diirfi u während vier Wuclim na< h ihrer Niederkunft überhaupt nicht 
und wiUurend der folgenden sw«i Wochen nur beschäftigt werden , wenn das Zeugnis« eines 
approMrten Arztes dies für nlisalg erklirt. 

§ 138. Sollen Arlieitcrinnen Hd. r jugendliche Arbeiter in Fabriken beschäftigt werden, 
so bat der Arbeitgeber vor dem lieginn der Beschäftigung der Ortspolizeibetiördc eine schrift- 
Uehe Anzeige sn machen. 

In der Ansrig« sind die Fabrik, die Wochenta«e, aa welehMi die BeschXttigaog statt- 
finden soll, Beginn nnd Ende der Arbettscett und der Pansen, sowie die Art der Bmehiftigung 
anzugeben. Kim- .Vi iuli riiii^' liii riu «larf. abgesehen von Verschietningen , welche durch Er- 
setzung behinderter Arbeiter für einzelne Arbeitsschichteu nothwendig werden, nicht erfolgen, 
bevor eine entspreehende weitere Anzeige der Behdrde gemacht ist. In jeder Fabrik hat 
der Arbeitgeber dafdr zn sorgen, das.« in den Fabrikränraen, in welchen jugendliche Arbeiter 
beschäftigt wcrib n, an einer in die Augen fallenden Stelle ein Verzeichnis» der jugendlichen 
Arbeiter unter .\ngabe ihrer .\rbeitHtage, sowie des Beginnes und Endes ihrer Arbeitszeit und 
der Pausen ausgehängt ist. Ebenso hat er dafür au sorgen, dass in den betreffenden Räumen 
eine TafcÄ ansgehingt ist , welche hi der von der OentralbdiOrde so beatimnenden Faasang 
nnd in deutlicher Schrift einen Auszug aus den Bestimmungen Ober die Beaelläftigang too 
Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern enthält. 

Dem Schutze von Leben, Gesundheit uiul .Sittlichkeit der Arbeiterinnen 
nnd jugendUclien Arbeiter In Fabriken nnd irleiohgesteUten Anlagen dienen 
endlich die Vorschriften des § 189«^ Abs. 1, Ziffer 1, weldie lauten: 

»DiT B^nde^rath ist ermilchtigt. die Verwendung von .Arbeiterinnen, sowie vi>n jugend- 
lichen Arlii'item für gewisse FabricationdZweige, welche mit besonderen üelahreu für tie- 
snndheit und Sittlichkeit verbunden sind, ginsitoh sn untersagen oder von besonderen Be- 
dingungen abhängig zu machen, c 

Schon auf Grund der älteren Vorschriften hatte der Bundesrath für 
eine Reihe von Fabricationszweigen entsprechende Bestimmungen erlassen, 
die nach dem Inkrafttreten der Novelle vom 1. Joni 1891 nahezu sftmmtiich 
eine neue Fassung erhalten haben. Ausser den oben erwähnten Beluuint- 




Arbeiterhygiene. 



21 



niachunjron für Bloifarbon- xind RIcizuckprfabrikfMi vom 8. .Iiili 18'^'^ (Vcriint 
d«'s Aiif('nthalt<>s und (Irr Bcschäftij^uii}*' jugondlichcr Arbeiter in Anlai^en. 
welche zur HtM-stellunj; von Bleifarben und Bleizucker dienen ; Zulassung 
von Arbeiterinnen ausschliesslich in solchen Rftumen der betreffenden An> 
Ia|^ und zu solchen Vornchtunpen, welche sie mit bleüschen Producton 
nicht in Berührunsr brinyen) und Cifrarrenfabrikon vom 8. Juli 18'.t3 (Zu- 
lassung: von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern nur unter der Bedin- 
gung, dass sie im unmittelbaren Arbeitsverbftltnlss sn dem Betriebsunter^ 
nehmer stehen und dass für männliche und weibliche Arbeiter getrennte 
Aborte mit besonderen Einiriiniren und {jetrennte Aus- im«l Ankleideräiime 
bestehen;, neben denen für Zündbolzfabriken di(> Bestimmungen des Reicbs- 
gesetses vom 13. Mai 1884 (Verbot des Aufenthaltes jugendlicher Arbeiter 
in Räumen, in welchen das Zubereiten der Zflndmasse, das Betunken der 
H51ser und das Trocknen der betunkten Hölser erfoltrt ; Verbot des Aufent- 
haltes von Kindern in Räumen, welche zum Abfüllen der Hölzer und ihrer 
ersten Verpackung dienen) zu nennen sind, gelten zur Zeit auf Grund des 
§139«, Abs. 1, Ziffer 1, die fol^nden Vorschriften: 

1. Die BekanntmaeliaDi; vom 21. Juli 18H8 (K. G.-BI. png. 2V.U untersagt die Be 
ftchaftignng voa ArbdtcrinseD und JageDdUoben Arbeitern in QammUabrilten bei der Aafer- 
tigirng so^renaanter PrSservatiTs und uderer sn i^eicbem Zwecke dienender OeireostSnde. 

2 Di - HckanntiuaLlninK vom ll Mürz 1S'.)2 rR-C-MI. pag. 317 . l)t'treflena Arbei- 
ti rinneu und ]u|;endliche Arbeiter in Glashütten, verbietet die Hesel) ältiguai; und den Aul- 
eutbalt von Arbeiterinnen in solchen Rüamen, ia denen vor dem Ofen (Sehmeis-, KQhl-, 
Cilüh-, Streckolen) gearbeitet wird, und in solchen Käiimcn, in denen eine ansserirewJiluilich 
Lohe Wärme herrscht. Mit Schlcifarbeiten dürfen Knaben unter 14 Jahren und ju^fendliche 
Arbei'erinnen nicht beschäftijrt werden ; weitere EinsHchränkungen gelten für die Beschäftigung 
von Knaben in TaIelgla«bUtten. Jugendliche niäanUcbe Arbeiter dürfen jedenlalla in Qlaa- 
Mltten nvr auf Orand eines dem Arbeitgeber anasnhtndlgeiiden Arsttiehea UnsdildUchkdtt- 
attestes beHchäftigt werden, iiire Arbeitszeit ist abw^flhead TOB den YoraehfilteB to 

§§ 135 und 13Ü der (iew. Urdu, geregelt. 

3. Eine Bekanntmachung vom 11. März 1892 (B.><]1.-BL pag. 327) bestimmt, dass in 
Drahtziehereien mit Wauerbetricb, in weichen wegen Wasaermangels , Frostes od^r Hoch- 
flut die Eintheilnng de« Betriebes in regelmässige Schiebten von gleicher Daaer zeitweise 
Lieht innegehalten werden kann, Kinder nnler 14 Jahren und Arbeiterinnen bei der Her- 
stellung des Drahtes nicht besobältigt werden dürfen, und das» ihnen der Aufenthalt in den 
rar HersteOnng des DrahteB beatimmten AfbeHaribimen nicht «i gettatten Ist Fflr die Be* 
schäflignng juiitret freute männlichen (Jeschlechtes von 14- IC Jahren in jenen Anlagen 
treten die He.sehranknngen der §■? 13;"), Abs. 3 und 1,3() der (Jew.-Ordn. mit der Massgabe 
ausser Anwendung, dass die Gesaninitdauer der Beschäftigung innerhalb einer Woche ans- 
schliesslicli der Pansen nicht mehr als 60 Stunden, in der Zeit von 6 Ubr Abends bis 0 Uhr 
Morgens nielit raebr als lOStnnden betrage; die Pansen und Rnheaeiten stnd besonders geregelt 

4. Eine Bekanntmachung vom IT Miirz 1S'.12 HJ. G. Bl. pnff. 327) verbietet die Be- 
schäftigung und den Aufenthalt von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern in Bäumen von 
Ciehorienfabriken, wlhrend daseibat Darren Im B -triebe sind. 

b. Eine Bekanntmachung vom 17. März 18'J2 (U.-G. Bl. pag. 32S fordert für die Be- 
schäftigung von jugi^ndlichen Arbeitern auf .Steinkohlenbergwerken ein ärztliches, dem Arbeit- 
geber ausznhSndigeudes Unscbädlichkeitsattest und regelt die Arbeitaselt dendben thdl« 
weise abweichend von den Vorschriften des § 136 der Gew.-Ordn. 

6. Eine Bekanntmachung vom 24. Mlrs 1892, betreffend Arbeiterinnen anf Stein- 
kohlenbergwerken, Zink- und Bleierzwerken und .'uif Kokereien im Kegierungsbczirk <»|i|,, ln 
fordert für Arbeiterinnen zwischen IG und 18 Jahren, denen unter gewissen Voraussetzuugcn 
Dispens von den Vorschriften des § 137, Abs. 1 und 3 der GeWvOrdtt. gewährt worden ist, 
ein ärztliches UnschüdUcbkeitsatteat and giebt weitere Beatimunngen ai>er Daner and Art 
der Beschäftigung. 

7. Die r.ekui)ntmachnng vom 21. ^liirz ls'.i2 lI -G Iil. pag. 334). betreffend Arbei- 
terinnen und jugendliche Arbeiter in Itohzuckerfabriken und Zuclterraffinerien verbietet die 
Terwcndnng roo Arbeiterinnen nnd logendHcben Arbeitern rar Bediennng der Rtlben- 
Rchwetiinien , der RUbenwäscben nnd der Fahrstühle, sowie zum Transport der Bülten und 
Rübenschnitzel in schwer zu l)ewe;.'endeD Wagen, el)enso ihre Jfeschäftigung nnd ihren Auf- 
enthalt während der Dauer des Betriebes Im FUllhanse. in den Centrif ogcorianen , den 
Krystallisationsränmen , den Trockenkaouneni ond den Maiscbräumen , sowie an anderen 
Arbeitsstellen, in denen eine anssergew{flinlb)li hohe Würme henraebt Die Beschäftigung der 
Arbeiterinnen Uber 16 Jahre int abweichend Ton den Beatlmmoogen dcs § 187, Abs. 1 der 
Oew.'0rdn. noch besonders geregelt. 



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22 



Arbeiterhygiene. 



8. Die Bt-kanntiuachung vom 2ii. AprU 1892 (K. (J. Bl. pag. W2> verbietet für Metall- 
wals> and Hammerwerke, die mit ananterbroehenem Fener betrieben werden , die Beschif- 
tignng von Arbeiterinnen hei dem unmittelbaren Betriebe der Werlte und die Beschiiftigung 
▼on Kindern unter 14 Jahren Überhaupt ; sie regelt ferner die BenchHftignng der Jungen 
Leute mftnnliclien Genchleehte» abweichend von den Beijchränlcangen dt-s § IM\ der (;ew.-(Jrdn. 

9. Eine Bekanotmacbaog vom 29. AprU 1892 (K.-0.-BI. pag. 604) verbietet die Be- 
sehUtigung nod den Aofentiialt Ton ingendUebeii ArMtera wihränd des Betriebe« in Hechel» 
räumen, «owie in Käumen , in welchen Masehiiu-ii zum Oelfnen , Lockern, Zerkleinern, Ent- 
stäuben, Anfetten oder Mengen von rohen oder abgenutzten Faserstoffen, von Abfallen oder 
Lunpen im Betriebe sind. 

10. Eine Bekanntmacbnog vom 27. AprU 1893 (K.-0. B1. pag. 148} verbietet die Ter» 
Wendung von Arbeiterinnen und {ngendUehen Arbeitern in Ziegeleien sar Gewinnnng md 
«um Transport di r Hiihnciterialien , sowie zu Arbeiten in den Uefen und zum Befeuern der 
Oelen, fUr Arbeiterinnen auch die Verwendung zur Ilandformerei der Ziegelsteine, mit Am- 
■ahme der DaeMegd waA der Biaimaiiditelne ; sie regelt lenier die Beschäl tignng von pagm 
Lenten zwischen 14 und IH Jahren, snwie von Arbeit6rlan«n theUweifle abweiekÜNid Ton de» 
Bestimmungen der §§ l'dö, 136 und 137 der Gew.-Orda. 

Die Gewerbegresetzgebung der flbrfiren Under verfolgt äbnlidw ZMn 
wie die hier kurz skizzirte deutsche, welch' letztere indessen wohl heute 
am weitesten in Ihren Anforderungren ^i ht. Ein noch weiteres Hinaufschrauben 
der Forderunffen erscheint zunächst wenigstens im Interesse der durch die 
sociale Gesetzgebung stark belasteten Industrie kaum ang&nglicb. Nur 
mochten wir, wie bereits wiederholt an anderem Orte, auch hier ffir eine 
grössere Einheitlichkeit in den AusfQhrungsbestimmungen der Gewerbeordnung 
eintreten. Da die Landescenlralbehorde jedes Bundesstaates, ja soirar die 
örtlichen Polizeibehörden in dieser Richtung selbständig vorgeben können, 
liefen tbataiehlieh die VerhUtniese so, dass an einem Orte erlaubt, was am 
anderen verboten ist. und unter Umständen braucht ein Industrieller seinen 
Betrieb nur um wenige Meilen in einen benachbarten Huiuifsstaat oder den 
nächsten Regierungsbezirk zu verlegen, um ihm lästigen Bestimmungen aus 
dem Wege zu gehen. Das ffihrt su ganz unhaltbaren Znstinden, und in 
dieser Besiehung ist die deutsche Oewertiegesetsgehung entsdiieden ver- 
beaaernngsbed 0 rf t Ig. 

b> Im Gegensatz zu der clironisch wirkenden Berufskianklieil steht 
der Betriebsunfall, für dessen Verhütung neben den allgemeinen Bestim- 
mungen d«r Gewerbeordnung in den Berufsgenossenschaften noch besondere 
Organe gebildet sind, deren Rechte und Verpflichtungen nach dieser Richtung 
hin das Cnfallversicherungsgesetz vom 6. Juli 1H84. wie folgt. r»'«r('lt : 

§ 78. Die Genoftsenscbaften sind befngt, Ittr den Umfang des UenossenscbalUibezirkes 
oder Nr beettmnte ladostriesweige oder Betriebiartea «der beetiiiiiiit «bsogreoseiide Beiirke 

Vonchriften zu erlassen : 

1. über die von den Mitgliedern zur VerhOtnog Ton UntSlIen in ihren Betrieben zu 
treffenden Einrichtungen unter Bedrohung der Zuwiderhandelnden mit der EinnchUtzung ihrer 
Betriebe bi eine bOhere OefahrenclaMe, oder laUs sieh die letxteren bereits in der höheren 
GeMreaetaMe beRnden , mit ZmcUlgen bis zun doppeltea Betrage Uwer Beltrtige. 

FUr die HerRteiittiitT der ToqieMlutobeiien Elnrichtitngen ist den MitgUedem eine an» 
genieosene Frist zu bewilligen ; 

2. Uber d.is in den Betrieben von den Versiehrrten zur Verhütung von Unfällen an 
beobachtende Verhalten anter fiedrohoag der Zawiderhaodeladen mit Geldstrafen bis aa 
sechs Mark. 

Diese Vorschritten bedürfen ilt r (iciu limiK'iiiit: <li'^ l^■i^tls-^'e^.si('h^rungH:lmtes. 

Dem Antrage anf Brtheilnng der Genehmigung ist die gutachtliche Aensserung der Vor- 
siiade deifeB^ieD fleeHonai, fBr wddie di« Yersehriften OUtigkeit haben sollen, oder, sofern 
die GteMMSeaichaft in Section<<n nieht eingetheilt ist, den Genossenschaftflvorstandes beiznfilgen. 

§ 79. Die .... Vertreter der Arlteiter sind zu der Berathung und BeschlusHfassnng 
der Geno»8enschaft8- oder Sectionsvurstände über diese Vorschriften zuzuziehen. Dieselben 
haben dabei roUes Stimmrecht Das Ober die Verhandinngen anfinaeluaende Protokoll, aus 
wdflhem die Absttmmung derYertreter der Arbeiter erafehtlfek sein rnnss, tst dem Itelehs- 
Versicheninjf^amt vorzulet,'i'n. 

Die genehmigten Vornehriften .sind den höheren Verwaltungsbehiirden , auf deren He- 
sirke sich dieselben erstrecken, dnrch den Oenossenschaftsvorstand mitsathellen. 

§ Kl. Die von den Landesbehörden für bestimmte Industriezweige oder Betriebsarten 
zur Verhütung von Unfällen zu erlassenden Anordnungen sollen, sofern nicht Gefahr im 



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Arbeiterhygiene. 



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YttSOfe i8tf dem bethdllgtes GeaosseaflcbaltovorsUüiüea oder iSectioasvorständen zur Begat- 
aebtoag Dach Maaagabe dei 8 79 vorher nitgetiieUt werden. Dabei findet der $ 79 ent« 

8preclM>nd(> Anwendnn^. 

§ 82. Die Genossenschaften sind befugt, durch lieanftragte die Befolgung der zur 
VerhütUDg von Unfällen za erlasHenden Vorsihriften ZQ ttberwacheu .... 

Die einer GeooMeiuchalt «ngebürenden Betriebsonteinehmer sind verpfUobtet, den als 
solchen legltlmtrten Beanftra^en der betheiHflrten Oenoasensehaft atif Erfordern den Zatritt 

zu ihren Betrirbssfätti ii wilhrend der Betrirliszt'it zu gt st.itten Sir kfJnnen hierzu 

auf Antrag der Btaoftr.igten von (h-r unteren Verwaltuiij,'Hl»ehiirde durch Geldstrafen im 
Betrage bis zu dreihudert Mark angehalten werden. 

§ 8d. Namen nnd Wohnsitz der Beauftragten sind von dem GenosscnschaftsvorHtnnde den 
höheren Terwaltongsbehörden, auf deren Bezirke «ich ihre Thätitrkeit erstreckt, anzuzeigen. 

Die Beauftragten sind verpflichtet, (Im .M.isssj.ihi' <l.s § der Gewerbe- 

ordnung beatellteu ataatUchen Aafsicbtabeamten au! Jürfordem Uber ihre Ueberwaotaungs- 
ÜiBtiigfctft und deren Ergebnisse Mitlhdlnnf xb naAen, nnd k9nnen dam Ton dem Releha- 
Yenicberongsamt durch Geldstrafen bis zn einhundert Ifark angehalten werden. 

Von der ihnen durch diesen 78 einüreriiuraten Befugniss. Unfallver- 
hütUDgs Vorschriften zu erlassen, hallen Ende des Jahres 18i>4 von den dem 
Reiehfl-Veraichemngsaiiit anterstellten 59 g:ewerblichen Berufsgenossenschaften 
53, d. i. VtC/o^ Gebrauch gemacht. 

Wir besitzen heute in der Unfallstatistik (]vy gewerblichen Berufs- 
genossenschaften « welche das Keichs-Versicherungsamt im Jahre 1887 er- 
hoben hat, sowie in den alllShrlich veröffentlichten Rechnungsergebnissen 
der Berufsgenossenschaften ziemlich genaue Anhaltspunkte fOr die Beurthei- 
lung der Erfolge, welche die auf dio Verhiituntr von Unfällen gerichteten 
Bestrebungen bisiantr gehabt haben, und der (iefabrenmomente , auf welche 
die weiteren Bestrebungen gerichtet sein müs.sen. Es ergiebt sich aus der 
erwUinten Statteiik, dass 1887 In 319.453 versicherten Betrieben mit 3,861.560 
versicherten gewerblichen Arbeitern 106.001 Unfälle gemeldet wurden. Die 
Zahl der Verletzten , für welche Entschädigungen bezahlt werden mussten, 
bellef sich auf 15.970. Von diesen hatten 2ü56 = 18,51% den Tod der 
Verletzten, 2827 = 17,70Vo efaie dauernde vfillige, 8126 = 50.88% eine 
dauernde theilweiso Erwerbsunfähigkeit de.s Verletzten zur Folge, während 
die übrigen Unfälle weniger schwere Folircn hinlerliessen. immerhin aber eine 
über die dreizehnte Woche hinausgehende Erwerbsunfähigkeit zur Folge 
hatten. Auf 1000 versicherte Personen entfielen 0,77 Qetödtete und 3,37 
schwer Verletste. 

Die Verletzungen bestanden in 8.51 Fällen in Verbrennungen . Verbrfl« 
hungen und Aetzungen. in ]4.8iO. also in weitaus den meisten Fällen, in 
auf mechanischem Wege herbeigeführten Wunden, Quetschungen, Knochen- 
brflehen o. B. w., in 114 Fällen erstickten, in 147 F&Uen ertranken Personen, 
in 18 FUIen erlitten Arbeiter durch Frost. Blitz u. A. ra. Verletzungen. Die 
Verbrennungen führten in 214 Fällen = '2r>.l,5" (, derselben, die Wunden in 
2465 = 16,61% derselben den Tod herbei. Was die Art des Zustande- 
kommens der Verletsnngen betrifft, so kommen auf Verletzungen durch 
Ifasehinen 4287 Falle = 26,84 Vo, darunter 469 = ]0,94Vo Todest&Ue, auf 
anderweitige Verletzungen 11.(583 Fälle = 73.10" darunter 2187 — 2l.2;t% 
Todesfälle. Unter den Verletzungen durcli Maschinen nehmen der absoluten 
Zahl nach die durch Arbeitsmaschinen verursachten — 2803 die erste Stelle 
ein. Es folgen die Fahrstflhle, Aufsflge u. s. w. mit 899 Unfillen , die Trans- 
missionen mit 369 und die Motoren mit 216. Von den Unfällen an Fahr- 
stühlen u. s. w. föhrten 27.25% tler Fälle zum Tode; bei den Transmissionen 
ergiebt sich eine Todesziffer von 26,02 und bei den Motoren eine solche 
von 17,59%. Dagegen erwiesen sich die Unf&Ue an Arbeitsmascbinen als 
verhält nissmässig weit unt^efährlicher : dieselben hatten nur in 8,21% der 
Falle den Tod zur Folge. Unter den > andei \v( iiiL;<'ii Verletzungen nehmen 
der Zahl nach die Unfälle durch den Zusammenbruch und Einsturz von Fels-. 
Sand-, Erdmassen, Gerüsten u. s. w. die erste Stelle mit 3322 Fällen ein. 



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Arbeiterhygiene. 



Hioriiarh konimon die Unfälle durch den Sturz der Arbeiter von Treppen. 
Lehern, Gerüsten u. s. w., in Vertiefuntj^en u. s. w. und auf ebener Erde mit 
2313 Fftllen. Beim Gebrauch ▼on Handwerkszeufc und einfachen Gerät hen 
ereigmeten sich 898 entschädiirunirspflichti^e Unffillo. Die schwersten Folfren 
hatten, abg'e>'ehen von (!< ti riifälleii bei (h-r Scbifffnhrt . die uns hier nicht 
interessiren. diejenij^en beim Betriebe von iJanipfkesseln, von denen 48,UU"/o, 
und diejenigen beim Umgehen mit feuergefährlichen, heissen und ätzenden 
Stoffen, von denen 34.3 l^o tSdtlich verliefen. 

I)ns aujrenfäIUg:e in die Ersrhrinunirtreten des Bei riehsunfalles hat xcr- 
häit nissniässii»- viel früher als auf dem Gebiete der Berufskrankheil cii auf 
Mittel zur Verhütung sinnen lassen, und namentlich seit dem Erlass des 
UnfallveraicherungsgeneteeB ist ein ausserordentlicher Aufschwunir in der 
Technik nach dieser Hii htunjr zu erkennen {rewesen. Im Grossen und Ganxen 
ist nach dem Urtheil ib-r berufensten Sachverst ändiir<'n bezriirlicli der Her- 
stellung von Schutzvorrichtungen und der Durchführung von Sicherungs- 
einrichtungen Oberhaupt wohl schon Alles gresehehen. was auf diesem Ge- 
l)ieii' geschehen kann. Es handelt sich im Weseni Iii Inn nur noch darum, 
das Erreichte zu bewahren. In einem um so auffalleiub'reii (i('ir»Mi^;il /. zu 
dieser Thatsache steht die gerade in der letzten Zeit hervorgetretene und 
mehrfach Gegenstand der Erörterung gewordene Erscheinung, dass die Zahl 
der Unfälle, allen technischen Verbesseruniren xum Trotz, nicht abg:«iommen. 
im Gegentheil zugenommen hat und dnss nur die schweren Unfälle, und 
auch diese kaum nierklicli. weniger geworden sind. Nach einer Be'rccbiiiuiji'. 
der die Zahlen zu Grunde liegen, welche in den amtlichen Nachricbten d«'s 
Reichs-Versicheruniirsamtes Aber die RechnungsOTgebnisse der Berufsfrenossen- 
schaften veröffentliclit sind, ist in den Jahren 1885 — 181»'J die Zahl <ler ge- 
m<»ldeten Unfälle bei den gewerblichen Berufsgenossenscbaften im Verhält niss 
zu den versichert (>n Personen von 26,9 auf 32,5°/oo gestiegen, und auch die 
entschädigungspflichtigen Unfälle haben eine Steigerung von 2.8 auf ^.6^/oo 
erfahren. Im Verliältniss su den fiberhaupt gemeldeten Unfällen sind die 
enlscbridigungspflichtigen von lO.fi auf IT.S" ,, ncsl . wniirrrnl sich nur 
in dem Verliältniss der schweren Fälle zu den entschädigungspflichtigen Un- 
fällen ein Zurückgehen bemerkbar macht; erstere sind von 40,8 auf l6.7*/o 
gefallen. Der Procentsais der schweren Unfälle im Verhältniss zu den über- 
haupt gemeldeten ist von t.:i auf l'.'.i heruntergegangen, und auf 1000 ver- 
sicheite Personen berecbnel. isl ein Hücksranir von J.l auf n.lt zu verzeichnen. 
Hierbei dürfte zweifellos der Umstand eine Rolle spielen, dass den schweren 
UnTIlIen sowohl seitens der Arbeltgeber als seitens der Versicherten von je 
die volle Beachtung geschenkt ist, 80 dass diese Fälle schon seit drm In- 
krafttreten des Unfallversirlicrunu'stresetzes ziemlich vollznbiig zur Meldiintr 
gelangt sind, während bei den leichteren Unfällen die Zahl der Meldungen 
mit der besseren Kenntnis» des Gesetzes gestiegen ist. Da mithin die An- 
zahl der schweren Fälle sich ungefähr gleich blieb, die Zahl der leichteren 
Fälle aber zunahm, so musste sich das Verhnil niss der ersteren zu den 
letztrrcti trunsl i^rer treslalten. Hin Tbcil tier Verniindi-rniii; der schweren 
Fälle wird aber sicher auf Rechnung der Massregeln zur Liifallverhiltung zu 
stellen sein. Immerhin aber entspricht diese Verminderung nicht den Rr- 
wartungen. die man allgemein gehegt bat und die man zu hegen wohl hr 
H'chtigt schien. In den bet beiliirl eri Kreisen ist man geneiiit. diesen Umstand 
einer Lücke zuzuschreiben, die noch in der Art und Weise besteht, wie die 
Befolgung der ünfilllverhBtungsvorsehriften controlirt wird. Wie in den letzten 
Jahren Alles darauf hingedrängt hat. eine Reform «ler siaatlicbrn (icwcrbe- 
aufsicbt anzusl reiten und \n Aniiriff zu nehmen, so wird aucli bii-r die tiacliste 
Aufuabe der Zukunft die Reorganisation der beruf.sgeno.ssenschaU liehen 
Institution der technischen Beauftragten sein. 



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Arbeiterhygiene. 



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II. iJic Gf'wcrlx'liyfrit'iio im wcitcron Sinne iinifns>t iiclicii di-n s.niit ;ii-cn 
Interessen der in (U'n Gewerben besclmftijflen Fersoni-n nun auih noch in 
sweiter Linie die der Anwohner der Betriebe, soweit die Abwehr der von 
letzteren ausgehenden SchSdlichkeiten in Frage kommt. Die Grundlagre fOr 
diese Ahwehr bildet folgende Hestlmmunp der deutschen Gewerbeordnung: 

§ 16 , Abs. 1. Zar Erricbtnng Ton Anlagen, welche dnrch die örtliche Lage oder die 
Becebaffenbeit der BetriebsatHtte fOr die Besltier oder Bewohner der benaebbarlen Qntnd* 
■ticke oder für das Pnblicnin ilbcrh.nupt crlifMiclic N:u lithi-ilc. (Jcfaliren oder IVlilstifjuiiiri n 
berbeiführen künneo» ist die UciicbiniguDg der nach deu Laude8ge»ctzeu zuständigen ISt-hürdt: 
ertorderlieb. 

Damit ist den betreffenden Behonlm die Handhabe iretreben . l>"i der 
Concessiom'runir (b'r in Frntre kommenden Gewerl)el)ft riebe die Ausfüln-imc 
derjenigen Kinrichtunij;en zu verlangen, welche gesundheitliche Schädigungen 
und Belästigungen der Umg^ebungr su verhindern geeignet sind. Die Gewerbe- 
ordnungr griebt im % 16 ein Verzeichniss der genohmigun^rspflichtifren Anlagen 
mit dem Znsnt7e. dass dassell)e durch Reschluss de-; Hundesrnthes, vorI)e- 
halllicb der (i»-nebini'4iinL^ durch d«'n Heicbstan". abueändert werden kann. Das 
\'erzeichniss enthält zur Zeit die folgenden Anlagen: 

Abdeckereien, Albmnlnpapler (Anlagen rar HerateUnng davon ; so aneh bei den blgen- 

dt ii , mir dnrch das Prodnct bfZeichni'ten AnlafjiMi zu Irscn); A^iplialtkorhcreien , Bancon- 
Htructionen (i'isernf) , Hlfchjrefiisso (auch Vcruii ti ii i . ISrauiikühlenthetT (ausserhalh dek 
GcwinnnngKortes de» Alatcrialsj , l<rlickcii und UrUckenconKtractiooen (elaeme), Cclluloid, 
Cellulosefabrilten, Cbemiaclie Fabriken aller Art, Dacbfilxfabriken , Dachpappenlabrilten, 
Danpfkesaelfabriken (aneh Yemioten), DarmsaitenfiibTiken, Damisnbereitiinig'sanatalten, Deirras- 
labrikcn , Dun^pulvfifabrikcn, Erdöl tDcstillatioii) , FiniTwcrkircicii , l'iniisssicdcreifn , iJas- 
beri'itung, Gasbewahrung, Gerbereien, Glaeblttten, Gypsüft-u, Hammerwerke, IiopIen-ächwefel> 
dämm, Inpri^ining von Hole mit erbitsten Thecrtflen, Kalifabriken, Kalkflln, Knochen* 
bleichen, -Brennereien, Darren inid Korbereien, Kokabereitunj; ausserhalb des OcwinminKS- 
Ortes des Material!*, KunsUvullIalnikt ii, Lcnnaiedereien, Metalle, rohe i Anlagen zur (ir w inniiug;, 
MetalJglessereien rausschlicsslich blosse Ticgdgiof'sercienj , Pechsiedereien (aus-crlmlli dea 
Oewinnnngsortes des Materials), Poudrettelabriken , Köbrenlabriken (ans Blech durch Ver^ 
nieten), RSatSten, Rnssbfltten, PchicsspulTerfabriken , Bebiffe (eiserne, Baa), flchllehiereien, 
Schnellbleichcu . Reifensii dereipn , Stau.iiil.ntr>"n für \Va>s('rtrieli\verki>. Stilrkefabriken (aus 
genommen für KartoIIeltiitarkei , StarkeM rupfabrikeu , .steinkohlcntheer i ausserhalh des Ge- 
winnnng^ortos des 3Iaterials), 8trohpapierstotffabriken , Talgschmelzen , Theer , Tliccrwasner 
(De«>tniation oder Verarbeitung), Thierlelle (ungegerbte, Trocknen und Einsalzen derselben), 
Thierhaare (Anlagen zur Zubereitung), Tbransiedereien, Verbleiongs-, Vcrzinnungs- und Ver- 
Binknngsanatalten, Waehstndifabriken, Zleg«l(ifen, ZOndatoIIe. 

Vom sanitären Standpunkte verdienen hier vor Allem zwei Gruppen 
▼on Gewerbebetrieben iH-sondere Heacbtuny:. das sind ,v diejenigen, welche 
durch staub- und gasförmige Kmnnalionen die umgebende Luft zu verun- 
reinigen geeignet sind, und b) diejenigen, welche durch flOssige Abgänge den 
Wasserläufen schädliche Beimengungen sulQliren. 

<? Verhält nissmässig am V(dlkommensten gelöst ist die AufL-^abe da. 
wo es sich um die Unschädliclimnchung staubförmiger Fabricationsabgänge 
handelt. Hier hat in erster Linie nicht ho sehr das sanitäre, als ein wichtiges 
wirthschaltliches Interesse cur Einffihrun^ zweckentsprechender Binrichtunffen 
gefuhrt. In vielen Betrieben, so in der Bleifarbeninduslrie. der Cement- 
fabrication, der Tbomasschlackennuillerei u.a.. biblen die s(aul»förmiy:en .Ab- 
gänge ein werthvolles Product . dessen Wiedergewinnung die Anschaffungs- 
und Betriebslcoslen solcher Anlagen reichlich lohnt. Indessen haben von 
diesen, zumeist aus Xrit/!i( -bkeitsgrunden nngere<rt en Bestrebimgen auch 
andere IndustriezwelL;»'. in welclien der durch den Aiheitsproi-ess erzenirte 
Staub nur die Holle eines werthlesen Abfalles spielt, den Antrieb erfahren, 
die von einer immer mehr vervollkommneten Technilc fflr diesen Zweclc zur 
Verfa^mifr grestellten Mittel lediiplich von sanitären Gesichtspunkten aus für 
sieb nutzbar zu machen. Das Princip der in Frag*e komm«'nden ICinrich- 
tUBgen bestellt darin, dass die von den stauberzeugenden Masdiinen und 
Vorrichtungen abgeführte Luft (vergl. I. ai. ehe sie ins Freie tritt, durch 



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Arbeiterhygiene. 



Filtt rstofle geleitet wird, die den Staub zurückhalten und in geschlossenen 
Beiiältern sammeln, von denen er in Säcken oder Fissem abgenommen 
werden kann. Da die Gewebe sich rasch terseUen, mnss in knrsMi Zwischen- 
räumen eine Reinigrung derselben crfolercn. die in der Regel dutdi l incn 
kräftijren Luftstrora l)ewirkt wird, der zeitweilig in einer der Siauhluft 
entgegengesetzten Ridituug zugeführt wird ; um die Wirkung zu erhöhen, 
werden die Filter selbstthltig durch mechanische Vorriditungen grerdttelt, 
beziehungsweise g:ekIopft oder umgestQlpt. Verunreinigungen der Luft durch 
austretenden Staub können durch derartige Einrichtungen in ziemlich voll- 
kommener Weise verhindert werden. 

Als ein vorläufig noch nicht gelöstes Problem ist die Verhinderung der 
Bellstigung der Umgebung durch die Verbrennungsgase der Fabrikfeuemngen 
anzusehen. Zahlreiche VorsclilStrc für »rauchvcrzpliifiulc«. ''r.nichv('rl)renn<*ndp«, 
»rauehvermindernde«, »rauchverhütende« Einrichtungen sind gemacht worden, 
ohne dass diese Anstrengungen bisher von einem durchschlagenden Erfolg 
begleitet gewesen wlren. Diese Thatsache hat neuerdings dem preussisdien 
Minister för Handel und Gewerbe Veranlassung gegc^bcn. eine aus Vertretern 
der verschiedi'ncn Rcgierungsressorts und der Dampfkcssrlrovisionsvcreine 
zusammengesetzte Commission zu berufen, welche systematische Versuche 
nach dieser Richtung eingeleitet und darOber im Jahre 1894 einen Bericht 
erstattet hat. der aber erst als ein vorläufiger SU betrachten ist. Nach den 
bisherigen Eryfcljiiisscn ist zu hoffen, dass die Versuche nicht erirebnisslos 
verlaufen werden. — Um der Lösung der »Hauchbelistigungsfrage« auf 
anderem Wege näher zu kommen , hat der deutsehe Verein ffir öffentliche 
GesundhettspHege auf semer Versammlung in Frankfurt a. M. 1888 die For^ 
derung nach einer ircsct zlichcn Handhabe aufgestellt, um von hrstimraten 
Thoileii (li's Gcmeindebezirkes ^i worblichc und industrielle Anlatren. welche 
durch Ausdünstungen, Rauch oder durch lärmenden Betrieb die Gesundheit 
der Bewohner oder die Annehmlichkeit des Wobnens beefaitrftchtigen , fern- 
zuhalten«. Eine Reihe von deut.sclien Städten, unter anderen Dresden. Frank- 
furt a. M.. Altona, haben bereits durch Ortsstatut dahin zielende Äbgren- 
Zungen vorgenommen. 

Neben den Verbrennungsgasen der Kohle sind es dann weiter eine 
Reihe von Huttengasen, in erster Linie die sauren Dämpfe, welche beim 
Rösten der Schwefelmetalle, besonders in den Zink-. Blei- und Kupferhütten, 
bei der Darstellung von Alaun aus schwefelkieshaltigem Alaunschiefer und 
bei allen Industriezweigen, in denen Sulphate bei hoher Temperatur zersetzt 
werden, in die Umgebung entweidmi, die zu sanltlren Bedenken Anlas» 
geben. Auch die Hopfenschwefeldarren, in denen der Hopfen zu seiner Con- 
servirung geschwefelt wird, verunreinijren die Luft durch entweichende schwef- 
lige Säure. Zur Unschädlichmachung dieser Gase sind mit mehr oder min- 
derem Erfolg die mannigfachsten Sinrichtungen getroffen, auf die wir hier 
im Einzelnen natürlich nicht eingehen können. 

h} Die durch flüssige Abtrünge gewerhiiclier Aiilaireii herlieiirefütirte, 
in einigen Gegenden sehr hochgradige V^erunreüiiguug der öffentlichen Wasser- 
Iftufe hat ebenfalls tu Missstftnden gefCthrt, die emsteste Beachtung Ter^ 
dienen. Dieselben bestehen zum Theil darin, dass das verunreinigte Wa.sser 
die Gesundheit direct zu schädi<ren im Stande ist. zum Theil daiin . dass 
die Anwohner durch die .Ausdünstungen di's Wassers belästigt werden, oder 
dass die naturgemässe Benutzung des Wassers für den Trink- und Haus- 
gebrauch , auch ohne dass das Wasser geradezu schädliche Eigenschaft^ 
angenommen hat, beeinträchtigt wird (R. Koch). Für die Beurtheilung der 
Schädlichkeit der verschiedenen Abwässer und der Mitte] ihrer Unscbäd- 
lichmachung theilt Jurisch die.selben in folgende drei Gruppen: 1. Abfall- 
Wasser mit stickstoffhaltigen organischen Verunreinigungen ; 2. Abfallwaaaer 



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Arbeiterhygiene. 



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mit in der Schwebe gehaltenen festen Körpern; 3. Abfallwasser mit vor- 
wiegend mineralischen Substanzen. 

In die erste Gruppe irehören die Abg^änge folgpender gewerblichen An- 
lagen: Abdeclcereien und SrhlSchtereien . Gerbereien und Lederrärbereien, 
Milchwirt hschaften und Al])umiufabriken . Wollwäschereien und Walkereien, 
Woll-, Baumwoil- und Seideäpinnereien und -Webereien, Industrie der Be- 
kleidung nnd Reinigrung, Placliszabereitung, StlrkemeUfabriken, Zuckers 
labriken, Bierbrauereien. Hrennereien und Spiritusfabrikettf Weinbereitung 
nnd Essigfabrication. Ollulnse-. Holz und Strolistoff . Pappen- und Papier- 
fabrication. Seifensiedereien, Industrie der Feltkörper und des Glycerins, 
Verarbeitung der Knochen, Leimsiedereien und DQngerfabriken, Farbenfabriken, 
Barbareien und Druckerei<rn. — Die hier au'gezShlten Abginge haben das 
Gemeinsame, dass sie entweder schon in F'Kulniss begrriffen sind oder in 
Fäulniss üb('rg:ehen könnf n. Alle Abfälle dieser Gruppe, welclio als infections- 
verdächtig zu betrachten sind, müssen desinficirt werden, diejenigen, welche 
nicht als inf^ctionstthig anzusehen sind, können verschiedenen Behandlungs- 
woisen unterworfen werden, um einerseits die Verunreinigung der Gewässer 
durch dieselben mofrlichst zu verhüten und andererseits, um dieselben fi'r 
DQngzwecke lu verwerthen. lieber die zahlreichen Methoden ist die reich- 
haltige, bei KOmo nnd JmuSGH (s. Literatunrerseichikias am Schlnss des 
Artikels) angegebene Specialliteratur einzusehen. 

Die zweite Gruppe iimfnsst folirfiidc Betriebsarten: Erzwasclien und 
Pochwerke. Steinkohlenwäsciien, Braiinkohlenwäschen, Ammoniaksodafabriken, 
verschiedene Betriebe der Textil- und Holzindustrie. — Diese Abwässer 
können durch einlaches Absetzenlassen oder FUtriren Terh&ltnissmässig leicht 
unschädlich gemacht werden und kommen andererseits sanitär wenig: in Be- 
tracht ; ihre gemeinsame Schädlichkeit, wenn sie einer Reinijjunp: nicht unter- 
worfen werden, besteht darin, dass sie ein mechanisches V^ersanden oder 
Verschlammen der FlQsse verursachen können. 

In die dritte Gruppe sind die Abwässer folgfender Betriebe zu rechnen: 
Erzberffbau, Kupferextraction. Zinkextraction. SttMiikolilen- und Braunkohlen- 
bergbau, Steinsalzbergfbau , Chlorkaliumfabriken, Kokereien, Leuchtgasan- 
stalten, Thee^^'e^arbeitung, Petroleumreinigung, gewisse Abwässer aus Farben- 
fabriken, Firbereien, Bleichereien und Gerbereien, Soda- und Potasche- 
fabriken, Chlorfabriken, chemische Kleinindustrie, Metallverarbeitung. — 
Die schädlich wirkenden Stoffe sind in diesen Abwässern in niebr oder 
weniger vollständig gelöstem Zustande vorhanden, und ihre Schädlichkeit 
richtet sich in jedem Falle nach dem VerdOnnungsgrade. Sie können da- 
durch unschädlich iremacht werden, dass sie auf den entspredienden Ver- 
dunnunpsprad . der für eine Reihe der betreffenden Substanzen annähernd 
ermittelt ist, gebracht w^erden. Für eine Keihe dieser Abwässer giebt es 
chemische Reinigungsverfahren, die tum Theil darauf basiren, die AbflUle 
wieder nutxbar zu machen. 

Literatur (s. auch die Literatur zu (U-n Artik« In A r I) ( i f r rh ygiene und Arl)piter- 
schntz): Bericht Uber die allgem. deutsche Auästcllung auf dctu Gebiete der Hygiene und 
des RettuDgBwesens. Breslau 1886, III. — Bericht über die deatacbe allgem. Anastellang fOr 
UnfaUverhatung. Berlin WM). — Albbbcht, Handbuch der pralctiHchen Gewerbchrgiene. 
Berlin 1894/95. — AtBRKCHT, Der gefletzHcbe Schutz gewerblicher Arbeiter gegen Gefahren 
tttr Leben nnd Gesundheit. Schmollkk'ü Jahrb. f. GeKetzgeburig, Verwaltung und VoDcswirth* 
•ehalt. löM), XIV, 1. Heft. — £tut, Die deutsche Gesetzgebung zum üchutze von Leben, 
Oesandheft und flittllebkelt der fswerbllchen Arbeiter. ZVII. Abschnitt von Aubbcbt, Hand- 
bnch der pral(ti.«ichen Gewerltehypicne. Berlin 1894 9ö. — Platz. Dii- riifallvcrhUtuncr*vor- 
•cbrilten. Berlin 18sy. — Anitlielu- Nachrichten <le» Reichs- Versicherungsamtc!*. 1890, iS'r. lU 
and 1^, Nr. 3. — Die Berufsgenodsenschaft. 1893. Nr. 5. — Bericht Uber die Sitinnfea der 
Commlsslon zur PrOJang und Untersuchung von Kaucbverbrennungs- Vorrichtungen und Uber 
die im Auftrage dieser Comraission ansgefilhrte Prüfung von Einrichtungen nnd Feuerungen 
zur Kaui tiverminderung bei Dan)prke,>*seln. Berlin IS'.U. — Oertlielie Lage der Kabrilcen in 
Städten. Verbaadl. der 14. Versamml. dea deutscheu Vereins lUr ülfentl. Ge»undheitspllege 




S8 



Arbeiterhygiene. — Arsen* 



Itrauiitichwcig 1885). Kiixu;, Vfiunroiniguiig d»'r GewüKaer. Berlin 18f<7. — Jiuistu, Du« 
V«ninreioiging der G«wlMer. Berlin 1890. H. Albneht. 

Af^entoly eine x'on Franz Fritzsohb & Co. dargestellte Verbindung 
des Silbers mit Chiiiosol . Cy ügN . OH . SO, . Ag: . welche bei Gefrenwart 

scplisi-hcr Stofft' in ibrc ConipoiiiMil cn /rrfSlH und dadurrb desinficirend 
wirkt- Das Präparat stellt ein tjelbliclies. fast {jeruchloses. in Wasser, Alkohol 
und Aether sehr schwer, in heissera Wasser etwas leichter lüsliehes Pulver 
dar, welche« beim Glflhen 32,07**/o Asche hinterlftsst. Erfaitst man das Pnlver 
llngrere Zeit mit Wasser, so wird das Silber in höchst feiner Vcrt licihiog 
al)tr('spalt('n und kann mit Hilfe eines Stäbchens zu t^lan/.enden Pläitchen 
iferieben werden. Der Silberffehalt beträjjrt Jil,7^o. Ein äusserst enipfind- 
lichee Keagrena auf Argentol ist das Biaenchlorid, welches In sehr verdflnnter 
LSsungr (1 : 20.000) noch eine deutlich blauSTÜoe FSrhun^r verursacht. In 
den von Ai'KRECHT aiisMcfiiiiri i ti ni'sinfectionsvfrsiir-hen zeigte sich dasArgentol 
in LÖHiun}>-en von O.ö ^ dem Sllhernitrat überlegen. 

Literatur: Pharm. Ztp. 18!>7. Nr. 2H. Lo,-hisrh. 

Arsen» Die Fraye. oh im Falle des Auffindens von Arsenik in einem 
auf einem Kirchhofe, dessen Erde arsenhaltig ist. längere Zeit begraben ge- 
wesenen Cadaver das Arsen ans der Kirchhotserde in den Leichnam 
dringen könne, ist in älterer Zeit insgemein nach dem Vorgange von Ohfila 
neuativ beantwortet worden, weil man annahm, dass in der Erde das Arsen in 
einer nicht in Wa»8er löslichen Form enthalten sei. Diese Antwort kann 
ledoch nicht mehr als völlig zutreffend betrachtet werden, seitdem der Be- 
weis geliefert worden ist. dass in einigen Erdproben das Arsenik in einer 
wns><erlnslichen Vi'rbindnim" vorliaiidcn war. Dass die Mögliclikfit «'Ines Ein- 
dringens von Arsen aus derart i^r^r Kirchhofserde in die darin l)e;:rabenen 
Leichname unter Umständen gegeben ist. l^ann nicht zweifelhaft sein, und 
es wird deshalb IGr die gerichtliche Expertise sich stets die Aufgabe stellen, 
in jedem Einzelfalle nicht allein die Frage, ob das Arsen in wasserlöslicher 
oder nicht wasserlöslicher Form in der Kirclihoferde vorhanden war. tlurch 
chemische Untersuchung festzustellen, sondern auch die Umstände zu erwägen, 
welche das Eindringen In den Leichnam ausschliessen, unwahrscheinlich oder 
denkbar machen. Auf die wesentlichen Umstände dieser Art hat der Wiener 
Chemiker Schnfipfr ') schon lHr»2 hingewiesen, doch sind noch mancherlei 
neue 'I hatsachen durch eine aus der neuesten Zeit stammende Untersuchung 
Kratter's*) hinzugekommen. Man sieht daraus, dass die Frage nicht all- 
gemein, sondern von Fall zu Fall beantwortet werden muss. 

Der Nachweis, dass die Erde eines Friedhofes Arsen enth&lt. Ist för 
die forensische Benitlieiliing der Frage, inwieweit sdIcIk-s ans der Friedhof- 
erde in den Leichnam eines dort Begrabenen eingedrungen sei. für sich allein 
ganz unzureichend. Er begründet selbst nicht einmal die Wahrscheinlichkeit 
eines solchen Eindringens, weil das Arsenik in der That nach Walchnbr*) 
und SoNNEXSCHKlN '1 Heslaiidt heil aller an Eisenoxyd reichen Erdarten (Thon, 
Mergel. Ucker) ist und die auf solchen Bodenarten angelegten Kirchhöfe so- 
mit sämmtlich arsenhaltig sind. Wahrscheinlich handelt es sich hier um 
arsensaures Eisenoxyd, das sicli /war leicht in kochendem Wasser, aber nicht 
in kaltem löst und deshalb auch von dein in den F^odeti eindrinireiulen Regen- 
was.ser nicht zu den Leichnamen bingefOhrt werden kann. Nach G.ar.\ibr 
und ScHLAGDBNHAUFFEN wird nicht allein das im rothen Sandboden der 
Vogesen vorhandene Eisenarsenlt durch R^nwasser nicht tiefer in den Boden 
geführt, sondern es geht auch aus Lösungen von arseniger Saure, von arsenig- 
snurem und nrsensaurem Alkali das Arsen in kalk- und eisenhaltigem Thon- 
boden nach und nach in unlösliche Verbindungen über, so dass in der Tiefe 
von 1,6 — 1.9 Meter unterhalb der mit den Solutionen benetzten Stellen selbst 



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Ara«n. 



29 



nach 14monatlicher Infiltration von Regenwanfler keine Spor Arsen zu finden 

ist. Neben den Friedhöfen, deren Erde eine solclu» in kaltem Wasser unloe^ 
liehe Verbindung enthält, kommen al)er auch sob iie vor iti denen das Arsen 
zwar in einer in kaltem Wasser selir schwer, aber keineswegs völlig unlos- 
Uclien Verbindung existirt. In der Kirchhofserde von Ekieisbach bei Feldbach 
in Steiermark eonstatirte Rbinitzrr einen so erbeblichen Arsengrehalt^ dass 
dieser quantitativ mit dem in (Mnem fünf Monate nacli dem Tode exhumirten 
Leichnam gefundenen ültereiiistimmtc i'M Mirrm. in liioO Grm.K Di«' darin 
enthaltene V'erbindung war in kaltem Wasser und auch in Kulilensüure- und 
ammoniakhaltigem Wasser In so getingeta Hasse lOslich, dass aus 2S0 Gnu. 
Erde nicht mehr als etwa ' M}rrm. arseniper S&ure auffidüst wurde. Da- 
gpjren ergab sich, dass durch f()r(ir<'s<'tzt(> Auslauirung der Erde immer wieder 
auf's Neue derartige win/.i<;e Mengen Arsen in Lösung gingen, so dass also 
die Möglichkeit nicht aus^reschlossen ist, dass durch wiederholtes Eindringen 
von Regrenwasser ali*>rdin<>:s kleine Mengen von Arsen zu den Leichnamen 
gelanfren konnten. In difsem Falle ist allerdinirs die Klrchhofserde nicht in 
der Tiefe von l — 2 Metern untersui iit worden ; es ist daher nicht ausge- 
schlossen, dass in tieferen Schichten der Arsengehalt ein noch beträcht- 
licherer war. 

In Fällen, wo die Kirchhofserde eine Arsenverbindung von der ange- 
gebenen Beschaffenheil hat. wird ubriu-ens in erster Linie die Fratre zu ent- 
scheiden sein, ob überhaupt hinreichender Feuchtigkeitsgrad vorhanden ist^ 
der eine solche Imprägnation veranlassen könnte. Sdion Schnbidbr wies 
darauf hin, dass bei fehlender Feuchtigkeit Oberhaupt an Ablagerung fremder 
gelöst ei- (xlei- Mufireschwemmter Stoffe nicht zu denken sei. und dass nur, wenn 
der Feuchtigkeitsgrad der entfernteren Umgebung den der unmittelbar mit 
der Leiche in Contact stehenden überwiegt, eine Strömung arsenhaltigen 
Wassers ansunehmen ist. Stehen hreiUch, wie in Edelsbach, die Sftrge wegen 
der Schwerdurchlassiffkeit des lehmigen Bodens zeitweise im Waaser« 80 ist 
die Möglichkeit der Durchtränkung an sich nicht ausgeschlossen. 

In solchen dubiösen Fällen können Zustände des Sarges und des Leich- 
nams von wesentlicher Bedeutung werden, um zu einem bestimmten Ausspruche 
zu gelangen. Ist der Sarg unverletzt und der Leichnam noch oinigermassen 
gut erhalten, sind namentlich Körperhöhlen nicht eröffnet, so ist liöchstens 
ein Niederschlag auf die äussere Oberfläche, nicht aber ein Eindiingen von 
Arsen in die inneren Theile möglich. Schon Schnbidbr wies darauf hin, dass 
bei momlenartiger Vertrocknung der Leichname, wie man sie frOher mit Un- 
recht als eine liäufiq: bei Arsenicismus vorkommende ansah, ein Arsengehalt 
der inneren Partien nicht von der Kirchhofserdc herrühren kimn«'. Ganz anders 
gestalten sich aber die V'erhältnisse, wenn die Leiche im Zustande der Fäul- 
nisB sieh befindet und der Sarg nicht mehr intact ist Richtig ist bestimmt 
der Ausspruch von Schneider, dass, indem die Fäulniss nur hei Gegenwart 
von Feuchtitrkeit möglich ist. bei gleichzeitiger Trockenheit des Bodens die 
Imbibitionsrichtung von faulendem Cadaver zur Erde zufolge der einfachen 
Gesetze der Capillarwirkung weit st&rker sein mOsse wie umgekehrt Ist 
aber der Sarg so zerfallen, wie dies ja bei Exhumationea oft vorkommt, dass 
die die Knochen verschliessende schmierige Modermasse von der darüber ge- 
fallenen Erde nicht zu trennen ist, so kann selbst das etwa in den Knochen 
nachzuweisende Arsen aus der arsenhaltigen Kirchhofserde stammen. Kiiatter 
fand in Knochen, die olme Sarg Decennien in der Erde gelegen hatten, und 
zwar sowohl in den Maschenräumen der Spongiom von Wirbeln und Rippen, 
als in den Markhöhlen der Röhrenknochen eine ungemein feine, wie ge- 
schlämmte Masse, die sich mikroskopisch als feiner, anorganischer Detritus 
von gleidier Art wie der Süssere erdige Belag auswies. Dies liefert den 
Beweis, dass bei weit fortgeschrittener VerwittM-ung eine mechanische Ver- 



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80 



Anen. — Autoekopl« «kr Luftwege. 



mengang d«r tiin(ir«b«ndeii Erde mit den Leidtenresten stattfindet In eolehen 
Fällen kann von der Mög^lichkeit eines Nachweises einer Arsen Vergiftung 
selbst dann nicht die Rede sein, wenn das Arsen in Form einer in Wasser 
und ammoniukalischer Flüssigkeit unlösUchea Verbindung in der Kirchhofs- 
erde sieh vorfindet. Sehr riehtig weist Krattbr auf die bei jedem Falle 
von Exhumation bestehende Gefahr der Verunreinigung dw Leichenreste mit 
Kirchhofs^^rdc hin. die sohr leicht dureh die mit £rde venureinigten Hftnde 
des Obducenten geschehen kann. ") 

Literatur; ') Scbheider. Gerichtl. Chemie. Wien 1852. pag. 221. — ») Kkatter, 
Ueber das Eindringeo von Arsen auH dtT Krit ilhoJ»t'rde in deu Leiohnatn. Wiener klin. Wochen- 
schritt. 1896} Nr. 47. — *) WALcamB, Ubaerration aar le enivre et rarttenic, qui proaveot 
qae eea deox n^nz lont r^andos partout. Compt. read. 1846, XXVI, pag. 612. — *} flomna» 
8CHSIN, Ueber die Verbreitung des Arseniks in der Natur. Vierteljabrschr. f. gerichtl. Med. 
N. F. 1870, Xill, p:\g. H)9. — *) 8cBLAOi>KimAurFKN nnd Oakhisb, L'arnenic du hoI des eime- 
titires, an point de vne toxicologique. Compt. rend. 1886| C, pag, 188H. — «) Weitere Lite- 
rator findet sieb in der unter *) erwähnten Arbeit Ton KaAm». Gutachten ttber einxelne 
Oerlehtami«, In denen die Frage des Ueberganges von Arsen ans der Kirchhofserde erOrtert 
wurde, bahoii M.kvki (Sur reiiipDisonm-ment par rarsenic. .\iiiial. dliyg. publ. 1879, I, 
pag. 148), BaouAKDu. und Pomcbkt (Emp. par l'ardönic. Ibid. 1885, XIV, pag. 73) nnd Leo- 
wio oad MADTBKn (Ueber du YorlnaiBen von Anen in FriedluttiMrde. Wiener klin. Woeken- 
•chrtlt 1890, Nr. 86) TerOttSntiieht Xuaemmnu. 

Antoskople der Luftwcse* Die im vorigen Bande der Bncy- 

clopädisclien JalirbQcher gegebene Darstellung erfordert einige Veränderungen 
und Krtränzuntrcn Ks lii<»ss damals : >Zur Ausübung der Autoskopie des 
Kehlkopfes und der Luftröhre genüget in ganz günstigen Fällen (statt des 
sogenannten Autoslcopes) irgend ein gewöhnlicher knietSrmfger ZungenspateLc 
Nach dem ietzigen (im April IBUG erreichten) Stnnde der Technik können 
wir sagen: Die Autoskopio ist reine Spa t ol t cc !i nik geworden, zur aiilo- 
skopischen (totalen oder partiellen) Besichtigung des Kehlkopfes und der 
Luftröhre genQgt bei Erwaohsenen in allen Fällen, in denen (und soweit 
bei Omen) die Methode fiberluuiiit ausfahrbar ist, ein knieförmiger Zungen- 
spatel — freilich nicht irgend ein beliebiger (etwa (\rr FRANKEL*sche\ son- 
dern der von W. A. Hirschmann in Berlin geferiig^te Km.'=?TF.t\ sche Zungen- 
spatel (Fig. 1). Dieser Spaltel ist flach, d.h. nicht rinnenfürmig wie die 
im vorigen Bande beschriebenen sogenannten Autoskopspatel, denen er aber 
wiederum durch die endst&ndige Delle ähnelt. In allen seinen F'orm- und 
Grössenvorhültnissen ist mein Zungenspatel aufs Genaueste berechnet und 
abgepasst. Einen ganz besonderen Werth lege ich auf die richtige Biegung 
des vorderen, auf die Zunge aufzusetzenden Endes. Die Spatelfläehe erleidet 
hier einen Abfall von 1 Cm., weldier auf 5 Cm. Länge vertheilt ist ; die Curve 
bildet das Segment eines das gerade Spatelstück tangirenden Kreises von 
13,5 Cm. Radius (Fig. 2).* Die gesammte Länge des Spatels bis zur vorderen 
Begrenzung des Handgriffes beträgt 1Ü,8 Cm. Die Breite beträgt am her- 
untergebogenen gedellten freien Bnde 1,8, am geradlinigen Abschnitt 1,9, an 
der dazwischen liegenden talllenförmigen Verschmälerung (vergl Fig. 1 b) 
1,4 Cm.** Das Metall der Spatelplatte ist durchweg gleichmässig dick. 2..') Mm. 
Der Handgriff des Spatels hat eine Vertiefung, in welche das Endglied des 
Daumens so gelegrt werden kann, dass swisehen der Hand des Untersuehers 
und dem Niveau der oberen Spatelfläclie kein Metall unbedeckt bleibt (vergL 
Fig. [. ■'). (1); auf diese VV'cise sind slöreiidf Reflexe beim Auffallen grellen 
Lichtes vermieden. In letzterer Hinsicht i.st es am be.sten, wenn der Spatel 
mattirt ist. — Ein primitiveres, ebenfalls völlig leistungsfähiges, freUloh wohl 
nicht ieder Hand gleichermassen gerechtes Modell meines Zungens|»atels vor* 



* Die beachriebene schwache KrUrnnrang genügt lOr alle Fllle; von stärker ge< 
krümmten 8patda bin 1^ anmllig gans ahgekomnen. 

** Mein aeneites Modell ist von von bis hinten gtoidunlsrig 1,6 Cm. brdt (Jud 1897). 



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Autoikopic der Luftwege. 



81 



fertigt H. Ppav in Berlin. Das Instrument bestellt blos aus einem passend 
ingescihnlttenen nnd spitiwinkllg gebogenen Stfiek Nenailberbledi (Fig. 8). 

Die Anwondungswcisp nipinos Zunirmspatols zur autosknpischen Be- 
sicht i^unff dos tioft'ii Pliarynx. dos Larynx, dor Trachea und der Broiu-hialein- 
gänge bei Erwachsenen gesciiieht in der Weise, dass zunächst der Patient 
eine cweckm&ssige K9rp«iialtang elniunehmen hat (vergl. Fig. 4, 5 und 6, 

Fl». 1. Kig, 2. 




KlRSTKIxVcber Zangenip»lel. 

* SeltCMnuicbt. A Aniicbt des 
Tordaran Endes Ton oben. 

DiMwSpat«! ii<t nicht ein blon»« 
Aotoskopir-lnKtrumen'. , sondern 
er dient aanimtlichfin Vpr- 
riehtnnffen, alten Tind neuen, il-r 
g*mnmt«n ZDiig»iiii|>*«><lt"i')iuik 
nd macht den BeHitz luidanr 
Ztingenrpatel antbehrlicb 




KrUmmangtlinie di-s KiusiiciN'echea /angeospatets. 



»f.«. 



■owie die eingehende Erörterung im voriprcn Rande), dann wird unter Be- 
leuchtung (durch meine elel<.trisciie Stirnlampc oder, weniger wirl^ungsvoll 
und technisch schwieriger ! durch mit dem Stirnspiegel reflectirtes Gas- 
lifliit ete.) das Spatelende in die Vertiefung swlaohen Zungengnind und Kehl- 
deckel eingesetzt und dabei der Griff des Instrumentes stark angehoben, so 
daas die obere Spatelfläche sich dem Oberkiefer (beziehungrsweise den oberen 

Zälinen) nüliert und dazwischen nur der zum 
Hfndurchsehen n5thige Abstand gewahrt bleibt. 
Icli pflege mit der freien Hand den Kopf des 
Patienten zu diriiriren und mit dem Daumen 
die Oberlippe (respective den Schnurrbart) nach 
oben hin aus dem Wege zu halten. Meine Art 
so untersuchen erhellt am besten aus den Fig. 4, 
5 und G. welche nach Momentaufnahmen den 
Hereranjr bei der Autoskopie der liinteren I^aryiix- 
wand, der Bifurcution und des vorderen Glottis- 
winkels darstellen. Uebrigens kann man auch 
im Sitzen oft recht gut autoskopiren, wobei 
dann der Patient sich weiter nach TomOber 
beugen muss. 

Handelt es sich nidit darum, selbst eu untersuchen, sondern anderen 
Personen die autoskopisoh eingestellten Theile zu demonstriren, so ist das 
alte sogenannte »Autoskop (bestehend aus dem rinnenförmiiretK vnrne «jo- 
krQramten Autoskopspatel , dem Aufsatzkasten, dem Klektroskopi immer 
noch sehr gut brauchbar. Indessen empfand ich es bei Demuiistrutionen .stets 
peinlich, vor den Belehrung Ober die Methode suchenden CoUegen mit einem 




KlKSTKlX'iehar Ziuig*D«|>at«l in rer- 



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32 



Autoskopie der LtiftweRe. 



nndoroii Wvrkzcuuro hantiron zu sollen als mit ilem «jcwöhnliclHMi. beim «'iir<'iij'n 
L'ntiTsijclu'n ausschliosslich bcnuttton Inslrumonti' . dorn «'infat-hen Ziinyrcn- 
spatol. Endlich ist «'s mir. tranz kürzlich, ffclunsen, eine elektrische Spatel- 



Via. 4 




A»t(Mkopi* der binterao KcbllcopiwHnd. 

lampe zu construircn (Fabrikant: W. A. Hirschmaxx), welche meinem {re- 
wohnlichen Zunjrenspatel (Kiir. 1) jederzeit im Moment ani^efö'rt werden 
kann, wodurch bewirkt wiril. ilass das Licht strin«litf über den Spatel hinweg 
und an ihm entlang: streicht, so dass die Bedin^unyren zu einer erf<)lu^r«'ichon 



. ..j , ..oogle 



Autoskopie der Luftwege. 



33 



Demonstration {rejreben sind. Damit sind wir dem von mir seit Jahresfrist 
verfoltrten Ziele, das <^Autoskop< schliesslich ui&nz abzuschaffen, um ein 
tüchtiges Stück näher grekomraen. 




Aulosko|iie der Bilurc»liou. 



Autoskopische Operationen werden entweder unter Leitung meines 
einfachen Zuntrenspatels (mit Slirnlampe oder Spatelhirapr i oder aber des 
completen Autoskops vollzofren — ji> nnrh der im «'iiizcln«'» Falle abzu- 
schätzenden Bequemlichkeit und Sicherheit. Das Autoskup hat da, wie ich 

Eacjrelop. Jahrbücher. VII. 3 

Digitizei. , ^ .oogle 



34 



Autoskopie der Luftwege. 



nicht bestreiten kann, vorläufiia: noch pewisse VorzQpro vor dem einfachen Spatel, 
vor Allem jrewHhrleistel es durch seine doppelte Anhebeluns: pepen harte 
Widerlatrer (unten nach vorn gegen das Zungenbein und oben nach hinten 

Fte. •. 




Autockopi« ite« vurdaraii Ulott>««rliik«lt. 



gegen die obere Zahnreihe) grosse Ruhe und verleiht dem Kehlkopf eine oft 
ganz erstaunliche Fixation. - Eine wesentliche Neuerung hat J. SOLis-CoHEN 
elngi'führt. indem er gezeigt hat. dass die alt«Mi. katheterförmig gebogenen, 
den Spiegeloperationen dienenden Operalionsinstrumente auch für autosko- 



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Autuskopie der Luftwege. 



35 



pisrhe Operationen brauchbar sind, wahrend ich frühor glaubte, dass die 
Anwendung geradliniger Instrumente für die Autoskopie obligatorisch sei. 
(Diese Leistung Solis-Cohbn'b Ist^ nebenbei bemerkt, der einig-einzige Gewinn, 
den die autoskopische Methode aus anderen Mitteln als aus draen des Er- 
finders l)Pzo<ren lint ) Das Operiren mit den alten Spic^-elinstrumentr'ti nach 
SOLIS-COHEX empfiehlt sich nicht etwa blos aus Gründen der Ersparniss, 
sondern es ergiebt. gegenüber der Handhabung gestreckter Instrumente, be- 
sondere Vortheile hinsiclitlicli der Perspeetive — der Versneh lelut es. Zn 
einer volligen Emancipntion von den geradlinigen Instrumenten habe ich es 
noch nicht gebracht . aber sie treten zurück. Combinirt man das katheter- 
förmige Operatiousinstrument mit dem (completen) Autoskop, so ist das ur- 
sprQniflloh von mir gelehrte, sosnsagen intrsnaotoskopale Operiren nicht 
möglich, da das Instrument nicht durch den Anfsatzkasten zu bringen ist; 
es bleibt dann nur übrig, am Aufsatzkasten reclits vorbei einzugehen, daliei 
aber die optische Controle durch den Aufsatzkasten hindurch auszuQben — 
das geht leichtMr nnd sicherer, als man denken sollte. 

Der an! das Operiren bezQglicIie sechste meiner »Sieben Hanptsfttse 
zur Autoskopie der Luftwenfor (vcrgl. vorigen Band, pag. 41) hat die Form 
einer Prophezeiung. Indem ich ihn dem Sinne nach vollkommen aufrecht 
halte, ziehe ich es doch vor, ihm eine Form zu geben, die gleichwie bei den 
aeeha andren Sfttsen einfach das Thatsächllche rasammenfasst mid die M5g- 
lichkeit des Widerspruches ausschliesst. Er laute fortan : 

»6. Endolaryngeale und endotracheale Operationen sind in 
vielen Fällen bequem und sicher autoskopiscii ausführbar.« 

In 99 von 100 Fftllen, In denen man b« &waohsenen avtoskopirt, wird 
es sich weder um Demonstration, noch um Operation handeln, sondern nm 
einfach»» Inspection - — in diesen trebrauche man zum .\utoskopiren 

grundsätzlich nie das Autoskop ! Autoskopiren heisst heutzutage gar nichts 
weiter als : den Zungenspatel (unser altvertrautes, von mir blos etwas modi- 
fldrtes WeilcieQg) so gebrauchen, dass seine (frilher nur Äusserst mangel- 
haft gewürdigt en) Kräfte voll zur Geltung kommen. Die autoskopische 
Technik ist di(» Kunst, in die Zunge mit dem Spatel, unter mög- 
lichst reizloser Hantirung, eine möglichst weit nach hinten unten 
reichende Rinne einsudrflcken, deren Richtung sich der des 
Tracheairohres möglichst annähert. 

Es üriebt Menschen, welche die für die Autoskopie wesentliche, zur 
Kegio hyoidea geradlinig abfallende Zungenrinne bei sich activ zu formiren 
TermSgm PSade sich diese vollkonunene Herrschaft des Willens über die 
Znngenmusculatur bei einem Individuum von sehr hohem anatomischen Auto- 
skopirbarkeitsworthe ♦ und criinstig gestalteter, leicht sich aufrichtender Epi- 
2-lottis, so müsste es im Stande sein, sein Kelilkopfinneres ohne ieglicho 
iustrumentelle Hilfe der dirccten Besiclitigung darzubieten. Einen Menschen, 
bei dem alle Erlordwnisse dermassen xusammentrftfen, habe ich bisher noch 
nicht auslIndHp graiaoht ; der belcannte ToeoLD'sche Fall aus dem Jahre 1864 
ist aber gewiss auf diese Weise zu erklären. 

Das Anlaufen der Brille des Arztes kommt bei der ietzt regulären Art 
zu autoskopiren. mit dem Zungenspatel, wohl kaum noch in Betracht« da 
der Athem des Patientoi sich dabei frei nach allen Richtungen ausbreitet. 
Vollkommen schützt vor Störungen das neuerdings von mir (Deutsdie med. 
Wochenschr. 1897, Nr. 8) beschriebene Einseifen der ürillengläser. Man 
tupft eine winzige Spur Seife (am besten Schmierseife) auf das trockene Glas, 
verreibt sie mit einem trockenen Tnehe und polirt solange, bis das Glas 
wieder hell ist, dann ist es vor dem Beschlagen gesichert 

a 

• -T-, vergleiche die Definition der >Aittu!,koi>irbarkt'it« im vorigen Bande. 

a 

8* 



86 



Autoskoi^« der Luftwege. 



Dass die autoskopische Procedur unter gewissen Umstaiidcn e nv Heil- 
wirknngr ausQben kann, habe ich {AUg. med. Central-Zt^. 18115, Nr. 90) fest- 
postollt; ich erwähnte ParSstheslen und Neuralfrien. Danach berichtete 
H Meyer i Allsr. med. Cciilral-Zl'j: IS'».'., Ni- dass es ihm srchmtren ist, 

einen l^jährigen Knaben durcli wiederholte Einfülirunj; des »Autoskops« 
von hysterischer Aphonie zu befreien. Zu Pfingsten 1806 habe ich in Heidel- 
berg mindestena 40 Collegen hintereinander autoskoptsch in den Kehlkopf 
eines hysterisch-aphonischcn jiiniren Madrliens (Patientin von Prof. JuKASZ) 
schaiii'n lassen, ohne da^s de im ürhciraen tjenälirte Hoffnunjr sidi erfüllte, 
die l'atientin würde danach ilire Stimme wiedergewonnen haben. Seitdem 
habe ich mehrere, theilweise schwere Fftlle von hysterischer Aphonie durch 
einen einzigen kurzdauernden autoskopischen Druck auf die Zungenwurzel 
geheilt: eine iun<re l'atientin wurde später noch zweimal recidiv , je<lesmal 
gelang die Heilung durch den Zungenspatel wieder im Moment. Das Mittel 
verdient in einschlägigen Krankhettsfillen probirt su werden. 

Die vielfache Besonderheiten darhi(>tende Technik der Kinder-Auto- 
skopie ist noch nicht in all<Mi Kinzelheiten dermassen aiis<rereift. dass ein 
abschliessender Bericht jetzt (Februar Iti".*7) «fegehen werden könnte. Jedenfalls 
habe icli ermittelt, dass die durchschnittlich günstige Autoskopirbarkeit des 
Kindeaalters eine Ausnahme erfUurt im atlerFrQhesten Lebensabschnitt: SBng- 
linge sind oft schwer oder irar nicht autoskopirbar , hauptsächlich wegren 
stairer F'ixation ihres Zungen<rrundes. 

Literatur. 1. Vollst iludij,' es Vc rzeiclinisH meiner VtTof fcntlichnntfen über 
die Autoskopie der Lu f t w e>,M- , nach der Zeit der A))(:is»unif geordnet: AUg. 
med. Central-Ztg. 1895, Nr. 34. — Berliner klin. Wooheoscbr. 1895, Nr. 22. Al»gedruekt in 
den Verhandl. d. Berliner med. Gesellsch. XXVI. — Arcb. f. Laryngol. und Rhinol. III, 1. und 
2. Helt. Abgedruckt in den Verband!, d. laryngol. Gesclisch. zu Berlin, VI. II, pag. 33; .'^chluss- 
wort der DiscoMion. Ebenda. I , pag. 20. — lnt4>raat. Centralbl. I. Laryogol. aad Jibinol. 
189C, Nr. 8f paff. 1S7 unten vnd 199 oben (Antoreferat). — Beliebt Ober die 2. Tenrnrnml. 
stlddeutBcher L.irynjroloci n zu Heidellteip. — Allp. med. Centr.-iI Ztg. 1S95. Nr. 4*^ und .'il — 
Therap. Monatah. .hili ISU.'). — Auto^opy ol the iarynx and the trachea u-xauiinafion 
WltkOttt taiyngeal mirror). Als Manii^x ript geilruekt im Juli 1895. — Medicinalkalender, ber- 
aasgegebea von Dr. H. Lonxmni. 1096, pag. öl. — Allg. med. Central-Ztg. 1895, Nr. 69. — 
Deutache med. Woehenitcbr. 1896, Nr. 38. — Allg. med. Central-Ztg. 1895, Nr. 89 und 90. — 
Die Autoskopie den Kehlkopfe» und der Luttiühre (Besichtigung ohne .'^iiifui l i Berlin ISilH 
Verlag Ton U. Coblentz. — Allg. med. Üentral-Ztg. 1895, Nr. IUI. — Liter.itarbeiluge Nr. 2 
der Dentsdien med. Woebenachr. 1886, pag. 11 (Ueterat). — Ebenda. Nr. 4, 1896, pag. 28 
iRiehtigs'tellung*. — Allg. med. Central-Ztg. 1896, Nr. 12. — Ei-t inia. IS'.Ml, Nr. 14. p:»g. 168 
(Notiz I. — Annal. des maLidie^ de l oreillc, du laryn.v, du n« z et du pharyn.v. Marz und 
April IS'.)*). p:ig. 441 (Erratii. Eneyelopäil. .lahrb. d. ges. Ileilk. VI. — Monatssehr. für 
Obrenheilk. 18%, Nr. 3, pag. 139 (Eingesendet). — Allg. med. Central Ztg. 18^6, Nr. 25, 
pag. 294 (Befemt Uber Brök«). — Ebenda. 1896. Nr. 25, pag. 301. — Monat«««br. f. Ohren- 
heilkunde. 1896, Xr. 4. — Allg. med. Centr.il-Ztg. ISlüv Nr. 31. - Munat.Hsehr. f. Ohrenheilk. 
1896, Nr. 6, pag. 272 (Berichtigung). — Mlinelu ncr med. Woehensi lir. 1896, Nr. 31. pag. "19 
und 730. Abgedruckt in dem Beriehtc über die ."i. Veraamml. süddeutscher Laryngolu^jen zu 
Heidelberg. — Internat. Centralbl. t. Laryng. und Rhinol. 1897, Nr. 1, png. 40 und 41 (Anto- 
referat). — Therap. Monatsh. Juli 1896. — Annal. de» mnladies de Toreille , du larynx , da 
nes et du iihurynx. 1S',I6, Aoiit. — Wiener klin. Woehensclir. 1896, Nr. 38 (Eingesendet ). — 
Therap. Monat^ii. iSepteniber 1896, pag. 526 (AntwoM). — Auloscopy ol tb« laryni iind tb« 
trachea (direet examination wlttont minror). Antboriaed tnmalation by Max Tnonmnt , A. M., 
H. D. (Cincinnati O.i. Hbiladetphia, the V. A. Davis Co., puhlish.-rs, 1S97. — Encyclopjtd. 
Jahrb. d. ges. Heilk. VII. — Berliner klin. Woehensclir. 1H97, Nr. 12. \r.i<: 262. — Allg. med. 
Central-Ztg. 1897, Nr. 49, pag. 626. 

Angeaicbts der roratebend regiatrirteo umlänglicben literariacben Production enehehit 
die Bemerkung am Platze, daM die beiden AafsStze (»Aotoakople der Loftwege«) in Eoudi» 
Bi-Ko'ä Eneyclopädisc hm .1 a h r i> il e Ii i' r n lH9ß md 1897 sUea Aber dl« Avioakopie 
biaber ermittelte \viH.seu8u-erthc Material enthalten. 

II. Die Autoükopie hat die professionelle Reception in anffiillig 8chn(>llem Tempo er- 
langt (ausserhalb des deutschen Sprachgebiete» zeigt vornehmlich Nordamerika ein regea 
Interesse, demnächst Frankreich). Freilich wurde im Beginne, zur Zeit als noch keine 
>Autrirität< Sil h ölfentlieh »pro« » rkliirt hatte, der Versuch gemacht, den F'in<lru( k meiner 
Mittbeilnngen ubzuscbwüchen und der Bewegung womüglicb einen Dämpfer aufzusetzen, durch 
etaiea »w der kdnigl. Univeraitita-Potikllnik für Uala- and Nasenkrankheiten 



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Alltoskopie der Luftwege. 



37 



in Berlin herrorgegangenen Aulaatz in der AUg. med. Ccntral-Ztg. 18dö, Nr. 100, mit ener- 
giaehen Wmdmgen, wie: »gtns w «Inlftdi, wie Berr Knnvni e* hinstellt, Ist die anto- 

skopische Untersnchnng für den Patienten entHchleden iiirhtc — »ich bestreite, daas 
die Autoskopie eine Vereinlachung der operativen Technik darstellt« — und diin sehr be- 
kannt gewordene« Vefdletf dass nach dem elnstloinilgeB UrOeOe der Patienten >daa 
Antoslcopiren eine grosse Qnal darstelle« — ; aber sduni wenige Woclien danach er> 
Sellien der fOr die allgemeine Werfihsehltzung der Methode grondlegende Aoteats Ton P. Bncns: 
Ueber die K iK ST K 1 N s < ]i e directe Laryniiroskopie und ihre Verwendung l) e i en do- 
laryngealen Operationen, üerliner klin. Woobenschr. 1896| Mr. 8 ; abgedruckt in den 
BeiMfen cnr kUn. CMrmgle. XY, 3. Heft. — Unter den weHerea Knndgebnngen der Antoran 
sind die folgenden heroerkenswerth : Wagnieb, De la lar yn ?08Copi e directe (mtithode 
de KiRSTEiN). Revue hebdom. de laryngol., d otol. et de rliiuol. 1896, Nr. 27. — G. Killiam 
in der DiHcnssion Ober meinen zweiten Heidelberger Vortrag. MUnchener med. Wochcnschr. 
1886, Nr. 31, pag. 780. J. 8ous-Cobb>, Introdactory lectnre on examination ol 
the larjnz and trnehen withovt nlrror. The Flrihidelphta Polydiole. 1696, Nr. 48. — 
F. Klkmpkbkr, Vereinabeilage Nr. 30 der Deutschen med. Wochensrhr. 1890, pnp. 208. — 
M. Tbormbb, Preface of the translator, in der Uehersetxung meiner Monographie. — T. Heryso, 
Die Antoslcopie des Kehlkopfes und der Luftröhre nach Kikstkin : ihre Ent- 
wicklung, Technik und diagnostische Bedeutung. Medycjma. 1897, XXV, Nr. 11 
und 12 (in polnischer Sprache). — V. Baxtobpb Stbim, Om Antoskopi. Hosp. Tid. 1897, 
Vr. Ift. — Ueber den VenwA, «ntoekopisiAe Bilder zu photographircn, berichtet T. S. Flatau 

im Arch. f. Lanmgol. und Bhiaol. T. — Als 
nv.T* Coiiomm TenrnkBe ioh den Titel eines fai 

den AreblVCt tatenationales de laryngologie, 
d'otologie et de rhlnologie, März- April 1896, 
enehienenen ausführlichen Olostriiten Rele- 
ratea: »Ii'nntotoopie do eanal laryn- 
gotraeh^al et la suppression do mi- 
TOir laryngoscopique.« 

Berichtigungen. 1. Im Arch. 1. 
Laryngol. nnd BUneL in, png. IM, habe Uh 
Krause als den ersten Laryngologen bezeich- 
net, der (1884) direct (ohne Spiegel) in den 
Keiilkopf des Hundes geschaot hat. Das ist 
nnriehtig. Der erste Laryngoioge, der an Hand 
nnd Kntne Avtoskopie Übte, ist E.NATKATrL 
(Berliner klin. Wochenschr. 1871, Nr. 33 i 

2. Im Autoskopie-Artikei des vorigen 
Bandes der Eocyclopäd. Jahrb., pif. 81, In 
der Fussnote, lies »glfaMtigsten« statt »gta- 
stigen.« 

Nachtrag. Combinirte Laryngo- 
skopie. AUg. med. Central Ztg. 1897, Nr. 23 
ud 38. ~ Annal. des nialaffles de rorelUe^ 
da larynx et da ncz, Juni 18!>7. 

Princip der Verfahrens: Verle- 
gvng des optisch zn überwindenden Winkels 
von der Staadardstelle (Zäpfchengegend) weit 
<.iüttstoUuog«D »ni du ToviUrea uiottUwinkel und aal nach abwärts, In die Tiefe des Rachens. 

dM Miotas apiflottldta.) Technik des Verfahrens: Ein- 

stellung mit dem Zungenspatel wie zur Auto- 
■keple, SnlOlining des Spiegels hinter die Epiglottla. BlnUiek Ton oboi her. (Bei Operationen 
Ult der Patient den Spatel.) 

Leistung des Verfahrens: Günstigster Ueberblick Uber die Kehldeckeirtickfläche 
ud den Torderen Olottiswinkel, bedeutende Erleichteroaf mancher endolaiyigealen Qirimel- 
opeiationen, beaaiders im vordenten Kehlkoplabsohnitt. 

Anwendbarkelt desYerfabrens: besebrlnkt. 

>Dle fast universelle Verwendbarkeit, die ziemlieh sichere Schaffung des TotaUiber- 
blickes sind Eigenschaften, die der alten, TüBCK'sohen Laryngoskopie nach wie vor den ersten 
Platz, den Rang der Norma]metho<ie sichern. Immerhin giebt es genug Menschen, bei denen 
die Normalmethode durch meine, auf vollwirksamer S|iate!haudhahiing beruhende Special- 
methoden ausgestochen wird: tfenschen, bei denen der hintere Abschnitt des Kehlkopfes 
aatoekopisch , der vordere comliinirt unvergleichlich besser zu besichtigen und zn betasten 
ist als nnter der classischen Anlegoog des Spiegels an das Zäpfchen (ganz abgesehen von 
den In TeUen Uaaluge antoakopirlMuren Indliidaen).c Kirsuia. 




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* 



B. 

Betriebannfall, a. Arbeiterhygiene, pa«. 22. 

Blase (Physiologie). I. Blasenverschluss. Bevor wir die Art und 
Weise betrachten, in der nach unserer Anschauuntr der Blasenverschluss sn* 
Stande kommt, ist es nöthijr. dass wir uns vorher alle dieienijren Gebilde 
anatomiscli n.'ihfr ansclicn. die für diesen Thcil der Blasenthatipkeit in Frage 
kommen. Bekanntlich hat man die Musculatur der Blase in ein Schema von 
drei Faseriflgen untersobringen versncht imd demgemäss drei Schiehten von 
Muskeln unterschieden. Erstens die äussere Längsfaserschicht, die vim alters- 
her den Namen Detrusor vesicao führt, zweitens eine innere Gruppe rirrulär 
verlaufender Fasern, die man Sphincter vesicae genannt hat, und drittens 
eine innere LängsfaserschicM. Ffir uns kommt iüer zunächst die innere cir- 
eidlre Schidit in Betracht Wenn diesdbe anfangs in ihrem obersten Theile 
auch etwas sehrfig zum Langsdurchmesser der Blase angeordnet i.st . ver- 
läuft sie doch schliesslich, etwa von den Hohe des Trigonum Lieutaudii an, 
kreisförmig um die Blasenmündung. Aliein diese Hingfaserschicht findet an 
dmn Orlficium intemnm der Blase keineswegs ihr anatomisches Ende. Viel- 
mehr setzt sich dieselbe, wie ich mich an einer Reihe mikroskopischer Serien- 
Bchnitte überzeugen konnte, auf die Urethra fort, so dass die Musculatur 
des Anfangstheiles der Urethra und des Sphincter vesicae ein anatomisches 
Ganses bilden. Hier in der Urethra jedoch tritt dieser Ringfaswmuskel tn 
dnem neuen Organe in Beziehang, und zwar zur Prostata. Wie es entwick- 
Inngsgeschichtücli nachgewiesen ist. entsteht dii' Drüse der I'rnslata aus einer 
AusstQlpung aus der Urethralwand. Im Verlaufe ihrer Entwicklung ist schliess- 
lich die nach innen gekehrte Fläche der Prostata derartig mit der Wand 
der Urethra verwachsen, dass sie nicht mehr von einander getrennt werden 
können. Ks Itildct somit die der Harnröhre zugewandte Fläche der Prostata 
einen intcLt irenden Bestandtht'il der Harnröhrenwand. Im Gegensatz nun zu 
diesem Spliincter vesicae internus, der also nicht nur der Blase angehört, 
sondern sich auch anf die Urethra fortsetzt und glatte, kreisfdrmig ver- 
laufende Fasern enthSlt, steht der Sphincter v(>sicae externus. Es ist dies 
jener der Prostata angehori<re musculnse Theil. der gleichsam den äusseren 
Abschnitt dieses Organs bildet, während der zwischen beiden Sphinkteren 
gelegene TheO lediglich ans drQsigen Elementen besteht. Dieser Sphincter 
extemns enthält mm im Gegensatze cum intmius quergestreifte Muskel- 
fasern, die anfangs zwar nur dii- Harnröhre in ihrem direct unter der Sym- 
physe gelegenen Theile spanirenartig umfassen, an dem unteren Tlieile der 
Prostata aber und specieli an ihrer Spitze die Urethra ringförmig umgeben. Es 
bUdet somit der Sphincter vesicae externus einen wesentlichen Theil der 



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Blase. 



89 



unteit'u Schicht der Prostata. Als dritten Muskelcoinplex, der für den 
BlasenverachlasB in Betracht kommt, mQssen wir schliesslich lenen muscu- 
lösen Apparat betrachten, der zumeist unter dem Schamboitren gelegen, den 
Nnmon Musculus compressor urethrae föhrt. Es ist dies naturgremass kein 
einheil licher Muskel, vielmehr verstehen wir unter ihm jene Muskelgruppcn, 
die unter dem Angruins pubicus am Beclsenaus^range gelegen und von der 
Beckenfascie bekleidet sind. Den wesentlichsten Theil hierzu liefert wohl der 
M. transversus perinei profundus. Ob nun die einzelnen Muskeln, wie z.B. 
der M. transversus urethrae. der WiLSON'sche Muskel und andere von den 
einielnen Autoren, wie Luschka, Holl, Lessuaft, Merkel, Kohlrausch u. A. m. 
nach ihrem Faserverlaul herauspr&parirte Muslceln wiriclich eigrene, ana- 
tomisch von einander zu trennende Muskeln sind, oder ob sie zwar in dem 
Verlauf ihrer Fasern von einander verschieden, im L'ebrigen aber zumeist 
doch als zum M. transversus pcrinci profundus gehörig zu betrachten sind, 
ist eine anatomisch noch nicht ganz gelöste Frage. Wir folgen fflr unseren 
Zweck am besten der Eintheilung von HOLL. Nach ihm umgreifen die Fasern 
der unter dem Namen Compressor urethrae von uns verstandenen Muskel- 
platten die Baruröhre in vier verschiedenen Kicbtungen, indem sie theils 
sagittal, circulär und transt'ersal veriaufoi, theils indem sie die Urethra in 
flftchenhafter Ausdelmung schief kreuzen. 

Wenn wir niinnichr nach dieser nnatomischcn U<'bersicht uns die Art 
und Weise zu verge^renwärlijren sucht n. in der der Biasenverschluss zustande 
kommt, so ist es nicht uninteressant, an dieser Stelle auch den älteren An- 
scliauungen Raum zu geben. So glaubte Hallbr, dass der Urin deswegen 
nicht aus der Blase abfliesse, well er sich, abgesehen von den eitremen 
Fallen der BlasenfOllung . am Blasengrunde befinde und sein Spiegel einen 
tieferen Stand hätte als das Orificium internum.. Allein abgesehen davon, 
dass in stftrkeren Fflllungsgraden die Blase bis weit über die Symphyse 
hinaus reicht und somit die Urinoberfläche das Oriticlum internum tief unter . 
sich lasst, nicht nur bei liorizontnler Tjatre, sondern auch in der aufrechten 
btelluug des Menschen, verräth diese Vermutliung von Haller nichts über 
den Mechanismus des Blasenverschlusses. Ebensowenig befriedigt aber die 
Annahme von Barkow und Kohlrausch, dass es die in dem Trigonium Lieu- 
taudii befindlichen Schleimhaut wuIste seien, die als Ventile fungirten. den 
Blasenausgang, d. h. das Orificium internum verschliessen und frl<'i<"hsam die 
ganze Last der Uriumeuge tragen. Abgesehen von dem einen Scbleimhaut- 
wulste, Aer sogenannten MiRCiBR^schen Uvula, ist die Existenz der flbrigen 
Schlcinihautfalten ausserordentlich unbeständig; unter 18 Fällen konnte BORX 
nur Tmal derartige Schleimhaut protuberanzen nachweisen. Zu einer cranz 
anderen, der Wirklichkeit näher stehenden Anschauung über den Blasenver- 
sehlnss fflhrten dann die Untersuchungen von Rosbmthal, HBiDBRHAtiff und 
COLBBRG, Wittich u. A. m. Indem sie durch den freigelegten Ureter Wasser 
unter hohem Druck so lange aus einem hoher stehenden Gefasse in die Blase 
laufen Hessen, bis sich das Orificium internum öffnete und die Flüssigkeit 
aus der Urethra abfloss, und indem sie gleichzeitig vermittels einer CanQle, 
die durch den anderen Ureter bis in die Blase vorgeschoben und durch einen 
Gummischlauch mit einem Manometer verbanden war, den Druck massen, der 
nöthig war. um den Biasenverschluss zu sprengen, kamen sie zu (Ut An- 
schauung, dass es lediglich die elastische Kraft des Sphincter internus sei, 
die die Hammenge ertrOge, indem sie die Blase verschlossen halte. 

Diese Versuche, die sowohl an Hunden als auch an Kaninchen ausge- 
führt waren, ergaben als Resultat erstens, dass die Sphinkteröffnumr unter 
den verschiedensten Druckwerthen stattfand ; zweitens, dass der angewandte 
Druck sehr schwankte, |e nachdem an einem weiblichen oder männlichen 
Versuelistliiere ezperimenthrt wurde, und drittens, dass awischen den Ver- 



40 



BlaM. 



Bachtn an lebenden und todten Thieren eine gewaltiKre Druckdifferenz herrschte. 
Gerade die letzten in die Auiren sprinipenden Unterschiede swisclien todten 

und lelu iiden Versudisthieron führten sodann zu dor Vermuthungr, das» es 
doi li nicht die olastisrhe Kraft des Sphincter internus allr-in sein könne, die 
den Biasi>nverH( -hlus8 bilde. Hondern. wie dies auch von Bldue und später 
von Born betont wurde, dass es sich hierbei wohl auch noch um einen 
reflertdi li(>n Tcmus des ScIiliessmuskelH handeln müsse. Bevor wir ]•■•!« n h 
dieser lei /leren Ansieht nälicr treten, müssen wir in der Gescliidite über 
die Anschauungen des Blasen verschlusseH noch auf eine Ersclieinunj; zurück- 
kommen . auf die sunidifrt^ KosniPLÄNm in seinen Vmrsachen anfanerkaam 
fremadit hat. Spritzte er nämlich durch den einen Ureter Wasser in die 
Blase, so öffrifle sieh der Sphinkter naturpremäss bei einem bestininit en. vom 
Manometer ablesbaren Drufke. Allein es floss nicht sofort der «fanze Blasen- 
inhalt ab. H(mdern der Sphinkter schloss dann wieder, sobald nicht weiter 
Fiassiirkeit iniicirt wurde. RosbnplXntbr nannte jenen Druck, bei dem der 
Sphinkter nachliess. den Froffnuntrsdruck. und jenen Druck, bei dem der 
Sphinkter wieder schloss. den Scliliessimtrsdruck. Ks erjrab sich ferner, dass 
erstens diese beiden Druckwerthe ausserordentlich verschieden von einander 
waren, und dass zweitens der Schliesaune'sdruck bei demselben Versuchs« 
thiere fast c(mstant blieb, wäliretid der Krüffnuns:sdruck ausserordentlich 
schwankte, so dass z. B. in zwei auN'inniKiei- fdliicnden Versuchen das erste 
Mal ein Eröffnungsdruck von 700 Mm. Wasserhöhe, das zweite Mal ein solcher 
von 14A0 Mm. am Manometer abzulesen war. Die Schlussfolgerung aus 
diesen Versuchen, die auch ich in grösserer Anzahl an Hunden angestellt 
habe, ist die. dass wir eij^entlich nur die Wert he des SchliessunK:sdruckes 
verwenden können. Sie zeiiren uns an. welchem Iiun>ndrucke der Blase der 
reflectorische Tonus des Sphinkters das Gleichgewicht hallen kann. Gleichzeitig 
bildet dieses Phftnomen der Differenz «wischen Bröffnungs- und Schliessungs- 
druck auch einen Beweis für den reflectorischen Verschluss des Sphinkter. 
Denn wäre es nur die elastische Kraft desselben, die den Blasenverschiuss 
besorgte, dann würde er schwerlich bei wiederholt angestellten Versuchen 
fast constant denselben Druck ertragen. Den deutlichsten Beweis |edoch, dass 
es nicht so sehr die elastische Kraft des Sphinkters, als vielmehr seine reflec- 
torische Contraclion sei. die den Blasenverschiuss bilde, triaiibe irh aus dem 
Umstände ableiten zu müssen, dass ich auch in meinen \'ersuchen eine so 
grosse Differenz zwischen den lebenden und den sofort darauf getödteten 
Thieren constatiren konnte. W&re es. wie man annnglich anniAm, nur die 
Elasticität des Sphinkters, dem man den Verschluss zu verdanken hätte, so 
dürfte dieselbe nicht sofort nach dem Tode so ausserordentlich nachlassen, 
Wäiuend nun Bokn, Uffelmanx, Sauer. Büdce annahmen, dass vielleicht bei 
geringer BlasenfOllung die elastische Kraft des Sphinkters fQr den Verschluss 
ausreiche, für stärkere jedoch der reflectorische Tonus eintrete, glaube ich 
aufOrund eigener Beobacbtuniren fast nur let zteren anerkennen zu dürfen Im 
Uebrigen wird ein weiterer Beweis dafür auch noch aus später zu erwähnen- 
den Motiven «rbradit werden. 

Eine ganz neue Vermuthung Ober den Mechanismus des Blaaenver- 
schlusses wurde vor wenigen Jahren von Finger in die rroloirie eingeführt. 
FiNGEK und andere .\uloren scheinen der .\nsiihl -/n sein, dass die Bedeu- 
tung, die der Sphincter vesic^e internus für di-n Blasenverschiuss hat, eine 
sehr minimale sei. während fär dieselbe ThStlgkeit der Sphincter eztemus 
und der Compressur ur«'tbrao eine weit wichtigere Rolle zu spielen hätten. 

li li Lrab mir daher Mühe, gerade diesen Anschauuntren durch das Experi- 
ment näher zu treten, und will in Kurzem über die an Hund und Mensch 
gewonnenen Resultate berichten. Vorher muss ich iedoch darauf hinweisen, 
dass FiNGBR gans speciell betont, dass sich die Ergebnisse der Versuche am 



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Blase. 



41 



Hunde nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen lassen, und zwar aus 
dem einfachen Grunde, weil die anatomischen Verhftltniase aneserordentlieh 
verschieden seien. Während sich an den prostatischen Theil der Urethra des 

Mannes sofort die Pars mombranaroa ansrhliosst mit dorn Convolnt von 
quergestreifter Muscuiatur. die wir unter dein Namen Compressor urethrae 
zusammengefasst haben (übrigens ist zu bemerken. das.s immerhin der dem 
inrostattschen Theil der Urethra folgende Abschnitt der Pars membranacea in 
etwa Vj Cm. Ausdehnung: wirklich jeder Wuskclhölle baar ist), foljft auf die 
Pars prostatica dos Hundes ein etwa 3 — 4 Cjii. Ians:es Stück der Urethra, das 
nach Finger ohne Muscuiatur sein soll. Erst dann tritt die l'rethra in das 
Diaphragrma nrogrenitale ein und ist hier von der quergestreiften Mascnlatnr 
des Dammes utnucbon. Allein die Anschauung, dass dieser auf don prosta- 
tischen Tlicii (lor l'rethra fol{i-ende Abschnitt der Harnröhre des Hinuics in 
einer Ausdehnung von etwa '6 — 4 Cm. von Muscuiatur entblösst sei, ist doch 
nicht ganz richtig. Gerade dieser Theil der Harnröhre des Hundes ist von dem 
sogenannten WiLSON'schen Muskel umgeben ; dersellM ist, wie ich mich mikro- 
skopisfh überzeupren konnte, querg-ostroift und gewahrt Ix'i einer Contraction. 
die von dcni Willen ahhäniri^r ist. eine ausserordentliche Fähitrkeit. den Blasi-n- 
verschluss zu erhöhen. Insofern liegen also die anatomischen Verhältnisse für 
Hnnd und Mensch durchaus gleich, wenn man nicht gar behaupten mSchte, dass 
gerade der WiLsoN sche Muskel dym Hunde eine l>esondere Möglichkeit gewahrt, 
den Verschluss der Blase noch nach Belieben zu verstärken. Den besten Be- 
weis hierfür liefert auch die Art der Harnentleerung des Hundes. Derselbe ist 
im Stande, seinen Blaseninhalt durch fortwAhrendes, wiUkQrlidies Untorbre^en 
auf weite Strecken hin zu zersplittern« Da es mir nun bei meinen Versuchen 
sehr darauf ankam, die isoiirte Wirkime: der drei Muskelgru[)pen. des Spliincter 
vesicae internus, des Sphincter e.\t<'rnus. welcher der Prostata anirchört. und 
des Compressor urethrae zu untersuchen, so exstirpirte ich in acht Fällen 
die Prostata des Hundes. Naturgemftss konnte nicht die ganse Prostata 
entfernt werden, da sie unmittelbar mit der Urethralwand zusammenliSngft) 
vielmehr begnutrte ich mich, etwa zwei Drittel derselben zu eliminiren. Dies 
geschah in der Weise, dass zunächst die Kapsel gespalten wurde, aus der 
das Prostatagewebe iförmlich hervorquoll. Hierauf wurde soviel von der 
Prostatasubstanz abgetragen, als ohne Gefahr einer Hamrdhrenwandverletzung 
geschehen konnte. Sodann wurde die Prostata, die aus der Tiefe des Beckens 
nicht ohne Mühe hervorgehoben werden mussle. um ihre Läntrsachse ge- 
dreht, um auch das Gewebe an ihrer hinteren Fläche zu entfernen. Diese 
immwhin sehr eingreifende Operation ertrugen die Thiere zum Theil selir 
gut, sogar Monate lang, andere dagegen starben schon nach wenigen Tagen. 
Nun war es klar. dass. wenn die Muscuiatur des Sphincter vesicae externus. 
der doch der Prostata angehörte und wirklich Alles, für den Blasen verschluss 
bedeutete, entfernt war, und dies war in. der That durch die Operation 
geschehen , sich irgendwie ein Grad von Incontinenz bei den operirten 
Hunden hätte einstellen müssen. Allein trotz sorjrfältiarer Beobacht unir der 
Hunde konnte in keiner Beziehung eine \ on der Korm abweichende Biasen- 
emtleerung CMistatirt werden. Allein ich ging in meinen Versuchen noch weiter. 
In sehn Fallen wurde Hunden durch den Bauchschnitt die Blase freigelegt, 
der eine Treter mit einer Handdruckspritze in Verbindung gebracht, während 
in dem anderen (>ine MessinirciinOle soweit vorgeschoben wurde, dass ihr 
Ende in das Bluseninnere hineinragte. Diese Canüle stand ihrerseits durch 
einen Gnmmisdilauch mit einem Manometer in Verbindung. Nun wurde durch 
die Urethra ein Katheter in die Blase eingeführt und soweit zurückgezogen, 
dass sein blasenwärts tr<'ri(litetes Kode innerhalb des prostatischen Theiles 
der Urethra zu liegen kam. Jetzt wurde durch den einen Ureter Wasser in 
die Blase eingespritzt, bis der Sphinkter sich dffnete und der Blaseninhalt 



42 



Blaft». 



durch den Katheter sich entleerte. In dem Munieut. in dem der erste Tropfen 
aus dem Katheter abflosSf wurde die H8he der Qaecksilbersäule in dem 
Manometer abjrelespn. Es zeigrte sich nun. dass d(>r Druck, der nötJiig war, 
um den Sphinkter zu eröffnen, sofjar bei domscllx n Thier»', wie schon oben 
erwähnt, sehr verschieden war, das» aber jedesmal nur eine geringe Menge 
Wassw abfloss, bis der Sphinkterverschlnss dem Innendruck in der Blase 
wieder das GbM(b|s:ewicht halten konnte. Nun wurde der Kntbficr noch 
weiter aus der Urethra herausfrezojrpn. so dass s«'in P^ndo statt in ilnii pro- 
statiscben Theile der Harnröhre nunmehr in dem|enigen zu liegen kam, der 
Bwischen Prostata und Symphyse sich befindet und der von dem WlLSON- 
Bcben Muskel umgelien ist Wenn es richtig wfire, dass der Sphincter 
extemus der Prostata ein wesentliches Hilfsmittel für den Schlussa|)i)arat 
der Blase nb-räbe, dann niü.sste jetzt ein viel y-rösserer Druck ang^ewandt werden, 
um die Blase zu eröffnen, als in der ersten Versuch.sreihe, wo der in dem 
prostatischen Thell Urethra gelegene Katheter den Spliincter extemas 
Immerhin an einer stärkeren Contraction verhindern konnte. Allein die Ver- 
suche hier erpraben fast «renau dieselben Di uekwertbe wie in den ersten 
Fällen. Schliesslich wurde der Katheter soweit vorgezogen, dass sein Ende 
in der Pars pendula urethrae sn liegen kam. Jetzt hatte elwnfalls fflr die 
ErOtTnong der Blase ein viel grösserer Druck aufgewandt vrerden mDssm, 
da nunmehr nach der herj2rel>rarbten Anschauun": auch der Conipressor 
urethrae den Verschluss hätte verstärken können; aber es zei^fte sich, dass 
in allen drei Versuchsreihen, gleicbgiltig wo sich das Ende des Katheters 
befand, immer fast der gleiche Druck nöthig war, um den Sphinkter tu 
sprengen. Erst als die Thiere getödtet waren, und dann noch einmal die 
Versuche angestellt wurden, da zeif^te es sich allerdings, dass nunnudir viel 
geringere VVerthe ausreichten, um den Blasenverschluss zu öffnen. Allein 
noch viel stringenter als diese Versuche, die ich an lebenden und todten 
Hunden anstellte, sind jene Beweise, die ich aus meinen Untersuchungen an 
lebenden Menseben erhielt. Aucb hier wurde diircli einen eintrefiibrten ela- 
stischen, aber starrwandigen Katheter die Blase mit circa äUÜ — 400 Ccm. 
wvmer Bors&ure gelOUt. Ich zog nun den Katheter soweit heraus, dass 
sein Ende, wie ich midi durch rectale Untersuchung Qberzeugen konnte» 

direct in der Pars prostatica urethrae zu liefren kam. Ich Hess die Leute, an 
denen ich die Liitersuchunj^en anstellte, die Blase entleeren und forderte 
sie sodann auf, die Entleerung zu unterbrechen. Dies gelang ihnen in fast 
allen FUlen. Der Hamstrahl sistirle sofort Obwohl nur wenig Blaseninhalt 
abgeflossen war, vermochte der Sphincter internus trotzdem eine Menge von 
circa 300 Ccm. vrdlständiir zu versebliessen. Dass diese Krnltilusserune: lodigf- 
lich auf Kosten des Sphincter internus stattfand, erhellt daraus, dass durch 
den eingefOhrten , siemlich weitcalibrigen. starrwandigen Kathete jegliche 
Conlractur des Sphincter extemus und auch vor Allem des Compressor 
urethrae aiisireschlossen war. Diese beiden Muskeln konnten sich wohl um 
die Wand des Katheters herum zusammenziehen, ahvr niemals wären sie 
im Stande gewesen, das Lumen des Katheters irgendwie zu verengern. Aus 
diesen Untersuchungen g^ube ich, kann man mit einigrer Sicherheit schliessen, 
dass es doch wohl in der Hauptsache der Sphincter internus der Blase 
ist, dessen Contraction den Verschluss besortrt. eine Anschaminir. die wohl 
seit ieher zu Hecht bestanden hat, aber gerade in den let/len Jahren viel- 
lach angesweifelt worden ist Es kam mir nur noch darauf an, die Bedeu- 
tung des Sphincter externus in's rechte Licht /.ii setzen. Zu diesem Zwecke 
eignete si li folgendes Kxiieriment. wie ich {rlaube. sehr {jut. Spritzte man 
durch einen eingeführten Katheter, dessen Ende sich in dem prostatischen 
Theil der Harnröhre befand, irgend eine PlQssigkeit ein, so floss dieselbe 
ohneweiters in die Blase; zog man den Katlieter noch weiter xurQck, so tritt 



Blase. 



43 



während des ZurQckziehens der Moment ein, wo die Flüssigkeit nicht in die 
Blase, sondern ▼om ans der ürrthra abfliesat Dies geschieht dann, wie 
ich mich durch genaue Untersuchung per rectum fiberzeugen Iconnte« wenn 

der Katheter bis vor dorn CompreHsor urethrao zurOckpczotren war. d. h. 
mit anderen Worten, durch die anstürmende Flüssigkeit zieht sich der Com- 
pressor urethrae reflectorisch zusammen und verhindert das weitere Ein- 
dringen derselben, es sei denn, dass ein flbennlssig starker und schnellw 
Druck anerewandt wird. Der Sphincter externus daffe^en leistet der Flfissig- 
keit gar keinen Widerstand . sondern wird von derselben ohneweiters über- 
wunden. Hieraus geht hervor, dass diesem Muskel für den Blasenverschluss 
eine hScbst untergeordnete Rolle sufillt, wihrrad wir wohl annehmen IcSnnen, 
dass der Compressor urethrae, der dem Willen unterworfen ist, im Stande ' 
ist, den vom Sphincter internus g-eleisleteii \'< i s( liliiss eiieririsch zu verstärken. 

Wenn wir somit den Sphincter internus gleiclisam in sein altes Recht 
wieder eingesetzt haben, fragte es sich nim, in welcher Weise wir uns den 
SphinkterenversoUusB au denken haben. Da wir unmöglich die EiaatidtSt 
seiner Gebilde für diesen Verschluss allein verantwortlich machen, andererseits 
aber eine constante Contraction eines Muskels nicht ixui annehmen können, 
80 sind wir gezwungen, den Versdiluss der Blase als einen Effect des reflec- 
torisdien Tonus des Sphincter internus su betrachtm. Diese physiologische 
Anaehauunt; wird am besten, abgesehen von noch anderen, an spült km Stelle 
zu erwähnenden Gründen, durch il'w Untersuchnnifen von Mossf) iiml Pellan- 
CANI gestützt. Diese Autoren haben nacbgowiesen . dass Sphinkter und 
Detrusor vesicae auf denselben Reiz gleichzeitig reagiren , d. h. wenn der 
Detrusor infolge irgend eines Reizes gezwungen ist. sich zu contrahirai, wird 
auch zu j:;Ieicher Zeit der besleluMuh» reflectorisi he Tonus des Sphincter in- 
ternus verstärkt. Ist wenij; Urin in der Blase enthalten, so wird der Tonus 
nur schwach zu sein brauchen, um ein Ausfliessen zu verhindern, steigt aber 
der Blaseninhalt und zwingt den Detrusor, sich zu contrahiren, so wird auch 
gleichzeitig ein erhöhter reflectorischer Tonus des Sphinkters dadurch ausgelöst. 

II. Blasenentleerunjr. Bot schon das Problem des Harnblasenver- 
schlusses nicht unerhebliche Schwierigkeiten, so steigern sich dieselben ganz 
wesentlich bei der Betrachtung der Blasenentleerung. Bisher war es gang 
und gäbe anzunelunen, dass lediglich durch die Contraction des Detrusor, 
d. h. der Längsmusculatnr. der Sphinkter, d. h. die Ringmuscniatur ausein- 
andergezogen werde. Diese Anschauung wurde speciell von Bknle vertreten, 
der annahm, dass die Fasern des Detrusors zwischen denen des Sphinkters 
inaeriren, so dasa eine Contraetitm der ersteren ein Auseinanderterren der 
letzteren zur Folge habe. Allein Zuckerkandl hat nachgewiesen. das.s die 
Mehrzahl der Fasern des Detrusors an dem oberen Rande der Prostata 
inseriren, also gar nicht die Möglichkeit besitzen, auf den Sphinkter zu wirken. 
Nun glaubte man, es genfige, wenn der Detrusor allein sich contrahire und 
durch diese Contraction den Sphinkter überwinde. Diese Vermuthung ist so 
sehr Gemeingut Aller jreworden. dass sich bis in die letzte Zeit hinein kaum 
ein Widerspruch dagegen vernehmen liess. Erst Stone hat nachgewiesen, 
daas der Detrusor unmöglich diese Kraft entwickeln könne. Nach seinen 
Messungen betrigt die Oberfi&che des Orificium intemum der Blase etwa 
* im fl*'^ Oosnmratoberfläche dieses Orirans. Erwäpfen wir aber, dass sowohl 
nach anderen Untersuchungen, als auch nach denen, die ich an anderer Stelle 
niedergelegt habe, eine Wassersäule von circa 2U Cm. Höhe bei mittlerer 
BlaaenfflUung auf dem Orificium intemum lastet, so ergiebt sich nach einiger 
Berechnung, dass bei einer Contraction des Detrusors nach den Gesetzen 
der Hydrostatik der Druck sieb na<-b allen Richtnnsren hin in gleicherweise 
fortaetzen mfisste, d. h. der Detrusor nicht nur den Druck überwinden müsste, 
dw auf dem Orificium intemum ruht, und den wir, falls wir die PUche des 



44 



Blase. 



Orificiuma Va Qcm. schätien, auf 10 Ccm. taxiren mOsseii (Gewicht g:emessen 
aus dem Prodnct der Orundflftehe und Höhe), sondeni, da Jeder grleieh groiee 

Thcil der Blasenoberflfiche clonsolbcn Druck erfahren wörde, mflsste eine 
5t)(»inal so irrossc Krafi ausy:eül)t werden, um den Sphinkter zu sprengen. 
Mit anderen Worten : der Delrusor mOnste 560 X 10 Ccm. oder 5,ti Kg:rm. 
flberwindeB, um die Blase tu eröffnen. Daas sieh dasu die scliwache Muscu- 
latur des Detrusors nii-ht eiizrnet. int wohl leicht ersichtlich. AUein es ist 
mir noch auf anderem We{j:e der Beweis lafelungren zu <'rkläre!i wr-shalb der 
Sphinkter nicht rein mechanisch vom Detrusor überwältigt werden kann. 
Denken wir uns die Kraft des reflectorisehen Blasmverschlusses einer Grösse 
X grleieh «resetzt, so h&It diese Grösse dem Innendmcke der Blase das 
Gleichtfewicht. Soll diese Kraft durch eine Contraction des Detrusor uber- 
wunden werden, so niuss derselbe eine urrössere Gewalt ausüben, etwa die 
Summe der Kräfte von x 4- z repräsentiren. Denken wir uns jetzt die Con- 
traction des Detrusors als Curve, ansteif^nd vom Werthe x. dem der Sphinkter 
noch erewachsen war. bis «um Werthe x 4- z. ao wird bei diesem anprewandten 
Drucke der Sphinkter nach}j:el>en und sich öffnen. Diese Curve würde 
somit eine steigende Richtung annehmen, um bei x 4- z ihren Gipfel zu er- 
reichen. In dem Moment der Kraftentwicklung: von x + z wird sich nun 
der Sphinkter offnen. Soll nun. wie es im Leben geschieht, der Urin weiter 
aus der Blase fliessen. so mOsste nothwendiffer Weise der Sphinkter weiter 
durch die Kraft x + z der Contractionen des Detrusors eröffnet bleiben, 
d. h. die Curve durfte nicht fallen, sondern mOsste sich in einer Horizontalen 
in der Höhe von z + i weiter fortbewegen. Allein diese fOr das medianische 
Princip der prewaltsamen Sphinkterdffnung- geltenden theoretischen Voraus- 
setzungen treffen in natura nicht zu. 

Zunächst einmal hat Genouville den Nachweis fQhren können, dass von 
dem Momente der Blaseneröffnung an der Druck in der Blase dauernd bis auf 
Null sinkt Sodann aber habe ich vermöge eines complicirten physikalischen 
Versuches zu eruiren versucht, welrhcn Stand die Curve in dem Aujrenblicke 
hat, in dem sich der Sphinkter eröffnet. Diese Versuche sind in extenso in 
dem ViitCB0W*8chen Ardkiv beschrieben worden. Ich habe nun constatiren 
können, dass der Moment der Blasenöffhung nicht immer mit dem Gipfel 
der Curve zusammenfrilll , sondern sowohl die ansteijrende, als auch die 
fallende Curve treffen kann. Es ixehX also sowohl ans den GKXOUvn.LKscben 
Versuchen, als auch aus den meinigen zur Evidenz hervor, dass die Eröff- 
nung des Sphinkters unabhilngig sein kann von der Contraction des Detru- 
sors. da sonst nach der GBMOOVILUl'schen Beweisführung die Curve nach 
der Eröffnung nicht sinken, sondern auf der Höhe der maximalen Grösse 
sich weiter fortbewegen mösste, nach der meinigen aber der Moment des 
Nachlassens des Sphinkters eldi weder auf der ansteigenden, noch auf der 
sinkenden Curve. sondern auf ihrem Gipfel befinden mOsste. Den wichtigsten 
und die angeführten Versuche am meisten stützenden Beweis liefert jedoch 
der Umstand, dass wir im Leben im Stande sind, den Urin willkürlich fast 
zu jederzeit zu lassen, ohne dass wir Drang verspüren, was, wie wir noch 
weit«r unten sehpn werden, Detrusorcontraction bedeutet Hieraus ergiebt 
sich, dass die Eröffnung des Sphinkters in anderer Weise erfolgen mflsse. 

Diese Krage würde schwerlich gelöst werden können, wenn nicht neben 
Anderem vor Allem die Resultate der Untersuchungen über die Physiologie 
der filasennorven von Skabitsohbwsky und Nowraokt und v. Zbissl be- 
kannt geworden wären. Um dieselben jedoch besser heurthellen su können, 
ist es nötbig. Einiires über die die Blase versortrenden Nerven mitzutbcilen. 
Dies^Ibo wird von zwei Seiten her durch Nervenzüge versehen. Zunächst 
einmal von oben her durch die vorderen 3 — 5 Lumbaiwurzeln. Die aus ihnen 
heraustretenden motorischen Fasern geben in die Bami communicantes fiber 



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Blase. 



45 



und von da in den Lumbaltheil des Sympathicus vermittels der drei Nervi 
mesenterici (super., med. und inferior), wo sie im Ganglion mesentericum in- 
feriua ihr vorlftuHges Ende finden. Von da setzen sie sich als Nervi hypo- 
jra.strici. die auf dem Pronunitnrium selefren sind und der Excavation des 
Beckens foltren. fort, irelien in den Plexus hypog-astiicus über und von da 
auf die Blaüe. Sodann aber treten auch von beiden Seiten Nerven an die 
Blase hentL. die sowohl von den vorderen, als auch von den hinteren 1 — S 
Sacralwurseln stammen, frleiehfalls snnftchst in dfn Plexus hypoftastricus und 
von da in die Blaso <rt>lan<ren. Diese von den Seiten her tretenden Nerven 
werden nach ihrer von Eckakd entdeckten interessanten Finntidn aiuii 
Nervi erigentes genannt. Während die von ober her stammenden, aus den 
3-4 vorderen Lumbalwunceln heraustretenden Fasern ursprOng^lich natur- 
geroäss nur motorischer Natur sein können, zeigen sie. sowie die Versuche 
von NovvRACKY und Skabitschewskv Ixnviesen haben, sobald sie sich dem 
N. Sympathie! beigesellt haben und in die N. hypogastrici übergegangen sind, 
Cremischten Typus, d. h. in den N. hypogastrici befinden sich sowohl moto- 
rische als auch sensible Fasern. Ebenso scheinen aber auch die N. erigentes 
beide Arten von Fasern zu enthalten. Allein die wichti^rste Entdeckung 
haben wir sicherlich v. Zeissl zu verdanken. Derselbe konnte nachweisen, 
dass in der N. erigentes Fasern verlaufen, deren Reizunj^: sowohl eine Con- 
traetion der Lftng^sfaaem der Blase sur Folire hatte, als auch den bestehen- 
den reflectorischen Tonus des Sphinkters aufzuheben im Stande war. Ebenso 
vermochte er durch das Experiment festzustellen, dass in umgekehrter Weise 
eine Heizung der N. hypogastrici sowohl eine Rei2ung des Sphinkters er- 
slelte, als auch eine Brschlafruag der LftngsmuRculatur der Blase vennr^ 
sachte, v. Zeissl deutete es so, dass er annahm, dass in den N. eri- 
gentes motorische Fasern für den Detnisor und Henimnnirsfasern fiii- <\<^n 
Sphinkter enthalten sind, während in den N. hypojrasirici motorische Fasern 
fflr den Sphinkter und Hemmungsfasern für den Detrusor verlaufen. Da wir 
jedoch in der Physiologie nicht irewohnt sind anzunehmen, dass es Fasern 
gäbe, deren Reiziinir ein Nachlassen einer bestehenden Contraction eines 
Muskels unter der Voraussetzung zur Foljre lialien könne, dass diese Fasern 
direct zum Muskel führen, so müssen wir annehmen, dass zwischen den von 
V. Zbissl beseichneten Hemmnniersfasem und der Blase Qansrtiensellen inter- 
polirt sind, die durcli den auf die Hemmungsfasern ausgeübten Reil Im 
Stande sind, den bestehenden reflectorischen Tonus abzuschwächen, respec- 
tive aufzuheben. 

Was nun noch dio Centren fOr die Blase anbetrifft, so haben wir im 
Lendenmark ein Centrum f8r die reflectorische Thlltii^keit der Blasenmusou- 

latur und im Gehirn, und zwar nach Bkchtekkw und MiEsr.wvsKV im fJyrus 
sigmoides ein solches, von dem wir durch Reizung Blasencontractionen aus- 
lösen können. 

Unter dieser Voraussetsunfp und grestGtxt auf die v. ZBissL*schen Ver- 
suche können wir es zunächst einmal verstehen, weshalb bei einer graphi- 
schen Darstelhmg von Curven. die die Üetrusorencontraction und irleich- 
zeitig den Moment der Eröffnung der Bluse angeben, es nicht nothwendig 
ist. dass das Nachlassen des Sphinkters nicht mit dem Qipfel der Curve. 
d. h. der höchsten Contraction des Detrusors xusammenzufallen braucht. Wir 
sehen eben daraus, dass der Sphinkter von selbst auf irirend einen Heiz 
bin erschlafft ist. Den besten Beweis aber liefert die lügliche Erfahrung, 
die uns lehrt, dass wir notorisch im Stande sind, willkürlich den Sphinkter 
KU erschlaffen. Diese nicht wegzuleu^rnende Thatsache, dass wir in der That 
betihigi: sind, willkürlich den ITrin zu entleeren, ohne den Drangt dazu xu 
verspüren, hat zu den verschiedensten Conlroversen Anlass gegeben. Es bot 
immer eine gewisse Schwierigkeit anzunehmen, dass wir im Stande seien, 



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46 



Blase. 



einen glatten Muskel, wie den Detrusor, durch unseren Willen zu innerviren. 
Denn nur dnreli eine Contraction des Detnisora glaubte »an, k(iiuie der 
Urin aug der Blase gepresst werden. Da bisher aber in der Physiologrie kein 

Beispiel dafür vorhanden wnr. dass man willkürlich frlatt^resl reifte Muskeln 
innerviren könne, wenn auch der umgekelirte Fall bekannt war. dass die 
quergestreifte Musculatur des Herzens dem Willen nicht unterworfen ist, so 
suchte man sidi den willkürlichen Act der Hamentleening anders su er- 
klftren. Man benutzte als Aushilfsmittel die Bauchpresse. 

Da dieselbe aus querfrestreifter Muscuhitur besteht, so nahm man an. es 
werde diese durch unseren Willen zur Contraction veranlasst und treibe dann 
durch ilire eigrene Zusammenxiehung den Urin aus der Blase. Allerdings 
{glaubten Einig^e, dass die Contraction der Bauchmusculatur zwar nicht den 
Urin vollständijr aus der Blase, sondern nur in den Anfantrstheil der Urethra 
treiben könne. Hier würde dann der Harndrang erzeugt, und nun entstiinden 
die Detrusorencontractionen, die den Urin zwingen, die Blase zu verlassen. 
Dass aber In der Tliat die Bauehpresse nicht im Stande sei, den Urin aus 
der Blase zu pressen, solange der Sphinkter nicht eröffnet ist, geht ans mehr- 
fachen Erwägungen hervor. Zunächst einmal war es nicht verständlidi. wes- 
halb die Bauchpresse den Urin nur in den Anfaugstheil der Urethra und 
nicht ebenso gut durch die ganse Harnröhre fortbewegen könne. Sodann 
aber leigte das Bild der BlasenlUunung am deutlichsten, dass die Bauch- 
presse absolut unfähig war. Urin aus der Blase zu treiben. Ohne Zweifel 
würden diejenigen, die an einer Lähmung der Blase leiden, sich mit Leich- 
tigkeit der Bauchpresse haben bedienen können, um ihren Urin zu entlewen, 
falls sich dieselbe zu diesem Acte eignen wBrde. Allein ich glaube, auch 
durch ein physikalisches Experiment den Nacliweis liefern zu können, dass 
in der That die Bauchpresse nicht im Stande ist . den Urin zu entleeren, 
solange der Sphinkter geschlossen ist und dass sie auch denselben zu er- 
öffnen gar nidit in der Lage ist 

Wir nehmen eine weite Flasche a, an deren Boden sich eine Ausfluss- 
öffnunir befindet. Durch den weiten Hals dieser Flasche führen wir ein^n 
üummiballon c, der nach oben und unten in einen schlaffen Quuimischlauch 
ausmündet. Den unteren Schlauch d fOhren wir durch die Ausflussöffnung 
der Flasche hindurdL und bringen da, wo er vom Gummiballon abgeht, swei 
Klammern so an, dass sie einen leichten Verschluss für sein Lumen bilden, 
doch so, dass noch mit Leichtigkeit Luft durch diese verengte Stelle hin- 
durchgeblasen werden kann. Den oberen Schlauch g des QummiballODs fQhren 
wir vennittels einer Olasröhre durch den doppelt durchbohrten Korken, der 
den Hals der Flasche verschliesst , und sperren ihn durch einen Hahn ab. 
Oberhalb dieser Flasche, etwa in einer Höhe \ on ' o Meter, briii^^'n wir ein 
zweites kleines Qefäss m au, das gleichfalls eine durch einen durchbohrten 
Korken yerschlossene Ausflussöffnung hat Dorch diesen Korken fflhrt ein 
Schlauch h nach der weiten Flasche a. und zwar vermittels eines Glas- 
röhrchens. das in den doppelt durchbohrten Korken des Flaschenhalses ein- 
gelassen ist Glessen wir jetzt aus dem höher stehenden Geiässe m durch 
den Sehlauch b Wasser in die Flasche a» nachdem wfar vi»li«r den Oununi- 
ballen c reichlich mit Wasser gefüllt haben, so comprimlrt das aus m ein- 
strömende Wasser in gleicher Weise den Gumitiiballon c wie seinen unteren 
Schlauch d. Es kann somit kein Wasser durch d ahfliessen. weil eben das 
Wasser nach allen Hichtungeu bin in gleicher Weise comprimlrt. Verbinden 
wir dagegen Jetzt den Sehlaudi h des oberen Oefisses m mit dem Schlaudie g 
des Gummiballons, nachdem wir die ihn verschliessende Klammer abgenommen 
haben, und lassen jetzt aus m nach dem Ballon c Wasser fliessen. so öffnen 
sich die Klammern // und das Wasser Iiiesst aus d ab. Dies geschieht des- 
halb, weil der in c harschende Druck durch die aus dem höher stehenden 



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Blase. 



Gefässe fliessenHe Wassersäule beträchtlich erhöht ist und diese Druck- 
Bteigerung ausreicht, um den saDften V'^erschluss der Klammer ff zu lösen. 
Uebertragren wir diese Verhältnisse auf die Beziehung: der Banchdecke tur 
BUuM, HO bedeutet a den intraabdominalen Raum, bindet durch ZuHuss 
von m nach n eine intraabdoniinale Druckst eifferunp: statt . wie es bei der 
Äction der Bauchpres.se der Fall ist. so vermai? derselbe wohl die Blase zu 
comprimireQ, d. h. in unserem Versuche den Ballon c, aber gleichzeitig auch 
das Abflussrohr der Blase, die Hamrfthre, in unserem Versuche den Abfluas- 
schlauch d. Mit Erhöhunjj des abdominalen Druckes wird eben, da sich der 
Druck nach allen Richtunpren hin prleichniässig- fortsetzt, sowohl die Blase, 
als auch der in der Bauchhöhle .sich befindliche Anfangstheii der Urethra 
gleichseitig eomprimirt. Verbinden wir ds^egren in unserem Versuche m mit a 
und lassen Wasser einfliessen, so erhöhen wir den Druck in c. d. h. in der 
Blase. Diese Krhöhunf? des intravesicalen Druckes erenufft a!>er. um bei 
nöthiger Stärke den Sphinkter, dessen Tonus in unserem Experimente durch 
die Klammer tt angedeutet ist, zu überwinden. 




Sorsdien wir also, daas die ErhShnngr des abdominalen Druckes, wie 

er durch die Bauchpresse zustande kommt, keineswegs im Stande ist, den 
Blaseninhalt auszutreiben, und sind nunmehr zu der Ansicht frezwunt^en. dass 
eine Entleerung des Urins ohne willkürliche oder reflectorische Erschlaffung 
des Sphinkters nicht gut möglich ist. Diese Vermuthnng, daas es sich auch um 
eine willkürliche Erschlaffung handeln kann, konnte natOrlieh solange nicht 
festen Fuss gewinnen, als nicht der Beweis erbracht war. dass wir in der 
Thal durch directe Reizung einzelner Nervenfasern im Stande sind, einen 



48 



Blase. 



bestellenden Muskeltonus aufzuheben. Dieser Beweis ist aber durch die 
V. ZsissL'schen Untersuchungen geliefert worden und hilft uns in ganz her- 
vorra|f«nder Weise fiber ienee Dilemma in der Physiologie weg*, das durch 

(lio Tli.itsaclie jrehildet wird, dass wir im Stande sind willkQrlicli den Urin 
zu entleeren. Während wir früher keinen Au.swejr fanden, wie wir diese 
Erscheinung erklären sollten, du wir glattgestreifte Musculatur nicht gut 
innerviren sa können glaubten, die Bauehpresse nach unserer Beweisführung 
aber nicht ^ut in der Lage ist., den Urin auszutreiben, hat sich insofern der 
Standpunkt in dieser Frape verschoben, als es jetzt nicht mehr darauf an- 
kommt, den Detrusor durch unseren Willen zur Contraction zu bringen und 
so den Urin su entfernen, was, wie ja oben bemerkt ist, auch nicht gut 
möglich wäre, da dem Detrusor diese Kraft nicht innewohnen kann^ son- 
dern den bestehenden Keflextonus des Sphinkters aufzuheben. Dass wir 
nicht nur im Allgemeinen wohl befähigt sind, eine bestehende reflectorische 
Contraction zu unterbrechen, lehrt die l'liysiologie zur Genüge, da wir wissen, 
dass wir einen Lach-, Wein- oder gar Gfthnkrampf durch unseren Willen besei- 
tigen können : dass wir aber auch hier im Speciellen die Contraction des 
Sphinkters aulheben können, geht ebensowohl aus den v. ZeisSL'schen Ver- 
suchen, als auch aus meinen eigenen Beobachtungen hervor, die mich noch 
nebenbei lehrten, da^s wir auch willkOrlich den Sphinkter zur Contraction 
bringen können. Wie schon oben erwähnt, hatte ich in einigen Fällen einigen 
Personen «inen ziemlich dicken starrwandigen Katheter in die Blase einge- 
führt und denselben nachher su weit zurückgezogen, dass das Auge des 
Katheters gerade in der Pars prostatica urethrae an liegen kans. Die Blase 
war mit circa 800 — 400 Orm. Borsäure geffillt. Auf Commando waren diese 
Leute ebensowohl in der Lajre. den Urin zu entleeren, als auch aufrenl)lick- 
lich den Urinstrahl zu unterbrechen. Diese Unterbrechunir konnte nui- da- 
durch erfolgt »ein, dass sich der Sphinkter geschlossen luule. da ja der 
wesentlichste Theil der Pars prostatira, die ganze Pars membranacea und 
die Pars bulbosa urethrae, sieh wegen des dazwischen liegendtn Katheters 
nicht si lilitssen konnte. Ebenso prompt konnte alxr auch wieder der Hlasen- 
inhalt auf Verlangen entleert werden. Diese in der That überraschenden 
Beobachtungen haben sur GenOge bewiesen, dass wir notorisch im Stande 
sind, einmal willkOrlich den Sphinkter erschlaffen su lassen, andererseits 
aber ebenso willkOrlich seinen Scbluss herbeizuführen. 

Kommen wir nunmehr zu einer zusammenfassenden Schlussbetrachtung 
Aber die physiologischen Aufgaben der Blasennuisculatur, so müssen wir 
Folgendes annehmen. Durch die Ureteren wird der Urin in die Blase ent- 
leert. Durch den sich ansammelnden Harn wird der Reiz auf die sensiblen 
Blasennerven auso-eübt. Dieselben trairen die Erregung zunächst nach dem 
Keflexcentrum im Lcndenmark. Hier wird der Heiz auf die motorischf^n 
Nerven der Blase nbertragen. Es konamt sowohl zu einer Contraction des 
Detrnsors als auch zu einem verstärkten Versdilusstonus des Sfdlillkters, de, 
wir schon oben erfahren haben, dass na«li den l'nt ersuchuntren von Mos.«;o 
und Pellakca.ni sowohl die Längs- als Bingmusculatur der Blase auf den- 
selben Reiz gleichzeitig rengiren. Bisher haben wir jedoch über die Vor- 
gänge in unserer Blase nicht die mindeste K^nntniss, da es sieh um rein 
reflectorische Erscheinungen bandelt. Denu'nl sprechend ist auch in dem 
ersten Kindesalter die L'rinentleerunfr ein leiii reflect urisclier Vorf^ani:. Wird 
jedoch die Menge des in dir Blase sich ansammelnden Urins immer grösser, 
SO wird auch naturgemSss der auf die sensiblen Nerven der Blase ausge- 
fibto Reiz umso stärker. Deiselbe dringt nunmehr weiren seiner Intensität 
Ober (las Keflexeentruin des Rückenmarks hinaus nach dtin Gehirn, und 
zwar, wie es scheint, nach dem Gjrus sigmoides. in dem Büchtkuew und 
MiBSLAWSKY ein Centrum fQr Blasencontraction nachgewiesen su haben glauben, 



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Blase, 



49 



während es Rinr.F. mir nrelungren war. von den Corpora qnadrigenuna ans 
eine Zusainmenzielum^'^ der Blase zu erzielen. 

Da aber infolge der stärkeren Reize auch stärkere Contractionen des 
Detnisors stattgefnndeii haben, so werden dieselben nunmehr im Gehirn als 
Harndrang: empfunden. Denn die an zahlreichen Beobachtungen von Dubois 
und Gknouville gewonnenen Resultate haben zur Genuqre bewiesen, dass in 
dem Augenblick, in dem ein Harndrang verspürt wird, der Detrusor sich 
BtSrker eonirahirt, was an den schneller und bis m einer grewissen H5he 
anst(>i<renden Cnrven deotiich sichtbar war. In dem Moment aber, in dem 
der Harndrang nachliess. sank auch die Curve der Detnisorcontraction. Hier- 
aus geht hervor, dass das, was wir als Harndrang verspüren, seinen Grund 
in einer stäricwen Ccmtvactioit des Detrns«»* findet, wie ja auch Uterus- 
contractionen als Wehen empfanden werden. Sobald uns also der Harndrang 
infolge verstärkter Blasencontraction zum Bewusstsein kommt, haben wir 
es in der Gewalt, entweder dem Drange Folge zu leisten und den Urin zu 
entleeren, oder aber, falls wir durch äussere Umstände verhindert sind, die 
Bntleenm^ anfsoschieben. Im ersten Falle schicken whr ▼om Oehim aus 
mit unserem Willen eine Erregung nach dem Centrum des reflectorischen 
Blasenverschlusses und veranlassen eine Aufliebung der bestehenden Sphinkter- 
contraction. Der Urin kann nunmehr abfüesseu. Jetzt zieht sich auch der 
Detmsor über seinen Inhalt snsammen nnd treibt denselben durch seine 
Contraction aus der Blase heraus. Von da an, d. h. von der ESrSttnung des 
Sphinkters an, kann aber auch die Bauchpresse in Wirkung: treten und für 
die schnellere Entleerung der Blase sorgen. Sind wir dagegen, wie in dem 
sweiten Falle, nicht Willens, dem Drängen der Blase nachzugeben und den 
Urin ra entleeren, so sehieken wir gleiehfslls eine Enregnnir nach dem SpUnk- 
terencentrum , die dieses \Tnl aber andere Bahnen wandelt und eine Ver- 
stärkung des schon bestehenden reflectorisclKm Blasenverschlusses zur Folge 
hat. Um diese erhöhte Thätigkeit zu unterstützen, bedienen wir uns noch 
der gesammten Darmmosciilatiir, d. h. dee Bnlbo mid Isdiio cavemosos nnd 
vor Allem des Compressor nrethrae, der jetit erst seine Thfttigkeit voll 
imd ganz entwickeln kann. 

Hieraus geht hervor, dass in dem frühesten Kindesalter der Act der 
Harnentleerung ein rein retleetorlschw Vorgang ist, bis die Muskeln es ge- 
lernt haben, dem Willen zu gehorchen. Im späteren Leben jedoch kann der 
erste Theil der Thätigkeit der Blasenniusculntur ebenfalls reflectorisch sein, 
und zwar bis zu dein Augenblicke, in dem uns die Detrusorenrontractionen 
unter dem Gefühl des Harndranges über die Zustände in unserer Bluse 
erientiren, von dnn Moment aber ist die weitere Blasenarbeit der Controle 
nnseren Willens unterworfen. Dass aber der gesammte Vorgang der Harn- 
entleerung auch rein willkürlicher Natur sein kann, ist bereits oben erwähnt 
und durch die Thatsache bewiesen worden, dass wir jederzeit Harn ent- 
leeren kOnnen, vorausgesetst dass die Blase gesund ist 

Literatur (die bereits bis zam Jahre 18B7 bei Bonn angegebene Litentar ist hier 
nicht erwähnt) : Borh, Zur Kritik Uber den gegenwSrtigen Stand der Frage von der Blasen- 
InnctiOD. Deutsche Zeitschr. f. Chir. XXV. — Bicbtcbkw und Huslawskt, Nenrol. Ceatral- 
blatt. VII. — Caiuat, .Fonrn. de l'anat. et de physiol. 1877. — Cou.n . Der M. cniuprcHsor 
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ZeHaebr. IL GonavAiMi et F. Gütoit, OoiitrilNiHmi k PMnde de llnneiratloB raotiice de la 
vessie. Arch. de la physiol. 1R96. — Eckaro, Beiträge zur Anatomie nnd Physiologie. Giesaea. 
III. IV. VII. — Enoliscu, Atrophie der Prostata. Wiener med. Blätter. 1891. — Finqkb, 
Ueln r (]( 11 Mechanismus des Blasenverschlus.sfs, der Harnentleerung und der physiologischen 
Aufgabe der Proetata. .Allg. Wiener med. Ztg. 1893. — Fimobk, Die Blennorrhoe der äexual- 
«HTgane. LekilNioh. Wien 18^. — Fsi.t.nnt, Die Bewpgungs- nnd Hemnrangsnerren dea 
Rcctums. Med. Jahrb. Wien 1883 ; PFLfGEu's Arehiv. LVI Fi uhuisger, Krankht iten der 
Uarnorgane. — GKHOimu.s, Dn röle de la contractilite vesicale dans la Miction normale. 
Arch. de Phyaiol 1894. — GoLutscuKiuEK, liiiekenmarkskrankheiten. Deutsche med. Wochen- 
•ehrift. 1894. — Goltz nnd J. R. Ewald, Der Hnnd mit verkUntem BQckenmark. PirtOosa'» 

EDGjrelop. JahrbOcbM. VII. 4 



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60 



Blase. — Blefgicht. 



Archiv. 189fi. — Goltz, lYiv Fiuu-tiou des Lendt'Uiuiirks. ElxMida. VIII. - Gnii FiTii, Obser- 
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ZoBLStt. AbHi. 1. — KObt.icnni, Ueber die feinere Anatomie und die pbyalotogia^ Bedev- 
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Bleislcllt (Arthritis saturnina). Die Beziehung^en vun Bieiintoxi- 
cation und Gicht sind suerst von en^lischon Aerzten erkannt worden. Schon 

in der dem vorigen Jahriiundert angehöritj^en Literatur über die Kolik von 
Devon.'^liire . die man spater als eine (iurch bieihaltisren Obstwein hervor- 
gerufene Colica saturnina erkannte, finden sich Angaben über Podagra und 
giehtische Affectionen, die auf die ipenannte Kolik zur&ckgefQhri werden.^) 
Auch aus der waten Hftltle des 19. Jahrhunderte Itegren mehrere Beschrei- 
bungen von Arthritis bei Bleikranken vor.-) Mit Bestinuntheit wies 1854 
Garrod auf den Zusanunenhang von Gicht und Satumisnitis aitf Grund seiner 
tbeils im University College Hospital, theils in der Privatpraxis gemachten 
Beobachtungen hin, wonach etwa der vierte Theil der von ihm behandelten 
Gichtkranken frQher an irgend einer Form von Bleivergiftung gelitten habe. 
Garrod jrebfllirt auch das Verdienst, zuerst an die Ergrundung der Ursache 
dieses Zusammenhanges herangetreten zu sein, indem er durch Blut- und 
Harnuntersuchungen den Binfluss des Bleies auf die Absch^dung der Harn- 
s&ure nachsuweisen suchte.*) Seine Anschauungren fanden in Bngrland all- 
gemeine Anerkennung und weitere Bestätigung diircli andere Apiv,te. unter 
denen insbesondere Dyce DuCKWORTH *; zahlreiche neue An^-aben ^rebrai-iit hat. 

Auf dem Continente, wo zweifelsohne auch schon früher Gicht bei Blei- 
kranken beobachtet war, s. B. von Tanqvbrbl des Planohbs wies 1863 suerst 
Charcot^) auf das Vorhandensein der Arthritis saturnina hin. An seine 
Arbeit schliessen sich später zahlreiche andere Mittheilungen hervorragender 
französischer Aerzte, wie Ollivier, Guhleu. Bucvi'Oi, Potain, Lancj^reau.v u. A. 
Eine ausffihrliche Beschreibung des klinischen Verlaufes der Bleigicht gab 
1876 Halma Gra.nü. ") In Deutschland, wo mehrere Aerzte noch bis auf den 
heutigen Tag die Kxislenz der Arthritis satmnina bezweifeln, hat erst 1884 
Pedell ausführlich über Fälle von wahrer Gicht bei chronischer Bleiver- 
giftung und Nierenschrumpfung berichtet und sich auf den von Garkod und 
den englischen Aerzten vertretenen Standpunkt, dass Imprägnation mit Blei 
eine der Ursachen der Gicht sei. gestellt.'*) In der neuesten Zeit hat Lüth.ie '•') 
aus der Charite zwei Fälle mitirotbeilt und gleichzeil it: die Theorie der Blei- 
gicht wiederum auf Grund von Experimenten festzustellen sich bemüht. 

Der Grund, weshalb die saturnine Gicht von vielen Aerzten und be- 
sonders Imufiu- in Deutschland angezweifelt ist. liegt in dem bestimmt in 
einzelnen Geirenden ausserordent iicli seltenen Vorkommen dieser Affeciion. 
Selbst in England giebt es Districte, in denen Bleikranklieit aussei ordent- 
lieh h&ttfig Ist, ohne dass die Aerzte dort iemala ehien Fall von satuminer 



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Bleigieht. 



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Gicht beobachtet haben. So ist nach übereinstimmenden Ang:abea von Dki m- 
MOMD (bei Dyck Dookwortb) und von Oliver in. und bei NewcasUe upon 
Tyne, wo die Bleiweissbibriken zahlreiche FWle und mannigteche Fonnen 

von Saturnisnius erzeufren. Blei^^ichf nicht vertreten. Wenn ausser den 
Aerzten von Newcaslle upon Tyne auch Hospitalärzte in I.iverpool, Birming- 
ham und Belfast die Affection nie gesehen zu haben erklären, wenn Frbrichs 
Roter 163 FftUen von BleivergiltuRff keinen Fall von Blef^dit befanden, 
wenn Wbickirt (bei Lüthje) bei einer 42iahngen Praxis als Hfittenarzt an 
den fiscalischen Hütten in Preibersr niemals einen Fall von Arthritis satur- 
nina zu Gesicht bekommen, wenn französische Aerzte, wie Fibssingbr, in 
einer mit iSIei inficirten Bev5tkerungr alle m&grlichen Bleiaffectionen, nur keine 
Arthritis satumina beobachteten: so zeijsrt das allerdings, dass diese Fonil 
des Saturnismus chronicus im Allijeineinen selten ist. Derartige P^requen«, 
wie sie Garrod unter seinen Gichtkranken hatte, ist ein Unicum. Spätere 
englische Autoren haben sie nie wieder gehabt. Dyck Duckworth hatte unter 
3S Qiciitkranken nur 25 (ISVoX welche Symptome Ton Bleierkrankonir selipten. 
Das Nicht vorkommen von Bleifriclit in bestimmten Disti-iclen hewpisf inMessen 
bestimmt nicht, dass diese nicht oxistirt oder dass andere Schädiirhkeiten vor- 
handen sein müssen, um bei Bleikranken wirkliche Gicht zu erzeugen. Ala 
solche sind von verschiedenen Seiten erbliche Belastung und Alkoholismus 
betrachtet, die freilich schon f flr sich liinreidien , um das Auftreten der Gicht 
in nicht bleikranken Individuen zu veranlassen. Indessen giebt es unzweifel- 
haft in der Literatur Fälle saturniuer Gicht, in denen Missbrauch spirituöser 
Getränke und Hereditftt vollkommen ausfirescblossen ist, und wenn man nicht 
auf eine bisher nicht namhaft gemachte oder unbekannte Schftdlichkeit recor- 
riren will, wie dies in Frankreich mitunter geschehen ist, so wird man mit 
LCTH.JE zu der Ansicht gelangen, dass »das Blei in der Reihe der ätiolo- 
gischen Momente den gegohreuen Getränken vollständig gleichwerthig zur 
Seite steht und ohne Hinsutreten anderer ftusserer Ursachen Gicht machen 
kann«. Alkohol ist dabei sicher mehr im Spiele als erbliche arthritische Be- 
lastung, die z. B. von Lorixser in 107 Fällen von Bloigicht nur 9mal nach- 
zuweisen war. Französische Autoren haben sogar die Ansicht ausgesprochen, 
dass eine hereditSre satumine Belastung bestehen könne, die ihrerseits tum 
Auftreten von Gicht prädisponiro; indessen sind die daffir angefGhrten Beob- 
achtungen von gichtkranken Srihnon l)leikranker Väter so wenig zahlreich, 
dass sie auch dann nichts bedeuten würden, wenn nicht die Arthritis der 
heredit&r belasteten Söhne ausschliesslich durch die professionelle Beschäf- 
tigrung dieser ihre Brkllrunir finde. 

Man wird durch die Betrachtung der bisher veröffentlichten Casuistik 
zu der Ueberzeugung gedrängt, dass eine sehr lany:e Einwirkung des Bleies 
statt£^efunden haben muss, um Bleigicht zu erzeugen. Möglicherweise liegt 
hierin der Grund fOr die Seltenheit der Affection bei gewissen Beschlfti- 
grungen, die sehr frühzeitig zu schweren Bleiaffectionen Aiilass geben. Nament- 
lich gilt «lies für Newcastle upon Tyne. wo das Blei in den Bleiweissfabriken 
oft sogar in wenigen Wochen zu letal verlaufender V'ergiftung führt. Dass 
die Etowirknng Iftnger sein muss, als man gewöhnlich annimmt, seigt die 
Angabe von Lüthje . dass in 20 Fällen . in denen die Länge der Beschilli- 
«rungszeit mit dem Blei nniregehen ist. die Durchschuittsieit 20 Jähre, ver^ 
einzelt nur 5, mitunter seihst 48 Jahre betrug. 

Dass die Bleigicht zu den saturninen Spätaffectionen gehört, wird auch 
durch die Thatsache angedeutet, dass ihrem Auftreten in den meisten Pillen 
andere Formen der Bleivergiftung vorausi>-ehen. Bei 29 Kranken, bezQglieh 
deren sich Angaben finden, war 11 mal Kolik (meist mehrmals, mitunter so- 
gar 9 — lümal j vorausgegangen, je 2mal Arthralgia und Encephalopathia 
satumina, 8mal Apoplexie, 11 mal Albuminurie und ISmal Bleiparalyse (Lüthje). 

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BMgieht. 



Man hat das Recht, von saturniner Qicht zu reden, amsomehr, da nach 
d«i Qberrinatiinmendeii Zeugniiaen dw «wsehiedeiisteii Beobaciiter die ArtJiritis 
iatarnina verschiedene charakteristische Besonderheiten darbietet. 

Von der Mehrzahl der Autoron wird hervorpehobon, dass die saturnine 
Gicht in einem früheren Lebensalter als die gewöliniiche Arthritis aufzutreten 
pflegt Dies ist ledooh nicht in solchem Masse der Fall, dass es sieh nm 
«ine grosse Dttbrens luuidelte. Man wird dies von vornherein auch nicht 
erwarten können, wenn man bedenkt, dass als Durchachnittsdauer der Blei- 
einwirknng 20 Jahre erforderlich sind, um Arthritis satumina zu produciren. 
Nacb einer ilteren Zneammensteilnng voii Souoamore mit das Auftreten 
des ersten Oichtanfalles bei annähernd derHSlfte (260mal unter 515 Fällen) 
vor das 36. Jahr. Nach LCth.ie's Daten über '25 Bleiirichtkranke war das- 
selbe bei 18 (also fast bei drei Viertel) der Fall. Lorknser fand das erste 
Auftreten in 107 Fällen von Bleigicht TOmal (somit etwa zwei Drittel) vor dem 
85. Jahr. Die Beredmnngen Über das mittlere Atter rar Zeit des ersten An- 
fall es differiren nicht anerheblich (LOtbjb 84, Oarrod 88, Dycb Duckworth 
44 Jahre). 

Von verschiedenen Autoren, neuerdings besonders vonLABADiE-LAGRAVE^-) 
i|rt als ofaarakterfstiseh fOr satumlne Oicht das Fehlen in^dromaler Erschei- 
nungen, namentlich von Hautausschlligren . Ischias, Hamgries und Hämor- 
rhoiden angegeben. Schon G.\RROD betonte, dass der Anfall von Bleifficht 
plötzlich bei relativ oder absolut gutem Wohlbefinden sich eiostelie, was 
Aber bestimmt nicht f&r alle BUle antrifft. Auf das Pehlra vtm Hautaus- 
sehlifen bei Arthritis satumina wies sdion Lorinsbr hin, der bei 107 Kranken 
nnr je einmal Ekzem und Psoriasis constatirte. 

Französische Autoren (Halma Grand. Lemoixe) vindiciren der Arthritis 
satumina mit Unrecht längere Dauer der Anfälle und heftigeres Fieber in ihrem 
Verlaufe. Dagegen sind charakteristische Momente sweif^lsohne einerseits die 
raschere Wiederkehr der Gichtanfälle, andererseits das von Halma Grand und 
Labadie-Lagravk betonte rasche Uebergreifen der HnrnsRureablagerung auf 
die grossen Gelenke, wodurch in späteren Anfällen das Bild grosse Aehnlichkeit 
mit einem acuten Gelmikrikeumatismns erhalten kann. Es ist fibrigens keines- 
wegB nothwendi(r. wenn auch gewöhnlich, nach Durand 28mal in 88 FUlen, 
dass der Anfall in einer grossen Zehe beginnt, und nach LÜTHJE kommen sog'ar 
bei der Bleigicht sehr häufig Loc^lisationen vor, die bei gewöhnlicher üicht zu 
den Seltenheiten gehören. So kommen Anfälle im Hüftgelenke, das bei Gicht 
sonst ausserordentlich selten affidrt wird (in 516 FlUen bei Socdamorb ist 
keine oinzifre derartifre Erkrankung vermerkt), im Schultergelenk (bei Scupa- 
MoRE 1 unter 51t>), der Halswirbelsäule, den Sternocostalgelenken und den 
Verbindungsstellen von Nasenrücken und Nasenwurzel (Cuarcot) vor. Auch 
die Urethra wird, wie ein Fall von S(»iuosri*) zeigt, mitunter xuerst affi- 
cirt Als Paradigma der Bleigicht beseidmet LOthje einen der v(m Halma 
Grand beHchriebenen Fälle, in welchem nach 14jähriger Beschäftifjun^r mit 
Blei im 28. Lebensjahre des Patienten der erste Gichtanfall im Tibiotarsal- 
felenk eintrat» diesem folgte 8 Monate sfAter ein Anfall im linken Bllbogen- 
gelenk, 4 Monate darauf in beiden Tibiotarsalgelenken, unmittelbar darauf 
in den Grosszehenballen, dann anschliessend in den Finu-ern, den Knien, den 
Hand-, Ellbogen-, Schulter- und Halswirbelgelenken, nui Ii 5 Monaten ein An- 
fall in den nämlichen Gelenken, auch in den Hüftgelenken und Fussknöcheln. 
Diesen vier AnttUen innwhalb eines Jahres folgten analoge AnfUle in den 
folgenden Jahren. Der Ueberg^ang der acuten Oicht in die chronische Form 
ist wie in diesem, so in vielen anderen Fällen von Arthritis satumina weit 
ausgesprochener aU in genuiner Gicht. Lüthje betont auch die grosse Neigung 
zur Tophusbildnng, die nadi Soodamorb bei gewölmlicher Oidht nur in lO^o» 
bei Bleigicht nach den bisherigen Zusammenstellungen bestinmit bei nahezu 



Bleigicht. 



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der Hftlfte der Kranken vorkommt. Schon Cuarcot wies aaf die Häufig- 
keit d«r Tophusbildmig und der Defomitftten hin, die ron aaderen Aiit<n«ii 

(Vbrdugo, LäcoRCHä) bestritten wird. 

Nach BucQUOiR ist die satnrnine Gicht ausgesprochen articulär. während 
bei der gewöhnlichen Arthritis andere Erscheinungen (dyspeptische Störungen, 
Berzaffectionen u. s. w.) neben den Qelenkaffectionen häufig vorkommen. Fälle 
▼on PerikardHia oder Bndokwdids im Verlanfe von Arthritis aatnmina bilden 
hSchst seltene Ausnahmen. 

Dass die asthenische Form der Gicht bei Arthritis saturnina prävalirt, 
ist bei dem geschwächten Zustande, in welchem die früher an Bleiaffectionen 
heruntergekommenen Patienten sich befinden, selbstverstSndlldL 

Die Differentialdiagnose der gewöhnlichen Gicht nnd der Arthritis 
saturnina unterliegt koinon [grossen Schwierigkeiten, da bei den an der letzteren 
Erkrankten anderweitige Bleiintoxicationserscheinungen Vorhandensein mfissen. 
Mit Recht wird man die Bleigicbt nur da als erwiesen iMtmchten, wo kein 
anderes fttiologisches Moment nachgewiesen werden kann. Irrig würde es 
sein, wollte man das Vorhandensein von saturniner Schrumpfniere als eine 
nothwendiire Vorbfnlintriinff nnd als ein für die Diatrnose verwendbares Moment 
ansehen. Lüthje hui mii Sicherheit in drei der von ihm zusammengestellten 
BleigichtfSlle die Abwesenheit Jeder Nephritis nacl^wiesen. 

Schwierig Ist in einzelnen Fällen die Unterscheidung vom acuten Ge- 
lenkrheumalisnnis , für welchen die Bleipricht z.B. in dem oben erwähnten 
Halma Grand sehen Falle gehalten wurde. In manchen Fällen dieser Art 
schliesst das primäre Brgriffensein der Zehen den Oelenlcrfaenmatlsmns ans, 
in anderen der Nachweis frCherer gichtischer Erscheinungen oder das Vor- 
handensein von Tophi. Audi <>ine gewisse Irregularität in dem Befallen der 
Gelenke und das Auftreten in der Nacht sprechen für Gicht. Auf der anderen 
Seite sind, wie Lüthje richtig hervorhebt, ein jugendliches Alter, mitunter 
anch epidemisches Anftreten von Polyarthritis rhenmatiea, das Befallenwerden 
grosserer, symmetrischer Gelenke, Conipliration mit Endokarditis oder Ent- 
zündung anderer seröser Häute, hämorrhagi.sche Erkrankungen der Haut und 
die eclatante Beeinflussung der Gelenkaffection durch NatriumsaUcylat Momente, 
die ffir die Annahme von acutem Oelenkrheumatismns in Betradit kommen. 

Von Arthralgia saturnina ist die Bleigicht dadurch sicher zu unter- 
scheiden, dass bei ersterer alle entzündliche Reizung der Gelenke (Schwel- 
lung, Köthuog, Desquamation der Haut) und jedes Fieber fehlt. 

Einige Schwierigkeiten der Diagnose bietet die von Oublbr 1868 als 
Dorsaltnmoren der Hände (Tenosynovltis hyperplastica) beschriebene, übri- 
gens schon im vorigen Jahrhundert von dk Haen gekannte Affectifin. die 
sich durch Schwellung an den Selinrn und Sehnenscheiden der Hand- und 
Fiogerstrecker charakterisirt, welclie iui Anschlüsse an eine Bleilähmung 
sieh im Laufe von wenigen Tage oder 2—8 Wochen entwi^eln. Nach OuBLBt 
besteht der Haupt unterschied darin, dass die hamsauren Abscheidungen bei 
Jenen vollständig fehlen und die Entzündung in relativ kurzer Zeit ver- 
schwindet. Beachtenswert!! ist ausserdem die Angabe Qubler's, dass der 
Sitz gichtiseher Bntztlndungen die Synovialmembran, die Gelenkbänder und 
die Oeleokknorpel, nicht aber der Sehnenapparat ist, und dass diese Ent- 
sfinduDgen sich auf die oberflächlichen Schichten der betreffenden Gegend 
und stets mit Hautröthung und phlegmonöser Entzündung des Unterhautzell- 
gewebes und gleichzeitig mit mehr oder minder spontan auftretenden acuten 
oder anhaltenden Schmersen und mit DmekempHndliclikeit verhnnden sind, 
wogegen bei den Dorsaltumoren diese Symptome nicht gleichzeitig vor- 
kommen. F>wngt man. dass die Hände bei Bleigicht fast niemals allein affi- 
cirt sind, sondern erst nach dem Ergriffensein der Zehen oder anderer Ge- 
lenke, so wird man anch bei dieser Affection selten lange zweifelhaft bleiben; 



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Bl«lgteht. 



doch kSniieii die Donaltamoren nach Qüblbr In einielMii FUlen mit einem 
Giehtanbille eoincidiren. 

Halma Grand bozeichnot dii- Proirnctso dor Bloisricht als »infaust«. 
Si«' ist «'S in der That. wenn auch durch diätetische Massrejjeln der Ausgang 
sich oft noch Jalire lang hinauHschiebea lüsst. Jedenfalls ist die Proj^nose 
weit nngOnstiieer als die der gewSlinlidien Gidit, weil dabei die BinflQsse des 
Bleies auf tias Gefftsssystein (Atherom) und auf die Nieren (Schrutnpfniere). 
welche <He saturnine Gicht nuM'st rompliciren , schwer in's Gewicht fallen. 
Der Ausgang ist zuletzt ein urämischer Anfall, der dem Leben ein Ziel setzt. 
Das« infolgre des schlennigen UebererreifenB auf eine grössere Reüie von Ge- 
lenken und der Tendenz zu deformativen ProcesMen auch die BemfsfUiigrkeit 
der Bleigichtkranken rapide reducirt wird, lietri auf d<»r Hand. 

Eine sichere Theorie der Arthritis saturnina lässt sich gegen- 
wärtig aus dem Materiale, das die englische, deutsche und fransösisclie 
Literatur darbietet, nicbt geben. Die ursprOngUctae und am weitesten ver- 
broitete Hypothese, wonach das Vorhandensein relativ grosser Mengen von 
Harnsäure im Blute die Ursache der Gicht und auch der Bleiiricht s<m. lässt 
sich gegenwärtig nicht melu* aufrecht erhalten, mag man nun mit Gakkud 
aniMlmien, dass es sieh um eine durch Herabsetanngr der Function der Nieren, 
Harnsäure auszuscheiden, Ijedingte Hams&urereaction handle, oder dasB wirk- 
lich eine Ueberproduction von Harnsäure, wie z.B. von Boi("HARr>. anpre- 
nommen wird. Qarrod stutzte sich auf vergleichende Untersuchungen des 
Hams&aregelialtes den Blutes und Harnes bei Bleikranlten, wobei abnorme 
VeraMlirungr des Gehaltes im Blute und dementspreehende Verminderung im 
Harne cnnstatiii wurde, und auf Versuche an eineiii Kranken, hc'i dem 
sich infolge nielirläiritrer Darreichung: von HIeiacelat Vei uiinderunjr der Harn- 
saureausscheiiiuDK nachweisen Hess. In den letzten Versuchen war die Wr- 
mindemng nur l>ei dem einen Versudie wiiidich erheblich, in dem anderen 
aber so gering, dass sie auch unter ganz normalen Verhältnissen wohl zu- 
stande kommen konnte. Die Versuche Garrod's sind aber aucli deshalb nicht 
concludent, weil in dem Versuche, wo sich edatante Abnahme der Harnsäure 
herausstellte, StSmngen der Digestionsthfttigkeit (Uebelkeit, Erbrechen) ein- 
traten, welche die Harnsäureverminderung durch Verringerung der Nahrungs- 
mittelaufnahme erklären lassen. In den von LPthjr mit verbesserter Methode 
(Harnsäurebestimmung nach LuDwiu - Salkowski) an Thieren angestellten 
Versuchen mit steigenden Dosen von Bleiacetat trat selbst bei Verabreichung 
von im Ganzen 5,3925 Grm. in 44 Tagen keine Verminderung der Harnsäure- 
ausscheidung eilt, obschon es zu Bleiepilepsie und auch zu Albuminurie kam. 
Einen vollgütigen Beweis dafür, dass es mit der vermindernden Action des 
Bleies auf die Fähigkeit der Niere. Harnsäure auszuscheiden, nichts ist, 
lietem weitere Versuche von LOtrjb , wonach bei Ffltterung mit Thymus 
ung'eachtet der Bleizufuhr seihst die 3' ^fache Menge der l)ei normaler Fflt- 
terung producirten Harnsäure zur AusscheidimLr irebracht wurde. Eine Kinbusse 
des Fermeabilitätsverniügens der Miere führt daher das Blei nicht herbei 

Ist somit von einer eigentlichen Harnsftureretention nicht die Rede, so 
kann es dies noch viel weniger sein von einer Retention infolge einer durch 
Blei verursachten N'epliiitis. Obschon es ja ganz zweifellos ist. dass Blei- 
intoxicatiim zu Schnimpfniere füluen kann, so ist es docii ebenso unzweifel- 
haft, dass derartige Bleischrumpf niere nicht zur Bleigicht zu führen braudit, 
und dass Bleigicht ohne gleichzeitige Schrumpfniere vorkommt. 

Wäre aber auch wirklich bei BIcikranken die Harnsäure im Blute ver- 
mehrt, so würde sich die Fraire aufwerfen, warum denn nicbt bei jeder Intoxi- 
cation dieser Art Gicht eintrete r Indessen ist die Unterlage der Garruü- 
nehen Hypothese sehr defect, weil einerseits der abnorme Hamsäurereichthum 
des Blutes in zwei Untersuchungen von Garrod nicht nachgewiesen werden 



Bltfigicht. 



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konnte und andererseits das Verhalten der HuvsAnremengen des Urins nach 

neueren Untersuchunpron bei Bleikranken nicht (liojpnifre Cnnstanz bietet, 
welche zum Atifbau einer Theorie n<)thwendi«?e Vorbedintrunir isl. So eiiiabi'n 
Olivers Untersuchungen an vier Bleikrunken in Newcastle u. T., dass nur 
bei einem die Hams&ure unter der Norm, bei den flbrigen dagegen vermehrt 
war. In keinem dieser Frille war Bleigicht vorhanden, die ja überhaupt bei 
Newcastle fehlt. Jedenfalls aber zeig-en die Untersuchuntren Oi.iver s . dass, 
da Bleikranke harnsüurereichen Urin absondern, von einer Hetention der 
Harnsäure nicht die Rede sein kamt, die ja überdies, sei es durch compen- 
satorisehe Abscheidung durch den Darm (Wbintraud), sei es durch Ver^ 
hrennunp:, beseitigt werden kann. Auch die neuesten französischen Unter- 
suchungen über die Uarnsüureausscheidung bei Bleikranken lassen die Ab- 
hängigkeit der satuminen Gicht von Harnsüureretention verwerfen. Sürmont 
und Brunellb 2<^) fanden die HamsSureabscheidung bei Bleikolik bald ver^ 
mehrt, bald normal, bald vermindert ; dagegen ergab sich bei ihren Versuchen 
constant eine» bedeutende Verminderung des Harnstoffes und der Stickstoff- 
auhscheidung, und zwar so stark, dass sie niclit durch Fehler der Methude 
zurfickgeffllut werden icann. Man sudit daher auch neuerdings in Frankreich 
fast allgemein in der hieraus gefolgerten Herabsetzung des Stoffwechsels 
das Wesen der Hleiintoxicntion im Allgemeinen und die Ursache der Blei- 
gicht im Besonderen, wobei man dann wieder auf die Ueberproductiou der 
Harns&ure snrfickgreift >^ 

Immerhin ist, wenn man bei Bleigicht wirklieh Vermehrung der Ham- 
sfiure im Blute durch Ueberproduction annehmen will, diese allein als Ur- 
sache des Entstehens der Tophi nicht ausrtM'chend . da auch bei Leukämie 
und anderen Krankheiten Hurnsäurev ermebrung im Blute sich findet, ohne dass 
es zu Abscheidung von Uraten konunt. Man hat offenbar örtliche Processe 
mit in Betracht zu ziehen, und zwar« wie dies Epstein zu(»rst hervorhob, 
das Auftreten von Gewebsnekrosen . ohne deren Vorhandensein die Ab- 
lagerung von harnsauren balzen nicht uiöglicb ist. Diese Nekrosen, die bei 
der gewShnliehen Gicht als Folge der Einwirkung unbekannter Stoffe anzu- 
sehen wftren, würden bei der Bieigicht auf das Blei selbst surOckgefübrt 
werden können, das in der That wie bereits Dyce DrrKwoRTH und L.\n- 
CEREAUX hervorhoben, auf die tropbischen Nerven störend einwirkt. IA'thje 
weist in dieser Beziehung besonders auch auf die häufige Complication der 
Bieigicht mit Bleiparalyse hin, deren Begflnstignng für die localen Oicht- 
erscheinungen übrigens sich recht wohl durch die Verlangsamung der Säfte- 
strömuna: infolge der aufgehobenen Muskelbewegung erklJlren lässt. Der 
Umstand, dass die Zehen nicht ini;ner den Sitz der ersten Erkrankung 
bilden, lässt sich darauf zurückfflhren, dass bei dem lugeodlichen Alter der 
von Arthritis saturnina Ergriffene die bei filteren Individuen häufig vor- 
handene einfache Panarthritis der Gmsszehen, welche ZU gichUschen Ent- 
zündungen prfidisponirt. nicht existirt. '^j 

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**) HüKii!:, Klinik der Gclenkkrankheiten. 2. Aufl. 1877. Hiiaem*iw. 

llleitveiss. Man hat in En«:land seit vorfrl. Encyolopäd. 

Jahrb., IV, pag. 4Ü) ein angeblich ungiftiges Bleiwt'iss in den Handel ge- 
bracht, das auch als »The new Bnglish non poisonous white leadc in Deutsch- 
land vertrieben wird. Nach der Analyse von Bernhard Fischbr ist dies 
nicht ganz reines Bleisulfat, doch betragen die Venmreiniffiingen nur 2° q. 
Die Tbat»acbe, dass auch Bleisulfat chroniBche Bleivergiftung herbeiführen 
kann, ist unbestreitbar. Nach Versuchen , die Kiohka mit dem englischen 
Producte anstellte, ruft es. in grösseren Mengen in den Magen gebracht, 
bei WatMtblütrtn locale Verät/unfj: und. selbst wenn ein Thoil des Giftes 
durch Kibi-erhcn riitfernt wird. allt;omeine Intoxication hervor, die post 
mortem durch subpieurale Extravasate, hämorrhagische Nephritis und Ver- 
fettuDir der Leber und Nieren sich su erkennen griebt. Es ist selbstver- 
ständlich, dass dieses neue »ungiftige« Bleiweiss medicinal-polizeilicb wie 
anderes Bleiweiss behandelt werden muss und dass es im Interesse der 
allgemeinen Wohlfahrt liegt, wenn die dem Producte beigegebenen (iut^chteUf 
wonach es ungiftig sei, unterdrflckt werden, da sie geeignet sind, bei Ver- 
wendunST *B Stelle von Bleiweiss die nöthigen Schutzmittel und Vorsicbts- 
massreffeln zu vernachlässijren. Indessen hat das Präparat doch einen hvijie- 
nischen Vurtheil ; wenn man erwägt, welch grosse (iefahren die Ubiirbcn 
Metboden der Bereitung von Bleiweiss für die Arbeiter haben, so bietet 
für diese der Ersatz durch Bleisulfat, die keine solche Gefahr involvirt, 
allerdings einen nicht zu unterschätzenden Fortschritt. 

Literatur: Kioska, Ueber ein aogebUch nogütigeB Bleiweiss. Deutsche med. Wochen« 

idlriK. 1896, Nr. 18. Hus. mam,. 

Bromosin y Bromalbumin, Er omei weiss. F. Blum, welcher 
mit Apotheker Humrath in Caasel das Verhalten des Biweisses den Halo- 

genen gegenüber studirte, fand, dass. wenn man Chlor. Brom und Jod auf 
feuchtes Kiweiss in der Kälte oder mässiger Wärme einwirken lässt, diese 
Halogene theils dem Eiweissmolecül Wasserstoff unter Bildung von Halogen- 
wasserstoff entstehen, wonach sich die entstandene Siure dem Biweiss bis sur 
Erschöpfung der Bindungsfähigkeit anlagert; theUs bildet das Halogen mit 
dem Eiweiss auch Substitutionsproducte. 0 Lofw. der die so erhaltenen \'er- 
bindungen studirte, fand, dass das Bromeiweiss nach Entfernung des locker 
(gebundenen Broms noch 16,1 6^ 0 Brom in fester Bindung und nach dem 
Ldsen in Ammoniak und Fällen noch 13,10Vo snthält Eine Sehwefelabspal- 
tung findet heim Kochen des Bromeiweisses mit Alkali nicht mehr statt, 
auch wird bei der Hydrolyse mit Säuren kein Tyrosin gebildet und Mili.on s 
Reaction erzeugt keine Rothfärbung mehr, während die Biuretreaction noch 
deutlich g^lin^ 

Apotheker Hunrath bringt das Bromeiweiss als Bromosinum mit 10 
Procent Brom in den Handel. Www bat es bei Epilepsie mit Erfolg versucht. 

Literatur: F.Blum, Lelji^r Ualugenciwfissderivate aud ihr phyMologiscbv« Verhalten. 
Alünclu uer med. WoebeBBchr. 1886, Nr. 45. — O. Losw, Ueber Bromalbnmiii. Chemiker'Ztg. 
1897, paff. 264. £oeW*e*. 



c. 

Ciliuaplltol, C,0 N, 0, . (Cje H« OH . SOj H,) , nach seiner Zu- 
sammeDMtsnng ^-Naphtol-«>monotalfo8«ares Chinin (42<*/o Chinin ent> 
haltond), wurde von E. Ribglbr (Jassy) dargestellt, um in einer Substaos 

die antipyrptische und antiaeptische Wirkung der betreffenden Componenten 
zu vereinigen. Die Verbindung krystallisiit in charakteristischen rhombi- 
tehen gelben Prismen, sie schmed^t bitter, ist nnlOeUeh In kaltem, etwas 
löslich in heissem Wasser und Alkohol, sie wird durch Säuren nieht, 
sondern erst durch den alkalischen Darmsaft in ihre beiden Componenten zer- 
legt. RiBGLER empfiehlt sie daher in erster Reihe als Darmantisepticum bei 
Typhus abdominalis, Darmtuberkulose, Dysenterie, aber auch bei acutem 
Gelenkrheamalismns nnd bei Pnerperalsnstftnden wurde sie mit gutem Br^ 
folge versucht. 

Das Mittel wird in Pulverform in Oblaten in Einzelgaben von 0,5 bis 
zur maximalen Tagesdosis 5,0 verabreicht. Für gewöhnlich, wenn nicht 
selir hohe Temperaturen su bek&mpfen sind, retoht man mit 2,0 — 3,0 pro 
die. RiBGLER hat ausser dem Chinaphtol auch die analogen Verbindungen 
des Chinidins, Cinohonins und Cinchonidins mit der ß Napbtol-a Solfosftnre 
dargestellt. 

Literatur: Prof. Dr. £. Bieoler (Jasey), Cbioaphtol, ein MnflS Aatipyreticnm and 
Aatiisptteiim. Wiener med. Blatter. 1896, Nr. 47. Xo^AiteA. 

Ctalnosolf H« N . 0 . S0| K, oxychinolinschwefelsaures Kali, wurde 
von Emmerich, Beddies und Fischer als kräftiges und reizloses Antisepticum 
empfohlen. Es stellt ein krystallinisches gelbes Pulver von zusammen- 
ziehendem, aromatischem Geschmack und aafran&lmlichem Gerüche dar. 
Das Präparat ist in Wasser in Jedem VerhUtnlsse IBsIIeb , unlöslich jedoch 
in Alkohol und Aether, Nach den Untersuchungen von Bonnema verhindert 
es die Fäulniss von Fleisch in höherem Grade wie Sublimat ; hingegen 
wirkt es auf den Staphylococcus pyogenes aureus in geringerem Grade 
baetericid als Sublimat Desgleiehen ergiebt sieh aus den Versuehen Boh- 
hbma's, dass das Mittel keineswegs ganz UDglftig ist. Subcutane Iniection 
von 1 Grm. tödtet ein kleines Kaninchen, andererseits wurden von einem 
grösseren Kaninchen, 3 Grm. per os innerhalb ^/^ Stunden gereicht, ohne 
siebtbare Wirkung vertragen. 

KoBBHAim, OsTBRMANN empfehlen das Mittel zur Deslnfection der Hftnde 
der Hebammen an Stelle des giftigen Sublimats. Hin|2:ee:f'n berichten Ahl- 
FEi.n und E. Vahle, dnss es ihnen seihst mit Ii'* ,jiger Chinosdllösuns nur 
in den seltensten Fällen gelang, keimfreie Finger zu schaffen. Auch ist das 
Mittel nicht reldos, denn es erzeugt, in SulMtans angewandt, bei Wund> 



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58 



Chinosol. — CyaDverUndungen. 



höhlen nnd Oesehwfireo intenslT bvMiiiende SohmerMii. Bi whrd ala Ver- 

bandwasser in 2 — 1 pro Millo LöRunßren, bei eiternden Wunden in 0,5%iger, 
bei alten Geschwüren in oiger I/ösung empfohlen. 

Literatur: H. Ostermakn, Chinosul als Antisepticuui in Geburtähilfo und Gynükolo^ritf. 
Therap. Monatsh. 1896, pap. 154. — Kossmahst, Centralbl. I. Gyn. 1895, Nr. 52. — Ahlkelo 
mid £. Vahls, Ebenda. 1896, Nr. 9. — Bsdolies and Tischu, Alig. med. Central-ZtR. 1896, 
Nr. £9. — A. A. BoirmMA (Apeldorn, Holland), tJeber Chinosol, ein neues Antisepticum. 
Therap. Honatth. 1896, pag. 668. Lo^taeb. 

Combinlrte Laiynsaskopley vergL pag. 37. 

Cosaprin, die AeetyWerbtndnng des paraanlfanUinsaiiren Natriams, 

wird als Antipyreticum von der Firma Hoffmann. Laroche und Comp, 
in den Handel gebracht. Das Mittel stellt eine weisse, krystallinische Masse 
dar, welche in Aetber nicht, schwer in Alkohol, sehr leicht in Wasser lös- 
lich lat^ bei Anwesenheit von Alkohol Baaigftther bildet and bei anhaltendem 
Kochen mit Säuren nach dem Erkalten unter Essigsäureentwicklong Snlt- 
anilsäure abspaltet. Den Zusammenbang zwischen Antifebrin, aalfanilaaorem 
Natrium und Cosaprin zeigen folgende Formeln : 



Die therapeutischen Versuche sind bis ^etzt noch nicht abgeschlossen. 



Creosotal) ein analog dem Guaiakolcarbonate dargestellter Kohlen« 
sfiureäther des Creosots. Um die bekannten irritironden Wirkungren des 
Creosots auf die Magenschleimhaut zu umgehen, wurde von der chemischen 
Fabrik ▼. He7den*s Nachfolger in Badebenl das Creosotal als ein Mittel 
dargestellt, welches vermöge seiner ehemlachen Constitution erst im Darm 
in Creosot und Kohlen.säure zorIeg:t und resorbirt wird. Der Spaltuntrs- 
process und ebenso die Resorption geben langsam vor sich, der Organismus 
befindet sich daher unter einem continuirlichen Einfluss des Creosots. Die 
Ansaeheidung de» Creoaotala erfolgt dnreh die Nieren, nnd daaselbe kann 
alsbald im Harn reichtich nachgewiesen werden ; ein Theil des Creosotals 
wird durch die Lungen ausgeschieden, daher der Geruch desselben im Athera 
bemerkbar ist. Das Creosotal bildet eine zähflüssige, bonigartige Substanz 
▼on dunkel* bis hellbranner Farbe, ist in Wasser nnlöslioh, mit Aetber nnd 
Alkohol mischbar, löslich in fetten Oelen. Durch Erwärmen oder Verdünnen 
mit Alkohol wird ps dünnflüssiger, bat einen leicht bitteren Geschmack 
und schwachen Geruch nach Buchenholztheer. Chaumieh. der seinen Pa- 
tienten das Creosotal entweder rein theelöffelweise oder empfindlichen Pa- 
tienten mit Milch, Sllsawein, Lebertbran, anch in Leimkapseln oder In Form 
von Emulsionen verabreichte, hat scllisl über 20 Grm. pro die gegeben, 
ohne dass die unanpenebmen Nehou\virkung:en des Creosots auftraten. 
ÖiEüFK. Keiner, der das Creosotal in einer grösseren Anzahl von Fällen 
▼ersuchte, giebt das Mittel auf V« — 1 Tbeeldffel pro die beginnend bis zu 
2—3 Theelöffel. — Nachtrinken von Milch oder Kaffee verdeckt den öligen 
Geschmack desselben — hält das Creosotal für ein ausjarezeichnetes 
Mittel zur symptomatischen Behandlung der Tuberkulose, denn es vermin- 
dert nnd desodorisirt den Auswarf, hebt den Appetit nnd ist wegen seiner 
milden Wirkung dem Creosot vorsaiiehen. 

Literatur: Snora. Rnim, Zur therapestiaehen VerweDdasg des Oreowtals. Therap. 
WocheiiMchr. 189.5. Nr. 37. i.... his, h. 

CyauverblndmiKeii« Ais Gegengift bei Cyankali um Vergif- 
tung ist neuerdings Morphin empfohlen worden, allerdings nur auf Grund 
von Beobachtungen an weissen Mäusen, die, wie wir durch die Dntersachungen 
von Falck und Tubbbn (Encyclop. Jahrb., VI, pag. 85) wissen, sehr unempfind- 



C,H,.NH(C0.HC8), C„H4< 



Antifebrin 




Cosaprin 



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CyanverMudungen. 



lieh gegen Cyanwasserstoff sind, so dass die relativ tödtlicbe Doais fast 2 Y,mal 
so liodi wie beim HeDschen ist Die Annahme von Hbhc'), der bei anti- 

dotarischer Behau dhrnir von Cyankaliumverf^iftiin}!: mit Morphin nach lotalon 
Dosen theils VViedcrhcistdlunpr. theils LobcnsvorlänLrci-uno: beobachtete, dass 
es sich um eine cbeiiüscbe Wirkung im Blute handle, wubei Oxydimorpbin 
and Berliner Blau im Blute gebildet würden, ist zweifelsohne nicht richtig; 
waturseheinlich handelt es sieb um einen physiologischen Effect des Morphins 
auf das hochgradig- erregie inspiratorische Centrum. 

Allerdings zeigen die Versuche von Lang (vergl. £ncyclopäd. Jahrb., V, 
pag. 32) Ober die antldotariseiie Verwendbarkeit der IntMvenOseB Appllcaticm 
von Schwefelnatrium und Natriumthiosulfat bei Blausäurevergiftung die 
Möglichkeit einer chemischen Neutralisation von Cyanwasserstoff im Blute. 
Was aber bis ietzt von der WirkuDtr dieser Antidote bei BlausiiureN er^rift ung 
bekannt geworden ist, beweist nur, dass man bei vorheriger Appiication von 
Natriumthiosulfat in die Venen die letale Wirkung der Blausftnre, die dann 
also im Blute bereits ihr Gegengift vorfindet, verboten kann. Ein antido- 
tarischer Effect bei wirklich vorhandener Vergiftung ist aber nicht zu er- 
warten. Anders ist dies iedocb bei Vergiftung mit Stoffen, welche durch 
langsame Abspaltung von BlausSure im Blute giiftig wirken. Wie Lang bereits 
angab, findet die gleiche Bildung von Sulfocyankalium , die ihn zu seinen 
antidotarischen Versuchen mit Schwefelnatrium und Natriumthiosulfat bei 
Blausaure Vergiftung bewog, bei den sogenannten Nitrilen statt, eine That- 
sache, die nicht nur für die bereits vielfach untersuchten Cyanverbindungen 
der einwerthigen Alkoholradicale, sondern auch nach Hbymass und M Asonr 
für die entsprechenden Verbindungen der mehrwerthigen Alkoholradicale trilt. 
Nach den genannten Forschern ist das Auftreten von Schwefelcyan im Harne 
bei Vergiftung mit den Cyanverbindungen der Oxalsäure dadurch bedingt, 
dass die betreffenden Verbindungen im Organismus sich spalten und CN 
abgeben, das sich dann mit Schwefel zu Schwefelcyan verbindet. Diese Ab- 
spaltung- findet nur beim Oxalsäurenitril (Cyan. Dicyan, CN-CN) mit grosser 
Rapidität statt, langsamer beim Malonitril (Apfelsäurenitril , CN-Cäj-CN) 
und noch weit langsamer beim Succinylnitrtl (BernsteinsäurenitriL, CN-CH,- 
CH-GN) und beim Pyrotartrylnitril (Olutarsäurenitril, CN CH,-CBa< 
CHj-CN). Beim Pyrotartrylnitril ist die Spaltung so langsam, dass die to>i- 
schen Kffefte sich oft erst nach einigen Tagen zeigen, wo es dann zu 
Krampfanfälien von kurzer Dauer kouuut, an welche sich ein Stadium der 
Paralyse und die charakteristischen Krftmpfe schliessen. Bei diesen lang- 
samen Intoxicationen lässt sicll E priori veinuithen. dass die Bindung des 
CN an S weit leichter pelinß:on werde, als hc\ Blausäure Vergiftung oder bei 
Vergiftung durch Cyankalium und Cyannietalle. Das stimmt denn auch zu 
dem Resultate der Versuche, wonach sich Natriumhyposulfit nicht allein 
pr&ventiv. sondern auch geradezu antidotarisch bei Malon-, Succinyl- and 
Pyrotartrylnitrilvergiftung verw(>nden lässt. Der antidotarische Effect ist so 
bedeutend, dass bei intravenöser Einführung angemessener Dosen bei Hunden 
und Kaninchen die 9fache, bei weissen Ratten sogar die 14facbe letale Dose 
überwunden wird, gleichviel ob letstere innerlich, bypodermatisch oder intra- 
venös applicirt worden ist, nur unter der Voraussetzung, dass die Athmung 
noch einige Minuten nach der intravenflsen .Application «les Gegengiftes fort- 
dauert. Bei Malonitrilvergiftung verschwinden die sämmtlichen Störungen 
des Kreislauf^ der Athmung und der Ken'encentren in 5 — 10 Minuten voll- 
ständig. Hier kann die Wirkung durch Anwendung gleicher moleculärer Afengen 
des Gegengiftes erzielt werden, durh ist es imnu'rhin zweckmässig:, einen 
üeberschuss. etwa das 1' jfache. zu benutzen. Beim Succinyl- und beim Pyro- 
tartrylnitril sind noch grössere Dosen (Sfache) erforderlich, weil bei der späteren 
Spaltung dieser Verbindung ein grosser Thell des Natriumthiosulfats bereits 



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60 



CyanverbindangeD. 



eliminirt ist, ebe die Einwiikunp des Antidots saf das abgespaltene CN statt- 
finden kann. Weit wenige grünstige Resultate werden mit dem Antidot bei 

Vergiftung: mit Cyanpas erzielt; hier hat man. wie bei der Blausilure. nur 
Effect bei präventiver Darreichung, und auch dann nur höchstens gegen die 
3 — 4fache letale Menge. 

Leider haben diese interessanten Versacbe fast ansschliesslieh theore- 

tisches Interesse, da ja keines der Nitrile aus den Werkstätten der Chemiker 
und Pharmakolügen hinauskommt. Indessen wäre es immerhin inriplich. 
dass man bei den selteneren Vergiftungen mit Ferrucyunkalium, die ja auch 
auf langsamem Freiwerden von Cyanwasserstoff beruhen, mit dem Antidote 
Erfolge erzielte. 

Ein physiolop^ist her und cheinischer abschwächender Einfluss auf Cyan- 
wasserstoffvergiltungen wäre übrigens denkbar, wenn man an Stelle von 
Morphin die ebenfalls berahlgend auf die HednUa oblimgata wirkenden Bro- 
mfire anwendete. Versnebe von Falck nnd Wbkhbr Mbybr >) fiber die Wir- 

kunp des Bromeyans zeigen, dass diese nicht allein von drr des Alkali- 
cyanats und der aus dieser freiwerdenden Cyanwasserstoffsäure . sondern 
uuih vuu der des Jodcyans erheblich abweicht, so da»s eine Betheiligung des 
Bromcomponenten an der Action mit Bestimmtheit angenommen werden mnss. 
Dieser setzt die Giftwirkung der sich aus Hromcyan abspaltenden Cyan- 
wasserstoffsäure so sehr herab, dass dit« (ielctärf .Action bei Tauben erst 
nach 4,G — 5.3-, bei Mäusen und Kaninchen nach 1,6 — 3,4 mal so hohen Gaben 
wie nach Alkalicyaniden hervortritt und das Bromcyan mit ROcksieht anf dto 
Menge der abspaltbaren Blausäure um etwa 62'*/o schwächer als Jodcyan 
wirkt. Dil' Hrrabst t/uniir der krampferregenden Action der Blaus&ore ist 
noch ausgesprochener als bei Jodcyan. 

Von sonstigen Verbindungen des Cyans, die in den letzten Jahren 
neueren PrQfangen unterworfen wurden, sind nur wenige als durch Abspal- 
lung von Biausruire rasch todtliche Gifte zu nennen. Ein derartiges Gift ist 
Aethy Ichiora Icyn nhydrin */. doch ist auch hier die kranipferregeiide Wir- 
kung der Blausäure etwas abgeschwächt. Ganz der Blausäure gleich wirkt nach 
Falck und Kastbw das ans Acetaldehyd und wasserfreier Blanslnre darge- 
stellte Mi Ichsänrenitril , indem es bei Gegenwart von Wasser unter Frei- 
werden von Blausäure /ersetzt. Dii' 7.-Cyan- und z-M i 1 c Ii s ä u r e. die sich zum 
Milchsäurenitril gerade so wie Benzoesäure zum Benzol und äalicylsäure 
Bum Phenol verhftlt, und aus ihm durch Anlagerung von OH nnd Carfooxyl 
entsteht, ist nicht gans ongiftig, wohl aber bedeutend weniger giftig als 
Blausäure, von der sie sidi in ihrer .\ction auch dadurch unterscheidet, dass 
die paralytischen Effecte iii»erwiegen und die Biausäurekrämple bei Kaninchen 
und Taulien ganz fortbleiben. ") 

Jedenfalls zeigt das Milchs&urenilril , dass die Wirkung der sftnunt- 
lichen Nitrile keineswegs eine gleiche ist. So ist reines Propionnitril nach 
den \'ersiichen von F.\LCK und Stkrnueim ') ein rein lähmendes Gift, das nur 
bei letalen Dosen durch Athemsiorung Krämpfe hervorruft; die Wirkung 
auf das Brecbcenirum ist ausgesprochen und stärker als bei GyK, dagegen 
bewirkt Propionitril keine Veränderim»;: der .\tbemzahl und tödtet nicht in 
Minuten, sondern erst in einigen Stunden, Tauben zeigen kolossale Immu- 
nität gegen Propionitril. so dass es fast 4UUmal schwächer als die in CyK 
enthaltene Blausäuremenge wirkt; bei Mäusen und Kaninchen ist seine Toxi» 
citftt 2,89 — 2J5mal geringer. 

Auch die Nitrile der mehrwerthigen Alkoholradicale weichen in der 
Syni|)toniatologie der Vergiftung von der typischen Blausäurevertrift ung: in 
einigen Punkten, namentlich aber in Bezug auf die Dauer ab, Nach Hky- 
MANS und Masoin charakterisirt sich die Intoxication mit Malonilril durch 
eine bei kleinen Dosen isolirt bleibende Periode der Excitation, mit Athem- 



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CyanTerMndttngen. — Cytisiu. 



61 



beäcbleunigung und Verstärkung und Acceleration des HerzHchlages, woran 
deh bei grosseren Dosen eine mit starkem Absinken der Temperatur ein- 
hergehende Periode der Paralyse scbliesst, die zuerst die motorischen und 
coordinatorischen Centren des Gehirns, dann die Centren der Medulla oblon- 
gata, und zwar zuerst das Athmungscentrum und später das vasomotorische 
Centmm, schliesslich das Rückenmark l&hmt. Das Blnt der mit den Nitrilen 
vergifteten Thiere nimmt niemals die hellrothe Farbe an, welche man bei 
der Vergiftung mit Blausäure wahrnimmt ; nur bei dem Cyan ist dies der 
Fall. Dagegen ist die charakteristische Dyspnoe, während deren die mittlere 
respiratorische Stellung sich der maximalen inspiratorischen nähert, unver- 
kennbar. Der Hensohlag flberdanert stets die Athmung, das Blnt im linken 
Ventrikel und Vorhof ist arteriell, im rechten venOs. Active Brweitemng 
der Ohrgefässe ist constnnt. 

Die Toxicität der Nitrile der Oxaisäurereihe differirt bei den einzelnen 
Thierelassen. Bei Hunden nnd Kaninchen ist Malonitril am giftigsten, bei 
Tauben und Fröschen Oxalonitril, Sm cinyliiitril steht dem Pyrotartrylnitril 
2 — 3nial an Giftig^keit nach. Auf das Moleciilargewicht berechnet . ist Sur- 
cinylnitril beim Kaninchen 5-, heim Frosche 9-, beim Uunde 19- und bei der 
Taube sogar lOOmal schwächer als MalonitriL 

Eine bedeutend geringwe Giftigkeit als die Blansftore nnd die elgent- 
lidien Nitrile zeigt nach Falck und Wedekind ^) das zu den Isonitrilen g:o- 
hOrlge Ac'thylisocyanid. Die älteren An^-aben von Gautier und Calmels, 
wonach diese Verbindung in Gasform blitzähnlichen Tod bewirkt, müssen 
anl Vemnreinignngen ihrer Präparate surflokgefflhrt werden« Abw auch 
die Angabe von Maximinowitsch , dass sie ganz ungiftig Bei» ist irrig. 
Aethylisocyanid bewirkt wie Blausäure und Cyansalze Lähmung-. Dyspnoe 
und Tod durch Lähmung der Athmung, bei Tauben auch Erbrechen, dagegen 
fehlen die tmiiieh-UoniMlien Kribnpfe und hSehatens kommt es anmittelbar 
vor dem Tode sn schwachem Maskeisneken. Der Tod erfolgt nicht in wenigen 
Minuten, sondern erst nach 15 — 76 Minuten und erst nach Dosen, die der 
8 — 28fachen Blausäuremenge entsprechen, die nach stöchiometrischer Rech- 
nung aus dem Aethylisocyanid entstehen kann. Dieses ist somit wesentlich 
sehwioher als ProplonitrlL 

Eine von der Blausäure in ihrer Wirkung ganz abweichende Verbin- 
dung ist nach Falck und Cobster **) das Cyanamid. Es stellt ein rein 
lähmendes Gift dar, das niemals direct, sondern nur secundär durch StÖ- 
mng der Athmung Krämpfe hervorruft; die breehenerregende Wirkung bei 
Tauben fehlt, dagegen ist eine speichelflass- and pnrgtrenerregende Action 
hei Kaninchen vorhanden, die der Blausäurevergiftung nicht zukommt. Auf- 
fällig ist der unmittelbare Eintritt der Todtenstarre nach Cyanamidver- 
giftnng. Bei minimal-letalen Gaben erfolgt der Tod erst in einigen Stunden. 
Der Unterschied In den snr Tödtnng erforderllehen Mengen Ist so gross, 
dass von einer allmäligen Blausäurewirkung nicht die Rede sein kann; 
denn die deletäre Wirkung ist bei Mäusen 48-, bei Tauben 84- und bei 
Kaninchen llSmal schwächer als die der in CyK und CgNa enthaltenen 
BlansEnremengen. 

Literatur: ') F. ELeim, Morphinchlorid t^egen Ver^'irtiniij^ mit Kaliamcyanid. Mttnchener 
med. Wocheaaehr. Nr. 37. — ') Hbthavs and Masoih, Etüde pbysiologiqae Bor les diaitril«« 
nomuMB. Areh. de Pharmaeodynainie. m, pa^. 77. — *) Wsuibb Mktbb, Beitratr zur Kennt- 

nl»9 der Wirkung des Bromcyans. Dias. rt. Kiel. — *) LAirooBAFr. Hciträge zur Kenntuiss der 
Wirkung des Aethylchloraloyanbydrina. Disaert. Kiel. — ^) Stbbmhkui , Uciträj^e zur Kcnnt- 
idM der Wirkung des Propionitrils. Dineri. Kiel. — *) KAsrani, Beitrag zur Kenntnis» der 
Wirkung der «-Cyan-, a-Milchsäure. Dissert. Kiel. — WxDBKi!n>, Heitr.ig zur Kenntni.ss 
der WirkUDj^ des Aethylisocyanid». Dissert. Kiel. — *) Cosstbk , Beitrag zur Kenntaiss des 
C^snanlds. DInevt. Kid. Btueauuui. 

CytlSUS« Dass das ffiftige Alkaloirl Cytisin sich nicht blos in Arten 

der Gattung Gytisus findet, sondern auch in den Gattungen Qenistat Uiex, 



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62 



GytisiM. 



Sopbora, Baptisia und Euchresta, ist durch Untersuehungeii von Pluggb 
(vergL Bneyelop. Jahrb., VI, pafr. 579) featgestellt. Aasser ▼ertehledeDeii 

Sophoren, deren Samen 2 — "».5** ;, enthalten, enthalten auch die Samen von 
Genista monosperma 1^2,065" „) mehr Cytisin als (Hf^jeniiren von Cytisus 
Laburnum (1,56—1,808%). während die von Baptisia australis (l,i>G%) diesen 
siemllch gtoleh stehan and die von Ulez earo|»a«nB (1,08*/«) etwas wenfger 
enthalten. Neuere Uatersuchungen von Plügge and Rauwbrda, die unter 
Anwendunjj: der van de MoER'schen Reaction und Versuchen an Fröschen 
über das Vorhandensein von Cytisus in 38 Arten Cytisus, 10 Arten Qenista, 
4 Arten Ulex, 10 Arten Baptieia und 11 Spedea vob Sophora angeeteHt 
wurden, xeigen die grosse Verbreitung des {giftigen Stoffes in den geoaDBten 
Geschlechtern, doch fehlte es auch in einzelnen Arten, wo selbst unter An- 
wendun«- von 10 Grm. Samen kein Cytisin aufzufinden war, z. K. in Cytisus 
purpareus, C. racemosus, C. sessjiiifiorus, C. glabratus. G. capitatus, C. hir- 
sntoa, während In anderen, wo weniger als 1 Grm. angewendet war, mög* 
Hcherweise positives Resultat erhalten worden wäre, wenn mehr Samen 
lur Verfügung- gestanden hätte. Die abweichenden Krprebnisse. welche bei 
einzelnen Cytisusarten von früheren Untersuchern erhallen wurden, erklären 
sieh mm TheU, wo Plügge und Rauwbrda positives Resultat erhielten, 
aus der grSsseren Sehärfe der van db MoBR'sohen Reaction, snm Thell 
auch daraus, dass verschiedene Arten unter gfleichera Namen untersucht 
worden, wie dies bei der bunten Nomenclatur der Cytisusarten leicht mög- 
lich ist. Manche Cytisusarten sind übrigens bestimmt nur Varietäten, ebenso 
sind von den vier Ulezarten iwel sleher nur Spielarten von Ules enropaens. 
Unter den cytisinhaltigen Qenisten ist auch Genista germanica, während 
Genista canariensis kein Cytisin enthält. Cytisin fand sich auch in Sophora 
anguBtifolia, und die frühere Angabe über das Vorkommen eines besonderen 
Alkaloides Matrin in dieser iapanlsehen Püanse seheint durch Analyse einer 
lupinenartiKcn Pflanze veranlasst zu sein, da ein dem Matrin gleiches Alka- 
loid in den Lupinen vorkommt. Gefunden wurde Cytisin auch in Enchrosta 
uod Anagyris, dagegen in keiner Art von Coronilla, Ononis, Lathyrus, 
Robinia, Wistaria, Albizsia, Amorpha, Anthyllis, Arthroloblum , Caragana, 
Desmodium, Gleditsehla, KMnedya, Psoralea und Tetragonolobus. Weitere 
Unter8urhunp:en , die positives Resultat versprechen, wurden sich auf An- 
gehörige der Gattungen Pittaria, Arthrosolen und Podaiyria. die den Genera 
Cytisus, Genista und Sophora botanisch am nächsten stehen, erstrecken. 

Literaturs Ptvoes und B&owbbm, Voortgetette oadenoeklogeD over het Toorkomen 
vaa eytiaiae In TersehtUende PapiUimaeaae. Kederl. TfidwMur. voor Pham. Till, pn^'. :^31. 

Hu^emiiaa, 



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D. 

Darm (Darmentzandung:, Appendicitis, Darmparasiten n. a.)- 
Einige Untersuchungen, physiologische Fragen betreffend, seien voraus- 
geschickt. Hon IG MANN bringt Beiträge zur Kenntniss der Aufsaugungs- 
und AaBseheidnngsTorgrftDgre im Darm. Die BeobaetatunipeD wordm «n 
einer Patientin mit einer Fistel des unteren Ileume gemaelit, aus der sieh der 
gesammte Chymus entleerte, üie Reaclion dessen, was hier abfloss, war 
Stets sauer, allemal fehlte der typische Kothgeruch, gleichgUtig, ob Milch 
oder Fleiaoh genossen wurde. Die Fettresorption war eine vollkommen 
normale. Die Grösse der Biweissresorption steht hinter dem Normal* 
mass, beim Gesunden aus der Thätigkeit des gesammten Darms berechnet, 
erheblich zurück. Daneben fällt auf, dass der N-Verlust durch die 
Nieren verbältnissmässig spärlich ist. Bemerkenswerth war die grosse Zu- 
rflekbahoDg von Kalk, fast Örm. täglich, offenbar weil die Anssdiddnng 
des Minerals dnreh den Diekdatm g^emmt war. Dieser hier ausgeschaltete 
Organabschnitt scheint auch vorwiegend bei der Ausscheidunjc: des arznei- 
lieh eingeführten Olsens in Betracht su kommen i der Dünndarm nahm 
«neh hf«r rdatlv and ahsoint grosse Mengen Elsen ani Ueber die Bedeu- 
tung von Athnrang nnd Peristaltik f&r die Resorption im Dünndarm hat 
H. J. Hambürgbr-) Untersuchungen angestellt. Steigerung des intraintesti- 
nalen Druckes befördert die Resorption in bedeutendem Masse. Dieser 
Druck ist abhängig von der Athmung, von der Peristaltik und von dem 
Gewidit der Dftrme. Sinkt der Druck nnter einen gewissen Werth, so hört 
der Resorptionsstrom auf, doch kommt dies intra vitam nicht vor. 

Die Frage der Aufsaugung der Albumosen im Mastdarm wird von 
KouLBMBBRGER 3) dahin beantwortet, dass sie vollständig resorbirt und des 
Welteren im Elwelsshanshalte ausgiebig verwerthet werden können. Eine 
Nachprüfung des GROTZHRR^schen V'^ersuches über die Wirkung der Koeh- 
salzklysmata (s. frühere Jahrg.) bringt E. Wendt. *1 Niemals wurden 
in|icirte Substanzen im Magen und Dünndarm bei Thieren und im Magen 
b^bn Menschen angetroffen. Man kann deshalb nicht annehmen, dass Klys- 
mata in geringer Mmige die BAUHW^sche Klappe passiren. Schliesslich vbt* 
dient die Beobachtung alimentärer Albumosurie durch Chvostek und 
Stuomayr •) besondere Hervorhebung. Bei normalen Individuen oder solchen, 
bei welchen schwerere Lösungen des Darms nicht bestehen, gelingt es nicht, 
AlbuBOse im Harn nach Verffttternng grosserer Quantitäten (40 — 60 Orm. 
Somatose) der Snbatans naehinwelsen, wohl aber ist dies der Fall, wo 
schwere ul ceratiTS Darmprocesse bestehen. Der Harn wurde nach 
Verabreichung des Priparates in Abständen von 2 — 3 Stunden aufgefangen 
und auf Albumosen nach Divoro untersucht Verwerthet wurden nur Fllle 



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64 



Dana. 



(neun), bei denen keine Albuminurie bestand. Ein negativer Befund 
spriolit nlehl gegm dM Vorhandensein nloeratlver Processe im Darm. 

Von diagnostischem Interesse ist eine Mlttheilangf von Gbrsuny *), ein 
Symptom bei Kothtumoren betreffend. Dasselbe beruht darauf, dass bei 
intensivem Fingerdruck die Darmsohleimbaut an der den Tumor bildenden 
iShen Kothmaase anklebt nnd beim Nachlassen des Druckes sich davon 
wieder ablöst, nnd besteht darin, dass man dieses AblSsen der Darm- 
schleimhaut von dem Kothtumor tastet. Vorbedingung für das Zu- 
standekommen dieses Klebesymptoms ist ein gewisser Qrad von Trocken- 
heit der Darmschleimhaut und von Eindrückbarkelt der Oberfliohe des 
Kothtnmors; endlich gehOren dasn die Darmgase, die beim Dmck anf den 
Tumor weggedrängt werden, beim Nachlassen des Druckes wieder zurück- 
treten und so die Darrawand von der Oberfläche des Tumors von Neuem 
ablösen. Das Vorhandensein des Klebesymptoms bedeutet somit, dass in einem 
glattwaadlgen Sack eine feste, etwas knetbare Masse nebst Gas efaigeschlossen 
Isti Das Klebesymptom manifestirt sieb ; wenn man die Bauchwand an einer 
prominenten Stelle des Tumors mit den Fingerspitzen Innfrsam tief ein- 
drückt, den Druck allmälig vermindert und die Finger sehr langsam wieder 
abhebt Das Phftnomen wurde in swei Fällen beobachtet, bei einer Fran 
von 32 Jahren und bei einem Sj&hrigen Knaben. In bdden FUton bestand 
seit frühester Kindheit Darmträisrheit und Kothstauung, durch Abführmittel 
und Irrigationen vorübergehend gebessert, sich gelogentlich zu einem Obstruc- 
tionsanfall steigernd. Allmälig entwickelt sich eine Hypertrophie des Dick- 
darms, der welter, linger und didcer wird, sieh kriftlg oontrahirt, aber das 
Hindemiss (stagnirende Kothmassen) nur theilweise fibervrindet. Die Kranken 
bleiben in ihrer Entwicklung zurück. Am wirkungsvollsten ist das Kneten 
der Tumoren nach Oelinjectionen. Die übergrosse Länge und Wette 
des Dickdarms ist ein Hindemiss für die danemde Heilung, vielleicht ist 
in diesen Fällen der Dickdarm von Geburt an zu lang. Hofmokl ') hat das 
Klebesymptom nie beobachtet. Er meint, dass für dasselbe ein gewisser 
Grad von Hypertrophie der Darmwand nöthig sei, wodurch sie starrer wird 
nnd dem Tnmor nicht mehr so genau anliegt, so dass dünne Gasschichten 
swisohen Tumor und Darmwaad sleli ansammeln kSnaen. Das wichtigste 
Symptom für die Erkenntniss der Kothtumoren ist ihre Eindrfickbar- 
keit, aber auch diese ist nicht pathognostisch . denn sie findet sich z.B. 
bei retrouterinen Hämatokelen, andererseits kann der Kothtumor sehr hart 
sein, so dass er eine Oesehwulst Tortiusoht. 

Die Diagnose betrifft auch das» waaHBRZ^) über das Erkennen der 
Insufficienz der Valvula ileocoecalis sagt. Die Klappe wird durch Auf- 
lockerang ihres bindegewebigen Stromas, hauptsächlich bei Potatoren, un- 
dlehl Wenn man adt d«B ffleinflngerrand der Unken EmmH das Colon 
ascendens comprimirt und dann ndt der rechten Hand die im Cöcum ent- 
haltenen Gase in das Ileum presst, so entsteht alsdann ein lautes Gurren. 
Hat man vorher percutirt, so überzeugt man sich von einem Schallwechsel 
in der Regio iliaca. Die Insufficienz verräth sich durch Schmerzen über 
dem Cdeam oder an den Fleznren, Obntipatiloni Flatulens. Die Therapie 
besteht in Abführmitteln, Blektricitftt, Massage. 

Von speciell anatomischem Interesse sind die Untersuchungen von 
0. Hbubnek über das Verhalten des Darmepithels bei Darmkrankheiten 
der Sftuglinge, benoaders bei Cholera Intentum. Die Pathogenese der meisten 
bieher gehörigeii Erkrankungen wird durch die anatomische Betrachtung 
nicht erschlossen. Epithel und Drüsen sind stark verschleimt, sonst gering- 
fügig verändert, in gar keinem Verhältnis zu der Schwere der klinischen 
Erscheinungen: Gewisse Metamorphosen am Protoplasma werden erst be> 
obaohtet bei clironischer Dyspepsie, die mit dholerlformen Erscheinungen 



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Darm. 



65 



endigt, und bei der schweren, acut einsetzenden Cholera infantum zeigt sich 
das Epithel der Zotten und Drüsen bis zur Unkenntlichkeit verändert. Es 
Ist in ein Lager glandoier, rauchig getrfibter, kenüoBW Schollen verwandelt, 
ehie Schädigang, die wohl durch ein gelöstes Oift hert>elgelQhrt sein dürfte. 

W. QERr.ArH bringt kritische Bemerkungen zu der gegenwärtigen 
Lehre von der Darmatrophie. Er findet, dass der mikroskopische Zu- 
stand eln«r L(ridion>I>anDS6hleimlurat abhftngig ist vom Contraetlons- 
zustande der Mneculatur, so dass, wenn diese aas irgend einem Qrunde 
dQnn und zart war, auch die Mucosa ein pseudoatrophisches Aussehen 
annehmen muss. Namentlich ist es der Meteorismns, der die Bilder der 
Atrophie vortäuschen kann: Dünnerwerden der Darmwand, Seltenerwerden 
der Zotten, Schwund und Pseudontrophle der Darmdrflsen. 

Von Interesse sind dann die Angaben Hansem akn's ^i) Ober die Ent- 
stehung falscher Darmdi vertikel. Bei einem SBjährigen Manne wurden 
im Datme etwa 400 Divertikel gefunden, die niemals irgend welche Er- 
scheinungen gemacht hatten. Die Divertikel Bassen im DOnndarm dicht 
neben dem Mesenterialansats, desgleichen die meisten des Koion, Blind- 
darm und Colon ascendens waren überhaupt frei. Nur eine Minderzahl war 
auf der convexen Seite des Daims gelegen, solche gingen öfter in die Appen- 
dices epiploicae hinein. Am Mesenterium bestand eine gana bestimmte Be- 
siehung su den Gettesen, sie traten dort auf, wo die Vene die Musenlatur 
durchsetzt. Darmmusculatur hatten die Divertikel nicht, es bandelte sich 
also um Schleimhauthernien, die durch die V'enenscheiden hin- 
durchgetreten sind. Anatomisch bemerkenswerth ist auch ein Fall mul- 
tipler Primirkrebse des Dünndarms, den v. NoTRHAPr i*) beschreibt. 
Im Jejunum wurdMi drei nicht sehr weit von einander entfernte Carcinom- 
knoten gefunden, die in Bezug auf Form, Farbe und Consistenz ganz gleich- 
werthig waren. Wahrscheinlich sind diese Knoten vollständig unabhängig 
von einander entstanden. Als gemeinsamer Boden dflrfte eine sehr ausge 
dehnte Atrophie der Schleimhaut anzuspredien sein. 

Die Frage, ob Darminhalt in die menschliche Brusthöhle ein- 
heilen kann, ist von allgemeinstem klinischem Interesse. Askanazy'^i weist 
auf Qrund pathologisch- anatomischer Studien nach, dass die Einbeilung nach 
Perfmation bis snr Bildung fibröser Knötchen, die ihren Ursprung nicht 
mehr erkennen lassen, vorschreiten kann. Kleine compacte Kothpartikel, 
die an circumscripter Stelle fixirt werden können, geben die besten Chancen. 
Von entscheidender Bedeutung ist immer der Qrad der Infectiosit&t des 
Darminbslts in specie der Vimlens der Kolonbakterien. 

Von grösster praktischer Bedeutung sind diejenigen Arl>eiten auf dem 
Gebiete der Darrapathologie, welche der Aetiologie der Darmaffec- 
tionen vornehmlich Rechnung tragen. Hierher dürften wir zunächst eine 
Mittheilung von Opplbr^*) über die Abhängigkeit gewisser chronischer 
Diarrhoen von mangelhafter Seeretion des Magensaftes redmen. 
Oppler stützt sich auf sechs F&Ue, Personen höheren und mittleren Alters, 
bei denen der Mangel eines guten Gebisses , der Abusus von Alkohol und 
Tabak schwere ciironische Gastritis cum Atrophia verursachte; von Seiten 
des Magens bestanden keine nennenswerüken Beschwerden; hauptsächlich 
wurde über Diarrhoen geklagt. Es treten 3 — 5 Durchfälle unter Unbe- 
hagen täglich auf, saure und fette Speisen werden besonders schlecht ver- 
tragen. Oppler vertritt nun die Ansicht, dass nur die ungenügende 
Vorarbeit im Magen bei unsweekmSssiger Auswahl der Kost die Diarrhoen 
verschuldet. Das Magenübel ist also das Primäre und recht eigentlldi der 
Angriffspunkt der Behandlung. Einen Beitrag zur Aetiologie der Gastro- 
enteritis acuta auf Grund einer Endemie bringt Kolomax Szegoe. 
Es handelt sich um zahlreiche Krankheiten bei Säuglingen, die in einer 

XBCjrclop. JiMMbu. VII. 5 



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66 



Darm. 



Anstalt hintereinander vorkamen und groasentheils tödtlich verliefen. Ab 
Krankbeitaerreger wurde das Bacterlum eoll naehgawieaea, daa bareita 

für den Erreger so vieler unrl heterogener Leiden angesehen wird. Der 
Umstand, dass hier das Bacteriuni coli vier Stunden nach dem Tode im 
Leichenblut ausscblieBslicb gefunden wurde, spricht ebensowohl dafür, dass 
68 dort bereits sebon wibreod des Lebena Torhaaden war, wie daas es mit 
der Krankheit in einem gewissen Zusammenbange stebt, samal die gefandene 
Speeles sich äunserf virulent erwies. 

Vor Allem hat die ätiologische Forschung sich bemüht, die Patho- 
genese der Darmkraakhalten nlebt bloa dnreb rtadringenderae Stüdlnm der 
Bakterien, sondern ancb.der bSber organisirten Parasiten za fördern. Ueber 
einen Fall von Amöben dysenterie und Leberabscess berichtet F. Manner. 
Der histologische wie der anatomische Befund und auch das klinische 
Krankheitsbild sind in dem vorliegenden Falle dieselben wie bei der Amöben - 
dysenterie. Bei dem erst dOJibrlgioB Manne entwiekelten sidi seideiebend 
Diarrhoen, er kam immer mehr und mehr herunter und ging schliesslich 
fieberhaft zugrunde, wobei der üble Ausganff offenbar durch complirirende 
Leberabscesse verschuldet wurde. Amöben fanden sich in grossen Mengen 
in den Ausleeningen, in der Snbmnoosa des Darms, in den Abscessbötalen. 
Die Amöbe erzeugte bei Katien schwere Dysenterie. Der Fall ist dadurch 
henierkenswerth , dass er eine echte Amöbendysenterie <larstellt, die nicht 
in den Tropen, sondern in Wien aoquirirt wurde. Auch in zwei Fällen 
von Boas*') waren hartnäckige oonsumirende Diarrhoen durch Amöben- 
infeetion liwfingt Hier scheint aber^ wie In dem einen Palle von QuiirOKB nnd 
Roos (s. Jahrg. 1894), die nicht auf Katzen ubertragbare Amoeba colimitis das 
pathogene Agens gewesen zu sein. Auch Boas bestätigt das gelegentliche 
Vorkommen von vereinzelten Amöben bei Gesunden, doch scheint ihm dieses 
nicht gegen die pathogene Bedentnng der Mikroorganismen su sprechen. 
Dbhio^'*) theilt einen Fall mit, in dem schwere hartnäckige Diarrhoen bei 
einem GOiährigen Manne seit einer Reihe von Wochen bestanden und die 
Ausleerungen, 10 — 15 an der Zahl pro die, neben Botriocephaluseiern — 
Patient leidet seit 15 Jahren am Bandwurm — ungeheure Mengen von 
Balantidinm coli enthielten. Bxtractnm filicis marls bewirkte einmal, 
dass der Bandwurm abgetrieben werde und dann dass dip Balantidien sich 
sammt und sonders encystirten und in dieser Form den iJurni verliessen. 
Als der Patient später nach einer tödtlichen Darmblutung zur Section kam, 
fand man eine geschwürige Colitis, tiefer greifende, annähernd runde 
Oesohwfire von Erbsen- bis Thalergrosse , die wohl auf die verderbliche 
Wirkung der Infusorien zurückgeführt werden dürfen. Zinn und Jacobv >») 
machen auf das regelmässige Vorkommen von Anchylostumum duo- 
denale ohne secundftre Anftmie bei Negern aufmerksam. Gewöhnung 
an das von den Würmern erzeugte Qift und RasseneigenthOmlichkeit helfen 
diese Widerstandsfähigkeit erklären. Sonst wurde noch bei den Negern 
Anguillula und Trichocephalus dispar häufiger gefunden. Mit absoluter Con- 
stanz Hessen sich die CiiARGOT-LEYDEM'schen Krystalle neben keinem Para- 
siten nachwdsen, womit ihre diagnostische Bedeutung nicht besweif^t 
werden soll. Askanazv spricht den Peitschen wurm als blutsaugen- 
ili'u Parasiten an. da constant in seinem Darmopithel eisenhaltiges Pigruenl 
nachweisbar ist. Der Parasit durchbohrt das Gewebe der Darmschleimbaut 
und gräbt sich hier In die oberflächlichen Schichten ein. Endlich berichtet 
Hbnschen von einem Falle chronischer Enteritis pseudomembranaoea, in 
dem Fliefrenlarven die Ursache waren, die durch Bachwasser. das beim 
Baden verschluckt wurde, in den Darm gelangteo. Nach 'J — ö Wochen be- 
gannen Diarriioen aufsutreten (7 — 8 pro die); Filix mas hatte Erfolg, 
wenigstens ffir Wochen. — 



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Darm. 



67 



Seitdem durch die zahlreichen operativon Befunde kein Zweifel mehr ist, 
dass fast aasoahmslos der Wurmfortsatz der Ausgangspunkt der entzQndlichen 
Affectiooen der DeooSealgegend und die alleinige Ursache der in ihren Sym- 
ptomon, Ihrem Verlaafe und AnsgaD^e so weobselvollen Krankheit tot, kSoneii 
wir alle sich hier abspielenden Processe. die einfachen und complicirten, 
wohl unter den Sammelnamen Appendicltis zusammenfassen. Die Appen- 
dicitis ist eine gewöhnlich langsam sich entwickelnde, verschiedene Stadien 
und AbetafDngeii der Entsflndongr seigende, oft auf JaJire sidi erstreekenda, 
manchmal spontan heilende, meist aber fortschreitende Erkrankung des Warm- 
fortsatzes ; charakteristisch ist das Auftreten immer neuer Recidive. Ange- 
borene Prädispositionen (abnorme Lage oder Länge des Appendix) spielen 
eine Rolle, daber kommt es, dass lelebte Attaqaen verbältniasmftssig b&ufig 
aebon im jugendlichen Alter beobachtet werden. Das rechte Verstftndntos 
fQr das Wesen des uns hier interessirenden Processes verdanken wir den 
Chirurgen, die auch im Laufe des letzten Jahres sich besonders ausgiebig 
wieder mit diesem Thema beschäftigt haben. Von Sonnenbürü s grund- 
legender Bearbeitung der Patbologlo nnd Tberaple der PerltyphlMs Ist die 
zweite Auflage erschienen : Es sind nicht weniger als 130 Krankenge- 
schichten in seinem Buche verwerthet. Ausserdem finden wir von dem- 
selben Autor in den Verhandlungen der Deutschen Qesellsohaft für Chirurgie 
einen sasammenfassenden Anfaats Aber Operationen am Prooesaaa vernd- 
formis. Weitere Monograpbieo bieten Fowlbr»), der sein flberana relebea 
amerikanisches Material verwerthet, und Rottfr-'^i, der sogar 213 Fälle 
anaiysirt, die allerdings zum grossen Tbeil nach internen Grundsätzen be- 
bandelt wurden. Weitere chirurgische Erfahrungen werden von Laubnsi sin 
von SnrasL**), yon Bbok*'), von Düplay**), von KOhmbl") und Rosbr**) 
mitgetheilt. 

Die einfache Appendicltis ist ein acut oder chronisch verlaufender 
Katarrh, der sich unzweifelhaft oft an andere acute oder chronische Darm- 
atBmngen, besondere des Blinddarms, anscbllesat Bei Ungerem Bestand 
des Katarrhs Ändert sich der Charakter desselben und geht mit Hämor- 
rhagien, Nekrose und Geschwörsbildung einher, dann sind vollständige 
Spontanheilungen schon seltener. Stricturen, Wandverdickungen, abnorme 
Fixationen infolge Adb&sivperltonitis sind dann die gewShnlieben Folgoi. 
EHeser Prooese verlftoft ebronlsch, kann aber jeden Angenbllek acate Er- 
scheinungen machnn durch Kiterung, Peritonitis. Gangrrän. Fowler macht 
darauf aufmerksam, dass die primären Schmerzen bei den acuten Attaquen 
gewübnlich in die Nabelgegend verlegt werden, und Hosbr glaubt dies 
damit erkUren so mfiesen, dass das C5eum beim Pötoa vraprflnglleb in der 
Nabelgegend liegt Haitnäckigkeit der Beschwerden. Neigung zn Recidiven 
werden von Sovnknbürg , Fowler und Kümmel übereinstimmend durch 
mechanische Störangen, die Secret- und Blutstauung bedingen, erklärt 
Letaterer Antor konnte bei der Mehrzabl von 51 im anfallfreien Stadium 
exstirpirten Appendices eineStrictur nachweisen. Wesentlich unterhalten 
auch Kothsteine, indem sie die Schleimhaut fortpresetzt reizen, den chro- 
nisch "entzündlichen Process. Nach Duplav ist «las sogar bei der über- 
wiegenden Mehrzahl der Kranken der Fall. Die anderen Chirurgen finden 
Indesa nur etwa in der Hälfte der P&lle Kotbsteine. Von entseheidender 
Bedeutung für den Verlauf ist natürlich immer die Virulenz der Bakterien. 
Gesteigert wird dieselbe ganz unzweifelhaft durch den erünstipen Nährboden, 
den das gestaute abgeschnürte Organ bietet. Unter diesen Umständen ist 
es aneb möglich, dass sie die Darmwand durobwandem nnd auf das Baneb* 
teil gelangen, ohne dass es zu einer Perforation kommt. Es kann 
aber auch die an der Basis des Appendix liegende Lymphdrüse die Quelle 
der Abscedining werden. Nur in den allerseltensten Fällen bricht der Eiter 

5* 



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68 



Dann. 



fn die freie BanctabSUe durch, Sowhenbürö seibat hat dies nie beobachtet. 

Fast immer kotumt es sanächst zu Verlothungen mit den beDachbarten 
Dünndärmen. Der Uebergang der Krkrankung: vom Apppndix auf die I'ni- 
gebang vollzieht sich, wenn überhaupt, dann meist am vierten oder 
fünften Tage nnter Neoansteigen der Temperatur und vermehrten Be- 
sdiwerden. Bs kommen aber aoeh Fllle vor, wo berrits fra Laufe des ersten 
Krankheftfitages eigentliche Perityphlitis sich hinzugesellt hat, ohne dass 
besonders schwere Allgemeincrschüinungcn oder auffallende Localsymptome 
die bedrohliche Complication anzeigen. In solchen Fällen wird also schon 
in den ersten 24 Stunden die Frage der Operation, wie Beck meint, 
an den Chirurgen herantreten. Dass das Opium das Krankbeitsbild etwas 
maskirt, indem es die Empfindlichkeit herabsetzt und Euphorie erzeug:!, ist 
zuzugeben, deswegen braucht man aber noch nicht soweit zu gehen wie 
FowLSR, das segeosreidie Medioament gans su perhorresclren. Die Probe- 
pnnctionen haltM zur Sicherstellung einer Diagnose die meisten Chirurgen 
für uberflussip:, manche für schädlich; Lauenstein empfiehlt sie, denn die 
Diagnose des Absceises erscheint ihm von entscheidender Bedeutung. Wo 
diese gelungen ist, da liegt die unbedingte Indication vor, den Eiter durch 
Binsohnttt so entfernen. Ob man den Processus vermiformis im gege- 
benen Falle mit entfernen soll, ist bei den Chirurgen strittig. Adbärlrt 
er so stark der Abscesshohlenwand, dass seine Entfernuns' die (lefahr einer 
Perforation naherückt, und das ist oft genug der Fall, so wird man von 
seiner ExsUrpatlon , wie Lauimstbik und Bbck gegenfiber Sonnbübdro und 
Siegel verlangen, Abstand nehmen. 

Eine Sonderst ellunpf unter den Publicationen nimmt die von Rottbr 
ein, der der einzige unter den Chirurgen ist, der interne Erfahrungen aus* 
giebig verwerthet Er findet, dass nnr in 21 — 27% ^Uer Fälle überhaupt 
Beeidlve auftreten, hat bei tseinem eigenen Material nielit gans 9% Morta> 
lltät und glaubt nicht, dass man auch bei noch so glficklichen und raschen 
Eingriffen weniger als S^/o ^'-u erzielen vermag. Er befürwortet, wenn irgend 
möglich, das Operiren im anfallsfreien Stadium, und zwar nur dann, 
wenn wenigstens drei AnAUe, die leichten mitgerechnet, vorausgegangen 
sind, oder wenn nach einem Anfalle starke Schmerzhaftigkeit andauert, den 
Lebensgennss und die Arbeitsfähigkeit des Patienten aufbebt. Vom rein 
internen Standpunkte geschieht die Betrachtung der Appendicitis durch 
KLBmwXoanR si) , er berichtet (Iber die Erfolge der Inneren Behandlung 
(Ruhe, Opium, absolute Diät), wie sie vor der operativen Epoche an der 
Breslauer medicinischen Klinik erzielt wurden. Von 170 Kranken starben 
in der Behandlung 8 = 5,o5%» 126 wurden als völlig geheilt entlassen, 
gebessert 13. Das durchschnittliche Alter betrug 22 '/a Jahr, die Verpfle- 
gnngsdauer 27 Tage. Von 84 Personen bekamen 24Recldlve, alle bis auf einen 
in den ersten zwei Jahren. Zwei Patienten erlagen noch später dem Leiden ; 
darnach würden nachweislich 10 Personen unter den 147 Kranken 
an Perityphlitis zugrunde gegangen sein. Man sieht, diese Resultate 
sind durchaus nicht schleeht. Von dem gleichen Internen Gesichtspunkte 
ans bespricht H. Herz das therapeutische Vorgehen bei dw verschiedenen 
Typhlitiden, wie er alle diese verschiedenen Processe zn.snmnienfassend zu 
nennen räth ; denn der Blinddarm sei durchaus nicht so unbetheiligt, wie die 
meisten Chirurgen glauben. Auch die Typhlitis stercoralis kommt, wenn 
auch seltener, als man sie früher dlagnosticirte, als ein mit Koprostase 
verbundener Blinddarmkatarrh vor, der in Ausnahmsfällen ohne jede Be- 
theiligung des Processus vermiformis zu den schwersten Eiterungen in der 
Umgebung führen kann. Ist auch zuzugeben, dass die grosse Mehrzahl 
aller Perityphlltiden einen eiterigen Kern besltst, so Ist doch die Menge des 
Biters oft sehr gering und Ist es nicht nöthig, dass um |eden Pr^ ffir 



Dann. 



69 



jeden Eiterherd sofort Abfluss geschallt werde, vielmehr ist es In vielen 
FSIIen erlaubt abniwartmi, ob der OrgmlnDtis nteht spontan im Stande 
ist, der Eiterung Herr an werden dnreh Abkapselung, dnroh Perforation, 

z. B. in den Darm. Von 110 Fallen, die nach diesen Gesichtspunkten be- 
handelt wurden, starben 7; davon 3 mit, 4 ohne Operation. Von den 
7 Todesfällen sind ö einer diffusen Peritonitis zuzuschreiben, 2 Kranke 
starben an ErsehOptang. Indieationen ffir den operativen BIngriff sind : allzn 
rasches Anwachsen des Exsudates, Vorwolbung der Haut und Oedem der 
Bauebdecken Ober dem Exsudat, deutliche Eitersymptome in der zweiten 
oder dritten Woche, Wanderung der Abscesse, Auftreten derselben hinter 
dem CSenm. Diese Indieationen werden wobl vnter aUen Umständen aner- 
kannt werden und manche Internisten (s. die VerbandL des Congr. f. innere 
Med. 1805), wie z. B. Sahli. concediren dem Chirurgen noch erheblich mehr. 
Mir scheint der oben citirte RoTTsa'sche Standpunkt durchaus annehmbar. 
Klar muss man sich allemal darüber sein, dass der chirurgische Eingriff 
in sofaweren Fillen keine absolute Garantie der Genesung giebt, und dass 
auch in leichteren, recidivirondon Fällen, selbst wenn in der reactionslosen 
Periode vorgegangen wird, nicht allemal die l\ranken ganz beschwerdefrei 
für die Zukunft werden. Einen sehr instructiven Fall, der die letztere 
MSglicbkeit iilustrirt) theilt Gbrbardt ■*) mit Hier traten nach dem ersten 
operativen Eingriff vier weitere Anfälle auf, dann worden bei einem neuen 
Eingriff Dnrmschlingen gelöst und der Processus vermiformis vollständig 
entfernt. Kach einigen Wochen bekam der Patient von Neuem heftige 
Scbmersen mit Ueasartigen Erscheinnngen, die sieb unter interner Behand- 
lung Terloren. 

Nächst der Appendieitis ist es der Ileus in seinen verschiedenen 
ÄlBnifestat Ionen und Ursachen, der das grüsste klinische Interesse verdient. 
Eine Fundgrube für den, den die pathologisch- anatomischen Verbältnisse 
itttereeslreD, sind die Mittheilungen von BuoBBRO^BONiNGBADaiN und W. Kocb **) 
über Darmchirurgie bei nngewühnUchen Lagen und Qestaltungen 
des Dar ras. Einen weiteren Fall von Ileus, durch Gallonstein bedingt, 
der spontan durch Abgang des Steines heilte, berichtet Hölzl^'^), in einem 
anderen Falle stenoslrte der Gallenstein den Mastdarm, erzeugte Stuhldrang 
und Koprostase. Von ganz hervorragender Bedeutung erscheint mir eine 
zusammenfassende Arbeit von Naünyn über Ileus. Es wäre unraoglich, 
eine erschöpfende Inhaltsangabe zu geben, da Naunyn in allerknappester 
Form und mit pr&cisester Fragestellung so ziemlich alle wesentlichen Punkte 
der Pathologie und Therapie des Dens würdigt Nur Einiges mag In Kttrae 
recapitulirt werden: die Laparotomie giebt beim Ileus im Allgemeinen 
am ersten oder zweiten Tage ein viel besseres Resultat als am 
dritten, an dem die Ueilungsziffer auf die Hälfte sinkt, und die Prognose 
wird dann aueh für die folgenden Tage nicht sehlechter, als sie es fflr den 
dritten Tag ist. Ein überaus gunstiges Ergebniss (72''/o Heilung) geben 
die Fälle von Ileus in denen eine Inguinal-, Crural- oder Umbilicalhernie 
besteht oder bestanden hat; denn hier weiss der Operateur immer gleich, 
wo er das Hindemiss zu suchen bat. Die wichtige topographisch- anatomlsehe 
Localisation der Lage der Undurcbg&ngigkeit im Bauche gelingt nur selten. 
Die Diagnose des Sitzes des Hindernisses im Darm gelingt mit rinitrer Sicher- 
heit nur dann, wenn sie im Duoiieruitii oder oberen Jejunxim oder im S ro- 
manum oder im Colon descendens siut> sonst wird man meist nur zu mehr 
oder weniger bestimmter Vermuthung kommen, dass die Undurchgingigkeit 
(im DQnndarm) hSher oben oder tief unten (im Dickdarm) sitze. In vielen 
Fällen ist das wichtige Bestehen einer Strangulation diagnosticirbar ; 
sie verlangt gemeinhin sofortige Operation. Beim Ileus durch Fremd- 
körper (Gallenstein) erscheint die Operation nur unter ganz bestimmten 



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70 



Darm. 



Umst&nden angezeigt, auch betau Voivulus des S romanum übereile man 
•ie nicht, es sei denn, dass ganz besonders bösartige Symptome bestehen. 
Dagegen gehört die Intussusception von Anfang an dem Chirurgen. 
Aas der intemea Therapie werden empfohlen : grosse Wassereiogiessungen 
mit dem Triebterapparat oder Oelldyetlere (200 — 500 Onn.)i Opium in nicht 
zu grossen Dosen. Magenausspülungon, Ernährung: spftrllch und flOssig: Die 
Function <ier Dünne, solang-e noch die Moglirhkeit der Laparotoinio in Frage 
Steht, unterbleibt besser, da die IStichstelien Ausgangspunkt einer l^eritonitis 
werden können. 

Von Duodenalstenosen bringt Herz vier nene Beobachtungen. Den 
bereits bekannten Kriterien der Krankheit werden neue nicht hinzugefügt. 

Die Enteritis membranacea wird eingebend von Sven Akerlund^*^) 
gewQrdigt ; seinen kllnledien Studien liegen sieben Beobaohtungen zngrande. 
Dass diese Pralle gelegentlich ganz schwere Erscheinungen machen können 
und dass die Membranausscheidung ausserordentlich harfnrirkig besteben 
kann, ist bekannt; dass unter Umständen zu dem heroischen Mittel einer 
Kolotomie übergegangen werden muss und dasi auf diesem Wege dann 
den Kranken ein ertrigliches Dasein Tersehafft werden kann, beweisen die 
Fälle von Hale White und Holding Bikd und F. Franke ") In beiden 
Fällen wurde die heftige Colitis membranacea, die mit schweren Schmerz- 
anf&lien verlief und die Kranken herunterbrachte, durch Anlegen eines 
kflnstlioben Afters anseheinend lieseitigt ; in dem Fall der englischen Antoren 
Uess die Bildung der Membranen sofort nach und der kunstliche After konnte 
nach 5 Wochen zum Verschluss gebracht werden, in dem anderen Falle 
bestanden Schleimabgänge ohne Schmerzen weiter. 

Landerbr und GlOcksuann*') berichten fiber die operative Heilung 
eines perforirten Dnodenalgeschwflrs. Dem Eingriffe stellten sich 
ganz besondere Schwierigkeiten entpr<^fren, so dass nur eine Uebornahunp' 
der Perforationsstelle möitrlich war-. duLCPgeii eine Kesection nicht ausgeführt 
werden konnte. Es darf daher nicht Wunder nehmen, dass der Patient drei 
Monate später, nachdem er bereite geheilt entlassen worden war, an einer 
neuen Perforation zugrunde ging. Heilung eines Falles von hartnackiger 
Dysenterie, bei dem alle internen Hilfsmittel erschöpft waren, durch Kolo- 
tomie theilt Stephan*''; mit. Aus dem Gebiete der internen therapeu- 
tiseben Bestrebungen erwähne ich, dass Follatsobsk *<) warme Darmirri- 
gationen zur Bekämpfung häufiger flQssiger Stuhlentleemngen empfiehlt. 
Die Infusion wird täglich 1 — 2niai gemacht, man kommt meist mit einer 
Menge von 100 — 200 Grm. aus, Temperatur 42 — 45*' C. Wo die Diarrhoen 
mit Obstipation abwechseln, sind grosse Mengen kalter Flüssigkeit, even- 
tuell Zusats von Karlsbader Sals indleirt Das Tann Igen hat gegen Durch- 
fälle auch Bachus**) nützlich gefunden, es wurde auch bei Kindern mit 
Brechdurchfall mit gutem P>folge gegeben. Tannalbin, eine Eiweissver- 
bindung des Tannins mit 50";, Gerbsäure, hat sich R. v. Engel ^'') in acuten 
nnd ehroniscben Fällen als Darmadstringens ohne Schädigung der Magen- 
function bewährt. Man giebt Erwachsenen mehrmals täglich bis zu 1 Grm., 
Kindern entsprechend wpnio:pr : auch Vikrordt"'') rühmt das >fittpl. Orphol 
Naphthol-Wismuth), ein graue.s Pulver mit leicht aromatischem Geschmack, 
enthält 26V', Vo {^-Naphthol, 73'/s% Wismuth und wird als Darmdesinficlens 
bei acuten nnd chronischen Entsündungsprocessen in Dosen von 5 — 10 Grm. 
pro die (ffir Erwachsene) von Chaumibk *') empfohlen. 

Literatur: ') HomoMAMN, Biitrüfre zur KenntnisH der Auljeauganffs- nnd An»»cfaeidaDg8- 
▼or^bige im Darin. Arcb. I. Verdannnjfskh. II. — *) FI. I. Hambukokr, Ueher die Bedt-ntiinff 
von Athmiini; und Peristaltik für «lit- Ktsori»ti<»n im I>iiim<l;iriii. Ci-ntmltil. f. I'liysiol. lS;t(), 
Nr. 22. — ') KoBuuiBKBont, Zur Frage der Kcaorbirüarkeit der Allmmoiieu iui Mastdarm. 
Mladtener med. Wochenaehr. 1896, Nr. 47. — *} E. Wuntr, NaobprOhmg fiber die Wirkung 
der KoehsaisMyraiata. Ebenda. 1896, Nr. 19. — *) CHTovrsx nad StaoMATB, lieber alimen- 



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Darm. — DyMutoie. 



71 



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epitheU bei Damkrankheittn d«r Säaglinge. Zeitschr. f. klin. Med. XXIX. — W. On- 
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liehe Bauchhöhle einheilen? Virchow's Archiv. CXLVI. — "j Oppler. Ueber die AbhiinsriR- 
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Deutsche med. Wochenschr. 1896, Nr. 14. — '*) DKnir». Ueln r Balantidiura coli. Sitzungs- 
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KosKR, Die Lehre von der Perityphlitis. Zeitsehr. f. prakt. Aerzte. 1897, Nr. 1. — *') ILlkim- 
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(1874—1889). MItth. a. d. Grenzgeb. d. Med. und Chir. I. — »*) H. Herz, Ztir Behandinnp der 
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Mitth. a. d. Grenzgeb. d. Med. und Chir. I. — W. Koch und BuoBKRo-BoENixcmAuaKv. Dariu- 
cbirurgie bei ungewöhalicben Lagen and GesUltojgen des Darms. Zeitaehr. I. Chir. XLU, 
ZLllL — HoBun., DarmTeraehlnia dnreh Gallensteine. Dentaehe med. Wochenschr. 1896| 
Nr. 17. — ") Nainvn, Ueber IleuB. Mittd. :i il. Orenzgeb. d. Med. und Chir. I. — ") Haas, 
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durch Anlegung eines künstlichen Afters. Bfittb. a. d. Grenzgeb. d. Med. mid Chir. I. — 
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gescbwUr. Mittb. a. d. Grenzgeb. d. Med. und Chir. 1. — **) Stsphav, £iu durch Kolotonüe 
geheilter Fall hartnickiger Dysenterie. Berliner kHn. Woehensehr. 1896, Nr. 1. — ^ Pob* 
I.ATSCHRK, Zur Pathologie und Therapie der chronischen Diarrhoen. Fester med. chir. Presae. 
1896. Nr. 37. — Bachus, Ueber den Gebrauch des TannigeuH. Münehener med. Wochen- 
schrift. 1896, Nr. 11. — *') v. Ehgri., Therapeutische Erfahrungen Uber die Anwendung dOB 
Tannalbina als Darmadstrlagens. Dentaehe med. Wocbenschr. 1896, Nr. 11. — *^) Vibbobdt, 
Ueber den klhUaiAen Werth dea TmnwlUaa. Ebenda. 1896, Nr. 25. — ") Chavmikb, Tberap. 
Wochenaohr. Wien, Deeemher 1896. RoMtabaim. 

Diarrhoe 9 von maagelhafter Seeretion des Magensattea, vergL 
Darm, pag. 65. 

Dnodenalgescliwary operative HeUung, pag. 70. 

Dysemterley durch Amoeben, pag. 66. 



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E. 

Kntwicklungjfmecliatilk der Orj^anisinen. Mit (lios(>m 

Namen bezeichnet W. Roux - '), der Begründer methodischer entwicklungs- 
meehantsoher Foraehung anf dem Gebiete der ZooMoiogle^ die »Lehre von 
den Ursachen der organischen Gestaltmigen, somit die Lehre von 
den Ursachen der Entsiehung,Erhaltunp: und Rückbildung: dieser Ge- 
staltungen«. -') Da alle Gestaltungen der Organismen durch Bewegungren 
ihrer Thetle und Thelletaen stattfinden, nnd da die Lehre von der Bewegung: 
die »Mechanik« ist, welche ilireraeits die Grandlag:e für alle phyeiluliscben 
und auch chemischen Anschauungen bildet, so ist der Name »Enfwick- 
lungsmecbanik« für das gestaltende Geschehen der Organismen be- 
rechtigt. In dieser Bezeichnung liegt also schon eine Charakteristik ihrer 
Aufgabe. Diese Aufgabe besteht in dem ZarQekfQhren der organisehen 
Gestaltungen auf die von den Physikern und Chemikern allgemein anM*- 
iLannten Wirkungsweisen der anorijaniscben Gestaltung. 

Die anorganischen Gestaltungsfactoren werden als »einfache Cooi- 
ponenten« in die Bntwieklnngsmeehanik der organisehen Gestaltungs- 
vorgän^e eingerührt. Consequenterwelse lieseicbnet dann Rocx die speoifisch 
organischen GestaUun^sfactoren als >complexe Compononten« der orga- 
nischen Gestaltungsvorgänge. Als solche führt Roltx »zunächst die elemen- 
taren Zellfunctionen an : die Assimilation, die Dissimilation, die Selbstbewe- 
gnng der Zeilen im Allgemeinen, die Seibsltheilong der Zelle als eine 
bestimmte Coordinaf ion von Selbsfbewejrunt^en : dazu kommen die typische 
formale Selbst Gestaltung und die qualitative Selbstdifferenzinmg als noch 
höber zusammengesetzte Wirkungen« ; ferner z. B. die trophische Wirkung 
der fnnetionellen Reise, der Gytotropismus nnd andere Arten der Cytotazis etc. 
(vergl. nnten). 

Es stellt sich demnach die Kntwickiuivirsmechanik die Aufgabe, die 
FQlIe der organischen Gestaltungsvorgänge ursächlich zu er- 
forschen, sie auf allgemein vorlcommende compleze Componenten snrQelc- 
zufQhren und diese allmälig durch die einfachen Componenten, die dem Ge- 
biete der Physik und Chemie entnommen sind, verstehen zu lernen. Doch 
nicht nur die strenge Präcision ihrer Aufgabe charakterisirt ihr Wesen, 
sondern fast noch mehr ihre Methodik, jene Aufgabe zu lösen. Die Eni- 
wieklnngsmedMUiik snoht das organische Gostaltnngsgesehehen auf causal- 
nnalytisohem Wege mit Hilfe des entsprechenden Experimentes sn er- 
forschen. 

Die Werthigkeit und deshalb die Existenzberechtigung der 
Entwiclelnngsmeehanik ergiebt sich aus ihrer Leistnngsf&higlceit; 
um Ober diese, wie über ihre Arbeitsweise ein Urthell sn gewinnen, be- 
trachten wir vorerst einige ihrer Ergebnisse. 



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EntwlcklangflineGbaiiik der Organlmien. 



73 



Eine Reihe von Biologen, wie Berthold Bütschli^;, Quincke^*}, 
Rhuhblbr **) ete., ist bemflht, die »eomplezeii ComponenteD« Roux's experi- 
mentell auf anorganische QeBtalttingsvorgäD^e d Ire et zurückzuführen. 
BCrscHt i stellte aus einem Gemenge von Oel und Pottasche oder Rohrzucker 
Schaumstructuren dar, die den Structuren des Protoplasmas verschiedener 
Zellarten optiseh vollkommen gleiohen. BOtsohli md QumOKB aahen bei 
solchen anorganischen Versuchen Bewegungalormen, die sie mit Lebens- 
eracheinungren zu identificiron geneigt sind. 

Dem entgegen warnt Roux an der Hand nachstehender eigener Ver- 
suche vor einer vorzeitigen Uebertragung der Ergebnisse anorganischer Ver- 
enehe auf orfanisehes Oestalinngsgescbehen. Bs gelang ihm, die Selbst- 
eopulation zweier rhloroformtropfpn in trüber, gesättigter, wässeriger 
Carbollösung unter den bekannten Radiationserscheinungen zu bewirken, 
und so eine Parallelerscheinung zur Copulatiun des männlichen und weiblichen 
Kernes In der Dottermasse der Eizelle bei der Befruchtung sn demonstriren 
(G. A. 14).* Weiterhin rief er-') die typischen, frühesten Furchungs- 
bilder einer Eizelle an einer in alkoholisirtoni Wasser schwimmenden 
und durch den Rand des (Becher-) Glases zusammengehaltenen Oelmasse 
hervor. — Eine solche, gewissermassen biologische Anwendung des an- 
organisebon Experimentes wird die Entwicklnngsmedianik unter vorsiehtiger 
Prüfung ihrer speciellen Anwendbarkeit auf das Organische vor Allem als 
heuristische Methode fructificiren. 

Die Entwicklungsmechanik entfaltet ihre experimenteile Thütig- 
keit natfirlieh vorsngsweise auf dem Gebiete der organisch en Entwick- 
lung. Der Begriff der »Entwicklungsgeschichtet gewann dadurch an Deut» 
lichkeit. dasH Roux den Begriff der »Vorentwicklung« aufstellte. Die 
Vorentwicklung des Individuums ist die Entwicklung der männlichen 
nnd weibilehen Eeimselle bis zum Angenblieke der Befraditang, die phylo- 
genetisohe Vorentwieklung hingegen hefssst sich mit der Entstehung des 
ersten Organismus der betreffenden Art. 

Die verjrleichend ariuloniischen und entwicklungsgeschichtlichen Begriffe 
der Variation und Vererbung, der Palin und Caenogenese werden 
durch das analytische Experiment an Ümfang and Inhalt genauer pridairt 
werden. Bemerkenswerth sind hier die Versuche BovBRi's') und Sbbliger'S **), 
in welchen durch Befruchtung entkernter Seeigeleier mit dem Samen einer 
anderen Seeigeiart Organismen ohne mütterliche Eigenschaften erhalten 
wurden. Das Gelingen dieser Versuche macht es sehr wahrsehoinlich, dass 
die Zellkernsubstanz der Träger der elterlichen Eigenschaften Ist. Der Frage 
der Variabilität wird durch künstliche Veränderung der äusseren Lebens- 
bedingungen der Organismen (z. B. der Wärme, des Lichtes, der Luft) näher- 
getreten, wobei, wenn nöthig, auch die statistische Methode zu Hilfe ge- 
nommen wird (vergl. db Vribs, eine »sweigipfellge Variationscurve« — 
Darwin's Lehre von der Zuchtwahl erhielt in einem seiner wichtigsten 
Theile eine tiefere Begründung durch das von Rorx (G. A. 4 und 5) ge- 
fundene Princip des züchtenden Kampfes der Theile im Organismus 
und insbesondere durch das Princip der in dieson Kampfe gezfichteten 
Gewebsqualitftten, welche durch den functionellen Reiz zugleich trophlsoh 
erregt werden. Durch diese Principien werden viele Kinzelfi'a<;en der ver- 
gleichenden Anatomie und Entwicklun^'^sgeschichte in ursächlicher Weise 
beleuchtet, denn sie erkl&ren die Möglichkeit einer >directen functionellen 
Selbstgestaltnng des ZweokmSssigen, d. I. Danerffthigenc. 



* Hnrx's > Gesammelt«' Al»h;iii(Uun(jen über Entwifkhingsnifclianik der Ors^aniMiien", 
Leipzig ISI^t Bden hier mit >G. A.< citirt; die beigefügte Zahl bedeute die Nummer der 
JeweUs In Betneht m itehenden Abbamllaag. 



74 



EntwfokluDgsmechaolk der OrgantomeD. 



Von den causal* analytischen Experimenten über Ontogenle be8chäftig:t 
sieh eine Reibe mit der Unaohe und snkOnftiseii Bedentnnif der mit der 
Befruchtung berlnnenden OestaUnngen nach Ort, Zelt, Örösee und 

Beschaffenheit. 

Durch künstliche, localisirte Befrucbiuog des Froscbeies gelang Roux 
(O. A. 20 und 21) der Naebwefe, daas «ugteleh mit dem Anfeng des Be* 

fruchtungs Vorganges auch schon die Oriontirung des sp&teren Embryos 
im Ei beginnt. Ks ergab sich, dnss durch die Kintrittsstelle des Sperma- 
kernes in die Eizelle die Öcbwanzseite des späteren Embryos am Ei be- 
stimmt wird, und dnsft die polar entgegengesetste Stelle sich zum embryo- 
nalen Kopftheil entwickelt. In dem verticalen Meridian durcb die Bewe- 
gungsrichtung dos Spcrumkernt'S ontsfoht dio erste F'iirrhungsel^ene und 
dipst' fällt mit der Medianebene des Embryos zusammen (vergl. bezüglich 
letzterer Coincidenz auch Pklüger und Bokn *'). 

Damit war sugleleb die qualitative Versebledenbelt der beiden ersten 
Furehungszellen erirfesen. Diese Wabmebmung bestätigte Roux aueb durch 
seine fundamentalen Anstich versuche G. A. 2J). Wurde eine der beiden 
Furehungszellen des erstgefurchten Froscbeies durch Anstich mit der heissen 
Nadel iretSdtet, so entwickelte sieb ans der anderen anhaftenden, unver- 
letsten Furchungszelle meistens ein typischer, seitlicher Halbembryo (even- 
tuell ein Hemiembryo anterior) [vergl. auch Exdres '2) und Waltkk "il. 
Dieser Hemiembryo lateralis ergänzte sich erst secundär durch Organisation 
der todten Eihälfte zu einem ganzen Embryo von normaler Grösse. Die 
Ansticbversuehe gewannen noch mehr Interesse durch nachfolgenden Um- 
stand. Wurde durch Driesch, Morgan U.A. die eine der beiden ersten 
Zellen entfernt, so nahm die unverletzte halbkugelige Zelle Kugelform an; 
aus ihr entwickelte sich ein ganzer Embryo von halber Grösse: ein 
»Mlkroboloblast« (Roux). Aus diesen Ergebnissen folgt mit sehr (grosser 
Wahrscheinlichkeit, dass für die Entstehung von Ganz- oder Halbbildungen 
aus den isolirten beiden ersten Klastomeren verschieficnt r- Thieroier die 
Anordnung der Theile des Zellinnern, sowie die Zellgestalt mass- 
gebend ist (Roux Bleibt die ursprüngliche Dotteranordnung trotz Isolation 
gewahrt, so entstehen Halbgebilde; folgt aber der Isolation eine Um- 
Ordnung des Zellinhaltps, so entwickeln sich von vornherein Qanzgebildo 
iwie z.B. in den Versuchen von H. Driesch i"! und T. H. Morgan "'^i. Hierin 
liegt auch die Ursache, weshalb 0. Schultzk bei Versuchen am erst- 
gefurchten Froschei Doppelmissbildungen erhielt. Durch wagrechte Com- 
presslon der Eier wurde der Bildungsdotter beider Furehungszellen unvoll- 
ständig isolirt und durch die gleich nachfolgende Drehung um 180" wurde 
die Isolation der beiden Bildungsdotter durch Zwiscbenlagerung von Nabrungs- 
dfrtter ▼ervoilstftndigt und suglelch tn Jeder Zelle eine Umordnung der Dotter- 
massen veranlasst. 

Rorx (G. A. 23) vervoUständiirte seine Versuche über die Orientirung 
des Embryos im Ei noch weiter. Kr zeigte durch üompressionsversu che 
am Froschei, dass das Material der Medullarplatte des Embryos am ge- 
furchten El rings am Aequator der pigmentirten oberen HUfte zu suchen 
ist. und dass dieses Material von hier im Laufe der Gastrulation bilateral- 
symmetrisch auf die untere helle Hälfte öberwandert. 

Es giebt fernerbin eine Reihe von entwicklungsiuechaniscben Versuchen, 
aus denen hervorgeht, dass die Entwicklung eines Jeden Organismus In 
Bezug auf äussere Verhältnisse (Wasser, Luft, Wärme. Licht ') eine ganz be- 
stimmte »abhängige D i f f«' r en z i r u ng ist. Nach C. Hf.hi5st".s ' •' / Unter- 
suchungen entwick»'ln sich Seeigeleier in NaCl-, LiCl-, Ba Cl- (etc.j Lösung zu 
Missbildungen, die dem Concentrationsgrad der Salzlösung entsprechen und 
nach der Art des verwendeten Salses typisch verschieden gestaltet sind. Dies 



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Entwicklungsnitichanik der Organismen. 



75 



ist zugleich ein Beispiel für Versuche ril)er Variabilität auf Grund von Cor- 
relationen, die im Org:aDismus »züchtende Thei lauslese« bewirken. Die 
Gestalt der Blutgefässe entsteht, wie Rüüx (G. A. 1) fand, in Abhängigkeit 
von der hydrodynamlMkeii 6«Btalt doB Blotstrahles, das tot niehta Andere« 
als »abhängige Differenzirung« mit >f unctioneller Anpassung«. 
Wenn wir weiterhin sehen, dass sich die Form des Gehirns in Abhängigkeit 
von der Bildung der vorderen Amnionkappe, des neuro pialeo Gelässnetzes 
und des knSehemen Sehideto entwickelt, so tritt nne hier eine Combinatlon 
von dif ferenslrenden Correlationen entgegen, unterweichen die »mecha- 
nische Massencorrelation« (Roux, G. A. 4) im Vordergrund sieht (vergl. 
auch V. Ueukelom, »Encephalocele« "^). — Wenn sich hingegen, wie oben 
dargestellt, die nnverletxte Zelle der beiden ersten Fnrehungszellen des 
Froscheiee snm Hemlembryo entwickelt, so tot das ein sprechendes Beispiel 
dafür, (lass jede der beiden ersten Purchungszellen in Bezug auf das Ganze 
des P>ohcheies in hohem Grade die Fähigkeit der »Selbstdiflerenzirung« 
(Kuüx ^"j besitzt. 

In den vorstehenden Beispielen entwlcklungsmeebaalseher Ergebnisse 

liegt noch Folgendes bewiesen. Die Ursachen der den Organtomus typisch, 
d. h. der Species entsprechend gestaltenden Wirkungen sind von vorn- 
herein im befruchteten Ei nach Qualität und Quantität bestimmt gelegen, 
woneben die aosseriialb des Organtomns befindliehen Oestaltungsarsachen 
an zweiter Stelle ato indirecte in Betracht kommen. Diese kann man 
auch als änssere und allgemeine Entwicklnngsbedingangen, {ene 
aber als innere und specifische bezeichnen. 

Eine weitere Art der ontogenetischen Versuche betrifft die causal- 
analytlsche Erforschung der gestaltenden Eigenschaften and Besle- 
hnngen der Zellen im f rQhembry onalen Organismus. 

Durch Versuche an isolirien Zellen der Frosch- Morula, -Blastula etc. 
entdeckte Roux folgende fundamentalen Vorgänge: »Cytotaxis« (Selbst- 
ordnung der Zellen unter sich), »Cytotroplsmusc (aetive, gegenseitige 
Annäherung an oder Entfernung getrennter Furchungszellen von einander), 
»Cytarme« (flächenhafte Zusammenfügung der Furchungszellen), »Cyto- 
chorismus« (Selbsttrennung der Furchangszellen) und» Cytolisthesis« 
(Zellgleiten). 

Die btoher erwfthnten Ergebnisse der entwieklangsmechanischen For- 
schungsweise beleuchten causal - analytisch die erste entwickiungs- 
geschichtlicbe Periode des Orpanismus. die Periode der selbständig'en 
ersten Anlage und Entwicklung der Organe. Ihr folgt die Periode des 
Anthelto der AusObung der Fnnetion an der weiteren Ausgestaltung und 
sdillesslich die »Periode rein functionellen Lebens«, innerhalb deren 
zur weiteren Ausgestaltung und in geringerem Masse auch zur blossen 
Erhaltung des Gestalteten die Functionirung oder die functionello Reizung 
der Organe ndthig ist (Roux, O. A. 4). 

Ausser der Function als »morphologische functionello Anpassung« 
(Roüx) ist noch die R ejreneration als wichtige Gestaltungscomponente 
namhaft zu machen. Zur Erläuterung folge ein Beispiel, das den Unter- 
suchungen JuL. WoLFF S 3('), Köster s, Roux's u. A. entlehnt ist. Ein seiner 
Function genau entsprechend arohitektonlsch aufgebauter Knochen sei frac- 
turirt : danach bildet sich durch Regeneration ein Ueberschuss von knochen- 
bildendem Gewebe: ein ('allus, der beide Bruchenden verbindend fixirt. 
Der geheilte Knochen wird wieder in Gebrauch genommen. Ist die Knochen- 
form wieder die frfihere geworden, atoo auch die aufs Nene ausgeflbte 
Function der ursprunglichen gleich, 80 wird aus der groben Callusmasse 
durch functionelle Anpassung die ursprüngliche Knnchenstructur selbst 
bezQglich der feinen Spongiosatheilchen wieder herausgearbeitet. Wenn hin- 



76 



EntwteklnngBmecliaiilk der Organtemen. 



gegen die Inansprnehnahme des Knochens nach der Fractur durch schiefe 
SteUnng beider tnaammoDgeheilter Theile ra einander von der ursprfing^ 

liehen verschieden ist, so wird nicht nur der Gallus, sondern auch jeder 
andere durch die schief geheilte Fractur statisch in anderer Weise ge- 
brauchte Theil des Skelettes der neuen Functionsweise entsprechend um- 
gestaltet Bin weiteres Beispiel bieten bier die osteoplastiseben Vorgftnge 
bei knöchernen Gelenkankylosen dar (Roux, O. A. 9). Bei diesen Vorgängen 
spielt sich |ini Wesentlichen dasselbe functionelle Gestalturgsgeschehen ab, 
das nach Houx's Theorie aach bei der Activitätshypcr trophie und der 
Insetlvltfttsatrophie, sowie ferner bei den functiunell gestaltenden Cor- 
relationen der Organe vor sieb gebt. 

Das gnnze Wesen der Entwicklungsmechanik, wie es sich ans der 
kurzen Betrachtung: ihrer Aufgabe und der erwähnton Ergebnisse darstellt, 
ist dazu angethan, die Wissenschaftszweige der pflanzlichen und 
tbieriscben Gestaltungen ra ISrdem. Des besohr&nkten Ranmes wegen 
sei hier nur des Einflusses der Entwleklungsmechanik auf die Physiologie 
und Pathologie thierischer Gestaltungen und der sich hier anschliessenden 
klinischen Wissenschaf ten kurz gedacht. Besieht man sich die Arbeitsprobleme 
der Physiologie, so findet man, dass sie die gestaltende Bedeutung der 
Lebensvorg&nge im Organismus Gberbanpt kanm berGcksichtigt, selbst nicht 
die von Rorx als »functionelle Anpassung:* bezeichnete formbildende 
Wirkung der functionellen Leistungen der Organe, Organtheile, Gewebe 
und Zellen. Für die ursächliche Ableitung dieser Leistungen bietet die Ent- 
wioklungsmeobanik bereits mandies Paradigmaf wie t. B. in den Untere 
suchungen über die Anpassung der Gestalt der Blutgefässe an die hydro- 
dynamische Form des Blutstrahles, der Knocbenstruotur an neue Arten der 
Beanspruchung des Knochens.* 

Bntwicklnngsmeobanlsobe üntersnchungen Aber die postembryonalen 
Gestaltungsconipunenten der Function und der Regeneration sind es, 
die in dem causalen Streben der Pathologie und der klinischen Wissen- 
schaften oft wichtige Lücken ausfüllen. Von diesen Wissenschaften scheinen 
|ene der Entwicklungsmecbanik besonders nahe zu stehen, die sich an erster 
Stelle mit makroskopischen Deformationen, Im Besonderen des Skelet- 
Systems liofassen, wie z. B. die Gynäkologie, die Thirurgie. vor Allem die 
Orthopädie und speciell die »functionelle Orthopädie« (Roux). 

Besondere Schwierigkeiten entstehen für Pathologie und klinische 
Wissenschaften dort, wo es sich um die causale Deutung oongenltaler 
abnormer, makroskopischer wie mikroskopischer Gestaltangen handelt. Denn 
der Organismus der Säuger, mit dem sich ja die genannten Wissenschaften 
befassen, ist während des intrauterinen Lebens experimentellen Eingriffen 
nur wenig zugänglich. Hier also bewährt steh besonders deatUdi die Viel- 
seitigkeit der Entwicklungsmechanik, die alle Organismen in den Kreis ihrer 
Verwendung zieht. Versuche an niederen Vertebraten, wie auch an Averte- 
braten sind, wie wir oben sahen, im Stande, die Genese z.B. eines Acar- 
diacus (cfr. Hemiembryoj, einer Mikrosumie (cfr. Mikroholoblast) und eines 
Monstrum duplex (efr. Doppelmissbildnng, O. Schültzb ") und J. Lobb**) 
dem Verst&ndniss näher sn bringen. In der Asyntaxia medullaris (Roux) 
lernen wir am Froschei eine künstliche Parallelerscheinung der Kranio- 
Rhacbischisis mit ihren verschiedenen Graden kennen. Den mannigfachen 
Zug- und Dmekdeformatlonen des Embryos infolge amniotischer Ver^ 
wachsungen und Strangbildungen können zur Erklärung gleichfalls 
entwicklungsmechanische Versuchsergebnisse an die Seite sreslellt werden, 
so z. B. der natürlichen >fötalen Amputation« die künstliche durch Ab- 

* Vergl. den Artikel »Fanctionelle Anpassung« im Jabif. 1894 dieser £ncfolopäd. 
JahrbOelicr. 



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Entwicklunguneelianlk der Oi^nismeii. 



77 



■chnQrung and der congenitaleii »Polydaktyliec eine kflnBtliohe durch 
Spaltung eines Bztremlt&tentheiles (D. Barfdrth > >X TomnBR Dte ent- 

wicklungsmechanisch hoe^rundete Lehre von den Extra- und Intraovaten 
(Dislocation von Eitheilen über die Oberfläche des Eiganzcn oder Disloca- 
tioD von Zellen oder Keroen innerhalb des cellulirten Eies — Roux [G. A. 24], 
Barfurth^, Bndrbs^*) ▼ermag die Frage der eongenttalea Tumoren und 
der Tumorenkeiine zu beleuchten. 

Doch stehen auch jene Thelle der Patholog-lo und der klinischen Wissen- 
schaften, die sich mit mikroskopiachen Gewebe- und Zelldeformationen 
befassen, in enger Beslelinng rar Entwieklungsmeeliaaitlc, denn diese be* 
sdiBfÜgt sieh natürlich andi mit dem cellulären Geetaltungsgeschehen. 

Man vergleiche die experimentellen Untersuchungen über die gestal- 
tende Wirkungsweise der »complexen« und weiterhin der leinfaehen Cotn- 
ponenten« im einzelligen Organismus und in den einzelnen Zellen 
sowie Im ZellTerbande (Beispiele bieten hier die üntersuehungea Ober 
die »Cytotaxis«, Ober den Einfluss eines chemisch veränderten Mediums auf 
die Gestaltung der Zelle, über den Einfluss der Schwerkraft auf die Ent- 
wicklung des Organismus etc.). An dieser Stelle kann auch der congenital ab- 
normen Gewebe und Zellen gedadit werden, die In Ihrer Abnormität Triger 
der sogenannten Disposition zu constitutlonellen Krankheiten sind. 
Hieröber werden vielleicht die entwicklungsmechanischen Versuche über 
Vererbung und Anpassung Aufklärung bringen. Eine Fülle von neuen, inter- 
essanten Gesichtspunkten liefern die mikroskopischen Untersuchungen, die 
Böhm«) an seinen yerwadisenen Amphibienlarven anstellte. 

Bei allen bis jetzt angeführten Fällen zeigte es sich , dass die Ent- 
wickluDgsmechanik an dem Zustandekommen und Gedeihen einer »ver- 
gleichenden Pathologie« wesentlichen Antheil bat und haben wird. 

Fragt man sieh nun nadi der ürsaehe der in TorstelieDden Zeilen 
dargdegtrai hohen Leistungsfähigkeit der EntwioUailgsmeclianik , so 
muss an erster Stelle ihre Vielseitigkeit namhaft gemacht werden. Es ist 
dies einerseits die Vielseitigkeit der Entwicklungsmechanik in der plan- 
m&ssigen AusnQtznng aller intellectnellen, wie instrnmentellen 
wissenschaftlichen Hilfsmittel uod andererseits ihre Allseitigkeit, mit 
der sie zielbewusst alle pflanzlichen und thierischen Organismen 
snr causal-analytischen, experimentellen Behandlung iiirer Probleme 
heranzieht 

Den planmissigen , entwicklnngsmeehaDiscfaen Versuchen liegen die 

ausserhalb des Organismus gelegenen einfaehsil Componenten der vom 
Typus abändernd gestaltenden Wirkungswelsen (Schwerkraft, Tera- 
peraturverhältnisse etc.) als variable Grössen, die dem Experimentator 
direet zugänglioh sind, sugnmde. Durah Variation oder durch Auf- 
hebung einzelner derselben sudit sie die im Organismus direet und typisch 
gestaltenden Componenten abzuändern, beziehungrsweise aufzuheben (z. B. 
durch quantitative und qualitative Variation des den Organismus umgebenden 
Mediums, Verminderung oder Aufhebung der O-Zufuhr etc.). Sie bewirkt 
auf diese W^Ise eine ungemein maoniglaltige Variation der »oomplezen 
Componentenc des Gestaltungsgeschehens. Auf diese Weise vermag die 
Entwicklungsmechanik eine und dieselbe Frage von mehreren, sehr 
verschiedenen Seiten experimentell in Angriff zu nehmen. 

Man sueht hierbei nach dem von Roux aufigestellten analytischen 
Arbeitsschema von den eomplexen Gestaltungscomponenten eines zu er- 
forschenden Gestaltungsvorganges erst deren zeitliches (Anfang, Geschwin- 
digkeit, Ende) und räumliches (Ort, Richtung) Verhalten klarzulegen, 
ehe man an die Frage nach der specifiscben Beschaffenheit (Qualität) 
derselben herantritt 



78 



Eotwicklungsniechanik der Organismen. 



Bei allen diesen Versuchen ist sie bestrebt, die zahlreichen Gestal- 
tungen auf ihre ursächlichen »beständipren Wirkungsweisen« von erst 
beschränkter und diese unter steter Verminderung ihrer Zahl auf »bestän- 
d!g:e Wirkangsweisenc von immer allgemeinerer nnd tcbllesslloli allgemein* 
ster Bedeutung zurückzuführen. Die Entwickluogsmechanik hat hei der 
Durchführung: des soeben kurz dargestellten allgemeinen Arbeitsplanes- 
die schärfste Kritik in der Auffassung von der Natur und Werth igkeit 
der Ure»ciien Im Allgemeinen and der Uraaehen des organisehen Ge- 
pehehena im Besonderen in Oben. Dies aber setzt voraus, dass sie mit den 
allgemein anerkannten theoretischen Ergebnissen der Physik und 
Chemie in engster Fühlung steht. 

Wir glauben auf Grund der in den vorstehenden allgemein orientiren- 
den Zeilen niedergelegten nnd anf Orond vieler anderer besflgUcher, wegen 
Raommangels hier nicht wiedergegehener Thatsachen sagen zu dürfen: Die 
Entwicklungsniechanik wird durch ihre Arbeitsweise das durch 
sichere Ergebnisse gekennzeichnete Voranschreiten der Gestal- 
tnngswissensebaften In hohem Masse besohleanigen. 

Literatur: '> D. Barfi-kth, Die expt* rimt-ntcllc Rogeneration Ul»er.<»chÜH8iger Gliwd- 
maMentlielle (Polydaktylie) bei den Ani|»biblen. Arch. f. Entwicklan^mecbanik. 1. — *) D. Bab- 
FüBTS. Sind die Extremitäten der FrSsche KgenemtionsfMhii;? Ebenda. I. — *) D. Bastcbth, 

Experiniriit« ll<' Uiitcrsuohunif iilit-r die Kegeneratinn der KiimViliitrrr hei den Amphittien. 
MlHEKL-BoMNET H Aiiut. Hfltt'. 1893, Heft 9. — *) G. HKaTBOLu, .Studien Ubur Protoplasma- 
meehanik. Leipzig 1886. — *) G. Böhm, Ueber Verwachsongsversucbc mit AmpidUenlarveii. 
Arch. I. Entwickliingsmechanik. IV. — •) 6. Born, IJcber den Einflu»» der Schwere auf da« 
FroHchej. Breslauer Urztl. Zeitschr. 1884. — ') Th. Boveri, Ueber die Befrachtung^- imd 
Entw irklungsfähigkeit kernloser Seeigeleier und über die Mögliehkeit ihrer Bastardirnn^. 
Arch. I. EntwicklnngsmecbaDik. II. — ü. BOticbu, Unteraucbuogen Uber mikroskopiache 
Schinme imd das Protoplaama. Leipzig 1898. — *) 0. B. DAvnvoar and B. T. NcAt, Sta- 
diei in Morpliogenesis , V On the Acclini.itisatinn of Organismus to jtoissonou«* Clifmikal 
Snbfltancet«. Areh. f. Ent%vickluugsinechanik. 11. — *') H. Driesch, Betrachtungen über die 
Organisation des Eies nnd ihre Genese. Ebenda. IV. — ") H. Ekdbis and H. E. Waltbb, 
AoBticbversacbe an Eiern von T{ana fnsea. 1. Tbl. — '*) H. Exdbks, Anstichversncbe an Eiern 
Ton Bana fuRca. 2. Thl. : Er).',iii7.iiii(,' durch An^etaTenuche an Eiern von Rana escaipnta, 
sowie (lieorelisehe Folgerunt;:t'n au.-« beiden Versuehsreiheu. Arch. 1. Eiitwicklungsmccliaiiik. 
II. — ") U. Ekdbss, Ueber Anstich und ScboUrrersocbe au Eieru von Triton taeniatus. 
Bifarangsber. d. ReMei. Oeiellieb. f. Tateittad. Ooltor. 1805. — '*) C. Hbmt, Experimentelle 
Untersnehnngen Uber den Einflnss der veränderten cbemischrn Znsammenietzung des um- 
gebenden Mediums auf die Entwicklung der Thiere. Arch. f. Kiitwicklungsmechanik. 11. — 
'*> BsDKKLOM, VAN SiKOKNBKCK, Ucber die Encephaloccie. Ebenda. — ''i J. Lokh. Ifeiträge 
zur Entwicklongsmecbaoik der aas einem £1 entstehenden Doppelbildungen. Ebenda. I. — 
**) J. Lora, Bemerkungen Aber Regeneration. Ebenda. IT. — **) T. R. Moroait, HaVf-Eabryos 
and Whole-Embryos from one of the first two Blastomerfs of the frot: .s Kt,'j:. .\iiat. Anzeiger. 
X. — £. PwhCoaif lieber den Einllnsa der Schwerkraft auf die Tbcilung der Zellen nnd 
auf die Entwlekhrag der Zellen. PrLOona's Archiv. — O. Quincke, Ueber Protoplasma' 
bewpgung nnd Tcrwandte Erscheinungen. ()2. Naturf.-Versaniml. zu Heidelberg. 1889. — 
•*) L. Kruhbuoi, Versuch einer mechanischen Erklärung der indirecten Zell- und Kernthei- 
lung. Arch. f. Entwicklungsmechanik. — -^i UiHoiiRr, Beiträge zur coinpensatorischen Hyper- 
trophie und Begeneration. Ebenda. — **) VV. Kouz, Gesammelte Abhandlungen Ober Entnick- 
Inngsmeehanik der Organiimen. Leipzig 1895, II, Engelmana. — '*) W. Rotrx, »Etnleltnng« 
zum Archiv für Entwicklniitfsniechanik der Orpanismen. — '*) W. Rof.x. rclu r den »Cyto- 
tropisrouB« der Furchuiigszellen des Gra.-^f rösches (Hann fusca). Arch. f. Entwit kluntrMiiechanik. 
L — ") W. Uoux, Ueber die verschiedene Entwicklung isolirter erster BkaHtoiin ri n. Ebenda. 
I. — *') W. Boux, Ueber die Selbstordnung (Cytotaxis) sich »berührender« Furchungszellen 
des FroscheleB durch Zellenznsammenfügnng, Zellentrennnng und Zellengleiten. Ebenda. III. — 
\V. l'ui X . Febt r ilic llrili iitiiiit.' >t.'eringer« Verschie<ienheiten der relativen Grösse tler 
Fnrcbungi>zelle für den Charakter des J^lurebungsschemas, nebst Erörterung über die nächsten 
Ursaeben der AnofAnmig nnd Gestalt der ersten FnrehnngaielleB. Ebenda. lY. — *^ W. Ronz, 
Pr"j.'rainiii und ForMhnigiuethoden der Entwicklungsniechanik di r Ortranisiiv n I.eipzifi: 1897. 
lAiu h in liaiid V des Arch. I. Entwicklungsmechanik abgedruckt iinti r deni l itel : Für unser 
Programm und seine Verwirklichung.) — "MG. .Schultz«, Die künstliehe Erzeugung von Doppel- 
bildungen beiProscblarven mit Hille abnormer Oravitationswirknng. Ebenda. I. — **> C. baabieaa, 
Oiebt es geschleehtlleh erzengte Organismen obne mtltterllclie Elgensdiatte&P Ebenda. — 
•*) S. .'^TRoiiiMASN . Dil' .\iip i>suut.' der Cyanophycren an das pelagische Leben. Ebenda. I. — 
**) <i. ToitsiKK. I i Im i- liyticrdaktylie, Regeneration und Vererbung mit Experimenten. Ebenda. 
III und IV. — llt oo i>K Vbiks, Eine zweigipfelige Variationscorre. Ebenda. IL — **)Jm.. 
Wourr, Das Gesetz der Transformation der Knochen. Berlin 1892. s, gadn». 




EoMt. — Euealn. 



79 



Bosoty Creosotmii valerianieam, eine ölige Flfleslgkett, in Alkobol 
und Aetbtr leicht löslich, wurde von E. Grawitz auf der GERHARDT^adien 

Klinik gegen Tuberkulose und zur Desinfection des Intestinaltractes ver- 
sacht. Das Mittel wurde anfänglich 3mal täglich 1 Kapsel (zu 0,2 Qrm.) 
mit reidilidi Milch gegeben, spatM" wurde auf 6— 9 Kapseln, also bis fast 
2 Grm. Kreosot pro die gestiegen. Nur bei sehr wenigen Patienten moMte 
das Mittel nach mehrwochentlichem Gebrauch wegen Verdauungsstörungen 
zeitweilig ausgesetzt werden. Ob die im Präparat befindliche Valeriansäure in 
irgend einer Weise die Wirkung des Kreosots beeinf lusst, ist noch nicht entschieden. 

Als Vorzflge des Priparates beseldinet Grawitz, dass es 1. ohne Widern 
willen als gerucb> und geschmackloses Mittel in Kapseln genommen wird ; 2. dass 
es auch in grösseren ^fengen g:ut vertragen wird und 3. dass es billig ist. 

Literatur: E. Gbawitz, ErlalintngcQ Uber aia ueuüs Kreosotprüparat : Creoootum 
Tdeiianienn. Tbersp. Uomtoh. 1896, pag, 384. Lathitek, 

BrgfOtlnoly ein von Dr. Vosswinkel dargestelltes neuen Mutter- 
kompriparat. Es wird gepulvertes und entöltes Mntterkom mit Wasser 
erschöpft. Die erhaltenen Auszöge werden mit Säuren versetzt und der 
Hydrolyse unterworfen; ferner wird die Säure abgestumpft und die alko- 
bolisebe Oähmng eingeleitet. Nseh Beendigung derselben wird das Prodact 
dialysirt und so weit eingeengt, dass i Ccm. 0,5 Grm. Extr. Secalis cornuti 
der deutschen Pharmakopoe entspricht Abel versuchte das Präparat durch 
längere Zeit an Stelle des Kxtr. Secalis cornutum bei allen Indicationen, 
welche für dieses gelten, und rühmt die prompte W^irkung und grosse Halt- 
barkelt desselben. Hingegen maoht er anf die grosse Sehmersbaftigkeit der 
Injectionen aufmerksam, welche durch einen geringen Znsats von Morphium 
oder Cocain vermindert werden soll. 

Literatur: Ahel, Herüner klin. \Vo(h<'nsohr. 1897, Nr. 8. Lofhisch. 

Erytliromelall^e (vorgl. Encydopad. Jahrb. III , pag. 252 ; IV, 
pag. 152). Pezzoli'), der an die 1894 erschienene zusammenfallende Dar- 
steUung von G. Lew» vnd Bsrda (vergl. IV, pag. 152), sowie an einige 

neuere Falle aus der Literatnr anknüpft, thfilt einen selbstbeobachteten 
typischen Fall bei einer 46jährigen Patientin mit (mehrmals tfiulich Anfälle 
von Röthuug und Schwellung der £ndphalangen siimmtlicher Finger, nebst 
Sehmersbaftigkeit, Parästhesien und Herabsetzong der taetilen Empfindung; 
die einzelnen AnfiUle dauerten 30 — 60 Minuten, nachli* i wieder ein normales 
Aussehen der Finger, nur eine leichte Anschwellung der Weichtheile bemerk- 
bar). Der Fall ist in U ebereinst immung mit der von mir und Q. Lew in 
gegebenen Deutung als reine Angioneurose aufzufassen. In &hnlicher 
Weise betrachtet auch DSHIO') einen von ihm beschriebenen typischen Fall, 
in dem die Erscheinungen im Gebiete des Uliiarnerven nach Resection dieses 
Nerven verschwanden, als Foljre einer Reizung der Vasodilat atoren. Eine 
hysterische Form derRAYNAi u sehen Krankheit und der Erythromel- 
algie will LftVY^ auf Grund seiner selbstbeobachteten FftUe unterschieden 
wissen ; dieselbe soll nach ihm auf autosuggestivem Wege entstehen und durch 
hypnotische Suggestion zur Besserung, ja selbst zum Schwinden gebracht 
werden können ! 

Literatur: C. Pmou, Bio Fall von Erythromelal^t«. Wiener klin. Worhennebr. 

WM'>, Xr. .'):?. — ») Dkhio, Über BiTthronielalffil'. Husäisches Archiv für l'.ith., klin. M. il. und 
Bactehglogte, I., pag, 14ö. — *) LSrr, D*aae lormu bjrstvrique de la maladie de üax.nai-» et 
de VirjÜrnmüM^ Areh. de Nearol. 1886, XXIX, Nr. 96—97. a. Euieaburg. 

£ncalii« A, C„H,7N0«, Bensoylmethyltetramethyl-Y-Ozyplperidln- 

carbonsäuremethylester, ein auf chemisch-synthetischem Wege dargestelltes 
Ersatzmittel des Cocains. Nach Versuchen von Gart.xmo Vinci wirkt das 
£ucain analog dem Cocain, doch ist Eucain weniger giftig und retardirt 
den Puls (CociUn besohleunigt den Puls zuerst und verlangsamt ihn erst 



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80 



Eucain. 



sp&ter). Die loeale Wirkvngr ist bei beiden becüglieh der Inteneitftt und 

Dauer der Anüsthe.sie eine gleiche. Subcutane Einspritzungen bewirken an 
Ort und Steile Anästhesie, die mit F^ucain benetzten Schleimhriuf e werden 
anftstbetisch. 2 — 5 Minuten nach Application einer 27oigen wässerigen Eucain- 
Ifonng am Auge tritt locale An&sthesie ein, welche 10 — 15 Minuten andaueit, 
Wfthrend Cocain Iscbftmie, Mydriaaie and Aecommodatlontparese ersengt, 
bewirkt Eucain leichte Hyperämie, nach Vollert sogar stalle FQUnng der 
Coniunctival- und Ciliargefäase und erweitert die Pupille nicht. Weitere 
Vorzüge des Eucains sollen seine Unzersetzlichkeit beim Kochen und der 
billige Preis bilden. 

Die freie Base, das Eucain, ist ebenso wie das freie Cocain in Wasser 
unlöslich und es kommt für die therapeutische Verwendung nur das salz- 
saure Salz, Eucainum hy drochloricum, Cx» H,? NO« HCl + Us 0, in 
Betracht, welches sich bei 15» G. im Wasser 1 : 10 löst (Cocain, hydroehi, 
löst sich 1 : 0,7 Wasser). 

Aul dem yeracbiedenen Grad der LüsHchkeit beider Basen in Waaser beruht die Me- 
tliode ihrer Erkennunf?, heziehunffsweisc des Nachweises einer Fälschuni^ des theuren 
Cocains mit dem viel büli^'i-ri u Kiieain. Zu diesi ni IJrliufe werden z. 1!. 0.1 Coeuin. muriat. in 
50 Ccm. Wasser gelüst, 2 Tropfen Ammoniak zugefügt and geschüttelt ; ist das Cocain rein, 
10 bleibt die Utkmg mindeateDi 1 Mliiiite dnrobfliehtiff irad dM selbst dna aeeli, wenn spiter 
einige Coeainkrystallc ansfalleii ; ist jedoch zugleich Eucain in der Lösnn;: , so tritt schon 
bei 2" „ der Beimischung au! Zusatz von Ammoniak eine niilchige Trübung auf, die erst bei 
weiterem Zu.satz von 10 Ccm. Wasser Schwindel; beträj;t aber die Beimischung von Eucain 
5*/«! ao mnas man 20 Ccm. Waiaer iunsafOgea, um die FlttBtigkeit (bei 16— SO** C.) durdi- 
■fliÜBlneiid sn liaben. 

Seit Jahresfrist wurde das Eucain in der Augenheilkunde, Ghiror* 
gie. Larynpologie und Zahnheilkunde in seiner Wirkung geprüft, 
wobei die anästhesirende Wirkung des Mittels allgemein anerkannt wurde. 
Allerdings fanden Vollert und WOstbpsld, dass das Hornhautepitbel nach 
Bncaineintrinfelnnff bei nicht geschlossenem Ange rasch eintrocl^ne und In 
grossen Stöcken abgehoben werden kann. Drneffe theilt mit, dass durch 
Eucain die Gewebe derartig gehärtet werden, dass die Nadeln beim Anlotron 
der Naht nur schwierig eindringen. Das starke Brennen, welches einige 
Kranken nach dem Bintrlnteln des Encains in's Auge fflhlten, wird daraat 
zarQckgeffihrti dnss ein aus Methylalkohol nmkrystallisirtes Pr&parat ange- 
wendet wurde; es soll nicht eintreten, wenn ein aus wässeriger Lösung 
erhaltenes Eucain lienutzt wird} letzterem widersprechen aber die Erfah- 
rungen von WOSTBüTBU». VoLLBRT boobaditete Überdies eine wenn auch 
geringe Beeinflussung der Pupille, welche sich erweitert, und demgemftss 
auch Accommodationsstorung-. Görl injicirte das Mittel zu 2 Grm. in die 
Blase, worauf sich als Folge der hyperümisirenden Wirkung des Eucains 
starke Blutung einstellte, jedoch die anästhesirende Wirkung blieb lange 
anhaltend. Uan wird es fOr die Blase dem gilligen Cocain ▼orslehen dfirfen, 
mit Ausnahme der PUle, in denen man öfters am Tage die Harnröhre 
an&sthesiren mnss, sowie in denen su Blutungen neigende Läsionen oder 
ein Tumor vermuthet werden. 

Nach SoBLBiCB bedarf man sur Anästheeinmg von Schlelmhiaten ebier 
Ib'^/oigen Lösung, zur Anästhesirung durch Infiltration einer 2*' q igen, doch ist 
letztere Operation mit Eucain, im Gegensatze zur Cocainanwendung, etwas 
schmerzhaft. Sowohl Schleich als Prof. Warnekros und Zahnarzt KiesbIi 
wddi* letsterer das Eucain in Ib^^igen Lösungen zur Zahnextraction verwen- 
dete, betonen die Unscbidllöhkeit des Mittels fClr das Hers. F. Toucharo 
erreichte he! Zahnextractionen mit Injection 1 — 2<'/oiger sterilisirter Lösungen, 
und zwar mit 0,01 — 0,02 Eucain. schmerzlose Operation. Bei schmerzhaften 
Hautkrankheiten wirkt es nach Saalfbld in Form von Salben und Com- 
proMon schmerslindemd. 

Nach französischen Antoren (Pouchbt, Hkrnette) ist das toxische Aequi- 
valent des Eucains ebenso gross wie das des Cocains, ja weil ersteres ohne 



Encain* 



81 



Prodrome mit der Oiftwirkang einsetzt^ ist die Gefahr bei der Anwendung 
umso grösser, aaeb die HenwirknngeD treten raeeher und stirker aof als 
beim Cocain. Bei Kalt- und Warmblütern bewirken gröeaere Gaben erböbte 

Reflexerrepharkoit nii( folgfender Parese der Athmungsmuskeln . sowie 
Beschleunigung des Pulses. Nach 0,1 — 0,1') Grm. auf 1 Kgrm. Kaninchen 
tritt starke Reizung des Centralnervensystems, darauf tödtlicbe Paralyse 
des AffamnngBcentrunw ein, das Hera scblftHrt noob einiii^e Zeit fort Mitt- 
lere Gaben, 0,02 — 0,03 pro Kilogramm Thier, bewirken anfangs Unruhe, 
spfitpi- kurze klonische Krämpfe, denen kurz andauernde Paralyse folgt; 
dabei wird der Puls verlangsamt, der Blutdruck sinkt erst nach grösseren 
Gaben. 

Dem gegenüber ballen aneb fransöslsebe Kliniker (Bbrqbr, Vogt) die 
eingangs erwähnten, von Vinci angegebenen Elgenscliaften des Bueaina im 

Vergleiche mit dem Cocain aufrecht. 

Dosirung. In der Augenheilkunde: 2" ^ige wässerige Lösungen. 
Bei Anwendung der folgenden Formel: Eucaini hydrochlorici 0,1, Cocaini 
bydrocbl. 0,05 , Aq. destlJl. 5,0 soll dorcb die Coeainwirknng keine Hyper> 
ftmie eintreten und Papillenerweiterung erst spät und in geringem Masse 
folgen. Berof.r, dem auch diese Lösung noch zu irritirend wirkt, bedient 
sich der Formel: Cocaini hydrochl., Eucaini hydrochl. aa. 0,05, Aq. destill. 5,0. 
FQr Nase und Hals: 5— lOVoise Lösungen (s. anoh oben). 

Enealn B. Ausser dem oben erwftbnten Euoain bringt die Sebe- 
ring'sebe Fabrik ein neues Präparat in den Hnn<lel , welches durch seine 
Constitution als Benzovl-Vinyl Diacetonalkamin dem Eucain A nahe steht 
und als Eucain B bezeichnet wird. Die freie Base stellt ein weisses krystal- 
linisches Pulver dar, welcbes in etwa S^g Theilen kalten Wassers IGsllcb ist. 
Den meisten Alkatoidreagentien gegenfiber verhält es sich dem Eucain A gleich, 
nor mit 5% Chromsaure gieht es nicht wie dieses einen krystallinischen, 
sondern einen gelben, amorphen, sich zusammenballenden Niederschlag. In 
der Augenheilkunde gelangt das salzsaure Salz in 2°:o\ger wässeriger Lösung 
snr Anwendung. Auch die Lösungen des Eueains B können dureb Kooben 
Steiilisirt werden, ohne dnss Zersetzung eintritt. Eucain B wurde von P. Sir.EX 
an der Universitätsklinik zu Berlin in zahlreichen Fällen , namentlich bei 
Operationen des Altersstaars, mit gutem Erfolge angewendet. Besonders 
günstig war die Wirkung bei SebleloperaÜonen. IMe dureb Bueain B er- 
sengte Anästhesie ist eine vollkommene, die Oefässiniectiun eine massige. 
Hornhauttrübungen scheinen nicht einzutreten, doch ist es nöthig, dass nicht 
zu lange vor der Operati(m eingeträufelt wird. Es genügen 4 Tropfen inner- 
halb 5 Minuten vor der Operation. Durdi l&ngere Zeit fortgesetzte Instil- 
lationen der gewöhnlich gebrauchten 2Voi9en Lösungen bringen meist eine 
sehr starke Conjunctivalgefässfüllung hervor, die beim Schnitt durch die 
Coniunctiva durch die abnorme Blutung die Uel)ersicht über das Operations- 
terrain stören kann. Es gelingt damit auch, die Iris durch Instillation einiger 
Tropfen in die vordere Augenkammer (nach Anlegnng eines Hornbaut- 
scbnlttes) aaisthetlscb zu machen. 

Literatur. Eucain A: Gaetaxo Vinci (aus Messina), Ut-ln-r i-iii ik-iich loralis An- 
ästheticom, das Eacsia. Vwcuow's Archiv. CXLV, pag. 1. — Vollebt, Nucii einmal du 
Eucain. AUS der Ümvers.-Aiigenkliiük in Heidelberg. Hflnebener med. Wocbenscbr. 1806» 

jjf. 37. Berobk, Revue de thrrap. Heft 12. — fiOiiL (NdrnbtTtr). l'« her Eucain in 

der urologisch-dermatologisclien Praxis. IH'.K). — Fk. \Vi stefkld iWilrzliurgj. L < btT ili»- V«t- 
wendbarkeit des Eucain« in der Auk' "'" '"^"'»''^ Miiiielieni-r med.Wochensclir. 1SU6, paff. 
DENr>-rK. Bcalpel. 13. September lü^ü, Nr. 7. — F. Toocbard, De leacaine en chirurtfic 
dentaire. I.e8 nouveaax rcmftdes. 1897 , Nr. 10. — Voot , SodÄt«^ de th^rap. , Si'anc« du 
11 Ft vr. 1M1)7. Ttiirap. Monat;»h. 1S97, pag. 330. — Eucain H: Zwi i mut Iceal'' .\n;i>the- 
tiea. Therap. Monatsb. ISUT, pag. 210. — P. Sil«, Weitere Mitthciluutfen über Eucain U. 
Ebenda^ pag. 328. Loeblaeh, 



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82 



EuchtniiK — EurythroL 



£ucllillilly ^^\0^ H N, 0 ^"^^ seiner chemischen Constitution 

Chiniiicarbonsaurorithyloster. von don vereinis-ten Chininfabrikcn in Frankfurt 
a. Main als Präparat empfohlen, weichj's die curative Wirkung des Chinins 
ungeschwucht, hingegen dessen störende Higenscbaften, schiechten Qeschtuack, 
BrcetigODg von Obrensauseii nieht mebr besitseii soll. Das durch Einwir- 
kung von chlorsaurem Aethyl auf Chinin erhaltene Euchinin bildet weisse 
Nadeln vom Schmelzpunkt 95 <> C , schwer löslich in Wasser, leicht in Alkohol, 
Aetber und Chloroform. Die Lösung reagirt basisch, mit Säuren bildet sie 
gut krystalHsirende Salxe. Die Löann^ in Sohwefelsftnre nnd Salpetersäure 
naorescirt wie Chinin. Das salzsaure Salz ist In Wasser leicht löslich. Die 
Base Euchinin ist geschmacklos, erst bei längerem Verweilen auf der Zunge 
tritt eine leicht bittere Geschmacksempfindung ein. Carl v. Noordex , der 
das Euchinin bei einem grösseren Krankenmateriale versuchte, fand die 
Base im Verhftltniss ihres Gehaltes an reinem Chinin l»ei allen Krankheiten, 
hei welchen dieses von jeher angewendet wird, ebenso wlrksanif und swar 
waren l'/g — 2 Grm. grleichwerthig 1 Grm. Chinin. 

Bei den intermittirenden oder remittirenden Fiebern der Lungentuber- 
kulose, der Sepsis, des Typhus et& bewihrte sieh die Darreichnngr von 
2mal täs:Iich 1 Grm. Eneliinin. Die Darreichung des salzsauren Salzes bietet 
keinen Vortheil vor dem Chinin, weil es schlecht schmeckt und einen bitteren 
Nachgeschmack entwickelt; hingegen ist das gerbsaure Salz wegen seiner 
Gtoachmaoklosigkeit empfehlenswertb. Das Euchinin wird Erwachsenen In 
Oblaten, Kindern, welche Oblaten nieht sehlueken können, in MOdi, Soppen 
oder in Cacao verabfolgt. 

Literatur t Gabi. v. Moomn», Ueb«f Eochmio, tu« der internen Abtheiloog des städt. 
KrankMibaaBe« in Frankfurt a. IL OentrslU. L famere Med. 1896, Nr. 48. — M. Ovbbuach, 
Ueber das EaeUnfai. Dentscbe Medichial*Ztv. 1897, Nr. 15. Loebtaeb. 

Ennatroly Beseiehnnng: der ohemisohen Fftbrik von Zimmer & Co. 

für das von ihr dargestellte chemisch reine Ölsäure Natron, welches von 
F. Blum auf Grund experimenteller und klinischer Erfahrungen als Chola- 
gogum empfohlen wird. Das Eunatrol wird in Pillenfonu zu Ü,2ö Inhalt 
mit einem ChocoladeQbersug abgegeben und soll zu zweimal 4 Pillen t&g- 
lioh im Ansehluss an die Mahlzeiten, namentlich bei GaUensteinerkrankungen, 
Wochen- und monatelang fortgegeben werden. 

Literatur: F. Blum (Frankfart a. M.), Ueber eine neue Methode der Aureg^antr des 
GallennaBBes. Der irztl. Praktiker. 1897, Nr. 8. Lorbisri,. 

Eur^'tlirol I ein von W. Coh.nstein aus Kindermiiz dargestelltes 
Extract, wird von der chemischen Fabrik Grünau in Form von Tabletten 

& 1 Grm. mit Ueberzug von Cacao oder als retner Extract In den Handel 

srebraeht. Max David, der das Eurythrol in Fällen von Anämie und ihren 

Folgezuständen versucht«, fand es von guter Wirkung auf die dysmenor- 

rholsehen Besehwerden und auf die Appetitlosigkeit 

Literatur i Uax Davis, Ueber EoiTtbrol. Deotscbe med. Ztg. 1896, Nr. (>9. 

Lotblseb. 



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F. 

Kerrosol ist ein von der chemischen Fabrik F. Stahlschniidi 
dargestelltes Eisenpräparat, eine Üoppelverbindung von Kison und Chlor- 
Datriumsaccbarat. Es soll sich durch seine vollkommene Löslichkeit und 
UnflUlbarkeit daroh S&aren, Alkalien und SalsIOsuiigeii von dem Ferrain oxyd. 
sacch. solub. der Pharm. Germ, unterscheiden. Das Ferrosol enthält 0,77^0 
Eisen und wird gregen Chlorose. AnSmie und alle Zustände, welche die 
therapeutische Anwendung des Eisens erfordern, empfohlen. Es soll mit 
gleichen Theilen Waeser gemengt unter etwaigem Znsats von Cognac, 
TInet aromat. in Smal tftglioh ein Esslöffel Terordnet werden. 

Literatur: Oabl Boom (Bannen^ FerroBol. Der prakt Ant 1897, paf.27. 

LoebtMcb, 

Fllixvei'S'itailc* Man sieht bis letzt allgemein die Fiiixsäure 
(FUioin) ^s den|enlgen Beetandthell de« Extraetnm PUiels aetherenm an, auf 

welchem die eigenthumliohe toxische Wirkung des bekannten Bandwurm- 
mittels beruhe. Auch die interessanteste Form der Filixvergiftung, die Filix- 
amaurose, ist auf Fiiixsäure bezogen worden, da sie ausser ihrer Action auf die 
Medolla sphaalis^ aneh eine solehe auf den Sympathieus und die Vasomotoren 
besitze, woraus Pupillenerweiterung und Zusammenziehun»: der Arteria cen- 
tralis retinae erfolgen.') Wenn in letzterer die rrsiiche der Amaurose 7.u 
suchen ist, so dürften die verschiedenen Nitrokürpcr, welche Gefässdilalation 
bedingen, insbesondere Amylnitrit und Nitroglycerin, als physiologische Gegen- 
gifte anzuwenden sein. 

Indessen ist durch die neuesten Untersuchunp:en über die chemischen 
Bestandtheile des Filixextracts die Bedeutung: der Fiiixsäure für die Ver- 
giftung etwas zweifelhaft geworden. Nacli Boum -j enthält manches Filix- 
extract überhaupt keine Filixsfture und ist es namentlich fraglich, ob sie 
Im frischen Herbstext racte Oberhaupt Torbanden ist und nicht erst bei län- 
gerer Aufbewahrung der Dropre aus anderen, nahe verwandten Körpern ent- 
steht. Jedenfalls sind neben ihr noch andere toxische Sioffe, und zum Theil 
selbst in grösserer Menge vorhanden. 

Man erhält »olclie bei AtnvciKluii!; eim-r luiu n I ntcrsnchunKsmcthtxli- . Im i w, 1 i har 
dag ätherische Extract zuerat luit 2 Theilen Magnesia bearbeitet und das Magneisiuiiigi'uiiseh 
wiederholter Extraetlon mit Waner iiiitenof(«n wM, um die in dem Extracte enthaltenen 
85 — 90% Fett and Chlorophyll zn iK-scititrt'ii. Die nach L'fhpirführcii der Mat'ii'-sia in 
Magneaiumsttlfat durch Zuhuiz dihiirtcr Schwefelsäurt! sich ausscheideii leii Nieiler^chlä^e, die 
das Wirksame des Extracte» enthalten, werden als Kohfilicin bezeichnet. Uel)erf:i< -^nt man 
dieses mit gerade so viel Aether, wie zur Lüaung erlorderiicli ist, trennt den entütehenden 
Krir«tallt»rpi von der Mntterlanfr« und ltf«t die dnrcli Icalten Alltohol von Allem Farbstoffe 
ht fr>-itcn Kryst.illo in licir*sem Wasi^i r auf. so bleibt Filix?«äure t»ei der cr^ti i-. I'. liiindlung mit 
siedendem Alkohol uiiu'<'l<»st niid «eheidet t.ieh ans heiaseni EssiKather kry^t-iUinisch ab. Die 
siedende alkobolische L'iiiung liefeit dann bei fractlonirter Kry.stallisatisn zwei von der 
FilixsUure vernchiedene und theihveiHe ^'ifti;;-^ Körper, welchen Uöhu die Nnmeu Anpidin 
und Albaspidin gegeben hat. üeheit mau die Mutterlauge des zuletzt auskryätalliMrcndea 



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84 



Filixvergifkimg. — Fisehverglftung. 



Kfirpcrs Ton Alkoliol und 18Rt den htnsrtifrpn. rotlien, Hnnierat klebrijfen ROckstnm! in Aethcr 
odiT PctroläthtT, si liiitti It dif Liimin;.' so lan^'>- mit ;.'< >;itti::t< r Natriiiml»icarl»onatliisunir aus. 
bis sich letztere nur schwach röthlichgelb färbt, uml schüttelt die vereinigten wässerigen 
nowlirlceiten nnvertOglieli mit Aetber bia cur Erscböpfnng, so Uuaeii iMt noeh drd weiter« 
neae Fiiix:<tnTr>- (;t>winBen, wdohen <tte Nameo Flavaspidtiiire, Aspidinln und Aspi- 
dlnol Itt'i^'i'leyt sind. 

Der am reichlichsten (2 — 8*/o) im FiUxeztracte Torhandene nene Filix* 
Stoff ist das snerst auskrystallisirende Aspidin, CjsHjsO;, das bei Fröschen 

zu 1 Mffrm. zuerst Unregelmässickeit der Athmunp, dann Aufhebung: dfr 
Willkürbewegunffen und einen Zustand allgemeiner Paralyse, dann fibrilläre 
Muskelzuckungen und ' im Anscbluss daran tetanische Streckungen und 
typische TetanasanflUle mit nachfolgendem Tode herbeifOhrt. Das Hen steht 
frühzeitig diastolisch still. Intravenös wirkt schon 0,025 auf Kaninchen 
durch Lähmung des Respirationscentrums tödtlich, während subcutane und 
interne Application viel grösserer Dosen bei Kaninchen und Hunden keine 
VergtftaBgserBcheinnngen erxengt Blienfalls giftig ist das nach dem Aspidin 
anskrystallisirende , aber nur zu 0,3° ^ vorhandene Albasptdin, C««Htg07, 
das zu 4—5 Mtrrni. Frösche unter Lähmungserschoinuntron tn ltf^t , aber 
weder Kr&mpfe hervorruft, noch das Herz afficirt. Der bei der Bebamllung 
mit Natriumbicarbonatldsung in Aether aufgenommene Stoff, die Flavaspid- 
sftnre, CajHssOs, von welcher l'/o aus Flllxextract gewonnen werden kann, 
ist nur schwach giftig, indem o.r bei Fröschen erst zu 10 Mtrrni. die Motilität 
l&hmt und fibrilläre ZuckutiKPn i^mfl Spreizung der Sclnviuinihäute bt'wirkt. 
Der nicht von Uicurbonatlösung aufgenuroniene Theil liefert einen sehr giftigen, 
aber auch sehr leicht sersetslichen Körper, das Aspidinln, welches auf 
Frösche zu 1 — 2 ^^grm. toxisch wirkt und wie Aspidin ela ans Paralyse 
und Krämpfen gemischtis \'er^iftiingsbild liefert. Der fOnfte neae Filixetoff, 
das Aspidinol, Cj^ H^, O, ist ungiftig. 

In ihrer Constitution scheinen diese oenen FiÜxstoffe anter einander 
und mit der Filixsäure sehr nahe verwandt su sein. Flavaspidsäure und 
Aspidinin liefern dassoll)^ Spaltungsproduct. nnmlich i'int» früher von Gra« 
BOWSKI unrichtig für Monobutyrylpliloroglucin gohaltencj eigentliüinlicbe Säure, 
welche bei der Oxydation Dimetbylmalonsäure liefert, die Filicinsäure, und 
verschiedene krystallinlsche Phenole, welche wie Phloroglucin einen mit 
Sal/.säure befeuchteten Fichtenspan intensiv roth färben. Filicinsäure hat 
die toxischen Wirkungen der Filixsäure und des Aspidins nicht. 

Literatur: ') va.<( Acui:!. . Des principcH aetifd de la fuugere male et de leur mode 
d'admini8trati<m. Semalne med. 18i)5, Nr. 4i), p:ig. 425. — ') Borx, BeitTife aar KenntnU» 
der Filixsäaregmppe. Areb. t, ezperim. Path. XXXVIII, pag. 85. Satemiutu. 

Fllmosfeiiy ein von ß. Schipp dargestelltes nnd sar Application von 

thor.'ipoutischon Substmzpn in der Derraatoloirie empfohlenes Vehikel. Das- 
selhe besteht aus einer Lösung von Nitrocellulose in .\ceton, der ein wenig 
fettes Gel zugesetzt wird. Das Filmogeu ist in Wrisser unlöslich und bildet 
eine Art Oberhaut Ober die damit bestrichene Hautpartie. Die Vorx&ge 
desselben sind die Elasticität, wodurch ein .Aufbrechen des kunst liehen 
Ueberzuges vermieden wird und zugleich ermöglicht winl. dass die medica- 
mentösen Substanzen mit der Haut möglichst lange in Berührung bleiben, 
Die mit dem Präparate bestrichene Hautpartie kann, ohne welchen Nach- 
theil SU erfahren, mit Wasser gewaschen werden. Kaposi, Lassar, Unna 
bestätigen die Vorzüge des neuen Präparates. 

Literatur: £. Scuirr (Wien), Ueber Filnioiceo. Vortrai; am 3. iutcniatioualen Derma- 
tologi'n-ConfrreHs zn London. Dentschc med. Wochenschr. 18915, Nr. 36. Lu. hisch. 

Fisch ver}>[if tu njj^. Ueber Fiscbvergiftuni: lit gen jetzt auch aus 
den deutschen Schutzgebieten, und zwar von den Marschalls lnseln , Mit- 
thellangen vor. Nach Stbinbach Ist Fischvergiftung dort sehr selten, obsehon 



Fisehvergiftiuig. — Frakturi'erband«. 85 

eine grosse Anzahl Fische, und zwar vorzugrswetse aus der Abtheilnny 

der Physostomi (Edelfische) und der StachelHosser (Acanthopteri), in 
li'tzterer besonders Angehöri<re der Percidae und Squamipinnes, von den 
Eingeborenen fQr giftig gehalten werden. Die in Japan so überaus ge- 
fOrchteten, wiiiclieh giftigen Tetrodonten scheinen auf den Marschalls Inseln 
zu fehlen und es ist sehr wahrscheinlich, dass in Fällen, wo es sich um 
wirkliche Intoxication und nicht, wie os meist der Fall ist, um acuten 
Magendarmkatarrh durch Gonuss unglaublicher Meng;en von Fischfleisch 
handelt, verdorbenes Fiscblleisch im Spiele ist, zumal da die in tropischen 
L&ndeni ui sich rasehe Zersetzung durch die bei den Eingeborenen der 
Marschalls- In sein übliche Bereitungsweise, das Braten der Fische mit dem 
ganzen Darminhalte auf heissen Steinen nach vorherigem Lienen im frlühend- 
sten Sonnenbrände, sehr gefördert werden muss. Indessen weist das Krank- 
heitsbild in drei von Steinbacu selbst beobachteten Fällen auf eine Analogie 
mit der Fuguvergiftung der Japaner und auch mit der Mytilotoxin Vergiftung 
bin. insofern dabei Störungen der Motilität und auch der Sensibilität vor- 
walten. In zwei von diesen Fällen wurde die durch IJebelkoit, heftiges 
Prickeln und lähmungsartige Schwäche der Beine, unsicheren Gang, Accom- 
modationslähmung, Pulsbescbleunigung und lelehte Benommenheit des Be- 
wusstseins charakterisirte Affection durch Brech- und Abführmittel rasch 
beseitigt. Im dritten P'alle, wo erhebliche l\aralyso beider Extremitäten und 
Verlust der Hautsensibilität, Mydriasis, complete Aufhebung des Bewusst- 
seins and CHBYivB-STOKBS'sche Athmnng bestand, bedurfte es der mehrmaligen 
Injection von Liq. Ammonii caustici zur Besoitip:unf!: des CoUaps. und die 
vollständige Heilung erfolgte erst in einer Woche. Auch bei Hunden und 
Katzen wird läbmuugsartige Schwäche nach Genuss von Fischen constatirt. 
Sieher hängt die Verdächtigung muncher Fischarten mit abergläubischen 
Vorstellungen, wonach bestimmte Fische einen bSsen Geist (anid|) in sich 
haben, zusammen, da wenigstens einzelne dieser von den Fnropaern delieat 
tmd ungiftig befunden werden. Ganz unbpgrQndet scheinen die Angaben 
über die Giftigkeit einzelner Fische in bestimmten Localitäten zu sein. 

Eine besondere Giftigkeit der Stacheln verschiedener Acanthopteri, die 
von den Blarsch allanern behauptet wird, konnte Steinuach nicht bestätigen; 
denn wenn auch nach Verletzungen dieser Art leichte Lyniphgefässentzün- 
Uungen und selbst Abscesäe vorkommen, so zeigen diese Erscheinungen niemals 
Abweichungen von analogen Verletzungen durch Holzsplitter oder Nägel. 

Literatur: Stbihbach, Bericht lilier die Oc^nndheiUverliUltni.süe der Eingeborenen der 
Marschnll Tnneln nod Bcmerknngcn aber FischgUt MUtkeil. aus den deatscbea Schntzgcbieten. 

1895, VIII, Heft 2. Husewann. 

Frakturverbäude. Der G eh verbau d, die Behandlung der Brüche 
des Ober^ und Unterschmkels im Umhergeben, hat sich allmäUg mehr und 

mehr einufebfirgert, wenn schon zumeist nur - und das mit vollem Rechte — 
In den Krankenhäusern und Kliniken. Ei.rocen ') un i Ri'pingek -t bestätigen 
die von Kkause, KOrsch, v. Bardeleben u. A. angegebenen Vortbeile: die 
fQr das Allgemeinbefinden, zumal bei alten Leuten und Potatoren, so schäd- 
liche anhaltende Be'.truhe fällt weg: die ( onsolidation erfolgt rascher und 
kräftiger: Muskelschwund Gelenksteifigkeiten. Decubitus werden vermieden. 
Da, wo Druckbrand, Atrophien, Gelenkst eifigkeiten eintreten, sind sie 
nicht durch das Verfahren an sich, sondern durch seine nicht richtige An- 
wendung bedingt. Daraus schon erglebt sieh, dass eine stetige und sorg- 
fSltige Beobachtung seitens des Arztes absolut nothwendig Ist 

ELBdCKN folgt im Allgemeinen den Vorschriften Kk.m^sk's; bei Knochel- 
brücben wendet er bis zur völligen Kesorption des Ergusses, d. b. etwa 
3 — 4 Tage lang, Massage und elastische Compression an und dann den Gyps- 
verband ; bei Oberschenkelbrfiohen 3 — 4 Tage Extension, dann Gypsvorband. 



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86 



Frakturverbände. 



BOdikgbr stellt als eiflrentllehes Ziel der Behandlnnff mit dem Geb- 

vprbande dio Aufgrabe hin. gleichzeitig mit der Consolldalion des Bruches 
auch die üebraucbsfähijrkeit des (Jliedes herbeizuführen. Bei der bisher 
ausschliesslich geübten Behandlung mit dem Kuhverbande fielen beendete 
KnooheneoiiBoIIdatioii und wiedergewonnene Leistnngsfftblgkelt zeitlich so gut 
wie nie zusammen, und der Gehverband kann diese Gleichzeitigkeit beider 
nur dadurch erreichen, dass Gelenk und Muskeln in fortwährender Thäfiirkeit 
bleiben. Während luan früher möglichst vollkommene Ruhe der Bruchenden 
als nothwendige Heilungsbedingung ansah, hat man jetzt eriunnt, daw be- 
sehrftnkte Beweglichkeit der Fragmente eher die Heilung fördert als sebftdigt 

Rpi den sul>cutanfn Fracturen legen die meisten Chirurgen den Oeh> 
verband unmittelbar auf die vorher rasirte. «lesinficirte und gefettete Haut 
an, weil sie annehmen, dass so die Knochen sicherer in ihrer Lage erhalten 
werden. BOdingbr bedient sich als Unterlage einer Watteschieht und geht 
dabei von der ErwSgung aus, dass die Watteschicht etwa die gleichen Ver- 
hältnisse schaffe wie ein starkes Fettpolstei-. Auch zeit^e sich Ihm inittei- 
starken und bei mageren Menschen in Bezug auf die Heilung kein Unter- 
schied. Die StQtzpunkte an den Kondylea der Tlbla oder am Tnber ischii 
einerseits und an den Knochein, sowie am Fnsse andererseits ergeben sieh 
bei jedem richtig angelegten Verbände Ton selbst, und der Verband darf 
hier keinesfalls fester liegen. 

Der Verband wird sofort angelegt bei nicht starker Schwellung, er 
kann aber auch bei starker Schwellung sofort angelegt werden, vorausge« 
setzt, dass der Verband in 8 — 14 Tagen erneuert wird. Dazu kommt, dass 
nach den ersten 8 Tagen die Reposition sich ebenso leicht und selbst 
schmerzloser ausführen lässt als am ersten Tage. Büdinger wünscht ge- 
schulte Gehilfen, damit die Haltung des Fusses in rechtwinkeliger Beuge- 
stellung und das Hinhalten der Linie: zweite Zehe, Mitte der Patella, 
Austrittsstelle der Femoralis unter dem PotTARTschen Bande, sowie der 
Gegenzug am Oberschenkel oder Becken gesichert ist. 

Die Polsterung geschieht durch Umlegen einer ganzen Tafel geleimter 
Watte, darauf folgt eine kräftig sngesogene Tour von Calieotbinden und 
dann, ohne jeglichen Zug, die Einwickelung mit Gypsbinden. Die Endpunkte 
des künftigen Verbandes werden durch einen handbreiten feuchten Leinwand- 
atreifen bezeichnet, dessen oberer, mehrfach eingeschnittener Rand zunächst 
ftrei bleibt und erst nach der zweiten Oypsbindentour umgeschlagen wird. 
Diese »Umschläge«, die sonst auch Manschetten heissen, schützen die R&nder 
vor dem Abbröckeln. Bei Oberschenkelbrüchen reicht der Verban<l von den 
Knöcheln hinten bis zum Tuber, während er sich vorn über dio Hüfte als 
Spica coxae aseendens fortsetzt Der Fuss bleibt also frei und wird nur 
bei SchenkelhalsbrQchen mit eingeschlossen. Die Ojrpstouren nm's Becken 
sollen rotirende Bewegungen des Verbandes hindern. Die Gehversuche, zu- 
erst mit zwei Krücken, beginnen nach 1' J Stunden. Die meisten Kranken 
lassen die Krücken bald fort, bedienen sich eines Stockes oder gehen ohne 
Stütze. Ueber heftigen Schmerz an der Bruchstelle wird nie geklagt Das 
in den ersten Tagen, zumal bei hochgradiger Schwellung, häufig auftretende 
Oedeni schwindet bald , wenn der Verband nicht SU fest ist, SOnst macht 
man Einschnitte in den unteren Rand. 

Der erste Verband bleibt nicht über drei Wochen liegen, weil sich 
etwaige Dislocationen dann noch ausgleichen lassen. Der zweite Verband 
gleicht dem ersten, doch kann man l)ei Brüchen im unteren und mittleren 
Drittel des Oberschenkels den Verband im Laufe der fünften Woche knapp 
über dem Knie wegschneiden und die untere Kapsel entfernen, um dem 
Gelenke Bewegungsfreiheit zu geben. Nach 5 — 7 Wochen wird jeder Ver- 
band weggelassen. 



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Frakturverbäad«. 



87 



Dia Gedanken, die den Geh verbinden bei den BrQchen der unteren Glied- 
massen zugrunde liepon, haben in sinngemässer Aenderunpr auch für die Rruche 
der oberen Gliedmassen eine zunehmende Geltung erlaugt und in der i'raxis 
mehr und mehr Verbreitung gefunden. Auch bei diesen Verletzungen sieht 
man in der gleichseitigen Heilnng des Bruches und der Wiederherstellung 
der GebrauebsHUiigkeit des Gliedes das eigentliche Ziel der Behandlung. 

Im fönften und sechsten Han<le dieser .lahrbücher sind die zu diesem 
Zwecke bis dahin ersonnenen Verfahren gebührend besprochen worden : sie 
und die neuerdings hinxugetretenen sollen alle daxu dienen, die möglichst 
genau eingerichteten Bruchenden in richtiger Stellung su erhalten und dabei 
fiühzeiticre Reweprung und Massajje zu gestatten. Sind besondere \'(»rbändo 
erforderlich . -- und das ist ja in dvr Regel der F'all — , dann müssen sie 
sü beschaffen sein, dass sie leicht abgenommen und leicht wieder angelegt 
werden kSnnen. 

Merkwürdig ist die von HRWEguix den Gehverbänden gegenOber ein- 
genommene Stellung, er kennt das Verfahren aus eigener Erfahrung nicht, 
verwirft es aber. 

LiBRHAinr >) behandelt alle BVaeturen der oberen Bxtremitftt mit einem 

»Modellverbande«, d.h. mit einem Verbände, »der sich überall an die Con- 
tourpn des (iliedes eng anschmiegt und hierdurch nicht extendirend, sondern 
auch distrahirend auf die Fragmente wirkt«. Diesen »Modell verband« be- 
reitet er aus Pappe von mittlerer St&rke, die er in Streifen zurecht schneidet 
und Ober ein dflnnes Wattepolster feucht Miwickelt 

FQr das Collum humeri (oder wie es ietzt heisst: umeri) benutzt er 
eine Nachahmung der Kragenschiene von Albers ( vergl. ICncycl. Jahrb. VI) ; er 
schneidet z. B. für Erwachsene aus Pappe einen 15 Cm. breiten Streifen, 
der von der Mitte des Halses bis rar Mittelhand reicht An der Hals-, 
Schulter- und EUenbogeabiegung wird der Streifen auf beiden Seiten etwa 
5 Cm. breit eingeschnitten, so dass noch eine 5 Cm. breite Brücke übrig 
bleibt. Dieser Streifen wird gut angefeuchtet, in seiner ganzen Länge mit 
einer Stärkebinde angewickelt, nachdem Schulter und Arm vorher mit einem 
leichten Wattepolster versehen sind. 

Auch für Brüche in der Mitte des Oberarmes eignet sich diese Schiene, 
bei der jedoch hier der Kragen wegfällt. Da aber in den meisten Fällen 
das Ellenbogengelenk gleich ganz frei gegeben werden kann, so schrumpft 
die Kragensehiene zusammen su einem »fixtrenden Verband fOr den Ober^ 
arm, der aus |e einer Pappschiene auf der Beuge- und der Streckseite mit Hilfe 
einer Stärkebinde hergestellt wird«. Nach der zum ersten Male am vierten 
bis sechsten Tage vorgenommenen Bewegung und Massage genügt eine 
ungestärkte Mullbinde, weil dann die Pappschiene schon die Form des 
Gliedes angenommen hat 

Bei den Frakturen im Ellonbogengelenke gewinnt die Fixirung in 
Streckstellung mehr und mehr Anhänger, und zwar aus dem Grunde, weil 
man den Arm hochlagern oder aufhängen und so die Vorgänge der Circu- 
lation und Resorption fOrdem und Unterstfitten kann. In der That w&hlte 
man die Beugestellung ja zum grossen Theil deshalb, weil Ankvloso mehr 
oder weniger sicher in Aussicht stand; iotzt aber ist bei frühziMtip:or Be- 
wegung und Massage Ankylose nicht mehr zu befürchten. Liehmak.n bewirkt 
die Fixation des Armes in Streckstellung und bei supinirtwn Vorderarme 
auch hier durch einen Ober ein leichtes Wattepolster mit einer Stärkeblttde 
angewickclten Pappschienenverhand. Nach 4 — ^^ Tagen Verbandwechsel, 
leichte Massage, vorsichtige Rcwcirungen . dieselbe Schiene mit Mullbinde. 
Wiederholung der Sitzungen omal wöchentlich. 

Für die Behandlung des typischen Radlusbruohes ist eine grosse 
Zahl von Schienen angegeben, die auch fertig im Handel zu beziehen sind. 



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88 



Fraktur\'erbäade. 



Diese Schienen leisten oft vortretniche Dienste, aber sie paMen, wie Braatz *) 

sehr richtig: beraerltt, nicht für jeden einzelnen Fall. Man muss sie passencl 
machen und ihnen daher durch l 'nterpolsterunpen nachhelfen. Solion sich 
diese Polster nicht verschieben, dann ist eine feste Bindeneinwicklung nötiiig, 
die ibreraefts wieder mancherlei UDSutriglichkeiteii bat Wie der Druck 
der den Bruch einrichtenden Hände soll auch der Verband von der volaren 
und dorsalen Seite her zugleich eingreifen , und zu diesem Zwecke hat 
BuAATZ seine Spiralschiene (vergL XXII, 2. Aufl.j angegeben, die er ur- 
sprünglich ans Hanf nnd Gyps, nach Bbrly, herstellte. Jetet benntst er« 
wie l)»'i seinem »Kpaulettenverband« (vergl. VI. Ergänzunpsband) als Grand- 
läge für die r!\ psschienen einen sackleinwandahnlichen Stoff, der von den 
Tapezierern zum Möbelpolstern gebraucht wird und von Lachraannski in 
Königsberg bezogen werden kann. Dieser Stoff wird in dreifacher Lage so 
breit zugeschnitten, dass er eben um die Handwnrsel hernmreicht. Nach 
oben reicht die Kapsel bis etwa :> Finger breit unter die Ellenbeuge, nach 
unten bis zu den M ii t elhand Finfrergelenken. Das Zeug wird, entsprechend 
der Länge de» liandrückeuä , von der Hadialseite bis zur Mitte quer ein- 
geschnitten. Dieses Zeugstflek wird mit Gypsbrei (Gyps und Wasser aa.) 

pif. ». 




durchtränkt und dann, nach genauer Kinrirhlung des Hiiiches. auf den ge- 
brochenen Arm gelegt. Der Verband umfasüt den Arm nicht in seinem ganzen 
Umfange, sondern Iftsst swischen seinen Rändern an der Ulnarseite einen 
Spalt, so dass der Verband durch Auseinanderbiegen leicht entfernt und 
wieder angelegt werden kann. Keine l'nterpolsteninjr. nur gutes Kinfetten 
der Haut. Bis zur Erhärtung werden Verband und Arm in richtiger Stellung 
gehalten. Zu der leichten Volarflexion fügt Braatz eine geringe Ulnarflexion 
nur dann hinso, wenn die Ulna sieher nicht betheiligt ist. In letalerem 
Falle wird die Ulnarflexion geradezu schädlich sein. Bisweilen muss sogar 
In voller Supinationsstelluns: geschient werden : man legt dann den Verband 
in geschilderter Art an und fügt eine Gypshanfschiene hinzu , die an der 
Anssenseite des Oberarmes cn liegen kommt nnd mit der Vorderarmkapsel 
durch einen Zeuggypsstreifen am Ellenbogen verbunden wird. 

Bewegung der Fincrer hält Biia.\tz für \vifhti<rer als frühe Massatre. 
Nach 10 — 12 Tagen wird die Schiene abgehoben und die Bruchstelle be- 
sichtigt. Entfernt wird die Schiene gewöhnlich erst nach 2</s Wochen, öfter 
noch später. Denn es kommt vor, dass, wenn die Braohttelle noch nicht 
genügend fest geworden ist. sich die Knochen im Verlaufe einiprer Tage 
wieder in typischer Richtung verschieben. Die Bewegung der Finger beginnt 
gleich nach dem Anlegen des Verbandes und wird mit der Zeit gesteigert. 
Bei Siteren Leuten, wo Neigung an Starrheit vorhanden ist, benatst Braatz 
den THiLO^schen Apparat fQr Fingerübung mit kleinen Gewichten. 



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Fraktiirverbäncle. 



89 



Die sehr bflbacfae Vorriehtang Thilo's Ist ebenso einfach wie brauchbar. 

Sie besteht im Wesentlichen aus Drahtrahmen, deren Gestalt je nach der im 
Einzelfalle erforderlichen Zuprvorrirhtunfr verschieden ist ^FiL^ 9 a und A). Mit 
Hilfe von Schnüren und kleinen Gewichten (letztere in Form kleiner, mit 
BleistMehen oder Sehrot gefällten Bimer oder Bentel) kann man den Zug in 
maiinlgfaltigsten Richtungen ausüben und gans nach Belieben im Sinne der 
Poutrunjr. Streckunir, Ab- und Adduction, Pro- und Supination wirken. Leitet 
man die Schnur über kleine Röllchen, so kommt die Zugwirkung freier und 
unbehinderter zur Entfaltung. Uebrigens lässt sich auch hier der Qewichts- 
sng leicht durch elastischen Zug ersetzen. (Zu haben bei Wink 1er [Berlin], 
Dörr [Frankfurt a. 0.].) 

Storp legt bei KehandlunK- des typischen Radiusbruches das Haupt- 
gewicht auf die 80 häufigen Nebenverletzungen: Blutergüsse in's Handgelenk, 
Zerrelssungen und Dnrehbohrungen der Handgelenkkapsel und der Sehnen- 
ficheiden, zumal der dorsalen, Abbruch des Proc. styloideus ulnae u. Aehnl. 
In diesen Fällen, und es sind zwei Drittel aller, führt allzulange Feststel- 
lung von Handgelenk und Fingern zu Verwachsungen in den Gelenken und 
Sehnenscheiden und damit zu Steifigkeit und Functionsstörungen, besonders 
bei älteren Leuten. Dag^n führte das von Pbtbrsbn empfohlene Verfahren 
(vergl. Jahrbuch V) : sorgfälti^re l^inrichtung des Braches und Lagerung des 
Armes in einer Mitella, so dass die Hand frei öber den Rand des Tuches 
herabhängt, bei intelligenten Kranken und dauernder Beaufsichtigung auf- 
fallend rasch rar Heflung des BruchoB und Wiederherstellong der Gebrauohs- 
fähigkeit. Bei poliklinischen Kranken aber reicht das Verlshren nicht aus, 
die durch das Herabhän<ren bewirkten Störungen und Schmerzen zu beseitigen, 
die Kranken ziehen die Hand in die Rlitella zurück und vereiteln die Wirkung 
des Verfahrens. Stüki* hat daher das Verfahien in folgender Weise geän- 
dert und ergänzt: Naoh genauer und vollständiger Einrichtung stellt er die 
Hand in äusserste ulnar- volare Beugung und legt nun an Stelle der 
Witella einen etwa 10 Cm. breiten Heftpflasterstreifen aus Segeltuch mehr- 
fach um den Arm bis an den Proc. styloideus heran, fixirt durch einen 
zweiten darüber gelegten Streifen eine Falte, die durchlocht wird und durch 
die ein Tuch oder eine Binde gezogen und in der der Arm am Nacken auf- 
gehängt wird. Dadurch wird rin gewisser Halt und Druck an der Bruchstelle 
geübt und die Hand hangt dauorntl , in gleicher Weise an der gleichen 
Stelle unterstützt, herab. Ganz nach Belieben kann die Hand in mehr 
ulnarer oder mehr volarer Beugung fixirt werden. Ist die radiale Ver- 
schiebung geneigt nach der Reposition wiederzukehren, so verlegt man den 
AufbSngepunkt ganz auf die radiale Seite und lässt die Hand in ulnarer 
Abduction herabhängen. Das Verfahren gestattet nicht, die Stellung des 
Armes |ederseit nachsusehen, aber dies ist auch nicht nSthig, weil bei ge- 
höriger Reduction und richtiger Anlegung des Verbandes die Stellung der 
Bruchstücke sich nicht verantlert. Auch die frühe Massage ist nicht mög- 
lich, aber diese ist nach Storp in <len ersten 10 — 14 Tagen eine unnütze 
Quälerei, zumal da Hand und Finger frei sind und ausgiebig bewegt werden 
kdnnen. Nach 10 Tagen, wo eine Verschiebung der Fragmente nicht mehr 
SU befflrchten ist, geht man zur Mitella über. Von jetzt ab ist Massage 
angebracht, aber durchaus nothwendig ist sie nicht, denn auch ohne sie 
stellt sich nach Abnahme des Verbandes bald vollkommene Heilung ein. 
Also in der Regel 10 Tage lang der Verband, 6 — 8 Tage die Mitella, dann 
fleissigea Bewegen und Benützung der Hand zu leichter Arbeit. 

LiERMANN stellt die Modellschiene aus Pappe folgendermassen bor: 
er legt Vorderarm und Handfläche des gesunden Armes in der Art auf die 
Pappe, dass die Hand in möglichster Abduction und der Daumen in Hyper-, 
extension steht. Nun werden die Umrisse des Vorderarmes von etwas unter- 



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90 



Frakturvcrbände. 



halb der Ellenbeuge ab, die Hand bis fast zu den Metacarpophalangeal- 
gelenken aufgezeichnet und ausgeschnitten. Für die kranke Seite ist die 
Schiene einfach umzudrehen , so dass die vorher untere Fläche jetzt oben 
liegt. Diese Schiene wird nun angefeuchtet und der leicht mit Watte bis 
zu den Fingern gepolsterte Vorderarm mit einer Stärkebinde auf ihr fixirt. 
Durch geeignete Bindengänge kann die Schiene mitsammt der Hand neben 
der Abductionsstcllung noch ulnar-volarwärts gebeugt werden. 

Der Verband, der alle Fingerbewegungen zulässt, bleibt, je nach der 
Schwere des Falles, 4 — 6 Tage liegen, dann Abnahme, Bewegungen und 
Massage, Wiederanlegung des Verbandes. Wiederholung der Sitzungen 3- bis 
4mal wöchentlich; Befestigung der Schiene mit einfacher Mullbinde. 

Dr. R. Frank '^j in Wien hat einen App irat erfunden, der den Zweck hat, 
zum Anlegen eines Verbandes, zumal eines Oypsverbandes, bei Radiushrüchen 
eine Assistenz überflüssig zu machen. Die einfache Vorrichtung beruht, wie 
Figur zeigt, auf Anwendung des Zuges : Ellenbogen und Oberarm finden ihre 
Stütze in einer Winkelscbiene. Am Kndgliede des Daumens greift ein Mädcben- 
fänger an, von dem die Schnur mit einem Gewicht von 5 Kgrm. über eine 
Rolle läuft. Die vier langen Finger umfasst eine Klammer, von der ein Stiel 
ausgeht, dessen Ende mittels eines Kugelgelenkes in einem Gewichte spielt. 
Durch Verschiebung dieses Gewichtes lässt sich die Hand in die gewünschte 
Ulnarbeugung bringen. Die beiden, Schiene und Rolle tragenden Säulen 
können an einem besonderen Brette oder an jedem beliebigen Tische ange- 
schraubt werden. 



v\g. 10. 




Beim Gypsverbande bleibt der Apparat bis zum völligen Erhärten des 
V'^erbandes liegen. Da der Zug sehr gleichmässig wirkt, so ist die Einrich- 
tung des Bruches, wie auch Immel.mann bestätigt, verbältnissmässig leicht 
ausführbar und wenig schmerzhaft. 

Die Guttapercha ist zumal wegen ihrer Unlöslichkeit in Wasser und 
wegen ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Säuren stets als ein vorzüglicher 
plastischer Schienenstoff anerkannt worden, allein seiner allgemeinen Ver- 
wendung stellten sich sehr erhebliche Schwächen hindernd entgegen. Gutta- 
percha wird durch Wärme weich, die klebt infolge dessen an den Händen 
und Verbandstoffen an, die Schiene verändert mehr oder weniger ihre Form 
und gewährt mithin keine sichere Feststellung. DfisPRßs benützt nun 
statt des bisher üblichen Stoffes Guttaperchatafeln, die mit einem weit- 
maschigen Gewebe beiderseits umhüllt und fest verarbeitet sind. Dieser so 
hergerichteto plastische Stoff hat nicht die erwähnten Schwächen der ein- 
fachen Üuttaperchaplatten, wohl aber ihre Vorzüge: in der Wärme wird er 
weich und formbar, in der Kälte hart und lasst sich zu jeder Art und Form 
von Schienen und Kinnen verwenden. 

Die von Stelbel ' I eingeführten Aluminiumschienen kann man mit 
unbewaffneter Hand bogenförmig biegen; für scharfwinkelige Biegungen 
und für Biegungen über die Kante sind besondere Hilfsmittel erforderlich. 
Steukel hat ein zangenartiges Instrument anfertigen lassen, mit dem die 
Schienen zurechtgeschniiten und in jeder beliebigen Richtung zurechtge- 
bogen, wenn nöthig auch mit Einkerbungen versehen werden können. Zum 



Frakturverbfinde. 



91 



Schneiden dienen zwei unieibalb des Drehpunktes der Zange angrebrachte 
messerförmige Schneiden. Die zurechtgescbnittenen Schienen werden in quer 
oder aufrechtstehende Oeffnungen eingeführt und dann mit Hilfe der langen 
Griffe der Zange beliebig gebogen. Eine Zahnung des Schienenrandes wird 
durch efnfaches Zusammendrücken der Griffe hervorgebracht, wobei sich in 
dem Gebiss der Zange eingesetzte, mit Haken versehene Stahlstücke in die 
Äluminiumstreifen cinpretiSfn. Diese kleinen Zähne greifen in das Gewebe 
der Binde fest ein und machen eine Verschiebung der Schiene im Verbände 
unmöglich. 

Um die geringe Widerstandsfähigkeit der in der Fläche sehr leicht 
biegsamen einzelnen Schiene in genügender Weise zu erhöhen, sollen nicht 
blos zwei, sondern drei oder vier Schienen zur Verwendung kommen; da- 
durch wird einer Verbiegung nach irgend einer Richtung stets durch min- 
destens eine Schiene widerstrebt. 

Ganz besonders geeignet sind die Aluniiniumschienen für unterbrochene 
Verbände (Fig. 10 u. llj, wobei die gezahnten Enden der Schiene in die Gyps- 
kapsei eingeschlossen werden , während das freiliegende Mittelstück durch 
den glatten Theil der Schiene gebildet wird. Die bisher zur Herstellung 
unterbrochener Verbände zumeist benutzten Bandeisen mussten, um sie von 
der Wunde fern zu hallen, halbkreisförmig oder auch winkelig ausgebogen 
werden. Aber diese bügeiförmigen Ueberbrückungen der W^unde beeinträch- 
tigten die Festigkeit des Verbandes und verhinderten das Anlegen eines 



Flg. n. 




gleichmässig comprimirenden Wundverbandes. Diese Uebelstände fallen heim 
Aluminium weg ; es rostet nicht und ist ungiftig. Es wird — mit Aus- 
nahme des Sublimats — von den gebrauchtesten antiseptischen Lösungen 
nur sehr wenig angegriffen, und selbst nach mehrtägiger Berührung mit 
Eiter zeigt die Oberfläche nur leichte Farbenveränderungen , aber keine 
Rauhigkeiten. Die Aluminiumschiene kann also ohne Ausbuchtung aufge- 
legt und in den W'undverband eingeschlossen werden. 

Das eigentliche Gebiet für unterbrochene Verbände sind compliclrte 
Frakturen, zumal solche mit grossen Hautverletzungen. Auch für schwere 
Schussfrakturen ist der unterbrochene Verband von grossem W^erthe, und 
Stecbel glaubt daher, die leichte, formbare und bequem auszuführende 
Aluminiumschiene auch besonders für den Krieg empfehlen zu können. 

Schienen und Zangen werden von der deutschen Metallpatronenfabrik 
in Karlsruhe geliefert. Die für unterbrochene Verbände bestimmten Schienen 
Bind 3 — 4 Mm. dick und 10 — 15 Mm. breit. Die an Stelle des Tapeten- 
spans und der Pappe zur Einlage in fixirende Verbände bestimmten Schienen 
sind 1* '; — 2 Mm. dick und 2 — :3 Cm. breit. Die Schienen lassen sich leicht 
durchlochen. 

Gleich ausgezeichnet durch Eleganz, Leichtigkeit und Härte ist der 
Celluloid-Mullverband von Landekeu und Kik-^ch.-) Der Verband wird 
wie ein W^asserglasverband hergerichtet, nur mit dem Unterschiede, dass 
man sich statt des Wasserglases der Telluloidgelatine bedient und den 
Verband Ober einem Gypsmodell anlegt. Die Celluloidgclatine ist eine Lösung 



Digitizei. 



92 



Frakturvei bAnde. 



von Celluloid in Aceton. Kleine Stückchen von Celiuloid, Abfall von den 
zu anderen Zwecken benutzten Celluloidplatten oder mit starker Scheere 
eigens abgeschnittene Stückchen werden in eine grosso weithalsige Flasche 
bis etwa zu einem Viertel ihrer Höhe gebracht und der Rest mit Aceton 
gefüllt. Uni die Verdunstung zu verhüten, muss die Flasche gut verschlossen 
sein. Von Zeit zu Zeit öffnet man die Flasche und rührt die Masse mit 
einem Stäbchen um. 

Soll eine Unterlage nicht angewandt werden, dann wickelt man auf 
das Modell straff eine Mullbinde, so das» sich die einzelnen üänge unge- 
fähr halb decken. Auf diese Mullschicht wird die Celluloidgelatine gerieben, 
und zwar schützt man die Hand am besten mit einem Lederhandschuh, 
weil die Gelatine sehr fest an den Fingern klebt und nur mit Aceton ab- 
gerieben werden kann. Auf die Gelatine folgt eine Lage der Mullbinde und 
80 fort, bis der Verband die für jeden Einzelfall erwünschte Stärke erreicht 
bat. Für kleinere Kapseln reichen 4 — 6 Lagen völlig aus, während für ein 
Stützcorset 10 und mehr Lagen erforderlich sind. Soll eine Unterlage an- 
gewandt werden, dann spannt man zunächst auf das Modell ein Stück Filz 
oder Flanell, wickelt die erste Mullbindenschicht darüber und verfährt wie 
angegeben. 

Sollte die Kapsel nach ihrer Abnahme zu schwach erscheinen, dann 
legt man sie wieder an und fügt noch einige Schichten von Mullbinde und 



Fig. J2. 




Verband boi KattUDduni; und Vcrietznog deit Handtrclciikes. 



Gelatine hinzu ; sie kleben auch auf einem mehrere Tage alten Verbände 
fest an. Die äusserste Schiebt der Kap.sel darf nicht von der Mullbinde, 
sondern muss von der reichlich aufgeslrichenen und stark verrifbenen Gelatine 
gebildet werden. Sie verleiht dem Verbände einen schönen Glanz und eine 
besondere Härte (Fig. 12). 

Die völlige Erhärtung erfolgt in 3 — 4 Stunden, aber, am Körper an- 
gelegt, zeigt er schon nach 1' g Stunden die zur Fixation nöthige F>star- 
rung. Kirsch erscheint diese Zeit lang genug, um die Anwendung dieser 
Verbände vorläufig auf das Anlegen über Modelle und zur Verstärkung des 
Gypsverbandes (Gehverbände) zu beschränken. 

Der Celluloidverband übertrifft bei gleichen Schichten an Härte weit 
alle bekannten Verbandarten ; er ist undurchlässig und verändert seine Form 
nicht. Zur Erleichterung der Transpiration kann der Verband, unbeschadet 
seiner Haltbarkeit, ziemlich ausgiebig durchlocht werden. Von drei gleich 
grossen Kapseln aus Gyps, Wasserglas und Celluloid, wog die erste l.'JO, 
die zweite 70, die dritte .iO Grm. Fig. 12 stellt einen für das Handgelenk 
bestimmten, mit einer Stützplatte für die Hand versehenen Celluloid Mull- 
verband dar. 

Der Noth gehorchend, improvisirte H.^rx ") für die Oberschenkel- 
fraktur bei einem ^ jährigen Kinde einen Verband , der sich später bei 
allen Oberschenkelbrücben der Kinder bis zum sechsten Jahre bewährte. 



L^iyi i^cu Ly Google 



Fraktur^'erhAnde. 



93 



Der Verband ist ein durch Bandeisen verstärkter Leimverband. Das, was 
der Lelmverband vor anderen Verbaadarten vorane hat, itt^ das« man die 
dazu erforderllehen Hiirsmittel sich In Jedem Dorfe beschaffen kann. Br^ 

forderlich ist nichts woitor als eine «ronÜGrende Zahl :'.0 — 50 Cm. langer 
Streifen alter grober Leinwand, dickgekochter Tischlerleim und biegsames 
Bandeisen (FassreifenJ. Zunächst biegt man nach dem Umfange des Leibes 
zwischen Darmbelnsohanfel nnd Rippenbi^n einen Reifen sareeht nnd schlägt 
in jedes der ^nden ein Loch, um spätw den Reifen schliessen su Icönnen. 
Dann wird an diesem Reifen eine vordere und eine hintere Schiene genietet 
(Fig. (( und //), die der Form des Beines angebogen sind. Ist die Schiene 
inreehtgebogen und genietet dann wird eine dQnne Schicht des LelmverlMUides 
vom nntergepolsterten Rippenrande bis zn den Zehen angelegt. Die Gegend 
vom Anus bleibt handbreit frei, so dass die hintere Schiene mit ihrem über 
{las (iesäss verlaufenden Theil keine Unterlage des Leiiavcrbandos hat. 
Dafür wird die Aussenseite und besonders der der Schenkelbeuge entspre- 
chende Theil verst&rkt. Nnn wird die Schiene angeleimt und der Leibrlng 
durch Draht geschlossen ; die in der Mitte der Vorder^ and Hinterflftehe 



ng. IS. 




des Beines verlaufenden Längsschienen erhalten durch die xweite Schiebt 
des Leimverbandes ihre Befestigung. Während der Anlegung des Verbandes 

muss das Bein in richtiger Stellung extendirt werden. Bis zur Erhärtung 
des Verbandes, etwa 21 Stunden lang, wird ein Ziiirverband angelegt, dessen 
Gewichte etwa doppelt so schwer als sonst genommen werden müssen, da 
der LeiniTerband mit extendirt wird. Durch häufiges Wechsel der Unter- 
lagen muss der Verband vor dem Nasswerden geschützt werden. Nach der 
Erhärtung wird der Zug weggelassen, das Kind kann in die Höhe gehoben 
und getragen werden. 

Selbstverständlich ist grosse Sauberkeit nöthig; doch beeinträchtigt 
ein geringes Aufweichen die Festigkeit des Verbandes nicht Uebrigens ist 
das Reinhalten des Kindes nicht besonders schwierig, da y\ um den Anns 
und die Genitalien hinreichender Raum frei bleibt. Sind Knöchel und Ferse 
gut gepolstert, dann kann der V^erband während der ganzen Heiluugsdauer 
liegen bleiben. 

Der von HmscHnKui; ") beschriebene Noth- oder Transportverband bei 

Knochenbrüchon der (iliedmassen wird aus Holztisclulecken hergestellt, 
d. h. aus ienen kleinen Decken, die aus parallel aneinander befestigten, 



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94 



Frakturt'erblnd«. — Furfuranverbindungeii. 



■treichbulz dicken Holzstäbchen bekleben. Hin suichei Deckchen schlägl man 
fiber irgend eine Unterlage (Plaoell, Watte, Aermel, Hose n. e. w.) um dai 
gebrochene Glied und befestigt es mit einem Faden oder Tuche, mit einer 
pestärlsten oder ungestärkten Binile. Knochenvorsprön^en entsprechend 
macht man in dem Deckchen Ausschnitte, und zwar in der Weise, das« 
man vorher ein etwas grösseres Heftpflasterstöck aufklebt, welches nachher 
einen gewissen Halt gewährt 

Das zweite von HiKsniHKFtr, angegebene Verfahren soll ein Krsntz für 
den Gypsverband sein und bestellt aus gestärkten Mulll)inden und Corset- 
ledern. Diese mit Leinwand überzogenen Federn sind billig und in jedem 
Kurzwaarengesehäft zn haben, sie schmiegen sich gut an nnd geben als 
Verstärknngsschienen dem Verbände eine genügende Stütze. Als Unterlage 
bei Knochenbrüchen dient Walte, sonst ein Tricotsclilauch oder ein Strumpf- 
stQck. Knochenvorsprünge werden mit weichem Zunder geschQtxt. An der 
Ferse und an den Knöcheln werden die Schienen entspreehend aasgebogen. 
Will man die Kapsel durch Spalten abnehmbar machen, dann werden die 
Ränder umsäumt und mit Händern versehen. Ein soleher Verband, bestehend 
aus der Unterlage, aus 3—1 Bindengängen, den eingeschalteten Corsetfedern, 
ist billig, leicht, federnd und haltbar. Die Verbände haben ihre Vorbilder 
einerseits in der ScHNYDER'schen Schiene und anderseits in der Corset- 
sohiene von Johnson*. 

Das von Thilo '-i bei (lelenkhröchen «reüble Verfahren nimmt eine 
Mittelstellung ein zwischen der alten Behandlung mit lange liegenden starren 
Verliftnden und der Behandlung ohne Verbftnde. Bei Brilchen der unteren 
(rliedmassen nuiss der Kranke mindestens eine Woche, womöglich zwei 
Wochen lanjr das Bett hüten ; das Hein wird hoch ffel;i2:ert . ein Filz- 
Druckverband stillt die Blutung, befördert das Aufsaugen des bere ts er- 
gossenen Blutes und hält die Bruchtheile in richtiger Lage. Die Feststellung 
des Oeienkes besorgt ein Schienenverband, den man am dritten oder ▼ierten 
Tafro wechselt, während man gleichzeitiir passive Bewegungen vornimmt. 
Allmäli^ preht man bei jedesmaligem Verbandwethsel zu Widerstands 
bewegungen über, vermeidet so die Nachtheile dauernder Verbände und 
gewinnt die Vortheile der Bewegungen, wUirend man auch den Gefahren 
dieser (erneute Blutungen) ans dem Wege geht 

Literatur: ') Elbookn. Dfr (;(hvt'r!>anfl und srin« Anwendung bei Brlii-hcn di-s rntcr- 
und OborsflicnkclH. Traifer un d. Wücheu.-^cbr. ISltj, Nr. 3.'). 37, .38. — •) Koxkad IJi i>i.\uiin. 
Ueber die atnbulatorisL-be Ik-handlmiff der Kracttinu <ivr ituti-nii Evtrcinitaten. Cr'ntralbl. f. 
d. ges. Tberap. 109t», U. — *) LisBMAa« , B^haudluDg der Fracturen der oberen ExtreniiUt. 
Zeitachr. f. prakt. Amte. 18^, Nr 2 irod 3. — *) Braats, Zur Bcliandhinfr der typisrhfn 
Kadiu»Iractur. 25. Conpr. der (ii iitscbcn Gesellsch. f. Cliir. IS'.m; ; Hi ilatre zum CcutralUl. f. 
Cbir. 1896, Nr. 31. — ') 8tok2, Zur Bebandlung der t^piitelieu liadiusürUebe. Ebenda. — 
*) DtoPBfcs (Saint-Quentin), De l'application en cMnirfie dei sppareil« h baae de gnttapereba 
perfectioTu's. Anii. prov. (!•■ cbir. II, pag. 171. — Stkikki. i Stabiiirzf l AliiTnitiinniscliitMn'ii. 
Miinehf )HT uied. WiK'bfUhchr. l.S'.tG, Nr. 3'J. — ") LANDKKKit luid Kiii»i u (aus dcui uifilico- 
Uli « li ihi-rlicn Institute in Stutt),'nrt) , Ib r Cclluloid-Mullverband, eine neue Verbandart. Cen- 
tralblatt f. Cbir. läiHi, Nr. 29. — *) Havs (in Uladenbacb), Verband von Oberschenkelfraktareo, 
besonders bei Kindern der ersten Ii«t>eo8|ahre. Zeitschr. t. prakt Aerste. 1896, Heft 16. — 
C; HKNSKguiN, Etüde critiiine sur \v traitenieut auibulatnire. Revue d'ortbop. 181*7, 1. — 
" > Hiut>( HiifcHo. Ein einfacber Noth- nnd einfaeber Uruckverband. Der ärztliche Praktiker. 
Frankfurt a. M. 18'.»7, Nr. G. — '*) Oito Thilo, Zur lichandlunK der KniesclielbeiibrOelie. 
All^r- med. Centralztg. 7. .Inli 18SI7. — Dr. Kikolk Frank, Einfaeber Apparat zum Anlegen 
eines Verbandes obne A»sistenz bei KadiuHfrakturen. Wiener klin. Wuchenscbr. IS'.i:^, Nr. 1. — 
*«) IimiuiAaK, Demonstration des FiAHK'Mben Appwratcs. Deatscber CbinurKen-C(>ngre!(.H. 181)7. 

W ./z t, f .rfr. 

Function, functionelle Anpassiuns^, vgl. Entwicklungs- 
mechanik der Organismen, p&g. 75. 

Furfuranverbindungen. Ais Furfuranverbindungen bezeichnet 
man die Derivate desFurfuran (Furan, Tetrol), C4H4O, oder nach der 



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1 urlurau\crbindungen. 



95 



Stracturrormel _ ^^/O, einer im ersten Destillate des Flchtenhols- 

Iheers entbaltenen und aus der Brenssehlelmsäore (Pyromocins&ure, Fnr- 

furancarbonsäure) durch Destillation mit Natronkalk zu erhaltenden benzol- 
abnlichen Verbindung. Das bekannteste und das bisher allein pharmakologisch 
geprüfte Furfuranderivat ist das Furfurol (Furo), Fucusol), der Aldehyd 
des Furfurolalkohols und der Brenzscfaleims&ure, dem Laborde die epilepti- 
fonoe Wirkung gewisser Brantwelnsorten snsehrieb. Zu den in den Eneydo- 
pädischen JahrhOchem (IV, pag. 174) mitgetheilten Studien fiber die toxiko- 
lojrischen Verhältnisse des Furfurols sind neue Studien von Joffroy und 
Sbrveaux ') gekommen, welche dem Furfurol eine sehr energische Giftigkeit 
vindieiren, da es bei Intravenöser Injection pro Kilo sdion sn 0,02 anf Hunde 
und zu 0,14 auf Kaninchen letal wirkt Als Gift wirkt Furfurol in erster 
Linie auf die Athmung, die es rapide verlangsamt und durch deren Still- 
stand es auch den Tod herbeiführt, während der allerdings ebenfalls da- 
durch verlangsamte und geschw&cbte Herzschlag noch S — 5 Minuten die 
Athmung flberdauert Ausserdem werden enorme Temperatursenkungen (bei 
günstigem Ausg:ang:e selbst zu (' , bei todtlichem bis iL'*) und schleimige 
und blutige Diarrhoen als Folfcon intiavenösor und intramuarulärer Ein- 
spritzung beobachtet. Die letztere kann auch zu subacuter Vergiftung, die 
mit enormer Abmagerung einhergeht, fühlen. 

Oh die epileptiformen Krämpfe gewisser Alkoholiker auf das Furfurol 
zu bezieHen sind, erscheint nach Joffroy und Sehvfaux zweifelhaft, da nur 
unreines , sich leicht schwärzendes Furfurol constant bei Vergiftungen zu 
epileptischen Anfällen Ifihrt, während nach reinem Pnrfnrol swar auch Muskel- 
suckungen, aber nur ausnahmsweise eplleptiforme Paroxysmen beobachtet 
werden. Ob hier Methylfurfurol im Spiele ist, stobt dahin. Sicher aber ist, 
dass einzelne Furfuranverbiiulungen sehr intensive Krampfgifte sind. Es gilt 
dies besonders von Furfurin, einer aus Furfurol dargestellten Base, in 
wddier Bacohbtti *) bwelts ein ausserordentlich heftig wirkendes, sur Gruppe 
des Pilorotozlns gehörendes Hirnkrampfgift erkannte. Nach neueren Versuchen 
von CüRCi *) und Modica ^) besitzt es dieselbe Action wie Amarin. nur ist 
die Giftigkeit 15mal geringer. Im Harn tritt darnach Brenzweinsäure auf. 
Nicht giftige Wirkung besitzt das dem Furfurin isomere Furfuramid, das 
als nioht in Wasser löslicher Körper wahrscheinlich nicht im Darme als 
solches resorbirt, vielmehr in kleinen, nicht toxisch wirkenden Mengen In 
Furfurol verwandelt wird. 

Literatur: ') A. Joffhov und K. Sehveaux, Mensuration de la toxicitO exptTiimnitaK' 
et de la toxioit« vrai*- du furfurol ; symptomes de Tilitoxication aiguö par le furfurol. Arch. 
de ni6d. exp<iriin. VIIl , 2 , pag. 196. — *) BAccHimt , Effetti di alconi alcaloidi artiticiali 
neirorffanismo animale. II nnoro dmento. II, pag. 76. — *) Curci, Uieendie lannacologidie 
snila st-ric furfuriiia. Teraii. inudcnia. IS'.tl. — *) Mohha, Kiccrche foriueologielie BOile 
idramide, Farliirammida e larfariua. Annali di Cbiiii. Giugno, pag. 246. ffnt tm nnn 



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G. 

Gelidiiiiiilttel» Unter den modernen Gehelmmitteln ziehen neuer- 

ding^B verschiedene Präparate, die zur Conservirun^ des Fleisches ia den 
Handel gebracht werden, die Aufmerksamkeit der Hyg^ieniker in mehr als 
gewöhnlichem Masse auf sich, weil sie zum grössten Thoil aus einem Salze 
bestehen, das nach den neuesten pharmakologischen Untersuchungen zu den 
giftigen gehört und selbst in Idelnen Dosen bei fortgesetster Zufobr den 
thierischen Organismus zu schädigen vermag. Es handelt sich um Natrium - 
Sulfit, das allerdings vor etwa 30 Jahren nicht allein als ungiftig Retrachtet 
wurde, sondern geradezu die Grundlage einer auf längere Darreichung be- 
reehneten Metbo^ war Vorbeugung und Verhtttting infectifiser Knuildieiten, 
der sntifermentativen Metbode von Polli, bildete, dessen Giftigkeit aber 
nach den Thierversuchen von Pfeiffeii ') und Kionka -) 'vero:!. den Artikel 
Sulfite) nicht in Zweifel gezogen werden kann. Da die sulfithalti^en B'ieisch- 
conservirungsmittel eine sehr verbreitete Anwendung bei Fleischern und 
Wurstfabriksnten gefunden haben, weil sie, Indem sie dem Flelsehe eine 
Ziegelrothe Färbung geben, das Orauwerden, das sich bei Hackfleisch schon 
in einigren Stunden einstellt, lange hinausschieben, ist es jreboten. sich nicht 
blos mit der Bestrafung der davon Gebrauch machenden Schlächter, Wurst- 
fabriksnten und Garkflebenbesitser wegen Nabrungsmittel Verfälschung zu 
begnügen, sondern ein directes Verbot dagegen zu erlassen. Es ist dies im 
Interesse des Allgemeinwohls umsomehr geboten, weil mehrere der (ieheim- 
mittel fast nur aus Natriumsulfit bestehen und weil, selbst wenn die Ge 
brauchsaaweisuug richtig befolgt wird, das Fleisch mit hinreichenden Mengen 
Natrinmsulfit imprignirt wird, um, wenigstens bei reichlicher FleisobfQttening, 
chronische Vergiftung herbeizuführen. Die dies beweisenden Versuche Kionka's 
sind umso concludenter, als das bei ihnen benutzte Präparat p,rossr Mengren 
von Natriumsulfat neben Natriumsulfit enthielt und diverse Präparate fast 
reines Natrinmsulfit darstellen. Auch das Braten und Kochen des prftser- 
virten Fleisches beseitigt die Gefahr nicht, da sich auch nach Zubereitung 
noch zwei l)rittel des Natriunisulfits im Fleische nachweisen lassen. Was 
von den Natriumsulfit enthaltenden Gcheimmitteln gesagt ist, gilt auch 
wohl fOr die calciumsulfithaltigen, bezüglich deren allerdings analoge Experi- 
mente nicht vorliegen. 

Vidi ili n lii>lii r uiitf rsm litrn rr;i-M rvt',s;ilz( ii riithaltcii <li>' iiiri-.ti ii nur X.itriiiiiisiilfit 
und Natriuniäulfat ; einzelne auch Natrinmchiorid oder diebcs und Glaubersalz oder Borax, wie 
s. B. du Cbia«-ErbaltQnfr»|»«lrer Uinerva auR der Fabrik für Erkaltnn^s- 
prodiictr voll Loi is SiiM i.T in Ri-rlin. Fsst reini's N.itrium-^iilfit sind: E\<'elsior Flei.Hcli- 
erha 1 1 u II > k r y s t a II VOM Ihaak Ooipberü in CismI iiiul Meat l'rt'scrvc C'rystal 
von E. DiiKSKi. in Htrün, dodi >vtMlisfIt muh ditsis I'iiip.iiat. nnd t-in al^ Chronio.sat be- 
scichnetes Präparat >zur Erhaltung der Warstfarbe für äcblackwnrst , nicUt für Kochwurst« 
etthält w«it weniger NatriamsaltU. Das von Kioxka toxikologisch geprtlfte Oeheinuntttel iit 



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Geheimmitte]. — Germol 



97 



M eat Pre se rve C I ys t :i 1 von Th. IlEYDRirn in Wittenber(?«\ Zu den v rrwaltend Natrium- 
saUit enthaltenden trot-ktuen Präparaten schüren: Garnat von L. Zuttes in Berlin; Con- 
serTirnnifssalz aas der cheniisohen Fabrik TOn Dr. G. LuTOBcni ft CSo. in Lefpstg; 
Treaenit des Drogisten C. R. Wol» in Trenen und Meat Preserve Crystal von Ri i>oi.f 
ScHHioT in Untemenbmnn in Thüringen. Manche PrilÄervirungspulvcr enthalten Natrium- 
bisulfit, z.B. Phl odaritt (neneS'tes FkistlipräserA'epulver der Magdelinfger Conscrvesalz- 
fabriJtj von Ad. DObbcu, Best Aastraliau and N ew 2ealand MeatPreserve von 
L. Zurm (Beriin)« Meat Preserrepairer von E. Dnasn. (Berlin), Neuestes Fleiscfa- 
p reservepnl ver von H. Schramm & Co ^Rcrliii). Neben den festen Prüserven find auch 
Lüsiin;.'»!! von Xatrinmsulfit nnd N.itriuiiihisiillit iui Handel, z.B. P r e ser v a 1 i n e , Schutz 
gegvn .Springniaden von L. Ziffku iHtrlin>, doppelt eoncent r ir t e » Sulfitnatron 
von L. Zin-KB, Lakolin, Fleischerhalta ngsessens von £. Dresel und The lieal 
Anstralian Meat Preserve von Th. Hktdhich & Co., Witteberge. Caleiumsulfitlösungen 
.<4ind die als »Real Anstralian M e a t Pr c «e r v e« bezeichneten Pniduitc von Franz Hell- 
wiu (Berlin), Dalvexoaoi. und KQvxia. (Berlin) und Locis Cahn (Hamborg), Obthmamm's 
gleichnainiffra Prodaet, OonserTeessens ans Stuttgart nnd FleiseliconserTeflnldnin 
von Dr. K Ki ulmans (Perlini. Di»- Priiparate haben die den Geheimmittehi anklebende 
Eigenthunilichkeit . das» sie weit Uber den Marktpreis der BeHtandtheilo verkauft werden. 
•So wird jrewühnlieb 1 Kilo des Meat Prcserve Crystal für 1 Mark verkauft, während reines 
Natriuinsulfit 0,40 Mark das Kiloirrannn ko?«trt und die beijjementjten Salze noch bilÜKi r <inrl. 

Aufmerksamkeit der Sanitätspolizei verdienen auch einige in neuerer 
Zeit in den Handel gebrache Haarfärbemittel, insofern sie örtlich Haut- 
afleetioneD henrorsnrufen im Stande sind. Seiion seit 1894 sind in Parle 
Haarfärbemittel organischen Ursprunges im Handel, die für den Fabrikanten 
den Vortheil haben, das.s sie für vt'K^rtabiliscbe Extracto ausgegeben werden 
können. Die in Paris gebrauchten Präparate dieser Art, die unter den ver- 
soliiedeneten Benennungen vericanft wurden, enthalten nach Frbhsb ') Diamine 
(Metaphenylendiamin , Diamidophenol) und sind von doppelter Art, indem 
die einen die Färbung ohne weiteren Zusatz, die anderen diese erst nach 
Zusatz einer in einer zweiten Flasche beigegebenen Wasserstoffsuperoxyd- 
lösung hervortreten iMsen. In Deutschland wird Phenylendiaminlösung unter 
dem Namen Jnvenia und Nusseztraet vertrieben (vei^L unter Phenylen* 
diamin). *) 

Literatur: ') Pruvrsa, Zar Kenntniss der giftigen Wirkung der schwefligen Säure 
nnd Ihrer Salw. Areb. f. experfm. Patb. 1890, XXVII, pa^r. 261. — >) Kiokka, Uebcr die 
Olltwirkun;,' der schweflijfen .Säure und ihrer Salze und deren Zuläsüigkeit in Nahrungs- 
mitteln. Zeit«cbr. f. Hygiene. 1896, XXII, pag. 351. — *) Fbehsk, ^'ouveUes teiotures pour 
cheranx. Jenm. de pharm. 15. Januar 1896, pag. 59. — '*) Pdfis, Ueber Paraphcoylendiamfai» 
▼erglltang. Zeltschr. t geriobtl. Med. 1896» Snpplem., pay. 117. iriu«m«mi. 

Geosoty Guajacolum valerianicum, Isovaleriansäureguajacylester; 
5Hge Flüssigkeit von 1037 spec. Gewicht, löslich in Alkohol und Aother. 
Siedepunkt 266° C, von sOsslicb-räucherigem Geruch und Ueschmack. Wird 
Iwi Bedeckung mit Perehapapier von der Haut rasch resorbirt In|eetionen 
von 1 — 2 Grm. Geosot unter die Haut erzeugten vorübergehendes Brennen. 
Allpremelnerschoinungen traten nicht auf. Der Magen wird selbst naeh 
monateiangem Gebrauch nicht belästigt. Rieck beobachtete nur einmal bei 
vorheriger gasiger Auftreibung des Magens nach einer halben Stunde Auf- 
stoasen mit dem charakteristisehen Gerüche des Kreosots ; an sich bemerkte 
er nach einer Dosis von 1,0 eine leichte Vermehrung der Speichelabsonde- 
rung und eine Erhöhung der Radialispulsweile, ohne bemerkbare Erhöhung 
der Frequenz. Rieck versuchte das Mittel zur Desinfection des Verdauungs- 
canales bei Magen- und Darmkatarrhen, ferner l»ei Chlorose und Tuberku- 
lose ia Gaben von 0,6 — 1,8 tftglidi in Form von Kapseln von 0,2. 

Literatur: Rieck, VoiUtuBveB Ober Oeo«ot (Ousjacolum yaterianienin, Wbuvt). Deutsche 

Med.-Ztg. 1896, Nr. 103. Loebisch. 

Germol* Bezeichnung eines als Desinfectionsmittel neuerdings in 
den Handel gekommenen Theerprodactes , das von der englischen Firma 
Read Holliday & Sons (Huddesfleld) hergestellt und auch in Deutachland 
eingelilhrt wurden Bs soU relativ ungiftig, ohne fttsende Beschaffenheit 



98 



Germol. — Glutol. 



sein, giebt mit Wasser in jeder Verdünnung eine haltbare Bmnlalon, ist In 

Alkohol klar löslich. Wegen seiner Rillipfkeit soll ps sich ganz bosonders 
für den allgemeinen Gebrauch zur Grossdesinfection , zur Herstellung: anti- 
septischer Seifen, zum Besprengen von Gruben, Closets, zur Desinfectiun 
von Ställen n. dergL eignen. a. e. 

Gewerbehygiene, s. Arbeitertiygiene, pag. 25. 

GIcllt durch Bleiintoxication, s. Bleigicht, pag. 50. 

Glandulen, ein aus den Bronchialdrüsen von frisch geschlachteten 
Hammeln von Dr. Hofhann^b Naehfolger in Meerane (Sachsen) dargestelltes 

organotherapeutisches Präparat, welches gegen Lungentuberkulose empfohlen 
wird Zur Hegrundunff dieser Empfehlung dient die F>wägung, dass der 
menschliche Organismus, der durch die in den Bronchialdrüsen enthaltenen 
wirksamen Stoffe unter normalen VerbUtnissen im Stande Ist, die in ihn 
eingedrungenen Bacillen nnsch&dUch an machen und nur dann erkrankt, 
wenn bei einer zu massenhaften ndor zu anhaltenden Invasion dieso Stoffe 
nicht ausreichen, durch die künstliche Zufuhr dieser in seiner natürlichen 
Heiiungsbestrebung unterstützt wird. Da beim Kalb unzweifelhafte Falle 
von eongenitsJer Tuberkulose beobachtet sind, beim Schaf die Tuberkulose 
sehr selten ist, 80 wurden die BronchlaldrQsen des letsteren sur Herstellnng 
des Glandulens verwendet. 

Den Irisch geschlachteten Hamuiebi werden unter tbierärztlicher Anlsicbt und nnter 
•ntlieptlflelien Cantelen dl« BronchialdrOieii entnomnien, gerelidffc and Ivieht mit Alkohol 

abp^spült. Sie werden soflann, nm ein späteres lvanzi},'werden der I'riiparate zu verhüten, 
.s*ir;,'fällit,' vom Fette befreit und unter Vermeidunj,' von Saftverlnst zerkleinert. Nach Trock- 
nuti); im Vacnniu bei niederer Temperatur werden sie pulv('i'i>irt und mit Hilehzucker in 
solcher Quantität ▼ennischt zu Tabletten conprimirt, data jede Tablette von 0,20 Gewicht 
0.25 Irieeher DrOsenrabitaiii entepricht Das Mittel wird per ob gereieht. 

Dosirung: dmal tftgUok 1 Tablette, ieden dritten Tag um B Tabletten 
steigend, bis sur Dosis von Smal 5 Tabletten tftglicb und mit dieser Dosis 

fortzufahren. 

Literatur: IlomiANM, lleilnug der Tuberkulose durch Giandulen, ein spccilisch 
wiricendes Mittel der Organotberapie. Broflebflie der Fabriii Dr. HoniAim'a Nachfolger in 
Meerane (Sach!*en). Lofhi-ich. 

Glutol) ein durch Einwirkung von Formalindfimijfen auf in Wasser 
gelöste Gelatine von C. L. Schleich dargestelltes Product. IJas Glutol be- 
sitzt nicht mehr die Eigenschaften des Leims, sondern stellt einen resi- 
stenten, steinharten, klar durchsichtigen Körper dar, wacher weder durch 
trockene, noch durch feuchte Hitie gelöst wird, in S&uren und Alkalien 
unverändert bleibt . In der Hitze wird die starr-elastische Masse immerbin 
etwas dehnbar, erstarrt aber wieder in der Kälte. Das Glutol erscheint in 
zwei Farmen In dem Handel, entweder als gröbliches, weisses Pulver oder 
geraspelt in Gestalt feiner Partikelchen. Das Glutol ist in Wasser beim 
Erhitzen unter Druck (im Dampf) löslich ; die Losung gelatinirt beim Er- 
kalten. Nach Schleich besitzt das lebende Gewebe die Eigenschaft , aus 
dem Glutol (Formalingelatin) bei Abspaltung der resorbirbaren Gelatine 
das frQher daran gebundene Formaldehyd frelsumaehen und in dieser Weise 
eine antiseptiscbe Wirkung zu entfalten. Hierdurch kann das Glutol prim&r 
genfthte Wunden in kürzester Zeit zu nicht mehr inficirbaren Schorfen ver^ 
härten. Die Formuldehydgelatine hemmt insbesondere auch mit Sicher- 
heit aeate purulente Processe, sofern nach Ineision und Äu^nlverung die 
Qewe])s|)roduetion und Formalindampfentwicklung ungestört von statten 
geht, tiei Anwesenheit reichlichen nekrotischen ^fnterinls kann die Zell- 
thätigkeit durch Pepsinsal/säureverdauung unterstützt werden, um diese 
hervorzurufen, befeuchtet man das die Wunde bedeckende Palver mit einer 
by^igeny durch 0,3% Salsa&ure angesäuerten Pepsinlösung. Ist hei infioirten 



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Glutol. — Guajacetin. 



99 



oder eiternden Wunden keine Nekrose vorhanden, so erfolgt durch Glutol, 
besonders in lockerer, geraspelter Form, eine sehr schnelle Begrenzung der 
Bfterang und eine leiebte LSbud; der inactiven Gewebatheile. B. Saalfbld 
fand es bei Acne necrOflltAns und multipler Abscessbildung eines Diabetikers 
wirksam. Nach WKYi.ANn wirkt Pankreasferment auf Formaldehydgelatine 
weit stärker ein als Pepsin ; er benutzte dieses Verhalten der Formaldehyd- 
gelatiM Ml d«ii Verdaiiiii^rermeiiteB snr HersteHmig Ton Dflandarmkapaeln 
ans Pormaldehydgelatine (Olutold), welche nach den Versnclien von Sahu 
der Verdauung des lebenden llagena Widerstand leisten und nar im Darme 
zur Losung gelangen. 

Literatur: C. L. 8chlki( h , Ucber eine neue Methode der Wundbehandlung.'. Therap. 
Honatsh. 1896, pa^. 27. — C. L. Schlkich, Ueber eine neue Form antiseptiseher Wundbe- 
bandlang. Ebenda, pag. 57. — C. L. .Si hlbich, Srwidemog: anf die Bemerkung der Herren 
Prof. Dr. CT.AS8SN und LOb. Ebend.n. p;i;r- 298. — Edm. Saalfeu}, Zar Anwendnngr des Gla- 
tols. Ebcnd;i, p:i}.'- C31. — .1. Wkvi.ano , I'cIm i- Furinaliiii^t hitine und dio Verwendung,' der- 
selben zur Uersttdlung von DUuudarmkapsvlu. Ebenda, pag. 180. — Sahli, Deutsch« med. 
Woebenaehr. 1897, Nr. 1. — E. Usbce, Berieht Uber du Jahr 1896. Loeblaeb 

Gvaetlioly BrenzkatecbiDmono&tbylfttfaer, ist die dem Gnajakol (Brens* 

kateehinmonomethylätherl entsprechende Aetbylverbindung und soll naeh 
V. Mbring in allen P'ällen. in denen Guajakol angezeigt ist, besser als dieses 
wirken. Es stellt eine ölige Flüssigkeit dar, die bei 215° C. siedet und in 
der K&ite bu btrblosen Kry stallen erstarrt, welche bei 26 — 28° C. schmelzen. 
Das Präparat Ist In Alkohol und Aetber ISslieb. Hau verordnet es in Bln- 
leldoeen von 04 — 0,25; in Tagesdosen von 1,0, in Gelatinekapseln oder 
alkoholischen Mixturen : aus.serlich kann es wie üuaiakol in täglichen Gaben 
von 1,0 — 2,0 auf die Haut eingepinselt werden. 

Literatur : E. Mncs, Beriebt Uber da« Jabr 1896. Loebtaeh. 

OCH COOH 

GuaJaceUn, ^'t>H,<^Qjj * , Brenzkatechinmonoacet- 

säure, wird durch Einführung der Tarboxylgruppe in die Metbylgruppe des 
Quajakols erhalten. Das Mittel, ein geschmackloses Pulver, wurde von 
J. StraüSS anf der Abtbeilungr des Prof. v. Noordbh in Frankfurt a. M. bei 
70 Phtbisikern aus allen Stadien der Krankheit versucht und in Gaben von 
0,5 Grm. in Oblaten mehrmals täglich gegel)en. Ks sollte fostpestellt werden, 
ob die Nebenwirkungen des Guaiacetins geringer sind als die des Kreosots 
und Guajakolcarbonats und der Vergleich fiel zu Gunsten des Guaiacetins 
ans. Unter den oben erwähnten 70 Patienten traten nnr bei 2 eine Magen- 
und Darmstdrung auf, welche auf die Anwendung des Guajaeetins zurück- 
zuführen waren. Bei einem Lungenkranken traten am vierten Tage der 
Guaiacetinbehandlung Kopfschmerz, Schwindel und auffallendes Schwäche- 
gefOhl ein, welche erst, als am nennten Tage das Mittel ansgesetst wurde, 
zurücktraten. Einem Urthcile fiber die Heilkraft des Mittels bei Lungen- 
tuberkulose entzieht sich Strai ss mit dem Ausspruch, dass man die Heil- 
kraft einer der Substanzen, Kreosot, (jua|akol, Guajakolcarbonat, Guajacetin, 
nnmSglich betonen kann, ohne die der anderen mit einzuschliessen. 

Lltttraturt J. Straoss, Ueber die Anwendung ron Gnajacetin bei Lnngentnbericalwe. 
Centnlbl. f. innere Ued. 1896, Nr. 2a. Loebiaet. 



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H. 



HaarlttrbeiiilUely s. Geheimmittel» pag. 68. 

Barn. Wir haben achon im vorigen Jahre (a. Bneyelopid. Jahrb. 

VI, paer- 238) über die Arbeiten A. v. Koran yi's berichtet, welche dahin 
zielen, don Oefriprpunkt des Harnes, sowie auch den Gohalt desselben an 
Chiornatrium , sowie diese beiden Eigenschaften des Blutes zur Diagnose 
▼OB Hers- und Nierenkrankbeiten an verwerthen. Der Gefrierpunkt dea 
normalen Blutes ist — 0,56^, sein Gebalt an CINa schwankt zwischen 
0,58 — 0,G0" V Ks ist bekannt, dass es NIerenkrankheifon giebt, bei denen 
der Harn keinerlei pathologische EigenthQmlichkeiten zeigt, anderer- 
aeits findet man häufig abnormen Harn, in welchem Biter oder Blut ent- 
halten iat, wo man kaum entaohelden kann, ob diea infolge einer Krank- 
heit der Nieren sei, oder ob dies einer Krankheit der harnfQhrenden Wege 
zuzuschreiben ist. Bei Stellung' der Indication für Nierenoperationen ist ea 
ausserordentlich wichtig zu wissen, ob die Niere in functioneller Beziehung 
noch ▼ollkommen geeund iat oder nicht. Um der Lösung dieaer Fragen 
durch die eingangs erwähnten physikalischen und chemischen Methoden 
so erninrrlirhen, stützt sieb v. Kokaxyi^' auf folprenden Gedankeng-ang ; Der 
Stoffwechsel der Organismen ist ein Process, in welchem complicirtc, grosse 
Energie besitzende, aus grossen MolecQlen bestehende Verbindungen in ein- 
fache, keine Energie ▼ertretende, aua kieinen MoiecDlen beatehende Ver- 
bindungen zerfallen. Während dieses Zerfalles wird die Energie frei, welche 
die Quelle der Lebonserscbeinuogen bildet. Die Zerstückelung der grossen 
Molecüle bezweckt im Organismus, dass in dessen Säften die Zahl der 
gelösten MolecQle steh fortwährend ▼ermehrt Den Ueberschnss der aua dem 
Stoffwechsel entstehenden Molecüle entleert die Niere. Dieser Thätigkeit 
der Nieren ist es zuzuschreiben, dass der Molecülgehalt der Säfte des 
Organismus, trotz des die MolecCUe fortwährend vermehrenden Stoffwechsels, 
stabii ist. Daraus ist schon in ersehen, was geschehen mnss, wenn die 
Thätigkeit der Nieren sich vermindert: Die moleoulare Dinrese wird geringer. 
Infol£r(> dessen niuss im Organismus eine Anhäufung von festen ^folecuien 
entstehen; wenn es also möglich ist, die Vermehrung der Zahl der Mole- 
cüle zu bestimmen, ist der Schlüssel der Frage gefunden, ob die Function 
einer Niere im gegebenen Falle genfigend aei oder nicht. Zur Bestimmung 
des Moleculgehaltes der Säfte ist die Bestimmung des Gefrier- 
punktes nöthig. Das Resultat der rntersuohunjr ist f(»lgende8: Wenn die 
Niere genügend functionirt, ist der Gefrierpunkt des Blutes — 0,56'^. Ist 
dies nicht der Fall schwankt derselbe swiaohen — 0,5ö — 0,72*. Die Frage 
iat nun, ob es nicht einen anderen pathologischen Zustand giebt ausaer 

* • « 



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Harn. 



101 



NiereniDsufficienz, welcher den Gefrierpunkt des Blutes verändert, das ist 
der verringerte Sauerstoifgebalt des Blutes, der jedoch von der Nieren- 
iaftttflleienz leiehtsn unteraeheiden ist Bin dietbesfiglieher Sats lautet: Der 

Gefrierpunkt des Blntes ist nur so lange normal, so lange dasselbe die 
normale Menßre Sauerstoff enthält. Mit dem Sinken des 0- Gehaltes steiget 
der Gefrierpunkt. Ein Umstand ist noch zu erwähnen. Die Nierenkrank- 
helten gehen oft mit grösserer Animie einher. Der Oefrlerpnnkt des aoiml- 
sehen Blotes ist etwas geringer als der des normalen. So kamt es vor- 
kommen, dass selbst bei compensitten Nierenaffectionen bei grosser Anämie 
<ler Gefrierpunkt unter dem normalen bleibt, den normalen nur bei geringer 
Incompensation erreicht. Dies muss in Berechnung gezogen werden, v. KorAnyi 
glaubt, dass ein abnormer Oefrlerpnnkt des Blntes (dessen Omnd nieht in 
Cyanose zu suchen ist) eine absolute Contraindication für jedwede Nierenope- 
ration sei. Die Untersuchung: des Blutes und dessen Qefrierpunktes ist von 
grosser Bedeutung bei fieberhaften Erkrankungen. 

Was den Gefrierpunkt und ClNa-Gehalt des Harnes betrifft, so sind 
die Resultate folgende : Die Methode erlaubt, eine sebarfe Orense zwischen 
f ompensirton und nicht compensirten Herzfehlern zu ziphen. Wenn sich die 
Geschwindigkeit des Blutsiromes vermindert, wird die Entleerung der NaCl- 
MolecQle viel rascher abfallen, als die der übrigen Moleeflle. Der Bruch, 
dessen ZlUiler der Gefrierpunkt des Harnes, dessen Nenner der ClNa-Gehalt 
ist, wird grosser. Die Grenzen dieses Bruches sind beim normalen ^fenschen 
1,30 — 1.70. Bei den ersten klinischen ErscbeiouDgen einer Incompensation 
tritt schon eine Erhöhung ein (über 1,70), ja sogar auch bei vollkommener 
Compensation, wenn der Patient eine etwas grössere Arbeit leistet. Bs ist 
bekannt, dass bei fieberhaften Erkrankungen (mit Ausnahme von Malaria) 
der Gl Na Gehalt des Harnes sinkt Bisher konnto iedoch nicht bestimmt 
werden, wo der abnorm grosse oder abnorm kleine ClNa-Gehalt beginne. 
Die Methode v. KORAinri's zeigt genau die Grenze der Verminderung und 
aneh Vermehrung. Wo man bei fieberhaften Erkrankungen findet, dass bei 
Division des Gefrierpunktes durch den CINn Gebalt des Harnes der Quotient 
grösser als 1,70 ist, dort ist der ClNa-Gehalt des Harnes geringer als 
normal. Bei diesem Befund kann die Krankheit alles andere sein, nur nicht 
Malaria, im entgegengesetsten Falle ist die Krankheit nur Malaria. 

Nach PoEHL >") lässt sich der Immunitätszustand des Organismus, der 
im Wesentlichen von der Intraorganoxydation abhäniEct. mit Hilfe von Harn- 
coelficienten ermitteln, welche durch die klinische Harnanalyse erhalten 
werden. So bedingt z. B. die herabgesetzte Intraorganozydation eine An- 
b&nfung von Produeten der regressiven Metamorphose im Blute (Auto- 
intoxication) . welche zur Infoction prädisponirt , während (rloichzeitip: die 
Harncoefficienten Alnveichun(ren der Uarmgährung. der Biutalkalesrenz. eine 
Herabsetzung der Energie des Oxydationsprocesses anzeigen. Es möge hier 
genflgen, auf die besflgliehen Studien Pöhlas hingewiesen zu haben. 

Die S&ureausfuhr im menschlichen Harn unter physiologischen 
Bedingungen untersuchte V. Hai'.ssmann mittels der von Likulein modi- 
licirten FKBUKD schen Methode der Bestimmung des zweifachsauren Phosphates. 
Er gelangte sn dem Resultate, dass die absoluten Sfturewerthe am Vor- 
mittag am grOssten, am Nachmittag gewöhnlich niedrig sind; in der Nacht 
hatten sie eine mittlere Höhe inne. Die Mittagsmabizeit. unbeeinflu.sst von 
der Flüssigkeitsaufnahme, setzt die Säurewj'rthe in dem Harne in den 
nächsten 4 — 6 Stunden herab. Die Diurese setzt die relativen Säurewerthe 
im Harn herab, vermehrt aber indirect die SAnreausfuhr in bedeutendem 
Masse. Eine zu geringe DurchspQlung hält umgekehrt Säure im Körper 
zurück. Warme Bäder von .30— 32o scheinen die S&ureausfuhr zu verringern; 
Maskelarbeit scheint sie zu erhöben. 



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102 



Harn. 



E. Haupt legte sich die Frage vor, ob und in welcher Weise orga- 
niaelie Baseo, s. B. Lysidln und Piperazln, die Reaktion des Urins und sefne 
LSsailgsf&higkeit für Uarosinre' beeinflussen. Da eine exade, quantitative Be- 
stimmung im Uiin auf grosse Schwierigkeiten stosst, schlug Haupt einen 
anderen Weg ein , ausgehend von der Erwägung, dass jede Spaltung der 
Basen zum Freiwerden von Ammoniak und daher unter Kohlensäureauf- 
nahme snr Harnstofiblldanir fOhren mOsse, die Reaetioo des Urins nicht be» 
einflussend. Würde aber die organische Base unzersetzt durchgehen, so 
rausste dasselbe passiren. was bei Plinfuhr anorganischer Basen, Natr. hicarb. 
z. B., erfolgt, nämlich eine Alkaiescenzvermebrung des Urins. Haui'T nahm 
deshalb die Messung der Aeidit&t des Urins vor bei Gebrauch der Basen 
und bediente sich der FnEUNO-LiBBLEiN'schen Methode, welche das Verh&itniss 
der Diphosphate zur Gesammt P., Oj, bestimmt Jede Aenderung der Reaction 
des Urins muss auch zur Verschiebung dieses Verhältnisses fuhren. Es 
zeigte sich so, dass die Reaction des Urins nach Oenuss organischer Basen 
geoaa diesdbe Verftndemng: seltne wie na^ Einfuhr der entsprechenden 
Menge von Natr. hicarb., dass also die Basen unzersetzt in den Urin über- 
gehen. Die Harnsäurelösungsfähigkeit des so erhaltenen Urins ist vergrossert, 
scheint aber nur von der vergrösserten Alkalescenz, nicht von einer directen 
Pnnction der nnsersetst ausgebliebenen Base abhängig sn sein. 

lieber .\ mmoniaknuss oh eidung bei Gastroenteritis im Säuglings- 
alter berichtet ARTnim Keller, ') Bei leichten Dyspepsien fanden sich im 
Verhältniss zum Gesammt-N 3 — 9^0 Ammoniak N, bei schweren Dyspepsien 
bis zu 30Voi bei Gastroenteritis bis zu 40, 45°/o- Wenn nun auch im einselnen 
Falle mit der Besserung oder Verschlechterung de« Zustandes der Patienten 
ein Abfallen oder Ansteigen der Procentzahlen fOr die Ammoniakaussrheidung 
fast parallel geht, so darf man doch auch diesen Harnuntersuchungen allein 
nicht die Prognose des Falles stellen. Denn nicht in allen Fällen von Dys- 
pepsie oder Gastroenteritis, nicht einmal in allen schweren Pftllen findet 
sich die Ammonlakansseheidung im Harn vermehrt. Nach dem dermaligen 
Stande unserer Kenntnisse wird man eine vermehrte Aramoniakausscheidung 
zunächst auf eine Säureintoxication zu beziehen geneigt sein. Keller betont 
nun, dass man auch den Zustand der Leber und ihre Functionsf&higkeit 
dabei berüoksiebtigen müssen wird. Bs ist dodi bekannt, dass die Leber snr 
Blutalkalescenz und Säureintoxication in Beziehung steht. Es würden damit die 
Befunde von Leberdegeneration bei Gastroenteritis, wie sie Thiemicm mltge- 
tbeilt hat, und die Obductiunsbelunde bei den vom V erfasser untersuchten 
Fiilen fibereinstimmen. Bs sind allerdings nur 8 Fälle, die zur Obduotion 
kamen, aber in diesen Fällen zeigte sich die Uebereinstimmung zwischen 
den Urinuntersuchungen des Verfassers und den Obductionsbofunden : die 
Lebererkrankung war um so schwerer, je höber die Zahlen waren, die er 
ffir das Verh&itniss s wischen Ammoniak- N zum Gesammt^N in den betreffen- 
den Fftllen intra vitam constatirt hatte, und in dem Falle von Gastroenteritis, 
wo Verfasser normale Ammonlakaussdieldung fand, fehlte auch die Leber- 
degeneration. 

Aus Versuchen, welche Franz Hufmeistek*) zur Lösung der Frage über 
die Bildung des Harnstoffes ansfOhrte, geht hervor, dass durch die 

Oxydation von kohlenstoffhaltigem Material in Gegenwart von freiem Am- 
moniak Harnstoff entstehen kann. Die zu unterscheidenden Substan7Pn 
wurden in einer Lösung, die reichlich Ammonsulfat und freies Ammoniak 
enthielt, durch Kaliumpermanganat oxydirt, wobei darauf geachtet wurde, 
dass die Temperatur 40* nicht flberstleg. Bei einer a^r grossen Reihe von 
Körpern, theils stickstoffhaltigen, theils X freien, fand sich im Oxydations- 
product Harnstoff, manchmal wohl recht wonig. manchmal relativ viel. So 
lieferten lU Grm. ülykukull 3 Grm. llarnstof fnitrat ; 10 Grm. Oxaminsäure 



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Harn. 



103 



nur 0.7 Grra. ; 20 Grm. Weinsäure ebensoviel; 5 Grtn. Leucin U,2 Grm,; 
3'J Grm. reines Eieralbumin 2 0 Grm. Von stickstoffhaltigen Körpern er- 
wiesen sieh von den nntersnehten KOrpern als sar Harostoffsjnathese geel(n>ot: 
Aethylamln, Aeetonitril, Acetamid, Ozamid, Succinamid, von den stickstoff- 
freien Substanzen ; Formaldebyd, Ameisensäure, Kohlensäure. Aethylalkohol, 
Acetaldehyd, Essigsäure, Qiyoxyls&ure, Glyoxal, Oxalsäure, Propionsäure, 
Malonsftnre, Glycerin, Bntteraäure, BernsteinsftDre, Traabensneker. Zu den 
harnstoffliefernden Körpern gehören bestimmte Methanderivate : Cyan- und 
Rhodanverbindungen, Formamid und Methylalkobol, sämmtliche .Aniidosäuren 
einschliesslich der Proteinstoffe, sämmtliche Oxysäuren der Fettreihe, Glykol, 
Aceton, Oxaminsäure, welche letztere auch ohne Gegenwart von freiem 
Ammoniak Harnstoff su bilden im Stande Ist, da ^e anniliemd der Reaetion 
theilweise in ozalsanres Ammoniak flbergeht. Es ist auffallend, dass bei 
der V^erbrennan]? im Thierkörper gerade so wie im Oxydationsversuch 
manche Körper keinen Harnstoff liefern, auch trotz naher chemischer Ver- 
wandtseliaft mit demselben, z. B. Oiamid und Acetamid. Zum Sohlnsse 
wendet sich Verfasser noch gegen die HoppB-SBYLBR'sehe »Cyansäuretheorie«. 
Es g^elang ihm nämlich nicht, nach einem sorp:fä!tigen Verfahren Cyansäure 
aus Hundelebern zu extrahiren, was doch miiglich sein müsste, wenn dieser 
Körper wirklich Bildungsmaterial für den Harnstoff darsteilen würde und 
ausserdem lassen sieh bei einem mit Ammoniak vergifteten Hönde die Krank- 
heitserscheinungen dnrch Verabreichung von cyansaurem Natron nicht zum 
Verschwinden bringen, was man doch erwarten müsste, wenn die Entf^iftung 
des im Stoffwechsel gebildeten Ammoniaks tbatsächiicb durch die ebenfalls 
auftretende Cyansäure erfolir«» wflrde. 

Als Abschluss ihrer Versuche über die Eck' sehe Fistel und die 
Harnstoffbildiins: der Säuo:ethiere (s. Encyclopäd. .Jahrb. IV) theilen 
Nencki, P.vwlu und Zaleski die Ergebnisse der in Blut und Organen 
ausgeführten AmmoniakbestimmuDgen mit, die zu folgenden wichtigen Re- 
sultaten fahren: das Arterienblut fleisebgefQtterter Hunde hat einen con- 
stanten Ammoniakgehalt von circa Mgrm. pro 100 Grm. Der Ammoniak- 
gehalt des Pfortaderblutes ist bedeutend hoher als der des Arterienblutes 
und der der Lebervene und schwankt zwischen — 8,4 Mgrm. pro 100 Grm., 
woraus folget, dass das aus dem Darmcanal der Leber zugefflhrte Ammoniak 
in der letzteren zurückgehallen, respective in Harnstoff umgewandelt wird. 
Den höchsten Ammoniakgehalt wrisen die einzelnen Aestc der Pfortader auf, 
die aus dem Verdauungscanal stammen, während das Milzvenenblut einen 
niedrigeren Gebalt aufweist. Durch Versuche des Prof. Cybdlri in Krakau mit 
dem von ihm eonstnilrten Apparate wurde die Geschwindigkeit des Pfortader- 
blutstromcs gemessen und es ergab sich daraus, dass hei einem etwa in Kg^rm. 
schweren Hunde aus dem Darm circa 4.7 (irm. NH, durch die Leber gehen 
(in zehn Stunden;. Dieses Ammoniak stammt aus der Zersetzung des Darm- 
Inbaltes und aus den chemischen Umsetzungen der Eiweisskörper in der 
Schleimhaut, besonders des Magens während der Secretion. Die Frage der 
Harnstüffbildung in der Leber ist durch die Untersuchungen der Verfasser 
an Hunden mit EcK'scher Fistel nunmehr eudgiltig entschieden. Bekanntlich 
ergalien die früheren Versuche derselben, dass nach Anlegung der EcK'sehen 
Fistel die Carbarainsiarever^ftunf erst dann auftritt« wenn man die operirten 
Thiere mit Fleisch füttert. Sie schlössen daraus, dass die Leber im Stande 
ist. Jen Organismus vor der X'ergifturp: mit dem aus dem Digestionstract 
kommenden Ammoniak zu schützen ; und ibatsücblich hat das arterielle Blut 
der Tblere mit EcK*seher Fistel einen Ammoniakfehalt, der dem in der 
Pfortader beim gesunden Thiere gleichkommt. Nachdem v. Schröder und 
Salomon nachgewiesen haben, dass Muskel und Niere, welche ebenfalls hohen 
Ammoniakgehalt zeigen, Harnstoff zu bilden nicht im Stande sind, so er- 



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104 



Harn. 



scheint durch den Nachweis des hohen Ammoniakg-ehaltes des Pfortader- 
blutes und der Verminderung des Harnstoffes im Harn nach £x»tirpation 
der Leber, die hamstoffbfldende Function der Leber aicher erwiesen; bei 
allen Venenfistelhunden tritt Carbamiasäurevergiftung auf nnd eine Com- 
pensation der Leberfunction durch andere Organe bleibt aus. Die Verfasser 
fanden auch, dass die Organe der Thiere während der FQtteruog einen 
höheren Ammoniakgehalt zeigen; sie schUessen hieraus, dass in denselben 
aas Biweiss Ammoniak gebildet wird, welches sum grOssten TheUe Im 
weiteren Verlaof in der Lober die Umwandlung zu Harnstoff erfährt. 

T'eber den zeitlichen Ablauf der Stickstoffausscheidung nach 
einer Mahlzeit hat Tschlexoff '7 Selbstversuche ausgeführt, die als neues 
Resultat ergaben, dass die Cnnre dieser Ansscheidung zwei Gipfel zeigt, von 
denen der erstere kleinere in der 2. — 4., der zweite grossere in der 6. bis 
7. Stunde nach der Mahlzeit liojjt. Kr fuhrt das schnelle Anstoipen der 
Gurve in den ersten Stunden auf die Resorption der Nahrung vom Magen 
aus zurück, w&hrend der darauffolgende Abfäll der Curve auf die Verdauung 
des Chymus im Darm nnd der zweite grössere Cnrvenanstieg auf die Re- 
sorption vom Darm aus hinweisen wurde. Um diese Deufnng zu prüfen, hat 
er noch Versuche mit Pepton angestellt, das ja keine besondere Verdauung 
mehr von Seiten des Magens bedarf und hier zuigte in der Tbat die Curve 
ein sehr schnelles Ansteigen in der 1. nnd 2. Stunde, wfthrend der zweite 
Gipfel ganz fortfiel. Der erste Theil der Cnnre Ist also als Magenresorptions- 
curre aufzufassen. Bei l'ntersuc'biiii<2: eines carclnomverdächtifron Patienten 
war an der Ausscheidungscurve des Harnstoffes deutlich erkennbar, dass 
hier eine betrlehtliche Störung der Resorption von Seite des Magens vor- 
handen. TscBLBNOPF ist daher der Ansieht, dass bei Magenkranken eine 
stundliche Bestimmung' des Harnst ickstoffes nach Fleisch- oder Peptongennss 
unter rnistünden diagnostischen Werth baben dürfte. 

Nach den Untersuchungen von Alfred K. Allen 'j wird bei der Be- 
stimmung des Harnstoffes mit nnterbromigsaurem Natron durch 
Zusatz von Kaliumcyanat zur Hamstofflosung, die Ausbeute an Stickstoff 
sehr wesentlich fjcsteipert. Setzt man nämlich zur verdünnten Harnstoff- 
iösung erst Cyanat und concentrirte Natronlauge hinzu und lässt hierauf 
Bromlösung langsam einfliessen, so erhält man 99,8 — lOOVo geforderten 
Stickstoffmengen. Auf Gmnd dieses Verhaltens wendet Allen nachstehendes 
Verfahren auf den Harn an. 5 Ccm. 'Ics zu unter.suohetiileii Harns werden 
im Entwicklun<;sgefäss mit ().25ü (irm. Kaliumcyanat und nach erfolgrter 
Auflösung mit 2b Ccm. einer 40*'/oigen Natronlauge versetzt, dann nach 
Verbindung des Gefässes mit dem Nitrometer mittels Seheidetrichters all- 
mälig mit Bromlösiing (2 Grm. Brom in 16 Ccm. einer üQ'/^lgen Brcmkalium- 
lösunp^i zusammengebracht und das entwickelte Gas gemessen. Die Stick- 
stoffentwicklung tritt sofort ein und ist gewöhnlich beendet, sobald die 
H&lfte der Bromlösang zugesetzt Ist. 

Bei der Anstellung der Zuckerreaction mit Phenylhydrazin tritt häufig 
auch in zuckerfreien Harnen ein kryst alIinisch<M- Niederschlas; auf. dessen 
Natur bis jetzt noch nicht mit Sicheiheit erkannt ist. Doch gelang es 
M. Jaff£ ") aus dem Haru eines mit Fleisch gelütterten Kindes eine reich- 
liche Menge eines gelben, in breiten rhombischen und sechsseitigen Bl&ttchen 
nnd Tafeln krystallisirenden Niederschlages zu Isoiiren. Die Untersuchung 
ergab, dass der Korper Pbenylsemicnrbacid war, eine Verbindung, 
welche von E. Fischer entdeckt und u. A. von Pinner durch Erhitzen von 
Phenylhydrazin mit Harnstoff erhalten wurde (C, H5NH— NHCONH,). Weitere 
Untersuchungen ergaben, dass aus stärkeren Harnstoffiösungen nach der in 
der Harnuntersuchung zur Abscheidung des Zuckers mit Phenylhydrazin 
üblichen Methode reichliche Abscheidung des genannten Körpers erzielt 



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Harn. 



105 



wurde, ja selbst aus 2" oipen Lösungen wurden bei Anwendung eines erheb- 
lichen Ueberschusse» an Phenyibydrazin und hinreichend langem Stehen- 
laMen (1 — 2 Tage) bei kfihler Temperatur noch 84,8Vo <1m HamBtoffes in 
Form obiger Verbindung ausgef&llt. Aus Mensdienharn oder im Harn mit 
Brot oder Milch gefutterter Hände liönnte man die Verbindung nicht er^ 
halten. 

Die grroesenHameinremengeo, die beiLealc&mie auftreten, sowie die Unter- 
suchungen HoRBAOZBWSKi'e lassen eine Besiehung der Harns&nrebildung sn 

den weissen Blatkorperchen annehmen. W. Kf hnau ••) bestimmtt^ Harnsäure- 
ausscheidung und Leukocytenzahl in F'ällen von Leukämie, von Pneu- 
monie, von septischer Infection und in Fallen von malignen Neoplasmen 
(Cardnom und Sarkom), bei Hunden, denen ein Bakterlenextraot von Ba* 
eillus pyoeyanens, Müsextraet, Terpentinöl, aseptischer Eiter, Thymasanf- 
schwemmung und Pyocyaneusprotein. Nucleinlösung injinirt war. In allen F&IIen 
war eine Steigerung der Harns&ureausscheidung zu constatiren, meistens 
war auch gleiehseitlg Leukocytose Toriunden, aber aneh ohne Lenkocytose, 
wie nach lojection von as^tischem Eiter und Thymusaufschwemmung nahm 
HarnsrnireausscheidunE: zu. Auch auf das Fieber allein kann die liarnsSure- 
stei^jerunjc nicht zurückdof ührt werden, da auch bei fieberlos verlaufenden 
Krankheiten (kachektischer Leukocytose; die iiuruäuureausfuhr erhöht war. 
Auf das rasche Absinken der Lenkoeytose folgt eine Steigamag derHara- 
säureausscheidung, bei der experimentell erzeugten Leukocytose erreicht sie 
Iliren Gipfelpunkt erst beim Verschwinden der Leukocyten. 

Die im VI. Band der Encyclopädischen «iahrbQcher mitgetheilte Methode 
der getrennten Bestimmung der Hamsiure und der Alloxorbasen von KrOgbr 
und Wdlpf (L e. pag. 242) wurde, noch bevor die Exacthelt der Methode 
erwiesen war, namentlich von Seite der Kliniker, in grossem Massstabe 
dazu benützt, um die Ausscheidungsverhältnisse der Alloxurkörper aus dem 
Organismus bei Nierenkrankheiten und bei der Gicht zu verfolgen. Doch 
bald machten sich Stimmen gegen die Verlässlichkeit der Methode geltend. 
Schon auf der Frankfurter Naturforscherversammlung sprachen sich His, 
Laquer, Str.\1'ss und Zülzer, der schon früher (Berliner klin. Wochenschr. 
1894, Kr. 4) auf einige Uebelstände bei Anwendung der Methode aufmerk- 
sam gemacht hatte, gegen dieselbe aus, und In der vorliegenden Arbeit L 
bringt Laqubr eine ganze Reihe von Zahlen, welche ein sehr ungQnstiges 
Urtheil über die Krüger- VVi i.KK sche Bestimmungsmethode in sich schliessen. 
Während in einem Versuche, den Einfluss von Caseinpräparaten auf die 
Ailoxurkörperauäscheidung zu bestimmen, die Hamsäureausfuhr die nach 
den anderen Versuchen sn erwartende Aenderung aufwies, seigte die Alioxur* 
körperausseheidung, nach KrINü k Wi i.fp bestimmt, in 33 Einnlbestimmungen 
paradoxe, d. h. kleinere Stickstoffwerthe, als sich aus der gefundenen Harn- 
säure allein schon ergeben. Controle mit anderen Reagentien änderte an 
dem Resultate bei diesem Harne nichts. 

Bei der Prüfung der Methode verglich Gitmfrecht den N-Oebalt des 
KupferoxyduIniederschlaß:es mit dem des Silberniederschlap^es. In (i Fällen, 
die er daraufhin untersuchte, fand er durchschnittlich nach Kui'GEit VVi'lff 
um 6 Mgrm. N mehr in ]e 100 Ccm. Harn als nach der Silberniethode 
(Maximum 9,1, Minimum 4,76 Mgrm.). Qumprbcht tbellt diese Resultate In 
einer Arbeit mit, in welcher er einen Fall von Leukämie bespricht, bei dem 
trotz fast vollstfindiger Inanition täglich ungefähr 0,4 Grm. Alloxursiickstnff 
ausgeschieden wurden, wobei die Harnsäurewerthe fast normal, die Basen werthe 
aber erhSht waren. Verfasser macht darauf aufmerksam, dass kein Verliftltnies 
besteht zwischen erhöhten Leukocytonmengen bei Leukämien und den dabei 
beobachteten Allo.xurkörperverraehruneren. die sich in viel engeren Grenzen 
bewegen. In dem vom Verfasser beobachteten Falle zeigte sieb ein gleich- 



106 



Harn. 



sinniges Steigen und Fallen der Leukocytenmenge im Blute und des AUoxur- 
körperN im Harne; ob das aber als ein Zelehen dafflr ansasehen ist, dass 

die Alloxurkörper des Harns tbatsiohUch von den zerfallenden Leakooyten 
geliefert werden, wie dies Verfasser annimmt, bleibt noch immer fraglich. 

In einer Arbeit »üeber die Alloxurkörper and ihr Verbältniss 
mr Gicht« wendet sieh H. Malpatti gegen dfe von Koluch vertretene 
Lebre. nach welcher das Wesen der Gicht In einer Steigerung des Zellkern- 
lerfalles im Orpanismns ril>er die normalen Grenzen hinaus zu suchen wäre, 
verbunden mit einer Mehinderung iener Nierenfunction. durch welche die im 
Körper entstandenen Xanthinbasen in Harnsaure umgeprägt werden sollen. 
Malpatti betont snerst, dass eine solche Vermehrung der Produete des 
Nuclcinzerfalles im Harne von Gichtikern weder frfiher mit den Siteren 
Methoden — deren Brauchbarkeit durch eigene Versuche nachgewiesen wird — 
noch auch in der jüngsten Zeit mit der KROGBR-WuLFF schen Reaction nach- 
gewiesen worden sei, dass also die wenigen von Koliscr aufgefObrten F&lle 
als Ausnahmefälle za betrachten seien. Ein von Verfasser untersuchter Pall 
zeijrtf bei eincnn Gichtiker ebenfalls Wertho für <lie Alloxurkörperaussfhpidung, 
welche die normalen Grenzen nicht iib>^rschritten, nicht einmal während des 
acuten Anfalles, in welchem eine \'ermehrung um ungefähr ein Drittel gegen 
die anfallfreie Zeit nachgewiesen wurde. 

Aber auch der andere Theil der von Kolisch aufgestellten Hypothese, 
die UmprSgunc: der Alloxurkörper zu Harnsäure in der Niere betreffend, 
lässt sich nicht rechtfertigen ; alle GrQnde, welche gegen die Ansicht, dass die 
Harosiure in der Niere gebildet werde, angefflhrt zu werden pflegen, sprechen 
dagegen. Auch spedelle Versuche des Verfassers, in welchen eine Einfluss- 
nähme frischen Xierengewebes auf <lie HoRBACzEWSKi sche Reaction — näm- 
lich Umwandlung der Xanthinkörper des Milztofarcts in Harnsäure durch 
Oxydation mit Blut — aufgesucht werden sollte, ergaben ein durchaus nega- 
tives Resultat, |a das Nierengewebe behinderte eher die geoannte Reaetion. 
Es ist dabei zu bedenken, dass es sich da nicht um eine Umprägung im 
gewöhnlichen Sinne des Wortes handelt, sondern um eine Oxydation von 
Xanthinkörpern zu Harnsäure. Eine solche Oxydation steht aber ganz ohne 
Analogie da, denn auch im HoRBAOznwsKi'schen Versuche wird nur die ge- 
meinHchaltllebe Vorstufe der genannten Substanzen oxydirt, nicht die fertigen 
Xanthinbasen, wie Koi.iscii in seinen Ausführungen annimmt. Der ganze 
Process der »Harnsäureprägung« wird von Koi.is( h als ein Entgiftungsvor- 
gang aufgefa$>st; aber erstens hätte eine Entgiftung gerade in der Niere, 
die sodem fOr das Gift — die Xanthinbasen — mehr empfindileh Ist als 
andere Organe, für den Organismus wenig Werth, und andererseits IHsst 
sich aus Versuchen von Ehsteix und Ehstein und Xk oi^airr schllessen. dass 
die Harnsäure gleich giftig ist wie die Xanthinbasen. Eine Vermehrung der 
AlloxurkSrper im Harne, speciell der Ofchlilcer im Anfalle, glaubt Malpatti 
nicht auf vermehrten Nucleinzerfall zurürkfuhren zu sollen; ein solcher 
mi'isste eine gleichsinnige Steigerung der Fhosphorsäureausscheidung nach 
sich ziehen, eine solche lässt sich aber nicht nachweisen. Die Thatsache, 
dass In msnchen Krankheiten — Gicht, Nierenerkrankungen — die Bildung 
der Harnsäure mit Ihrer Ausscheidung nicht gleichen Sehritt h&lt, glaubt 
Verfasser auf eine angeborene oder erworbene Verminderung der Empfind- 
lichkeit der Niere für dieses Ausscheidungsproduct oder besser auf eine 
Herabsetzung des Heizschwelle für die Ausscheidung desselben zurückführen 
SU sollen. 

Huppert'") hat bei vergleichenden Stickstoffbestimmungen nach dem 
Kupferoxydul und dem Silhervorfahren. tini einen möglichen Verlust von 
Harnsäure bei der Silbermothude zu vermeiden, Harnsäure und Xanthinbasen 
susammen nach Amn ursprünglichen Verfahren von Haycraft geflUlt, das 



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Harn. 



107 



Tripelphosphat aber nachträglich vor der Stickstoffbestimmung wieder ent- 
fernt. Zn diesem Zwecke wurde der auf einem Saugfilter gesammelte und 
nur oberflftcblieb auagewaaebene Nlederseblagr im Waaier vertbeilt and mit 

10 Ccm. einer ungefähr 40*" o'gPO Natriumbisulfitlosxing bis nahe zum Sioflen 
erhitzt. Auf diese Weise wurde der Niederschlag: bis auf einen trerinpren 
Rest in Lösung gebracht und die Harnsäure der oxydireuden Wirkung des 
Sllberozyda entzogen. Dann worden Harnsävre und Xanthfnbasen nach 
RrC6SR> Wulff gelullt, nur mit dem Unterschied, dass der Zusatz von Chlor- 
baryum unterblieb. Nach zweistündigem Stehen wurde flpr Niederschlag auf 
einem Filter aus Munktellpapicr soweit ammoniakfrei gewaschen, dass feuchtes 
rotbes Lackmuspapier auch bei längerem Verweilen Ober dem mit Lauge 
▼ersetaten Wascbwasser nicbt mehr gebltnt wurde. Er verglich den so 
erbaltenpn Nirdcrschlag mit dem direct nach Knf fiKii-WrLFF erbaUrnen. 
wobei letzterer im Mittel um 2b — '„ mehr Stickstoff ergab. Demnach 
erklärt Huppekt die Methode von Kuüükk und Wulff für unbrauchbar. Den 
Mebrgehalt, den man naeb letxterer Methode an Stickstoff erhUt, leitet 
er von dem Eiweiss, welebes in jedem Harn vorkommt, sowie von dem 
nie fehlenden Rhodanwaaseratotl, weldie beide durch Kapferoxydul gefällt 
werden, ab. 

Die Versuche von F. Uuberi«) über den Einflnas nuoleiiihaltiger 
NfthruBi; auf die Harnsfturebildiins bestätigen die dermalen herrschende 

Ansicht Ober den Zusammenbang zwischen dem Zerfall von Niirleinstoffen 
und der Harnsäureausscheidunjx. Bei dem täglichen Genüsse von äüO Grm. 
Thymus war die Harnsäureausscheidung gegenüber 500 ürm. Fleisch be- 
trftcbtlieb vermehrt Bei 300 Grm. war der Unterschied nicht so wesentlieh. 
500 Grm. Leber täglich wirkten bei einer Person stark Harnsäure ver^ 
mehrend, bei einer anderen weniger. Kalbsniere und Kalbshirn geben an- 
nähernd dieselbe Harnsäureausscbeiduog wie Fleisch. Bei vorwiegender 
MilehnahruDg war die Hamsänreanssebeidung betrichtlleh geringer wie bei 
Fleischkost. Die Menge der ansgesehiedenen Xantbinbasen schwankt Iwi 
Gesunden in weiten Grensen; sie wird durch AlkaUsufuhr und MUchnahrang 
vergrössert. 

Nachdem Weintraud den endgiltigen Nachweis erbracht hat, dass die 
Vermehrung der Nahmngsnneleine eine Vermehrung der Hamsäureanssehel- 
dung nach sich ziehe, wogegen die Beobachtung von Umber, dass 300 Grm. 
Thymus in der Nahrung keine Alloxurkörper hervorrief, darauf zurückge- 
führt werden muss, dass in diesem Versuche gar keine Resorption des 
Thymus statthatte , wie sieh aus den Phosphorsfturewerthen ersohliessen 
liest, und nachdem Rosbnfeld und Orglbr eine solche Veränderung im 
Harn auch von Erhobung des Eiweissnmsat/es, ja selbst bei gleichbleibendem 
Elweissumsatz von einer Vermehrung der Zufuhr von Kohlenhydraten und 
Fett abhängig sein Hessen, versuchteu N. Heüs und £. Schmoll die Frage, 
ob die Allozurkfirper des Harns ausschliesslleh den Nncleinen entstammten, 
oder ob sie als Endproducte des gewöhnlichen Biweissstoffwechsels ent- 
stehen könnten, dadurch zu entscheiden, dass ,iie in länger dauernden Ver- 
suchen der im Uebrigen coostanten Tagesnahrung Eiweisskörper (Eierei weiss 
von 24 Eiern) oder den echten Nncleinen viel näher stehende , aber durch 
den Mangel der Xanibinkörper sich unterscheidende Paraaueleine (die Dotter 
von ebensoviel Eiern) zulegten. Diese Zulagen bewirkten nun keine Ver- 
mehrung der Alloxurkörperausscheidung. während bei den gleichen Versuchs- 
personen nach Zufuhr einer in Bezug auf Stickstoffgehalt entsprechenden 
Menge Kalhsthymns eine solche (von 0,24, respeotlve 0,21 Alloxurkörper N 
für beiläufig 3,5 Qrm. resorbirten Thymus- N) nachgewiesen werden konnte. 
Verfasser schliessen daraus, dass Eiweiss und Paranucleinsubstansen in 
keiner Beziehung zur Harnsäure stehen. 



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108 



Harn. 



Eine Steigerung der Harnaftoreausscheidung nach Einnahme 
▼OB aalleylsanreBi Natron liat zaerst B. Salohä unter der Leitung HoR- 

BACZEwsKi's (1885) beobachtet. Bei Kranken machten A. Haig und E. Pfeiffbr 
die g:leicfae Hfohachtung. Letztere deuten diese Erscheinung dahin, dass 
die Salicylsäure im Stande sei, die im Körper zurückgehaltene Harnsäure 
in grSflsorer Menge In LOsang nnd snr Ansaeboidnng ra briogra. Naoli 
K. BoHLARD'*) wtre diese Erkl&rung eventuell noch zulässig fQr Gichtkranke, 
bei denen ja Depots von nicht in Lösung befindlicher Harnsäure vorhanden 
sein können, allein bei Kheumatikera und bei Gesunden ist eine Anhäufung 
von Harns&nre im K9rper nielit ansonehmen. Um diem Frage nach Mög- 
lichkeit in erkiftren, nahm K. Bohlakd die besfiglieben Versuche nochmals 
auf, wobei zug^leich die Loukocyten frezfihlt und selbstverstruullich die Harn- 
säureausscheidung: (juantitativ confroliit wurde. Aus den Versuchen geht her- 
vor, dass die verabreichten Mengen von salicylsaurem Mutron (2nial 1.5 und 
5mal 1,0 Orm. tSglicb) in der That eine betrftohtliehe Steigerung der Harn- 
H&ureausscheidung hervorzurufen vermögen ; w&hrend im ersten Versuche 
an den Xormaltagen die im Harn enthaltene Harnsäure im Mittel l.i'j Grra. 
am Tage betrug, stieg sie unter dem Einflüsse der Salicylsäure auf l,Gö5 
(in maximo auf 1.875 Orm.), entsprechend also einer Vermehrang nm 60Voi 
respeotive 84V«« gleichen Sinne änderte sich die Zahl der Leukocyten im 
Blute, die an den Norraaltagen im Mittel 71 ". J pro rul)ikcentimeter Blut be- 
trug und dann auf 14.565 im Mittel anstieg, also mehr als auf das Doppelte 
vermehrt wurde. Ganz analog waren die Ergebnisse im zweiten Versuche. 
Borland zieht daher ans seinen Versuchen den Schlnss, dass mittlere Gaben 
von salicylsaarem Natron eine deutliche Vermehrung der Leukocyten im 
Blute verursachen und dass die hierdurch bedinjjte Leukolyse eine Steige- 
rung der Harosäureausscheidung veranlasst. Hieraus folgt aber für die 
Praxis, dtms die Darreichung von salicylsaarem Natron, wie sie EL Ppbippbr 
empfiehlt, kaum nutzbringend sein dürfte; es ist im Gegentheil die Gefahr 
vorhanden, dass durch die erhöhte Harnsäureproduction die Harnsäurereten- 
tion in den Tophis und die Vergrüsserung der harnsauren Concremente in 
den Harnwegen beträchtlich gesteigert wird. 

Bezüglich der Ausscheidung des Coffein und Theobromin im 
Harn fand Rost i^), dass beim Kaninchen Coffein bis zu einem Viertel der 
eingebrachten Menge im Harn unverändert erscheint, während heim Theo- 
bromin das Maximum beim Hunde erreicht wird, und zwar bis zu ^P/q. 
Interessant ist die Thatsache, dass die diuretisehe Wirkung mit der Aus- 
scheidungsgrösse im Zusammenhang steht, sie war beim Kaninchen durch 
Coffein am grrisslen, beim Hunde durch Theobromin. Beim Mensrhen wurden 
von Coffein quantitativ nicht nachweisbare Mengen, von Theobromin bis zu 
20°;o im Harn nachgewiesen, was sehr zu Gunsten des Theobromins als 
Diureticum spricht. 

lieber die Constitution des Heteroxan thins und seine physio- 
logischen Wirkungen berichten M. KrCgeu und G. Salomon. ^''i .'^ie erhielten 
von 10,OUÜ Liter menschlichen Harns 7,5 Grm. Heteroxantbin neben Xantbin 
nnd Parazaotfain. Die chemischen Versuche Aber die Constitution des Para- 
xanihins, welches allgemein als Monomethylxanthin gilt, führten zu dem 
Resultate, dass die Methylgruppe sich crem im Harnstoff findet. I)ie physio- 
logischen Versuche wurden an Fröschen und weissen Mäusen K''"'acht. Das 
in Piperazinlösung gelöste Heteroxantbin wirkt, in den Thier l^ürper einge- 
führt, örtlich auf die Muskeln: Contraction und Brstaming der Muskel- 
gruppe, in deren Nähe injicirt wurde. Die Respiration wird gelähmt, die 
Bewegungen der Skeletmuskelii werden träge und unbehilflich. Die Reflexe 
sinken. Die Herzlhütigkeit bleibt bis zum Tode erhallen. 



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Rarn. 



109 



Eine klinische Bestätigung für die Theorie Horbaczbwski's, 
naeh welcher die Harnsäure Im Orgaolemne aas dem beim Zerfall der 
Zellen frei werdenden Nucle'i'n eDtstetat, ergaben die Untersurbungen Ton 
Duxix und NowACZEK über Harnsäureausschoidung bei croupöser Lung^en- 
entzündang. Sie prüften bei dieser Krankheit, weil auf dem Höhepunkt 
dieeer bei der Resorption des ExsndateSf der Zerfall der Leukocyten ge- 
stelgrert Ist In allen daran! hin ^rfiflen FIMen nahm ^e Hamsftnremeiife 
schon am Tage vor der Krisis zu : narh der Krisle aber ^tieg sie plötzlich 
80 erheblich, dass sie sich zu der dreifachen Höho des Fioherstadiums 
erhob. Diese Uarns&urekrisis hielt 2 — 4 Tage an, um dann langsam abzu- 
fallen ; allein erst naeh Verlauf von 7 — 8 Tagren sank sie wieder snr Norm 
ab. Diese Hamsänrekrisls ist unabhängig von der sogfenannton Harnl^risis, 
welche erst spftter auftritt. Auch kann die Vermehrung der Harnsäure» 
ausfuhr nicht auf eine vermehrte Nahrungszufuhr zurückgeführt werden. 

Den Binflnss von vollständig stickstofffreier, ferner von 
vegetabiler und animalischer Kost auf die Ausscheidung des 
Harnstoffs, der Harnsäure und iripirhzeit ijr der Xanthinkörper 
und der Phosphnrsäu re in der Form der sauren i^hosphate bestimmte 
Cameker in ihrem \' erbältnisse zu einander und ihrer Gesammtmenge nach 
in einer Iftngwen Versuchsreihe. Der Harnstoff wurde nach HOniBR, die 
Harnsäure und gleichzeitig die Xanthinkörper aus dem Stickstoffgehalt der 
SALKOWSKi'scben Silherfällunff bestimmt. Durch die Einfuhr von stickstoff- 
freier Nahrung (Brötchen aus Schweinefett, Zucker und Stärkemehl) wurde 
die Ausfuhr der Phosphors&ure gegen die Zeit des nflchtemen Znstandes 
herabgedrflcktf ebenso die des Basenstickstoffs (=: Harnsäure + Xanthin- 
basen). und zwnr sank dieselbe stärker, als der gleichzeitigen Verminderun«? 
der Gesamuitstickstoffausfuhr ent.sprach. Bei den Versuchen mit stickstoff- 
haltiger Kost zeigte sich ein Unterschied zwischen der V'erwendung von 
xanthinkörperhaltigen und •freien Snbstaasen. Annähernd gleiche Blwelss- 
mengen, gegeben in Form von Milch oder Elweiss, oder aber in Form von 
Thymus oder Erbsen mit Fleisch, ergaben 7war prieiche Steigerung der Ge- 
sammtstickstoffausscheidung, jedoch zeigte sich bei den letztgenannten Kost- 
formen eine etwa 5mal so starke Vermehrung des BasensUckstotfs. Die 
Vermehrung der Xanthinkörper bei diesen Kostformen darf also nicht auf 
Verdauungsleukocytnso zurfickefpfuhrt werden, sondern auf die Ausscheidung 
der durch die Xahrunt? irenossenen Xucleinkörper, da man ja keinen Grund 
hat anzuneiiiuen, dass bei der Verdauung annähernd gleicher Eiweiss-, respec- 
tlve Nahrungsmengen so ▼ersctaleden starke Verdauuni^Ieukocytose auf- 
treten sollte; dabei ist aber zu bedenken, dass auch der im nüchternen 
Zustande ausgeschiedene Basenstickstoff nicht ausschliesslich von dem 
Nucleinzerfall der Körperzellen, sondern theilweise auch von früheren Nah- 
rungsaufnahmen herrflhren könne, wie dies Caubsbr theils ans eigenen Ver^ 
suchen, theils aus den Versnchsresultaten Wbintraud's nachweist Auch die 
vielfach angenommene individuolle Disposition zu mehr oder weniger reich- 
licherem Nucleinzerfall oder hesser Basenstickstoffausscheidun/j: führt Camereei 
auf Differenzen der Ernährungsweise zurück, da es ihm gelang, Menschen 
▼on sehr Tersehledener derartiger Disposition durch gleichförmige Bmäh- 
rang auf gleichförmige Verhältnisse unter den Stickstoffwerthen zu bringen. 
Hingegen zeigt sich ein starker Einfluss der P>nährung hesontiers auf das 
Verhältniss der Xanthinbasen zu der Harnsäure i am wenigsten Xanthin- 
basen wurden ausgeschieden bei rebier flelsehkost, am meisten bei rein 
vegetabiler Kost Bei Uratikem fanden sieb die Verbältnisse der stickstoff- 
haltigen Körper und der Phosphorsäure nicht auffallend verändert. Bei 
Personen, die an Harneries litten, war das Ausfallen der Harnsäurekrystalle 
aus dem klaren verdünnten Urin (spec. Gewicht l.UlU — l,ul."ij weder von 



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110 



Harn. 



dem Qebalte des Harnes an Harnsänre, noch von dem an sanren Phosphaten 
abhftngig. 

In einem Falle von LeukSm ie wurde von Ri dolf Külisch und Richakd 
BuRiAN '■^'^) das aus Xucieohiston sich abspaltende LiLiENtfiLD'sche Histon 
eonstant nachgewieien. Bs worden die BlwcÄsskürper des Harns mit Alkohol 
getAllt und ans der salzsauren Lösung des Niedersehlageä das Histon durch 
Ammoniakzusaiz ausg:ef;illt. Es zeigte sich aber, dass in diesem einen F'alle 
das Histon nicht abhängig war vom übermässig reichlichem Zerfall von 
Zellkernen, denn es handelte sich am eine Lymphämie mit m&ssiger Leako* 
cytose (und dem entspreehend nicht erhShter Allozarkörperanssebeidangr)- 
Andererseits konnte in Fällen von Leukämie, in welchen ausserordentlich 
vermehrte Ausscheidung von Alloxurkürpern auf erhöhten Leukocytenzerlall 
hindeutete, kein Histon aufgefunden werden. 

Das Anllreten von Alhnminnrle nach Aethernarkosen beobachtete 
Amoblesco^i) nnter 128 FUlen, die er hierauf untersuchte, I6mal. Bei 6 
dieser Fälle war vorher schon Albumen im Urin nachgewiesen. In den 
10 Fällen, die daher allein zu berücksichtigen sind, und in denen die Aetber- 
narkose Ys — ^ Stunden dauerte, war der Eiweissgehalt ein sehr geringer 
und Tersdiwand In 3 — 4 Ta^^n wieder. In den 6 Filien, in welchen schon 
vor der Narkose Albuminurie bestanden hatte, wurde der Eiweissgehalt 
durch die Aetbernarkose nicht gesteigert. Es kommt also dem Aether ein 
wesentlich schädigender Einfluss auf die Nieren keineswegs zu. 

Zur Fra^e der vaccinalen Albuminurie untersoehten B. Pbipbr 
und S. Sciinaase22) bei 122 Erst-, bei 24 Wiederimpflingen und bei 127 Militär- 
impflingen (Recruten) den Urin am 1., 3., 7. und 10. Tairo. Ks zeigte sich, 
dass bei 5,73^0 Erstimpftinge, bei 16,6<>/o der W'iderimpflinge und bei 
10,63% doi* Recruten eine ganz leichte Albuminurie eintrat. Die ausge- 
schiedenen Biwelssmengen waren niemals messbar ; die mlkrosko^che Unter- 
suchung fiel regelmässig negativ aus. Das Auftreten der .Mhuminurle konnte 
weder mit der Höhe des Fiebers, noch mit der Zahl der auftretenden Pocken 
in Zusammenhang gebracht werden. 

Das seltene und Interessante Vorkommen von cykllscher Albumin- 
urie bei Geschwistern beobachtete S. Schorn *') bei zwei Schwestern von 
18 und l.'i .lahren. Das Eiwelss trat im Verlaufe des Tages im Harn auf, 
verschwand gegen Abend, der Murgenharn war eiweissfrei. Formelemente 
der Niere, Harncylinder und sonstige Zeichen einer Nierenerkrankung wurden 
niemals Im Harn aufgefunden. Nach lOt&giger Bettrahe blieb bei der Alteren 
Schwester das Eiweiss durch :} Tage aus, um dann wieder in gleicher Weise 
wif früher aufzutreten. Das ältere Mädchen litt an rhlomse. das iüneere 
wird als anämisch bezeichnet. Bei zwei Geschwistern dieser beiden Müdeben 
wurde eine Biweissausscheldung nicht beobachtet. 

Ueber einen Fall von Album osurie, welchen Byroii*Bkam\vell als 
.\rzt und Noki, Paton beobachtet hatten, berichtet Hi'ppf.ut. -*) Der Fall 
zeichnet sich dadurch aus, dass der im Harn enthaltene Eiweisskörper sich 
krystallinisch abschied. Die schottischen Autoren hielten denselben ffir einen 
sur Gruppe der Globuline gehörenden Körper, hingegen schliesst Huppert 
sowohl aus dem Coagulalionspunkt des krystallisirondon Kiweisskörpers, 
(it-r «ronau mit dem der Ht'teroalbumose zusaramenfiillt , ferner aus den 
von MiUKAY bei der V^erbrennung des fraglichen Körpers enthaltenen ana 
lytischen Daten G 51.89, H 6,88, N 16,06. S l,24Vo, welche mit den von 
Kühne und Bencb Jonks bei Analyse der Albnmose enthaltenen Zahlen aehr 
nahe übereinstimmen, dass es sich in diesem Falle um Albumosurio ge- 
handelt habe. Der betreffende Harn war sehr reich an Eiweiss, i n Durch- 
schnitt 2—3%. Der Eiweisskörper schied sich maadimal schon nach ein 
bis swei Tagen, manchmal erst nach Wochen und Monaten ans. Das ent- 



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Harn. 



III 



standene krystallinische Sediment machte bei der ersten \Vahrnehniun<r des- 
selben ein Fünftel des Harnvolums aus. Aach der Untersuchung von NukL 
Pator konnte der BfweisekOrper anoli austerhalb des Harne snr Krjratalll- 
sation gebracht werden. Dazu wurde der frische Harn mit dem gleichen 
Volumen gesättigter Araraonsulfatlösung vermischt, der entstandene Nieder- 
schlag mit balbges&ttigter Ammonsulfatlösung gewaschen und in einem 
PergamenteoUaaeli naidi Znsats von etwas Tbymol erst 3 Tage gegen 
fliessendes Waeterf dann nocb 48 Stunden gegen oft gewecbseltea destflllrtes 
Watser dlalysirt. Der krystallinische Niedorschlaf;:, welcher sich dahei ah- 
geschieden hatte, wurde dann noch durch Decantiren mit destillirtem Wasser 
von noch gelöstem Eiweiss und vom Sulfat befreit. Die Krystalle, welche 
sieh von seibat ans dem Harn abgescbieden hatten, worden dnrdi mehr- 
tägige Dialyse gegen fliessendes Wasser und durch Deeaatiren mit destil- 
lirtem Wasser gereinigt. Die Krystallo bestanden ao8 langen, schmalen 
Tafeln mit zweiflächiger, ungleich langer, stumpfwinkeliger Zuspitzung. Aus 
ihren Lösungen (Harn) schieden sie sich In kugeligen Aggregaten höchstens 
von Stecknadelkopfgrösse aas; sie waren onlöslleh in kaltem nnd heissem 
Wasser, sowie in Alkohol, loslich in verdünnten Xeutralsalzlösun^en, ferner 
in Säuren und Alkalihydraten; die Krystalle geben die Xanthoproteinreac- 
tion und die Lieberuann sehe Eiweissreaction ; sie traten nur dann auf, wenn 
dw Harn seine saore Reaetion beibehielt. Im Harn begann die Coagulatlon 
bei 69—60" und war bei 62» C. vollendet. 

Das Auftreten von Fieber nach der Einführung von Baktorienproteinen 
und anderer Albumosen mit gleichzeitiger Ausscheidung von Aibumosen 
dnreh den Harn wnrde von vielen Aotoren beobachtet; iedooh andi die 
Binspritanng von anderen Stoffen, SUbernitrat, Jodlösung. Thiophen, Bensol, 
Aceton etc., er/eiiprt Fieber. K. Ha.xck "^f^) suchte nun die Frao:e, ob diese 
letzteren Körper direct Fieber erzeugen oder aber da'lurch diiss sie erst 
zur Albumosenbildung im Organismus Veranlassung gehen, zu entscheiden, 
indem er Kanineben nnd Meerschweinchen Snbernitrat- nnd Jodlösnngen 
einspritzte und dann, wenn Fieber auftrat, Albumosen im Harn aufsachte. 
Er konnte solche thatsächlich aus dem Niederschlag, den der Harn mit viel 
Alkohol ergab, isoliren; auch in einigen Fällen beim Menschen, weichen 
sn therapentisohen Zwecken Jodlösungen in Hydrokelen eingespritst worden, 
trat Alhamowirie auf. Mit dem Abklingen des Fiebers schwanden auch 
die Albumosen aus dem Harn. Ob aber die Albumosen das ätiologische 
Moment oder ein Symptom des Fiebers darstellen, muss unentschieden 
bleiben. 

Hit der von Salkowski snm Nachweis des Peptons im Harn ange- 
gebenen Methode (s. Encyclopäd. Jahrb. VI, pag. 251) hat Bruno Lbigk**^) in 
einer grossen Ansalll von Krankheitsprocessen nach Albumosen gesucht. 
Zur Methode Salkowski's macht er die Bemerkung, dass die von diesem 
uigegebene geringe Menge verdönnter Natronlauge (8 Gem. Wasser, dem 
0,5 Ccm. Natronlauge von etwa 1,16 spec. Gew. zugesetzt ist, oder statt 
dessen ein Viertel Normal- Natronlauge: häufig zur Auflösung des Nieder- 
schlages nicht genügte, und dass er entweder eine stärkere Natronlauge 
oder eine grössere Menge der schwächeren anwenden musste. Bezüglich des 
diafnostisehen Warthes der Albnmosorie weist er darauf hin, dass sie regel- 
miaaig nur bei Pneumonia fihrinosa angetroffen wurde. Für die übrigen 
Krankheiten, Typhus abdominalis, Typhlitis und Perityphlitis, Peritonitis puru- 
lenta, Hepatitis interstilial., Tuberculosis pulmonum, Polyarthritis rheumatica, 
war eine Geaetxm&ssigkeit im Auftreten der Albumosurle nicht zu erkennen. 
Der Ansicht, dass in jedem eiweisshältigen Harn nach dem Kochen und 
Essigsäurezusatz Albumosen zu linden seien, schliesst sich B. Lbick auf 
Grund seiner Versuche nicht an. 



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112 Harn. 

In 4 PiUen von Osteomalacie, die s&mmtlich Mftnner betrafen und 

in denen es sich wahrficheinllch nicht um Osteomalacie . sondern um mul- 
tiple Myome handelte, untersuchte M. Matthes^^) den Harn auf das Vor- 
handensein der bei Osteomalacie im Urin vorkommenden Eiweiss- 
kdrper. Aaeh er fand eine Elweisaanbetans, welche, wie die früher be« 
schriebenen, bei niederer Temperatur, 53^ gefällt wurde und sich beim Er- 
wärmen über 60° wieder auflöste. Auch die durch Essig^säure und Ferro- 
cyankalium bewirkte Fällung löst sich beim Erwärmen. Im Harn fällt der 
Körper oft spontan ans. Der Coagulationspnnkt wecheelt sehr, |e nach Sali- 
und Säuregehalt. Die Fällung bei 40 — 60" ilt keine eigentliche Coagulation, 
denn sie lässt sich in kohlensaurem Natron lösen und giebt wieder die 
ursprüngliche Reaction. Der Körper zeigt die Eigenschaften der Albumosen. 
Zerlegt man ihn aber durch längere Magensaftverdauung, so spaltet sich ein 
eleenbaltlgee Nncleia ab. Der Körper ist also eine Nndeoaiboniose nnd 
wahrscheinlich von dem im Knochenmark enthaltenen eisenhaltigen Nucleo- 
albumin abzuleiten. Bei einer typischen puerperalen Osteomalacie ist der 
Körper bisher nie gefunden worden. 

Naebdem A. Wriobt nach In{ectionen von Nncleobiston in das BInt 
schon 1892 im Harne freies Histon nachweisen konnte, haben zuerst Krehl 
und Matthes im Harn von fiebernden Kranken eine Substanz isolirt, welche 
alle Eigenschaften des Histoos besass. Neuerdings berichtet Au. Jollbs 
Ober das Auftreten von Nncleobiston im psendoleukftmisehen Harne. 
Die Bedentnngr dieser Befunde erliellt ans der Oenese des Nneleohlstons, 
einer zu den Nucleoalbuminen gehörenden Substanz, welche zuerst von 
Lilienfeld aus dem Wassoie.xtract der Lyraphocylen dargestellt wurde, 
und welche den chemischen Huuptbestandlheil des Lymphocytenkerns bildet. 
Das Nncleobiston wird ans seinen wftsserigen Lösungen durch verdQnnte 
Essigsäure gefällt; aus seinen Lösungen in sehr verdünnten Alkalien ist es 
durch Magnesiumsulfat nicht aussalzbar: durch Behandlung mit Alkalien, 
namentlich mit Baryt, ferner mit verdünnter Salzsäure oder siedendem 
Wassw serlillt es in ein KemnneMn, welches Lilibnfbld als Lenkonnclein 
beseichnet, nnd in einen basischen, albumosenartigen Bestandthell, den Kossbl 
Histon nennt. Wie alle Nucleine, so zeichnet sich auch das Nucleohiston 
durch seinen hohen Phosphorfjehalt aus. Nach diesen Bemerkunp:en über den 
chemischen Charakter des Nucleohistons wird uns auch das zur Auffindung 
nnd Charakterisirung desselben im Harn gefibte Verfahren verst&ndlich. Ks 
wurde also der im Harn durch Essigs&nre fällbare Eiweisskörper abfiltrirt, 
der Niedersrhlaq: in verdünntem kohlensauren Natron gelöst und schwefel- 
saure Maguesia bis zur Sättigung eingetragen. Es resultirte hierbei nur 
eine sehr schwache TrQbnng, die in gar keinem VerhUtnisse zn dem 
durch blossen Znsats von Essigsäure hervorgerufenen Niederschlag stand. 
Durch Verarbeif unrr von circa ' ^ Liter Harn in der angegebenen Weise 
konnte in dorn Filterrückstande noch keine Phosphorreaction erhalfen werden ; 
hingegen konnten schon in dem aus circa 150 Ccm. Harn erhaltenen Essig- 
säureniederscblage, welcher mehrmals snr Reinigung in Alkali gelöst und 
durch Essigsäure gefällt worden war, Phosphorsfture qualitativ deutli -h con- 
statirt werden. Zur näheren Charakterisirung: dieses Körpers wurde der- 
selbe aus dem Harne isolirt und der Phosphorgehalt in der erhaltenen 
trockenen Snbstans bestimmt. Bs resultirte 3,14<>/o Phosphor. Nach Lilibn- 
FELD zeigte das reine Nucleohiston Im Mittel einen Phosphorgehalt von 
3,02.')^' Des Weiteren hat Jolles zum sicheren Nachweise des Nucleo- 
histons die charakteristischen Spaltungsproducte dieses Körpers festgestellt. 
Zu diesem Zwecke wurde ein Theil des aus dem Harne isolirten Nieder- 
schlages mit circa 1% Salssfture mehrere Stunden behandelt, dann liltrfart 
und SU einem Theile des salssfturehaltigen Filtrates Ammoniak sugesetst 



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Harn. 



118 



Es konnte sofort dnt Anftreten einer etarken Trfibung beobachtet werden, 
denn BBeton ist durch Ammoniak f&llbar. Ein anderer Tliell des aals- 
säurehaltigen Fütrates gab mit Natronlauge unti Kupfersulfat schon in der 
Kälte starke Biuretreaction. Endlich wurde die Coagulirbarkeit des Elweiss- 
körpers in der Uitze constatirt, wobei das entstehende Coagulum sich in 
MIneralaftaren sebr leicht anfldste. Somit seigte das durch Einwirkung von 
Salzsäure erhaltene Spalt ungsproduct alle charakterialilschen Eigenschaften 
des Histons und es ist der in dem untersuchten Harne von Pseudoleukämie 
durch Essigsäure fällbare Eiweisskörper mit dem Nucieohiston identisch. 

Zur Kenntniss der Anseeheidnng von Pihrin nnd filninartigen Oe- 
rlnnseln im Harn theilt Klein • ) einige FlUe mit, die er auf der Abthellong 
▼on BaHBBRGER in Wien henhachtete : 

I. Bei einem 5'2iährif?('n Manne . der mit der Diagnose Nephritis be- 
handelt wurde, enthielt der frisch gelassene heile Urin, während die Oedeme 
SDrückf^gen, eine grosse Menge weisser oder weisslich- grauer Gerinnsel 
der .verschied ensten Grösse, und schliesslich seigten manche Harne eine 
ganz eiffenthüraHche Gerinnungsfähigkeit, wie seröse Flüssigkeit. Die Fihrin- 
urie hielt etwa 3 Wochen an. Die chemische Untersuchung der Gerinnsel 
ergab, daas ea sich um eine Ausscheidung von Fibrin handelte. Von Momenten, 
welche fOr die Ursache der Fibrinausscheidung herangezogen werden konnten, 
ffihrt Klein die alkalische Reaction des Harns, den besonders hohen Alburain- 
gehalt und den ungewöhnlich niedrigen Uelialt des Harns an Phosphaten 
an. Bei der Autopsie fand sich Atrophie der Nieren mit amyloider Degene- 
ration. Inwieweit dieser letstere Process fflr die feineren Vorg &nge beim 
Zustandekommen der Fibringerinnung von Bedeutung gewesen sein mag, 
darüber lassen sich keine näheren Angaben machen. 

II. Fibrinartige Q erinnselmassen wurden im Harne eines lOjäh- 
rlgen Mannes, der an Cystitis litt, entleert. Der Urin reaglrte sauer, die 
graoweissen Gerinnsel erwiesen sich bei der chemischen Untersuchung nicht 
als aus Fibrin bestehend, sondern ihrem Haupt bestandthoil nach aus Nuoleo- 
albumin, das von einer Mucinhülle umgeben war. 

Eine titrimetrische Methode zur quantitativen Eiweissbestim- 
mnng, welche an Genauigkeit der Gewichtsbestimmnng nahe kommen soll, 
giebt Wassilibw ») an. Er titrirt 10 — 20 Ccm. Harn (eventuell verdQnntX 
denen '1 Tropfen einer l"/otgen wässerigen Losung von Echtgelb (Anilin- 
farbe) hinzugefügt sind, mit einer 25°/oigen Lösung von Sallcylsulfonsäure 
bis sum Erscheinen einer rothen Farbe. 1 Ccm. der SalicylsuUons&nrelösnng 
entspricht 0.01006 Grm. Eiweiss. Beim Vergleiche der so erhaltenen Zahlen 
mit den durch Alkoholfäliung und Gewichtsbestimmung gewonnenen seigten 
eich nur unerhebliche Unterschiede. 

Zur Trennung der Eiweisskörper von Pepton verwendeten 
Ph. BoGOMOLOW und N. Wassilibpp ») die Trichloressigsftnre, durch welche 
Peptone nicht gefällt werden. Zum qualitativen Nachweis des Peptons im 
Harn empfehlen die Verfasser zuerst nach Devoto durch Sättigung des 
biedenden Harns mit Ammonsulfat die Eiweisskörper und die Farbstoffe zu 
OBtlwnen, hierant Im Filtrat das Pepton durch krystallisirte SalioylsuHon- 
aftnre xu fftllen. Statt dieser S&nre kann man auch Trichloressigsäure und 
Resorcin verwenden, welche aus einer gesättigten Ammonsulfailiisunfr das 
Pepton zu fällen vermögen. Die durch Salicylsulfonsäure hervorgerufene 
F&llung muss sich bei Zusatz von etwas Wasser, wodurch die Ammonsulfat- 
Iftsong verdflnnt wird, sofort auflösen nnd ist dann fQr Pepton beweisend. 

Als neues Reagens auf Albumin und Pepton im Harn empfiehlt 
Yavorovsky 'vi Molybdänsäure. Der Harn wird mit Natriumcarbonat im 
Ueher^chuss versetzt, fütrirt, bis auf ein Drittel seines Volums eingedampft 
und von Neuem filtrirt. Zu 4 Ccm. ffigt man 1 Tropfen einer Lösung von 



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114 



Harn. 



1 ThoU Molybdloammosinm and 4 Theil Aeldum eitrteum Id 4* Wasser. Bei 
Anwesenheit von Albumin nnd Pepton entsteht sofort oder nach einiger Zeit 
eino Trübung; rührt sie von Pepton her, SO l&St sie sich bei Erhitsen und 

erscheint heim Erkalten von Neuem. 

Als neues Reagens auf fiiweisskörper und Alkaloide in saurer 
Lösung empHehlt RiBGLER *') Asaprol (ßoNaphtol'flt^monosalfosauresCaleiQm). 

Man löst 10 Grm. Asaprol in 100 Grm. destillirten Wassers, fQgt 10 (}rm. 
concentrirte Salzsäure hinzu und filtrirt. Einige Tropfen von diesem 
Reagens in eiweisshaltigen Harn gebracht, erzeugen einen Niederschlag, 
welcher beim Bm^rmen nieht sehwindet. Wenn er aber schwindet, so haben 
wir es mit Albumosen oder Peptonen zu thnn. Auch die Alkaloide werden 
durch Asaprol gefällt, der Niedorschlag schwindet beim Erwärmen und kehrt 
nach dem Erkalten wieder. Da auch die Albumosen und Peptone diese 
Eigenschaft haben, muss eine weitere Untersuchung die Entscheidung treffen. 

Die Ozalnrie und da« klinische Bild, welohes diese« Symptom be- 
gleitet, schildert J. C. Di nloi*. Bekanntes auslassend, theilen wir nur die 
efgenpn Untprsuchungon und Anschauungen des Verfassers mit. Keinoswogs 
sollen die Schwankungen in der Menge des Kalkes einen Einfiuss auf das 
Ausfallen des In Jedem Harn ▼orkommenden oxalsaoren Kalkes haben. Hin- 
gegen bildet im Gegensätze za FOrbringkk eine fliiermässige Oxalsftnre- 
excrction die wirblige Veranlassung zur Bildung von Xiedcrschlägen. Die 
alleinige Quelle der Oxalsäure im Urin ist die in den Nahrungsmitteln ent- 
haltene; bei Patienten mit Milchkost wird die Oxalsäureausscheidung auf- 
gehoben. Die sehr schwankende tägliche Menge der ellmlnlrten OzalsEnre 
betrSgt nach 35 Untersuchungen zwischen 0,01 — 0.025. im Mittel 0,0172 Orm. 
Als Factoren für diese Variationen fand Di xlop zunächst die Menge der 
per OS aufgenommenen Oxalsäure und dann den Säuregrad des Magen- 
inhaltes. Zufuhr von Sali- nnd Milchs&ore erhöhen die Oxalsftureaussehei» 
dung. Das klinisehe Bild der Oxahirie, wie es von Bbgbie aufgestellt wird, 
ist nach Verfasser nicht auf Anhäufen von Oxalsäure im Körper zurückzu- 
führen. Höchstens die Schmerzen in der Lumbaigegend sind auf mechanische 
Reizung des Nierenbeckens und Ureters durch Krystalle su beziehen. Das 
nie fehlende Symptom der Dyspepsie steht der Dyspepsia aelda mu nidisten 
und wird wie diese durch animale Kost, durch Säuren vor oder Alkalien 
nach den Mahlzeiten günstig beeinllusst. In der Discussion hält dem gegen- 
über Graham Bkuwx daran fest, dass die Oxalurie ein fester klinischer Be- 
griff sei, und zwar sowohl wegen des charakteristischen Symptomencom- 
plexes, als wegen der Beobachtung, dass bei demselben Kranken Diabetes 
und Oxalurie abwechselten und weil nach neueren Autoren eine Hehinderang 
der Respiration bei Thieren (Kunden) prompt von einem starken Anstieg 
des Oxalatgehaltes des Urins gefolgt war ; wenn die Hunde sieh an die er- 
schwerte Athmung gewöhnt hatten, sank die Ozalsiureexeretton wtoder ab. 

Bekanntlich hat v. Wagnkr seine Anschauung, dass Psychosen auf 
einer gastrointestinalen Autointoxication beruhen können, damit gestützt, 
dass das vorzüglichste Symptom dieser Form der Geisteskrankheiten die 
Acetonurie seL Pblix HmsoHPBLD polemisirt gegen die Annahme eines 
gastrointestinalen Ursprungs der Acetonurie, wobei er auf seine früheren 
Ausfi'ihrungen (s. En« yriopäd. Jahrb. V. pag. i'4:'.i hinweist, dahingehend, 
dass eine reichliche Acetonausfuhr als mit dem Kohlenhydratstoffwechsel in 
engstem Zusammenhang stehende Brsoheinung aufzufassen sei. Gegen das 
Bestien einer Acetonuria febrilis carcinomatosa oder gastrica 
spricht, dass Hikschfkld bei allen derartigen Kranken eine vorhandene 
Acetonurie sofort zum Wrschwinden bringen konnte, wenn es ihm gelang, 
reichlich Kohlenhydrate zuzuführen. Umgekehrt stieg die Acetonurie sofort 
an, wofern die Kranken infolge geringerer Bsslnst wenig von dem betretfen- 



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Harn. 



115 



don NabningsBtoff sn sieh nahmen. In UebereinaUmmangr mit der Annahme, 

dass die Acetonbildung mit dem Kohlenhydratstoffwechsel zusammenhängt, 
steht auch das Verhalten bei schweren Fällen der Zuckerharnruhr. Erst 
wenn die grössere Menge der genossenen Kohlenhydrate im Organismus nicht 
mehr verbrannt, sondern als Zucker aaegieschieden wird, findet man anoh 
häufig einen Ober die Norm erhöhten Acetongehalt des Harns. Der Unter- 
schied ge^en die bei Gesunden beobachteten Verhältnisse zeig^t sich darin, 
dass bisweilen weit über 1 Grm. innerhalb 24 Stunden gefunden wird, während 
bei Gesunden nie mehr als etwa 0,9 Grm. Aceton festgestellt wurde. Kur bei 
Znokerbarnriihr Ist die Annahme einer pathologischen Acetonarie gereditfertlKt 

Die Aetiologie der alimentären Glykosurio und des Diabetes 
mellitus beleuchtet StkCmfell mit neuen Thatsacben und Gesichts- 
punkten. Die Fähigkeit des Organismus, Zucker zu verbrennen, ist keine 
aobegrenste nnd seigt aneh viele individnelle Sehwanknngen ; doch wird man 
bei den meisten Menschen, denen man Morgens nüchtern 200 Grm. einer 
Traubenzuckerlösung verabreicht, alsbald eine Glykosurie auftreten sehen. 
StkOmpell sah schon bei völlig Gesunden nach nur 150 Grm. Glykosurie 
auftreten anter der Voraunetxung, dass die ganse Doste auf einmal ge- 
nommen und der Harn in den stflndlich entleerten einzelnen Portionen 
untersucht wurde. Ks kommt also bei der alimentären Glykosurie nicht 
nur auf die absolute Menge des in den Körper eingeführten Zuckers, sondern 
ebenso auf die Raschheit seiner Resorption an. Diese Verhältnisse sind zu 
1>erfiek8ichtlgenf wenn man ans der alimentftren Glykosurie einen Massstab 
fOr eine abnorm abgeschwächte Zorsetzungskraft des Körpers fQr Zucker 
gewinnen will. Die in dieser Richtung ausgeführten Untersuchungen Strüh- 
pill's ergaben, dass bei marantischen Personen mit hochgradiger allge- 
meiner Körpersehwftehe nach Darreichung mittlerer Zackermengen kdne 
Glykosurie beobachtet wurde, ebensowenig bei schwerer AiAmie, Icterus, 
Lebercirrhose und Gicht. Selbst bei 3 Fällen von schwerer progressiver 
Muskelatrophie, bei welcher man wohl annehmen müsste, dass die Zersetzung 
der Kohlenhydrate leidet, war das Resultat ein negatives. In Rucksicht auf 
die Aetiologie des Diabetes untersnehte Strümpell 3 Gruppen von Kranken: 
1. Kranke mit allgemeiner Arteriosklerose, hierbei erhielt er kein eindeutiges 
Resultat. 2. Kranke mit allgemein nervösen und neurasthenischen Be- 
schwerden, bei denen ja oft leichte Diabetesformen beobachtet werden. 
Hierbei eriiielt StrOiifbll so onsweldeutig positive Resultate, dass er in 
der That geneigt ist, eine wirkliche Herabsetrang der Zersetzungsfihigkeit 
der Kohlenhydrate bei derartigen Kranken — meist handelte es sich um 
sogenannte traumatische Neurosen — in einzelnen Fällen anzunehmen. Die 
unzweideutigsten positiven Resultate ergab aber die 3. Gruppe, die chro- 
nischen Alkoholisten oder richtiger die habituellen, stsrken Biertrinker. 
Hier führte schon die Einnahme von 50 Grm. Traubenzucker oft zu vor- 
übergehender Glykosurie. Zur ätiologischen Betrachtung des Diabetes über- 
gehend, hält Strümpell ihn in einer Reihe von Fällen für endogenen Ur- 
sprunges, namentlich den jugendlichen schweren Diabetes, für den sich In 
der Anamnese kein einziges verwerthbares Moment auffindet Von exogenen 
Krankheitsursachen macht er ausser den bekannten (Trauma, Lues, psy- 
chische Aufregung) besonders auf das Potatorium aufmerksam, namentlich 
reichlichen Biergenuss; beweisend ist ihm hierfür die häufige Combinatlon 
des Diabetes mit solchen Krankheiten, die sicher auf Potatorium zurück- 
zuführen sind, wie chronische Nephritis, Arteriitis, alkoholische Neuritis etc. 
Ursprünglich scheint hier nur alimentäre Glykosurie vorzuliegen, die all- 
m&lig in den Diabetes übergeht. 

Auf nieht gewöhnlichem Wege versuchten A. Bibdl und R. Kraus 
alimentire Glykosurie su erzeugen. Sie haben 200 — 300 Grm. Trauben« 

8* 



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116 



Harn. 



luckerlösung intravenös injicirt und dadurch den Zuckergehalt des Blutes 

auf das Dreifache gesteigert. Trotzdeui kam es weder zur Glykosurie. 
noch zur Polyurie, allerdings traten im Harn reducirende Substanzen auf, die 
aber weder die Polarittationsebene drehten, noch gährf&hig waren. 

VorObergehend« Glykosarle beobachtete Nbugrbaubr»^ bei Ein- 
klemmung einer circa 2 Meter langen Ileumschlinge in einer Hernie. Er wurde 
hierdurch zu Versuchen an Hunden und Kaninchen angeregt, um einen 
etwaigen Zusammenhang zwischen Incarceration und Zuckerausscheidung 
anfsoklftren. Scbon M. Schipf batte auf Grand von Thierexperimenten ge- 
schlössen, das* wie nach dem Tode infolge des Aufhörens der Blutbewegung, 
so bei Hemmung der Circulation während des Lebens sich im peripheren 
Blute und dem der Leber ein Ferment bilde, das Glykogen in Zucker um- 
zusetzen im Stande sei. Ferner hatte Kolisch durch Unterbindung der Art. 
meseraica snperior Olykosnrie bervorrafen kSnnen, die er als alimentäre Gly- 
kosurie ansprach, hervorgerufen durch Aufhebung der Thätigkeit des Dünn- 
darms, des zuckeras-similirenden Organs. Neugebai er untersuchte den Urin 
von Hunden und Kaninchen, denen er, nach vorheriger Einspritzung einiger 
Gramm Dextrose In den Magen, Darminearcerationen ersengt batte. Bs 
ergab sieb, dass alle »nahe dem Magen angebrachten Darmabschnürungen 
oder solche, welche eine lange DQnndarmstrecke einbezogen, (ilykosut io zur 
Folge hatten, wenn vorher Kohlenhydrate eingeführt waren. Tiefe Abschnü- 
rungen — am Ileum oder Dickdarm — hatten dagegen keine Zuckeraus» 
Scheidung snr Folge; er debt darin eine Bestfttlgnng der Ergebnisse Kolisch's 
und glaubt die Seltenheit des Auftretens von Glykosurle bei incarcerirten 
Brüchen von Menschen dadurch erklären zu können, dass heftige Kinklem- 
mungüD »u mächtiger Eingeweidemassen, bei denen die oberen, kürzer auf- 
gehingten DQnndarmtheile in die Incarceration elnbesogen sind, eben so 
selten vorkämen als die alleinige Abschnürung einer hochgelegenen DDnn- 
darmschlinge ; er weist ferner darauf hin. dass die Kenntniss dieser vor- 
fibergehenden Qlykosurie von praktischer Wichtigkeit sei , da sie keinen 
schädigenden Einfluss anf den Verlauf der Narkose , beziehungsweise der 
Wnndbeilnng ausfibe. Verfasser fand in einnr zweiten kliniscben Beobach» 
tung. wo bei Einklemmung ein(>s über einen halben Meter langen DQnn» 
darmstückes f'l)ental!s vorübergehende Glykosurle nachgewiesen werden 
konnte, eine gewisse Bestätigung seiner experimentell gewonnenen Resultate. 

Nach Vergiftungen mit Koblenoxyd wurde manchmal Glykosurle 
beobachtet, häufig aber auch nicht. W.\lter Strai ü fand nun in seinen 
Versuchen, dass dieselbe nur bei jenen Ver.suchsthieren (Hunde) auftritt, 
welche mit Fleisch gefüttert waren. Fütterung mit Eiweiss oder Leim kam 
der FlelscbfQtterung glelcb. Die ExtraeÜvstoffe des Fleisches waren bei 
dieser Wirkung nicht betbeillgt. Hunde mit Brotfütterang seigten die Er- 
scheinung nicht, auch nii^bt bei Eingabe von Trauben- oder Milchzucker 
oder auch nach oftmals wiederholter Vergiftung. Verfasser nimmt darum 
an, dass der Zucker aus dem Eiweiss sowohl aus dem \'erlülterten , als 
auch aus dem vom KSrper Abgegebenen gebildet werde. Die Zuckerblldnng 
selbst ist eine eigenartige Wirkung der Kohlenoxydvergiftung und hängt 
nicht, wie Auaki annimmt» von der verminderten Oxydationskraft desKohlen- 
oxydblutes ab. 

Bei der polarimetrischen und titrimetriscben Bestimmung 
der Olykose in eiweiss-, blnt- und harnsalzreicben Hamen wird zur Klä" 

rung bisnun eine Bleizuckerlßsung dem Harn zugefügt : dabei gelingt es 
aber nicht immer, ein hinreichend klares und farbloses Filtrat zu erhalten. 
Nach den Versuchen von B. A. va.\ Ketel ^"j gelingt es , 50 Ccm. eines 
eiweissbaltenden, dankel gefärbten und an Harasalsen relcben suokerhäl- 
tigen Harnes nach HinsufOgung von 4 Gcul Phenol llquefact und 15 Ccm. 



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Harn. 



117 



(Ipr Bleiacetlösung völlig klar zu filtriren. Wenn nur geringe Spuren von 
Zucker im Harne anwesend sind (z. B. 0,2 — 0,lVo)i dann ist der Uebalt 
desselben (nach Entfernung: des Bleies) am besten mittels FBBLino'scher 
Kapferl9«nB(p sn bestimmen. 

Nach G. Blchner*") haftet der Zuckerprobe mit NYi.wDERscher 
Wismuthlösung (durch Auflösen von 2 Qrm. basisch salpetersaureni Wismuth 
und 4 Grm. Seigaetsalz in 100 Grm. einer Natronlösung von 8% Na^ O 
und Abfiltriren des ungelösten Wismntbsalzes dargestellt) eine FeblerqaeOe 
insoferne an. dass sie mit dem Uroerythrin dem rothen Farbstoff, welcher 
die ziegelrothe Färbung des Urat Sediments bedingt, in alkalischer Lösung 
Dunkelfärbaog annimmt und diese auch den ausfallenden Niederschlägen 
mittheilt. Bei Anwendmig der WismnthoxydlSsung läset somit eine Grau- 
fllrbaag nnr dann den Schlass auf Zucker zu, wenn der Harn, mit Alkali 
allein sekocht, keinen grauen Niedcrschlap: von Erdpho.sphaten giebt. 

Zur Bestimmung des Traubenzuckers im Harne empfiehlt 
A. Jassoy^^} folgende gasanalytische Methode: 10 Com. des eventuell ver- 
dünnten und mit etwas Weinsäure versetsten Harns werden In ein starkes 
Reageasglas gebracht und darauf ein Stopfen festgesetzt, der in swei Boh- 
rungen ein mit Glashahn versehenes Trichterrohr und ein ebenso verschliess- 
bares, rechtwinkelig gebogenes Glasröbrchen trägt. Der Harn wird zum 
Kochen gebracht und dann rasch die Glashähne geschlossen ; beim Erkalten 
entsteht eine starke Loftverdfinnung. Durch das Trichterrohr lässt man 
nun etwas Hefeaufschlämmung einsaugen, ohne dass man aber gleichzeitig 
Luft eintreten lässt. iJen so vorbereiteten Apparat lässt man 12 — 18 Stunden 
bei einer Temperatur von 20 — 25'' stehen. Nach beendeter Gährung ver- 
bindet man das rechtwinkelig gebogene Rdhrchen mit irgend einem der 
gasanalytischen Apparate — Jassoy verwendet einen dem ORSAT'schen 
nacherebildeten einfachen Apparat — und treibt das Ga.sgemisch in den- 
selben hinein, indem man gleichzeitig die Flüssigkeit kocht und den leeren 
Raum des GährungsrShrchens und Verbindungsschlanohes durch den er- 
wähnten Habntrichter mit kochendem Wasser nachfüllt. Das Gasvolum im 
Messapparate wird abgelesen, die Kohlensäure daraus durch Kalilau<re a!>- 
sorbirt und wieder abgelesen. Nach directen Versuchen Jassoy s erzeugt 
U,l Grm. Uarnzucker 16 Ccm. Kohlensäure (bei 0° und 76°), bei theoretischer 
Vergährong sollte dieselbe Menge wasserfreien Traubensuckers 24,8 Ccm. 
Gas erzeugen. 

Zur Aufstellung einer Lävulosurio bedarf es nach Külz noch einiger 
Punkte, die bisher nicht klargestellt sind. Der in seinem Falle durch Fällung 
mit Bleiessig isoilrte Kdrper drehte wohl links, war mit Hefe vergährbar, 
lieferte tin Osazon vom Schmelzpunkte 2( 0 0. und reducirte Metalloxyde, 
jedoch die Thatsache, dass dieser Köriier durch Bleiessig ffillbar war. Hess 
an der Identität desselben mit Lävuloso noch immer zweifeln. B. May 
fand hei einem Kranken mit Myelitis geringe Linksdrehung des in ammo- 
nlakaliacher Gährung begriffenen, redncirenden Harnes, ebenfalls einen Körper, 
der die von Kt*LZ festgestellten Lävuloseprobcn sämmtlich gab, durch Blei- 
essig wurde jedoch die linksdrehende Substanz nur unvollständig gefällt; 
doch spricht nach May auch die Fällbarkeit durch Bleiessig nicht gegen 
Lä^ulose, insoferne Svoboda nachgewiesen, dass in ZnckerlSsungen, welche 
Salze enthalten, die zur Bildung schwer 16slicher Bleiverbindungen führen, 
durch Bleiessig Zucker mit «refällt wird. 

Zum Nachweis von indican im Harn hat A. Lüubian behufs 
Ueberftthrung desselben in Indigo statt des bisher gebräuchlichen Cblor^ 
kalks Wasserstoffsuperoxyd empfohlen. Bs werden etwa 2 Ccm. Harn mit 
dem gleichen Volumen Chloroform und 1 Ccm. einer 5 — 10"^,igen Was^ser- 
stoffsuperozydlösung versetzt. Nach weiterem Zusätze von 2 Ccm. concen- 



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Harn. 



trirter Salzs&ure erwärmt man die Mischung gelinde und schüttelt wenigstens 
20mal dureh. Bei Gegenwart von nur sehr geringen Mengen Indican wird 
das Chloroform yom goMldeton Indigo borofta blaa gefirbt 

Die Angaben von Stokvis, betreffend das Entstehen von Hämato- 
Porphyrinurie bei Kaninchen auf experimentellem Wege (s. Encyclopäd. 
Jahrb. pag. 256), stehen mit den Ergebnissen früherer Untersuchungen 
Kast's in Widerspmöb. Bs haben daher Kast nnd Weiss die Angaben von 
Stokvis genau nach seiner Versuchsordnnng nachgeprüft, jedoch mit nega- 
tivem Resultate. Weder bei Kaninchen, noch bei Hunden gelang es , durch 
Darreichung von Sulfonal in grossen Dosen Hämatoporphyrinurie zu erzeugen, 
wie aie roweUen beim Menschen beobachtet wird. Wohl zeigte der Harn 
bei Kaninchen manchmal das Absorptionsapeetrom des HydroblUnibinT in 
einzelnen Fällen trat auch eine zeitweise Rothlirbling auf. die aber sicher 
nicht auf der Anwesenheit von Hämatoporphyrin beruhte, .sondern «lurch 
einen anderen, bisher noch unbekannten Farbstoff bedingt wurde. Magen- 
blatnngen konnten die Verfasser swar bei 25 V» ihrer Beobachtangen eon- 
statiren, indess lialten sie diesen Befund für einen saHlUgeB, da er anoh 
bei vielen Thieren . die kein Sulfonal erhalten hatten, erhoben wurde und 
das Auftreten des erwähnten rothen Farbstoffes in keinerlei Beziehung zu 
den Blntani^ stand. Aoeh die Reagensglasversnehe von Stokvis, in denen 
er durch Digrorirnng von BInt mit künstlichem Magensaft nnd Snifonal 
kleine Afengen Hämatoporphyrin erhallen halien wollte, konnten, ebenso 
wie einige andere Versuche, nicht bestiit'ut werden. Es bleibt somit die 
Thatsache bestehen, dass Sulfunal eine unschuldige Substanz darstellt. Auch 
das Auftreten jenes erwähnten rothen Farbstoffes kann daran nichts ändern, 
da er niemals bei Händen, sondern nur bei Kaninchen nnd auch hier nnr 
in gefunden wurde, bei denen Bedingungen vorliegen müssen, die 

beim normalen Menschen nicht vorhanden sind. Das Vorkommen von Hämato- 
porphyrinnrie nach Sulfonalgebranch beim Menschen ist nnr bei geb&nfter 
Darreichung unter gewissen pathologischen Bedingungen, vornehmlich liei 
anämischen Frauen und V)ei gleichzeitig bestehender hartnackiger Obstipation 
möglich. Dabei ist wahrscheinlich eine gesteigerte Siurebildung im Spiel. 

Archibald E. Garrod ^^") theilt seine schon im Jahre ItiLU im Juurn. 
of Physiol. LVni, pag. 65 aosfOhrlleh beschriebene Metbode des Nach« 
weises von Hämatoporphyrin im Harn, welche besonders für solche 
Fälle anwendbar ist , in denen das Hämatoporphyrin wie z. B. im Harn 
gesunder Menschen nur in geringer Menge vorkommt, neuerdings mit. Die 
Methode, welche in den erwähnten Fällen empfindlicher als die von Salkowski 
beschriebene sein soll, ist folgende: Der Harn wird auf 100 Ccm. mit 
20 Ccm. einer 10" „igen Xatriumhydratlösurg versetzt (Erhitzen der Mischung 
ist unnölhig), der Niederschlag auf ein Filter gebracht und nun in der 
Weise gewaschen, dass man ihn wiederholt vom Filter abspült, in Wasser 
vertheilt nnd wieder anf das Filter xnrflckbringt Besitat er eine röthliehe 
Farbe oder lässt er im feuchten Zustande auf dem Filter das alkalische 
Speetrum erkennen, so ist viel Hämatoporphyrin zucregen und der Nieder- 
schlag kann so lange gewaschen werden, bis das Filtrat farblos abläuft. 
Sind dagegen nnr Spuren des Farbstoffes vorhanden, so begnügt man sich 
besser mit nur einmaligem Waschen. Der Niederschlag wird darauf mit 
Alkohol behandelt, dem so viel Salzsäure zugesetzt ist. dass sich der Nieder- 
schlag vollständig löst. Die Lösung, die kein grösseres Volumen als 15 bis 
20 Com. haben soll, wird mittels eines Spectroskops mit geringer Dispersion 
auf die Streifen des sauren Hämatoporphyrins nntersucht. Man macht dann die 
Losung mit Ammoniak alkalisch und fügt Essigsäure zu, bis der entstandene 
Phospbatnieilerschlair wieder in Lösung gegangen ist. Aus der essigsauren 
Lösung niiiimi Cblorofurm den Farbstoff leicht und vollständig auf und das 



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Harn. 



119 



Chloroform zeig^ daon die Bänder des alkalischen Hämatoporphyrins, weil 
orn^nlsehe S&nren den Furbttotf nldit in die Fonn venrandeln, welche das 

saure Spectrum aufweist. Der RQckstand, welcher nach dem Verdunsten 
des ChloroformB bleibt, kann mit Wasser gewast-hen und In Alkohol gelöst 
werden, wobei man eine annähernd reine Lösung erhält, vergleichbar der 
«infr LSsnnfir von HSmatoporphyrin ans Hämattn. Den Ornnd für die 
Genauigkeit der Probe findet QabrOD darin, dass der mit Natronlauge 
entstehende Fhosphatniederschlag prering: ist und daher sich in saurem 
Alkohol leicht vollständig löst. Bei der Untersuchung von dunkelrothen 
Sttlfonalharnen dagegen giebt das Verfahren von Salkowski bessere Resultate, 
weil bier die Menge dee Hftmatoporpliyrina grösser Ist^ als dass es mit dem 
auf Nntronzusats entstehenden Phosphatnlederschlag vollständig gelftllt 
werden könnte. 

Als Urospectrin oder normales Urohämatoporphy rin beschreibt 
Saillbt ein im normalen Harn in geringen Mengen mit Indlvidoellen Schwan- 
kungen zu 2 — 11 Mgrm. in der Tagesmenge vorkommendes Pigment. Das- 
selbe lässt sich in ein dem reducirten Hämatin entsprechen ilt^s Pigment, 
das Saillet als Uämochromogen ohne Eisen bezeichnet, überführen. Bei 
künstlichem rothen Licht ausgefOhrte Untenraeiiangen selgen ferner, dass 
der grSsste Theil des Urospeetrins tiB Cbromogen ausgeschieden wird und 
eich unter dem Etnflnss des Lichtes in Urospecti-in umwandelt. Verlassliche 
Resultate erhält man darnach nur, wenn mau den frischg-elassenen Urin bei 
Ausschluss der chemischen Lichtstrahlen prüft. Im Harn von Fieberkranken 
ist das Urospectrin im Gegensatz zn Urobiiin vermindert; schon eine ein- 
fache Indigestion wirkt in gleicher Weise. 

Den Xarhwei.s von Gallenfarbstoffen im Harn fuhrt A. Jolles") 
nunmehr nach folgender Modification aus: 50 Ccm. Harn werden mit ]e 
5 Cem. einer 10 böigen CnilorbariumlSsung und Chloroform in einem eigen- 
thfimlldi gestalteten Scbfittelcylinder, dessen unteres Ende einem Scheide- 
trichter nachgebildet ist, gemischt. Chlorofortn und der entstehende Xietler- 
sehlag la.ssen .sich dadurch leicht von der überstehenden Flüssigkeit trennen. 
Bs wird dann das Chloroform und der Niederschlag in einer Schale auf s 
Wasserbad gebracht und das erstere vertagt. Bringt man nun auf einige 
Stellen des Kückstandes 1 — 2 Tropfen concentrirter Salpetersäure, so ent- 
steht sofort der ciiarakleristlsche grUne und blaue Ring. Die Probe soll sehr 
empfindlich sein. 

Neuere Untersuchungen von E. Salkowski lehrten, dass bei der 
von ihm angegebenen Metbode des Nachweises von Albumosen (s. Eacyclop&d. 
Jahrb. VI, pag. 251) die Blut tat renction durch reichlichen Gehalt des Harnes 
an Urobiiin vorErelfiuscht werden kann. Die spectroskopische Untersuchung 
der gelüsten Phosphorwolframsüurefällung zeigte regelmässig einen schwachen 
UrobOinstreifen, es mosste also das Urobiiin durch die genannte S&nre, die 
man zur Abscheidung der Albumosen benutzt, mitgefällt worden sein. Auch 
die Fällung des Harns mit Bleiessig (nach Jaffk wird Urobiiin datnit gefällt) 
Hess, wenn sie entsprechend weiterbehandelt wurde, den Absorptionsstreifen 
des Urobilins sebwaoh erkennen. Die sanfte AusschQttelung des Harnes mit 
alkoholfreiem Aether verhielt sich, nach Verdunsten des letzteren und Lösen 
des Rückstandes in alkalischem Wasser, ebenso und gab mit einigen 
Tropfen schwacher Kupfursulfatlösung die Biuretreaction. Dass die Reaclion 
in den besprochenen Fallen nicht d urch Albumosen erzeugt sein konnte, 
war mit grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen und B. Salkowski unter- 
suchte nun das Verhalten von möglichst rein dargestelltem Urobiiin gegen 
Natronlauge und Kupfersulfat. Versuche mit Urobiiin. welches Salkowski 
aus dem Harn, wie mit solchen, welches er aus Füces darstellte, ergaben, 
dass Urobiiin die Biuretreaction giebt und dass der Gehalt des Harnes 



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Harn. 



daran zur VerweehtlnD^ mit Albamoie ffibren kann« da das Urobilln aaa 

dem Harne durch Phosphorwolframsäure fällbar ist. Die Kmpfindlichkelts- 
grenze der Biuretreaction scheint für l'rohiün bei einem Gehalte von 
0,003% im Harne erreicht zu sein. Andere Harnfarbstoffe als Urubiiin 
flcbeineii Albamose nlebt vorantftuscheD , fn dnokelgellrbten Fleberhanieii 
kann die Biuretreactioii SQWeilen durch andere Farbstoffe verdeckt werden, 
und eine Verwechslung von Albumose mit Urohilin ist nach den Erfahrunpen 
voo £. Salkowski nur dann zu fürchten, wenn der Harn bei der directen 
speetroskopiseheB UntersnebuDg einen wobl ausgebildeten Streifen leigt. 
Die Entseheldnng darflber wird freilieh immer elnigermassen subjectiv bleiben. 
Zur Feststellung eines Albumosegehaltes in urobilinreichen Harnen empfiehlt 
er im Allgemeinen (iio directe Fällun? des Harnes mit Phosphorwolfram- 
säure t^das mechanisch niedergerissene Urobilin wird dann aus dem Nieder- 
schlag entfernt). Bei der sonst fiblichen Ansf&llnng des Urobllins mit Blei- 
esslg oder neutralem Bleiacetat kann Albumose mit in den Niederschlag 
fibergehen und sich demnach dem Nachweise entziehen. Der störende Einfluss 
der übrigen Farbstoffe in dunkelgefärbten Harnen bei der Prüfung auf 
Albamose (neben UrobHIn) liest sieh yerringem, wenn man nnr 10—15 Cem. 
Im Reagensglas in Arbeit nimmt; die Btaretreaction erscheint dadarcb zwar 
blass, jedoch reiner. Kntfärben des Harnes mit Kohle und Ausschütteln des 
Urobilins im angesäuerten Harne (iurch Amylalkohol sind von der Gefahr, 
dass hierbei Albumose verloren geben kann, nicht frei. Bezüglich der von 
B. Salkowski modifieirten Methode der Abscheidnng des Urobilins ans dem 
Harne nach Jaff^ verweisen wir auf das Original. 

Ein Lösung'smittel für den dem Harn seine gelbe Farbe verleihenden 
Farbstoff, welches im Stande wäre, diesen aus dem Harn aufzunehmen, war 
bis jetzt nicht bekannt. Der Farbstoff wurde wohl dnroh Fftllung mit Blei- 
salzen und durch Filtration des Harnes durch Tbierkohle ans dem Harn 
entfernt, jedoch gelang es kaum oder sehr schwer, denselben aus den Sub- 
stanzen, an die er gebunden war. wieder zu gewinnen. A. E. G.\rkou hat 
folgenden Weg eingeschlagen, um den gelben, präformirten Harnfarbstoff 
durch Erschwerung seiner LSslIchkeltsbedingungen In Wasser aus dem Harn 
in ein an sich nicht stärkeres Losungsmittel fiberzutreiben, ihn auszusalzen. 
Er sättigte den Harn mit Ammoniumsulfat, wobei der gelbe F'arbstoff in 
das Filtrat überging und beim Schütteln mit Alkohol von diesem auf- 
genommen wurde. Der Uebergang des Farbstoffes ist kein vollstlndiger, aber 
durch wiederholtes Aufscbfltteln gelingt es, den grSssten Tbeil in Alkohol über- 
zuführen. Durch Zusatz von Ammoniak zur alkoholischen T.ösung soll dann 
der Harnfarbstoff beim Eindampfen vor der Veränderung geschützt werden. 

Als ein vorzügliches Lösungsmittel des normalen Harnfarbstoffes 
bezeichnet William Kramh **) nach seinen Im chemischen Laboratorium des 
pathologischen Institutes in Berlin ausgeführten Untersuchungen 90Vo'g® 
Carbolsäure. Schüttelt man 4 — .') Theile Harn mit einem Theil Phenol, so 
wird der Hain fast vollständig entfärbt, und auch der letzte Rest von Farb- 
stoff geht in das Phenol Aber, wenn man den Harn mit Ammoninmsulfat 
S&ttigt. Um weiter den Faibstoff au.-^ dem Phenol zu gewinnen, wurde 
letzteres mit Aether gemi.scht und mit A(|. destill geffillt. Im Scheidetrichter 
getrennt, zeigt das Wasser eine gelbe, die Aetberphenolmischung eine rothe 
Färbung. Die weitere, besonders optische Untersuchung des letzteren zeigt, 
dass sie zwei Farbstoffe enthält^ von denen einer sicher Urobilin, der andere 
wahrscheinlich Hämatoporphyrin ist. Der in Phenoläther unlösliche Farbstoff 
ist der gelbe Harnfarb.stoff, das Urochrom : man kann es aus der Phenol- 
lüsung auch durch Zusatz von Aether allein, ohne Wasser gewinnen, steta 
bleibt es aber stark verunreinigt durch organische und unorganische Sab- 
stanzen, die aus dem Harn in das Phenol fibergehen, besonders Kreatinin. 



Harn. 



121 



Nachdpm sich das Phenol so als ein {jutes Lösuntrsmitte! der Harnfarhstoffe 
erwiesen, lag es nahe, den Versuch zu machen, ob es auch im Stande sei, 
die Farbstoffe statt direet ans dem Harn, ans gewissen Verbindungen, die 
diese Farbstoffe eingehen, frei zu machen nnd in Lösung zu bringen. Die 
Verbindung: der Farbstoffe mit Harnsaure, sowie die Bleiverbindung der 
Hsrnfarbstoffe gab diesbezüglich ein negatives Resultat, sie wurden vom 
Phenol nicht anfsenommen, wenigstens nicht ohne gleichseitige Zersetznng. 
Kramm machte noch Versuche, die Farbstoffe aus Tbierkohle zu gewinnen, 
die ja bekanntlich die Harnfarbstoffo bindet. In der That zeigte sich, dass 
aus einer solchen Bindung, am besten mit FLEMMiXG'scher Thierkohle, sowohl 
Urobilin als auch der gelbe Harnfarbstoff frei wird, wenn man die Kohle 
mit Phenol schüttelt. Dadurch ist die MÖgliobkeit der Relndarstellnng des 
Urochroms nahegerQckt. 

Das Verhalten einiger dem Salol analog zusammengesetzter Salicyl- 
säureester im Organismus untersuchte quantitativ Stefan Bonüzynski. *') 
Es wurden namentlich Aethyl* nnd Aethylensalicylat, femer das Salioylsfture- 
glyeerid in Besug auf ihre Zerlegung im Darm und ihre Ausscheidung durch 
Harn und Fücps proprfift. Salirylsaures Natron wurde vollständig resorbirt 
und fast vollständig im Verlauf von 48 Stunden durch den Harn ausge- 
schieden. In gleicherweise verhielt sich Aethylsalicylat. Das Aethylensalicylat 
wurde nicht so vollständig gespalten, 20 — 80% erschienen im Koth wieder, 
von dem resorbirten Antheil wurden 47Vo als Salicylsäure im Harn ausge- 
schieden ; noch später tritt dies Verhalten bei dem Trisalicylglycerid , von 
dem nur 8,7% resorßirt und durch den Harn als Salicylsäure abgeschieden 
werden, hervor. Eine bedeutend leichtere Spaltbarkeit wies der Salicyl- 
sfturedichlorhydrinester auf und ganz dem Aetbylsalicylat fthnlich leigten sieh 
das wasserlösliche Salicylamtd und das Salacetol. 

Einen Fall von Anthrakose des Urins beschreibt Betz. Bei einem 
86|ährigen Hafner, der vorher längere Zeit Oefen, in denen Anthracitkohle 
gebrannt wurde, gereinigt hatte und an Bronchitis erkrankte, trat plStsüch 
im Urin schwarzer Bodensatz auf. Der Urin zeigte noch an den zwei folgenden 
Tagen das gleiche schwere Sediment, immer in abnehmender Menge; am 
vierten Tage war es verschwunden. Das Sediment mischte sich beim Um- 
schfltteln schnell mit Urin, schied sich aber schnell wieder als schwarte 
pulverige Masse ab, ohne dass der Urin nur im Geringsten sich schwarz färbte. 
Das Sputum blieb frei. Es wurde chemisch und mikroskopisch nachgewiesen, 
dass der Bodensatz Anthracitkohlenstaub war. 

Zur Conservirung von Harnsedimenten emplieblt Gumprbcht **) 
ein Verfahren, dessen Technik in KQrxe in folgenden Punkten enthalten Ist: 
1. Centrifugiren des Urins vermittels Handcentrlfuge in kugelig endenden 
KSlbchen, bis sich Sediment bildet ; eventuell hei zu spärlichen! Sediment 
mehrmaliges Decantiren und Nacbgiessen, bis eine compacte Sedimentschicht 
erscheint. 2. Abgiessen der fll>er dem Sediment stehenden klaren Flflssig- 
keit. .Auf^iessen von Formol (2— 10'* nigi und enerja^isches Aufschütteln, 
bis sich das Sediment wieder ß:leichinässi^ in der Flüssigkeit vertheilt hat. 
Aufbewahren der Flüssigkeit in einem Heagensglas ; das Sediment setzt sich 
dort wie eioe Nubecula ab und kann jederzeit aufpipettirt werden. 4. FUr 
Blut kiHnrat swindien 2 und Z noch hinzu: Ueiwrgiessen mit concentrirter 
w&sseriger Sublimatlnsnng (1 : 20) und sechsmaliges Auswaschen durch Centri> 
ftigiren mit Wasser. 

Zur Frage der Ausscheidung von Mikroorganismen durch die 
Nieren haben A. Bibol und R. KRAns6<>) experimentelle BeitrSge geliefert. 
Staphylococcus aureus, Bacterium coli und Anthraxbacillen werden nach 
ihrer Injection in die Blutbahn durch den normalen hhit- und eiweissfreien 
Uarn schon nach wenigen Minuten loschen nach 5 Minuten in einigen Füllen; 



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Harn. 



Mhobweise nnd nnglelchmlMlg von beiden Nieren ftnegeeehieden. Diese Ans« 

eebeidang soll durch normale Gefässe stattfinden können, und durch eine 
active Hyperämie begQnstigrt werden. Dieses frQhzeitige Erscheinen der 
Mikroorganismen konnten die Verfasser feststellen, indem sie den Harn 
dtreet ans den üreteren In regelmässigen Interrallen anffingen. 

Ueber den Nachweis von Tfpbnsbaclllen im Harn berichtet 
H.Smith.*"*) Aseptisch entnommener Harn von Typhuskranken wurde auf 
Gelatine verimpft und jede verdacht ipe Colonie nach den gewöhnlichen 
Metboden geprüft. Ausserdem stellte Ömith die Cilienfärbung und Serum- 
probe an und prüfte, ob die Mikroorganismen nach 24 Standen in Mlleb 
schwache Säurebildung veranlassten, l'nter diesen Cautelen ist es möglich, 
die Typhusbacillen von allen anderen Mikroben zu unterscheiden. Ks wurden 
7 Fälle mit 61 Einzeluntersuchungen geprüft. In 3 Fällen enthielt der Harn 
Typhusbaeillen znm Theil in enormen Qaantitftten, niemals waren sie ahw 
▼or Anfang der 3. Woohe naehweisliar. Der Untersochung kommt daher in 
diaf2;nostischer Beziehung nur ein geringer Werth zu, dagegen wird man 
daran zu denken haben, daas der Harn eventuell zu weiteren Infectionen 
Anlass geben kann. 

Ueber die Fftrbnng nnd Conservirang organisirter Harnbestand- 
theile hat Jacobsoh.n "i) Untersuchungen ausgeffihrt. Er hat nach Gross* 
Vorgang das Sediment des Harns von 34 Gonorrhoen, Cystitiden und Nephri- 
tiden mit aiizarin sulfosaurem Natrium gefärbt, welches die Eigenschaft hat, 
saure SulMtanien gelb, alkalisebe violett, neutrale rotb bis braunroth xn 
firben. Die Epitbelien, gleichviel ob aus Hamrdhre, Blase, Niere, nahmen 
meistens eine geH)e Farbe an; einigemale fanden sich violett gefärbte P^pi- 
thelien, und zwar bei tief greifenden und hartnäckigen entzündlichen Er- 
krankungen der Schleimhaut der Harnröhre, benonders der hinteren Harn- 
röhre. Es stimmt das su dem von Gross an der Harnröhrensobleimhaot 
frischer männlicher Leichen erhobenen Befund, dass die Epithelien eine um 
so deutlichere alkalische Reaction zeigten, ie tieferen Schleimhaut schichten 
sie entstammten. Man kann nur ganz frische Harnbestandtbeile in dieser 
Weise fftrben und muss also das Sediment durch Centrifuge gewinnen. 
Behufs Untersuchung der ungefärbten organisirten Bestandtheile nach Tagen 
und Wochen nach Entnahme des Harns ist es am eintaohsten, einen Tbymoi- 
krystall dem Harn zuzusetzen. 

Die Bakteriurie und deren Therapie schildert H. Goldbnbbrg. 
Er l&sst als wahre Fftlle von Bakteriurie nur solche gelten, bei denen schon 
der frische Urin zahlreiche Bakterien enthält, die Bakterien sind dleselhen, 
die man auch in fior normalen Urethra. Vagina etc. findet. Meistens werden 
dieselben durch Instrumente in die Blase gebracht, können aber auch auf 
dem Wege der Respirationsorgane eindringen. Autoinfection kann erfolgen 
auf directem Wege, z. B. bei Durclibruch eines Prostataabscesses in die 
Urethra, oder indirect . indem die Bakterien aus dem Rectum durch die 
Lymphbahnen oder nach Absorption durch die Blutgefässe und die Nieren 
in die Blase eindringen. Die Therapie hat sich nach der Aetiologie zu richten. 
Bei Infeotion von der Urethra aus sind Ausspülungen der Blase und Harn* 
röhre mit Arg. nitr. am Platze, innerlich Salol. Hei Prostataabscessen die- 
selbe Therrijiie und >fassage der Prostata. Srhwierisrer ist die Behandlung, 
wenn eine Autoinfection vom lutesliualtructus aus vorliegt. Man muss dann 
die im Darm befindlichen Bakterien abzutödten und die abnormale O&hrung 
zu verhindern suchen. Goldexberg theilt ausführlich einen Fall mit, bei 
welchem sich an eine chronische Entzündung der Samenblasen eine Bakteri- 
urie angeschlossen hatte, die nach langer vergeblicher localer Behandlung 
durch h&ufige Irrigationen des Mastdarmes mit Seifenwasser zur Heilung 
Isam. OoLDBXBBRO ist der Ansicht, dass diese Bakteriurie intestinalen Ur> 



Harn. 



123 



Sprunges war, dass durch die nothwendige Massage der Samenblasen Epithel- 
defecte entstanden waren, die das Eindringen der Mikroorganismen ermög- 
liehten. 

Literatur: ') A. v. Kohahyi, Die diagnostiscbe Bedeutung einiger pathologischer Eigen- 
schalten des Blates und Uames. Orvojii hetUa|>. 1896» Nr. 18 und 19« — Bef. in Wiener med. 
Pniie. 1897, Nr. 16. — '*> Pobbl (Petenlrarff), Die BeartheflnDg des ImnmnitiltBzaatandefl tad 
Grnnd der Harnanalyse. Vortrag, gehalten bei der 68. Versammlung dtfutscher Naf urforsolier 
nnd Aerzte in Franliiart a. M. 18iMj. — ^*') V. Haussxanm, lieber die Säureaasfahr im meuacb- 
liehen Harn unter ptayiiologteebeD Bedingongen. Zeitsehr. f. klin. Med. XXX^ p9g. 860. — 
*) E. Hatit. Wie berinflnssen nrpaniaehe BaHen die Rcietiou des Urins und seine Lösun^sfilhig- 
keit für Hai iKsäure ? DihHi rt. Berlin 1896. — *> Arthuk Kkllku, AimiioniakausscheiilunK bei 
GastroenteritiH im Sänglingsalter. Centralbl. f. innere Med. 18'J(), Nr. 42. — *) Fhanz Hofmeihtkr, 
Ueber BUdnag des UarostoUes durch Oxydation. Arob. I. experim. PatJi. n. Pharm. XX^lVIi, 
pag. 486. — *) NsxcKi, Pawlo nnd Zalkski, Ueber den Amnoniatcgehalt des BIntes and der 
Organe und dir llnnistolfliildun;; l»el den Siiuj,M tliieren. Areh. f. cxper. I'ath. \i. Pharm. XXXVII. — 
*i TscBLKMOFt' , Der zeitlicbu Ablau! der ätickutoffausseheidung im Harn nach einer Mahl- 
zeit. Corrc«pondpnzbl. f. Schweizer Aerzte. 1896, Nr. 3. — ') Alfbrd K. Allkm , Verbesserte 
Methode zur Bestimmung des? Harnstoffs mit unterbromigsanrem Natron. Chem. News. LXXIII, 
pag. 103; Referat aus der Zeitsehr. f. analyt. Chem. XXXVI, pag. ()(>. — *) M. Jafke, Zur 
Kenntnis» der durch Phenylhydrazin fällbaren H.irnhestandtheile. Zeit-^ehr. f. physiol. Cln in. 
XXIJ, pag. öS2. — ') W. KOhxad ^ Experimentelle und klioiacbe Untersuchungen über das 
VerlüUtBlss der HamsSvreansBehetdnng sn der Lenkocytose. KeKaehr. f. klin. Med. XXVin, 
pag. 2 — 34. — *•) B. Laqi f.r, lieber die KHOoEB-WuLKF'.schi' Methode der Alloxurkörper- 
bestiuimuii^'. Centralbl. f. innere Med. 18U0. Nr. 44. — ") GuMritiu ii r. Alloxurkörper und Leuko- 
cytcn bei Leukämikem. Centralbl. f. allg. Path. u. path. Anat. 18Üü, pag. 821. — '*) Hans 
HALrATTi, Ueber die AUoznrkörper nnd ihr Verhältuiss zur Gicht. Wiener klin. Wochenschr. 

1896, Nr. 32. — ") Huppert, Ueber die Bestimmung der Xanthinbasen im Harn nach KrOorii 
und WiTLFF. Zeitsehr. f. iihy^iol. Chem. XXII, pag. .').)(). — F. I mhku, Uelier den EinflOBB 
nucleinbaltiger Nahrung auf die iiarnsäurebildung. Zeitsehr. f. klin. Med. XXIX, pag. 174. — 
**) N. Hm» «od E. ScmioLL, Ueber die Besiebmigen der Eiweisa- nnd NrndelsmilMtainen der 
Nahrung zur AlloxurkörperansBcheidnng im Harn. Arch. f. e.xperini. Path. u. Pharm. XXX VII, 
pag. 243. — '*) K. BoHLAND, Ueber den £influi«s des salieylsanren Natrons auf die Bildung 
nnd Ausscheidung der Harnsäure. Centralbl. I. innere Med. 189ö, Nr. 3. — Rost, Ueber 
die Aosaeheidaug des Coffein und Theobromin im Harn. Centralbl. f. innere Med. 1896, Nr. 8. — 

H. KnOomt nnd G. Salomon, Die Constitution des Heteroxanthins nnd seine physiologische 
Wirl^UIl^'l■ll. Zeitsehr. f. physiol. Chem. XXI, pa^'. 199. — ' ■ Di xin und Nowatzek, Ueber 
Harn»üuroauascbeidnng bei kroupöser Pneumonie. Zeitsehr. f. klin. Med. Bd. XXXII, Heft 1 u. 2. — 

W. CAiuwn, Hamainre, Xanthinbasen nnd PhosphoraSnre im menaehliehen Urin. Zeitsehr. 
I. Biologie. XXXin, pag. 13:1 — '"i Rldolf Kolis< » ui.d Kn n. Hi kian, Ueber dii- Eiweis.skÖrpcr 
des leukämischen Harnes mit be.sundcrer Berüekäiehtiguug des Uistun». ZcitNeiir. f. klin. Med. 
XXIX, pag. 374. — A.noei.eüco. Inflnence de rethöriaation rar les reins. Ann. de med. 189dt 
Nr. 48. — "> £. Paipna und 8. Scehaasb, Ueber Albuninarie nach der Scbutzpockenimpfung. 
Berliner klin. Woehensebr. 1896, Nr. 4. — ^ S. Soaoni, Eine Beobaehtnng flher famillKre 
cyklisi he Alluiininiirie. .Tahrb. f. Kinderhk. XCI, Heft 3 und 4. — **) Hüppkrt , Ueber einen 
Fall von Albuinosurie. Zeitsehr. f. physiol. Chem. XXII, pag. ÖUU. — E. Haack, Ein Beitrag 
zur experimentellen Albmnosiirie. Arch. f. experln. Path. und Pharm. XXXVIII, pag. 175. — 
**> Bhcso Lek k. Beitrag zur Lehre von der Albumosurie. Aus Geheinirath Prof. Moslkr's medi- 
cini.seher Klinik in tireifswald. Deutsche med. Wochenschr. 1896, Nr. 2. — *') M. MATTUEä, 
Uebi-r Eiweisskörper im Urin bei O.steomalaeie. Verhandl. d. XIV. Congr. f. innere .Med. Wies- 
baden 1896. — "*) Anour Jou.es, Ueber daa Aultreten und den Nachweis von Nucleohiaton 
im pseadolettkiraisehen Harn. Vortrag in der wissenaehaftliehen Versammlung des Wiener 
medieini.sehen Doetorcncollegiunis, ,i. April IH'.I?. ■— Klkin, Zur Kenntniss der .\usschel- 
dung von Fibrin und librinartigen Gerinnseln. Wiener klin. Wocheuschrilt. 1H9(). Nr. 31. — 

Wassilisw, Zar Teiglelchendm Schätzung der Methoden fdr die quantitative' Kiweiss- 
bestimmnng. Petersburger med. Wochenschr. 189(1. — **) Tn. Booomolow und N. WAsstuBirr, 
Beitrag zur qualitativen Bestimmung des Peptons im Harn. Centralbl. I. d. med. Wissonsch. 

1897, Nr. 3. — "i Vavorovsky, Ein neues Reagens auf Albumin und Pepton im Harn. 
La Uöd. mod. 1896, Nr. öS. — *■) Kikoleb (Jassy), Asaprol, ein Reagens aul Ein visakürper 
nnd Alkalolde. Wiener med. Blätter. 1896, Nr. 13. — ") J. O. Davlop, Ozalnrla and the 
neretion of oxalic aeid in urine. Edinburgh med. joiirn. .Januar 1896. — *■•) Fki.ix lliusrn- 
VBLD, Ueber Aeetouurie. Centralbl. I. innere Med. 189t), Nr. 24. — ; .STHÜMeKi.u , Zur Aetio- 
logie der alimentären Glykosurie und des Diabetes mellitus. Berliner klin. Woeliensehr. 1896, 
Nr. 46. — A. BiEiiL und R. Kraus , Zur KennlnLss der alimentären Glykosurie. Wiener 
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Hernie. Ans der chirurgischen Klinik von Prof. Ni< ui,ai>i>m in (Iraz. Wiener klin. Woi hen-selir. 
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**) h. A. TAH Kam., Zur Bestimmung der Olykose Im Harn. Ans dem phj-siolog.-chemlschen 




124 



Harn. — Holocain, 



Laboratorium der Univcrsitiit Aiiistcrdam. Zeitachr. f. physiol. Cbem. XXII, pag. 278. — 
*") G. BticuRKB, Zum Nachweis von Zacker im Uarn. Müncbfner med. Wochenschrift. XLI, 
pag. 991. — *') A. Ja880T, Ueber eine einfache quantitative B^-stimmnng des Tranbenzuckers 
im H.irn mittels gasanalytiscln i Mi thode. Apoth.-Ztg. IKlXi. Nr. .t. — *'') R. May, Liivalos- 
urie. Deutacbes Arcb. I. klin. Med. L VII, pag. 279> — ***) A. Loubia» , Zorn Nachweu von 
Indicrn Im Harne. Chfm.-7SHg. Bepeirt irä?, 88. — **> Kar und Wnn, Zw Kemtnin der 
HUmatopon>hynnnrie. Herliner klin. Wochenschr. ISO»'». Nr. 28. - - ''^i .AKeiiiBALn E. Gahrod, 
Ueber ilen Nachwein de« Hämatuporphyrina im Harn. Ocntraitil. f innere Med. 1897, Nr. 21.— 
**) Saillrt, De rnrospectrinfl (ou urohematoporphyrinc normal«-) et de .««a tran.sformation ea 
fatoochromofiiie «wu ler. Berne de JU^eeine. 1896, Nr. 7. — *'') A. Jollkb, Ueber den Nach- 
weis von Gallenrarbstoffen fm Harn. Zeitschr. f. physiol. Cbem. XX, Heft 5. — E. Sal- 
Kows-Ki, l'eher ilen Nachweis des Peptonn i .Mliiiinoseii im Harn und <li"' I >ar*telliinjr des 
Urobilinsj. berliner klin. Wocheuachr. 1897, Nr. 17, pa^;. 353. — **) William Kbamm, Ueber 
ein neues LOrangsaiittel der Hamfarhetolle. Deat'Kshe med. Wochenschr. 1697, Nr. 8 n. ff . — 
*') St. HoNozvNMKi . Ueber das Verhalten einiger Sallcylsiinreoster im Organismus. Areh. f. 
experiiii. Path und Pharm. XXXVIII, pag. 88. — **) Hkxz, Uelier Anthrakose des Urins. 
Memor.ibUien. Jahrgang 39, Heft fi. — Gumpbkcht, Ueber Conservirung von Ilarnsedi- 
menten. Ana der mediclniscben Klinik in Jena. Centralbl. I. innere Med. Nr. 3ü. — 
**)A. Bnroi. nnd R. Ksaos, Ueber die Annehridnng der Ulkrooriranismen dnreh die Klere. 
Areh. f. expcrim. Path. und Pharm. XXXVII. paur. 1. — II Smihi. Hrit. med. .Journal. 1S'.)7, 
13. Febr. — JAeounmiN, Einige Unter8uchun|;en Uber die Fiirbuag und Conserviniog 
organischer Harnbestandtheile. Festschrift für O. Lbwim, Berlin IStlö. — **) H. GoUMOnnMOf 
Baktcrinrie. The Mcdical Becwd. 15. Angust 1896. Loebiaeb. 

Harnentleeniiiify vtrgl Blase, pag. 43 If. 
HarnsAure, retgl. Harn, pag. 105 IT. 
Harnstoff; vergl. Harn, pag. 102 IL 

Holocain, p- Diäthoxy&thenyldiphenylamidin, Amidin, ist 

ein Derivat des // I'hpnetidins von starker loral-anasthetisrher Wirkunp:. Es 

entsteht, indem sich unter Ausscheidung von Wasser gleiche Mülecüie /<-Fhene- 

tidin und Phenacetin mit einander verbinden, als eine in kaltem Wasser 

niohtf lefeht In warmem Idsliehe krftftige Base von neutraler Reaetloo, die 

auch durch längeres Kochen nicht verändert wird. Dir \\ ässerlgen Lösungen 

des HCl-Salzes enf halten in kaltem, {resättifftem Zustande prepren -,5" f, <lor 

Verbindung und besitzen unbegrenzte Haltbarkeit. Ais Anästheticum wirkt 

das Holocafn auch in lenen P&Uen, wo das Cocain versagt und hat keine 

unangenehmen Nehenwirkunt^^en im Gefolge, ausser ein leichtes, etwa 1 Minute 

lang: dauerndes Brennen. Es wird in der Augenheilkunde verwendet und 

hier namentlich zur Entfernung von Fremdkörpern benutzt, da es schon nach 

15 Secunden In Dosen von 3 — 5 Tropfen einer P/oi^en Lösung eine 5 bis 

15 Minnten anhaltende totale Unempfindllchkeit der Augenobertlftohe hervor* 

bringt und daher zar Entfernung von in die Hornbaut eingedrungenen 

Splittern u. derpl. vorzögüch p:peig:net ist. Ot TTMANN' hobt als Vorzug vor 

dem Cocain das schnelle Eintreten der Anästhesie hervor. Die galvano- 

kaustische Verschorinng von Hombantgesehwflren, die Tfttowirung eines 

Leukoms, eine Schieloperation und die Discision eines weichen Staares 

konnten schtnf rzlos ausgfernhrt werden. Betont wird jedoch die ^rrnsso 

Giftigkeit des Mittels. Die Verbindung wird von den Höchster Farbwerken 

in den Handel gebrachL 

Literatur: O. ODTTMum, Veber Holocnin, ein ncnes Anüsthetlcnm. Deutsche med. 
Wochensehr., 1897, Nr. II. Loeblatb, 



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I» J. 

Ictltliallin ^ Bezeichnunjr eines neuerdings herjrestellten . dem 
»Tannallin« analo^ron, p:enich- und geschmacklosen Ichthyoleiweie. Vergl. 
die vorläufige Mitt Heilung von Saük, Deutsche med. Wochenscbr. 1897, Nr. 23. 

Ileus, s. Darm, pag, G'J. 

Indicaii, Nachweis, vergl. Harn, pag. 117. 

Jodamyluni, Jod stärke, Amylum jodatum insolubile, wurde von 
C. Majbwski als Ersatziuiliel des Jodoforms für die chirurgische Praxis 
empfohlen. Es wird dargeetellt dnreh Verreiben von 2 Tlieilen Stftrke mit 
1 Theil JodtiDctur und nachtrSglichem mehrstfindigen Trocknen ; tiefblaues, 
äusserst hygroskopisches, trotzdem unlösliches Pulver, von sQsslichem Ge- 
schmacke und mildem Jodgerucb. Es ist reizlos, fQr Aufsaugung von Wund- 
secreten sehr geeignet, Qbertrifft durch seine antiseptische and eiterhemmende 
Wirknng das Jodoform um Vieles und sdieint nnglftig sa sein ; Verbinde 
von längerer Dauer (1 — '2 Wochen i mit Jodamylum sind wegen unange- 
nehmer Geruchsentwickluni^ nicht einpfehlenswerth. 

Zur Bereitung der Jodamylumgaze wird zunächst eine Mischung aus 
1 Theil Jodstftrke und 4 Tbellen Spiritus berrestellt, damit trAnkt man 
sterilisirten hydrophilen Mull (75 Qrm. Mischung auf 1 Qm.) , knetet den- 
selben behufs sorgfältiger Vertheilung der Mischung gut durch und trocknet 
den Verbandstoff 15 Minuten lang an der Loft. Die 4 — löfach geschichtete 
Jodamylumgase und ein sterilisirter Holswollepolster bildra den Jodst&rke- 
Troeken verband. 

Literatur: c. Majkwibi (ReglmeatMrsQ, Du Jodsmylam In der Gbinnrgie. Wiener 
med. Presse. IH'M, Nr. 11». Lo^hisrh. 

Joc^jodwasserstoffsanres Cliliiin, Chininum jodo hydrojo- 
dicum, Cto Hj« N, O2 . J . HJ, ein in Wasser unlösliches, in Alkohol lösliches 
Pulver, wurde sehon 1856 von Bouchardat Innerlich gegen hartniekige 

Intermittens und später von Righini auch äusserlich bei Milzanschwellungen 
empfohlen. Neuerding.s wurde es von As.-;akv bei secundären und tertiären 
syphilitischen Symptomen in einer Tagesdosis von 2,5 ürm. mit günstigem 
Erfolge angewendet Die loealen und allgemeinen Erscheinungen schwanden 
in relativ kurzer Zeit. .lodismus wurde hierhei nicht beobachtet, hingegen 
Chinismus bei Kranken, die hierfür individuell veranlagt waren. Das Mittel 
wird in Pillen, wie folgt, verschrieben: Rp. Chininl pdo hydro^odici 10,0, 
Kaolini puri 2,0, Mucilag. g. arabici q. s. n. f. pil Nr. 60, consp. Talco veneto. 
Morgens >/<*^ABdlich je 2 Pillen; bis 16—20 Stfick den Vormittag über 
m nehmen. 

Literatur: Abcakt, Presse m6d. 1896, Mr. 75. — £. Mibck, Uericht Uber das Jahr 18%. 

L«*hlaeh. 

Jodosin^ Jodeiweiss mit 15% Jodgehalt^ wurde von F. Bli m bei 

Kröpfen . bei Tetanie und bei Myxödem versucht und soll diese Zustande 
günstig beeinflusst haben. Ueber Darstellung und Eigenschaften, sowie 
Literatur s. bei Bromosin. LofUcth. 



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126 



Isozoiolo. 



Isoxazole« Man belegt mit diesem Namen die durch Vereinigung 
von [i-Diketonen und Hydroxylamin entstehenden Körper, die einen aus drei 
Kohlenstoffatonen , einem Stickstoffatom und einem Sauerstoffatom bestehen- 
den ffinfgliederigen Ring enthalten und daher, ähnlich den nahe verwandten 
Pyraiolen, eine besondere chemiedie Gruppe der Asole bilden. Unter ihnen 
ist das in Wasser leicht lösliche Met hylphenyllsoxazololilorraethylat 
ein höchst oifrenthümliches Gift, das Daniontlich bei intravenöser Application 
höchst auffällige Erscheinungen hervorruft. Bei Subcutanapplication ist es 
naeb Versnehen David's wie andere Isoxasole ein lähmendes Olft, das bei 
Warmblütern durch Athmungsstillstand tödtet. Bei Fröschen ist die L&hmong 
hauptsächlich central, doch ist ein gewisser Grad von Lähmung der peri- 
pheren Nerven nicht zu verkennen. Bei Warmblütern resultirt nach vor- 
güDgiger Steigerung d«r Diorese nnd SshleimabsondeniDg im Mnnde (Kanin- 
eben ^ Meerschwelncben) oder Brbredien (Hund) ein Zustand bedeutender 
körperlicher Schwäche, mit periodischen, allpremeinen klonischen, vom Rücken- 
mark iinahhnnf2:ipren Krämpfen, dann kommt es plötzlich zu starker Ver- 
langsamuDg und IrreguluriUii der Atbmung, extremer Dyspnoe und Stillstand 
der Respiration. Die Seetion weist l>el Thieren, die nicht brechen können, 
Ekchymosen und Oedem der Luftwege nach. Sehr merkwürdig sind aber die 
bei intravenöser Injection eintretenden Erscheinungen, die in plötzlichem, 
mitunter von Krämpfen begleitetem, mehr als eine Minute anhaltendem Still- 
stande der Atimiung in Exspiratlonsstellnng und gleiebseltiger Pulsverlang- 
samnng nnd Steigerung des Blutdruckes bestehen. Die Ableitung dieser 
Phänomene von einer Zersetzung der Verbindung im Körper in Methylhydroxyl- 
amin ist bei dem unmittelbaren Aufirelen der ^Erscheinungen unhaltbar; 
auch handelt es sich dabei offenbar nicht um Lähmung des Athmungs- 
oentrnms, sondern um Erregung des ezspiratorlscben Atbmungscentmms, 
neben welchem dann gleichzeitig und unabhängig (auch bei kflnstlicber Atb- 
mung) das Vaguscentrum und das vasomotorische Centrum erregt wird. Diese 
dem Keflexstillstande bei der Einleitung reizender Dämpfe auf die Nasen- 
scblelmhaut entsprechende, übrigens auch bei Bintrftnfelnng ^on Isozasol- 
lösungen in die Nase, sofort und selbst noch früher als bei intravenöser 
Application eintretende Wirkung wird dadurch noch interessanter, dass die- 
selbe durch Anästhesirung der Nasenschleirahaut mittels Cocains während 
der Dauer der Anästhesie aufgehoben wird, was allerdings auch durch sub- 
cutane IttjecUen von Cocain, aber nur unter Anwendung weit grösserer 
Mengen geschieht. Man muss daher dem Methy^Iphenyllsoxazolchlormethylat 
eine g:anz eigenthOmliche Wirkung auf die Nerven der Nasenschleimhaut 
zuschreiben, die um so auffälliger ist, da es weder riecht noch schmeckt^ 
noch irritirend auf die Mundschleimhaut oder auf die sensiblen Hautnenren 
wirkt. Die Wirkung des resorbirten Cocains scheint aber nur Folge der 
dadurch bewirkten Verstärkung der Atbmung zu sein, da auch andere auf 
das Athmungscentrum erregend wirkende Stoffe (Kampfer, Coffein, Pikro- 
toxin) sowohl dem Isoxazol- als dem durch Einathmung von Chloroform 
bewirkten AthemstUlstande entg^nxuwirken vermögen. Das In der Ver- 
bindung enthaltene Diphenylisoxazol ist nicht als die die Erscheinungen be- 
dingende Substanz zu betrachten, da es nur dauernde mässisre Herabsetzung 
der Atbmung herbeiführt. Ebenso wenig ist an eine Wirkung der in Rede 
stehenden Verbindung des Cldormethyls zu denken, da dieses diversen an- 
deren Verbindungen eine analoge Wirkung nicht ertheilt. Dagegen ist aUer- 
dinjrs in dem Verhalten der Pyrazolrhlormethylate eine Analo<rie gegeben, 
indem das 1 )iphenylmethylpyrazolchlormethylat bei intravenöser Einführung 
völligen Stillstand der Atbmung in Exspirationsstillstand bewirkt und auch 
die Pnlsfrequens und den Blutdruck, jedoch nicht so prägnant, in gleichem 
Shme wie die Isoxasolverbindung beeinnusst. DimethylphenyIpyrasolcbl<w«- 



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Isozazole. — Itrol. 



137 



methylat bewirkt ebenso in grösseren Dosen völlige Athmungsstilislände, 
die ledoeh alle 5 — 10 Seenoden durch krampfhafte Inspiration anterhrodien 
werden. Dagegen wirkt Cbinolinohlormetbylat selbst in intravenösen Gaben 
von 0 025 nur schwach verlangsamend auf die Respiration. Man hat daher 
an eine Wirkung der Combination von Azol und Chlormetbyl zu denken, 
da von ^ner Wirkung der Ammoninmbaeen in dem angedeuteten Sinne 
niisht die Rede ist So sind Trimethyl« and Triaethylammoninmehlorid, Tetra* 
aethylammoniumchlorid und Triaethylmcthylaninioniumchlorid ganz unwirksam 
und Teframethylamraoniumchlorid wirkt zwar stark toxisch, so dass schon 
Ys Mgrm. pro Kilo stark giftig wirkt, lähmt aber die Hespiraiion und setzt 
gleichseitig den Blntdrnek bis auf wenige Millimeter, wsihrseheinlich durch 
eombinirte Hers- und Oensstthmung herab.') 

Literatur: ') David, Phariii:il<'tl<i<,Msche Uiitfrsuchtin;,'cn UbOT dsigc IhoxuzoU'. Miln- 
cbea 1892. — Tapfkimek, Ueber üit; Wirkuu^; dt-r Chluriuetliylate dalfl^ Azole auf Athmang 
vnA Erdslant. Areh. L e^eifm. Patii. XXXTUI, pag. 826. J^ommmmb. 

Itroly Patentoame der chemischen Fabrik von Heyden für das von 

Credi5 empfohlene citron saure Silber. Geg:onüber dem Actol (s. dieses) 
bat es den Vortheil einer trockenen feinpulverigen Beschaffenheit, die es 
sehr gut zum Zerstäuben geeignet macht, auch reizt es die Schleimhäute 
weniger als jenes. Nach GrbdA ist das Itrol ein geradesn tadelloses Antl- 
septicom und Wundstreupulver. Es ist verbUtnissmässig billig, weil es 
nur ganz dünn und selten aufgestäubt zu werden braucht; es ist in 
braunen Gläsern lange haltbar. Da Itrol schwer löslich ist (1 : 3800), so 
garantirt es fOr die Wnndsecrete eine lange wirkende, antiseptische Kraft, 
die sur Abtödtnng und Bntwfekhingshemmnng mehr als genflgt Den Spalt- 
pilzen gfefrenüber verhält es sich ebenso wie die milchsaure Verbindung, das 
Actol. Das Itrol reizt Wunden in keiner Weise und ist, äusserlich ange- 
wandt, in jeder Menge für den Organismus gefahrlos. Tilger, der in seiner 
chirurgischen Praxis nunmehr ausschliesslich Itrol yerwendet, hebt die 
gflnstige »Heilung und Ueberhftntung« anregende Wirkung auf Wunden her- 
vor. 9 Fälle von acuter Gonorrhoe heilten sämmtlich in viel kürzerer Zelt 
als bei der üblichen Höllensteinbehandlung. In 6 Fällen von Ulcerationen 
an der Olans und am Pr&putium war die Itrolbehandlung (Bad des Gliedes 
in abgekochtem Wasser, darauf Bepuderung mit Itrol) von geradesn flber- 
raschendem Erfolge begleitet. In 2 Fällen von Endometritis puerperalis 
erfolgte nach einmaliger, intrauteriner Ausspülung (mit Itrollösunj? 1 : '»OO - 
prompter Abfall des Fiebers. 2 Fälle von Nabelentzündung bei Neugeborenen 
wurden in kOrsester Zeit sur Hellung gebracht, und swar In dem einen 
Falle durch Application von Itrolpulver, in dem anderen durch die Anwen- 
dung von Itrolsalbe. Auch 0. Weri-er hat das Itrol in 50 Fällen von zum 
grössten Theile acuter Gonorrhoe mit günstigem Resultate angewandt. Er 
verordnete sofort naeh Bintritt des Pntienten in die Behandlung eine Lösung 
von Sol. Itroli 0,025 : 200,0 und liess davon 4mal täglich Iniiclren. Nach 
Verbrauch dieser Einspritzung verschrieb er dann allmälig ansteigend : Sol. 
Itroli 0,03, 0,04, 0,0.t : 200,0. Auch J. L. Bkykk räth. um die mit Silberjraze 
bedeckte Wunde länger keimfrei zu erhallen, das Aufstäuben von Itrol auf 
dieselbe. 

Literatur s. bei Actol. Ferner: O. Wehler, Hehandlnng der Gonorrhoe mit Itrol. 
Dermat. Zeitaehr. III, Heft ö and 6. — J. L. Bbybb, Silbergase als Verbandstoff. Centralbl. 
I. OUr. 1897, Nr. 8. LoMtcA. 



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K. 

Klnder-Aittoskople» vergl. pag. 36. 

Kinderern&hruii]{^. Wenn anch die Bodeutuntr der Ernährung: 
für (las GHdcilx'ii fl««s Kiiuh-s im orston Lebensalter srhon M'it vielen 
Jahrzehnten von den Kinderärzten unerkannt wurde und namentii«'h auf Grund 
der Erfahrung, dass die grosse Mortalität der Kinder im ersten Lebensjahre 
zum frBssten Theile auf einer ungenQgenden Emähraagf derselben beruht, 
zur Vernffent liebung: und massenhaften Verhreitunff von Ernahrunürsnormen fQr 
Kinder während des Säuglins-salters Anlass }re<rel)en hat. so hat doch dieser 
wichtige Abschnitt der kinderärztiichen iYaxis erst in den letzten Decennien 
durch die Fortschritte der Emähruni^lehre im AUt^emeinen, aber auch durch 
die Gründung von Kinderspltä lern in grösseren Städten und «ia lurch herbet- 
{reführte Concentrirunfr des Beohachf iiniismaf erinles eine einL'"«'lit'n(ie li(»ar- 
beitunji: erfahren. Wenn wir dun Fortschritten auf diesem Gebiete diesmal 
eine orientirende Darstellung widmen^ so bedarf dies bei der hohen praktischen 
Bedeutung des Themas wohl l^elner weiteren Begründung. Jedoch die Noth- 
wendiffkeit für den Arzt, sicli mit den für die Säufrling-sernabrun^ geltenden 
Grundsät zi'n mi)g:lichst vertraut zu machen, ist frerach' in den letzten .Jahren 
durch eine ausgedehnte industrielle Thätigkeit auf dem Gebiete der Herstel- 
lung von Surrogaten, welche zum Ersatz der natfirlichen Nahrung des Kindes 
mit vielgestaltiger und grosser Reclame angeboten werden, eine zwingende 
geworden. Wer soll den Damm aufrichten ge«ren die Ueberfluthung mit 
Empfehlungen von Kinderniihrmitteln, die unbewusst und bewusst die Säug- 
linge, denen die Muttermilch leider nicht zugänglich ist, zum Ob]ecte 
speculativer Ausbeutung machen, weon nicht der Arzt, der fähig ist, das 
schon Bestehende richtig zu verwerthen, und was an ihn als Neues herantritt, 
nach sicheren (irnndsätzen zu IxMirl heilen. 

Die Ernährung des Kindes folgt im Allgemeinen denselben Gesetzen 
wie die des Erwachsenen; auch hier wird der Bedarf an Nährstoffen durch 
den Verbrauch an Wörme bedingt, und stellt der Stoffwechsel im Wesen einen 
Kraft ewechsrl dar. Die functifjnellen Eigenthümlichkeit en des kindlichen 
Organismus, bei welchem ein rasches Wachsthum gerade im ersten Lebens- 
|alure, gleichzeitig mit einer begrenzten Form der Erafliurung stattfindet, be- 
dingen eine Anzahl wichtiger Regeln für die Ernährung des Säuglings, deren 
Ausserachtlassung das Sicchthum des Kind«'s zur Folire hat 

In Bezui,'- auf den Kräftewechsel ist im VergU'irh«' mit dem des Er- 
wachsenen zu beachten, dass das Kind im ersten Lebensiahre sich fast durch- 
gehends in warmer Umgebung befindet, und dass die abkfihlenden BinflSsse 
möglichst femgehalten werden, demnach die Ausgabe an strahlender Wärme 



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KinderumAhrung. 



129 



mSgUehite Einschränkuiig erAhrt. Auch Bind die Maakelbeweffimgeii 

wenig: intensiv. Erst wenn das Kind fjc'hen pfdernt hat und Leibesbewegrungen 
in frischer Luft macht, wird der Kiaftverbrauch ein grosserer. Nichtsdesto- 
weniger ist die Grösse des Stoffverbraucbes in den ersten Jahren eine viel 
grOstere als bei Erwaehtenen. Man hat hleifOr den relativ höher Mitwieicelteii 
Drusenapparat in der Jugend und die relativ grössere Biutmasse der |iigend- 
lichen Individuen als Ursache angrenommen (Ranke). Nach Rubxfr gr^nupt 
jedoch schon der Einfluss der relativen Oberflächenentwicklung, 
nach weldmr kleine Thlerorganismen Im VerhUtniss sti ilu*er Masse eine 
viel grössere Obertl&ehe, also AbkOhlungsIlAche darbieten, neben der Körper- 
bewegung oder Körpcrruhe vollständip: . um den relativ hohen Kraftwechsel 
des Kindes zu erklären. Nach einer Zu.sammensteUung KuBNBR S lieiert in 
24 Stunden pro 1 Qm. Oberflüche: 

Erwaehs«tter bangemd in Hube 1,134.000 Calorlen 

» bei mittlerer Kost und Rahe . . . 1,189.000 » 

83u(;liii(? bei Mnttermilch 1,221.000 > 

E r ^^ :i < )i s > ii <■ r bei mittlerer Arbeit 1,399.000 > 

Kind hi'i inittkicr Koat 1,447.000 » 

Sonach ist der jugendliche Organismus, abgesehen von der Säuglings- 
perlode, in seinem Kraltconsnm dem mittleren Arbeiter gleidizustellen. Wie 

eingreifend der Einfluss ist, den die Oberflüchenentwicklung auf den Kraft- 
verbrauch ausübt, zeigt sich, wonn wir den Kraftconsum eines Säuglings 
dem eines ruhenden Mannes gegenüberstellen. Es treffen in der Säuglings- 
periode auf 1 Grm. Körpergewicht an Calorien in 24 Stunden 91.300, bdm 
ruhenden Erwachsenen 36.000. Bs wird also durch die Verschiedenheit dar 
relativen Oberfläche der Kraftconsum des Säuplings um 25n% gesteigert; 
dieser enormen Wirkung peg'enüber erscheint es boinalic geringfücrig' . wenn 
wir durch angestrengte Thätigkeit unseren Kraftconsum um äS^/Q zu steigern 
im Stande sfaid (Rubnbr). Der grosse Kraftconsum des Kindes erkUrt dessen 
lebhaftes Nahrungsbedürfniss und auch den raschen Verfall desselben beim 
Mangel an ausreichender Nahrung. Das Wachsthumsgesetz findet seinen 
Ausdruck in der Energie, mit welcher der wachsende Oriranismus das Hiweiss 
der Nahrung an sich reisst, von dem nach B. Benoix-) bis zu ^ü^/q zurflck- 
behalten werden können. 

Dem hohen Nahrungsbedürfniss rles Kindesalters stehen aber die erst 
mit dem Wacbsthum des fibrifren Kih-pers .sich entwickelnden Verdauung:s- 
organe mit zarter empfindlicher Schleimhaut, mit wenig entwickelten Drüsen 
und schwacher Hnscnlatnr gegenfiber. Die diastatische Fähigkeit des Mund* 
speicheis ist während der ersten Lebenstage eine sehr schwache, und dem 
Pankreasferment fehlt jene Fähigkeit während der ersten vier Wochen voll- 
ständig; der Magensaft ist während der ganzen Süugliugszeil weniger sauer 
als si»it»rhin, doch ist das tryptlsche und Fett zerlegende Ferment des Pan- 
kreas gleich nach der Geburt wirksam. 

I. Ernährung des Kindes mit Muttermilch. Die einzige natur^ 
gemässe Nahrung des neugeborenen Kindes bildet die Muttermilch. 

Die Zusammensetzung der Frauenmilch fand Leihmann^) im Mittel in 
100 Theilen: 

WaMer WmtSmUoU» F«tt aiUcbnclwr AMb« 

88,5 1,7 3,8 6,0 0,2 

und zwar sind von den Eiweissstoffen in 100 Theilen Frauenmilch Casein 1,2 
und Albumin 0,5 enthalten. Die Bedeutung dieses Verhältnisses der beiden 

Eiweissstoffe gerade in der Frauenmilch wird später frewfirditrt. Die Antraben 
der Forscher über den (5esaintntei\veiss£rehalt der Frauenmilch zeigen j^'^rosse 
Verschiedenheiten, während die Angaben über den Procentgehalt der übrigen 
BestaadtheOe untereinander nur wenig dilferiren. Jedoch ist die genaue 
KenntniBS des Eiweissgehaltes der Frauenmilch von Wichtigkeit, weil damit 

Siugrdo». JTikifeMhM. VII. 9 



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130 



Kinderernährung. 



ein Anhaltspunkt für die Berechnung des BedarfeH an Eiwoissstoffen bei der 
kOnsllichon Ernährung- (wolifi nllerdinprs auch die (Qualität der Eiwoissstoffe 
in Betraclit kommt) gegeben ist. J. König giebt den Gesammteiweissgehalt 
der MuttermUdi als Darchsclmltt von 107 Analysen mit 2,29 ^ o a^u; Emil 
Ppeifprr auf l,944Vo< Diesen gegenüber finden Jobanbssrn 1«/«« Backhaus 
1,6° 0- T^i'MM und Illner 2.07 8 o Qesammtciwoiss. 

Die Vorzüge der Muttermilch als Säuglingsnalinui;; }rpf2:enübcr der 
als Surrogat dieser zumeist zur Anwendung gelangenden Kuhmilch wollte 
man anfangs mit den Verschiedenheiten der quantitativen Zusammen- 
setanng beider erklären. Neuere Forschungen zeigten aber immer mehr, dass 
beträchtliche Untenschiedo in dem qualitativen Verhalten der Nährstoffe, 
namentlich der Eiweisskörper und selb.st des Fettes zwischen Frauen- und 
Knhmilch vorhanden sind , welche die leichtere Verdaulichkeit der ersteren 
und damit den ungestörten Ablauf aller Verdau ungsvorginge beim Säuglinge 
bedin^'-fii. Die chrmisrhe X'i'rsrliifdcnlHMt des Casfins aus der Monschenmilch 
von dem der Kubmilch hat zuerst Bieükrt •) nai h^rr w icscn, er zeigte, dass 
wegen des differenten Verhaltens der beiden Caseine gcgi'n Fällungs- und 
Lösungsmittel das Kuhcasein im Msgen des S&uglings sich in grösseren 
derberen Gerinnseln, das Frauencasein sich in zarten dQnnen Flockchen 
ausscheide. Die analytischen Antraben Biedekts wurden von zahlreichen 
Forschern bestätigt. Die Verschiedenheit der elementaren Zusammen- 
setxung der fraglichen beiden Caseine haben Makris, LsmiUHif, Wroblbwskt*) 
gezeigt. Das Frauencasein ist viel reicher an Schwefel und wenig ärmer 
an Phosphorsäure als das Kulicasein. So enthält das »j^enuine Casein« 
Lehmanns, weiches dieser als eine Doppel Verbindung von Caseincalcium und 
pho.sphorsaurem Kalk auflasst^ im Kuhcasein 6%, im Frauencasein nur 3,2» , 
phospborsauren Kalk. BezQgUch der Verdaulichkeit des Kuhcaseins fand 
V. SzoNTAGH «), das9 bei der künstlichen Verdauung des Kuhcaseins mit Pepsin- 
salzsäure ein phosphorreicher Körper — das Paranuclein - abirespalten 
wurde, welcher sich auch bei fortgesetzter Verdauung — auch bei der Trypsin- 
verdauung — nicht löste, wihrend vom Frauencasein bei der Verdauung ein 
solcher Rest nicht surQokbleibt. Zu gleichen Resultaten gelangten bezüglich 
der Pepsinverdauune: auch v. Moraozewskv Wroblewsky, zum Theil auch 
Clara WiLDENOW.^) Nun zeigt aber Salkowski dass sich auch das Kuh- 
casein vollständig in Lösung bringen lässt, wenn die VerdauungsflOssigkeit 
hinreichend verdünnt ist, also das Verhältniss swisdien Casein und Ver- 
dauuntrsflüssiirkeit nicht unter 1 : 500 sinkt, ferner eine entsprechende 
Menge Salzsäure und gcnüjrend Pi-psin vorhanden sind. Immerhin lassen auch 
Salkowski's Versuche erkennen, dass Kuhcasein schwerer verdaulich als 
Milchcasein ist. 

Ein wichtiger Unterschied zwischen Frauen- uod Kuhmilch ist ferner 
durch den ^rössen'n Gehalt der ersteren an Albumin gegeben. Wie oben 
angegeben, fand Leumann für Frauenmilch l,2<*/o Casein, 0,5°, o Albumin j für 
Kuhmilch 8,0 Vo Casein, 0,3% Albumin. Bs kommt also auf jedes Granmn 
von in der Frauenmilch consumirtem Casein 4*/tma,l so viel Albumin als 
bei Ernährung mit Kuhmilch. Nach Schlossmann bilden \nn den Eiweiss- 
körpern der Muttermilch 63° „ Casein und 37° « Lactoalbumiu. Die Bedeu- 
tung dieses Verhaltens liegt darin, dass dem Kinde ein grösserer Theil der 
von ihm benöthigten BiwelsiBmenge in iöslidier Form dargeboten wird ; mög- 
lich auch . dass das lösUdie Elweiss mechanisch eine fehlflockige Ausschei- 
dung begunstii^t. 

Die Verschiedenheit des Fettes der Frauenmilch von dem der Kuh- 
milch wurde vor Kuncem von Ernst Lawbs*") dargethan. dem 116 Orm. 
F'ett der Frauenmilch zur Verfügung standen. Dabei /ei^^te sich das Fett 
der Muttermilch sehr arm an flöchtigen und wasserlösUchra Sfturen und 



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Kindrawnährung. 



181 



reich an imgresättlgrter Sftare. Bs enthielt: l,47o an flOchifgren wasser- 
löslichen Säuren, 49,4*/o unsresätti^ter Sftnre. Die ttfichtigcn Säuren enthielten 
höchstens Spuren von Buttersäiire , von Capron-. Caprvl- und Caprinsäure 
annähernd gleiche Mengen. Unter den nicht flüchti^:i>n, unlöslichen Fettsriuren 
befanden sich ausser den in thierischen Fetten allgemein vorkommenden Pal- 
niitin«, Stearin* und Oels&oren eine odor mehrere Fette&nren von niedrigerem 
Molf'culargewicht (wahrscheinlich Myristinsäure). Der Schmelzpunkt dieser 
Fettsäuren lac: zwischen 37 — 39» C; der des Fettes selbst bei 30 — 31°. Nach 
W. G. RupPBL^i) stellen die Fette der Frauenmilch eine weiche Masse vom 
apec. Oew. 0,966 mit einem Schmelxpuü&te von 84o C. und BrBtarmn^spunkt 
von 20.2" C. dar. Unter den flüchtigen Säuren findet er auch Ameisensäure. 

Das Fett ist auch in der Frauenmilch in Form von Milchküffeb^hen 
enthalten, und zwar zu 1,03 — 5,75 Millionen auf 1 Ccm. Milch. Die Milch- 
kugelchen nach FLEiscHHAjnt, In efaier Qrdsse von 0,001 — 0,004 Mm., werden 
als grosse, mittelgrosse und ponkt- oder stanhfSrmige untersdiieden. Den 
Haupt bestandtheil der Milch bilden die miltelfi^rossen Kügrelchen. jedoch 
können alle drei Arten zuirloich in der normalen Milch vorkommen. Die 
Colostrumkörpercheu findet man m der Milch in den ersten Tagen — bis 
znm achten Tage nach der Gebart, gftnzlich verschwinden sie erst im Laufe 
des ersten Monats. Treten di( Colostriinikörperchen in späterer Zeit der 
Lactation auf. dann sind sie als Symptom der F>krankung der S&ugenden 
oder einer eintretenden Schwangerschaft aufzufassen. 

Bekanntlich ftnd^ die Frauenmilch in den einxelnmi Monaten der 
Laetationsperiode Ihre Znsammensetsung. Pfbifper's^*) Analysen ergaben, daas 
die Frauenmilch In den ersten Tauen nach der Geburt (durchschnittlich auch 
für den ersten Monat giltiirt viel Kiweisskörper. Salze und wenig Fett, auch 
wenig Zucker enthält. Die Menge der Eiweissstoffe nimmt in den ersten 
7 Monaten stetig ab und bleibt in den weiteren 5—6 Monatm xiemlleli- 
station&r. Dabei ist zu bemerken, dass die ^^(M^^:e des Lactoalbumins im 
Verhältniss zum Casein in den ersteren Monaten eine p:rossere ist und sich 
im Laufe der Lactation immer mehr verringert. Das Verhältniss von Ge- 
sammteiweiss zu gelöstem Bisweiss ist nadi Gambrsr's Analysen in 
der Erstlingsmilch 2,53 : 1,62, in der jungen ausgebildeten MOch 1,74 : 1,19, 
in der ausf!:ebildcten Milch nach dem dritien T^ebensmonat 1.46 : 1,00, bei 
der alten nach dem 6. — 9. Monat und darüber I.IS) : 0,84. Der Gehalt an 
Salzen vermindert sich während der Lactationsperiode , während die Fette 
stetige Schwankungen zeigen. Nach Pfbipfbr wird die Junge Müch durch 
grosseren Gehalt an Eiweiss und an Salzen, sowie geringeren Odialt an 
Zucker charakterisirt, während in der älteren Milch der Eiweisssfehalt und 
Salzgehalt geringer, der Zuckergebalt grösser ist. — Während der Zucker 
bei der ersten MÜch im Minimum 2 — 3^0 beträgt, nimmt er vom 2.— 5. Monat 
der Lactation bis zu 4^ — 5% zu und steigt nach dem 6. Monat bis zu 6*>/«. 

Diese je nach der Dauer der Lactation auftretenden Verschiedenheiten 
in der chemischen Zusammensetzung der Muttermilch bilden die Grundlage 
für die richtige Beurtheilung der F'rage bezüglich der möglichsten Gleich- 
artigkeit des Ammenkindes mit dem zu nfthrenden. Doch herrscht 
auch zwischen Kinderärzten von grosser Erfahrung keine gleiche Anschauung 
in dieser Frage. Während Hei'BNER in Rücksicht . dass nur die innerhalb 
der ersten Tage nach der Entbindung secernirte Erstlingsmilch sich wesent- 
lich von der Dauermilch unterscheidet und dass die meisten Ammen schon 
mit einer DanermQdi fOr den Säugling aufgenommen werden, immerhin die 
Erfahnmg machte, dass auch sehr jungen Säutrliniren bald nach der Geburt 
die Dauermilch gut bekommt, wenn man nur anfangs nicht zu viel trinken 
lässt, es jedoch Ifir wönscbenswerth erklärt, »dass der Abstand zwischen 
dem Alter des SAnglings und der Dauer der Ammenthfttigkeit kein allzu 

9» 



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182 



IUiid«reraäbrung. 



grosser sei«, gelangt Monti^*) ebenfalls auf Grund eines reichen Materials zu 
anderen Ergebnisson. deren Erklärung er in den Unterscliieden der chemi- 
schen Zusammensetzung der Muttermilch in den früheren und sp&teren 
Monaten der Lactationsperlode gegeben findet. Das oben erwähnte Ver- 
halten der BIwelsMtoffe in der Jaogmileh bringt es mit sieh, warum eine 
Mildi, in welcher die Menge des gelösten Eiweisses bereits geringer wurde, 
IQr Neugeborene und Säuglinge bis zwei Monate schwer verdaulich ist, 
trotsdem sie eine geringere Menge vom Qesammtei weiss enthält. Es wird 
eben das gelüste Biweiss vom jungen Säugling leichter aufgenommen wie 
das in der ftlterMi Mileh vorwiegende Ca sein, das eine bedeutende c-hemisdie 
Veränderung erfahren musa. die zu bewirken die Beschaffenheit des Magen- 
saftes und das Secret der Darnuirüsen noch nicht ausreichen. Nach Monti 
treten, wenn man einem Säugling im Alter von unter zwei Monaten Milch 
einw Amme giebt, die vor 4 — 5 Monaten entbunden hat, stets Verdauungs - 
Störungen und schlechte Ausn&tsnng der Milch ein — die Ernährung verhält 
sich dann ähnlich wie bei der künstlichen mii Kuhmilch. Auf diese That- 
sachen stQtzt sich auch die später zu erörternde bLmpfehlung, bei der £r- 
nihrung mit Kuhmilch einen Theil der Eiweissstofte dordi lösliches Biweiss 
in decken. Man wird also bei Benützung einer Amme auf die Beschaffenheit 
einer möglichst gleichalterigen Milcli achien : für ein neutreborones Kind bis zu 
6 Wochen wird man eine höchstens zweimonatliche Milch immerhin als zu- 
lässig erachten. Säuglingen im Alter von 2 — 4 Monaten wird man am besten 
Ammen mit 8 — 4monatlicher Milch geben. Die ZuUsrigkeit {fingerer Ammen 
für ältere Sauglinfre hfm^-t von dem Alter der letzteren ab. Für ein über 
'6 Monate altes Ivind ist die Erstlingsmilch von der ersten Woche nach der 
Menge ungenügend, auch nach der Qualität schädlich, indem sie häufig zu 
Dannkatarrhen fOhrt, allein eine 2 — Smonatliche Amme kann, vorausgesetst, 
dass sie genügende Milch besitit, crime naehtheilige Folgen so einem 6, 7 
und 8 Monate alten Kinde genommen werden. 

Um die Lactationsdauer einer Amme zu bestimmen, kann man die 
chemische Unftersndmng der Milch ausffihren und es wird bd Berfldcaiditi- 
gang der Durchschnittszahlen möglicherweise gelingen, sichere Daten cum 
Mindesten bezöglich der Frair«" "h FrOhmilch oder Dauermilch, zu erhalten. 
Jedoch ist eine v()||släiidi<re Milclianalyse eine nur vorn F'achmann ausführ- 
bare Arbeit. Es dürfte daher nicht überflüssig sein, hier un die Metbode von 
Umikopp**) SU erinnern, mit welcher sich die Dauer der Lactation, wenn andi 
nur approximativ, sehr einfach bestimmen läset. Nach Monti soll die Methode 
für praktisclie Zwecke brauchbar sein. Es werden nach Umikoff 5 Ccm. 
der zu untersuchenden Frauenmilch mit 2,5 Ccm. einer 10%igen Ammoniak- 
Idsnng versetst, und man erwftrmt hierauf die Mischung 15 — 20 Minuten 
lang im Wasserbade bis zu 60o C. Dabei zeigt die Frauenmilch eine Farben- 
. reaction. welche mit der länirercMi Dauer der Lactation von blassroth. violett 
bis zu dunkelviolett uiul dunkelbraunviolett sich ändert. Es zeigt also die 
Milch der ersten sechs Wochen eine sehr schwache blassrosa Färbung, die 
von der sechsten Woche bis in den dritten Monat in ein deutliches rosa- 
violett überirelit und in den fi i nen ii Monaten allmälig dunkelviolett braun 
wird. Da die Intensität der Reaction mit der Menge des zugefOirten Ammoniaks 
zunimmt, so müssen in allen Fällen, um brauchbare Resultate zu erhalten, die 
oben erwähnten Mengenverhältnisse zwischen Milch und Ammoniak von be- 
stimmtem Concentrationsgrade eingehalten werden. Die Farbe der Kuh- 
milch wird durch Ammoniak nicht verändert. 

Der mit Muttermilch oder wenigstens mit Frauenmilch von entspre- 
checdem Alter genährte Säugling erhält in den ersten 4—0 Lebensmonaten 
in dieser Weise eine passende und ausreichende Nahrung. Wohl kommt hiebei 
ausser dem NahrungsbedQrfniss des Säuglings auch noch die Ergiebigkeit 



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Ki aderernährung. 



133 



der Milchdröspn in Bptracht ; doch ontsprprhon unter physiologiadlMl Vw- 
hältnisson diese beiden Functionen einander und es lässt sich daher durch 
Ermittlung der Milchmeoge, welche das Kind beim Säugen aufnimmt, dessen 
NahnmfBbedarf tait groMer Sicherheit erkenDen. 

Sehr richtifT hemerkt Cammehkr, d:i8» hei der EniUhrunff an der Mutterbraat neben 
der Beschränktheit der Milcbproduction die AoHtrengung beim Säugen ein Moment bietet, 
wddwt dm BiafUag vor Ueberfatternng bewahrt; während die künstlich ernährten flliif^ 
Vage, wenn man ihnen Kahmilcb giebt, so viel als sie becehfea, d» sie ihre Natamiif er* 
langen ohne dabei an ermüden, leicht flberflittert werden. 

Um nim die geünnlcene Mutter- und Ämmenmilch mit annähernder 
Sicherheit 7ai ermitteln, wird der Säuerling einmal vor und einmal nach dem 
Säugen gewog'en. Die Zahlen fallen etwas zu klein aus, wefjen der Perspiratio 
insensibilis in der Saugzeit, welche im 1. Monate circa 5 ürm., im 6. Monate 
circa 12 Gmi. in der Stunde betrlgrt^ Demgemits soll die WSirnnff in Rfidi- 
sicht auf die Zeitdauw des Sfuiffens corrigirt werden. Einen werthvollen Ein- 
blick über die Nahrunfrsaufnahme des Kindes an der Mntterbrust und dessen 
Wachsthum im ersten Lebensjahre gestattet uns die folgende von HAunür**) 
entworfene Tab^e, welche uns die von einem Kinde während der 1. bis indutive 
84. Woche täglich g^enoramene durchschnittliche Menge Muttermilch zugleich 
neben der Gewichtszunahm(' dossolben am P^nde jeder Woche '/eitj't. Da die 
absoluten Zahlen der Milchmeng«>n, welche der SäufflintJ: aufnimmt, von der 
Reife des Kindes, von dessen Geschlecht, insbesondere aber von dessen 
KOrpei^wieht abhängen, so hat HAbmbr fai der Talwlle andi da» procm- 
tarische Verhältniss zwisdien Körpergewicht und Milchmenge angegeben, um 
80 den Zahlen eine bessere Verwendbarkeit zu sichern. Das procentische 
Verhältniss zwischen Körpergewicht und aufgenommener Milcbmenge wurde 
auch in den älteren Versuchen von Ahlteldt und Boüchadd berQcIcsichtigt. 



OtwIaksdiM 






PnomS das 


OnrtaUd« 




Ttglteha 
Milchmeng« 


Proront ilo» 




Kiadat 

mtn Kndp 


dir Wooi« 


ngiMw 

Mllebmeng« 


gswirhtM 

□ ach HXlINKR 


UadM 

(am Ende) 


dar Wcwh* 


K' ■rj'- r 
gewicbtes 
nach HJLhnrr 




9089 


1. 


291 


9,5 

15,3 


6210 


18. 


883 


14,2 




3251 


2. 


497 


6360 


19. 


888 


14,0 




3394 


3. 


550 


16,5 


6370 


20. 


847 


13,3 




3670 


4. 


594 


16,0 


6640 


21. 


870 


13,1 




3961 


5. 


668 


16,7 


6670 


22. 


994 


13,0 




4261 


6. 


740 


17,6 


6690 


23. 


870 


13,0 




4581 


7. 


808 


17,« 


«740 


24. 


870 


12,0 
13,7 




4793 


8. 


834 


17,4 


6960 


2b. 


807 




4968 


9. 


766 


15,4 

15.9 


6980 


86. 




14,8 




5138 


10. 


818 


7000 


27. 


1081 


15,4 




5243 


11. 


742 


14.1 


7300 


28. 


1220 


16,7 




5390 


12. 


805 


14,6 


7465 


29. 


1229 


16,4 




5510 


13. 


817 


14,9 


7650 


da 


1195 


15,6 




5660 


14. 


850 


15.0 


7800 


81. 


1097 


14,1 




5790 


15. 


835 


14.4 


7830 


32. 


1009 


13,2 




ö8oO 


16. 


760 


13,0 
18,8 


792U 


33. 


1104 


13,9 




6000 


17. 


795 


8040 


34. 


1100 


13,6 





Für die ersten 14 Lebenstage berechnet Caiihbrbr auf Grund 
von 6 suveriässig beobaditeten Fällen (4 von Hähnbb, 1 von Cammbiibr, 

1 von O. Laurb ^"i folgende tägliche Mnttermilchmengen (abgerundet). 

Tägliche Muttermilchmengen in Gramm. 



1. Tag 30, 2. 130, 3. 240, 4. 290, 5. 330, 6. 365, 7. 40U, Mitte der 
2. Woche 450, Ende der 2. Woche 500. 

Die Qewichtsmengen derselben Kinder betrugen während der gleichen 
Zeit in Grammen. Geburt 29GO. Knde des 1. Ta^es 2830, 2. 2760, 3. 2820, 
4. 2850, 5. 2850, 6. 2880. 10. L'UJO, VI 2i»itü, 14. ;{<>20. 

Die Zahl der täglichen Mahlzeiten betrug bei diesen Kindern im Mittel : 

1. Tag 1,7, 2. Tag 5,6, 3.— 14. Tag 6,5. 



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134 



Kinderernährung. 



Ais Mittel der einmaligen Nahrungsaufnaiiine vua iiruMitvindem 
fond Fbbb In der 1. Woche 113,0, in der 2. 126,0, in der 8. 133,0, in der 
4. 144,0 in der 5.-8. 189,0, In der 9.— 12. 208,0, in der 13.— 16. 241 A In 

der 17. -20. i'oC.O und in der IM. i'S!. Wocho i'sO.O. Diese Menden sind 
viel {grösser als die von nn<ler(Mi UntersuclM'rn an-rcirehenon. Nach Fkkk'") 
erklärt sich dies daraus, dass sclion während der Mahlzeit ein Theil der 
Milch in den Darm fiberir^ht, so dass mehr aufi^enommen werden iuinn als 
der Mapen fasat. Die Zahl der Mahlzeiten betrug 5 7 in '24 Stunden; von 
der 2. Woche an soll der Säuirlin;r nicht öfter ah» dreistfindlicb Nahrung^ 
erhalten, mit einer längeren Nachtpause. 

Bezfiglich der Grundlagen der Berechnung verweisen wir anf die Aua- 
fUimngen Cammbrbr^s. Die WSgungen lassen die bekannte Thatsache, dass 
die Kiiuicr in den ersten Taften an Gewicht einbussen. deutlich erk«nin<>n. bei 
gesunden Kindern ist der X'criust am 8. — 10. Lebenstag wieder eiimi lu acht. 
Diese Verluste sind durch die geringe Nahrungsaufnahme im V^ergleiclie mit 
den Abgaben an Perspiratio insensibills, Urin, Meconinm und Fäces bedingt 
Man muss wegen der geringen Verdauungskraft des Magens und Darms in 
den ersten Lebenstagen darauf verzichten, diesen Verlust durch gesteigerte 
Nahrungszufuhr auszugleichen. 

In einer frflheren von Cahmbrbr im Vereine mit Harth ahn») verSflent- 
lichten Arbeit »Der Stoffwechsel des Kindes im ersten Lebensjahre« ist die 
Aufnahme der Nahrunp: mit Beröcksiclit iprunfr des Kinderffewidites zugleich 
mit Oegenüberstellung der Ausscheidungen (sensiblen und insensiblen) in 
folgender Tabelle dargestellt : 





! 


MittUrM 
Kiades 
f« wicht 


NabroDi; < Mutt»rniilcbi 




24(tttJl(lige 

Mang« 


eine Mahlzeit 

durch- Miiiimara 
•ehnitt- and 
lieh 1 Mkximnm 


! 

Urin 1 




c « 
i£ 
C £ 

£.1 


VorhiUtnii>8 
der «en^ilielo 
■« den tn«en- 

w(Mn Aiu>- 
Mhaidnngen 


1 

Q erste BSUte 
swelte » 

8 
4 
6 
6 

9, 10,11V. 12 
18, 19,20 V. 21 

31, 32, 33 

46. 67. 68, f.'.l 

105, 106, 107 
108,112,113 

161,162,168 


j 3160 
8110 
8110 
3124 

3160 
3150 
3390 

i 3676 
4410 

1 52Ü0 
6100 


10 

66,5)3^'° 
247 

287 

288 

379,5 

495 

534 

555 

651 

749 

766 


10 

18,3 
36 
37 
S8 

54 

n 

100 

97 
108 
134 
. 109 


10 
( 10 
\ 22 
21 
48 
24 
60 
22 
76 
30 
85 
12 
114 
15 
1153 

:?8 

135 
30 

155 
55 

230 
30 

182 


48 

0|y^ 

53 r 

172 

226,5 

181 

204 

3.57 

385 

398 

447 

517 

466 


> 

te 
u 

2 

u 
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1 
1 

Z 
1 


98 

37 

42 

85 

92 

96 

99 
138 
132,2 
126,9 
l.-)4,7 
225 
219,7 


50 : 50 
50 : ÖO 

67 :S3 
71:89 
66 :34 

68 ; 32 
72 :28 
76 :25 
76 :24 
75 : 25 
70:30 
62: 88 


liei Kuhmilch und ^'fiuiächter Kost 


211,212.213 
223,224,225 
242,243,844 

245 
1 357, 358, 359 


i 7200 
8900 


1345 
1563 


1 207 

1 


jllO 
1240 


819 
968 


1 ^ 

• 

102 


371 
459 


70:30 



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Kinderernährung. 



IMe Menge der aafgenommenen Nahroug, der Fäces and des Urin» wurden zumeist 
direet beatimmt. Die Penpiratfo tanenslbttts wurde dnrdi VKAmBaUge Wigoag de» Ktodes 

iwischen zwei Mahlzeiten «Tniittelt. Hierbei wetlisilt das Kind die Kleider nicht, und da 
eine Verdanatunff des \Va».surä der Au8lecruo(,'eu aus den Windeln auHgesehloäsen werden 
konnte, war der Gewichtsverlnst der Perspiratio insenriliiüs gleicbznsetzen. Sie konnte aber 
ueh twreehnet werden ans dem Gewichte der anfgenonunenen Nahrung, der Dejeetionen nnd 
der Differenz swiseben swei KindeswHfrnnffen binnen 84 Standen. 

B. Bekt)ix (1- C- pag- 129} hat in jün^ter Zeit einen zur ri trcimtcn Aufwainnilunj? der 
in 24 stunden ausgeschiedenen Faeces und Hammenge dienenden gut luuctionireuden 
Apiwrat constmlrt 

II. Das am hanfigrsten angewendete Surrog:at der Muttermilch bildet 
die Kuhrailrh. Die n)it I lere Zusammenset zunir derselben beträgt im Durch- 
schnitt auä 7ü3 Anal>'8en nach J. Kümg in Procenten: 

Wasser 87,17, Eiweissstolfe 3,55, Fett 3,69, Milchsucker 4,88, Sftlse 0.71. 

Sie ist demnach viel reicher an Eiweissstoffen und speciell an Casein 
als dio Muttermilch und ärmer nii Milchzucker als diese. 

Für die VcrgleichnnK der Calorienzahl dt-r Frauen- und Kuhmilch liegt folgende 
Bereehnunt^ Hkcbnkb's*') vor, welche sich anf Analysen der Frauenmilch von Franz Hoffmann*") 
(Leipiig) stOtst. Nach diesem besitit die Muttermilch etwa von der 3. Woche nach der £otp 
biadaag an Monate lang etae sehr eonstante ZnsaniniettBetiinig, weldie in geringen Oreosen 
via folgCBde Werth« schwankt : 

Elwelss 1,037,, Fett 4,ü7« „, Zucker 7,U37«, Asche 0,217,. 

Dem gegenüber enthält die Marktmischmilch im Durcbsebottt: 

Eiw^ 3,57o. Fe" 3,n7,„ Zucker ö,0" „. A><vhv 0,7" 

Ans dieser ZusauimenstcUung berechnet sIlIi für Muttermilch nnd Kuhmilch annähernd 
die gleiche Zahl von Calorien, nämlich im Liter 7()<) grosse Calorien ; die Kuhmilch steht um 
etwa 47« surfick} sie würde noch mehr zurückstehen, wenn man den Eiweissgehalt der 
Mnttenniieb aaeh den nelstea Autoren am bOher aanebmen würde. 

Das Problem der kdnstlichen Ernahmii? des Kindes mit Kuh- 
milch hat sdion Liebig auf Grundlafre der quantitativen und qualitativen 
Unterschiede der Frauenmilch von der Kuhmilch zu lösen versucht. Durch 
Verdfinnung: der Rahmilch mit Wasser so weit, dasa ihr filweissgelialt gleich 
dem der PranMimilch ist, und Zusatz von ao viel Zucker zur verdQnnten Milch, 
um den Zuckerprehalt der Fraucnuiildi zu erreichen, sollte die Kuhmilch in 
ihrer (|uaiititativen Zusammenset /iintr der Frauenmilch mö{rlichst ähnlich g;e- 
niacht werden, wobei man ;cunuchst ganz ausser Acht Hess, dass eine so 
verdGnnte Milch einen sehr niederen Fettgehalt aufweist. Man sah aber bald, 
dass sich das Casein der Kuhmilch weaenth'ch von dem der Frauenmilch 
unterscheidet, und zwar, dass ersteres sich l)ei der Einwirkunjr vnn Mayren- 
saft in festen und zusammenhängenden käsigen Flocken ausscheidet, welche 
vom Magensaft viel schwerer gelöst werden als das in Form lockerer Ge- 
rinnsel in feinen Flöckchen sich ausscheidende Casein der Muttermilch. Liebig, 
der das Casein der Kuhmihh ffir identisch mit dem der Frauenmilch hielt, 
glaubte, die grobfiockitre Ausscheidung; des Caseins in der Kuhniihd» durch 
einen Zusatz V(m Natriumcarbonat verhindern zu können. Doch hat sich 
dies^ Vorschlag in der Praxis nicht bewährt, man versuchte der Kuhmilch 
als Verdünnungsmittel statt des Wassers eine Flüssigkeit zuzusetzen, welche 
durch ihre schleimige Beschaffenheit die grobflock iiie Abscheidung des Caseins 
ZU verhindern fähig sein sollte Als solche diente dünner Haferschleim, 
bereitet aus einem Löffel voll Hafergrütze, welche eine halbe Stunde lang 
mit so viel Wasser durchgekocht wird, dass 0.25 Liter Schleim Qbrig bleibt. 
Man setzte zu einem Viertelliter dieses Haferschleiuies während der ersten 
Monate 1 — 2 Grm. Zucker und mischte dann die Kuhmilch in naciistehender 
Art, wobei man zugleich auch dem Bedürfni.sse des kindlichen Organismus 
an Kohlehydraten Rechnung trug. Man verdDnnte: 

im 1. Lebensmonat 1 Theil Milch mit 8 Theilen Haferschleim 
»2. » 1 ^ » 2 » 

» 3. » giebt man gleiche Theile Milch und Haferschieim. 

Die nach dieser Vorschrift verdOnnte Kuhmilch dient bei der Ärmeren 
Bevölkerung noch dermalen als das meist benfltzte Ersatzmittel der Frauen- 



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136 



Ktnderernfthrtmg. 



milch. Im Laufe der Jahre hat jedoch die künstliche Ernährung des Kindes mit 
Kuhmilch in ihrer Durchführung verschiedenartige Veränderungen erfahren, 
hl denea das Streben snr Geltunir kommt, den Fortschritten der Kenntnisse 
Ober die Schädlichkeiten, denen der kindliche Organismus bei der Ernährung 
mit Kuhmilch ausgesetzt ist . Rechnung zu tragen. Diese Schädlichkeiten 
liegen 1. in der niederen Qualität der benützten Kuhmilch als Ganzes, d. h. 
in Ihrer Verderbthelt vom hygienischen Standpunkte, 2. In ihrer von der 
Henschenniilch differirenden chemischen Beschaffenheit. 

In orstorer Bczicliunir zeigte die Erfahrung, dass hoi mit Kuhmilch 
künstlich genährten Säuglingen sehr häufig Ernährungsstörungen in Form 
von Dyspepsie und den sogenannten Sommerdiarrhöen auftreten, weiche nicht 
nur chw Wadisthum der Kinder verzOgem, sondern in ihren Folgen andi 
die grosse Mortalität der Säuglinge im 1. Lebensjahre verschulden. Das 
Auftreten dieser Erscheinungen wird durch die schlechte Qualität der Kuh- 
milch, wie sie von schlecht genährten und gepflegten Kühen gewonnen wird, 
verschuldet oder dadurch, dass den Kindern eine schon in saurer GXhrung 
befindliche, oder mit verschiedenen GShrungserregern inficirte Milch äls 
Nahrunjr daruchnten wird. Diesen Gefahren entgeht man dadurch, dass man 
zur Ernährung der Säuglinge nur eine Kuhmilch verwendet, welche sämmt- 
liehen Anforderungen einer Milch in hygienischer Beziehung eni spricht. Es 
ist die Milch nur von gesunden Kühen zu entnehmen , die rationell ge- 
füttert werden (trockene FütterungV Sowohl beim Melken als beim Aufbe- 
wahren der Milch sind die Gebote der Reinlichkeit aufs Genaueste zu befolgen. 
Die Hände der Melker und die Zitzen der Kuh müssen rein sein, die Milch 
muss In reinen Oefftssen In einem gut gelüfteten Raum aufbewahrt werden. 
Sie darf nicht in Räumen stehen, deren Luft pathogene Keime mit sich führt; 
auch durch Verdünnen mit einem Walser, das Infectionsstoffe enthält, kann 
die Milch zur Verbreitung von Infcctionskrankheiten beitragen. 

Ueberdies muss aber die ausgewählte Kuhmilch nodi einer angemes- 
senen Behandlung und Zubereitung unterzogen werden, um zunächst die etwa 
in ihr voriiandenen Oährungs- und Krankheitskeime unschädlich zu 
machen. 

Wollte man die in der Milch vorhandenen pathogeuen Mikroorganis- 
men, die säurebildenden und peptonlsirenden Bakterien gänzlich vernichten, 
also rine keimfreie Dauermilch herstellen, so wäre hiezu ein(> ^^fraotlo« 
nirte .Sterilisation«, d.h. das ^ Istundige Erhitzen im Darapfstrome an 
wenigstens drei aufeinander folgenden Tagen nöthig. Jedoch in Fällen, wo die 
Milch schon in den nächsten 24 Stunden verbraucht wird, bedarf es er- 
fahruiigsgeniäss keiner absolut sterilen Milch, sondern es genügt die Ein- 
wirkung eines halbstündigen Kochens und ein licniief isrher Verschluss wäh- 
rend des darauffolgenden Abkühlens der Milch, um dieselbe vor dem Sauer- 
werden zu bewahren, die in ihr vorhandenen Keime zu vernichten, sie also 
fQr die Ernährung des Säuglings brauchbar zu machen. 

Dieses wird durch den SoXHi.ET schen Apparat erreicht, dessen Anwen- 
dung überall, wo der Säugling mit Kuhmilch ernfihi-t wird, in seiner ursprung- 
lichen Form oder in irgend einer Modificatiun. Verbreitung gefunden hat. 
Der SoxHLBT'sche Apparat ermdglicht das ganze Tagesquantuni der Milch 
in der dem Alter des Kindes entsprechenden Verdünnung und unter Zusatz 
von Zucker, in S im Portionen finget heilt, im Dnmpfstrom aufzukochen. Zu 
dem Zwetke wird die möglichst frische Milch in den zu dem Apparate ge- 
hörigen geeigneten Milchgefässen, dem Alter des Kindes entsprechend mit 
Wasser verdünnt und in 8 kleine Flaschen von 100 — 150 — 200 Ccm. Inhalt, 
entsprechend den Einzelmahlzeiten vertheilt. Die Milchflaschen haben einen 
trichterförmig erweitertr-ii Hals, dessen oIhm' r Ratid irut abgeschliffen ist. 
Auf die Flaschenmündung wird ein Gummischeil)cben von 4 ^Un. Dicke und 



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KiuderernAhrung. 



187 



von einem Durchmesser pleich df^r Woitc der Flaschenmündung- gesetzt, und 
über dieses Scheibchen ein kurzes Rohrstück, von verzinntem £iseublecli, das 
sogenannte »Schntsrolir«, gestülpt, das am Oberau Rand Zacken hat. Das 
Rohr soll die Veraehiebung dei Scheibch«is verhindern. Die Flaschen werden 
in ein Bicchpcstell cinsfesctzt und mit demselben in den Kochtopf prebrnrht, 
der bis zur halben Flascbenhöhe mit Wasser {gefüllt und dann zum Sieden 
erhitzt wird. Beim Kochen der Miicli tritt die Luft, die Qummischeibchen 
etwas erhebend, ans den Flaschen heraus. Wenn dann nach ^iVtHndltsem 
Kochen der Einsatz mit den Flaschen herausgenommen und an einem kühlen 
Orte Cam besten in den Eisschrank; gestellt wird, erfolprt durch die beim 
Erkalten im inneren der Flasche entstehende Luftverdünnung ein Hinein- 
saugen der Gummiseheibchen in den Flasdienhals, wodurch der hermetische 
Verschluss gesichert wird. Vor dem Gebrauch wird eine der kleinen Flaschen 
in ein Gefäss mit heisseni Wasser gestellt, um die Milch bis auf 37.50 0. 
zu erwärmen ; darauf wird der Pfropfen heraus^renonimen und ein Saiitr- 
hütchen auf die Mündung gesteckt, wodurch das Gläschen in eine Saug- 
flasche verwandelt wird. 

Der Zuckerzasatz, der bei der Verdünnung mit Wasser geschieht, soll 
6% des Gesammtgewichtes der Flüssigkeit nicht überschreiten. (S. sp&ter 
die Methode von Soxhlet-Heubner.) 

Das SoxHLBT'sehe*') Verfahren hat sich namentlidi in Familien, deren 
Vermögensverhältnisse es gestatten, der Ernälming des S&uglings die noth- 
wendige Aufmerksamkeit zu widmen, rasch eingebürgert, und tbatsächlich 
werden durch dasselbe alle Krankheiten vermieden, welche durch eine sauer 
gewordene oder pathogene Keime enthaltende Milch verursacht werden. 
Doch hat man geinnden, dass das Wachsthum, besiehnngsweise die Gewichts^ 
zunähme des Kindes bei der Anwendung der nach Soxhlet behandelten 
Milch hinter der bei Ernährung mit Frauenmilch in manchen Fallen bedeutend 
zurückbleibt. Ob daran aliein die durch Soxhlet's V' erfahren veränderte 
Kuhmilch die Schuld trägt, dürfte, abgesehen von den theoretisch berechtigten 
Einwänden, die wir später anf Ohren, in der Praxis schwt r zu beurtheilen 
sein. Es ist schwer, in der verdünnten Kuhmilch dem Kinde mittels der 
SoxHLET schen Fläschchen jene stetig wachsende Menge an Nährstoffen zuzu- 
führen, welche das kräftige Kind an der Mutterbrust sich selbst verschafft. 
Gewiss kann man hier die Vorm^rift befolgen, den Bedarf an Nährstoffen 
durch Umrechnung der Kuhmilch auf Frauenmilch, eventuell unter Benützung 
des von Upfelmann") gefundenen Ausnützungscoefficionten für Kuhcasein 
(s. später) beim Säuglinge, festzustellen und hiernach dem Kinde die ihm 
nothwendige Milchmenge znsuf Obren. Jedoch wer soll diese Rechnung aus- 
fahren, die Eltern? sie dflrfte wohl nur dem Kinderärzte als SpeciaUsten 
geläufig sein. 

Man wartet also so lange, bis das Stationärbleiben des Kindes so sehr 
aulfällt, dass man endlich daran denkt, dem Kinde mehr Nahrung zu geben. 
Es sollte denn auch die Ernährung des Kindes unter steter ROcksichtnahme 

auf das durchschnittliche Erforderniss der Milchmengen je nach dem Alter 
stets auch mit der Wage controlirt werd(Mi. denn es ist von grossem Nach- 
theil, wenn man dem Kinde erst dann mehr Milch zuführt, wenn dessen 
Unterernährung schon durch das Anschauen des Kindes allein auffällt. 

Es ist eine unleugbare Thatsache. dass die SoXHLEx'scIie Sterilisirung 
der Milch einen grossen Fortschritt in der Pvrnährung dfs Kindes mit Kuh- 
milch bedeutet und dass sie, rationell durchgeführt, ihrer Aufgabe, so weit 
man dies nur von einem Ersatzmittel verlangen darf, entspricht. 

In neuerer Zeit wurde immerhin der Werth dieses Emäbmngsmodos nach 
mehreren Richtungen angezweifelt. In Bezutr auf den prophylaktischen Werlh 
der SoxBLBT'schen Sterilisirung gegen inlectiüso Magen- und Darmlu-auk- 



1»8 



KlnderernAbrung. 



heilen wird dieser von FlCgce'"') als nicht erwiesen erachtet Die von ihm 
erwUmten »peptonisirenden Milchbakterien« werden selbst in sauberer Milch 
nur selten vermisst und ihre Spuren halten ein Erhitzen auf lOO^ C. min- 
destens 2 Stunden lanjr aus. Es sei also (He sterilisirte Flaschenmileh in der 
Ke^el nicht keimfrei; damit sie ohne Schaden genossen werden könne, müsse 
sie daher dauernd unter 18° C. aufbewahrt oder innerhalb 12 Stunden ver- 
braucht werden. Er empfiehlt, auf ToUkominene Kelmfirelheit zu venichten 
und die Milch einfarli im Hause zweckmässig zu behandeln. (Unter Zusatz 
von lO^/o WnssjT als Krsatz für die Verdunstung flie Milcli im irdenen Koch- 
topf zehn Minuten laug kochen, dann die Milch in kaltem Wasser, welches 
steta xn eaiieu«rn, aufbewahren. Die Milch wird so nur fOr je '/s Tag: vor- 
bereitet; Beinhalten der Saug:flaschen. Das \' erfahren ist wohlfeiler und daher 
aucli von ."irmeii Leuten durcliführbarj Jedoch halten HKfHNF.R (1. c.) und 
Baüinsry^v" an der Not h wendigkeit einer aseptischen Gewinnung und Be- 
handlung der Milch fest. Letzterer sieht die Vortheile des SoxHLET'schen 
Verfahrens In der lang^dauemden Abkochung im Wasserbade, in der Abmessung 
der Einzelmahlzeit und in der Behinderung einer Verunreinigung durch die 
menschliclie Hand. Biedert sieht in Ueboreinstimnumg mit FLfiitiE is. oben) 
den Luftabschluss und die Vermeidung der Lultinfectiun für eine unnüthige 
Zuthat des Verfahrens an — was jedoch tflr die Wohnungen irmerer Be- 
völkerungsschicfatenf fflr SiugUngsanstalten kaum Geltung haben dürfte 
(Baginsky). 

Ein weiterer Einwand gegen SoxHLET s \' erfahren geht dahin, dass durch die 
Sterilisirung die Verdaulichkeit der Milch herabgesetzt werde. A. Baginsky 
hat schon im Jahre 1883 als Wirkung hoher Tempmtituren (Aber 100* C.) 

auf die Milch beobachtet, dass das Casein der vollstilndig sterilisirton Milch 
gegen das Labferment. ge<ren Salzsäure ein vollständig verändertes Verhalten 
zeigt, dass die Verdaulichkeit derselben im künstlichen Magensaft verringert 
wird und dass eine Zerlegung des Lecithins und Nucleins der Milch und 
eine theilweise Zerlegung des Milchsuckers eintritt. In neuerer Zeit fand er 
in Gemeinschaft mit SoMMERFRtD, daas nach Kochen der Milch im SoxHLET- 
schen Apparate bei lüi»" C. während einer Stunde Fett und Zucker in Ver- 
lust gehen und die organischen Phosphurverbindungen erheblich alterirt 
werden. Letsteres kSnnte die Resorption der KaJksalze aus der Milch beein- 
trächtigen. Nach Renk ^-^ i tritt heim Sterilisiren der Milch das Fett aus seiner 
Emulsionsform, nach Tkouneu wird die Milch kolilensrinrearm und schmeckt 
schlecht. Bakbiek--*) findet, dass die sterilisirte Milch länger im Magen 
verweilt als die Muttermilch, und dass die mit der Flasche ernährten Säug^ 
linge eine übermässige Absonderung von Salzsäure zeigen. Dem gegenttber 
fand Bendix hei St ()ff\ve< hsel versuchen, die er allerdings nicht an Säuglingen, 
sondern Kindern im Alter von ly^, 2 und 2 Ys Jahren ausführte, da«s die 
sterilisirte Milch ebenso gut wie die emfach abgekochte ausgenfltst wwde. 
Die chemischen Veränderungen, welche die EiweisskSrper der Kuhmilch durch 
das Kochen erfahren, sind eingehend von Diik( hsel, ferner von L. ni-: .Jaoeu 
untersucht. Von den beiden lösliclien Ki\veisskör|)ern der Milch, dem .\lbumin 
und Globulin, verwandelt sich ersteres nach DuechseLp in Albuminat, nach 
DB Jaobr*!^) geht es eine Verbindung mit Canein ein, welche schwer ver- 
daulich ist. 

Es ist hier daran zu erinnern d.iss nach der alliremeinen Erfahnmir <lie 
Kuhmilch als solche schon vom Säugling schlecht<'r ausgenützt wird wie 
die Frauenmilch. W&hrend die letztere zu 96 — 97°/o ausgenQtzt wird, fand 
Upfblmakn (1. c. pag. 137) fOr die Kuhmilch eine AusnOtzung von circa 93Vo; 

und /war iifitzt der Säugling das tüwriss der Kuhmilch zu — '.•!». 2" „ ^^"8, 
(l.i-^ Fett zu L' — ;tl.8",, . Zucker zu Km",,, am s<-hlechtesten werden die 
.^ai/e ausgenützt, von denen mehr als die Hälfte im Roth abgeht; vom Kalk 



Kinderernährung. 



gelangen nur 25 — 30" „ zur Aufsnucunjr. während nach FÖRSTER vom Kalk 
der Frauenmilch 75 — 78% resorbirt werden. 

Von den TUermllobarten, welche aaeeer der KnlmiOeli al« S&ugiings- 
oahning in Betracht kommen, wurde in neuerer Zeit wieder an die Esel»- 
milch und die Ziegenmilch erinnert. Nach R Klkmm "i sprechen fQr 
die Verwendung der Eselsmilch als Säuglingsnahrung die vortreffliche Con- 
stitution des Eselä, bei dem die uatürliche Tuberkulose gar nicht vorkommt 
nnd die in ihrer Zntaomientetsunf so nake Verwandtaehaft der Eaelsroitch 
mit der Frauenmilch. Der geringe Fettgebalt (kaum 1 Procent) der Emisniaeii 
wire gerade bei gewissen Verdauungskrankheiten der Säuglinge von 
Nntsen. Leider ist eine solche Stellvertretung wegen der geringen Mtlch- 
ergieblgfcelt der BselastntMi bis |ettt in den aeltensten FlOfla dareb- 
Ifibrbar. Die Ziegenmildb empfiehlt Oskar Schwarz**) im ungekochten Za- 
gtande, oder durch Zusatz von heissem sterilisirten Zuckerwasser auf 
Bluttemperatur erwärmt, den Kindern als Nahrungsmittel zu reichen. Die 
Ziegenmilch enthält beinahe doppelt so viel Eiweisskörper und um \^ mehr 
Fett als die Franenmiloh, hingegen nm Vi weniger Zocker als diese. Anob 
die Ziege ist fQr Tuberkulose weniger empfänglich als das Rind. Jedoch 
die geringe V^erbreitun^ der Ziegen am Flachland Ist auch hier den Be- 
strebungen, die Milch derselben als Surrogat für die Frauenmilch zu ver- 
werthen, hinderlich. 

BiBDBRT nimmt nun an, dass wegren der von ihm seit jeher betonten 
Scbwervcrdaiilichkcit des Kuhcascins im Darme ein »schädlicher Xahrungs- 
rest« zuriickbleibi". in welchem die Kakt<'rien des Darmes (»ini'n häufigen und 
gotoi Nährboden finden; er schlägt den Nachtheil des unverdauten Nahrungs- 
restes im Dann hSher an als dieVorthdle, welche dvrch die SterÜisirang 
der Milch erzielt werden können. Demg^^nülx r kommt Heub.ner zu dem 
Resultate, das.n ein -^schädlicher Nahrungsrest bei Verdauunirskrankheiten 
keineswegs immer vorhanden, und wenn ja, nicht im BiCDERT schen SinuQ 
sn deuten sei. Gebe man elnon Siugling genau die Tagesmengen von wenig 
verdQ unter Kuhmilch — Hbobkek verdünnt die Kuhmilch wie Soxhlet 
mit einer gleichen Menge von 12.3Vo Milch/uckerlösung ohne Rucksicht 
auf das Alter — , die er bei gleichem Körpergewicht an der Mutttrbrust 
erhalten wurde, so könne seine Darmentleerung der eines mit Muttermilch 
gen&hrten Kindes gans Ihnli^ sein. 

WAdJSMtrTH erklärt das hänrigcn* Auftreten von Verdauungskr.iiikht'itcn bei ErnUlining 
von Kahmilch als bei der mit Fraaenmilcb , aasgebend von der antizymotiscbeu Bedeatung 
der Baliiliire im Hagen, dadurch, dam die Kohroneh dareh Ihren OehaH an Oasehi eine 
prossr Mcnfirr der freien Salzsänrc im Mafjen bindet, und zwar das 2 — 4faclic rrr^'milber der 
Frauenmilch, so daas die Salssänre nicht mehr ihre antizyinotiache Wirkung eutialten kann. 
Ans diesem WegbU des antibakterienen Sohntsmittels reraltirt eine grOuere Disposition so 
Verdanangsstürnngen. 

Bei aller Anerkennung der Vorzüge des Sterilisat icmsvcrfahrens nach 
den Grundsätzen von Soxhlet, welches, sorgfältig durchgeführt, sich auch in 
Pflegeanstalten von S&nglingen in gleicher Weise wie in der Familie fflr die 
Ernährung vorzQglich bewährt hat, müssen doch auch alle Jene künstlichen 
Emahrungsmittel des Säuglings nn dieser SU'lIf anirefnhrt werden, die zum 
Ausgangspunkte ihrer Empfehlung die chemische Verschiedenheit der Frauen- 
milch von der Kuhmilch haben. (S. hierOber die Arbeiten von J. Soxhlbt, 
Fbl. V. SzoNTAOH, 1. Munk^j, a. Wroblbwski. Olop Hamuarstbn.") 

Es kommt, wie oben erwiihnl. nach .Ji r.. Lfhman'X wegen des trrösseren 
üehaites der Frauenmilch an Albumin auf jedes Uramm in der Frauenmilch 
consumirtes Casein 4V3tnal so viel Albumin als bei Ernährung mit Kuhmilch. 
Um diesen Unterschied aussugleichen, wurde behufs grösserer Annftberung der 
Kuhmilch an die Frauenmilch zuerst von Lehmann ein Zusatz von Albumin 
empfohlen. Nach Jul. Lehmann soll die Kuhmilch mit 1^ ^ Volum Wasser 



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140 



KindcrtTDAtarung. 



verd&nnt und derselben so viel Rahm (von ermitteltem Fettgehalt}, Milchzucker 
lud HQhnereiweiss sugesetzt werden, bis das Gemisch entsprechend der 

Frauenmilch zusammcnffosotzt ist. Das Eiweiss von einem Hühnerei, mit 
4 Esslüffeln WasHer verset/.t . i^equirlt und durch Leinwand geseiht, genügt 
für S Portionen der zu verabreichenden Milch. 

Diese Vorschrift wurde von Hbhpbl durch folgende Form in ihrer Hand- 
habung erleichtert. Er empfiehlt, die Kuhmilch zunächst durch Centrifugiren 
auf 7,5" 0 Fett anzureichern und hierauf mit 105 Grm Milchzucker und 
y,5 Grm. Hühnereiweiss pro Liter zu versetzen. (1 Stück Hühnerei enthält 
15,0—43,0 Ghrm, im Mittel 31,0 Qrm. Eiweiss [König].) Ein Liter dieses Ge- 
menges wird mit IMK) Gern. Wass«r verdOnnt. Hbiipbl empfiehlt die Mischung 
roh 2u verabreichen. 

Es zeig-te sich jedoch bei der Durchführung dieser Verordnung:, dass 
es in dieser Weise unmöglich ist, trockenes Hühnereiweiss, welches billig 
und in |eder Zeit erhftltlich ist, In der Milch gleichmftssig zu vertheOen. 
Dies gelingt erst dann, wenn man die für eine bestimmte Mengrc verdünnten 
Rahmes erforderliche Eiweissmenpe mit der entsprechenden Quantität Milch- 
zucker zu einem Brei verreibt. W. Hesse **) hat nun einen solchen Eiweiss- 
milchsuckwbrei getrocknet, und hat diesem »Milchpnlverc, mit ROcksicht auf 
den höher«! Eisengehalt der Muttermilch, eine Eisenmilchzuckerverbindung 
zugresetzt (0.022 Ferr. lactosaccharin^ 10% Eisen enthaltend, auf 1 Liter 
künstlicher Muttermilch t. 

Bei dieser Nabraiig vou Uksbk gediehen die lueisteu Säuglinge, doch zeigten andere 
Neigung IQ daaneii Scakleii. lOt Rtekaieht daraiil wurde der Milchsuckergebalt von 6 aal 

4,5%, der F^ttpch.ilt von 38 .nnf 3"/^ reducirt. Es >%nir(lfn r>7 Grm. flü.salge» i= 9.5 Orni. 
trockenes) Eiereiweifs und (j? Grui. eisenhaltigen Milchzuckers zu Brei verrieben, der Hrei 
bei niedriger Temperatur getrocknet, zu Pulver verrieben und diese Menge Pulver als Zusatz 
zu g'/, Liter Terdünnten Rahm von 3"/, Fettgebalt (1 Liter iUlim rm Ifil*/^ Fett -f l'/i Uter 
Wasser) in Bertitsehaft g^balten. Der Terdflnnte Kalnn wnrde In 300 Oem.>Flase]ien steri- 
lisirt. jeder Flasclie der aehte Theil des PiilviTs in ah^retlieilten Waehspapierjmlvem 

von 1,6 Grm. beigegeben. Einer Triolcportion von 2b Qrni. eutapriebt der Zusatz vou Pulver. 
Das Pulver 16st sich am besten, wenn man erst mit einigen Tropfen lIUcli zu Brei verrellit 
nnd diesen dann in der ganzen Trinkportion verlheilt. Da bei dieser Darstellung 1 Liter 
der Nahrung au! GÜ PI. zu stehen kommt, empfiehlt Hkusk folgende b 11 1 ige re Darstelluugs- 
form : Man giebt in einen graduirten Qlascylinder von 100 Gern, das Weisse von einem mittel- 
grossen £i, ungeläbr SO Grm^ üi den zweiten gleich grossen 60 Ccm. = 30 Grm. sterilisirten, 
mit Eisen Tersetzten Hllehsneker. Letzteren sctattttet man in ^e Tasse, giesst Biweiss dar> 
über, rührt das Ganze zu Brei, d' n man dann in Quadratform auf einen reinen Teller streicht 
und oberflächlich in 20 Theile zerlegt. Jeder Theil entspricht einer Trinkportion von 50 Orm. 
Statt des verdünnten Rahmes nimmt man ein Gemisch von 1 Liter Milch und IV^. Liter Wasser. 
Diese Mischung kostet dann pro Liter 1^ Pf. Das Präparat wurde unter ziemlich nngthl« 
stigen Verhältni^seu b« i SUuglingen von der ärmeren Volksclasse angehörenden Filtern ver- 
suilit, tiie Resultate waren meist günstig, Gewichtszunahmen sehr häufig. Dyspeptische 
Kinder vertrugen die Nahrung nicht immer, doch waren auch Fälle ▼erseichnet, wo sichere 
Dyspepsie oater dieser Eniibnmg heilte. 

Eine Anreicherung der Kuhmilch mit lOslichem Eiweiss be- 
zweckte auch RlBTH mit seiner Albumosenmi Ich. Indem er HfihnereiweisB, 
welches er unter Zusatz von kohlensaurem Kali und Natron und Erhitzen 
auf 127' C. im Autodavcn in ein nicht mehr periimbare» Alkalialhuminat — 
Albamose — umwandelte, einem Gemenge von Kuhmilch, Sahne, Milch- 
zucker, Kali- und Natronsalzen im bestimmten Oewichtsverhältniss zusetzte, 
jrelang es ihm. eine Flüssifrkeit darzustellen, die im quantitativen Verhaltnisse 
ihrer orLranischen und unorg-anisehen Restan«ltheile der Frauenmilch nahezu 
gleichkam, welche überdies auf Zusatz von Labsaft, auch im Magen der 
Säuglinge ebenso f einflockig gerann wie Frauenmilch. Nach Hausbr **) wurde 
diese Milch unverdfiont vod Neugeborenen und äiteren Sriug:iing:en ^^leic h lhii 
vortragen, Dyspepsien verschwanden wie nacti Ammenmilcli. jerlneh Stühle und 
Flatus zeifrten l)ei Nahrung mit dieser Albumosenmilch sehr üblen Oeruch. 
Dald nach Einführun^^ der RiETH'schen Albumosenmllch wurde beobachtet, 



IUnd«rernAhrung. 141 

dass die neoerdlngs von Hbdbnbr wieder besehriebene BABL0W*8che Krank- 
heit (infantiler Scorbut) bei Kindern auftrat . dfe mit Albumosenmfldi 

ßTPnährt wurdon. Hampi rc. >*) hält im Einklanjr mit Baginsky u. A. den grossen 
Gehalt der Rif.th sehen Albumosenmilch an Kalisalzen für die Ursache 
dieser schädlichen Wirkung. Auf seinen Rath setzte Rieth eine neue Albu- 
mosenmiloh znaammen, In welcher das kohlensaure Kali durch kohlensaures 
Natron ersetzt und die ganze Menge der Alkalien bedeutend verringint 
wnrde. Um bei geringerem Alkaligehalt das Eiweisa in Albumose überzu- 
führen , musste es auf 185* G. erhitzt werden. Auch wurde die Menge der 
Alhnmoeen yon 14 Grm. auf 8 Orm. im Liter reducirt. Es enthSIt also die 
neue RlBTH^sohe Milch, die man mit Nr. I bezeichnet und die zur Verwendung 
fQr die ersten S;inirlin<rsnionate empfohlen wird: 120 Grm. Kuhmilch. 19.') Grm. 
Sahne, S Gnu. Hühnereiweiss, 45 Grm. Milchzucker, 0,16 Grm. kohlensaures 
Natron und ü,07 Grm. Chlornatrium im Liter. Es sollen von der so modi- 
ficirten MUch Sehtdignngen nicht beobachtet worden sein. 

Die 80 fU8aniint nt,M N( tzte Milch wird im SterilisMtinns.ipparat auf 102" C. erhitzt und 
16 Mfawten lang anl dieser Temperator erhalten. Nach einiger Zeit wird die Mileb oocbmals 
«terilhlrt md dabei 10 Hlnaten lang anf 90" eiMtst ; aie UUt rieh dann ilde Monate, obne 

die geringste Zersetzuup zw zt igen. Für die spSteren Monate d«>8 SSoplinursaltcrs Ii(>8.s Ham- 
BOSO noch weitere 3 Nainniern der RiETH'.ichen Milch herstellen, und zwar die Nr. II 
4 Thcilc der Nr. I + 1 TheU Kuhmilch , die Nr. III 1 Thett der Nr. I + 1 TheU Knhmileh 

imd die Nr. IV 1 Theil der Nr. I -f 3 Thtile Kuhmilch. 

Es ist allgemein bekannt, dass, abgesehen von der cheiuischen \'or 
schiedenheit des Caseins der Frauen- und Kuhmilch, das Ausfallen des Kuh- 
easeina in derben grosstlockigen Gerinnseln eine sdiwerere Verdanlidikeit 
dieser gegenüber dem Casein der Frauenmilch schon dadurch bedingt, dass 
die derben Flocken dem Magensafte nicht so leicht zugänglich sind wie die 
weichen feinen Fiöckchen. Immerhin wird eine Lockerung der Caseinflocken 
bei der Milehgerinnnngr im Mafien durch Zwiachenlagernng der Fetttröpfeben 
bewirkt; doch auch in flit-ser Beziehung ist die Frauenmilch wegen ihres 
geringeren Casein- und i^rösseren Fettjrehaltes poircnOhcr (l<>r Kuhmilch im 
Vortheil. Nachdem Biedert sich von der Förderung, welche die Verdau- 
lichkeit des Kuhcaseins durch Fettemulsionen erfährt, experimentell über- 
seugt hat, hat er sein Rah mge menge empfohlen, durch weldies efaie 
passende Verdünnung der Kuhmilch mit gleichzeitiger Herstellung eines 
richtigen Verhältnisses zwischen Fett und Casein und damit nicht nur die 
genügende Einfuhr von Fett, sondern, wie oben gezeigt, auch eine leichtere 
Verdaulichkeit des Caseins erzielt wcorden soll. 

Das naturliche Rahmgemenge von Biedert (1. c. pag. 130) besteht 
zunächst aus süssem Rahm. Wasser und (Milch-) Zucker, welches, ausgehend 
von dem Grundgemisch — l'/o Casein, aber höherem Fett- und Zuckergehalt 
(siehe Tabelle Gem. I) — durch stufenweise steigenden Milchzusatz in seinem 
BIweissproceat bis zu einem natOrllchen Uebergang in das der Kuhmilch 
erhöht wird. So ergeben sich folgende Stufen, in denen der Rahm zu 
circa 4" o Eiweiss, 10° „ Fett und 5" o Zucker, die Kuhmilch nach den 
Angaben von König (s. pag. 135) berechnet ist: 

Btkn Wa«er Mückmalwr Hiloh C«M*iii F«M Zaebar 

Gem. I: »/.Liter % Liter 18 Grm. — (^1 % 2.57, ö" ,) 

. II: » % . 18 . »/«Liter (=1,47, W, 5^,) 

. III : » % . 18 . V, » ItöV, 2,67. 57,) 

• IV: »/, . % . 18 . «/, . (-1,8% 2,87o ö»'o) 

• V : »/, . \ . 18 . 7, » (= 2,17, 3 7, öVj 
, VI: - V4 » 12 . V, » 1=2^7. 2,47, ÖV.) 

Selbstverständlich kann man statt Milchzucker auch Rohrzucker zusetzen. 

Dabei Ist auch die Art df>r Kahm gewinnung zu berücksichtigen. Der 

Rahm soll ein möglichst gleichinässiger sein, etwa 8 — lO",© Fett enthaltend. 
Dies wird erreicht durch Oleichm&ssigkeit der Menge der znr Rahmbildung 



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142 



Kindsrernährung. 



benutzten Milch und der Zeit ihres Stehenlassens behufs Rahinbilduiiflr. 
l'/o — 2 Liter Milch (nach Aterhach ircnii^'t die Hälfte der zur SäuLrlinfrs- 
ernähruntr nöthigen Kuhmilch) werden höchstens 2 Stunden in weitem (iefäss 
kühl gestellt, dann mit flachem Löffel '/s Liter oder aucli, wenn es reicht, 
mehr von der dflnnen weissen Rabmscliidbt Aber der nan bltnllchen Haapt- 
niasse der Milch abgeschöpft . wobei immer etwas von der letzteren noch 
raitgefasst winl und mitircfasst werden (iarf. Nimmt man etwa das obere 
Drittel der Milch weg, bekommt man einen etwas dünnen liahm, den man 
bei Kindern mit weichen Stflhlen mit Vortheil anwendet, w&farend bei solchen 
mit Verstopfung: und harten Kisebrocken reichen StQIüen der fettere Rahm 
vorzuziehen ist. 

Das künstliche KahmgemeDge von Bikdut ist eine dermalen von Pixcala in 
ZwhigeDberg her«restellte Conterve. Dieselbe Ist ehie ia loltdielit Tenchlossenen BleebMcbaeii 

befindliche Paste von «infrpflicktfr Milchniassc, ticstt'heild aoi 0»6 Theili n Casfin, 1.4 Theilen 
Fett und 4 Thrilt n Zucker, al«<> der Zusainnienst'tzunjf mässiff fettreichen K'ahiiis entsprechend. 
Die Dose entliält 220 Ccn. Wenn der Inhalt im Verhilltniss von 1 : IH nach Bikuert ver- 
dnnnt winl, so erbiUt man road flOOO ( < m mit 0,617. Eiweias, 1,4" , Fett, 47, Zocker ood 
0,13°/o Saice. Das so erhaltene Geuu nct- könnte nnr während Dyspepsien zeitweflifr 
iivhi'n wt rili'n, für Erhaltuntf und Ernahruii(f drs Kiiniis ist <'.s entschieden zu arm an Ei- 
weiss und Fett. Um es eiwvissreicher zu macheu, kauu die verdünnt« Conserve mit Milch 
gemisebt werdeo. Bibdut (I- c.) tbeilt die BereehDong des Procentgekaltes an oigaalsehen 
Nährstoffen hei Heratelhintr s«>kher Mir«chnny^en mit. Es enthält B. B. die Mischung V: 1 Theil 
Consenrc, 13 Theile Wasser und Ü Theile Milch — l,ö* , Eiweiss, 2,17« Fett und 4,3"' „ Zucker. 

Die Umständlichkeit der Rahnigewinnung und der Mischung, in neuerer 
Zdt auch die Furcht, dass die zur Aufrahmung liingestellte Milch sein* zahl- 
reiche Bakterien enthalten könne, waren der Verbreitunp: von Biedert's 
natürlichem Rahnipeme n<r<'. so bercrlitiirt auch der dcmsclhcii zu Grund»» 
liegende Gedanke, den Fettj^eliah der mit Wasser verdüiuileii Kuiimilcli Uun h 
Zusatz von Rahm auf den Fettgelialt der Frauenmilch zu brin^n, ist, so 
sehr hinderlich, dass es im Laufe von 25 Jahren beinahe mehr als mtMÜca- 
mentöses Mittel l)ei Verdau unsrsstomnjren der Säui^Iingre in Aiiwendiinir stand 
denn als ein eigentliches Surrogat der Frauenmilch. Eine glückliche Lösung 
dieses Problems stellt Qärtnbr's Fett milch*') dar. Nachdem er mittels 
Centrifnge aus der mit dm gidchen Menge warmen Wassers verdflnnten, 
noch kuhwarmen Milch eine nach innen sich abscheidende Fettschicht von 
einer peripheren Serumschicht abtreimt . L'elingt es ihm. durch passende 
Einstellung der an der Trommel angebracliten Ausflussröhren aus beiden 
Schichten ein Gemisch zu erhalten, welches 8% Fett, 1,76% Eiweiss und 
2,4% Zucker enthält. Bringt man den Zuckergehalt auf 6,uo/o , dann hat 
man die procentische Zusammensetzimg der Frauenmilch. Auch die Fettmilch 
muss. in Fläschchen eingefüllt, sterilisirt und im Uuchsommer kühl aufbewahrt 
und rasch verbraucht werden. Die beim Ans&uem sich ausscheidenden Ge- 
rinnsel sind in dieser fettreiclien Milch leichter, kleiner und lockerer als wie 
in einer blos mit dem prleichen Volum Wasser versetzten Vollniilch. Von 
dieser Milch verabreichte Kscheuich nach den von Hki hnkk fixii t i ii Mcii^rcn- 
verliältnissen im ersten Lebensmonate 8 Flaschen ä 75 Urm., im zweiten bis 
dritten Lebensmonate 7 Flaschen & 120 Grm., später 6 — 8 Flaschen ii 160 Grm. 
Nach ?]scHERiCH '8) nahmen die Kindw die Milch frerne und grediehen dabei 
nach der Prnjrression. wie sie Camkrer für die iN^ilnstlich ernährten Sauglingre 
berechnet. Die Stühle waren etwas häufiger von schwach saurer Beaction 
und von salbenartig weicher Consistenz. Kinder mit Verdauungsstörungen, 
mit Ausnahme der habituellen Obstipation haben zumal in der Spitalspflege 
die Milch nicht frut vertragen. Die Urtheilo Ober die Verwert liharkeit von 
Gaktnkk's Fettmilcli sind nocli nicht abtreschlossen. \'oii uesimdeii Kindern 
wurde sie im Allgemeinen gut vertragen. Bei kranken Kindern mit schweren 
chronischen Magen-Darmkatarrhen wurde sie von THmMicH-PAPinwsKi zur 
Hftlfte mit Wasser verdOnnt verabreicht; contraindicirt ist deren Verab- 



Kinderei'nAbnuig. 



148 



reichnn«: bei acuten^ mit Diarrhoe verlaufenden Verdauung-BstSrungren. Gegen 

Birdeht's Rahmg-enienfre hat sie den Nachtheil dos hohoren Preises . der 
maschinellen ZubenMt iinir . wälirend jene in jodoni Haushalte überdies noeh 
in verschiedenen MisLhungsverliältuissen her}festellt werden kann. In grossen 
Städten, wo der momentane Bedarf ins Gewicht mit, ebenso in Kinder- 
krankenhäusern wird GXrtnkr's Fett milch mit Vorliebe angrowendet werden. 

Eine im pioeentulen yerhiltoiMe der einzelneo fiestandtheile der GiBinm'aclien Fett^ 
mDdi sieb nihemdelHiaelnnijr tob Kvli milch, Kalbsbrflhe, Sahne und Milchsneker 
empfiehlt W. Stfkfkn'*) für die kUnstlK lu- Kmilhning des Säuglings. Sic wird in folgender 
Weise bt*reitet: Milch und Kalbllei&chbrUhe zu gleichen Tbeileu (V« PId. Kulbfleisch wird 
mit Vi Liter Wasser Vi — '/« Staoden lang geltoeht); za IQO Qrm. Milch + Brilbe aa. Iconimen 
noch: 1 Tbeelöfffl Saline und 3.8 Grni. Milchzucker. Man hat dann: Fett 3,1%. Caseiu 
1,8* j, Zucker G,2 Diese Mischung luusa ^ , Stunden in Süxhk-t gekocht werden. Sie 
ist von weisälicher Farbe mit einem Stich in's Gelbliche und gicbt bei der Verdauung 
weiche , feinUoclcige Oerhansel ; VerdaaungbYeranche , sowie die bereits langjährige Anwen- 
doBg in der Prazn zeigen, dass das Gemenge sehr gnt vertnigeo und aasgenOtst wird. 
Scllistvers'tiindrK'h soll auch hier nur Milch von gesunden Kühen zur Vcrwemluntj kommen. 
Für die t rsten Lebeuawochen (stärkere VcrdünnuDg) und für die letzte Periode des ääug- 
lingsalters iHi hwächere Verdihniaiig) wird man die nOthigen Mengen von Fett und Zueker 
eatsprvcliend niodificiren. 

Das Princip des Rahuigemenges und zugleich die Zuluhr vuu löslichem 
Eiweiss sucht die als Labmahn's vegretabillsche Uiloh in den Handel 
kommende Conserve durch Zusati von vegetabilischem Eiweiss ond Fett 

sor Knliiiiilch zu erreichen. 

St) vielversprechend eine derarti^-c (%)nil)inati()n von Kiweiss-Fett- 
milch sich darstellt in der, wie Bikueki sagt, »Kopf und Schwanz der 
Schlangre zusammenlreffen« , so vorsichtig ist der Werth dieser Mischungen 
für die Praxis zu beurtheilen. In der Sitzung der Berliner med. Gesellsch. 
vom 24. März I8l>7 denionstrirte A. Bacinsky die Präparate eines 10 Monate 
alten, an Barlow scher Krankheit verstorbenen Kindes, das mit Lahmann's 
vegetabilischer Milch, die noch dazu mittels Soxhlet sterilisirt war, 
ernährt worden war. Also auch hier schwere Anämie mit hämorrhagischer 
Disposition (Senator) infolge eines Kindernährmif tds. Da ist wohl der 
Wunsch gerechtfertigt, dass der Handel mit solchen Xährmittelfahrikaten 
erst freigegeben werde, wenn sie eine fachmännische (physiologisch-chemische 
und pftdiatrisch-klinisehe) Prüfung bestanden haben; sum Mindesten sollte 
aber diesen Prodiicten der Markt allsogleich entiogen werden^ nachdem Ihre 
Schädlichkeit schon Opfer gefordert hat. 

Um das Casein der Kuhmilch leichter verdaulich zu machen, hat 
Ppbippbr schon 1882 ein Peptonisiren der Kuhmilch , beziehungsweise 
deren Eiweisskörper versuclit. Zur Poptonisirung mit Pankrea sferment 
dient Timit.s Milchpulver, ein Gemenge von trockenem Pankreas und 
Zucker, welches den einzelnen Milchportionen oder der ganzen Tagesnahrung 
zugesetzt wird. Die Poptonisirung der Eiweisskörper wird durch Digestion 
der Milch mit dem Pulver bei einer Temperatur von höchstens 60" G. er- 
zielt. Als peptonisirendes Pulver kommt auch das Papain (tryptisches Fer- 
ment aus Carica Papaya L.. Ri:rss in Cannstadt) in den Handel. Volt.mkk*s 
peptonisirte Milch (Eiweiss 1,7, Fett 1,2, Zucker 6,1, Salze 0,4%) ist 
eine mit Pankreas veiilaute Rahmeonserve, weteke in Berlin auch unter 
dem Namen »kQnstliche Frauenmilch« den Abonnenten täglich in s Haus 
geliefert wird. Die ^peptonisirte ^fili li schmeckt wegen der Peptone bitter. 
Will man den Geschmack derselben durch Zusatz von Zucker verbessern, 
so liegt die Gefahr nahe, dans zu viel Kohlehydrate eingefaiu*t werden. Hin- 
gegen wird allgemein die leichte Verdaulichkeit derselben bestätigt, anderer^ 
seits sind sie peptonisirten Milchpräparate särnnitlich schwer haltbar, indem sie 
leicht faulen, sie sind daher auch nur am Orte ihrer Darstellunir anwendbar. 

Diese Präparate werden hauptsächlich bei Verdauungsstörungen zu 
versnchen sein, bei denen sie manchmal Aber schwere Stadien der Atrepsie 



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144 



KindcrernAlirung. 



hinv^helfen dürften. Zu den popt<>ni8irt(>n Milchpräparaten sfthlen flberdies 
noch: die BACKHAus'scho *') Kindermilch, eine Vereinitrunsr von Tentri- 
fug^enrahm mit einer aus einem Gemenge von Trypsin. Lab und kohlen- 
Baurem Natron behandelten Magermilch. Sie wird in drei Mischungen, den 
yerachiedeneii Altern des Kindes entsprechend, in Portionsnasclien verab- 
folßft. Eine peptonisirte Milch in Conservenform stellt Löflund's »peptoni- 
sirte Kinderroilch« dar. Sie entält Maltose 33.8. Milchzucker 12.6, Dex- 
trin 8,6, Eiweis8 U,8, Fett 12,2 und Salze 2,2%. Die wässerige Losung der 
Consenren ist angenehm su nehmen, jedoch als alleinige Nahmng ffir längere 
Zeit wäre sie wegen des geringen Eiweisspehaltes pejrenüber dem von Fett 
und Kohlehydraton gpewiss von Nachtheil fOr den lundlichen Oi^anismns 
(s. bei Couserven). 

Else halbpeptonfifrte Mileh, to weleher ein irroMcrTbett TonEiweiss noeh an> 
peptonisirt ist, ist Lahmans's künstliche Muttermilch. Sie wird in der Wt-ise bereitet, 
dass man zu ^ut gekochter Kuhmilch Wasser, Huttertett, Zucker und Salze hinzufügt, um 
de der Mottermilch ohemiftch möglichst gleich zu machen , uad dass mun »ie dann aach 
ZoMtt Ton Pankreaaferment digeiirt, bis der grossere Theil der stickstolfhaltigen Substaaias 
sottllber wird, der andere Theil aber dorch Sänrexusatz nur noch leinflockig gerinnt. 

Wegen des Reichthnms der S omatose an Alhomosen möge auch der 

Zusatz derselben zur Kuhmilch oder zum Centrifu^enrahm an dieser Stelle 
erwähnt worden. Nach Hki.nku h Wolf *') soll der Zusatz von Somatose die 
Ausfällung des Caseins der Kuhmilch beim Gerinnen in dünneren Pflocken 
bewirken und bei Dyspepsien der Kinder die Kuhmilch leichter verdaulich 
machen. Die Somatose wird der dem Alter des Kindes nach verdflnnten 
Kuhmilch im ersten Jahre zu 4 Grni. pro die zupfesc'tzt. 

Schliesslich seien ndch einifje Specialität(>n erwähnt, welche auf chemi- 
schem Wege die (ieriuuung der Kuhmilch in zarteren Flocken und die 
leichtere Peptonlsiranff dieser bewiricen sollten. Solche sind: das Lact in 
von KiiNTz und das Milchaal z von Paulckk. Sie enthalten als Haupt- 
bestandtheil das schon von Libbig empfohlene kohlensaure Natron. Es 
werden 12 Grm. des Pulvers in ^4 Liter heissen Wassers gelöst und die 
Ldsung wird im selben Verhältniss wie gewöhnliches Wasser zur Milch ge- 
than, das Gemisch wird hernach gekocht. 

Au.sffehend vnn dem calorischen Ers;itzwerthe des Zuckers ^egen- 
uhf r Fett (240 Milchzucker =: lOU Fett) haben Hei'UXER und Soxhlet die 
durch Verdünnung der Kuhmilch mit Wasser in dem Gemische nun ver- 
minderte Fettmenge durch eine calorisch äquivalente Menge von 
Milchzucker ersetzt. Sie stellen durch Verdünnung von Kuhmilch mit der 
gleichen Menge einer 6° o'Sen Milchzuckerlösung ein solches Nahrungs- 
gemisch her, welches dieselben Nährstoffmengen wie Frauenmilch enthält, 
nur mit dem Unterschiede, dass ein Dritttheil des Fettgehaltes (l,32Vo) durch 
die gleichwert b ige Menge Milchzucker (8,19Vo) ersetzt erscheint Wenn audi 
durch diese Verdünnung der Kuhmilch das Casoin irloichzeitifr leichter gerinn- 
bar und kleinflocki«: ausgeschieden wird, so muss doch aucli herücksichtigt 
werden, dass das Fett gerade für den kindlichen Organismus einen für das 
Wachsthum höchst wichtigen NfthrstofI darstellt, wie das |a der hohe tbera- 
peutische Werth des Fett ^ In • li. n meisten Emährungsanomalien des Kindes- 
alters darthut. Es steht also diese Mischung in ihrem physiologischen Werthe 
solchen, die den procentualeu Fettgebalt der Muttermilch durch Anreicherung 
mit Fett selbst erreichen — wie Bibobrt's Rahmgemenge oder die OÄRTNBR^sehe 
Fettmilch — entschieden nach. Die Vorzuge der HEi'B.NEU-SoxHKKTsthen 
Mischuujr bilden jedoch die leichte Horst ollbarkeit . forner der l'iiistami. dass 
man es. da man ja eine der Muttorinilch in ihrem procentischen Gelialte an 
Nährstoffen (^bezüglich des calorischen Werthes) gleichwerlhige Flüssigkeit 
anwendet, nicht nothwendig hat, fflr jeden einzelnen Lebensmonat des Kindes 
einen anderen Grad der Verdflnnung der Milch anzuwenden. Nur ganz jungen 



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Kind«rernähruiig. 



145 



unfl srhirachen Säuerlingen Avinl man während 8 — 14 Tajjen eine dünnerp 
Milfhnüschung — etwa 1 Thfil Kuhmilch mit 2 Theiien einer 6%igen Miich- 
zuckerJösung — verabreichen. Selbstverstindlich werden mit zunehmendem 
Alter des Kindes für die einselneii Mahlzeiten immer grössere Mengen ver- 
braucht werden: im ersten Lebensmonat 75 Grm . im zweiten bis dritten 
Monat 125 Grm.. vom dritten bis sechston Monat 150 Qrm.i ältere Säuglinge 
verlraffen Einzelportionen von 200 Grm. 

Um aa« Knhmllcli rine Kindernabrun^r hemsteneii, in welcher das YerhSltniss swIacbeD 
Albttioin und Ca^t ii\ uml zwi^cht n ("ast iii uinl Fett ein solchns ist. wie in der Frauenmiich, 
liat maa 4te Kuhmilch nacii Olof Hammakstkk (I. c. pag. ohne wesentliche Aenderoog 
ihres CMiaHea an Fett, Milchzacker und lOalicben Salzen derart tn Terdttnneo, dau Ihr 
(Jehalt an Casein. Calcinm und Phosphorsäure abnimmt, während ihr Gi lialt an Lactalhuniiii 
trli-iebzeitig steigt. Dies wird erreicht, wenn man die nach der Gcriiiuuiig der Milch mit 
Lab eriUlMUKn sUäHen Molken mit pansenden Mengen Kahm und Vollmilch vermischt. ÖLor 
HAMiuMm ateUte zwei «olcbe Gemenge her, von denen daa eine aus 200 Tbeilen Bahm 
und 800 ThHIen Molken, das andere an« 100 Theilen Kahm. 100 Vollroffeh nnd 800 Thelle» 
Molken tit stand. Di'' su erhaltenen Mi^c liuiirjrn zeigten in ihrem Verbüken gegen Lab, wie 
auch zu seilt verdUautcr .Süure und Magensaft eine grosse Aehulichkeit mit Frauenmilob} 
die Jedoch keine ▼ollkommene war. Die Pranenmllcb zeichnet »ich auch dnreh einen grOaaeren 
Lecithingehalt aus nnd O. Hammahbte» suchte diesen durch einen Zusatz von Eigelb zum 
obigen Gemenge zu ersetzen. Doch auch hierdurch wurde eine völlige Uebereinstimmung 
mit der Fraueomileh nicht erreicht, was in der nunmehr uny.weifelhaft erwiesenen Ver- 
schiedenheit der Caseine der Frauen- und Knbmilch seinen Grund hat Ein MoltKenrabm- 
gemlsch haben aehon Tor 28 Jahren Budut nnd Knaan als Kfatdernllhnnittel Yermuhti 
aber ohne ganstige Resultate. 

Kindermehlo. Als Surro{j:at der Evnährunp: an der Mutterbrust wurden 
zu allen Zeiten von der ärmeren Bevölkerung Aufkochungen von Getreide- 
mehlen nur mit Wasser — sogenanntes Mehlmus — angewendet. Bezüg- 
lich ihres NIhrstoffgehaltea ist den Mehlen wegen des spSrlidien Fettgehaltes 
(1 — 2" „) und wegen des sehr grossen Gehaltes an Stärke (im Weizenniehl 
t)6,28'^ 0 Stärke neben LSG" „ Zucker) bei relativ niedrigem Eiweissgehalt 
02,81° 0 = sämmtlich Procentzabien des Weizenmehles) ein ausreichender 
Xfthrwerth gewiss nicht zuzuerkennen. Ueberdies sind die Speieheldrfisenf 
Magen- und Darmsaftsecretionen des Säuglings keineswegs für die Ver- 
dauung der vegetabilischen Xalinmir <'in.r(rir}it(>t. Wohl wird durch das 
Kochen des Mchlmuses ein Theil der Stärke g< löst, jedoch ist die sacchari- 
ficirende Wirkung des Mundspeichels in den ersten 10 Wochen sehr gering, 
und auch dem Pankreassaft geht während der ersten 4 Wochen die sacchari- 
ficirende Wirkung gänzlich ab. so dass das Amylum von den Kindern wäh- 
rend der ersten Lebenswochen s<'hr schh-cht verdaut wird; die unverdaute 
Stärke geht im Magen leicht die Milch- und Buttersüuregährung ein, welche, 
abgesehen von der Vermehrung der OShrungserreger, durch ihre Zersetsungs- 
producte leicht zu Magen- und Darmkatarrhen Anlass geben. Es sollte also 
während der drei ersten Lehensmonate ein Mehlmus als aussctlliessiiehe 
Kindernalirung gewiss nicht gegeben werden. 

Die Unverdaulichkeit der in dm Mehlen die Hauptmasse bildenden 
Amylaeem war es, welche LmiG snr Herstellung seiner Suppe fflr Säug- 
linge. bei welcher die Stärke durch Zusatz von Malz in Zucker umge- 
wandelt wurde, veranlasste. Wir verzichten auf die Schilderung dieses der» 
malen nur mehr historisches Interesse bietenden Präparates. 

Wie eben erwähnt, wurde von den Kindertrzten bisher die Mehlnahrung 
bei Säuglingen mit der Begrfindung vermieden, dass der Säugling bis zu sechs 
Monaten das Stärkemehl zu saccharificiren nicht im Stande ist, weil die 
Secretion des Speichels eine zu geringe ist und überdies dem Speichel die 
diastatische Wirkung abgeht Die Versuche, die in dieser Richtung von Rittbr, 
(1860), ScHiFm (1872) u. A. angestellt wurden, brachten in die Frage keüie 
Klarheit, immerhin berechtigen sie zur Annahme, dass bereits das Neu- 
geh()r(>ne in den ersten Tagen des Lebens, sicher aber das mehrere Wochen 

Kncjrclop. JaJubttolMr. VIl. 10 



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146 



Klnderernfthrung. 



alte Kind Ober mehrere diastatisehes Ferment seoomirende Drfisen (Parotis 

und Pankreas) vorfufrt: auch Jakobi (New York) hat für Neiijrcborene ein 
Gemisch von 1 Tlicil Mildi mit Th. Gersten m»'lil zur Xahruntr empfohlen. 
Wühl auf Grundlage von Krtulu ungen, die ihn die \ erdauliclikeit dieses 
Oemlaohes erkennen Hessen. Es ist daher 0. Hbdbnbr*') Im Verefai mit Carstiks 
der Fraioro der Mehlernährini<r von Sftugrlingen durch AusnOtzungsversuche 
nähergetreten, wobei die Versuche nur bei solchen Zuständen ancrfstrllt 
Vörden, in denen Hkubner nach den Erfahrungen bei älteren Säuglingen 
die Mehinahrung für angezeigt hielt. 

Die Versnclisreihen mit Reismehl nnd mit Hafermehl ergaben, dass 
Sjiiijrlinpc bis zu 7 Woilien herunter Mohl ebenso gut zu verdauen im Stande 
sind, wie Eiweiss und Fett. Doch folgert er aus seinen Versuchen keines- 
wegs, dass eine solche Nahrung auch niunatclang verlragen würde. Da man 
den Säuglingen hSchstens eine 5 — 6%ige LSsung an Reismehl gelten kann, 
so ist die Nahrung: zunächst zu voluminös. In i'4 Stunden könnte man dem 
Säuffline: '>0 ürm. Keisinehl beibrin}r(»n ■= 17.'» Calorien. Aus der Matterbrust 
trinkt ein 2iuouatlicber Säugling 4U0 Calorien, man niüsste dem Kinde also, 
um einen fthnllehen Erfolg zu erzielen , 2 Liter Mdilsuppe geben. Das ist 
aber ohne Schädigung des Kindes nicht möglich. Allerdingfs kann man die 
prnparirten Kindermehle bis zu einer Concentration von 10",, irel)en. dmli 
liefern erst 1(»0 (Jrm reines Xr:sTi.K si hes Mehl als NahrunöT 4(tO Calorien und 
man müsste immer noch dem Kinde i'^ i — 1 ' « Liter Suppe beibringen, damit 
es die gleiche Menge Calorien aufnehme, wie ein Kind an der Mutterbrust 
Heubner möchte die Mehlernälirung bei den Kindern als eine soy^enannte 
Erb ol n nirsdiät passend finden. Eine sulche i^t geboten nur bei geschäditrlem 
Darmepithel. Durch die Mehlnahrung wird der Darm in doppelter 
Hinsicht geschont; Einmal wird ihm die Arbeit der Eiweiss- und Fett- 
verdauung erspart, sodann wird, da der Speichel die Hauptarbeit leistet, 
dem narm nur die Aufsauj^unp des in kleineren Mengen gebildeten Zuckers 
/ugemutliet. Endlich ist das Mehl ein schlechter Nährboden für eiweiss- 
zersetzende Bakterien. 

Selbst bei neugeborenen elenden Kindern, welche dyspeptisch in Be- 
handlung kamen, trelanfr es. dun h Zufuhr von dünnen Äfehlsuppen die Dys- 
pepsie und den gi'reizten Zustand des Darms zu beseitigen und wieder au 
der natürlichen Ernährung zurückkehren zu können. 

Welche Sorte von Mehl man nimmt, ist nicht ganz gleichglitig. Die 
nii i-ten prüparirten Mehle bestehen ans Weizenmehl. Wenn man Reis- und 
Wei/enmehl mikroskopisch verjLrleicht. sn sieht nian. dass das Heismehl un- 
gemein viel feine Elemente und zierliche Körner hat, während das Ktfeke- 
und das NESTLE-Mehl aus gröberen Kömern besteht Das Hafermehl hat 
ebenfalls sehr kleine Körner. Die bessere Aufquellung des feinen Reismehls 
erhöht die Verdaulichkeit jranz besonders. Auch die Bereit unjrsart der Mehl- 
nahrunff kommt in Betracht. Es genügt nicht, das Mehl mit kaltem Wasser 
zu rühren und dann mit heissem Wasser zu begiessen, sondern man nmss 
die Suppe noch — 1 Stunde durchkochen. Man kann einmal täglich eine 
grössere Menne für den ^-an/en Tagesbedarf zubereiten. Heuii.nkr lUsst 
'_'.') Grm. Mehl auf V., Liter Wass(>r nehmen. Gewöhnlich hat er die Mischunir 
gar nicht süssen oder salzen lassen. Welche Art von Mehl man aber auch 
giebt, inmier hat man sich zu erinnern, dass man, so lange man das Kind 
der Mehldiftt unterwirft, eine Unterem8hrung vor sich hat Man macht aber 
den kindlichen Darm durch die Ruhe wieder fähig, seine adäquate Kost zu 
verdauen. Wenn es nicht <relin«t. die Häufiirkeit und den Charakter der 
Stühle zu verändern, so hat auch die Mehlernährung keinen Zweck, und 
man muss auf andere Hilfsmittel zurückgreifen. Den Gebrauch} die Milch 
statt mit Wasser mit dünnem Mehl au vermischen, findet Hbubker sehr 



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Kinderernährung. 



147 



zwerkinässiy:. Nach diesen Ausführungen Heubxers ist die Mehlernährung 
des Kindes nur auf iene Falle za beschränken, in denen man sie wie oben 
geschildert, zn tiierapeutischen Zwecken anwendet. 

Nichtsdostoweniffer hat sich eine Industrie für pr.lparirte Kinder- 
nu'hle «MUwickt'lt. die ihre Erzeugnisse damit empfiehlt, dass das I'roduct 
sehr fein zermahlen ist und dass das Amylum zum grössten Theil in Dextrin, 
txm kleinen Theil auch schon in Zucker Qbergefflhrt ist. Wenn aach diese 
Präparate den Vorzug der Haltbarkeit und constanten Zusammensetzungr, 
zum Theil auch cinrr Ii>icht(>r(Mi Verdaulichkeit ireircniilxT den nicht prä- 
parirten Gelreidemehlen zeigen, so sollen sie doch nie als ausschliessliche 
Kindernahrung: und nie vor dem vierten bis sechsten Monate geg^eben werden. 
Es musa auch bemerkt werden, dass die Bmäbranf mit Kindermehlen 
mindestens J — 4mal theurer ist als mit Kuhmilch und fQr die vollständige 
Ernahrunir des Kindes niemals ausreicht. 

Ks würde hier zu weit führen, an dieser Stelle sänuulliche Kinder- 
mehle namentlich anznfQhren. Es g:en(lgrt dem Arzte, wenn er die Gesichts- 
punkte kennt wonach solche Präpariitc beurtheilt werden müssen: clieuii>che 
Zusaniinonsetzuni; und X'erdauliclikeil. Je wenijj:er Ei\vci->s die einzelnen 
Mehle enthalten, wie z. B. die aus Maismehl bestehenden Präparate Mai- 
zena. Mondamin mit 0,4 7 "/o Stickstoffsubstanz, selbst das Mehl aus dem 
Mark der Pfeilwurzel. Arrowroot, mit 1,75% Stickstofbubstanz, desto 
weniger sind sie als Kindernährmittel selbst in den späteren Monaten des 
ersten L('l)ons]ahres tau};lich: üherdios soll die Stilrke zumeist in eine lös- 
liche Form und in De.\trin übergeführt sein. 

Folgende Tabelle giebt eine Uebersicht einißrer dermalen in Handel 
kommenden Mehlpriiparate für Kinder nach .1. Küxiü (1. c.): 







Stickxiolllr«!ii< fitofle 

( Kotilohv drat»» 1 






MiMralftoIle 














aas 








1 




i 


Namen 


e 














£ = 


Ie 










r 










* 




~ 2 




Ii 




1 
a. 




£ s = 


1 6 

CA 




& 


sf 


l = 


1 ~ 














P 


T O 


c e II 


t 










Fsicucafl' Klndirnii'hl 


11.75 


73.22 


28,71 


41,07 


3.44 


8,20 


o.r,5 


2,18 


0,615 


1 


:7.8 


GiUKu's L:ictoleguniinose 


1Ü.07 


t;7,(j3 


43,17 


24.4)'. 




5..")8 


0,33 


2.7S 




1 


:4,8 


03ttlnp<'r Kimlcriuehl . 


Ü/J5 


77.01 


40,90 


3S.r,2 


2,49 


:),07 


0,59 


2.17 


0,509 


1 


:9,0 


Ilivriv .v TAiMKn'* Kio* 




























73,Gy 


7U,üö 


3,04 




12,21 


0,53 j 


0.88 


|ü,236 


1 


:1,0, 


Kxmb'b prilparirtes Hafer- 


























11.21 


69.58 


2.71 


64,02 


2,35 


s.r,2 


9.17 


1.42 


'»,080 


1 


:8,2 


Rtrpms's Kiaderuiebl . . 


12,51 


74,14 


21.92 


52,22 




1,81 


8,78 


2 11 


ij.r,',) 


1 


:0 


j £i3. LömncD't Kinder- 
























1 uahrunfT 


' an 


02.44 


1 iislich 






32.33 


1.70 


ü,5 


1 


:1,7| 


1 Nestle's Kindermehl . . 


lO.HO 


7U.31J 


42.42 


33.40 


2.48 


j,it; 


4.17 


1.47 


0.411 


1 


:8,5' 


Stu.zkk ^ Kindermehl . . 




7i.(;i 


.M.Ö2 


2ü.:io 




3.95 


0,50 


2..")S 


O.Sü 


1 


:0 


1 Tjmfe's Klademabrung . 






35,34 


2Ü,Ü4 


3,07 


5,45 


7,32 


, 2,82 


,0,715 




= 4,2 


1 Wahl*« Ktadermehl . . . 


1 1,96 


) 86*37 


12,34 


72,17 


1,96 


1,28 


10,14 1 




0,143 


1 


:4,6 


1 Wkibkzahxs prlparirtea 


























ilO,63 


72,51 




09,29 


3,22 


7,10 


10,32 


0,95 


0,580 


1 


: 7,8, 


1 Wiener Kfaidermehl . . 


|11,38 


1 77,01 


47,01 


90,00 




1 436 


8,18 


3.82 


|0,8 

1 


1 


:73 



Miiehconserven, und zwar die einfachen und die eondensirten, em- 
pfehlen sich für SUidte. wo gute und unverfälschte Kuhmilch nicht immer su 
haben ist. Die mit Zusatz von Zucker dargestellten Milrliconserven , c o n- 
denairte Schweizermilch-, sind nur in den ersten Lebensmunaten in der 
Verdftnniing von 1 Conserve : 8 — 10 Wasser mit ^osser Vorsieht su gebrauchen. 

Es betrigt nAmlich die mittlere procentische Zasammensetxung der 
mit Zucker versetzten eondensirten Milch: Proteinstofte 8.80, Zucker (Milch- 

10* 



uiym^L-ü Ly Google 



148 



Kinderernährung. 



zucker und Rohrzucker) 54.22, Fett 10.15, Wasser 24.70. Bei der Ver^ 
dflnnunp: mit 9 Theilen Wasser rcsultirt oino verdünnto Milrh mit 0.88", 
Eiweiss, 1)01% ^^^^ und 5,42°/o Zucker, also ein Nahrungsmittel, welche.s 
viel zu arm an Biweiss und Fett und viel su reich an Zucker ist That- 
sSchlich nehmen die Sing^lingre, denen man verdQnnte condensirte Milch 
izicitt . dieselbe sfhr g:erne. nehnion <i:rnsso Meof^en davon, woboi sio ihre 
Windeln iniincrfort nfissen. sie werden dabei kuprelrund, bleiben al)er bodi- 
gradig anämisch, sind blass und unterliegen leicht, wenn sie von acuten 
heberhaften Krankheiten betroffen werden. Wird diese Ernährungsweise su 
lange fortgesetzte dann werden die Kinder rachitisch, der Magen gewöhnt sich 
an voluminöse Mahlzeiten. Ks ist daher die mit Wasser verdünnte condensirte 
Milch nur kurze Zeit hindurch zu verabreichen und sobald als möglich durch 
ein an Eiweiss und Fett reicherem Nfthrmittel zu wsetien, eventuell durch 
ZusatK von Hfihnereiweiss und Dotter mit jenen Nfthrstoffen anzureichern. 

Die neueren, ohne Zucker dargestellten Conserven der Milch (Scmrrfp, 
Fabrik Romansborn) sind, weil sie, wie die reine Kuhmilch, auch für die 
späteren Lebensnionate ausreichen, den gezuckerten vorzuziehen. Bevor man 
die Conswve aus ein«* neuen BQchse oder Flasche dem Kinde entsprechend 
verdflnnt verabreicht, prüfe man dieselbe genau nach Geschmadc und Geruch« 
weil es vorkommen kann, dass die Milch verdorben ist. 

Wir glauben im Sinne der uns gestellten Aufgabe, in einem orienti- 
renden Artikel die dermalen geltenden Orundsfttze der Kinderemfthrung, 
insbesondere in Bezug auf die zumeist empfohlenen kOnstlichen Nährmittel 
der Sautrlinire. darzustellen, so weit entsprochen zu liaben. dass di«r Leser 
vorkommenden Falles auch den Werth jener Xährraittel-.Surrogate zu beur- 
theilen fähig ist, die hier nicht angeführt sind. Und zum Schlüsse noch 
einmal die Mahnung, dass das swedunJlssigste Surrogat der Mnttwmilch die 
gute, reine, passend verdünnte und sterilisirte Kuhmilch darstellt. Sämmt- 
liche übrigen Krsatzmittfd konmion erst in Betracht, wenn diese fehlt oder 
wenn Magen- und Darmerkraukungen des Kindes die Verwendung derselben 
ausschliessen. In diesem Falle muss der Effect des gewählten Brsattmittels 
vom Arste sorgfältig controlirt werden. Mit der blossen Empfehlung des 
Surrogates allein ist nichts erzielt: die Darreichung desselben muss der 
Pflegerin beigebracht und überdies fiberwacht werilen. 

lieber die Kost der Kinder von 6 — 15 Jahren hat C. VoiT im 
Waisenhause zu München Ermittlungen angestellt. Da die Kinder bei der 
daselbst geübten Ernährungsweise sehr gut gediehen, dürfen die Kostsätzo 
der Anstalt ziemlich als allij-emein ausreichend aufgefasst werden. Die Kinder 
erhalten 5nial in der Woche Fleisch, und zwar 170 Qrni. rohes Fleisch mit 
Knochen, welche 187 Orm. beinlosem, frischem Fleisdi oder 85 Grm. ge- 
sottenem Fleisch entsprechen. 

Als Schema mögen die Kostsätze für Sonntag angeführt werden: 

Qfuia ^B'rttt* 

c>Mh.fn»ir Grm. Milch 10,6 10.0 10,8 

rnunucK j ^ Seinnu-l (1 SlUck) 4,0 0,4 25,2 

Kräutersuppe (2G,ö <;rm. Kräuter, 17,6 McM, 

11.0 Scbmals. 4,4 Zwiebeln) 8,67 6,23 19,8 

Mit»-.» OchaenOelaeb (170 Orm. mit Knoches) . . 80,0 1,2 — 

K.irtoireIgemü«e (201.7 Grm. KartoRelo, 31,1 

Mehl, 8.7 Schmalz, 4,3 Zwiebeln) . . . . 4,23 7,11 37,0 

iBrot (1 Hambrot, 81 Grm.) 7,00 — 37,6 

NachmitUg 1 Hansbrot (81 (irm i 7.00 — .37,(5 

1 Ilausbrot (Hl Grm i 7,UJ — 37,6 

Bier (' ^ Litt r; — — 14^ 

Kartoflelscbeiiianff (282,9 Grm. Kartolfeln, 

18.1 Schmal«) . . bfil 6.68 683 

Somme. . . 78.84 81,6 874,6 



Ahend« 



Kinderernährung. 



149 



Indem Voit den Kflchenzottcl für jeden Ta? der Woche durchrechnete, 
erhielt er im Durchschnitt pro Tag an Nährstoffen: T'J ürm. Eiwelss, 37 Grm. 
Fett, 247 Grni. Kohlehydrate mit dem Nährstoff Verhältnisse 1 : 4,1. 

KONIG stellt als volle Nahrung^ für Kinder von 6 — 17 Jabren u. A. 
folgende Ration auf: 











KOktohjrAnit« 


170 Grm. 




3?).U 


^IT 




30Ü > 




1Ü.Ö 


1,0 


150 


180 > 




8,0 


0,3 


86 


25 > 


Fett CButter nnd Schmale) 




2ä,9 




250 » 




83 


9.0 


18 


100 » 




10,0 


1.0 


74 


180 > 




7.0 


1.0 


9 




Sainnie . . 


78,0 


38 5 





VtTfrleicht man die von den Kindern zur Nahrung- xerbrauchten Stoff- 
inengen mit denen der Erwachsenen, indem man dieselbe auf das gleiche 
Körpergewicht berechnet, dann erhält man die relative Grösse des Stoff- 
verbraoehes derselben. Hiebe! erscheint der Sioffverbranch am grSssten im 
ersten Lebensjahre, von dn be;?innt eine erst etwas schnellere, dann lang- 
samere Verminderung. Dies zoifrt sich bosoiiders auffallend, wenn man die 
dem Säugling in der Normaluahr uug zulvommeude Eiweissmenge mit dem 
Blwelssverbranehe arbeitender Erwachsener vergleicht Nach Rankb ver- 
braucht 1 Kirrm. eines 70 Kjrrm. schweren Brauknechtes im Tage 2.7 Grm. 
Eiweiss. der MoLLESCHOTT sche Arbeiter (65 Kgrm.) erhält auf 1 Kjrrm. iM ) Grm.. 
der normal und wohlgenährte Säugling erhält auf 1 Kgrm. Körpergewicht 
8,6 Qrm, Eiweiss, also mehr als 4nial so viel als ein kräftiger Arbeiter. Selbst 
noch ein Kind von 10— tl Jahren erhftit 8,4 Grm. Eiweiss anf 1 Kgrm. Körper- 
irewieht, also 70" o mehr als der Arbeiter. 

Werthvolle Daten über den Nahrungsbedarf der Kinder von 2 —1:5 Jahren 
(incLj enthält die Arbeit von Anna Schauanowa: »Beitrag zur Kenntniss der 
Hamstoffmengen, welche im Kindesalter unter normalen Verhiltntssen und bei 
verschiedener Diät ausgeschieden werden.« (Jahrb. f. KInderhk. 187".*. XIV, 
4. Heft.) Folgende von derselben entworfene Tabelle zeigt, welche Mengen 
Stickstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff der Nahrung entsprachen, 
welche Kinder von 2 — 18 Jalirw auf 1 Kgrm. Körpergewicht unter stetigem 
Wachsen verbrauchten: 

Bei nicht a bn ciimeiulem Gewicht. 



Auf 1 Kj^rui. (jewicbt. 



j 


Zahl der 


FMte 










i 


Altar 


Beobacb- 


ilMtand- 
tlMlto 


Wasser 


N 


C 


H 


! 0 -■ 

1 




1 — 
6 


19.5 


y5,o 


0,93 


11.9 


1.0 


7.8 




8 


16,0 


91.0 


0,78 


9,0 


1,2 


.").7 


T' :::::::::: : 


4 


18,8 


96.7 


0,80 


10,8 


1,3 


5,8 




3 


23,4 


117,4 


0,P8 


11,0 


1,6 


8,7 




4 


16,0 


75,6 


0,64 


8,7 


1,2 


6.4 


? :;:::::::::! 


4 


174 


88,6 


0,G3 


8.4 


1,2 


6,2 




6 


15.2 


68,0 


0.5(5 


7.83 


1,12 


5.60 


8 » 


5 


12,6 


51,7 


0,41 


6.42 


0,92 


i 4.74 


8V, • 


4 


15.6 


62.8 


0.58 


8.03 


1.10 






6 


13.0 


."»5.0 


0,48 


6.58 


0.91 


4.83 




6 


10,1 


67,3 


, 0,38 


5,2 
ö,7 


0,76 
0,81 


i 8.8 1 




7 


11,1 


83^ 


' 0,41 


' 4.1 




3 


10.4 


3S,8 


0.39 


5.3 


0,76 


39 


" 




lü,3 


4J,Ü 


0.3Ü 


5.2 


0,76 


3.5< 



Lü Ly Google 



150 



Kindtircrafibruag. 



An !<ein)'n Kindern, wt-lch«' im Altir von 15. 12' 9, 7 ud 5 Johreil Itaadflll, lud 
Cammbbeb anl 1 Kgrin. Körpergewicht der VersnchopersoD : 



Hanl 

Per:ipiralio mi»'n.<>ibili4 
Hsrostott im Harn 
Harnstickstoft . . . 



Gr« 



26.7 
19,2 
0,d 
0.26 



.14.3 
18 7 
0,54 
0,29 



.S7.7 
26,7 
039 
037 



0,74 
039 



4.'»..'» 
31.» 
0.76 
0^ 



Es h- tni;: fnn.T <lii' Sintiinditf.- N;ilinii!--iznriilir MVXi. 177.'}. 1GS(5. VM'A. 1.340 «Jriu. 
und dit* tiiirliihc N Aiisscbndung durch den Kotli 1,27, 1,U3, U,U, 1 21 Grm. Unter der 

BnlSis»ii;>'n Annahmt», da»* di« fiii Harn nnd Roth nasgoschiedene N-Menge anch in der Nnbrnng- 

»•nth:ilft n sei. IxTfi biietc er die tüffüchf Ges.TmnitnuMipi* .nn Nalirun^'^f i^j-iss zw Ofi, GS, ~0, .tI, 
41 üriii. und die AtHnutzutiff de:» N;ihrung»eiweiv'» int Darm zu H'J, 'Jl,4, 84,7, 90, Hö,9%. 

Durch Berechnung der In der Nahrung enthaltenen Fette und Kohle- 
hydrate findet Cammbrer. dass tOr die drei ftltoron Kinder die Zufuhr von 

X-liaH itrcn und N-fpfMcn Stoffon j^cnau in irN'idn'm VcrliHlf niss abfroiionimen. 
für dio zwt'i jün-rcron du- Zufuhr des Kiwciss in i'twas stärkerem Vorhällnis.s 
abgenonimcn hat. Die Angabe von ^oi'Hie Hasse, dass bei Kindern gleichen 
Alters die relative Nahrungseiweiaamenge (pro Kilogramm Körpei^wieht) 
fast absolut gleich gross sei, kann Cammeheu ans seinen Vorsuchen nicht 
be.stal i^ren ; di*^ relativen Füwelssmentren für {fleichalteritre Kinder schwanken 
ganz bedeutend. Üie.ses Verhalten ist auch h'icht verständlich, da das Ver- 
hältnis» zwischen KSrpereiweiss und Körperfett, das fflr die GrSsae des 
Biwe's.siim.satzes wesentlich in Betracht Icommt, bei den einzelnen gleich- 
alterigen Hin lern ziemlich verschieden ist. 

Neuere Literatur: U. Kcbükb, Calorimetrische Untersachungen. Zettscbr. f. Biologie. 
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berg, Wim ti T.' ipziLT — Umikokk Nkksi -k, /ur differentieücn chemischen Reaction der 
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|5> rlin' r klin. Wochenschr. 1S94, pa^'. Si'J- -^t F. !^oxhi.kt. I)ie clieniiscln n rnlerschlede 
zuIhcIii'H Kuh- und Frauenmileli und die .Mittel zu ihrer Au.«i.'lei('lintitf. .Miinclit-ner med. 
W<;cli» nsi'hr. 1893, Nr. 4. — -') .Soxhlkt, Miiuchener med. Wochensihr. ISSG. Xr. Ib und 10. — 
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KindcrernAlirung. — Kindersehutz. 



151 



Einfrirknngr hoher Teniperataren dargestellten Milchconsenren da Kindeniabrulignnittel. Areh. 

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'''^ Escubuicu, Die (i utTStR sche Fettniilch, eine neue Methode der Öiiuj^lingsernalirunj^. Vor- 
trag in der pädiatr. 8eetion der G<». Veraamml. deutscher Naturfürselier in Wien 1S'.»4. — ■ 
**) \V. Steffen, Zur Frage der Ernährung im 8äugUogaalter. Jahrb. I. Kinderhk. XL, Heft 4. — 
*•) Prof. Ba<khau8 i Göttinpeu», Ueber Heratcllnng von Kiudernulch. Berliner klin. Wochenschr. 
185C). — ***,) Thikmich, Ernälirunj; darnikranker .Siiiiylitge mit Kindermiich nach Backhat-s. 
Arbeiten aua der UniverBitäts-Kinderklinik. Breslau 18U7. — ÜBtaaicH Wolf, Ueber die 
Anwendung der Somatoae im SSoglingtalter nnd bei yerdannngaatOrangen älterer Kinder. 
Allg. Wiener med. Zt?. IHMH. — *■< ( >. Hei »ser, Ueber die Aumlittang de« Mehl» im Dann 
lunger Säu^'liugt-. U« i!iinT klin. W<ielien.'*chr. IS'.».'), Xr. 10. Loebiacb. 

Kindermehle, ;s. Kinderernährung, pag. 145. 

Kindersclltltz. Wir fassfn untor dicsctn Stichwort (li<'it^'"'irf'" B^" 
strebungeu zusammen, durch welche Staat und Geseil.schaft an Stelle der 
Familie verlassene und hilflose Kinder su schQtzen suchen. Wenn wir, dem 
vorwiegend medicinischen Charakter dieses Werft es entsprechend ^ dieienigfen 

Veranstalt imti-en von (l«'r Betrachtung aussehllosson . d'w einen le(nuli<"h er- 
ziehlichon Kitifluss auszuüben suchen (Schutz vor Verwahrio.sunir , Füisor^'-e 
für verwahrloste Kinder und jugendliche Verbrecherj, so verbleibt uns hier 
rOr die Behandlung: im Wesentlichen nur die Verpflegung: hilfshedOrftigrer 
Kinder der verschiedenen Lebensalter im encreren Sinne, und zwar: I. die 
dauernde voilständiire Verpfh''runir n in geschlossonen Anstalten {Findel- 
häuser, Wait>enhüuserj ; in offener oder Faniiiienpflege (^offene Waisen- 
pflege, Kost* und' Haltekinderwesen) und II. die zeitweilige ergänsende Für- 
sorge flUr Kinder im Säuglingsalter (Krippen, Kinderbewahranstalten) nnd 
fOr kranke und schwächliche Kinch'r (Feri<'ncolonien, Kindcrheilstfitten). 

Die Vorawssetzunii- für das FJnIroten des üffenl liclicn Kinderschlitzes 
ist das Unverm(i;;;en oder der mangelnde Wille der Eitern, ihrer Tflicht, für 
ihr Kind selbst zu sorgen, nachzukommen. Dieser Voraussetzung entsprechend 
sind als Gegenstand der ftnentlfcben Fiirsorge zu betrachten: Vollwaisen, 
denen beide Eltern. beziehunL''sweiso deren uneheliche Mutter verstorben ist; 
Findlinge, deren Herkunft unbekannt ist; Kinder, die von ihren Angehörigen, 
beziehungsweise den Personen, in deren Obhut sio sieh befanden, verlassen 
worden sind; Kinder, bei denen zwar der Aufenthalt der Eltern bekannt 
ist. aber aus besonderen (irnntien die Trennun^r von ihnen im Interesse der 
Kinder hat erfolgin müssen (z. B. bei Geisieskrankiteit der verwitweten 
Mutter); Kinder, deren Eltern dir üffenllichfn Armenpflege bedürfen, die 
aber noit Rficksidit auf die besonderen hftuslichen nnd persönlichen Momente 
nicht in der Gestalt der offenen Armenpflege, sondern in Form der Ueber- 
nahme in Waiscnpfleire erfolgen nuiss ( UntTihiükeit der bediirftiiren Kltern 
zur Erziehung der Kinder, litderlicher Lebenswandel der verwitweten oder 
unehelichen Mutter u. dei^l.) (MOnstbrberg). 

Die Frage nach den berufenen Organen für die Uebemahme des öffent- 
lichen Kinderschutzes hat in den verschiedenen LSodem eine verschiedene 



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152 



Kindersebuu. 



Losung gofuDden. In denlenfgen Staaten, in welchen die Verpfli('htun<? der 
Gemeinden zur öffentlichen Armenpfl^^ anerkannt wird — und das sind 
die meisten — , wird auch der öffentliche Kinderscbutz im Wesentlichen von 
der Gemeinde ansgreflbt, und die Privatwohlthätiglceit iet, wenn nicht völlig 
verdr&ngt, so doch zumeist auf eine ei^rftnsende Thätigrkeit beschrftnlti. 
V^ereinzelt . wie z.B. in dt»n Vereinifften Staaten von Nordamerika, über- 
nimmt die bürtrcrliche oder kirchliche Tliäl i^kcit einen irrossen Theil der 
Aufgaben. In Frankreich, wo im Uebrigen das System der freiwilligen Armen- 
pttBge das herrschende ist, Ist die FOrsoi^eplUcht für hilfsbedfirftige Kinder 
in der Hauptsache den Departements mit quotenwoiser Betheiligung des 
Staates und der Gemeinden auferletrt. 

Kbenso ist die Frage, ob die Uebernalime in die öffentliche Pflege 
ohne weltwes oder erst nach voransgegangener Prfifung der individuellen 
Verb&ltnisse erfolgen soll, in den einzelnen Ländern noch nicht in einheit- 
lichem Sinne perffrelt. Die pröfuncrslose Aufnahme i Drclilad»' i findet sich 
noch in Italien. Spanien und Südamerika. In den meisten übrigen Ländern 
wird dieselbe als die Regel verworfen. In Frankreich ist dieses S^'Stem erst 
1870 endgUtig beseitigt Will man in dieser Beziehung gewisse allgemeine 
Chrundsatze aufstellen, die der modernen Auffassung: von der zweckmässip:en 
Handhabunu: der Armenpflefre entsprechen, so könnten dieselben etwa folfrender- 
massen lauten: Die prüfungslose Aufnahme kann unbedenklich platzgreifen 
bei Vollwalsen. Die Aufnahme von Findlingen und verlassenen Kindern, die 
sich im Augenblick der Aussetzung: oder des Verlnssenwerd nicht ab> 
lehnen IHsst. ffiebt dairetren zur sorufiilt iiren Xadiforsrlnini^ iiadi den Eltern 
Aniass. einmal um in armenrociulicher B^ziehunj4: die Gemeindezugehöri^keit 
ZU ermittelD und dann, um die noch lebenden Eitern zu ihrer FQrsorgc- 
pllicht zurOckzuf Ohren, beziehungsweise sie wegen ilirer Vemachl&ssigung 
strafrechtlich zu verfol}j:en. Die Aufnahme von Kindern, die hoi ihren Kitern 
leben, erfoljrl nur olnie Weitenintren. wenn die Hilfsbedürfl iukeit der Eltern, 
wie namenliicü schwere körperliche und geistige Gebrechen, die sie zur 
AusObung der elterlichen Fürsorge unlShIg machen,- deutlich in die äussere 
Erscheinung tritt, oder wenn ein äusseres Hinderniss. wie der vorübergehende 
Aufenthalt in einer Krankenanstalt, flie Verbüssuntr einer Freiheitsstrafe die 
Eltern an der Ausübung der Fürsorge verhindert. Abgesehen von diesen 
Fällen ist die Aufhahme sorgfältig von armenpflegerisehen Gesichtspunkten 
zu prüfen und flberall da abzulehnen, wo die Eltern an und fflr sidi Uhig 
sind, ohne öffentliche Hilfe für ihre Kinder ausreichend sorgen zu können 

(MCKSTbKItEUC;. 

Einer besonderen üelruchtunii: bedarf in die.ser Beziehung die Fürsorge 
fGr unehelich geborene Kinder, die der Lage der Sache nach in besonders 
hohem Masse der materiellen Noth aui^esetzt sind. Die Anschnu jngen Ober 
die Verpflichturi'a der Oeffent liclikeit g-ecenüber den uneheliclH n Kindern sind 
je nach der Nationalität und den Zeitläuften den mannigfachsteu Wandlungen 
unterworfen gewesen. In frOherer Zeit und noch letzt zum Theil bei den 
romanischen Völkern hat man die öffentliche Fflrsorgepf licht fOr die un- 
ehelich üeboreiun als eine unheiireiizl e anei-kannt. In diesem Sinne hat 
man der Mutter, die nicht das W i iimiren oder den \\ illen besass. die Sorge 
fflr ihr unehelich geborenes Kind selbst zu übernehmen, dasselbe ohne 
weiteres abgenommen, und zwar in einer Form, dass sie hierbei ihre Pfrson 
nicht zu offenbaren brauchte .Drehlade-System i. Es lietrt auf der Haml. 
dass durch dieses System der Gewissenlosiükeil und Pliiclit veriresseidieit 
geradezu \ orschub geleistet und auch eine erhebliche Anzahl ehelich ge- 
borener Kinder dem Findelhaus zugeführt wird, die damit ihre natürlichen 
Anrechte an ihre Mutter, beziehungsweise ihre Eltern verlieren. Die Gesetz- 
gebung der meisten modernen, namentlich der germanischen Länder, sucht 



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Kinderachutz. 



153 



daher tn verhindern, dass das unehelich geborene Kind der öffentlichen 
POrsorge anheimfUlt, indem auf die dne oder die «idere Weise den 

Vater 7ur Alimentiriing: heranzieht. Die zweckmässige Durchführung: dieses 
Grundsatzes wird am ehesten einest heils eine Verminderunj; der unehelichen 
Geburten, anderntheils eine Herabuiindcruug der dem Kinde aus der un- 
ehelichen Gebort erwachsenden SehBdIiclikelten herbeüQliren. Die fiffent* 
liehe FOrsorge iritt in diesen Ländern lediglich unter denselben Voraus- 
setzungen ein wie !req:enüber ehelich freborenen Kindern. 

I. Dauernde vollständige Fürsorge. Die Verpflegung: der Kinder, 
welche öffentliche Ffirsorge erheischen, Icann in Anstalten (geschlossene 
Pflege) oder in der Familie (offene Pflege) «rfolgen. m) Das Prindp des 
Anstaltssystems besteht im Wesentli -hen darin, dass die Kinder in einer 
peschlossenen Anstalt unter der Aufsicht von Inspektoren. Hausvätern 
u. dergl. unterhalten, beziehungsweise erzogen werden. Für die Anstaltspflege 
lisst sieh als Grundsatz von allgemeiner Geltung ausspreehen, dass sie nie 
in Gemeinschaft mit der Pflefre Erwachsener stattfinden soll (H. Nbumaxn). 
Nur unter dieser Voraussei ztinir können die hy<rienischen und moralischen 
Krforderiüsse der Kinderpllej^e erfüllt werden. Weiter ergiebt sich dann 
sogar vielfach die Nothwendigkeit, die AnstaHspflege wieder nach dem Alter 
der Pfleglinge xu sondern. 

1. Säuglinpspf leere. Die älteste Form der Säutrliniräpfleqrc in <x<'~ 
srhlossenen Anstalten ist das F i n d ellia u ssy st e m. das sich in seinen vor- 
schiedenen Formen in einer Anzahl von Ländern noch bis heute erhalten 
hat. Nor vereinzelt ist in romanischen Ländern noch das veraltete System 
der »Drehlade im Gebrauch. Die Drehlade ist eine um eine Achse sich 
leicht beweatMide Lad»', die an einer S(>ife mit einer Vorrichtung: zur Auf- 
nahme eines Kindes versehen ist. Wird diese Seite nach aussen gedreht, 
80 ist man im Innern des GeUludes nipht im Stande, ^hrsunehmen, ob 
eine Niederlegung erfolgt. Die Lade wird erst zurfickgedreht, nachdem durch 
ein Glockenzeichen die Niederlegung angezeigt ist und der Niederle<jend(> 
sirli inzuisL'hen entfernt hat. Selbstverständlich kann dieses System auch 
dadurch ersetzt werden, wie es später auch mannigfach geschehen ist, dass 
das Kind in der Anstalt abgegeben ond angenommen wird, ohne dass der 
Niederlegende nach Stand und Namen . be/ii hungsweise nach der Herkunft 
des Kindes gefragt wird. Das (liarakleristisrhe des Systems, welches in 
der Drehiade zur vollkonnnensten Erscheinung gelangt, ist das Princip der 
absoluten Anonymität. 

In Frankreich besteht das Drehladesystem in etwas modificirter Form 
nur noch im Seine-Departement ; man bat sich hier wenigst >ns zu dem vor- 
sichtigen Ver.surh entschlossen, das Nationale des Kindes zu erfahren, um 
ihm seinen Civilstand und die hieraus eventuell erwachsenden rechtlichen 
Vortheüe zu sichern ; auch sucht man durdi Vorhaltungen und Geldunter- 
stfitzungen die Mutter zu veranlassen, ihr Gesuch um Uebernahme des 
Kindes zurückzuziehen. Einen Schritt weiter gehen die russischen Findel- 
anstalten: bei der Aufnahme des Säuglings, die unterschiedslos gewährt 
wird, ist unbedingt ein Gebortszeugniss vorzulegen, welches nur bei Zahlung 
einer Abfindungssumme verschlossen, sonst jedoch offen zu überreichen ist. 
Wesentlich abweichend und den in den germanischen Ländern iihiicben 
Grund.sätzen der Armenpflege anireiiäliert ist das in Oesterreich befolgte 
System. Mit Ausnahme gewisser, in der geheimen Abtheilung der Wiener 
Gebiranstalt geborenen Kinder, die gegen eine Abfindungssumme ohne An- 
gabe des Nationale durch das Findelhaus übe noramen werden, ist in den 
österreichischen Fitulelbäiisern die genaue Kenntniss des rivilstandes. die, 
ausser gegenüber den üerichisbehörden , streng geheim gehalten wird. Be- 
dingung der Aufnahme. Während in den romanischen Staaten und in Russ- 



154 



Kinderachtttz. 



land ledoch die Kinder bis in ihrer Orossifihrigkeit in behSrdlieher Pflege 
verbleiben^ verpflegen die dsterreiehlselien Findeihftuser die Kinder nur bis 

zum sechsten, beziehunpfswcisc zehnten Lebensiahre N'ach dieser Zeit bort 
die Geheimhaltung: der Mutterschaft auf und das Kind wird der Zuständijr- 
keitsgeineinde der Mutter übergeben, wenn nicht letztere selbst inzwischen 
fOr dasselbe Vorsorge getroffen hat. 

Die Scliattenseiten der Flndelhauspfletre . die in den bekannten hohen 
SterblichkfMts/.iffern der letzteren zum Ausdruck kommen, finden ihre natür- 
liche Erklärung in erster Linie in der Schwierigkeit der Ernährung der im 
Säuglingsalter der Anstaltspfirge Qbergob^nen Kinder. Zum Gedeihen des 
Säuglings ist die Innehaltung der natürlichen Verhältnisse nölhig: Pflege 
durch die Mutter iiml im Besonderen Ernährung an (h'r Mutterbtust sind 
Forderungen der Natur, von tienen auch die vorgeschrittenste Cultur nicht 
ungestraft abweich' n kann (H. Nkuxiann). Im stärksten Gegensatz hierzu 
stehen die thatsftchliehen Verfa&ltnisse in den in Frage kommenden An- 
stalten. Die überaus schlechten Ergebnisse der künstlichen Ernährung der 
Säuglinge in den Findelhäusern haben in späterer Zeit dahin ü-efiilirt . die 
Ernälirung durch Ammen an die Stelle zu setzen. Die Schwierigkeiten, die 
sich dem entgegenstellten, sind natürlich sehr grosse. Im Moskauer Findel- 
hause reicht, obgleich die Kinder nicht länger als sechs Wochen in der 
Anstalt bleiben, zeitweilig die Zahl der erhältlichen Amiupn bei weitem 
nicht aus, trotzdem eine Amme zwei, ja selbst drei bis vier Kinder säugen 
muss und die künstliche Ernährung zu Hilfe genommen wird. Es steigt zu 
solchen Zeiten die Sterblichkeit der Sftu^inge — wesentlich infolge von 
Darmkrankheiten — bis auf 60%. Ein wesentlicher Fortschritt in der An- 
Staltspflege der Säuglinge lässt sich erreichen, wenn mit den Kindern die 
Mfitter aufgenommen werden. In dem erwähnten Moskauer Findelhause 
können die unehelichen llOtter mit ihren Kindern eintreten und sie während 
des sechswöchentlichen Aufenthaltes im Hause säugen; sie erhalten dafür 
den gleichen Lohn wie die gemiet beten Ammen. Noch weiter ticlit man in 
dieser Beziehung in den österreichischen Findelhäusern, wo man von den 
in den Lande.sgebäranstalten entbundenen Frauen, welche ihr Kind in Findel- 
pflege geben wollen, als Gegenleistung einen viermonatlichen Ammendienst 
im Findelhause verlangt: während dess<>lben stillen sie ihr eigenes -resundes 
und ein krankes Kind (Wien), oder nur ein krankes Kind, eventuell das 
eigene, wenn es krank ist (PragK 

Aber trotz dieses Fortschreitens von der kOnstlichen xur natflriichen 
Ernährung liefert die Anstaltspflege als solche infolge mannigfacher ihr 
eigenthümlicher Gefahren (Hausepidemien) selbst in fleii bcsiüreleiteten Findel- 
häusem nur so mässige Flesultate, dass man mehr und mehr zu dem Grund- 
satze gelangt ist, die aufgenommenen Sftuglinge so schnell wie möglich in 
die Famiiienpflege fiberzuf&hren. Die Anstalt dient ihnen dann später nur 
noch zum vorübergehenden Aufenthalt bei etwaigem Pflegewn hsri . ferner 
bleibt eine der llauptaufirabi'u derselben die Verpfleirung kranker Kinder. 
Die Schwierigkeit der An.staltspflege lässt sich hier besser als irgendwo 
anders fiberwinden, indem man leichter in der Lage ist, ihnen sowohl die 
Frauenbrust zu verschaffen, wie auch diejenige besondere Fürsorge in Pflege 
und Bebandliinir zuzuwenden, deren sie bedfirfen (H, Nki'.ma.nN'. 

Das von einer Keiiie der nach modernen Grundsätzen geleiteten Findei- 
hftuser angenommene System der gleichseitigen Aufnahme von Mutter und 
Kind hat seine weitere Ausbildung in einer gewissen, der Zahl nach be- 
scbränktt n Kategorie von Anstalten gefunden, die in \ erscbi<>(lenen Län<lern 
(Enirland. ilen Niederlanden . der Schweiz, l'n^^arn. iJeutscIilaml i in neuerer 
Zeit entstanden sind, Diese Anstalten, die gewöhnlich durch private VV(dil- 
thätigkeit und auf confessioneller Grundlage entstanden sind, nehmen meistens 



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KiDderaehutz. 



155 



zum ersten Mal gefallene Mädchen vor der Entbindung auf und verpflegeii 
sie mit ihren Kindern so lange, bis die MQtter so weit su Rrftfien gelcommen 

sind, dass sie sich als Dienstboten oder als Ammen venliiiL'^* n küimen. Ein 
Theil dieser Anstnltfii bcliält die Kiridor auch nach dorn Austriti der Müttor 
in Pflege oder überwacht die Privatpfleger, denen sie übergeben werden. 
FOr die deutschen Anstalten dieser Kategorie und einen Theil der aus- 
Wndisclien hat «las Honner Vo^orgungsbans des Fräulein Lungstras als Vor- 
bild ircdicnf. Xacli H. Nkumanx bestehen niisserdeni in Deutschland folgende 
Anstalten dieser Art: Christliches V'ersorgungshaus in Colmar, Versorgungs- 
haus der Frau Pfarrer SchQler-Anleersmit in Marburg, Kinderheim des evan- 
gelisch-lutherischen Vereins fflr innere Mission In Leipzig. Luise^bor in Eppen- 
dorf bei Hamburg. Woh'gemeinte Sliftung in Dresden (unter Verwaltung des 
Käthes der Stadt Dresden^. Heimstätto in der Snndstrasse 19 in Berlin, 
Beth Elim in Weissensee ()ei Berlin und Kaiserliches Kinderheim zu ürüb- 
schen^Breslau, letzteres auf interconfessioneller Grundlage. 

FQr die dem Süuglingsalter folgenden Lebensjahre finden sich ge- 
schlossene Anstalten ausschliesslich für Verpflegszwecke nur in Ansnahnie- 
füllen (Abtheilungen für kleinere Kinder in Waisenhäu.sern, Kinderheimen). 
Im Allgemeinen huldigt man heute dem Grundsatz. Kinder vom zweiten bis 
cum fünften Lebensiahre d«r Familienpflege su flberweisen. 

'2. Waisenpflege. Die Waisenpflege in irescblossenen Anstalten be- 
weirt sich, je nach den Zwecken, die sie verfolgt, und nach den örtlichen 
Verhältnissen in den allerverschiedensten Formen. Die Waisenhäuser im 
eigentlichen Sinne bezwecken die vollkommene Verpflegung und Erziehung 
von elternlo.sen Waisen und den diesen gleichzustellenden, von den Elte-n 
verlassenen. Iieziehungsweise dem elt<'rli<-hen Eiiiflu><st' ent/oirenen Kindfvn. 
Soweit die Waisenverwaltung das System der Farailienpflege ^^s. weiter unten) 
bevorzugt, dienen die Waisenhäuser, beziehungsweise besondere Abtheilung«-n 
derselben zugleidh als Station fflr die neuaufgenommenen Kinder; auch 
werden in denselben solche Kinder versorgt, die wegen zeit weilitrer Abwesen- 
heit der Kitern. wie Aufenthalt im Krankenhaus«-. Verbiissunu" von Freiheils- 
strafen u. s. w. , der öffentlichen Fürsorge vorübergehend anheimfallen, in 
grösseren Städten dienen dem letztgenannten Zwecke hin und wieder auch 
üftrt'iinte Anstalten. Ob für die Erziehungszwecke der Anstalt eigene Schul- 
einricht untren jretroffen oder die Kinder den vf»rhaiulenen Schulen fiberwiesen 
werden, hängt ebenfalls von der örös.se der Anstalt, ihrer Lage und andi r- 
weitigen Erwägungen ab. In der Regel sind die Geschlediter rftumlich getrennt 
zu halten, hie und da findet auch eine SooderuDg naeh Altersgruppen statt. 

Was die <resiindh('itsschridigend»-n Einflüsse der Anstalt ^pfh jre anlans^t. 
die bei der Siiuti'linLrspfle;,'-e so nai-htheiliir in die Ersclieinuiig treten, so 
lassen sich dieselben bei zweckmässiger Einrichtung der Anstalt.sgebäude 
und geeigneter Verpflegung der Kinder in dem hier in Betracht kommenden 
Lebensalli'r fast ganz vermeiden. Im Allgenu^inen sucht man in neuerer Zeit 
die Waisenhäuser thuTiIichst ausserhalb der Stadt, in Vororte zu verlegen, 
um den Bewohnern freie Bewegung und reichlichen Luftgenuss zu sichern, 
vor allem aber auch, um Garten- und Ackeriand fOr die Beschäftigung der 
Kinder zu gewinnen. Auf die Herstellung gesunder und geräumiger Schlaf- 
stellen. Schaffung von Badeeinricht untren . Turn- und Spielplätzen, auf ein« 
reichliche Ernährung ist von iiyirieuischen Gesichtspunki • n aus der u-rösste 
Nachdruck zu legen. Die Gewinnung ausgedehnteren Bauterrains trmög- 
licht ferner unter Umständen den Uebergang zu einem Zerstreuungssystem, 
wie es auch beim Krankenhausbau in der Neuzeit immer mehr an Bedeu- 
tung «rewinnt. Dieses System erleichtert das in neuerer Zeit z, H. in Ham- 
burg eingeführte Princip der Bildung kleinerer, iioter der Aufsicht beson«lerer 
Aufseher oder Aufseherinnen stehender Gruppen, welche gewissermasson die 



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156 



Kinderschutz. 



Familie er^etzeu äullen, soweit davon in einer Anstalt die Hede sein kann. 
Seine letste Coneeqiieiis hat dMeelbe in dem, nach der AnsUlt Mettray bei 
Tonrs oder nach seiner Anweadmig in England sogauuinten Mettray- oder 

Cottapre-System gefunden. Dasselhp besteht darin, dass man statt eines 
srrossen fremeinschaftlichen Gebäudes kleinere Häuser (Colta^-esi in länd- 
lichen Bezirken erriclitet und die Kinder auf diese Weise in kleinere Gruppen 
vertheilt. In diese H&aser setst man ie eine Arbeiter- oder Handwerker- 
familie, von welcher die allgemeine Aufsicht zu führen ist. wobei die Knaben 
in dem Handwerke des Mannes, die Mädchen in den häuslichen Arbeiten 
unterwiesen werden. Indem man die Zahl der Kinder auf 8 — 12 beschränkt, 
sucht man die VoraQice der mit der Anstaltspflege verbundenen Isolirung 
nn't der «^emüthlichen Wirkung der Familiengemeinschaft zu verbinden. In 
Frankreich sind mehr .-ils 80 solcher Anstalten nach dem Vni-bilde von 
Mettray gegründet worden, und auch in England hat die Einrichtung viel 
Anklang gefunden. 

b) Die xnletst erwähnten Anstalten bilden bereits den Uebergang zu 
dem zweiten Verpflegungssystem, dem der Fa milienpflege (offene Pflege). 
Die Unterbringung der Kinder in Fnmilienpfkire findet entweder durch die 
Behörde oder auf Veranlassung derjenigen privaten Partei statt, die ge- 
setslich cur Fflrsorge ffOr das Kind verpflichtet ist. Auch der letstere Fall 
interessirt uns hier, weil es Sache des öffentlichen Kinderschutzes ist, die 
Verpflegunj»- der von privater Seite in Pflege geirebpncn Kinder zu über- 
wachen. Der gewöhnliche Sprachgebrauch fasst vielfach bi'ide Kategorien von 
Kindern unter den pro niiscue gebrauchten Bezeichnungen >Ko.st Halte- 
oder Ziehkinder« zusammen. H. Nbumamn unterscheidet neuerdings »Kost- 
kinder', d. h. durch die Behörde in Pflege verbrachte, und »Halte- oder 
Ziehkinder», d. h. auf privatem Wege untergebrachte Kinder. Wir schiiessen 
uns dieser Unterscheidung an. 

Der Natur der Sache nach wird zwischen beiden genannten Kategorien 
ein wesentlicher Unterschied in Bezug auf das Lebensalter hervortreten. 
Unter den Kostkindern wird das schulpfh'cht ii^e Alter vorwiegen, während 
die Haltekinder vorherrschend schon im Säuglingsalter der Pflege übergeben 
werden. Verwaisung, die den Hauptanlass zur Unterbringung der Kostkinder 
in Familienpflege abgiebt, tritt seltener im ganz jugendlichen Alter ein^ 
wahrend die Nothwendigkelt der Haltepflege zumeist gleich nach der Ge- 
burt hervortritt. Es handelt sich hier ganz vorwiegend um Kinder un«dielicher 
Herkunft, welche die Mutter, um den Lebensunterhalt für sich und ihr Kind 
zu erwerben, durch Fremde verpflegen lassen muss, w&hrend sie, wenn das 
Kind die ersten Lebensjahre hinter sich hat, häufiger in der Lage ist, das< 
selbe zu sich zu mdimen. 

Die Familienpflege soll den Pflegekindern die natürlichen Verhältnisse 
der eigenen Familie nach Möglichkeit ersetzen. Diese Aufgabe kann nur 
erfflllt werden, wenn bei der Auswahl der Pfiegestellen und ihrer Ueber^ 
wachung irewisse Grundsätze massgebend sind, die sich etwa in folgender 
Weise zusammenfassen lassen: Die Pflegeeltern sollen durchaus unbescholten 
sein, in gutem Rufe stehen, ein gesichertes Auskommen haben und zu der 
BefOrchtung keinen Anlass geben — wenn ihnen auch selbstverstindlich der 
pecuniare Vortheil willkommen sein darf — , dass sie das Kind lediglich um 
des Geldinf eressi's willen annehmen Ferner muss ihre \\'(dinunir. die Ein- 
Iheilung der Häume, der Besitz entsprechender Lagerstätten die Sicherheit 
bieten, dass das aufzunehmende Kind ein genügendes Unterkonunen hat. 
Personen, welche ArmenunterstOtzung beziehen, in Obelberufenen Gegenden 
wtdinen. bestraft sind u. s. w . werden daher in der Kejrel auszuschliessen 
sein. Ausnahnion sind nur da zu'ä^siy:. wo es sich um nahe AnL:-. höri!re 
handelt, die etwaige Mängel in der einen oder anderen Kichlung durch die 



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KIndenehutz. 



157 



natörlkhe verwandtschaftliehe Bexiehungr aaszug:leicheii vermSpen. Ferner 

wird die Gleichartigkeit dt r Confession, sowie ein {rewisses aH^emeines 
Vcrsfindniss der erziehlichen Aufpnben gefordert, wtlclir an dem PfU^uf- 
kirule zu üben »ind. Ob die Pflegeatelle sich innerhalb des üeincindewesi ns 
oder ausserhalb befindet, macht in dieser Beziehung keinen Unterschied. 
Dodh ist man geneigt, wenn thunlich, die Kinder in landliche oder klein- 
städtische Pfhfjestellen zu brinjren . wo für das körperhVhe Wohlertrehen 
bessere Luft und kriiftiirere Kost, für das {reistitre die irrössert« KinTachheit 
der Verhältnisse und die Abwesenheit vielfacher schädlicher Einflüsse von 
Bedeutung sind. Eine Unterbringung an einem anderen Orte als demjenigan, 
in welchem das Kind geboren ist oder WO seine Kitern oder Angehörifren 
leben, erfol^-t rey:elniässit>: dann, wenn man es den Einflüssen seiner bis- 
herigen Umgebung und seiner Angehörigen entziehen will. Die Beschaffung 
dfr Pflpgestellen erfolgt anf&nglich meistens durch Ausschreibung. Spftter 
pflegt sich ein fester Stamm von Familien su erhalten, su denen dann bei 
einmal erfolgter Einföhrun«}: des Systems andere, von den ständigen Ver- 
tiau<'rs( riranen der Waisenpflege empfohlen«', hinzutreten. Das System der 
Verdingung an den Mindestfurdernden, das vereinzelt wohl noch vorkommt, 
steht in unbedingtem Widerspruch zu einer xweckmässig geordneten Familien- 
pflege (MünSTBHBBRO). 

Von wesentlidier Bedeutung für die erfolgreiche Durchführung des 
Systems der Faniilienpflege ist, wie schon angedeutet, die Gewinnung von 
Vttrtrauenspersonen sowoM ffhr die Auswahl der FamiK«i wie für Ihre Ueber- 
wachung. Soweit es sich um Püegestellen im Bezirk des Gemeinwesens 
handelt, pflegt die Waisenverwallung selbst mit Hilfe elirenamtlidier Organe 
diese Function zu üben, l'eber die auswärtigen Pfleg<'stellen führt gewöhn- 
lich ein am Urte wohnhafter vertrauenswürdiger Mann, gewöhnlich ein 
Geistlicher oder Lehrer, die Aufsicht. 

Wesentlich ungünstiger als für die von den Behörden in Pflege gege- 
benen Kostkinrh r liegen die Verhältnisse in vielfacher Beziehung für die 
Hattekinder, bei denen der Natur der Sache nach die sorgfältige Auswahl 
der Pflegestellen, wie sie von den BehSrden gettbt wird, fortfftlit. Die lllutt3r, 
welche das Pflegegeld nur knapp und unregelmässig zahlt und zufrieden 
sein muss. wenn die Pflegeinutter das Kind trotzdem behält, kann oft keinen 
wesentlichen EinfUiss auf die Pflege ausüben. Ks kommt dazu, dass es ihr 
auch durch räumliche Entfernung und Zeitmangel gewöhnlich nicht möglich 
ist, sich um die Pflege zu bekOmmem. Schliesslich fehlt ihr auch zuweilen 
das Interesse an der Erhaltung des kindlichen Lebens — nicht etwa, dass 
es sich immer um einen groben ethischen Defect bei der Mutter handelte, 
aber wenn keine Möglichkeit abzusehen ist, für Mutter und Kind einiger- 
massen das Auskommen zu finden, so ist es begreiflich, wenn der Tod des 
Kindes, das in schlechter und liebloser Pflege dahinsiecht, als eine Erlösung 
aus unabwendbarem Leid ersclu inf. 'Jnter solchen Umständen kommt es 
zwischen Mutter und Pflegemutter geradezu zu einem schweigenden Ein- 
verständniss über das Endziel der Pflege, und auch ohnedies ist das End- 
ergebniss das gleidie, wenn die Mutter In ihrer ffilflosigkeit darauf ange- 
wiesen ist, das Kind in eine gewerbsmässige und ohne Rücksicht auf das 
Wohl des Kindes ausgeübte Pflege zu geben. Wo Unverstand und materielles 
Unvermögen aufhört und wo absichtliche Tödtung anfängt, ist im Besondern 
bei der Säuglingspflege nur sehr selten festzustellen. Die »Engelmacherei« 
war vor wenigen Jahrzehnten noch sthr verbreitet, und auch jetzt noch 
scheint in manchen Gegenden dies schmähliche Gewerbe ziemlich unverhülit 
betrieben zu werden (H. Neuman.n). 

Die Gesetzgebung der meisten Gulturstaaten hat sich daher der Auf- 
gabe nicht entziehen kOnnen, die Ueberwachung des Haltekinderwesens durch 



158 



KJndenehutz. 



besondere Bestininmiigen zu regreln. In einer Reihe deutscher Staaten, wie 
Bayern, WOrttemberg:« Hessen, Saclisen- Weimar, Sachsen-Altenburgr, ist das 

Hnltekinderwesen fOr den g:anzpn Staat durch Ministerial Verordnungen ge- 
rt'}j:<'lt. llinircircn ist in Preussoii don Bchördon nur die Bcfuffniss iro<r<'l)cii. 
im Bedarfsfall entsprechende Püli/.ei\ erorduungen zu erlassen. Dies ist in 
fast allen Provinzen geschehen. Da sich in Preussen grewerbsmässige Halte- 
pflege sdir un<;leichinäs.si^:. nieist aber nur in den grösseren Städten findet, 
sf) unifnssrn die Pnli/eivcM'ordnuniren nii-iit iiiirntT die iranzen Provin/<'n oder 
Jiejfierunjfsbe/irke. sundern zuweilen nur einzelne Kreise oder die >rrüss»'reii 
Städte. In Baden ist das Haltekindenvesen ebenfalls nur durch bezirks- 
oder ortspolizeiliche Vorschriften geregelt. 

Den in Deutschland bestehenden N'erordnunfren zum Schutze der Halte- 
kinder ist ^'eriK'insani die den PfloiremüttiM'n unter Strafandrohuna: auferley^te 
Verpflichtung der polizeilichen An- und Abmeldung der verpflegten Kinder; 
ausgenommen hiervon sind gewöhnlich Kinder, die behördlich od«- durch 
Vereine In Pfle^-e gejreben sind. Die Altersgrenze schwankt zwischen d* in 
vollendeti'n I, und 8. Jalir (Bayern) und ist nii'i>icns das \ ollciulete «). .Jahr 
(Preussen Die meisten Polizeibehörden niai;lien die Erlaubiiiss zur Halte- 
pflege von gewissen Bedingungen abhängig, die sich auf das Verhalten der 
Pflegeeltern und ihrer Wohnungen beziehen, und drohen Im Falle schlechter 
Behandlung der Kinder oder niangelhnft'^r gesuninieitlicher Zustände die 
Concessitjosentziflniim^ an. Den Folizeilx'aniti'n oder anderen Personen, die 
mit der Ueberwachuug der Pflegekinder betraut sind, steht die Befugniss 
zu, von den Wohnungs-, Emährungn- und Pflegeverhftltnissen jedes Kindes 
Kenntniss zu nehmen. Ausser dei- Poli/i>il)ehörde ist nach di>r preussischen 
Vormundschnftsordnimg auch nocii der Genieinde-Waisenratii als Organ des 
Vormundschaftsrichters zur Ueberwachung des Haltekindes bL'rufen. 

Zu bemängeln an der In Deutschland besti^henden Uegelung des Halte- 
Icinderwesens ist, dass dieselbe nicht auf reichsgesetzlicher Urundlage erfolgt 
ist. Bei der verscliledenartigen Behandlunir des Gegenstandes in «len ver- 
si hiedeiieii Bundesstaaten und Landestheilen sind Umgehungen der Vor- 
schrifti'u nicht selten. 

Als fiberwachende Organe im Sinne der erwShntcn Vorschriften dienen 
vielfach Angestellte der Polizeibehörde, denen nai ui ;:eiii;iss ein tieferes Ver- 
ständniss für ihr«' Aufgabe abgeht. NKfM.W'N furdeit daher mit Heclit. dass 
zweckmässig zu dieser Aufsicht auch Aerzte herangezogen werden. Letztere 
Porderimg ist in besonders geeigneter Form in Leipzig durchgefOhrt, wo 
alle Haltekinder unter der dauernden Aufsicht eines Arztes stehen, dem 
h\ nienisch ireldldete Berufspfleirerinnen untefLicdrdnet sind i T.\i'i'.i:\ Die 
l'nzuläny:li(bkeit der beliöi-dliflien L'eberwachung ■ — besonders im Hinbli<'k 
auf die jüngeren Pflegekinder — tritt im Allgemeinen so deutlich zutage, 
dass die Behörden diese Function vielfach an Vereine fiberlassen haben 
(Frauenvereine, Berliner Kinderschutzven in etc.). 

cl Die Frage, welches der beiden Systeme: Anstaltspflege oder 
Familienpfiege, den Vorzug verdiene, ist in neuerer Zeit vielfach Gegen- 
stand der Erörterung gewesen und ffir die IfehriaM der F&Ue heute wohl 
ziemlich allgemein zu Gunsten der letzteren entschieden. Bei der Erörterung 
der (irüntle für und wider muss zunächst betont werden, dass in Bezug 
auf die Anstaltspflege in neuerer Zeit so wesentliche Fortschritte in hygie- 
nischer Beziehung gemacht sind, dass viele der Uründe. die früher die 
Findelanstalten und Waisenhäuser zu wahren Brutstätten von Epidemien 
machten, heute in Fortfall kommen. Nur diese, nach modernen Grundsätzen 
einirerichteten Anstalteti können Iii» r für die \'ergleichung iti Betracht 
kommen. Es ist ferner vorweg zu l)etonen, dass die Anstalten, namentlich 
In grösseren Gemeinden, vielfach wenigstens als vorfibergehender Zufluchtsort 



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Klnd^racbutz. 



159 



nicht entbehrt werden können, um Kfatder so lange aufsunehmen, bis 
geeig^nete Pflegeeltern ausfindig gemacht sind, beziehungsweise bis eine 

Entscheidiin^r (Inrubpr getroffen ist. ob nicht etwa eine reherfuhrun«,'' in be- 
sondere Anstalt spflejie (Krankenanstalten. Anstalten für nicht volisinniy:« 
oder mit moralisclien Defecten und köx'p er liehen tiebrechen behaftete Kinder) 
einzutreten bat. 

Die wesentlichsten Grunde, die, hiwon abgesehen, ^rt pen die Anstalts- 
pfle<re in's Feld geführt werden können, sind foliienili': Die Anstaltspfletje 
gestattet nicht, die Individualität der einzelnen Kinder genügend zu berück- 
sichtigen. Besonders wenn viele Kinder in derselben Anstalt r«r«{nigt sind, 
bedarf es einer so äusserlichen und strengen Ordnung und Zucht, dass ein 
Eingehen auf die Bedürfnisse und die Neii: iinir<'n des Einzelnen {rändich 
ausgeschlossen ist. Das Kind bekonunl in der Anstalt niemals die Empfin- 
dung sorgloser Freiheit, die doch meist gerade die Kindheit zum schönsten 
Lebensalter macht. Im Gegentheil, es fOhlt sich immer unter einem Zwang, 
bei dem es ihm oft schwer ist . eine liebevolle Behandlung noch durchzu- 
merken. Ferner kommt in Ketracht. dass in den Anstalten leicht einzelne 
schlechte Elemente ungesunde Gedanken und Handlungen den übrigen mit- 
theilen. Endlich aber — und das spricht am meisten gegen die Anstalts- 
ersiehung — ist sie durchaus ungeeignet . die Zöglinge mit den Bedfirf- 
nissen des T.el)ens bekannt zu raaclien. Wir haben es ja mit lauter Kindern 
zu thun, die in ihrem späteren Leben gewiss Mühe, Arbeit und Sorge 
finden werden, denen insbesondere der Kampf um das tägliche Brot unaus- 
gesetzt vor Augen stehen wird. Gerade darauf bereitet sie die Anstalt nicht 
vor; hier hört das Kind nie die Frage: wovon wollen wir morgen leben, 
hier erfährt «s nichts von den Sorgen des Alltagsdaseins. Immer ist der 
Tisch um die bestimmte Stunde gedeckt. Der Gedanke, dass es einmal 
anders sein wird, kann solchem Kinde nicht kommen. Man hat daher die 
F>fahrung gemacht, dass in Anstalten erzogene Kinder sich ausserordent- 
lich viel schwerer ins spätere Leben eingewöhnen, ja man will so'jrar beob- 
achtet haben, dass sie sehr viel häufitrer als andere den Kampf gegen die 
Widrigkeiten des Daseins aufgeben und sich dem Verbrechen und dem Laster 
in die Anne werfen (BrOcknbr). 

Im Gegensatz da7u ist zu Gunsten der Familienpflege geltend zu 
machen, dass das Kind durch rnt(>rbringung in der Familie auf seinen natür- 
lichen Boden gestellt werde, frühzeitig durch das Mitleben in einer seinem 
Stande angemessenen Umgebung den wiridichen Emst des Lebens erfahre 
und durch thätige Theilnahnie an d&n täglichen \'errichtungen in einem 
Faniilii iihausbalfe lerne, was in einem solchen Hausballe notbwcndig sei. 
Mit anderen Worten, die Fürsorge für verwaiste Kinder müsse so sein, 
daas sie ihnen mugliclist volligen Ersatz für alles das biete, was sie ver- 
loren haben, einen Ersatz f8r das Elternhaus, für die Liebe des Vaters, fflr 
die zärtliche Sorge der Mutter, fflr das Leben und die Erziehung in der 
Familie, einen Ersatz, der eben nur durch flen Eintritt in gleiche Verhält- 
nisse, d. Ii. durch den Eintritt in eine Familie geleistet werden könne. Ganz 
besonders wird dieses Moment fOr Mftdchen geltend gemacht, welche dem 
natürlichen Triebe folgen möchten, sich in einer noch so kleinen und ärm- 
lichen Haushaltung nützlidi /u machen; auch könnten die dort erworbenen 
Kenntnisse in der Haushaltung durch Unterricht in der Anstalt nie ersetzt 
werden. 

Die thatsächliche Gestallung der Dinge giebt gegenwftrtig den Ver- 
tretern der Familienpflege Recht, indem mit verhältnissmässig wenigen Aus- 
nahmen dieses .^yst(Mn das herrscliende geworden ist. Wesentlich in Be- 
tracht gekommen mag dabei auch der Umstand sein, dass die Familienpflege 
aidi im Allgemeinen erheblich billiger stellt als die Anstaltspflege. 



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160 



Klnders«hutz. 



II. Ertränzende Fürsorge. Neben den im vorigen Abschnitt ab- 

grfhandelten Fällen, in denen die Oeffentlichkeit sich in der Lage befindet, 
die fehlende elterliche Pfleg:«' dauernd und in vollem Unifancre zu orsotzon. 
{riebt es Verhältnisse, die es erforderlich machen . dass den Eltern die Für- 
sorge für ihre Kinder zeitweilig — sei es für gewisse Stunden des Tages, 
sei es nnter bestimmten, der Daner nach begrenzten Umständen — abge- 
nommen wird, weil sie unter den gegebenen Voraussetzungen nicht ira 
Stande sind, ihre elterlichen Pflichten selbst zu erfüllen. Die Veranstaltunaren, 
weiche getroffen sind, diese ergänzende Fürsorge auszuüben, sind so mannig- 
facher Art, dass ihre erschöpfende Darstellung im Rahmen dieses Artilcels 
unmöglich ist; wir beschränken uns daher darauf, nur das Wesentlichste 
und namentlich für ärztliclie Kreise Wissenswert he hier anzuführen. Bei 
dieser ergänzenden Fürsorgethätigkeit handelt es sich fast durchweg um 
private Vereinsthätigkeit, zum Theil unter dem Beistande und der finanziellen 
UnterstOttong des Staates und der Gemeinde. 

Alles, was im vorigen Abschnitt über die Nothwendigkeit individuali- 
sirender f^ehandlung des Einzelfalles bei der Entscheidunir über die Zu- 
lassung in öffentliche Pflege gesagt ist, gilt hier in erhöhtem Masse. Man 
scheint heute über dem anerkennenswerthen Bestreben, Gutes zu thun, 
vielfach ganz zu vergessen, dass ein grosser Theil der hierher gehörigen 
Veranstaltungen Nothbehelfe sind. di<» ihren Zweck erfüllen, wenn sie 
lediglich dazu dienen, erwiesener Noth abzuhelfen und die wirklicli ge- 
ffthrdeten Kinder zu bewahren und zu versorgen, die aber vom Uebel sind, 
wenn sie der Bequemlichkeit und Trftghdt der Eltern oder ihrem unge- 
zOgelten Erwerbstriebe Vorschub leisten. Es ist daher bei der Errichtung 
solcher Anstallen vorab genau zu untersuchen, ob wirklich das Bedürfniss 
dazu vorliegt, und sind sie eingerichtet, so sollte man die Mühe nicht 
scheuen, bei Jeder Anmeldung die häuslichen Veriiftltnisse des Kindes genau 
zu i)rufen, ehe man die Zulassung ausspricht. Wo aber ein thatsächliches 
Bedürfniss nicht vorliegt, sollte man sich hüten, dasselbe künstlich hervor- 
zurufen, da unter allen Umständen die geeignetste Stätte für die Pflege 
des Kindes das Elternhaus ist und dieses nicht ohne Noth verdrSngt 
werden sollte. 

.vJ Fürsorge für das nichtschulpfUcht iir»- .\lter. Eine der 
häufiirsteii Formen, unter denen die ergänzende Fürsorge auftritt, ist die 
Verwahrung und Verpllegung der Kinder för gewisse Stunden des Tages, 
während welcher sie zu Hause der Aufsicht und Pflege entbehren würden. 
Pas Hedürfniss hierffir hat sich namentlich in grösseren Städten und Fabrik- 
orten herausgestellt, wo die Mütter darauf angewiesen sind, mit zum Lebens- 
unterhalt der Familie beizutragen oder, wenn sie verwitwet sind, beziehungs- 
weise der Ehemann durch Krankheit oder Gebrechen am Erwerb verhindert 
ist oder die Familie verlassen hat. allein den Lebensunterhalt zu erwerben. 
Auch hier bedürfen die unehelichen Kinder !)eson(lerer Krw;ihniinir. Häufig 
werden sie von Verwandten oder in entgeltliciier Plleyre erzogen und lüssL 
schon der Beruf der Mutter, z. B. als Dienstbote, keine auch nur zeitweise 
Verpflegung durch letztwe sn. Aber in anderen Fällen ist es der ledigen 
Mutter sehr wohl möglich, das Kind selbst aufzuziehen, sobald ihr die Pflege 
während der Tagesstunden abgenommen wird. 

Je nach dem Lebensalter der zu verpflegenden Kinder ergeben sich ver- 
schiedene Formen der Verpflegung. Die Kinder des Säuglingsalters werden 
in der Krippe verpflegt, vom 3. oder 4. Lebensjahre an nimmt sie die 
Kinderbewahranst alt fauch Warte-. Kleinkinder-, Spii-Isrlmle irennnnt) 
auf. Entsprechend den besonderen Gefahren, die dem Säuglingsalter drohen, 
ist auf die hygienischen Einrichtungen der für dieses Alter bestimmten An- 
stalten ein besonderes Gewicht zu legen. Selbstverständlich sind Kinder, die 



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Kindereetautz. 



161 



mit ansteckenden Krankheiten behaftet sind, bezlehungrsweise deren Wohnungs- 
ang^höri^e an solchen leiden, auszuschliessen. Innerhalb der Anstalt ist 

die peinlicbsto l^t'inlichkeit zu hoohachton. Was die Ernahninir anbetrifft, 
so ist es wünschenswerth. dass die Mütter, soweit es ihre Beschäftij^iin}^ zu- 
lässt, die Kinder selbst stillen. Für die Leitung der Anstalt und die Wartung 
der Pfleglinge ist ein hinreichend zahlreiches nnd gut geschultes Personal 
erforderlich. Vor allen Dingen ist die dauernde Aufsicht durch einen Arzt 
nicht zu entbehren. Bei s(»rirf;11tiLrer Berücksichtigung: aller dieser Gesichts- 
punkte sind die Resultate der \ Crpficgung in den Krippen mit Bezug auf 
die Sterblichkeit recht gute gewesen, ja es ist sogar vielfach die Beobachtung 
gemachti dass sich das Allgemeinbefinden der Kinde r infolge der guten Ver« 
pflegrun? wesentlich i^rehoben hat. Audi ein enielilicher £influas auf die M&tter 
ist nicht selten wahrgenommen worden. 

Die Aufgaben der Kinderbewahranstalten werden nicht überall von 
den gleichen Gesichtspunkten ans anlgefosst, doch handelt es sich bei den 
hier bestehenden Meinungsverschiedenheiten wesentlich um pädagojjische 
Fratren. auf die wir hier nicht näher einzufrehen brauchen. Im Allgemeinen 
kann als ihre Aufgabe bezeichnet werden, dass sie die Kinder des vor- 
Bchnlpfliehtigen Alters den ausserhalb des Hauses beschäftigten MOttem 
tairsüb<'r abnehmen, verpflegen und ihrem Alter entsprechend beschäftigen. 
Vom by'.rieiiisr!icii Standpunkte haben wir auch hd der Einrichtung- dieser 
Anstalten die gebührende Rücksicht auf Zuführung von Licht und Luft 
und tweckmässige , aber einfache Ernährungsweise der Kinder zu fordern. 
Neben grösseren Räumen zonn Aofenthalt im Winter und bei schlechtem 
Wetter ist ein Spielplatz im Freien das wichtigste Erforderniss. Auch hier ist 
die reirel massige ärztliche 1%'berwacbung als wünschenswert b zu bezeichnen. 

k' Fürsorge für das schulpflichtige Alter. In denselben Fällen, 
in denen Krippe und Kinderbewahranstalt fOr die $Qngeren Lebensalter ein- 
treten, dienen die Kinderhorte für die Unterbringung der schulpflichtigen 
Kinder in den schulfreien Stunden, mit dem Zwecke, sie vor dem Umher- 
treiben zu schützen und erziehlich auf sie einzuwirken. Wir brauchen, 
unserem Progntmm entsprechend, auf diese Veranstaltungen nicht näher 
einzugehen, möchten aber hier eine Wamang' nicht unberDclcsiohtigt lassen, 
die H. Neumaxn" den Leitern derartiger Anstalten zu beherzigen giebt : Häufig- 
wird die Auftrabe der Kinderhorte sowohl in gesundheitlicher wie päday-ogi- 
scher Beziehung nicht richtig gewürdigt. Anstatt ein Gegengewicht zu den 
Wirkungen der Schule zu bilden, welche doch selbst bei den besten Bln- 
richtungen die Eigenart der geistigen Entwicklung und ditt körperlichen 
Bedürfnisse nicht ininier ausreichend berücksichtigen kann, anstatt das 
fehlende Familienleben nach Möglichkeit zu ersetzen, wird nach -\rt und Ort 
der Beschäftigung nur eine Fortsetzung des Schulunterrichts geboten. Nicht 
genug, dass die Kinder Vormittags in strenger Zucht, auf mehr oder weniger 
bequemen Sdiuibänken zusammengedrängt, »lie Atmosphäre des Scliulzim- 
niers eingeailunet haben, fügt der Hort in wohlmeinender Absiebt ein 
Gleiches oder Aehnliches noch für die Nachmittagsstunden hinzu. Wenn 
Oberhaupt Schulzimmer benutzt werden, sollten dieselben vorher gereinigt 
nnd längere Zeit gelüftet werden; mag eine üeberfüllung der Schulzimmer 
auch b-^im Unterricht geduldet sein, so sollte sie doch im Hort ni<"ht vor- 
konunen, zumal eine zu grosse Zahl von Kindern eine schulmüssige Leitung 
des Hortes nothwendig mit sich bringt. Aber vor Allem Ist daran festzn- 
halten, dass ein fortgesetztes schulmässiges Sitzen keinenfalls stattfinden 
darf, sondern — bei ireeigneteni Wetter — Bewegung im Freien, sonst 
aber in geräumigen Turn- oder .Spielsälen, mag auch die Ueberwachung 
hierbei weniger leicht .sein, unbedingt an erste Stelle treten muss. That- 
sächlich werden häuflg Horte mit einem Mindestmass hygienischer Fflrsoi^e 

Eaerdof. JabibOeher. VIL 11 



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162 



JUndcnehutz. 



geleitet: gr&sste Engrlgkelt, ungeeigrnete SubselUen, sohlechte Beleuchtungr^ 
ungenOgrende Ventilation, mangelhafte Reinlichkeit machen eine Sehädiffunjr 
der Kinder ganz unzweifelhaft und verrathen den völligen Mangel an hygieni- 
Bchem Verständniss. 

Auch bei einer swelten Art von Veranstaltungen fQr das sdudpMIohtige 
Alter ist man in gut gemeintem Kifer vielfach Ober das Ziel lünausge- 
scliossen — der Speisunfj lud üi ft ijjer Schulkinder, eine Einrichtung, 
die zunächst nicht durch annenpliegerische , sondern durch pädagogische 
Gesichtspunkte hervorgerufen worden ist, indem die Lehrer wahrnehmen 
konnten, dass etai Theil der Sdiüler dem Unterrichte nicht aufmerksam 
foljBrte, und die Ursache liiervon. abgesehen von anderen Ursachen, wie 
Kränklichkeit. Ueberbürdimir mit ir('\v('rl>Iii'luT Nehenbcscliiirt ij^iini; u. s. \v.. 
vielfach in mangelhafter Ernährung zu .suchen war. Das hat dazu gefülut. 
dass an manchen Orten durch private Vereinsthfttigkeit Einrichtungen ge- 
troffen sind, um den Kindern ein Frühstück, bestehend aus Milch und Zubrot, 
oder aber ein warmes Mittajressen (hier und da in besonderen Kinder- 
Vülksküchen) zu verabreichen. Bei diesem Vorfjrehen, das noch verh&ltaiss- 
mässig neu ist, haben sieh maaniglaohe Schwierigkeiten, namentlich in Bezug 
auf die Auswahl der Kinder, herausgestellt, und es sind bereits hier und da 
geradezu Missbräuche in dieser ReziolumiLr liervorirt-treten . die ernstlich zu 
der Erwä-runtr führen, ob nian nicht lieber im Falle des Unvermötrens . für 
eine ausreichende Ernährung der Kinder zu sorgen, den Eltern auf armen- 
pflegerischem Wege die Unterstfltsong zukommen lassen soll, statt durch 
die directe Fürsorge f&r die Kinder wiederum ein Band, das diese an die 
Famiii«' knüpft, zu zerreissen und dieselben schon im jug^endlichen Alter an 
das Almusenempfangen zu gewöhnen. Jedenfalls sollte man, wenn man an 
der Einrichtung festhalten will, die Speisung nicht ohne sorgfältigste PrQfung 
der häuslichen Verhältnisse gewähren. 

r FürM»rt;p für schwächliche Kindi r. Indem wir in Betreff der 
Fursor{i:e für Kinder in den alliremeineu Krankenhäusern oder in besonderen 
Kinderkrankenhäusern auf den Artikel Spitäler verweisen, haben wir hier 
zum Schluss noch einiger besonderen Einrichtungen zu gedenken, die nicht 
sowohl an aoutMl Krankheiten als vielmehr an allgemeiner Korperschwäche, 
Scrophulose u. s. w. leidenden oder in ihrei- körperlichen Entwicklunj^ durch 
mangelhafte Ernährung, Aufenthalt in schlechter Luft u. s. w. zurückgeblie- 
benen Kindon zu Gute kommen sollen und theils vorbeugender Art sind, 
theils eigentliche Heilzwecke verfolgen. Im weitesten Sinne ^^ehören hierher 
alle Veranst alt untren . besonders in den Grossstädten, die den Kindern die 
Bewegung im Freien ermöglichen sollen: Anlage öffentlicher Erholungsplätze, 
Förderung der Jugendspiele u. Aehnl. Insbesondere sind hierher zu rechnen 
diejenigen Bestrebungen, die man neuerdings unter der Begriffsbestimmung 
der Sommerpflege zusammenzufassen pfle^rt. Dies»>Iben redmen mit der 
Gewährung reiner Luft bei ausreichender Bewegung und kräftiger Ernährung 
als vorbeugender Mittel bei drohenden — mit der Anwendung klimatischer 
Curen, von Sool- und Seebädern als Heüfoctormi bei bereits vorhandenen 
Erkrankungszuständen. 

Bei den hier zunächst zu erwähnenden Einrichtungen vorbeugender 
Art, die ihren Zweck in der Weise zu erreichen suchen, dass sie die 
schwächlichen und luränklidien Schulkinder der Grossstädte fQr die Zeit der 
Sommerferien den Schädlldikeiten ihrw Umgebung entrQcken und sie auf 
das Land versetzen, gehen wieder zwei F'ormen nebeneinander her: die 
eigentliche Feriencolonie und die Familienpflege. Bei erstert-r wird 
eine grössere Anzaiil von Kindern unter Leitung einer erwachsenen Person, 
gewöhnlich eines Lehrers oder emer Lehrern, gemehisam untergebracht und 
verpflegt Von Wichtigkeit ist dabei, dass da, wo nicht eigene Ferienhetane 



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Kinderacfattiz. 



zur Verfüg;ung stehen, geeignete Untcrkunftsräume beschafft werden, dio 
ausser dem nöthigen Schlafraam aach einen Anfentiialtsranm bei sohlechtem 
Wj'ttor ^('wShren. Mit den Quarticrpcbcrn ist oiiu» rolchücho Verpflogang 
der Colonio zu vorcinbaren, wotx'i man auf pute Milch un<l t;ii:lii'hc Fleisch- 
kost besonderes Gewicht zu legen hat. Bei dem zweiten System wird ein 
einselnes Kind , beziehungsweise eine kleinere Gruppe von Kind«m bei dner 
Familie untergebracht, d«ren sorgOUtlge Auswahl natfirlich wieder Haupt> 
bedingung: ist. Die Wahl dos Systoms hStig^t meist von örtlichen Verhält- 
nissen, wie (b'ii zur Verfügung stehenden leilen«ien Kräften, beziehunfrsweise 
dem Vorhandensein geeigneter Familien ab. Vielfach wird auch ein ge- 
mischtes System befolgt, welches in der Unterbringung mehrerer Kinder bei 
Familien desselben Ortes bei gemeinschaftlichem Zusammensein w&hrmid 
des Taj^es Ix'strlit. Die liestreitnno: der Kosten aller dieser BestrebirnGpen 
fällt meistens der Privattluitigkeit von Vereinen, beziehungsweise Comites 
SU, die heute in sahireichen StädtoD bestehen und einen gemeinschaftlichen 
Mittelpunkt in der 1881 gegrQndeten »Centraistelle der Vereinigungen fOr 
Somnierpflegfe« gefunden haben. Die vorlfinfi^e Auswahl der Kinder crfolirt 
in der Kegel unter Mitwirkunj^ der Lehrer durch geeignete tlilfskriifl c des 
Comites. Das entscheidende Wort fällt in der Regel -— und durchaus mit 
Recht — dem Arst sn. Ausgeschlossen werden sameist an acuten Krank- 
heiten, offenen DrQsengo.schwuren , Ohrenfluss, bedenklichen Lungonentzftn- 
düngen leidende, ungenunen«! bewetrunirsfähige, mit Krämpfen. Veitstanz, 
ansteckenden oder auffallenden Ausschlägen behaftete Kinder. H. Neumann 
vertritt den Standpunkt, dass auch einem Theil dieser Kinder, von denen 
viele dessen gerade am bedOrftigsten sind, sehr wohl die Feriencolonie zu- 
gänglich gemacht werden könnte, wenn schon die erste vorläufige Auslese 
der Schulkinder unter Zuziehung des Arztes stattfände. Es liessen sich als- 
dann die an den bezeichneten Krankheiten leidenden Kinder oft noch recht- 
zeitig einer ftrxtlichen Behandlung znfQhren, um sie nach Beseitig^g ihrer 
Leiden für die Feriencolonien geeignet erscheinen zu lassen. Aber von diesen 
Fällen abgesehen, könnten auf demselben \Ve<;e die Feriencolonien auch bei 
anderen Kindern oft ihren Zweck viel vollkommener erreichen. Wie soll ein 
Kind in der Feriencolonie s. B. seine habituellen Kopfsohmerzen verlieren^ 
wenn die in den Augen, in den Nasenhöhlen, im Rachen etc. vorhandene 
Reizung", welclie sie veranlasst, nicht vorher beseitigt ist? Wi(» soll das Kind 
in der Culonie mit Appetit essen und sich den Spielen hingeben, wenn es 
von Zahnschmerzen gepeinigt wird? Wie soll es seine scrophulösen Hals- 
drilsen verlieren, wenn die vo-grOsserten Gaumen* und Rachenmandeln, deren 
Entzündung einen stets sich (M-neuernden Reis auf die Drflsen ausflbt, nicht 
vorher entfernt werden ? (H. Nei man.n). 

Von wesentlicher Bedeutung für den Erfolg der Feriencolonien ist auch 
die Auswiüil des Ortes, wohin dieselben entsandt werden. Für einen Theil der 
Kinder wird die einfache Veränderung der klimatischen Verhältnisse ausreichen, 
um anr<><r»'iid auf die Köi iii r furn t i(»n>'ii zu wirken. Im Allu'eineinen wird man, je 
nach den örtlich gegebenen Verhältnissen, am liebsten das üebirge mit seinen 
Wäldern oder den Meeresstrand wählen. FQr einen anderen Theil der Kinder 
wird man zweckmässig den gflnstjgen Einfluss eines Aufenthaltes in der freien 
Natur durch die Heilfactoren von See-, Sool- und Stahlbädern vorstärken. 

Den Feriencolonien in ihrer Wirkiiny* nicht irleichkommend . abiT für 
viele Fälle trotzdem durch die Gewälirung kräftigerer Ernährung und die 
Gelegenheit zu reichlicher Bewegung von segensreichem Einfluss sind die 
in neuerer Zeit ergänzend herangezogenen Stadt- oder Halbcolonien, 
deren Wesen liarin besteht, dass die Kindfr zwar in der Stadt un<l in ihren 
Wohnungen bleiben, jedoch täglich in grösseren Gruppen ins Freie geführt 
werden, wobei ihnen gute Milch und Brot verabreidit wird. 

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164 



Kindersehuts. <- Kohlenoxyd. 



Oflireii alle dies« Veranstaltnngeii ist der Einwand Phöben worden, 

dass ihre gDnstitr«* Einwirktuifir der Nachbalti^'koit entbehre und dass die 
Kinder, wenn sie in die alten ungfinstigen Verhältnisse ziiruckk<'hn>n , bald 
der erreichten £rfulge wieder verlastig^ gehen. Dem gegenüber ist es von 
Bedeutung:, dass an einseinen Orten bereits Veranstaltungen getroffen sind, 
die es sich zur Aufgabe inai iu ii. die Kinder nach ihrer RBckkehr unter 
dauernder Tont role zu behalten und in geeigneten Fällen ihnen weitere Fita> 
■orge zutheil werden zu lassen. 

Wesentlich andere Ziele als diese Einrichtungen vorbeugender Natur 
verfolgen die Kinderheilst&tten, die zumeist der Behandlung scrophulöser 
Kinder frowidmet sind und dementsprechend, neben den in den Ferien- 
colonien in Betracht kommenden hyirienisch-diätet ischeii Mittehi. die bei der 
Behandlung der Scrophuluse hauptsächlich wirksuinen Heilfuctureu : See- und 
Soolbad einerseits und gewisse chirurgische Eingriffe andererseits, cur Ver- 
wenduni: zidien. Die Wahl der Curmittel und die Dauer der Vei pflegunff 
hangt hier von einer sorirfältiLreii ärztlichen l'rüfunir des Einzelfalles ab. 
und ie nach den zu erfüllenden Indicationen wird sich die Einrichtung und 
der Betrieb der betreffenden Heilstatten sehr verschieden gestalten. Wir 
werden namentlich ra untersdieiden haben swischen Pflegestätten, die sich 
darauf beschränken, soldie Kinder zu verpflegen, die infolge verborgener 
Tuberkulose blutarm, abtreinairert oder überhaupt kränklich sind, oder an 
indolenten Drüsenschwelluugen leiden, oder schon mit Erfolg unter chirurgi- 
scher Behandlung gestanden haben (Sanatorien), und solchen Anstalten, 
die mit dem vollkommen<>n Apparat ausgerQstet sind, um den Kindern 
gleichzeif i<r cbirnrirische Hilf"- atifredeihen !a»^"'ii tu können (Hospize). Zu 
der ersteren Uruppe gehören die meisten Kinderheilstätten in den deutschen 
Soolbidem und ^ Theil der an den deutschen SeekDsten errichteten An- 
stalten. Paradigmata der sweiten Gruppe sind die berQhmten Seehospise 
in Margate. Berck-sur-Mer und das von dem Verein für Kinderheiistätten 
an den deutschen Seeküsten errichtete Kaiserin Friedricb-Seeliospiz in Nor- 
derney, das im Jahre 1Ö86 eröffnet wurde und auch während des Winters 
im Betrieb ist. 

Literatur: N. BurcKNEB, Diu tSfIcntliche und private FUrsor^re. Frankfui-t a. M. 1892. — 
H. NBUiumf, Oeflentlicher Kinderacbats. VII, 2. Lief, von Tb. Wsyl'« Handbach der H^'gieoe. 
Jena 1895. — MfhnmBSBO, KinderfOrsorire. HandwOrteriraeh der Staatawisseasehtften, heran«- 

gegeben von Conkao , Elstkk. Lkxi- mi*l I^okm.vo. Suppleiiicnthantl. Jena 18M5. A. Ep- 
BTiciN. Stadien znr Fra«e «kr Findclan^talten. Prajf 18S2. — Raudnitz, Die Findt-lpflcge. 
Wien und Leipzig; 1886. — Uauskr, Ueber ArmenkinderpIleKe. Karlsruhe 1894. ~ Tacb«, 
Schutz der um helichen Kinder in Leipzijf. Leipzig 1893. — H. \ei mann, Üie uuehelichen 
Kinder in lierlin. JahrliUeht-r für Nationalökonomie. 1894, III. Folj^e, VII. — A. liAaiNSKV, Die 
KoHt- und Haltekinderpfleye in Herlin. Vl rti Ijatirs.mihr. f. öHentl. Gesundheitspflege. 1H86. — 
Scbrifteo des Deatsdiea Vereia» fär Arineuplltige und Wohltbätigkeit. Leipzig 1Ö84, 1880, 
1887 und 1888. — 8ehrlfien der Centralstelle tOr Arhefterwohlfabrtaeinrichtmifren. Berlin 
1893. — Die Ergebnisse der Sonnnerpfh ■;,'»■ in Deuschlaud im Jahre 1893. Berlin 1894. — 
t^c'UMiD-ilo.NNAiiu, Ueber die kürperhche Kntwicldung der Ferieucolonieldnder. Zeitschr. f. 
Schnlgesundheitspflege. 18i)4, VII; Jahrb. f. Kinderhk. 1894, XXXYII. — Schiiiipvloo, Die 
Heilstätten fUr scrophulöse Kinder. Wien und Leipzig: 1887. Albneht. 

Klrcblioferdey Arsen^halte, vergl. Arsen, pa^. 28. 

Koltlenoxyd. Eine neue Methode zum Nachweise von 
Kohlenuxyd im Klute Vergifteter ist von SziGETi auf das Verlialten 
de» CO zum MetiuLmoglohin begründet worden. Diese sogenannte Kohlen- 
ozydmetiiamog'loblnprobe beruht daraat dass Kohlenoxyd mit Meth&mo- 
^lobin eine durch helirothe Farbe und ein eifrenthümliches Spertrum ausge- 
zeichnete N'erbindiintr triebt. Das Si)ectrutn cbarakterisirt sicli dunb einen 
breiten Absurptionsstreifen im Qrüu zwischen D und K, näher an D belegen. 
Der Streifen gleicht der Lage nadi dem Abtorptionsbande des reducirten 
Hftmoglobins und des Cyanli&malins, bleibt aber im Gegensätze su ersterem 



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Kohlenozyd. 



165 



auch beim Schütteln mit Luft unverändert und unterscheidet sich von dem 
Cj'anhiiitatinbande dadurdi, dass Zusatx von Sehwefelammoniiuii nicht die 
Streifen des Hftmooliroinogens hervorroft, sondern Spaltung in zwei Absorp- 

tionsstroifon veranlasst, die der Lntrf nach mit doncn des Kohlenoxydhämo- 
glohins und Kohlpnoxydhämoohromof^ens zusammenfallen. Wie Mothämoglobin 
verhüll »ich dem CO gegenüber auch das Humatin in ull^alischer Lösung, 
während Ittmatin in sanrer Löanngr Farbe und Spectnim nidit Indert; 
Schwefelammonium/.usatz macht jedoch die Lösnng hellroth und bringt das 
Spectrum des CO-llamochromogons zum Vorschein. 

Die Ausführung der Koblenoxydmetbämogiobinprobe geschieht in der 
Weise, dass man aus dem zu untersuchenden Blute dureb Zersetzen mit 
Natronlange und Erwirmen im Wasserbade das CO austreibt, und dieses, 
narh(](>ni man es in yoeiarneter Weise von etwa vorhnndeiiem Ammoniak 
und Sihwefelwasserst off befreit bat. in t'inen n it Metliümofflobinlösuny: is:e- 
füllten Kugelupparut leitet und dann die Lösung spectroskupisch untersucht. 
Die Probe kann besonders gut zur Unterstfltzung der Kohlenozydh&moglobin- 
probe dienen, wenn diese auf Zusatz von Schwefelanunonium wejren An- 
wesenheit von uberschüssijrem Oxybämnsrlol)in kein reines Resultat giebt. 

Uebrigens lässt sieb die Existenz der Koblenoxydmethämoglobinverbin- 
dung auch zum Nachweis von Vergiftungen mit metbftmog^obinbildenden 
Giften (Kalium chloricum u. s. \v.) benutzen, indem man das mit Wasser ent- 
sprechend verdünnte Hlut mit CO sätti«.'-( und sperf roskopiscli untersucht. 
Bei der grossen Stabilität des Koliknuxydmethämoglubins kann dies Blut 
besonders gut aLs Corpus delicti dienen. 

Das von Haloanb angegebene colorimetrische Verfahren zur 
quantitativen Bestimmunp: von Kohlenoxyd in der Luft (vorgl. Ency- 
clopadische Jahrb.. VI. pafr. 301^ Ijedarf einer Modifiration . da nach Unter- 
suchungen von Halda.nb und Lukkai.n ä.MiTH unter dem Einflüsse des Lichtes 
rasch Dissociation des KohlenoxydbSmoglobins stattfindet. Es ist daher un- 
umgänglich nötbig, das Schütteln des CO-BIutes in einer mit einem Tuche 
umhüllten Flasche Lr<'s<-lielu'ii /u lassen, zweckmässiir auch, das Titriren mit 
der Carminlösuni;- i)i'i nicht zu heller Beleuchtun«: vorzunehmen. 

Die von uns nach Haldanb gegebene Tabelle zur Ik-stinimung des Verhältnisiies des 
Proeentgehaltes der CO-Blutlöaung zu dem CO-Gehaltc der Luft bedarf einer Correctioo, da 
sie auf Versnelie sieh grtindet, bei denen das AnssehlieHsen der Luft beim Schütteln des 
ülntes verab.siiumt war. An Stelle dert-elben aind die lolgenrien Ver}iiiltni.<4!<zablen zu setzen: 



Suttigoiig drr Kohlfooxyd- 

BlatKtasng gabalt d»r Lnit 

ta FraeMtM in Pimmimi 

5 0,006 

10 0,012 

20 Ü.02Ü 

30 0,043 

40 0^ 



Sfterigang d«r KoIiIvdoxj J- 

SlatlMaag g«h«lt der Lalt 

la Praeaataa ta Vraeutea 



60 0.125 

70 (»,21 

80 i)M 

90 U,81 

95 1,7 



60 0,090 

Wie gross fibrigens die Menne des Kohlenoxyds in dem Blute ver- 
gifteter Menschen sein kann, zeigt die Beobachtung Haldanes bei Verun- 
glückten in Kohlengruben, wo er das venöse Blut einzelner Leichen, die sich 
durch sehr lebliaftes Aussehen auszeichneten, au 79 — 98% mit CO ges&t^ 
tigt fand. 

Eine SteiiTPrung der Toxicität kohlenoxydhaltiger Qasgemenge 
durch Gegenwart grosser Mengen Kohlensäure bat Scott ^) bei 
einer Pulvcrexplosion zu Carrne beobachtet, wo das giftige Gasgemenge 
27,6*/« Kohlensäure und 3,6% Kohlenoxyd, danelien aber auch noch 1% 
Schwefel wasswstoff enthielt. Ein sehr giftiges Gasgemenge stellt das soge- 
nannte Clearcras in Ammoniakwerken dar. das nach Scott in 100 Theilen 
25,57 CO, Ü,5Ö COj, 4,bO H, 5,57 CH^, U,52 0 und 5G,J.»9 ^' enthält. 



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166 



Kohlenoxyd. — Kryofin, 



DasB Kohlenoxydvergifttuig nicht selten Olykosurie herbeiffllirtf ist 

ein unbestreitbares Factum. Andererseits lieg:en verschiedene sebr genau beob- 
achtete Fälle von Kohlenoxydverfj:!!! untr beim Meiisduni vor. in denen Zuckor- 
aussclieidiint: im Harne nicht constatirt wf-rden konnte. Die bei Versuchen 
an Thiureii erhalienen Resultate sind sehr divergent; den positiven Ergeb- 
nissen von Sbhfp *) und Araki *) stehen v611t|p nei^tive von Garofalo gegen- 
Aber. Die hieraus sich erj^rebende Thatsnche, dass di(> QlykOfturle, wenn sie 
auch sehr häufip: ist. doeh nur unter bestimmtetj Bedingungen zustande- 
kommt, findet iiire Bestätigung in einer experimentellen Studie von Straub 
wonach Glykosurie nur dann eintritt, wenn Eiweissstoffe oder Lehn zur Zer> 
Setzung vorhanden sind. Während bei VerfÜttemng von Eiwoiss (Fleisch) 
oder Leim Glykosurie eintritt, bringt Eiweisshunger bei uber\vi<'j,nMider Kohle- 
hydratzufulir diese zum Scinvinden und nadi Zufuhr von reinen Kohlehydraten 
(Stärke, Traubenzucker, Milchzucker) kommt sie bei Kohlenoxydvergiftung 
nidit sur Beobachtung. Ob dasselbe Verhalten andi beim Menschen statt- 
finde und z, B. bei Vergiftungen nach eingenommener reicher Fleischkost 
Glykosurie eher eintrete als bei herabgekonimenen, hungernden Personen, 
müssen darauf gerichtete Untersuchungen lehren. 

Als ein bisher nicht beobachtetes Symptom der Kohlenoxydvergiftung 
wird Xanthopsie Hilbert") aufgeführt, die nach Wi<'«lerherstellung des 
Bewusstseins mit Herabsetzung der Sehschärfe und Gesichtsfeldeinschrfinkung 
auftrat, jedoch schon am Tage nachlier verschwand. 

Literatur: Sziokti, Ut^ber Kolikiniw diiK-thamoglobia und Kohleiio.xy*lhäiii:itin. 
Vicrtoijahrschr. f. gerichtl. Med. XI, 2. Ht^lt. — -i Hau>4«b and Lobbain Smith, The oxyf;«;n 
teosion of arterial blood. Jonrn. of Pbyaiol. XX, Nr. 6, p»g. 497. — *) Haldamb, The de- 
teetlon and eitiiBation of carbonic oxIde to air. Ibtdetn, pa?. .^31. — *) SroTT, Poisoninsr by 
carliriii iimnoxyde. Brit. iiicil. .Iniirn. < )ctobi'r. — ' > Si m c, rclicr dtn 1 liiilictcs nach der 
KobleiioxydathmODg. Dorpat Ibü'iK — Auaki, lieber die Bildung von .Milch.süure uud iily- 
ko»e im OrganiBroun. Zeitschr. f. pfaysiol. Chemie. XV. — Strauo, Ueber die Bedingungen 
des Auftretens der Glykosurie nach der Kobl('noxydver^'iftUü<j. Ari-h. f. «•xperiiii. l'atb. XXXVIII. 
pag. 13!). — '> IIii.iiEKT, Xantbop.sie uacb KohleuoxydvcrgifCung. Aleaiorabilieu. Nr. 2. 

JfusemmMn, 

Krippeu, s. Kinderschutz, pag. 100. 

Kryofiii, ein Antipyreii' iini. ist nach seiner chemischen Constitution 
Methylgiykolsäurephenet idid. 

^•"*XJH,.OCH,.CONH 

also ehi Concentrationsproduct von Phenetidin und Methylglykolsäure, analog 

dem Phenacetin, welches bekanntlich ein Condensationsproduct von Phene- 
tidin und Essitrsänre darstellt. W. Ostwald hat exporim<>ntell nachirewiesen. 
das» die Alkylglykolsäuren stärkere Säuren als die Glykulsäuren und nucb 
mehr als die Elssigsbire darstellen, so dass die Aether der Alkylglykolsfturen 
viel leichter verseifbar sind als die der Bssigs&ure. Nun wirkt bekanntlich 
sowohl der saure Magensaft als auch das Alkali des Duodenums auf der- 
artige Substanzen verseifend: es konnte deshalb au< li im Verhalten dieser 
Substanzen im ürganisuius ein merklidier Luterschied auf irgend eine Art 
sum Vorschein kommen. Von dieser theoretischen Grundlage ausgehend war 
CS von Interesse, die antipyretische Wirkung des Kryofins im Vergleiche mit 
der des Phenacelins. La< tni>benins. klinisch zu prüfen, l'eber die Resultate 
dieser Prüfung auf seiner Klinik berichtet Hekma.sn Eichhorst. £r versuchte 
das Mittel u. A. bei schwerem Abdominaltyphus, bei Pleuropneumonie, puer- 
peraler Sepsis, postscarlatinöser Nephritis, Oesichtserysipel, bei Phthise- 
Streptokokkendiphtheroid ; dabei zeiirte sich O.fy Kryofin als zuverlässig 
wirksame anl ipyretisciie Dosis, im Kffect etwa l.U (inn. I'lieiiaretin irleicb, 
konuneiid. \ ersagte die Wirkung des Kryofins, so blieben auch fast ohne 
Ausnahme Phenacetin, Lactophenm und Antipyrin, welche wiederholt cum 



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Kryofin. — Kupfer. 



167 



Vergleiche bei derselben Person herangezogen wurden, ohne Einfiuss. 
denkliehe Nebenwirkungen wurden bMier niemals gesehen. Bei einzelnen 
Kranken brach während des Temperatnrabfalles lebhafter Schweiss aus. 

Auch maclilc s'irh nii( unter Cvannsp bemerkbar; das Mittel wirkte blutdriick- 
steigernd. In einig:en Fällen von friwcher Ischias, in einem Falle von Poly- 
neuritis alcoholica wirkte es auch schmerzstillend. Bei acuten chronischen 
Oelenksriienmatisnien sehfen es weniger wirksam. 

Kryofin bildet weisse, gemchlose Krystalle, welche keinen Geschmack besitzen nnd 
mich ilalit r sehr bequeu] in PnJverlorm nehmen lassen. Seine Löslicbkeit in Waaser belänlt 
sich auf 1 : 52 in siedendem vnA 1 : OOO in kaltem Waaaer. lo «meeotrlrter LOmnir Mbmeekt 
Kljofin bitter nml beissend. 

Dosirung. Als Antipyreticum 0,5 pro die in Pulverform oder in 

Oblaten gereicht; als Anttnevralgicum sn 0,5 dreimal am Tage. 

Literatur: ITkrmamm Bicbbobst, KrjoIiDf ein neues Antipjretioiim. Deotiehe ned. 

Wochenschr. 1H5)7, Nr. 17. Loehhrh. 

Kubisagarl (japanisch; wörtlich so viel wie »einer, der den Kopf 
hängen lässt«) ist der populäre Name einer in einzelnen nördlichen Pro« 
vinsen Japans endemischen Erkrankung. Dieselbe wurde jOngst von Nakaro 
und Onodera beschrieben, welche beide den Symptomen (onipl ex als eine 
Art larvirter Malaria auffassten, während dagegen neuerdings Mioua i) sie 
mit der von Qeki.iek -) als »vertigo paralysante« beschriebenen, in ein- 
zelnen Gebieten der Westscbweiz, baupts&chlich um CoUex (zwischen Femey 
und Versoix, Canton Genf) einheimlsdiem von den dortigen Eingeborenen 
»Tourniquet« benannten Krankheit als Identisch ansiebt. Das Leiden tritt in 
Anfällen auf, deren Hauptsyraptomo in Muskelschwäche, gewissen Augen- 
symptomen (Ptosis, Umnebelung, Doppelseben, Hyperämie der Papille und 
ihrer Umgebang), motorisehen Störungen der Znngren-, Lippen-, Kan- nnd 
seltener der Schlingbewegung, Parese der Nackenmuskeln, sowie auch der 
Extremitäten- und Rumpfmuskeln bestehen. Dazu können noch Verstimmung, 
Steigerung der Sehnenreflexe, Vermehrung der Nasen-, Thr&nen- und viel- 
leicht aneh der Speiehdabsonderung kommen. Am eonstantesten nnd wioli- 
tigsten sind die genannten Augensymptome nebst der Parese der Naekon- 
nuiskf'ln. In Ätiologischer Hinsicht hat Miora M festgestellt, dass das Leiden 
fast ausschliesslich bei arbeitenden Bauern, in Form von Hausepidemien 
oder vereinzelt, immer in der wärmeren Jahreszeit (besonders beim lieber- 
gang in die kUtere) angetroffen wird, und swar in Gegenden, die ku den 
wichtigsten für die Pferde- und Rinderzucht Japans geboren. Ein Theil des 
Wohnhauses diint hier meist zum Stalle, so dass zwischen diesem und den 
eigentlichen Wohnräumen keine strenge Abgrenzung besteht. Der conti- 
nnirlfche Aufenthalt des Viehes im Stalle seheint die Entwicklung dnr 
Krankheit skeime (wie dies auehGsRLiBR bereits angenommen hatte) irgend- 
wie zu bofördfin, Therapeutisch erwiesen sich Jodkalium und Arsen in einigen 
Fällen nützlich; dabei ist möglichste Ruhe zwischen den Anfällen nebst 
allgemeiner Faradisatiun, kalten Abreibungen etc. zu empfehlen. 

Literatur: *) Mioba. üeber Knblsagari. Separatabdrnck ans den Hittbeilongra der 

niediciniHcbcn Kacultiit <l« r kaisfrl. j.ipnnischrn Univcrsitiit in Tokio. ISOH, III. Nr. 3. — 
*) ÜEBLiEK,. Kevue med. dü la äuissc romande. Deceuiber lb86, Januar 1087; David, Ibid. 
Febraar 1887. a. Ealtahurg. 

Kupfer« Die Frage Ober die Zulässigkeit des Grünfftrbens von 

Erbsen mit Kupferpräparaten kommt trotz der vielfachen Arbeiten in den 
letzten .lahren auch jetzt noch nicht zur Ruhe. In Londen wurde eine Gross- 
handlung verurtheilt, weil sie Erbsen lieferte, die 3,10 Grm. Kupler.-julliat in 
Jeder Büchse enthielten. Das ist allerdings eine Menge, die die zum Färben 
nöihige Menge weit übersteigt. Man schätzt den Consum von gefärbten 
Erbsen auf l*0 Millionen Bücb-^eTi , wonach sich nach dem obigen Kupfer- 
gehalte etwa UOOÜ Pfd. Kupfer berechnen, die alliährlich in englische Mägen 



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168 



Kupfer. 



gelangen. Der in der Laneet vom 28. Mal 1896 gemachte Vorsclilag. den 
Verkaut gefärbter Erbsen nur zu gestatten, wenn die die Waare deutlich als 
»{jekupfert* bezeichnet wird, kann nur unseren Beifall finden, da ja zweifel- 
los bestimmte Individualitäten Kupferpräparate sehlecht vertragen und auf 
diese Weise am einfachsten vor jeder F&hrlichlLeit geschützt werden können. 
Unterlässt der Fabrikant diese Angabe, so wird es selbstverstSndlieh anoh 
IQr den Schaden aufsukommen haben. 

An der Thatsache, d.iss die Ei\veisskupferverbindunf>:en der Conserven 
an sich keine schädlichen Wirkungen hervorbringen können, und dass eine 
chronische Vergütung dadurch beim Menschen nicht zuwege gebracht werden 
kann, ist in keiner Weise zu zweifeln. Die im Deutschen Reichs-Gesund- 
heitsanite von Brandl V tiemai hton Versuche zeiffen in BestätiKfunir der An- 
gaben von TscHiKCH. dass weder das Leguminkupfer, noch das Kupferphylio- 
cyanat in den Mengen, in welchen sie mit gekupferten Erbsen In den Körper 
gelangen , acute Vergiiftungserscheinungen erzeugen können , und dass auch 
von dem Zustandekommen einer chroni.schen Ver^iftuntr nicht die Rede sein 
kann, weil nur ganz gerintre Menjjen bei Verfütteiung- der trenannten Ver- 
bindungen zur Resorption gelangen. Uunde können 2 — li (irm. Legumin- 
kupfer mit Fleisch venseliren, ohne dass Brbrechen, Durchfall oder sonstige 
Störungen sich bemerkbar machen. Von dem eingeführten Kupfer werden 
davon fast 1).')" ^ im Kothe wieder aufgefunden. Gleiche Resultate liefert das 
phyllocyausaure Kupier, neben dem übrigens nach Brandl s Versuchen noch 
eine weitere organische Verbindung , In der das Kupfer maakirt ist , in den 
gekupferten Erbsen und Bohnen vorhanden ist. 

Vf)m Kiii)rei-Ie^-iimin ist das Kupfereiweiss eini<rermassen verschieden, 
doch sprechen auch die neu(>sten Versuche v«hi Fileh.ne -j entschieden ;;egen 
irgendwelche Gefahren dieser V^crbindung für den Menschen und diejenigen 
Thiere, die sich vor einer Intensiveren Vergiftung durch Erbrechen zu schfitzen 
im Stande sind. Bei Hunden Ist dies nach 3. bei Katzen erst nach 4.5 Qrm. 
der Fall. Verfüttert man ein nach Analogie des Ferratins darfrestellles 
Cuprutin, so lusst sich niemals eine so grosse Menge (bis ü Grm.) wie vom 
Leguminkupfer Versnclishunden beibringen, weil schon nach mehr als 2 Orm. 
Widen\illen und nach 3 Orm. constant Erbrechen, allerdings später als nach 
anderen Kupfei \ iTbindnntren (>infritt. Dabei wird ausserdem nach Ciipratin, 
trotz seiner Löslichkeit in Wasser. Säuren und alkalischen Flüssigkeilen, 
noch weniger als nach Kupferlegumiu resorbirt ; in den Versuchen Filehnb's 
gingen beim Hunde sogar 38% des eingeffihrten Kupfers wieder mit dem 
Stuhle fort. Aus diesem Grunde ist es aber unmöglich, auch hier die Haupt- 
erscheinungen der chronisch<Mi Vergiftung, die Anfimie und die dogenerativen 
Procüsse in Leber und liieren durch Cupratin zu erzeugen. Kupferhämol 
gab nach Brakdt's Versuchen keine anderen Verhältnisse der Resorption wie 
Leguminkupfer; in 40 Tagen konnten 12() Grm. Kupferhämol verfüttert werden, 
ohne irgendwelche Erscheinungen lici lx'izuführen. Ob frischgefaiites Kupfer- 
hämol intensiver wirkt, bedarf weiterer Prüfung. 

Selbstverständlich alteriren diese Versuche in keiner Weise die That- 
sadie, dass subdurouische und chronische Vergiftung durch andere, der Re- 
sorption zugänglichere Kupfersalze bei Thieren zu erzeugen sind; ja es be- 
stätigen weitere directc Versuche Bi{.\m>t s. da>.s in der That eine solche 
durch Degeneration von Leber und >i'ieren und allgemeine Anämie churak- 
terisirte Affection durch organische Kupfersalze, in denen das Kupfer nicht 
masklrt ist, bei längerer Verfütterung sich ausbildet, und dass diese um so 
rascher auftritt . je leichter «las betreffende Kiipfersal/ zur Resorption ge- 
langt. Jn dieser Hinsicht steht das Natriumcupritartrat obenan, und an 
dieses schliessen sich Acetat, Oleat und Stearat des Kupfers an. Fileune, 
der besonders das Kupferstearat in fiezug auf seine toxische Äction unter- 



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Kupfer. 



169 



suchte, glaubt sogar, dass man bei lange genug fortgesetzter Zufuhr damit 
tddtlicbe dinMiische Intoxication, aber nicbt eine letale acute Vei^iftung bei 

brechfahigen Thieren durch interne Darreichung erzeugen kann. Die brechen- 
errejrende Dosis des an sirh gresrhroackfreien Salzes, dass trotzdem schon 
nach kurzer Zeit Widerwillen gegen das damit gemengte Futter erzeugt, ist 
weit grösser als beim Kapfervitrfel. Diestf zeigt nach Brandl aueh sonst 
eine wesentliche Wirkungsverschiedenheit, indem darnach nephritische Er- 
scheinungen, wie sie nach Darreic-hiine: gerinjrer Mengen von Natriunn upri- 
tartrat auftraten, sich nicht einstellen, und indem bei längerer Verfütterung 
eine weit grössere Aufspeicherung von Cu in der Leber stattfand, als dies 
der Fall bei den organischen Sahsen ist. Wie wenig leicht Obrigens Knpfer- 
solfat bei grösseren Thieren zur Entstehung: von chronischer Intoxication 
Veranlassung siebt, zeicren Versuche von Baum und Seeliger ^) bei Ziep:en, 
die selbst bei V'erabreichung von 105 Grm. in 128 Tagen und von 40 Grm. 
in 83 Tagen nicht erkrankten ; nur bei Steigerung der Dosen kam es zu 
interc u rrentem Appetit verl u st e. 

Dass aiicli metallisches Kupfer bei inferner Darreichung nicht ohne 
schädlichen Effect bleibt, hat Fileuxe durch direete Versuche am Hunde 
gefanden, doch konnte selbst bei zwei Monate anhaltender Futterung nach 
Verbrauch von 2 Grm. nur weit geringere Veränderung In Nieren und Leber 
nachgewiesen werden, wie sie nach Kupfersal/cji eintraten. 

Dass bei Menschen acute Versiftunj^en durcli Kupferver-iiftungfen her- 
vorgebracht werden können, ist eine Thatsache, für welche neue italienische 
Beobachtungen weitere Belege liefern. Infolge der grossartigen Aasdehnung, 
welche iB'Jt die Traabenkrankheit genommen liai, werden die dagegen ge- 
braufliliclien Hespreiürunfren mit Kupfervitrioliösunir und Kalk (soprenannto 
Bouillon bordelaise, oder Besprengungeu mit Kupfervitriol und Schwefel 
(Rame lolforato) häufig in so Oberaus kolossaler Weise ausgeführt, dass 
man sich sn einem Verbote Jeder Verpackung von Esswaaren in Rebenblittem 
veranlasst gesehen hat. Aber auch die Trauben werden oft so erekupfert. 
dass sie. weim man sie nicht abwäscht, veririftcnd wirken können. Zwei 
Vergiftungen dieser Art, in denen die ersten Erscheinungen sich unmittelbar 
naeh dem Genüsse einstellten, dann Kollken, einzelne Durchf&lle mit Tenesmus, 
auch Tenesmus vesicalis und grosso Adynamic eintraten, die die Kranken 
3 — 8 Tapre an s Bett fesselten, luif Rrixoti beschrieben. Ob das Fehlen 
von heftigem Erbrechen die Folge der gleichzeitigen Einführung von Kalk 
ist, steht dahin. 

Ueber die Aasscheidung des Kupfers lehren die Vwsnche von Brandl, 

dass eine constante Ausscheidunff durch die Galle statthat, während die 
Ausscheidung; ilunli die Darmepitbelien und die Nieren nur yerinir ist. Hei 
intravenöser und subcutaner Application acute Vergiftung bewirkender Dosen 
des Natriamknpfertartrats kann mehr als die Hälfte des eingef&hrten Kapfers 
In der Leber auf}j:efunden werden, während 2 — 3'/o in QsUe vorhanden 
sind. Hei chronischer Intoxication durch ortranisi'li»» Kupfcrsalzo vorschwindet 
das in die Leber gelaugte Kupfer rasch, beim KupfersuHat können 6 — 7*^0 
gefunden werden. In die Milch geht Kupfer bei KupfersalfatfOtterung nur 
ausnahmsweise in nachweisbaren Mengen Ober. 

Literatur: ' Hkanui., E-xpcrimentclIc Untersuchungen iU)rr die Wirkunfi-, Aiilnabme 
Dod Abscheiduiig von Kupfer. Arbeiten aus dem kaiserl. Geaaudheitsamte. Xill, pag. 105. — 
*) FiLKaNK , Heiträge zur Lehre von der acuten and cfaroniscben Kapfenrergiftung. Zweite 
Mittheihing. Dentselie nu d. Wochensehr. Nr. 10. — 'i Baum und Skki.iokr, Wirl das dem 
Körper einverleil)te Kniifer aueh mit der Miieh ausgeschietlen und wirkt derartige Milch 
schädlich, wenn sie genossen wird? Arch. I. Thierhk. XXVI. Heft 3. *) Bei-i.oti, Due case 
di avvdeoament« acato non letale per ura trattata con aostanze autiperonospnrictie. II 
BiMoogl. med. 20. Februar, pag. 97. Uusem«an. 



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L. 

UTttlostirle» vergl. Harn, pap. 117. 

Latah wird in Niederlftndisch-Indien eine cerebrale Neurose ge- 
nannt, die dordi reflesart^ Zwangiriiandliingren, bestehend in Bdiokinesie, 
Echolalie und Koprolalle. rharakterisirt ist. Kranke, welche mit diesem Leiden 
behaftet sind, ahmen Bewe|/:unireii . welrlie ilmeii vortreinai-ht werden, sofort 
nach ^Echokinesie), und diese imitirlen Bewegungen werden eingel« ilet, be- 
gleitet oder gefolgrt von unznsammenhtngenden Lauten oder Worten, meist 
ii;el)rrui(-hlichen Ausrufen, öfters auch obscönen Auedrucken (Koprolalie). 
Auch Befehle, die man solchen Patienten piebt , f Ohren dieselben soirleich 
aus, und vorgesprochene Worte wiederholen sie (Echolalie). Bisweilen reiclit 
schon ein Blictc, begleitet von einer Kopfbewegung, aus, sie sum Ansatossen 
einielner Laute zu bringen. Psychische Erregungen, namentlich Sdhreelc, sind 
ifleichfalls im Stande, bei ilinen unwilllLflrliche Beweg^ungen, verbunden mit 
Ausrufen, hervorzurufen. 

Alle diese Handlungen sind ganz unabhängig vom Willen und können 
von den Kranlcen selbst bei starker Willensanspannung nicht unterdrOckt 
werden. Dabei sind Iknvusstsein und Intellect ungestört . auch sonstige 
Störungen von Seiten des Nervensystems fehlen; namentlich hat die Krank- 
heits nichts mit Hysterie zu thun. Die einzigen Abnurmitäten , welche 
VAN Brbro der diese Affection am eingehendsten studirt hat , bei seinen 
Kranken fand, waren grosse Schreckhaftigkeit, die alle ausnahmslos dar- 
boten und. weniirstens bei einem Theile derselben nachweisbar, Erhöhung 
dei- S( hneorellexe und Irradiation der Hautreflexe auf nahe und entfernte 
Muskeln. 

Das Leiden, welches namentlich bei jungen Frauen beobachtet wird 

und erblich ist. kann eine sein lause Dauer haben und scheint unheilbar 
an sein. Offenbar handelt es t-irli (Icmsclben um eine imitative Wir- 
kung der Suggestion bei ueuropathischen Individuen, bei denen eine 
Unfäliigkeit des Willens, auf durch Suggestion ausgelSste Handlungen hem- 
mend einzuwirken, besteht. 

Das Vf)rknrninen dieser KranklnMl hcsrlir.-inkt sirh nicht auf Nicder- 
ländisch-Indien. vielmehr scheint dieselbe um er den verschiedensten Breiten 
und bei den verschiedensten Völkern beobachtet zu werden. Ausser bei 
Malayen sah sie 0*Bribn>) auch bei Tamils, Bengalen, Sikhs und einem 
Nubier. Ferner wird aus einer Reihe von Landern unter verschiedenen 
Namen vtm Affcrtionen berichtet, die tnttz {^erinjurffiiriirer Tnlerschiede in 
den Krankheitsbildern wohl als identisch mit dem Latah anzusehen sind. 
Dies gilt vom Maii-Maü der Tagalen (Bewohner der Philippinen), vom 



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Latah. ~ Leberatrophie. 



171 



Bah tsclii in Slam (Rasch ^J. vom Yaun in Birma (Bastian*), vom My- 
riachit hl Slbtrim ^aiihoiid . vom Jumping in N<Hrdamerika (Bbard>). 
Mit dem Latah verwandt ist entschieden auch die neuerdings aus verschie- 
denen Ländern Europas beschriebene Gii-les dk i,a TorRKTTE'sche Krank- 
lieil'!. welche sich vom Latah hauptsächlich dadurch unf ersclieidet. dass sie 
namentiicli bei Männern (auch Bkakd£> Jumpers gehürleu übrigens vor- 
zugsweise dem minnlidien Geschlechte an) vorkommt und bei ihr auch 
spontane, unwillkürliche, aber gewollten, z\veokmässi|?en gleicliende Bewe- 
gungen , wie sie nach VAN Brbro bei den Latah-Kranken nicht beobachtet 
werden, auftreten. 

Literatur: ') P. C. Z. var Bbxso, Ueber das so^iuiiiiite Latnh, eine in NiederlSndisch- 

Ostindifn vorkomineiidc Neurose. AUk. Zi itx lir. f. Psych. lSi)ö. LI, Heft 5, p.i^' — 
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von G11.LK.S DK I..K TotTBETTE'scher Krankheit. Ebenda 1891, Nr. 38, patp. 897. jg, Scbfuhe. 

Leberatrophie. Unter dieser Bezeichnung greift man aus den Er- 
krankungen des Leberparenchyms einij^e Formen heraus, deren geraeinsames 
Wesen in einem Schwund der Leberzellen beruht, welcher entweder 
auf dem -W^ einfaeher VerUeinemog und Sehrumpfong oder dem efaner 
('fettigen) Degeneration und eines Zerfalles der Zellen vor sich geht. Nach 
der Art der Veränderung, welche das ganze Organ oder einzelne Abschnitte 
desselben dabei erleiden, kann man, um bei alter (allerdings das Wesen der 
Ver&nderung sum Theil nicht richtig kennxeiehnender) Terminologie sa 
bleiben, drei Formen als einfaohe (marantisdie , braune), rothe (eyaoo- 
tiscbe) und gelbe Leberatrophie unterscheiden. 

1. Die einfache Leberatrophie stellt eine gleichmässigo Verklei- 
nerung des Organs dar, welches gleichzeitig dunkler braun, als normal, 
s&he und derb ist und oft eine gemnselte Kapsel zeigt; die LeberseUen 
Bind dabei klein, geschrumpft und mit dunklen Pigmentkörnchen erfQlIt 
(braune Atrophie); die übrigen Gewebselemcntr bleiben meist normal; bis- 
weilen tritt eine massige Verdickung des interlubulären Bindegewebes hinzu. 
Die Vf rinderung ist oft eine Thellerseheinung allgemeiner Brnährungs- 
Störung und findet sich bei Inanition durch mangelhafte Nahrungsaufnahme, 
senilem Marasmus und den verschiedensten Kachexien. Bisweilen ist sie 
aber auch die Folge mangelhaften Blutzuflusses durch die IMort- 
ader und dadurch bedingter Ernährungsstörung des Parencbyms. Als Zu- 
at&nde, die besonders gern su dieser Störung fflhren, werden von Frbriobs >) 
angeführt: Wucherung der GLissoN'schen Kapsel (z.B. von einem chronischen 
Magenge.schwOr ausgehend) längs der Pfortaderäste, mit Obliteration der 
kleinen Gef&sse und Capillaren; ferner Intermittenskachoxie mit Melanämie 
und ngmentanhftufung In den Pfortadercaptllaren ; chronische Dysenterie 
und andere Ulcerationszustände des Darmes mit consecutiven ThromiMsen 
Inden kleinen Pfortaderästchen ; endlich Thrombose des Pfortaderstammes. — 
Klinisch treten ausser verkleinerter Leberdämpfung wenig Symptome von 
Seiten der einfachen Leberatrophie hervor; die Folgen der mangelhaften 
Gailenseeretion für die Verdauung pflegen im allgemeinen Bild des Marasmus 
aufzugehen. 

Hieran scbliessen sich die cirrumscripten Atrophien, die durch 
Compression einzelner Leberpartien entstehen. Prototyp derselben ist die 



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172 



Leb«ratrophie. 



(aUm&lig seltener werdende) Schnürleber, bei der eine atrophische Furche 
den reehten Lappen horizontal theüt; ihnltohe Atrophien kOnnen durch 

Druck von Exsudaten und Tumoren auf die Leber hervorgerufen werden. 
Hier geht mit dem Zellenschwund pinp Obliteration der Blutgefässe einher; 
meist verbinden sich damit auch perihepatitische Processe, die zu Kapsel- 
▼erdickungen führen. — Der infolge anderweitiger Intrahepatieeher Brkran- 
icongen, s.R von Leberoirrhose, Lebertomoren «to., eintretende Schwund 
der T.pberzellen an einzelnen oder vielen Stellen des Organes ist bei diesen 
Krankheiten zu besprechen. — Ebenso ist dir (nicht ganz seltene) soge- 
nannte angeborene partielle Leberalrophie immer das Endstadium einer (^meist 
auf hereditSrer Syphilis beruhenden) fStalen elroumsertpten LeberentzOndang. 

2. Die rothe Leberatrophie (ViRCHOw) oder cyanotische Atrophie 
(Klees) fällt mit der sogenannten atrophischen Form der Muscat- 
nussleber zusammen und ist die Folge anhaltender Stauung im Gebiet 
der Lebervenen, wie sie bei Hers- und Lungenkraakheitea, die sur 
Uelterftinang der Venae eavae fflhren, stattHndet. Die hierbei liestehende 
Ektasie der Venae centrales der Acini, die sich auf das Capillarnetz peripher 
vorschreitend fortsetzt, führt zur Compression und zum Schwund der an- 
liegenden Leberzellen, zunächst im Centrum der Acini ; in vorgeschrittenem 
Stadium sind die Zellen hier su kleinen Pigmentsohollen gesehrumpft. Da 
die erweiterten Gefässe den Raum, der durch den Zellenschwund verloren 
geht, zum Theil austrloichen. so ist hier die Verkleinerung des ganzen Organes 
oft gering; dasselbe kann im Gegentheil bis iu die spätesten Stadien ver- 
grSsserte Grenzen zeigen. Die klinischen Symptome des Processes bestehen 
in spontaner Sehmeniiaftifl^eit und Druckempfindlichkeit der Leber, hftnfig 
in leichtem Icterus und in spTiteren Stadien durch Fortpflanzunir der Stauung 
auf die Pfortader in zunehmendem Ascites. — Unter der Bezeichnung -acute 
rothe Atrophie der Leber« hat Wagner') nach einem einzelnen (anscheinend 
etwas unklaren) Fall eine Leberaffeotion beschrieben, hei welcher, ausser 
Verdickung des Bindegewebes in der Umgebung der grosseren Pfortader- 
äste, im centralen Theil der Acini eine Veränderung der Art bestand, dass 
»im Inneren der leberzellenlosen Leberzellenschläuche« Blutkörperchen an- 
gehSuft waren. 

3. Die interessanteste und durch die wichtigsten klinischen Symptome 

ausgezeichnete Form ist die gelbe Atrophie : sie tritt im Gegensatz zu den 
vorigen ganz chronisch verlaufenden Formen immer acut oder subacut auf 
und ist daher als sogenannte acute gelbe Leberatrophie (Atrophia 
hepatis acuta flava) bekannt; ihrer pathologisch-anatomischen Bedeutung 
angemessener ist die Bezeichnung Hepatitis diffusa acuta (diffuse Leber- 
entzündung). Sie bildet die Hauptform des sogenannten »Icterus gravis«, 
unter dessen Sammelnamen früher viele tödtliche, mit Icterus verlaufende 
Erkrankungen verschiedenen Ursprunges susanunengefasst wurden. Aus 
diesen schied zuerst RoKrrANSKY*) in pathologisch-anatomischer Beziehung 
die vorliegende Krankheit aus; ihr klinisches Bild fassto zuerst Frbricbs •) 
übersichtlich zusammen. 

Die Krankheit ist eine seltene; oft fehlt sie in den Krankenhäusern 
grosser Stftdte Jahre lang, und erfahrene Kliniker geben an, sie niemals 
gesehen zu haben. Unter gewissen atmoiphiriBOhen Einflüssen scheint 
sie mitunter epidemisch an Hfiufigkeit zuzunehmen: sn benl)achfete ich in 
dem kurzen Zeitraum von drei Monaten im Berliner Charite-Krankenhaus 
5 Fille »}; und bei manchen als »Icterus gravlsc mitgetheilten kleinen Epi- 
demien , z. B. den Beobachtungen von Arnould '), der In Lille in ebenfalls 
dr«'i Monaten 10 Soldaten unter dieser Diagnose erkranken und 4 hiervon 
sterben sah. scheinen wenigstens die letalen Fälle auf acute Leberatrophie 
zurückgeführt werden zu müssen. 



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Leberfttrophie. 



173 



Ueber die grobe Äetlologie der Krankheit ist nicht viel bekannt 
Ein wichtiges Factum ist in dieser Hinsicht die BegQnsti^ng: der Erkran- 
kung durch Gravidität und Puerperium. Hierdurch erklart sich das 
Ueberwiegen der Frauen unter der Zahl der Erkrankten; nach Thier- 
FELüEK S Zusammenstellung^) waren unter 143 Fällen 55 Männer und 88 Frauen, 
wovon 30 Schwangere und SPnerperae; nach Frbriohs unter 31 P&llen 
9 Männer und 22 Frauen. — Das häufigste Alter der Erkrankten liegt 
zwischen 20 und 3Ü Jahren (nach Frkrichs unter 31 Fällen 20mal) ; von 
Thierfeldbr s 143 F&llen liegen '2 unter 1 Jahr (der iüngste ein 4tagiges 
Kind), 70 Ewlaehen 20 und 30, 23 swisdien 80 und 40, nnr 1 über 60 Jahr«n. 
Neuerdings sind wiederholt Erkrankungen sehr junger Kinder, damnter 
eines Smonatliohen ' i und eines Neugeborenen bekannt geworden. 

Bisweilen entsteht das Leiden bei und nach bekannten Infections- 
krankbeiten. Fälle, die sich aus einem Typhus heraus entwickelten, werden 
von Frbriohs und verschiedenen anderen Beobachtern *^*) mitgetheOt. Aelm- 
liches wird für vereinzelte Fälle von Puerperalfieber, Febris recurrens, Ery- 
sipel, Diphtherie. Osteomyelitis etc. angegeben. — Neuerdings ist man auf 
den Zusammenhang der Krankheit mit Syphilis aufmerksam geworden. 
Während bis vor Kursem die einschlägigen Beobachtungen noch als snffiUige 
Complicationen aufgefasst wurden, ist in jüngster Zeit durch Senator u. A. 
eine kleine Reihe (die auf kaum ein Dutzend taxirt wird) von Fällen be- 
kannt geworden, bei welchen in der Frübperiode der Syphilis die Leber- 
erkrankung so gleichzeitig mit evident specifischen Ersclieinungen auftrat, 
dass eine ätiologische Bedeutung der Infection nicht von der Hand su 
wdsen ist 

Psychische Emotionen, wie Schreck und Aergor, werden ätiologisch 
ebenfalls betont. Der Zusammenhang mit Phosphorvergiftung, von manchen 
Autoren behauptet, ist nicht erwiesen (s. bei Phosphorvergiftung). 

Die pathologisch-anatomischen Befunde der Obduotionen be- 
treffen in erster Linie die Leber. Ihre Veränderung beruht der Haupt- 
sache nach in einem schnellen Zerfall der Leberzellen, wodurch in der 
Mehrzahl der Fälle eine auffallende Verkleinerung des ganzen Organes ent- 
steht In den anegeprägten Fällen liegt die Lelier surQckgesonken in der 
Excavation des Zwerchfelles, von Därmen überlagert, so dass sie bei Er- 
öffnung der Bauchhöhle nicht sichtbar ist. Das Volumen des Organes wird 
oft bis auf die Hälfte, ja auf ein Viertel der Norm verkleinert angegeben. 
Von seinen Dimensionen pflegt die Dicke am beträchtlielisten abgenommen 
SU haben, und zwar besonders im linken Ti.ippen ; hier sinkt sie bis >/» ^^^^ 
und darunter, im rechten Lappen bis 1' ^ Zoll. Das (ipwicht wurde öfters bei 
Erwachsenen bis gegen öOü Urin., bei einem 13jährigen Kind auf 3^0 Grm., 
bei einem kleinen Kind gar unter 60 Grm. **) verringert gefunden. — Die 
Consistens der Leber ist stets auffallend welk, sähe und lappig; Doppel' 
messerschnitte sind nur schwierig zu erhalten ; die Kapsel ist meist gerunzelt. 

Die Farbe ist in den Fällen, wo <iie Veränderung gleich mässig über 
das Parenchym verbreitet ist, von der Kapsel her und noch auffallender 
aof dem Schnitt eintönig schmntsig gelb mit verwischter Acinlseichnnng 
und undeutlichen, schledit gerflllten Gelässen. Diese Form hat der Krank- 
heit den Nainon dfr p:elben Atrophie gegeben. 

Viel häufiger scheinen jedoch die Fälle zu sein, wo die Alteration 
angleichmässig über das Organ verbreitet ist, und wo sich dies schon 
makroskopisch durch eine bunte Zeichnung dos Parenchyms knndgiebt, die 
ebenfalls schon von der Serosa aus, noch deutlicher aber auf der Schnitt- 
fläche zu erkennen ist. Zwei Substanzen, eine Schwefel- bis ocker- 
gelbe und eine dunklere, braunrothe bis blaugraue durchsetzen sich 
hierbei im Parenchym. Den Zustand letsterer Partien hat Klbbs**) als 



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I 



174 Leberatrophle. 

»rothe Atrophie« Ton der gelben Atrophie dee Qbrlgen Qewebee getrennt. 
Es erscheint diee nnndthig, da, wie wohl alle Beobachter jetst sageben, 

beide Substanzen nur die verschiedenen Stadien de8sell)pn Processei, and 
zwar die gelbe das frühere, die rothe das Kndstadiuni darstellen. 

Die Art, in welcher die beiden Substanzen sich durchsetzen, wechselt 
sehr. Entweder bildet die gelbe Snbstans kleine nnd grosse, mndliehe 
Inseln, welche sich, da die gelben Partien auf dem Schnitt immer etwas 
prominiren und die rothen einsinken, wie Tumoren vnn dem anderen Paren- 
cbym abheben. Oder die beiden Substanzen greifen baumförmig in einander; 
oder es wechseln kleine, nnr wenige Aeini amfassende Fleckehen mit ein- 
ander ab, so dass das Parenchym wie getflpfelt erscheint. Die eigenthflm- 
liebste Vertheiliing' beobachtete ich in einem Fall, wo die jrelbe Substanz 
in ringförmigen Herden vom Durchmesser einer Linse bis Bohne der rothen 
Substanz eingelagert war. 

FBMt immer ist der Process Im linken Lippen weiter als im rechten 
vorgeschritten, 80 dsss Im enteren verMUtnissniSssig mehr rothe Substanz 
enthalten ist. 

Die Aeinizeichnung ist in den rothen Partien meist verwischt; wo die 
Aeini erkenntlich, erscheinen sie sehr klein, oft von grauen Ringen einge- 
fasst. In der gelben Substanz sind die Aeini deutlioher, oft bedentend ver^ 
grössert; auch hier werden dieselben bisweilen von hellgranon Ringen 
umgeben. 

Die mikroskopische Untersuchung ergiebt vor Allem das Be- 
stehen eines durch das ganse Leberparenchym verbreiteten diffusen Doge« 

nerationsprocesses der Zellen, der sich in korniger und fettiger Trübung 
derselben mit scbliesslichem Zerfall zu Detritus ausspricht. Selten ist dieser 
Zerfalisprocess durch das Organ gleichmässig verbreitet; meist ist er im 
linken Lappen am stftrksten ausgesprochen. In einseinen Fftllen, bei denen 
»beginnende« acute Leberatrophie anzunehmen war, zeigte sich in der noch 
grossen oder sogar leicht vergrosserten Leber die Zellendegeneration auf 
circumscripte Herde beschränkt.^') — Wo gelbe und rothe Substanz abwech- 
selt, ergiebt gerade die mikroskopische Betrachtung der Zellen erstere als 
das Antangsstadiam, letstere als den vorgeschrittenen Process: in den 
gelben Partien tind die Leber zellcn verh&ltnissmässig am besten erhalten: hier 
zeigen im Centrum der grossen Aeini die Zellen noch ihren normalen Situs, 
deutliche Contouren und Kerne, sind nur trübe und meist stark gallig im- 
bibirt oder mit OaUenpIgmentparÜkeln erfüllt, wlhrend nach der Peripherie 
hin die Trübniq; der Zellen zunimmt und die Deutlichkeit ihrer Contouren 
und der Kerne sich verliert. In der rothen Substanz dagegen ist in den 
meisten der kleinen geschrumpften Aeini die Mehrzahl der Leberzellen zu- 
grunde gegangen; nur in den centralen Zonen pflegen noch Gruppen ge- 
schrumpfter ZeOen, mit Pigmentschollen untermischt, xu liegen, w&hrend 
im übrigen Theil der Aeini ein Detritus von Kornchen und Tröpfchen die 
ZwischenrÄume der Capillaren füllt. Ks wird (besonders zum Unterschied 
von der bei acuter Phosphurvergiftung vorliegenden LeberveränderungJ be- 
tont, dass die hier zu beobachtende Zellentrfibung und Detritusblldung 
meist nur kleine Fetttröpfchen aufweist , dass die Zellen ferner schon bei 
Beginn der Degenoratinn sich zu verkleinern jiflejren (wie ich in einzelnen 
Fällen '''j mikroskopisch feststellen konnte), und dass, wo ausnahmsweise 
das Bild von durch Fett aufgeblähten Zellen oder von Detritus grosser 
Fetttropfea entsteht, es den Anschein hat, als rührte dies von einer schon 
vor Eintritt der Atrophio bestehenden Fettinfiltration der Zellen her. — An 
mit kernfärbenden Mitteln behandelten Präparaten zeigen sich oft schon in 
den Anfangsstadien des Proccsses die Kerne der Leberzellen wenig oder 
gar nicht firbbar. Doch finde ich dies, wie auch von anderer Seite i') 



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Leberatrophte. 



175 



angegeben ist, nicht als allgemeine Regel : öfters scheint ein Theil der Zell- 
kerne sich Unger tn erhaKen, und auch ans dem ZeUdetiitufl treten nicht 
selten einzelne Kerne gut gefärbt hervor. — Von verschiedenen Beobachtern 
konnte übrigens im Beginn des Procpsses (in der gelben Su])8tanz) auch 
eine beträchtliche Proliferation der Leberzellen nachgewiesen werden. 

Das interlobolftre Gewebe, sowie das die Capillaren In die Acini be- 
gleitende Bindegewebe ersebeint in manchen Fällen normal, abgesehen von 
eingelagerten Fetttröpfchon , die wohl zum Theil don Wanden der kleinen 
Gefässe angehören. In anderen Phallen umgiebt, wie dies besonders Frerichs 
beschreibt, an den Stellen des noch frischen Processes eine schmutzig gr&u- 
gelbe Biaadatachieht die Aelni. In einer grösseren Aniahl von Sellen wird 
endlich die parenchymatöse AffecUon von einer ausgesprochenen klein- 
zelligen interstitiellen Wucherung begleitet, welche namentlich an 
gefärbten Schnitten sehr frappante Bilder giebt. Seitdem ich 1864 zwei 
FlUe, bei denen diet Verhalten sehr auffeilend war, als Hepatitis dlHasa 
parenchymat et interstitia]. besdurieb i*) , habe ich bei der Mehrzahl der 
seitdem von mir genauer untersuchten Leberatrophien dasselbe wieder ge- 
funden, im Ganzen 9mal unter 12 Fällen, davon :imal nur schwächer, 6raal 
sehr stark ausgesprochen. Dabei ist die interstitielle Wucherung überall als 
frische, mit dem parenchymatösen Zellenserfall im Alter nnd Umfang 
parallel gehende zu erkennen. Auch von anderen Beobachtern sind in einer 
Reihe einzelner Fälle ähnliche Befunde angegeben. Es sei bemerkt, dass 
diese interstitielle Affection zum Theil die nur massige oder fehlende Ver- 
kleinerung der Leber in manchen Fällen erlKÜrt: einen Umstand, der in 
anderen Fällen durch früher bestehende Fettle1>er oder sonstige Volnms- 
zanahrae des Organes verständlich wird. 

In den stärker atrophischen Leberpartien (der rothen Substanz) werden 
häufig neben dem Parenchymzerfall auch Regenerationsvorgänge am 
Rand der Acini und in ihrem foneren gefunden. Hierher g^Sren die snerst 
besonders von Elebs und von Zsnker>°) beschriebenen schlauchförmigen, 
aus epithelialen Zellen zusammengesetzten Gebilde, welche von vielen 
späteren Beobachtern bestätigt und als Qallengangs Wucherungen, respective 
regenerative Anlagen von I^bentellenbaUcen gedeutet worden sind. Nach 
den neuesten Untersuchungen*^) nehmen diese Regenerationsproeesse sowohl 
von den Gallencapillaren wie von don Rosten der Leberzellengruppen ihren 
Anfang. Als später Ausgang sehr energischer derartiger Regenerationsvor- 
gänge ist in einem Fall der Befund einer multiplen knotigen Hyperplasie 
der Leber gedeutet worden.**) 

Vielfach hat man sich neuerdings bemflht, in der acut atrophischen 
Leber Mikroorganismen nachzuweisen, um der nahe liegenden Vormu- 
thung einer infectiüsen Grundlage der Leberentartung Bestätigung zu ver- 
schaffen. Doch haben diese Untersuchangen bisher keine l>eweisenden posi- 
tiven Eksebnisse geliefert. Zwar haben einige Beobachter Angaben über 
neue, charakteristisch scheinende Bakterien gemachl , welche theils als 
Bacillen, theils als Kokken geschildert und vorwiegend in den kleinen Ge- 
HssMi und Capillaren der erkrankten Leber, zum Theil aber auch in dem 
Leberparenchym und den GallengSngen gefunden wurden Aodt sind diese 
Befünde nicht genügend bestätigt. — Andere Beobachter der letzten Jahre 
wiesen eine Anzahl von bekannten pathogenen Mikroorganismen in der 
Leber (zum Theil auch in den Nieren und im Blut) nach-*}; darunter be- 
fanden sich, theils isollrt, theils an mehreren gleichzeitig, besonders Baot. 
coli, Stapbylococc. pyogen, alb. und Streptococc. pyogen., einmal auch Pneu- 
moniekokken und Bact. termo. Doch können diese l^ funde, wie auch die 
Beobachter grösstentheils betonen, keine specifische Bedeutung für die Aetio- 
logie der Krankheit beanspruchen. — Und diesen Angaben steht eine Reihe 



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176 



Leberatrophie. 



von Beolmebtimgeii fegenflber, bei denen trots regelrechter baktariologiMdier 
Untf^rsuchung: keine Spar von Mikrooignalsmen In der Leber entdeckt 
werden konnte. -•' i 

Kndlich finden sich, wie auch Fkbkichs saerst angab, nicht selten im 
atropbieehen Parenehym, mit dem Liegen an der Luft snnehmend, Kryetalle 
von Tyrosin und Leucin in Garben- nnd Drusenform, dieselben nach blewellen 
an der Innenfläche der Lebervenen und Pfortader. 

Die Schwere der Organveränderung ergaben auch chemische Unter- 
snöhnngen der atrophischen Leberenbetanz*«), welche die nach Pirls fQr 
fettige Degeneration charakteristischen Veränderungen (geringe Zunahme 
des Fettes, Abnahmf der festen Bestandthelle, keino Abnahme des Wassers) 
zeigten. In einem Fall wurde auch in der Leber (ebenso in Milz und Niere) 
ein beträchtlicher Gehalt an Pepton und Hemialbaminose nachgewiesen. ") 

Die gröberen Gallengftnge nnd die Gallenblaae linden sieh meltt leer 
oder mit wenig gefftrbtem schleimigem Inhalt; die feineren Gallengänge oft 
durch Detritusmassen verstopft, Btellenweise noch durch umliegende Binde- 
gewebs Wucherung vereng^ 

Die Verftnderungen der übrigen Organe treten gegen die der Leber 
sehr surüek. Als hauptsächlichste sind sn nennen: Icterus aller Organe« 
Blutun<ren , meist kleineren Umfanges, an vielen Stellen des Körpers, am 
häufigsten im Gebiet der Pfortaderwurzeln (Peritoneum, Mesenterium, Magen- 
und Darmschleimhaut), ferner im Unterhautgewebe, Mediastinum, Endo- nnd 
Perlcard, Harnblase, Lnngen etc. Kömige und fettige Degeneratioa des Hera- 
muskels, eines Theiles der Körpermusculatur und der Nierenepithelien , bei 
letzteren oft stark vorgeschritten, während das interstitielle Gewebe iiitact 
bleibt; ab und zu sogar umfangreiche Epithelnekrose, besonders in den ge- 
wundenen NierencanUchen. Endlieh sehr häufig (nach gesammelten Br- 
fahrnagen In etwa zwei Drittel der Fälle) ein frisoher Milstumor. 

Diesen pathologisch-anatomischen VerändeninEren entspricht ein sehr 
constantes, typisches klinisches Bild: Dasselbe setzt sich stets aus 
swei Stadien zusammen, von denen das erste anter leichteren gastrischen 
und hepatiseheii Symptomen, das swelte unter dem Bild tiefer LeberatÖrung 
und hefti)B:er Cerebralerscheinungen verläuft. Ersteres ist das längere und 
beträfet 8 — 14 Tafre; die Fälle, bei denen es viel kürzer angep^eben ist, be- 
treffen meistens Schwangere, bei welchen der Anfang der leichten Beschwer- 
den nioht seharf sn oontrollren ist; in Ausnahmefällen sieht es sieh auf 
6—8 Wochen hin. — Das zweite Stadium (schwere Erseheüiungen) dauert am 
häufigsten zwei Tage mach Tiiirrfei.der s Zusammenstellung unter 1 1 ^ Fällen 
72mal zwischen l'/« und 3 Tagen); es kann auch in 24 Stunden und weniger 
verlaufen; eine Dauer von gegen 8 Tagen oder darQber ist grosse Aus- 
nahme. — Der gaase Kraakheits verlauf schwankt (naeh lOS Fällen bei Thierp 
FELDER) zwischen vier Tagen und acht Wochen, davon .'):3 Fälle zwischen 
8 Tagen und 3 Wochen. Die etwas langsamer verlaufenden Fälle al.s »chro- 
nische gelbe Leberairophie« abzutrennen, wie vorgeschlagen worden ist^^), 
erscheint ungerechtfertigt 

Die Symptome des ersten Stadium unterscheiden sich in nichts von 
denen eines gewöhnlichen Gastroenterokatarrhs und bestehen besonders in 
Abgeschlsgenheit, Appetitlosigkeit, Kopfschmerz, Unregelmässigkeit des 
Stahles und Bmpfindliehkeit des Leibes. Dnsu kommt mutans, oft aber 
erst wenige Tage vor Eintritt der schweren Symptome, ein leiehter Icterus, 
der zunächst den Eindruck des katarrhalischen macht. 

Der Uebergang zum zweiten Stadium ist meist schnell, oft ganz 
plötzlich. Er wird besonders durch den Eintritt schwerer liirnsymptome 
charakterlsirt Der Kopfsohmwz steigert sich sehnell und geht in Delirien 
Ober, die oft furibund sind. Meist bestehen dabei vorfibergehend allgemeine 



Leberatrophie. 



177 



Convulsionen und Muskelzittern. Die Delirien wechseln entweder mit Som- 
nolens oder gehen bald in dieselbe über; jedenfalls liegt der Kranke einige 

Zeit vor dem Tod in tiefem Koma. — Gleichzeitig mit dem Anfang der 
schweren Cerebralsymptorae pflef^t der Icterus schnell zuzunehmen, so dass 
er vor dem Tod meist eine tief schwefelgelbe oder orangegelbe Farbe er- 
reieht. Nnr in aasnahmsweise schnell verlaufenen Eitlen fderen einen Bau- 
BBRGER 3'^) mittheilt) fehlte der Icterus ganz. 

Das Hauptsyraptom bildet dabei der Nachweis der schnellen Ab- 
nahme des Leberumfanf^es : meist ist. wenn dauernde Beobachtung 
möglich, die Leberdämpfung in diesen Tagen als sich schnell von unten 
herauf verkleinernd tn verfolgen, bis dieselbe, entsprediend dem ZnrQck' 
sinken der Leber nach der Wirbelsäule zu, ganz oder fast ganz vorschwindet. 
Wo die Verkleinerung der Leberdämpfung: fehlt, können Verwachsungen der 
Leberoberfläche, welche das schlaffe Organ in situ erhalten, die Ursache 
hiervon sein.») — Dabei ist die Schmershaftigkelt der Lebergegend 
eine grosse: entgegen den Angaben mancher Beobachter fand ich dieselbe 
allemal so auffallend, dass trotz des tiofsten Koma die Kranken bei Druck 
im rechten Hypochondrium lebhafte Scbmerziiusserungen machten. 

Ein weiteres fast constantes Symptom dieses Stadium ist Erbrechen, 
das anfangs gallige, spftter meist blutige Massen entleert; auch der Stuhl- 
gang, gewöhnlich angehalten, besteht vor dem Tod oft aus theerarligen 
Massen. Nasenbluten, Hämaturie, Hautpetechicn sind seltener: l)oi Schwan- 
geren dagegen stellt sich oft kurz vor dem Ende unter eintretendem Abort 
starke Metrorrhagie ein. — Ein Mllstnmor ist in der grösseren HUfte der PSIle 
nachweisbar. - Der Puls ist sehr wediselnd, meist aussetzend, erreicht gegen 
Ende oft sehr hohe Fre([uenz. Temperaturerhöhung fehlt entweder bis zu- 
letzt (die finale Temperatur kann sogar subnormal, z. B. 34,6*' sein) oder 
steigt kura vor dem Tod bis 40° und darfiber. 

Wichtige Stoffweohselftndernngen seigt der Urin im Vm'lauf der 
Krankheit an. Seine Menge wird gegen Ende derselben oft gering, am letzten 
Tag besteht bisweilen vollständige Anurie. Ausser Gallenpigment und Galleu- 
säuren enthält er meist Eiweiss in geringer Menge, keinen Zucker, kurz 
vor dem Tod oft Cylinder mit verfetteten Nierenepithellen. — Die Haupt- 
verftnderungen ergiebt nur eine genauere chemische Analyse. Haben auch in 
dieser Beziehung die neuesten Untersuchunsrcn die von den alteren Be- 
obachtern für beinahe constant gehaltenen Befunde eiuigermassen modificirt, so 
bleibt doch ein Typus der Hamveränderungen bestehen, welcher der Er- 
fahrung nach in den ausgesprochenen, mit gewohnter Acaitftt verlaufenden 
Fällen für das Kndstadium die Regel bildet: Bei diesen nimmt mm Kintrilt 
des starken Icterus und der Hirnsymptome an der Harnstoff im I rin nH>isT 
schnell ab, so dass er in der letzten Lebenszeit oft auf ein 2^1inimum redu- 
cirt ist ; bei solchen Urinen ist selbst im eingedampften Alkoholextract durch 
Salpetersäuresusatz meist keine oder nur ganz schwadhe Ausscheidung von 
salpetersaurem Harnstoff zu erhalten. In einitrt n der von mir beobachteten 
Fälle konnten auch durch die BuNSEN sche Bestimmungsmethode nur äusserst 
geringe Hamstotfiahlen nachgewiesen werden. Entgegengesetzte Angaben aus 
älterer Zeit, wie s. B. die von Rosbnstein '3) gemachten, k>eruhen zum Theil 
darauf, dass die LiEnio'sche Titrirmethode hier fehlerhafte Resultate liefert, 
indem sie manche der aussergewöhnlithen stickst offhali ij^cn Harnhestand- 
theiie mitbestimmt. Doch sind in neuester Zeit auch mit zuverlässigen 
Methoden bei einer kleinen Anzahl von Erkranknngsfällen Hamstoffsahlen 
gefunden worden, welche, wenn auch nicht absolut gross, doch im Verhält- 
niss zur Gesammtstickstoffausscheidung als nicht unbedeutend gelten müssen. 
So fand z. B. ein neuer Beobachter ^-j unter drei Fällen von acuter Leber- 
atrophie den Harnstoff relativ zweimal stark vermindert, einmal vermehrt: 

BMjalflp. JalirbaBhar. VII. 12 



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Leberatrophie. 



und ein anderer'*) kommt nach zwei beobachteten Fällen zu dem Schluss, 
doM die relative HametoffauBscheidung bei der Krankheit nieht wesentlich 
▼erindert sei. Doeh nraea berfleksfehtigt werden^ data gerade die letxteren 

Angaben sich auf ofwas protrahirt verlaufende Fälle beziehen, bei welchen 
eine längere Reihe von Tap:on Harnuntersucliungen anffesfellt werden konnten, 
und die gefundenen Werlhe sich daher zum grossen Theil auf eine frühere 
Kraokbeltsperiode bestehen. — Immerhin mnes nach den neuen Erfahrungen 
angenommen werden, dass die Verringerung der Harnst offaaeBcheidnng b<*i 
der acuten Leberatrophie gröaeeren individuellen Schwankungen, als man 
früher glaubte, unterliegt. 

Statt dee Hametoffee und neben demselben tritt nun ehie Reihe von 
anderen (in der Norm nicht tu findenden) Prodncten der regressiven Metsr 
morphose im I'rin auf. In erster Linie stehen dabei Tyrosin und Lr'ucin 
(welche zuerst Fherichs hier fand); ferner Pepton nebst verwnnflten Körpern 
und aus der Reihe der aromatischen Säuren : üxyniandels&ure und daneben 
Fleiscbmilchs&ure (Scbultzbii und Ribss). Von diesen Substansen sind am 
leichtesten aus dem Urin darzustellen Tyrosin und Leucin, weiche meist in 
beträchtlicher Monge vorhanden sind. Nach neueren Erfahrungen können 
dieselben allerdings auch ab und zu fehlen; doch trifft dies anscheinend 
nur bei seltenen Ausnahmen su: unter 14 von mir genau untersuchten 
Fällen nur einmal. Tyrosin ist in einzelnen Fällen schon im spontanen Ham- 
sediment zu finden ; heim Kindampfen grr)sserer LVinmengen (am besten 
nach Ausfällen mit Hleizuckerj scheiden sich beide Substanzen in charakte- 
ristischen Formen aus ; oft genügt dazu schon das Kindampfen einiger 
TropfMi (unter Zusats von Essigsfture) auf dem Objeotglas. Auch konnte 
Tyrosin im Blut der Kranken nachgewiesen werden."') 

Von anderen sticit.stoffhaitigen Harnbcstanrlt heilen betrafen die wenigen 
vorliegenden Untersuchungen namentlich Ammoniak, Harnsäure und Xanthin- 
körper **) ; die Befunde schwankten, ergaben aber wiederholt nennenswerthe 
Steigerung derselben. Genauere Stoffwechseluntersuchungen sind natürlich 
bei den Kranken unmöglich, oft sogar die Nahrungsaufnahme nicht einma! 
annähernd zu taxiren. Trotzdem sind einige der neueren Beobachtungen 
ausreichend, um zu zeigen, dass die Gesammtstickstoffausscheidung auch 
bei st&rkster Hamstoffverminderung im Ganzen hoch steht. Ja im Verhftltp 
niss zu den Einnahmen stark gesteigert sein kann ^' . wie dies hoi dem 
reichlichen Auftreten abnormer stickstoffhaltiger Substanzen im Urin zu er- 
warten ist. 

Nach Allem bietet der Harn bei der acuten Leberatrophie, in wechseln- 
der Intensität, das Bild starken F^iweisszerfalles dar. bei welchem die nor- 
malen Endproducte zum Theil fehlen und durch Substanzen ersetzt werden, 
die wir grösstentheils als intermediäre Producte des Eiweissstoffwechsels 
ansehen. 

Die Diagnose der ausgesprochenen Krankheit (im «weiten Stadium) 

wird bei Berücksichtigung aller besprochenen Punkte meist nicht schwer 
sein: im Vorläuferstadium ist sie nie mötrlich. Ueber die Differenzpunkte 
gegenüber der Phosphorvergiftung siehe bei dieser. 

Als Ausgang der Krankheit sah man bis vor Kursem nur den Tod 
an. Einige frühere Fälle, in denen Genesung ane:egeben war'»), schienen in 
der Diatmose nicht zweifellos su sein. Doch sind neuerdings einige Fälle 
milgetheilt. welche allerdings den Eindruck einer in Heilung übergeben- 
den acuten Leberatropbie machen. Hierzu gehSrt eine von WmstNG >*) 
bekanntgemachte Beobachtung, bei welcher die Diagnose sich auf die Sym- 
ptome : Icterus, Verkleinerung und Schnierzhaftijrkeit der Leber, Milzschwel- 
lung. Cerebralerscheinungen und Auftreten vnn Leucin und Tyrosin im Urin 
stützte, und der Krankheitsverlauf bis zur Herstellung 7 Monate umfasste; 



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Leberatrophie< 



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sowie ein von Senator *c) mitgetheilter Fall, der anscheinend mit Syphilis 
In Verbindung stand, ebenfalls leterns, Leberverkleinerang, Hirnsymptome 
und Ty rosin im Harn zeigte und nach 41/, Monaten in Heilung Oberging. 
Sind solche Fälle auch seltene Ausnahmen, so bleiben sie doch nichts Un- 
erklärliches, wenn man an die Möglichkeit, dass manche Leberpartien von 
der Brkrankang frei bleiben, sowie an die oben erwähnten enei^ilsohen Be- 
KenorationsTorgftnge denkt, weldie snch bei den tödtUohen PUIen vielfaeh 
im Leberparenchym gefunden werden. 

Die Therapie kann nur symptomatisch sein und hat sich in dieser 
Beziehung besonders mit Stillung des Erbrechens (Eis, Wismuth) und der 
Blntongen (Kftlte, AdstringentlenX mit Bekftmpfang der Cerebralersehelnvngmi 
(Eis, Uebergiessungen, Blutentziehungen) und des Collapses (Analeptica) m 
beschäftigen. In den zweifelhaften günstig verlaufenen Fällen schienen zum 
Tbeil Abführmittel und Mineralsäuren gut zu wirken ; in Hinsicht au! die 
Mögliehkeit ^ner Besserung ist bei dem Versagen der Nahrongsaafnahme 
per OS rrQhseltig an Erhaltung d» KörperkrSfte dnreh Nährklystlere sn 
denken. 

Ueber das Wesen der Krankheit herrscht noch grosse Meinungs- 
verschiedenheit. Namentlich ist die seit langer Zeit aufgestellte Frage, ob 
sie als allgemeine (Intections») oder als looale (Leber^) Krankheit ansusehen 

sei, noch unentschieden. Doch scheint es. als ob die Auffassung derselben 
als primärer entz find lieber Leberaff ec( ion die meisten Gründe für 
sich hat. Das Vorwiegen der Veränderungen in der Leber vor denen aller 
fibrigen Organe and das Hin weisen der banptsichlichsten Krankheitssym- 
ptome, schon in den Prodromen, auf die Leber spricht für das primäre Be- 
fallensein dieses Orpanes. Die entzündliche Natur der Affection wird durch 
den den parenchymatösen Entzündungen anderer Organe analogen, mitZellen- 
proliferatioa ▼ermischten Zerfall der Leberzellen, durch das ^on Frrmohs 
geschilderte Auftreten einer die Acini umgebenden Ezsudatschicht und nicht 
zum wenigsten durch die nach meinen Erfahrungen so häufige Bethoiligung 
des interstitiellen Gewehes in Form frischer Wucherunfc frokonn/eichnet. 
Somit scheint dem Wesen der Erkrankung die Benennung Hepatitis dif- 
fusa acuta am besten xu entsprechen. 

Auch werden die Hauptsymptome des Leidens von der entzündlichen 
Leberaffection aus genügend erklärt: der Icterus findet seine Begründung 
durch die zunächst in der Peripherie der Acini stattfindende Exsudation, 
Dettitnsbildung und interstitielle Bindegewebswueherung , durdi welche die 
feineren Gallengänge verstopft oder comprimirt werden. — FQr die Ent- 
stehung der Cerebralsymptome sind verschiedene Hypothesen aufjrestellt, 
aus deren Zahl die Ableitung von der Wirkung der üallensäurf im J^lut 
von urämischer Intoxication, von Inanitiuusdelirien genannt seien ; sie alle 
sind weniger plausibel, als die ErkUrung durch Acholie, d.h. Aufbebung 
der Leberfunction und dadurch bedingte Ansammlung schädlicher Stoffe im 
Blut. W'elches die schädlichen Stoffe, deren Anwesenheit die Cerebralsym- 
ptome provocirt, seien, ist allerdings noch immer nicht bekannt ; dass Tyrusin 
und Leuctn es nicht sind, ist schon von Frbrichs eonstatirt 

Ebenfalls als directe Folge des Unterganges der grossen, den Stoffwechsel 
mächtig beeinfhissenrien Drüse ist die chemisclie Alteration des l'rins und 
die ihr analog anzunehmende Blutveränderunfr; aufzufas.sen. Besomlcrs plau- 
sibel erschien dies nach den früheren, mehr eindeutigen Befunden über die 
oonstante schnelle Abnahme des Harnstoffes Im Urin gleichseitig mit den 
Zeichen des Leborunt erganges, da nach der verbreitetsten Anschauun^r der 
Hauptsitz der Harnst offbildunp: in das Leberparenchym verlept wird. Aber 
auch die neuen Erfahrungen, nach denen in einem Theil der Fälle der Urin 
bis suletit einen nicht unbetrftchtlichen Harnstoffgehalt zeigt, dürfen nicht 

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Leberatrophie. 



überraschen. Denn abgesehen davon, dass auch die neuesten experinieuteliea 
UnterauebiiDgeii nicht übereinstinunaid aaf die Leber allein als Sits der 

Hamstoffbereitung hinweise n, ist bei dem KtQrmiaehen Ablauf des Leber- 
processes in keinem Fall zu bestimmen, wie lan^e vor dem Tnd die Func- 
tion des Organs als grösstentbeils oder gar vollständig aufgehoben anzusehen 
ist; und bei dem tiefen Darniederliegen der Ciroulation, der Nerventhätigkeit 
nnd beinahe aller vitalen Vonringe in dem Endstadinm, welebee die meisten 
hierher gehörigen Untersuchunpen betroffen, erscheint es fraglich, ob das 
zuletzt untersuchte Nierenexcret immer thatsächllch dem finalen Zustand der 
Körperorgane entspricht. — Als weitere Wirkung der Blutveränderung sind 
die parenchymatösen Degenerationen von Hens, Körpermnslceln, Nlereneplthe- 
lien etc., femer die multiph'n Blutungen aufzufassen. Zum Thei) von dieser 
Blatalteration. zum Theil von Störung der LebercircalaUon hängt auch jeden- 
falls der Milztumor ab. 

Schon diese Betrachtungen genügen sar Answelflnng der Nothwendig- 
keit, die aonte Lel>eratrophie als allgemebie Infectionsicrankheit anfsofassenf 
wie viele Beobachter jetzt thun. SelbstverstSndllch ist eine hesonden' Schäd- 
lichkeit zu supponiren. deren Aufnahme in den KörjMT die Lehersubstanz 
zur entzündlichen Degeneration anregt; denn die Annahme intrahepatischer 
Ursachen (wie die von Rokitansky anfigestellte Oallenoolliqnation , die von 
Hbhoch^ I angenommene Polycholie oder die von Dusch supponirte Läh- 
mung der Gallen{2:!ing:e f dürfte aufgegeben sein. Und bei der primären und 
in gewissem Sinn isolirten Erkrankung der Leber kann die Einfuhr des 
Giftes kaom anders als vom Verdannngscanal aus anf dem Weg der Pfort» 
ader vorsohreitend gedacht werden. — Aber welcher Nator diese aus dem 
Mafrcndarmcanal stammende SchädIichk<Mt sein soll, ist noch unbekannt. 
Dafür, dass dieselbe an die Kinwanderuntf specifischer pathofjencr Bakterien 
in die Leber geknüpft ist, sprechen die oben erwähnten bisherigen bakterio- 
logischen Untersuobnngen mit ihren theils negativa, thells nicht charakteristi- 
schen Befunden in keiner Weise. — Es scheint daher bis ietst die Annahme ge> 
rechtfertigt, dass eine chemische Noxe, die vom Verdauungscan n ! aus 
in die Pfortader-Blutbahn tritt, die Erkrankung auslöst. Ob zur Entstehung 
diesw Noxe ffie Mitwirkung bestimmter Baktwlen erforderiidi ist oder nichts 
ob wir also im engeren Sinn mit einem bakteriellen Toxin oder nur einem 
Zersetzun^^sprodiiot des Magendarminhaltes zu rechnen haben, muss noch 
nnentfichieden bleiben. In diesem Sinn sj)rich( sich auch eine Reihe neuerer 
Beobachter für eine vom Magendarmcanal ausgeheude Iniuxicatiun, die theils 
als Ptomainverg^ftung, theils als Toxinlnfection beseichnet wird, als ürsaohe 
der Krankheit aus. 

Dafür, dass das Krankheit sg^ift mit dem Contapium allgemeiner Infec- 
tionskrankheiten, wie des Typhus, der Puerperalseptikämie u. A. verwandt 
sei, spricht nichts mit Bestimmtheit. Denn der Umstand, dass die acnte 
Leberatrophie sieh bisweilen ans acuten Infectionskrankheiten, wie Typhos, 
und sehr oft aus Gravidität und Puerperium heraus entwickelt, beweist 
nichts für diese Annahme ; der Zusammenhang ist vielmehr wohl einfach so 
zu erklären, dass bei den genannten Zuständen in den Pareuchymzellen der 
Leber (wie anderer Organe) ein gewisser Orad von Alteration (körnige 
TrObong) besteht, der su einer tieferen Störung des Parenchyms geneigt 
macht, und bei dem ein schwächerer Kntzündunsrsreiz als in der Norm ge- 
nügt, um den deletären Zerfallsprocess der Zellen einzuleiten. 

Letzterer Zusammenhang besteht auch bei einer kleinen Reihe von 
Fällen, die der idiopathischen acuten Leberatrophie als secnndäre Form 
der acuten Leberatrophie gegenüber gestellt werden können: in denen 
sich nämlich das Bild der acuten Atrophie als Endstadium »«iner anderen 
chruniächeu Leberkrankheit einstellt. Als Zustünde, in deren Gefolge diese 



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Leberatrophfe. 



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Entwicklung eintreten kann, führt Frebichs Gallenstase durch Unwegsamkeit 
der grossen Oallengänge (z. B. durch Carcinotn an der Porta hepat.), Clr- 
rhose und Pettleber an. Das Ufnf sehe Bild ändert irieh hier üuofem, ala yon 
einem ersten Stadium der atrophischen Erkrankung keine Rede sein kann: 
an die Erscheinungen des chronischen Leidens schliesst sich vielmehr plötz- 
lich der Symplomencomplex der Acholie mit Delirien, Somnolenz etc. an; 
die Seetion erweist nei»en der alten LebenrerSnderong den Zerfall einer 
grossMi Mmge von Zellen. 

Literatur: ') FREBmis, Klinik der Lcticrkrnnklir-itfii. 1861. 1. pag. 257 ff. — *) Waootib, 
Beiträge zur Pathologie und pathologiHchf n Anatomie der Leber. Deutaches Arch. f. klin. Med. 
1884, XXXIV, paf. 624. — ^ Kokitansky, Handbach di r path. Auatomie. 1842, IH, 
pag. 313. — '*) Fbebicbi, I.e. pag. 20411. — Lkbebt und Wrss, Etudes cliniquea et ez- 
p6rimentales anr VempoitonneineDt aiga par le phosphore. Arch. gvn. de M6d. 1868, September- 
December. — '' i Schultzkn und Riksb, Ueber acute PbosphorverfriftuiiB: und acute Lcber- 
atrophie. Alte Cbaritä-Annaleii. 1869, XY. — ^) Abiould, Becueil de Mem. de Uöd. milit. 
8. 84r., XXXIT. — *) TnnRLinB, Aeote Atro|Me der Leber. Zmmar's Haodl». d. «pee. 
Path. 1880, Till, Th. I, pag. 212 ff. — \\s Hixkelom, Het wezen en de aetlologie der 
acute Lever Atrophie. Kfderl. Tiidschr. voor Genef^kunde. 1888, Nr. 7. — AurascBT, Acute 
Leberatropbie bei Solerema neMMlCHmiD. Ccntralbl. f. innere Med. 1896, Nr. 11. — ")FBEKirH8, 
I.e. pa;?. 222. Oppousbb, Wiener med. Wocbenschr. 18ä8, pag. 44S. LiaamixnTKK , Bei- 
träge zur pathologiscben Anatomie und Klinik der Leberkrankh^ten. Ttlbii^ren 1864, pag. 207. 
D.iKKLKK, Beitia)^ zur Aetiologic der acuten gelben I.> lu ratrophie. Müuchener med. Woehen- 
schrilt. 10. Dccember 1889. — '*) Suatob, Ueber Icterus und acute Leberatropbie in der 
FrOhperiode der SyphlliB. OkariM-Annalen. 1898, XTIII, patr. 882. Hitbbi, Kb Fall von 
.^cntp^ I.eher.itrophit' DeatMlie med. Wochenschr. 1886, Nr — '*) van IIeiikelom , Eea 
nicHW gcval van acute levcr atrophie. Nederl. Tiidschr. roor Ü^neeskundc. 1889, Nr. 5. — 
**) Klsbs, Handbuch der pathologischen Anatomie. I, Lief. 2, pag. 417. — Bvss, Kin Fall 
von begioiieDder acuter Leberatropbie. Berliner klin. Woebenadir. 1889» Mr. 45. — **) BibW| 
Zwei FlUe von Hepatitis dflfnsa pareneb^atosa et taterstHfalis. A3ie Cbarft^Annalen. 1866» 
XII, pag. 122. — ") VAN IIahen-Noman. Ein Ya\\ von acuter Leberatropfiic Yiuf iiow .s Archir. 
XCI, pag. 384. — Lewitski and Bbodowski, Ein Fall von sogenannter acuter Leber- 
attophie. Ebenda. 1877, LXX, pag. 421. ta« HaBBii-NoMJiir, 1. e. — Fbbbiobs, 1. c. 
png. 2.33. — Zkxkkh, Zur patholopisehen Anatomie der acuten gelben Leberatrophie. 
Deutsches Arch. I. klin. Med. 1872, X, pag. 166. — Meder, l eber acute Leberatrophie, 
mit besuudertT IkrückHichtigung der dabei beobachteten RegenerationserHcheinnngen. Zikolkb's 
Beitrage. XVll, pag. 143. — **; Habcbaxd, Ueber Ansgang der acuten Leberatropbie in 
moltipTe knotige Ilyper])la8ie. Ebend.i, pag. 206. — **) Klbbs, 1. c. Huta, Atrophia bepatii 
acute flava, rmtri r med. Wodinisi tu . IH82, Nr. 43. Tomki.ns niid DuKuruKELD, A ca.se of 
acute atroph; of liver. Lancct. .'i. April 1884. Guabmibbi, Comuinnicazionc iutoino all etio- 
logia dell'atroDa gialla acuta dcl fegato. Boll, de la Soc. Lancis. dl Roma. Deeember 1888. 
Rakolabbt et BfAUKN, ReebercheB snr nn uiicrobe nouveau de l'ictere grave. Gaz. m^d. 1893, 
Nr. 32. — *•) Vi.Nct.NT, Contribution a l etude bacteriologiqae de Tictcre. Ibid. 18ij3, Nr. 20. 
Babk.s, Ueber die durch Streptokokken bedingte acute Leberentartung. Viucnow's Archiv. 
1894, CXXXVI, pag. 1. Favbb, Vorläufige Mitlheilnng Uber Genese der acuten gelben Leber^ 
atrophle. Ebenda. 1895, CXXXYIII, pag. 658. AmBcnr, I.e. Hicbobi e RAmaLDi, Sul- 
l'ctiologia e meennisrao dell'atrofia pialla acut i ii 1 Ii ;.'ato. Arch. ital. di elin. med. 1896, 
paf,' 1. — -^j Kahi.rr, Ueber acute gelbe Leberatruphie. Prager med. Wochenschr. 1885, 
Nr. 22 und 23. Pinchekle, Ein Fall von acuter Leberatropbie. Wiener med. Wochenschr. 
1880, Nr. 29. Bloedac, Ueber die acute gelbe Leberatrophie etc. Dissert. WUrzburg 1887. 
Kosenreim, Acute gelbe Leberatrophie t>ei einem Kinde. Zeitachr. f. klin. Med. 1889, XV, 
pag. 441. Gabbi, .su tre casi di atrofia gialla «icuta del fegato. Sperinieut. 1892, III, patr- 232. 
Pbboba« and Macalldx , Acute yellow atropby ol tbe liver. Laucet. 10. Februar 18Ü4. — 
**) Pbbls, Zur Untersebeidnog iwisehen Fettinllltration mid fettiger Degeneration. Hed. 
Centralbl. 1873, Nr. Til. rniLs, Berliner klin. Woehenschr. lS7."i, p:i}:. r,.'il. v. II. s.slix, Ueber 
den Fett- und Wa8»erj,'t halt der Organe bei versehiedencu patholoKi.schi u Zuständen. Deutsch. 
Arch. f. klin. Med. 1883, XXXIU, pag. 612. — ") Salkowski, Notiz zur cliemischen Kennt* 
niss der acuten gelben Leberatrophie. Viacuow's Archiv. 1882, LXXXVlll, pag. .394. — 
") Gaibdmbb, Case of acute yellow atrophy of tbe liver, with microscopical scctions. Glasgow 
med. Jonru. October 1S92. — '*) Hlava , Ein Fall von ehroniHcber Leberatropbie. 
Prager med. Wochenschr. 1882, Nr. 31 und 32. — *") Bambkbgeb , Krankheiten des cbylo* 
poetiseben Systems. Tibchow's Handb. d. spee. Patk. 1864, VI, pag. 582. — **) Gimuanr, 
Verkleinerung der Leber bei gleicbbleihi-ndi'r Dämpfung. Zeitschr. f. klin. Med. 1S92. XXI, 
Heft 3 und 1. - ") KotieMSTKiN, kterns , Cholämie. Tod in S Tagen ; acute .\trophie der 
Leber u. s. w. Hi rliner klin. Wochenschr. ISGH, Nr. 1.'). Mi nzkr, Die harnstoffbildende 

Function der Leber. Arch. f. ezperim. Path. 1893, XXXIII, pag. 164. — '*) Richteb, .^toff- 
« weehseluntersuchnngen bei acnter gelber Leberatrophie. Berliner klin. Wochenschr. 1896, 
Nr. 21. — '*) ScBULTzn ud Riiss, 1. e. pag. 85. — '*) BOBMAim , Ohemlsehe Untersnelmog 



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182 



Leberatrophic. — Loretin. 



Toft Harn und Leiter bei einem Fall TOn acnter Leberatropbie. Berliner klin. Wochenscbr. 
1888, Nr. 43 und 44. Richter, 1. c. — ") v. Nooboem, Lehrbach der Patholoffie de« Stoff- 
wechseln. Ik'rlin 18!).i. \y.ig. 291. Kichtkr, l. c. - *") Frkkic hh, 1. c. pag. 2.31. Lkichtks- 
tTMu i, ZeiUchr. f. ration. Med. &XXV1, pag. 241. Vielleicht auch die gttnatig Terlaulenen 
FiUe bei Aavoobi», 1. «. — ^ Wnena, Amte felbe LebwatropUe mit gfliMt^eoi Amgwag. 
Verhandl. d. physik.-med. Oost lhcb. za Würzbur^r XXVI. Nr. 3. — *'^) Skkatok, Acute 

Leberatropbie mit AuHgaiif^ in iieilunjf. Charitt-AiinaU ii. 18ÜH, XVIII, pap. 328. — *') Lkydks, 
Beiträge zur Pathologie des Icterus. 1866, pag. 159 ff. — **) Traube bei FaiNTZKL. H«Mliner 
klin. Wochenschr. 1877, Nr. 47 und 48. — **) Hnoca, KUuik der Uoterleibskrankbeitea. 
1863, pag. 202. -* **) Dübch, Znr Pathologie des letenn tmd der gelben Atrophie der 
Leber. Leipzig 18.")4. — *') van IIkckklom, 1. c. (». oben Nr. 11). Gabdi, 1. e. Poddkv, Drei 
Fälle TOD idiopathischer acuter Leberatrophie. Inaug.-Disseri. Königsberg 1892. Pbbdbaii 
md Macallüm, 1. c. 

Znm .^^tndium der Einzelpnnkte sind zu empfehlen: Fhkhichs ') (s. oben), HAiinKKiiKK '"i, 
LiEBKiiMKisTBx ") , Lktdbh*'), Scbultzkn Und KiESB und die erschöplende monograpiii»eiic 
Znaammenatdlimg Tbompiunr'), woadbit andi genanei Yemidmiia der UtereB 
Literatur. Sieaa, 

Leucln im Harn, vergl. Leberatrophie, pag. 178. 

Unadin (von lien, Milz), ein von der Firma F. Hoff mann Laroche 
ft Comp, in Basel dargestelltes organotherapeatisches Pr&parat, welches die 

wirksamen Bestandtheile der Milz in trockener, bestündiger Purin enthält. 
Das l.inadin wird in einer Ausbeute von 10% aus der frisrhcn Milz ge- 
wonnen; es stellt ein dunkles feines Pulver dar, fast geruchlos, von deut- 
lichem LeberUirangeschmack; in Wasser unldsUch, beim Kochen mit ver- 
dttnnter Essigsfture gelatinlrend; concentrirte Hineralsivren spalten das 
Produrt. Das Linadin {riebt hv'i der V(>raschung ^-OC)" Rückstand. \v«'lcher viel 
Phospliorsiiurc und Eisen enthält. E. Harem, stellte den Eiseng'ehalt des 
Linadins auf U,8 — 1,0% Eiseiioxyd fest und wies in dem Präparate Jod 
nach, und swar enthält die Müs nach B. Barbll's Bestimmung 3.75 — 5, das 
Unadin b.o — 7.5mal mehr Jod als die Schilddrüse. 

Literatur: £. Babsu-, Orgaootherapeatisebe MitttaeUuogeo. Pliarm. Ztg. 1896, Nr. 112. 

Loretln^ von Prof. Ad. Claus dargestellt, ist nach seiner chemischen 
Constitution, Orthooxychinoiin-Meta-Jod-ana-Sulfonsäure, 

C9H,N(0H , 

wurde von Schinzixc.er wejren seines Geliallos an Jod. das in diesem Falle 
mit einem Chinolinderivate verlninden ist und wejren seiner (ieriichlosigkeit. 
als Ersatzmittel des Jodoforms empfohlen. Claus hebt hervor, dass das 
Loretin. wenn es mit den Eiterxellen, mit Bakterien und in Zersetzung 
befindlichen organischen Materien in Ber&hning kommt, mit dr» chemischen 
Substanz derselben doppelte I rnsetzungen eingehl. Da aber hierbei eine 
Bildung von Jodwasserstoff nicht eintritt, so kann auch Abscheidung von 
freiem Jod nicht erfolgen, sondern der gante Jodgehalt des zur antiseptischen 
Wirkung gekommenen, also zersetzten, Loretins befindet sich in Qestalt irgend 
welcher, bis jetzt noch nicht bekannter chemisclier Verhindiingen als Be- 
standtbeil in dem durch das Loret in erzeu^-t en .Schorf. So wird es erklärlich, 
dass sich von all den unangenehmen Nebenwirkungen, von welchen die 
meisten anderen Jodmittel in der Praxis begleitet sind, gerade die An- 
wendung des Loretins vollkommen frei gezeigt hat. 

Da« Loretio bildet ein gellMa, krystaUini»ches, gerachlottes Pulver, wdehei in Wasser 
vod anch in Aikobol nur wenig lOsli^ (bei gewöhnlicher Temperatnr noeh nicht 0,0" „), in 
Aetber und Oel unliisilieli ist. Es sebmilzt bei 27(i' (' uiiti r /,^■r^etzull(^ und Kntwicklnng von 
Jddiliiinpfen. Mit Aetiier, Oel und CoUodium bildet « ^ Kniulsioneu. Als äulfousilure bildet ilas 
Luretiii mit Metalloxvden .<>.ilze; von diesi ti sind die AlkaliBalze mit orangerotber Farbe in 
Waaaer leicht lü>lieli; das Kalks*.ilz i-t in W a-^^« r uiilüslieh. 

Das Loretin hat bei behiiiiülung von Wunden ^^nucli Operationen, auch 
septischen, femer Brandwunden) in der Chburgie. Qberdies in der Augenheil- « 
knode und Dermatologie bis nun in ausgedehntem Misse Anwendung gefunden. 



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Loretin. — Lungenhellstfitten. 



183 



Dabt'i hat es weder localo noch allgemeine toxische Erscheinungen hervor- 
gerufen. Dem Jodoform gegenüber wird betont» dass es weit weniger zu Granu- 
lationswucberuDg fflhrt^ die Seo^etion mehr beschrihikt und gut desodorisirt 

A n w 0 n d u n g. a) Als wässerige L o r e t i n I o s ii n 2 : 1 0' " ». zu 
Waschiuigen. Bädern etc. ; fn als 5 — 10" „i^'e Lorotinsall)e mit Vaseiin und 
Lanolin; cj als Loretiustäbchen 5% und lO"/«; Jj als Loretingaze 
fertig herg^tellt, eie kann im Trockenschranke eterilieirt werden; ^ als 
Loretineollodiiiraemulsion 4Vo; O ala Streupulver mit Tale, oder 
Mignesia usta u s. w. 

Das Lureiinwismuth, Bismuthum loretinicutu , wird besonders zur 
Drfisenwundbeltandlang, auch fOr dermatologische Zweite in der Kinderheil- 
kunde statt des ZinkSles empfohlen. Innerlich kam das Bismuthunt lore- 
tinicum bisher nur in beschränktem Massstabe bei Diarrhoen der Phthisiker 
des letzten Stadiums zur Anwendun<r. wobei durcli Gaben von 0,'» Grm.. ein- 
oder mehrmals täglich verabreicht, Beseitigung der Durchfälle erzielt wurde. 

Mischt man Soda und Loretin und eomprimirt diese Mischung zu 
Tabletten, so erhält man ein ausgezeichnetes Mittel zur H«rstdlling eines 
desinficirenden Bades für die Hätide. Instrumente. Tische u. s. w. .Solche 
Tabletten lösen sich in 1 Liter heissen Wassers leicht zu einer heilgelblich 
gefärbten FIfissigkeit von stark keimtödtenden Eigenschaften. 

Literatur: St-BiNziNaKK (Freibiir^; i. B.), Ueber ein ni-.ues Antim'pticum, das Loretin* 
Yerhandl. d. GescUacb. deutscher Natnrforschcr u. Aerzte za NUraberg 1893. — Schmaddiol. 
Neuere Erfabmiifren Ober die WiindbfliandlnDtr mit Loretin. MOncben 1894. — Khkbs, Neuere 
Erfahninsren Obrr da» Lon-tin. Wiener kün. Wootu nsclir. 1S96, Nr. 7. — Ad. Claus, Ueber 
das Loretin and die Art »einer VerwendaDK. MUncbener med. Wochenaohr. 189öi Nr. 10. — 
B. KoBTT, Weitere MittheUasgen Uber dse Loretin. Ibidenit Nr. 28. — Tknu, Beitrige sor 
WtmdbehsDdlsng mit Loretin. Wiener med. Wocheaielir. 1896, Nr. 21. Loebiaeh. 

Lnftwece^ vergL Autoskopie, pag. 80. 

L.illiS;eiibellstfltteil« »Von allen Volksseuehen fordert die Lungen- 
schwindsucht die /.ahlreichsten Opfer. Mehr als eine Million beträgt nach 
der Schätzung von Fachmännern die Zahl der Lungenkranken im Deutschen 
Reiche, von denen jährlich etwa 130.000 dem Tode verfallen. Ein Zehntel, 
in grösseren Städten sogar bis zu einem Siebentel aller Todesfälle, kommt 
auf die Tuberkulose.« Mit diesen einleitenden Worten des Aufrufes des 
»Comit^s zur Errichtung von Heilstätten fOr Lungenkranke des Stadt- 
kreises Berlin und der Provinz Brandenburg«, möge auch dieser kurze 
Beriebt über den ietzigen Stand der Heilstättenfrage begonnen werden. 

Hellstätten fflr Lungenkranke! Der Name seist voraus, dass die Er- 
bauung von Anstalten, in denen Lungenkranke nicht allein behandelt, 
sondern sogar geheilt werden sollen oder wenigstens können, ins Auge 
gefasst ist. Die Errichtung von besonderen Krankenhäusern für Brust- 
kranke ist ia keineswegs ein neues Unternehmen, sondern schon vor 
Jahren fai's Werk gesetst worden: bereits tu Anfang des Jahrhunderts 
bestand in England, dem Lande, welches in Bezug auf Gesundheit s und 
Krankenpflege vielfach eine führende Stellung eingenommen, ein Hospital 
für unbemittelte Scrophulöse. 

Die Frage der Errichtung von Sonderkrankenh&usem fflr Lungen- 
kranke ist in den letzten .lahren auch in Deutschland eine brennende 
geworden, immer dringender wurde die Not h wendigkeit der Errichtung 
eigener Anstalten zar Aufnahme von Lungenkranken betont und augen- 
blicklich hat die Bewegung eine Ausdehnung gewonnen, dass an hoffen 
ist, dass in nieht aUsuferner Zeit bedeutende Ergebnisse erreleht werden. 

Der Gedanke, Lungenkranke fernab von ihrer Behausung aufzunehmen 
und zu verpflegen, ist uralt und auch bereit.s lange vor Erbauung der eng- 
lischen eigentlich geschlossenen Anstallen ins Werk gesetzt worden. Man 



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1S4 



LuDgentaeflstfltten. 



empfahl bereits im Alterthum Luftwechsel, Reisen, Aufenthalt an der See- 
küste, alho die Anfänge einer Klimatotherapie. Auf dem VI. Congress für 
innere Medlcia va Wiesbaden 1887 hat Dbttwbilbr ia einem Referate: 
»Die Therapie der Phtbisis« einen interessanten geschichtlichen Ueberblick 
zusammengestellt, aus dem sich ergiebt, dass >schon Hiphokhatrs in dem 
Ortswechsel ein Heilmittel gesehen und in einer nachhippokraiihcben Schrift 
gelehrt (wird), daee man den Kranken Ton der KeimetAtte seiner Krankheit 
entfernen müsse. Cblsus war bereits ein consequenter Klimatotherapeutf 
er empfahl für Phthisikpr mit guten Kräften Sepieisen, Reisen überhaupt, 
Aufenthalt an der Öeeküste und für den Sommer auf dem Lande, ebenso 
Aretakus; Plinius der Aeltere folgte ihm, legte aneb Werth auf die Iso- 
latlOD, von ihm stammt die Empfehlnng der Nadelholzwälder. Qalbn schickte 
seine Lungenkranken auf die Berge zur Milchcur (er liebte besonders den 
Berg Angri bei Neapel) und meinte, dass jene sich in trockener Luft auf 
Höben am woblsten befänden. Das Wesentlichste in seiner Therapie beruht 
in dem Gegensatse xn den beimischen Verhältnissen, in der Reinheit der 
Luft. Et war massgebend bis in's Mittelalter hinein, auch den arabischen 
Aerzten, von denen Avicenna seine Kranken nach Kreta schickte, um die 
Lungengeschwüre auszutrocknen, Katarrhe zu verhüten. Pakacelsls und 
▼AN HnMOKT dachten und bandelten Sbniieh, letsterer batte sohon die 
Kühnheit, den Wein bei Fieber zu empfehlen. Thomas Willis berichtet 
bereits um 1(150 die interessante Thatsache, dass die P^ntrliin lor allwinter- 
lich in Masse nach Südfrankreich zögen. Eine systematische Darstellung 
der Klimatotherapie giebt Ende des 17. Jahrhunderts Baqlivi, der den 
unnQtsen Gebrauch der Medioamente beklagt Auch Friedrich HoFniAinr 
liefert eine erschöpfende Behandlung dieses Themas, auf dessen vortreff- 
liche, von Thomas ausfiihrlirher wiodcrfreqrrbene Darstellung' leider nicht 
näher eingegangen werden kann, ür riihini für Phtbisiker eine massig 
feuchte Luft. Fallopia r&th, je nach Körperbescbatfenbeit, Habitus und 
Temperament das Klima auszuwählen, ebenso Boerhave, vax Swietem und 
QlLCHRiST, der den Werth des gesteigerten Luftdruckes betont. Gkegory 
empfiehlt 1774 das Ueberschlagen des Winters im warmen Klima, dem er, 
wie Spfttere, eine relaüve Immunit&t supponirt. Labnnbc starb im Glauben 
an die Heilkraft der Meerluft, in einem Zimmer, auf dessen Boden Seetang 
auf^gobreitet war, Hitelanp und ScnnxiETN versprachen sich mehr Nutzen 
von der Hergluft Von grosser Bedeutung wurde die Annahme der 
Immunität der Bergbewohner, bei einer bestimmten Erhebung über das 
Meer, welche von Focas, Tschddi, MOhry u. A. ▼erfochten und spftter von 
!3rehmer zur Mitgrnndlage einer neuen Behandlungsmethode gemacht wurde. 
Brehmrr verdanken wir die ersten gesunden Anregungen und Anweisungen 
7.U der rationelleren heutigen Therapie, obgleich seine vorzugsweise an die 
Verminderung des Luftdruckes in unseren bewohnten Hdhen geknfipften 
physiologisclien Folgerungen, wie Immunität und vermehrte, verstärku- 
HerzafS et ion noch heute vielseitig bestrittene sind. Wenn er auch in dru 
Hauptpunkte u unter Benützung Mac CoRMAKscher und PuiESäNiTZ scher 
Grundsätze auf die schon von den Utesten Autoren befolgten Massnahmen 
zurOckgriff, so glich doch seine Methode su ihrer Zeit, gegenfiber der bis 
dahin üblichen lahmen Therapie, einer Art neuen Kntdecktinfr Ausserdem 
ist sie noch dadurch interessant, dass sie in dem Hinweise auf die Bedeu- 
tung des Herzens, rebp. die Ernährung der Lungenspitzen einen Berührungs- 
punkt mit den neuesten Anschauungen findet. Hbrmarx Wbbbr, Rohdbn, 
N'iRMEYER, die Davoser Aerzte und später die meisten Phthiseotherapeuten 
lialuti die HuEHMKHsche l^ehandlung unter theilweiser Abänderung, Ah- 
bchwächung und Veitiefung übernommen und so zur Verbreitung der 
rationellen Therapie beigetragen.« 



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LungenheilstAttcn. 



185 



In Deutschland hatte sich die Ansicht, dass die Phthise heilbar sei, 
besonders durch die vun Bkehmer in Görbersdorf erzielten Erfolge unter 
den Aenten laof^Mm Bahn gebrochen; das hftnfige Anffinden vernarbter 
Processe in den Lungenspitzen von Personen, die an anderen Todesursachen 
verstorben waren, bestätigrte die Meinung, dass die Phthise zur Heilung 
gelangen könne und sogar viel häufiger als allgemein angenommen, ausheile. 
Bsrnns nimmt sogar an, daaa wohl |eder Mensch einmal von der Tulier- 
iciilose ergrilfen werde, diesen Vorgang aber li&nHg ohne merklwre Brscheinnn- 
gen Oberstehe, w&hrend in einem Theile von Fällen dieser punstijEfe Ausgang 
nicht eintrete, sondern das Leiden in ein florides Stadium gelange. 

Leider waren nur wenige Kranke in der günstigen Lage, monatelang in 
einer besonderen Anstalt snr Herstellnng ihrer Oesnndbeit zubringen tu 
können. Es wurden noch fthnllehe AiHtalten wie die von Brehver errichtet, 
in Reiboldsgrfin unter Drivrr, in Görbersdorf selbst von Römpler, in 
Falkenstein unter Dettwbiler, in Davos, St Blasien, Kehburg und Honnef. 
Die Heflerfolge waren in diesen allen gOnstige^ nnr war der Aufenthalt den 
weniger Bemittelten niclit ragSa^g. Für die Behandlung hatte sich das 
hypienisch-diatetische Heilverfahren hier glänzend bewährt, welches also 
eine Naturheilmethode darstellt, ohne dass jedoch von den nothwendigen 
Medicamenten gänzlich Abstand genommen warde. 

Brbhmbr errichtete seine Anstalt 1855, erfuhr aber von vielen Seiten 
zunächst Widersprüche and Anfeindungen, wie sich dies häufig in der Heil- 
kunde bei Kmpfehlunpen und Einrichtunpen neuer Curverfabren ereigrnet. 
Allerdings waren bei der Hrehmer sehen Theorie, welche ihn zur Errichtung 
seiner Anstalt veranlasst, vorsilglieh swet sehr angreifbare Momente vor- 
handen, von denen sich später herausgestellt dass sie in keiner Weise stich- 
haltig waren. Ks war dies, wie schon oben an^Hführt. die Lehre von der Klein- 
heit des Herzens als Ursache der Lungenschwindsucht und von der Immunität 
der Gebirgsgegenden — hauptsAchlich des Riesengebirges — gegen Phthise. 
Er selbst sprach sieh noch über letstere bei Gelegenheit der Diseussion 
dieses Gejrenstnndes beim VI. Congress für innere Medirin ISs" dahin aus 
dass nicht nur die Luft, sondern auch die geologische Heschaffenheit einen 
Einfluss auf die Immunität eines Ortes bat. üie erfolgreichste Behandlung 
kdnne nnr in Gegenden stattfinden, wo infolge klimatlsober Verhiltnisse 
diese Immunität herrsche. Da die Ern&hrunß: eine so hedejtende Rolle bei 
der Hphandlunjr der Phthisiker spiele, unM das Gebirge das Nahrungs- 
bedürfniss und den Appetit in hohem Masse fördern, sei es leichter, diese 
Kranken in Gebirgen in bdiaadeln als an anderen Orten. 

Wenn auch diese Theoripn« wie noch darzulegen sein wird, sieh nieht 
als haltbar erwiesen, so mu'^s es als unbestrittenes und unbestreitbares 
Verdienst von Bi{Khmkk lungestellt werden, dass er <lafi Verfahren, welches 
auch jetzt wieder als das beste zur Behandlung der Phthisiker anerkannt 
ist, nen anbahnte, indem er mit scharfem Blicke erkannte, dass Aufenthalt 
in frischer Luft, hauptsächlich in liegendem Zustnnd^, .AthnuinsrsHbungen, 
AbbärtuniT und Hautpfletre, kräftigste Ernährung oder sogar l'ehei ernäbrung. 
die bedeutendsten Facloren für eine erfolgreiche Behandlung der Lungen- 
sehwindsneht seien. 

In seinem ^für vorurtheilsfreie Aerzte und gebildete denkende Laien« 
1857 verfassten Werke üb»r die Phthise bricht er erbarmungslos den Stab 
über die aus der Apotheke gegen diese Krankheit verschriebenen Mittel, 
indem haupt^hlleh »kosmisebe EtaHflsse und Verhältnisse« fQr die Be- 
handlung der Schwindsucht In Betracht kämen, »unbekümmert darum, dass 
einiije Receptscbreilier. wenn wir (b'ii Wetr zur Heilumr der Tuber- 
kulose gefunden haben und daher l)ehaupten, dass wir sie heilen können, 
iies Charlatanerie nennen werden«. 



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186 



Liingenheftetfltten. 



1869 in der zweiten Auflage seiner Schrift setzt Bkeuuer die Ent- 
BtehuDgsursacbe der Schwindsucht auseinander und sagt: 

»Bs fteht fett» dasB die LuDfenachwindflneht die Folge einer »danenid, 
entweder angeborenen oder erworbenen verlangsamten Ernährung ist, be- 
dingt durch eine verminderte zu langsame physiologische Blutcirculation 
im Allgemeinen und speciell in den Lungen, woraus sich ferner die Neigungen 
in den sogenannten Naehaohfiben, d. h. neuen dironiaehen katarrhalieohen 
Lungenentzündungen von selbst erglebt; OB eteht femer fest, das« die 
Fluctuation des Luftdruckes von einem Tage zum anderen einen ausdrück- 
baren Einnuss auf die Blutcirculation des Menschen ausübt, und zwar dass 
bei yemündertem Loftdraek« dto PnMreqnens physiologisch ▼wnielirt wird 
und umgekehrt, dass diese VermehniBg bei einer DmdcdillM«!», die einem 
Höhenunterschied von 1340 Fuss entspricht, täj^lich 13 — 15.000 Schläge 
beträgt, dass diese vermehrte Blutzufuhr zu den einzelnen Körpertheilchen 
eine Vermehrung des Stoffwechsels und eine vermehrte Heproduction 
bedingt, dasa aleo unter dem quantitativen Elnflaae diese gesteigerte Br^ 
nährung and Emfthrungsfähigkeit ein Gegenmittel gegen eine von Hans 
aus andauernd verminderte Blutaufuhr und verlangsamte Ernährung sein 
muss und ist.€ 

1876 stellte Brehhbr In einer Arbeit, welche sur Abwehr von An- 
jrriiren von RouDSN-Lippspringe verbast war, folgende, die Aetiologie der 
Phthise erklärende Sätze auf: 

1. Die Phthisis ist entweder Constitutionen- hereditär oder erworben. 

2. Die Constitutionen- hereditäre Phthisis beruht auf abnormer Ernftb- 
mng, reapeetive Blntoirenlatlon, wohl meist Infolge eines hypoplastisohen 
Circulationsapparates. Diese Anomalie allein genügt, den Ausbruch der 
Phthi.sis zu bedingen; eflnstige äussere hiedingungen kiuinen jedoch den 
Ausbruch der Phthisis bindern, sie bleibt dann ferner latent. 

3. Die Phthisis kann erworben werden durch alle iusseren antihygie- 
niseben nnd auch psychischen Verhältnisse, welche bei längerer Dauer ihrer 
Einwirkung im Stande sind, die Ernährung des Menschen für längere Zeit 
SU schwächen. Am nacbtheiligsten wirken daher diese Verbältnisse während 
des Wachsthums nnd der Bntwlcklang des Körpers, und unter diesen nimmt 
die erste Stelle ein ungenfigende Nahrung sowohl In qualitativer, als 
auch ganz besonders quantitativer Hinsicht, ferner unzweckmässige 
(schwächende) Lebensweise und Mangel an Bewegung, lang dauernder Auf- 
enthalt in unreiner schlechter Luft. 

4. Bs ist nicht erlaubt, die Untersohlede von Frequens der Phthise 
an verschiedenen Orten nur in äusseren Momenten, z. B. bei Geest- und 
Marschbewobnern, also etwa nur in der Bodenbeschaffenheit, Bodenfeuchtig- 
keit etc. zu suchen und dabei die Unterschiede im Körperbau dieser 
Mensehen als gleichgiltig za behandeln ; vielmehr Ist die Aetiologie der 
Phthisis allein im Menschen selbst zu suchen. 

5. Für die Aetiologie der Phthise ist es zweckmässig, die Menschen 
überhaupt einzutheiien in Menschen mit stabiler und Menschen mit labiler 
Gesundheit. 

6. An der Phthisis können beide Abtheilungen der Menschen erkranken. 

Die Menschen von stabiler Gesundheit besitzen jedoch eine relative Immu- 
nität von Schwindsucht. Sie erkranken nicht, während ihre Mitbewohner 
von labiler Gesundheit in kürzerer oder schnellerer Zeit an Phthisis er- 
kranken, obgleich auf alle ein nnd dieselben antihygienisehen Einflüsse der 
verschiedensten Art eingewirkt haben. 

7. Kommt in einer Gegend — ceteris paribns — auffallend weniger 
Phthisis als gewöhnlich vor, so bezeichnet man diese Gegend als immun. 
Es ist dann, namentlich Im Interesse der Therapie, su untersuchen, ob 



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Lunge tilicilstättcn. 



187 



diese Immunität bedingt ist durch die Bevölkerung, etwa durch den Volks- 
stamm, so dass eigentlich jedes Mitglied durch sich immun ist, oder ob 
sie bedingt ist durch äussere Verhältnisse — Klima oder Ernähr ungs-, 
respective Lebemwetse. 

8. Die Immunität ist bedingt durch die äusseren Verhältnisse, wenn 
die Bewohner der betreffendon Gegend nur immuQ sind, so lange sie den 
heimatlichen V^erhältnissen treu bleiben. 

9. Die Immantt&t wftre bedingt dareh die Bevölkerongr an sieb, wenn 
deren Mitglieder imrann bleiben, auch wenn sie die heimatlichen Verhält- 
nisse aufcrehen, und wenn sie diese Immunit&t wenigstens auf die nächsten 
Generationen vererben. 

Solche VoUcettftmme können eilstlren, sind aber bisher noch nicht 
widerspruchslos nachgewiesen worden.*" 

10. Die äusseren Verhältnisse, welche die Bewohner mancher Gegenden 
immun machen, namentlich die dies bedingenden betreffenden klimatiäcbea 
Verhältnisse sind für die Therapie der Phthisiker verwerthbar, wenn in 
den lietreffenden Gegenden nidit etwa noeh andere kUmatiseh« Paetoren 
herrschen, die namentlich gesehwichten Personen anerkanntermassen nn- 
bedingt schädlich sind. 

Die von Brehmbr für die Behandlung der Phthise dargelegten Grund- 
sätze sind auch Jetst nach Entdeckung des TnberkelbaeOlns nnd aneh nach Her- 
stellung des Tuberkulins und Neu-Tuberkollns In fast allen Anstalten noch in 
Anwendung. Die Bf hantllung: in letzteren unter sor{;:samer ärztlicher Aufsicht 
wird niemals unnöthig werden, da die Widerstandskraft des Kranken durch 
reiche nnd zweckentsprechende Ernährung erhöbt oder erhalten werden muss. 
Bs gehört rar Leitung einer solchen Anstalt änn» der erforderlichen l>eson- 
deren Kennfniss der Krankheit presse Gpfluld und Ausdauer seitens des 
Arztes. Er nniss jede Seite des üeniüthslebens des Kranken kennen und 
verstehen, auf sein Fühlen und Denken eingehen, ihn auf alle erforderlichen 
Massnahmen mit Rnhe nnd Sanftmntb aufmerksam madien und stets sieh 
mit ganser Person in den Dienst der übernommenen schweren Pflicht stellen. 
Diese zwar für jeden Zweig des ärztlichen Berufes erforderlichen Eigen- 
schaften muss der Arzt einer Lungenheilstätte in ganz besonders hohem 
Hasse besitsen nnd ▼oraflglieh Brbhmbr war mit denselben ausgestattet. 
In den nach seinem Tode von FlOggb 1890 herausgegebenen »Mittheilungen 
aus Dr. Brehmkr's Heilanstalt für Lungenkranke in Görbersdorf« sind die 
von Brehmek empfohlenen therapeutischen Massnahmen zusammengefasst : 

Erste Bedingung ist eine zweckentsprechende Wahl des Platzes (fQr 
eine Anstalt). Dersellte soll ^or Allem innerhalb der schwindsnehtsfreien 
Zone gelegen sein ; da aber die immune Zone \e nach der geographischen 
Breite und je nach localen Verhältnissen in verschiedener Höhe beginnt, so 
ist mit Siciierheit nur da auf Immunität zu reebnen, wo eine Gemeinde 
▼erliegt, fflr welche der Nachweis geffihrt werden kann, dass sie von Phthise 
relativ verschont ist. 

Entspricht der Platz dieser ersten und wesentlichsten Bedingung, 
so ist dann aber weiter darauf zu achten, dass derselbe fern vom öffent- 
lichen Vwkehr, nicht nnmittelliar an ^ner Bahnstation, wenn möglich anoh 
nicht an einer durchgehenden belebten Chaussee gelegen ist. Nur in einer 
gewissen Abgeschiedenheit ist auf strenge Durchffihrunü: einer ernstlichen 
Cur und auf ein Fernhalten störenden Lärmes, lästigen ötaubes etc. zu rechnen. 



* Ich reebne hienra tfe Oeblrgtbewohoer an« der Mgenansten inunaacn Zone, die 
durch YerwandtseliiiftHiMiht licht degeneriit sind, denifendfan ininsa bleiben, aaeli wenn 
»ie den h< imatlichea VerhUtaiMcii nicht treu bleiben and ihre Immnaltilt an! Ihre Nach- 
kommen vererben. 



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188 



Lungenheilstätten. 



Die Anstalt selbst und der anstossende Park muss möglichst wind- 
geMhOtst liegen ; letsterer mau riehtig^e VerCheilang von Sonne vnd Schatten 
bieten und wenigstens partiell aus immergrünem Nadelwald bestehen. 

Zu den mächtigsten Curmittcln gehört eine systematische Uebung des 
Herzmuskels durch fortgesetzte m&ssige körperliche Bewegung im Freien, 
welche nachwelalieh die Herzaotion vermehrt und eventuell sn etarke Fett- 
anaammlnnff verhütet Dahei ist aber tede Brmfldmig ra vermelden, die 
in entgegengesetztem Sinne wirkt und Lungenkranken geradezu gefährlich 
werden kann. Anlagen, welche wirklich als Curmittel benutzbar sind, müssen 
daher Wege von der verschiedensten Steigung bieten, zum Theil auch völlig 
ebene Spasiergänge geetatten ; alle Wege mflsBen In knnen Bntfenrangen 
mit Bftnken tum Ausruhen, von Zeit IB Zeit mit gedeckten Pavillons soin 
Schutze gegen etwaiges Unwetter versehen sein. Die Anstalt iiiuss am 
tiefsten Punkte des Parkes gelegen sein ; gebt der Patient von der An&talt 
ans saniohst bergab, so SberBehfttst w leieiit sefaie Krftfte md enmtlet 
anf dem Rückstieg. Die Wege müssen eventneü durch Aufschfltten von 
Kies und Grobsand, sowie durch Abflussrinnen und dergleichen trocken, 
sowie im Winter schneefrei gehalten werden. Derartige Wege sind niemals 
in öffentlichen Waldungen zu erwarten; vollkommene Rücksicht auf die 
Bedfirfnisse der Patienten kann vielmehr nnr dann genommen werden, wenn 
die gesammten Spaziergänge, auch in grosster Ausdehnung: und Abwechs- 
lung, auf eigenem Terrain der Anstalt unternommen werden können. 

Die Gebäude der Anstalt selbst sollen schon äusserlich einen gefälligen 
Eindruck machen; ffOr gewisse Kategorien von Patienten mflssen kleinere 
Häuser abgezweig:t werden. Die Treppen sind möglichst bequem, die Corri- 
dorc luftig und doch zugfrei zu halten : durch Anbringung von abwasch- 
baren Fliesen, Täfelungen, Linoleumteppichen etc. muss der Reinlichkeit 
Vorsehnb geleistet werden. Qate Heis- und Ventilationseinrichtungen mfissen 
für die Wintersaison snr VerfOgang stehen. Mit besonders leistnngsflUugen 
A'entilationseinrichlungen sind die Esssäle zu versehen, in denen sonst loicht 
durch das Zusammendrängen zahlreicher Menschen eine so heisse und ver- 
dorbene Luft entsteht, dass die Ksslust dadurch beeinträchtigt wird. 

Bin weiteres wichtiges Curmittel besteht in der reichliehen und ratio- 
nellen Ernährung der Patienten. Häufige Mahlzeiten, möglichste Abwechs- 
lung der neschmacksrei/e, reichlicher Fettgehalt der Nahrung:. Unterstützung 
der Ernährung durch (ienuss grosser (Quantitäten von Milch sind die haupt- 
sftchliohsten fflr die Difttetik in Betracht kommenden Gesichtspunkte. Dieselben 
machen die Einrichtungen grossartiger Küchen- und Vorrathsräume noth- 
wendig; insbesondere muss aber für Licfpriin^ der bedeutenden Mengen 
tadelloser Milch die Anlage einer eigenen Oekonomie gewünscht werden. 

Endlich ist noch eine Anregung der Hautthätigkeit und damit des 
gesammten Stoffwechsels durch Abreibung und kalte Douchen in den 
Rahmen der Phthisisbehandlung mit aufzunehmen, und eS ist fQr daSQ ge- 
eignete Vorrichtungen Sorge zu tragen. 

Und specieller wird noch die Behandlung etwas weiter unten be- 
sehrieben: Die Behandlung selbst beschrlnkt sich grSsstentheils anf den 
langdauernden Aufenthalt in der immiinen Zone, auf individuell richtig be- 
messene Spazierfjänge, auf reichlich durch Milchgenuss unterstützte Ernäh- 
rung und eventuell auf Anwendung mässiger Kaltwasserbehandlung. Nur 
gewisse Krankheitssymptome erfordern zeitweise andere Massregeln und 
medicamentöse Behandlung. Gegen starken Hustenreis wird möglichste 
Unterdrückung des Hustens empfolilcn inul diese erforderlichenfalls durch 
kleine Schlucke kalten Wassers odei" diirrh Selterswasser mit heisser Milch 
unterstutzt. Bei kleineren Lungenblulungen bilden Eisbeutel auf Herz und 
Lunge und Morphinmioieetionen die gewöhnliche Thwapie ; wfthrend starke, 



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Lungenheflfltfltten. 



189 



mit Athemnoth und grosser Schwäche verbundene Blutungen zunächst 
krftftige Rtismittel, wie Champagner n. dergl., erfordern. Gegen Fieber, 
dessen Verlauf snnichst durch zweistündlich vorgenommene Messungen fest- 
gestellt wird, genügt im Höhenklima gewöhnlich etwas Alkohol in Form 
von starkem Ungarwein , in hartnäckigeren Fällen ein Eisbeutel auf die 
Herzgegend. Nachtschweisse werden durch den abendlichen Qenuss von 
Mileh mit 2 — 3 TbeelOftel Cogaae wirlcBam bekimpft. 

Auch jetzt gelten in der RRRHMER'schen Anstalt, welche seit kurzer 
Zeit der Leitung von Rudolf Kobekt unterstellt ist, die gleichen allge- 
meinen Grundsätze für die Behandlung der Kranken. 

Die Ansicht der SehwIndenehtBfreibeit bober Oebirgsgegenden bat sieb 
als eine irrige herausgestellt. Finkki nburg hebt mit Recht in seinem im 
Nioderrhoinischen Verein für öffentliche Gesundheitspflege L^sf) «rehaltencn 
Vortrage hervor, dass in jenen Gegenden eine »nur wenig oder gar nicht 
industriell beschäftigte, sondern mehr im Freien arbeitende Bevölkerung 
lebt, welche ancdi flbrigens von der Schädlichkeit des städtischen Lebens 
und der Stadtnähe verschont bleibt und dass ferner im Gebirge meist 
gesunde Boden- und Grundwasserverhältnisse bestehen. Wo diese beiden 
Voraussetzungen nicht zutreffen, da ist auch in beliebiger Gebirgshöhe die 
Lungensebwindsueht ebenso stark, wenn niebt noeh stärker verbreitet als 
in der Niederung. Der Kreis Adenau, welcher die höchstgelegenen Ort- 
schaften der Eifel umschliesst, hat die höchste Schwindsuchtssterblichkeit 
unter allen Kreisen des Regierungsbezirkes Koblenz, während der an- 
grensende, ebenso arm, aber mit weit gBnstIgeren BodenverbSItnissen aus- 
gestattete Kreis Daun zu den in der Schwindsuchtstatistik am aller- 
gunstigsten gestellten Kreisen in Rheinland-Westfalen gehört. Die geringste 
Schwindsuchtsverbreitung innerhalb des ganzen preussischen Staates und 
des Deutschen Reiches findet sich in der est- und westpreusslschen Nie- 
demng und der wegen seiner aogeblloben Sdiwindsiidits-Immvnitftt so viel 
angepriesene Gobirgskreis Waldenburj^:. in welchem sich die Anstalt Görbors- 
dorf befindet, ist in Wirklichkeit einer der am meisten von Schwindsucbt 
heimgesuchten Kreise der Provinz Schlesien c. 

Bs erseheint bemerfcenswertb, dem gegenüber die von Brvhmsr auf dem 
X. schlesischen Bäderta^^e veröffentlichten Zalden der Todesfälle an Lungen- 
phthise in Görbersdorf an dieser Stelle zu erwähnen. In dem Orte, dessen 
Einwohnerzahl zu jener Zeit zwischen öOO — 600 Personen schwankte, waren 
in 100 Jahren (von 1780 — 1880) im Oansen 1011 oder iährlicb 10,10 ver- 
storben. Davon entfallen auf » Lungensch windsnobt« nnd »Lungenkrank- 
heit« 34 oder jährlich <t.31, d. h. auf 1000 der Bevölkerung: fdiese nur zu 
500 Seelen gerechnet* 'i,r,s Mit einigen Alpenorten, deren Höhenklima von 
anderen Seiten als schutzkräftig gegen die Phthise hervorgehoben wurde, 
verfliehen, ergiielit sieb: 









Bs ■torben Jftbritob 








Höhe in 












M • « • r a 


an am <)rt« nrwor- 










1 


b*B«r Sehwiadtiieht 


der BevoJkorung 








152,3-1647 


0^95 


0,8 








1520 


04 








1 


d61 




0,68 

1 



Dabei ist sa bemerken, dass die Schweizer Statistik nur einen Zeit- 
raum von ffinf Jahren umfasst. Es sind also nach Bkkumek die Gebirgs- 
bewohner bei einer Hübe von ö50 Metern mindestens in demselben Masse 
immnn, wie die in den Alpen bei 1520 Metern und mehr. 



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190 



Ltingenliellstftttea. 



Auf FiNKBLNBURG*« erwShnteii Vortracr nahm |ene Versammluog 1889 
folgenden Beschluss an: 

»1. Der Niedfrrheinische Verein für öffentliche Gesundheitspfleg'e 
erklftrt es für ein öffentliches Bedürfniss, dass in seinem Vereinsgebiete, 
den westlichen Provlnsen des Staates, Volksaanatoriea fflr nnhemittelte 

Brustkranke errichtet werden nnd spricht die Hoffnung aus, dass die In 

dieser Weise erwähnte Krankenhauspflepp bprpits jptzl durch vereinte Be- 
mühungen der Provinz, der städtischen Gemeinden und der Krankencaasen 
herbeigeführt und durch die Privat-Wohithätigkeit wirksam unterstützt 
werde. 

2. Um die Vereinigung dieser Kräfte zu dem genannten Zwecke zu 
vermitteln und um die /areelgnetste Ortswahl, bauliche Einrichtung und 
Organisation der Anstalt näher zu beratben, wird von der Versammlung 
ein Auesehuee Ton 7 MItigUedem mit dem Rechte der Znwabl gewftblt, 
welcher mit der weiteren eelbatindigen FOrderong dieses Unternehmens 
beauftragt wird.« 

Bs soll nun an dieser Stelle eine Statistik der Sterblichkeit an Lungen- 
tuberkulose xusammengestellt werden, welehe die am Eingange des Aufsatses 
genannten Qesammtzablen näher veraasebauHeht , welche gewöhnlich ganz 

gleichlaufend in den zahlreichen Vorträgen und Schriften über Lunjjenheil- 
stÄtten veröffentlicht werden. Die folgende vom Kaiserlichen üesundheitsamt 
in Berlin im November 1895 bearbeitete Tafel i^pag;. 191 — 192; zeigt die 
betreffenden Zahlen für das Deutsche Reieh, Franlöreioli, Oesterreich, Italien, 
Schweiz und Belgien. 

Im Jahre 1893 starben im Deutschen Reich einschliesslich der aus unbe- 
kannten Ursachen Verstorbenen 275.094 Personen.Dadie Ausweise nur etwa 94% 
der ReichsbevölkeruDg betreffen, so sterben im gaoxen Reiche 292.650 Personen 
im Alter von 15 — 60 Jahren. Von diesen gingen muthmasslich 94.300 an Tuber- 
kulose, insbesondere 90.800 an Tuberkulose der Lunge zu Grunde. Ks er- 
lagen also 33 von |e 100 im Alter von 15 — 60 Jahren Gestorbenen der 
Tuberkulose. Dieses Verhäitniss ist jedoch nicht in allen Theilen des Reiches 
das gleiche, es schwankt swischen 22 In Ostpreussen und beinahe 43 in 
der bayerischen Pfalz (wie also bereits Finkelnburg hervorhob), ohne dass 
sich bestimmte Ke/iehungon zur Lebensweise der Bewohner oder zur Laire 
der Ortschaften was auch in Bezug auf die BREH.MERscbe Theorie von 
Interesse ist — erkennen Hessen. Die Besirke der nordSstllohen Tief- 
ebene hattt n durchschnittlich weniger Sterbefälle an Tuberkulose (auf \e 
1000 Lei)en<le des erwähnten Alters) als die im Westen gelegenen, meistens 
mehr bevölkerten Bezirke. In einzelnen hoch über dem Meeresspiegel ge- 
legenen Theilen s. B. Oberbayems and des Schwarzwaldes waren grössere 
Sterbeslffem ffir Tuberkulose vorhanden als in vielen Bezirken der Tief- 
ebene. 

Ks haben im Jahre 1803 nicht etwa Ausnahmszustände im Verhalten 
der Tuberkulose in Deutschland bestanden, sondern auch in den Vorjahren 
bis 1889 ist ein Gleiches ersichtlich. 

Es starben: 

1889: 57.712 Pen. im Alter von Ib-GO Jahren, d. h. 358 von je 1000 Gest, dltne» Alten 
1890: 59300 » » » » 1Ö-60 » > > 346 » » 1000 » » » 
18'.>1: r.c..(j-3 » » » » Ui— fil) . » > 341 > » 1000 » 

53 U15 » » > > 15— tiO ' » * 317 » > 1000 > » » 
1899: 54.727 > » > » 15—60 » » > 813 > » 1000 > » » 

Bine gleichfalls im Kaiserlichen Gesandheitsamte entworfene lieber- 

sieht der wichiiL'-sten Todesursachen im Deutschen Reiche nach dem Er- 
gehniss der Krht bungen für 18".»;? i pag. 193) zeigt die beträchtliche Zunahme 
der Todesfälle an Tuberkulose bei Personen im Alter von 15 — GO Jahren, 
also in der Zeit des kräftigsten Sehaffens und Arbeltens. 



Lungenheilstätten. 



191 



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192 



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LungenheitotAtten. 



198 




Encfclop. JahrbUeber. Vil. 



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194 



LunKenh«ilaUltteii. 



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iB BkMtalwS«ltl 


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1 'PttbMpknloiiA 




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(330,2) . 


1 TillM>Atn»nty ilnrtniig 




914 




, aooitlgen entzündlichen KruukbciUia der Ath- 






; Bllllgsor^ane 


17.879 


65,0 


(66,6 1 




17.843 


64,9 


<6fi,o) 




10.284 


5ö,6 


(56,9) , 




4.948 


18,0 


(18,4) ■ 




»;.»i32 


24.1 


1 



Im Ganzfii .... 1 27,).(K)4 10(X> 



Im Deutschen Reiche sind im Ganzen nach v. Leyden's in Budapest 
1894 gemachten Mittheilungen 1,300.000 Brustkranke vorhanden, von denen 
librlich 170 bie 180.000, i. e. etwa 8Vo sterben; Vs — Vo fl^l^i* Todesf&lle kommt 
«llO auf die Tuberkulose. In Preussen beträgt die Zahl dor Erkrankungen 
und To(le.<*fä.lle etwa die Hälfte von der des Deutschen Heirbes. so dass 
jährlich 88.000 Personen an Phthise sterben. Eine Ergänzung finden 
dtese Zahlen darcb die Darlegungen des DIrectore des Kaiserlichen Gesund- 
faeitsamtes Dr. Köhler in der XX. Versammlung des deatschen Vereines fQr 
dffentlicbe Gesundheitspflege in Stuttgart 18!'.') 

Seit 1892 findet in Deutschland eine Erhebung der Todesursachen nach 
einbeitllebem Master statt. Bs fand sieb, dass von 1000 TodesIftUen im 
Dentscben Relcbe 105 — 107 auf Tuberkulose surficksufQhren sind, dass also 
|eder npuntf» MpnHoh an Schwindsucht stirbt. 

Wie stark das Rheinland und Westphalen gerade von der Schwindsucht 
heimgesucht wird, beweisen die Zahlen, welche Finkelnburg anführt. Jährlich 
geben etwa 28.000 Menscben im Rbeinland und Westpbalen an Phthise eu Grunde. 



Im Jahresdurchs 


chnitte der .Jahre 


1877—1886 starl 








Im pnvHliehoB Staat« 


Ib dar Bhalaprartaa 


la Woatphalaa 




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gefMBint 


Ab LBorcB' 

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sacht uud 

liBBgOB- 
UBtBBB 


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Ab Loncan- 

.-urht und 
I>aag«n- 
bltttaaff 


Iii-- 

gefaiumt 


Ab Imum- 

Micbt «ad ' 
Lnng*»- 
blatBBff 


MMimer | 

Von Je 1000 Lebenden 


372,150 
25,6 


46,688 
8,48 


52,172 
26,2 


10,278 
4,92 


26,040 
244 


5026 
4,80 


Von je 1000 Lebenden 


310,712 
1 24,9 


39,802 
238 


4lt.413 ; 8497 
24,7 1 4,80 


22,160 
22,0 


4524 
4,47 


Insgesammt . . 
Von le 1000 Lebenden 


1 682,862 
1 25,2 


86,490 
8.20 


101,585 
24,9 


18,775 
4,62 


47,20 
28,2 


9550 
4,69 


Auf le 1(X) Todt'sfalle Überhaupt 
kamen »dlclu' an Lungenaehwind* 
•nebt oud Langenblntuv • . . 


12,7 




18,4 




20.2 



Ich selb.st habe 1(^90 oinc Statistik über das Vorhallen der Lunjrcn- 
Hchwindsucht der Stadt l^ciiin veröffenl licht, welchf ib-n zohniährig'en Zeit- 
raum von 1880 — 1889 umfasste und von mir unuiiltelbar nach der von 
V. Lbvork im Verein fflr innere Medidn angeregten Beratbang Ober die Er- 
richtung von Heilanstalten fQr Lungenkranke zusammengestellt war. In jenen 
10 .lahron starben in Herlin im Ganzen 322. 11»:' Menschen, hiervon tl.f.oS 
an Lungenschwindsucht, d. h. 12,91 vom Hundert der überhaupt Verstorbenen. 
Da das amtliche statistische Material von Berlin jetzt bis zum Jahre 1 8H4 

* Diu oiiigi'klaiiuiii rti'u Zuhh-a .sind unter Nichtlit;rUck»iciitigung ili-r au:' unliekuunter 
UfMcbe Oestorbenen berecbnet. 



Digitized by Google 



Lnngenheilstitten. 



195 



vorliegt, habe ich jene Zahlentalel vervollständigt, indem ich die betreffen- 
den Zahlen fflr die nlohsten 5 Jahre berechnete, so daee dai Material ietit 

einen Zeitraum von 15 Jahren umfasst. Eine Aenderung der Zahlen musste 
insofern erfolgen, als die Einwohnerzahl für die fortpreschriebene Zahl der 
Bevülkerang nach fünfjähriger Altersclasse für den Scbluss der einzelnen 
Jahre gew&hlt wnrde, welche durchgängig etwas hSher let als die in |ener 
früheren Tabelle benutzte mittlere Zahl der Einwohner. Hiernach mnastail 
auch die Zahlen in Stab 6 verändert werden, welche das \'erhältnis8 der an 
Lungenschwindsucht Verstorbenen auf lUOO Einwohner ausdrücken. In Stab 5 
ist die Summe der Zahl der an Halaschwindsucht und Lungenblutetura Ver- 
storbenen In Klammern beigefQgt, da diese auch in dem als Quelle benutsten 
Statistischen Jahrbuch von Berlin gesondert aiifpreführt sind. Im Ganzen sind 
also in den 15 .Jahren von 1880— 1894 rund (14.000, also jährlich durch- 
schnittlich 4300 Personen in Berlin an Schwindsucht zu Grunde gegangen, 
d. h. mehr als der 12. Theil aller Im Jahre Verstorbenen. 





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1881 .... 

1882 .... 
1888. . . 

1884 . . . . ' 

1885 .... 
188G . . . . ' 
1887 .... 
1888. . . . 
1889 .... 
1890. . . . 

1891 ... . 

1892 .... 

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1,123 608 

1.1. ■)•;.. 394 

1,191.940 
1,226378 

1,272 227 
1,3 Ii).!') 10 
1,3(12.465 
1.) 14 (t4f, 
1,4711 239 
1.530.247 
1,579.024 
1,684JI8S 
1. 657.034 
' l.r.92 193 
l.(i55.58S 


32.823 
81.055 
30.465 
35.056 

32.932 
31.4-^3 
34.293 
30 333 
29.294 
34.458 
, 33.393 
1 88.898 
32.696 
36.034 
.30.961 


* 29,67 
27.24 
2Ö.95 
28,99 
2.=».8!> 
24.37 
2,'i,65 
21,88 
19,93 
23,05 
21,51 
80,97 
20,29 
22.13 
18,84 


38.30 1128)* 
.3770 143) 
3791 (140) 
4195 (133) 
4329 (156) 
4472 il42) 
4318 *137) 
4133 (115) 
4176 (118) 
4595 illO) 
. 4360 (131) 
1 4444 (128) 
4042 rl.36) 
4341 (141; 
3812 (132) 


3,42 
3.24 
3.18 
8.42 
3,40 
3,. 39 
3,17 
2,93 
2,84 
3,00 
2,76 
2,78 
2.43 
2,56 
2 30 


11. (17 
12.14 
12,44 
11,97 
13.14 
14,24 
12,59 
13,29 
14,25 
13,33 
13,06 
18,81 
12,36 
12,04 
12,32 






Im Oanzen . 




488.668 




(j2607 i l95») 




12,81 








Dorehiehnitt 
der 16 Jahre 








4174 (188) 




1831 





Wie bedeutend die Zahl der an Lungenschwindsucht gestorbenen Men- 
schen die der an anderen Erkrankungen zu Grunde Gegangenen in Berlin 
überragt, erweist folgende kleine Zusammenstellung, welche die Todesursachen 
mit den nächst grössten Zahlen umfasst. Für Berlin kommt hauptsächlieh 
der Breehdurohrall, Lungenentaflndnng, LebensSGhwftehe, »sonstli^e Krimpfsc, 
Diphtherie, Durchfall In Betracht^ welche In |enem Zeiträume von 1880 bis 



1894 im Ganzen 

BreeMarebfiill 39.797 

Lunffcnentzündiinj 2(5. .505 

Lebenascbwäche 26.312 

»Sonstige Krimpte« 24.763 

Diplith. rie 23 431 

Durchlfill 21.282 



TodesflUle aufwiesen. Dabei ist su beachten, dass diese letiteren Erkrankungen 

am häufigsten das kindliche und sogar zarteste Alter betreffen, welches die ge- 
ringste Widerstandskraft üherhaupt darbietet, wahrend, wie die noch folgenden 
Statistiken erwei.sen, die tuberkulösen Patienten im kräftifrslen Alter stehen. 

* Die Zahlen in Klammem geben die Öumine <ler iCublen der an Lnngenblutung und 
Halnchwindfliieht yeratorbenen an. 

18* 



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196 



Lungenheilstätten, 



Qtaa ihnlieh liegen die Verhlltniase im gani en Staate, wie der neveete 

ministerielle Bericht fiber das Sanit&tswesen des preosslschen Staates wfthrend 
der Jahre 1889, 1890 und 1891 zeigt. 



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Jahr 


1' 

Einwohner 


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1890 
1891 

1889 
1890 
1891 


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29,650.194 
S9,9974t07 




7003 
16088 
B997 


13 
33 
22 


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822 
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77-111 4(1S1.J 
8670i43497 
4918186160 


f):!Si) i:ui6 
12150,17299 
6110ll3438 


.301 82529 
|23til&1086 
231 |801ftl 


4i:)2S 
52040 
46952 


tS44 
4779 
4659 




Mdta Marbm «a 


2,40 
2,04 
2,00 


0,00 
0,01 
0,01 


0,36 
027 
0,27 


0,05 
0,01 
0,01 


2,63 
2,90 
1,64 


13,83 3.18 
14,541 4,06 
12,05 2,04 


4,55 
5,78 
4,48 


0,10 
0,08 
0,06 


27.97 
28,11 
26,72 


14,08 
17,40 
16,65 


1,64 
1,60 
1,66 



Die Zahlen veransoliauUehen die m6rderlsdhe Wirkung, welche die Tuber- 
kulose vor allen anderen Todesursachen hat, in deutlicher Weise. Während 
die gefürchtete Diphtherie in Preussen jährlich durchschnittlich 40,mO(3 Per- 
sonen dahinraffte, beträgt diese Zahl für die Tuberkulose mehr als das 
Doppelte, 82.000. Keine andere der VoUcskenohen releht, wie wir noeh sehen 
werden, in den betreifenden Zahlen auch nur annähernd an sie heran. 

In meiner genannten Arbeit ist auch eine Statistik von Preussen für 
1887 erwähnt, aus welcher hervorgeht, dass von insgesammt 6Ö6.170 Ver- 
storbenen 84.124, d. h. 12,26 vom Hundert der Tuberkulose su Opfer Helen. 
Von jenen Verstorbenen standen im kräftigsten Älter von Ober 25 bis 
40 Jahren 52.431 Menschen, von welchen 21.680), nlsn beinahe die Hälfte. j 
der Tuberkulose erlagen. Eine höhere Sterblichkeitsziffer als die Tuberkulose 
liaben nur die Krämpfe mit 102.561 erreicht; unter ihnen befanden sich 
ab«r 94.688 Kinder bis sum Beginne des 8. Lebensiahres. Die In der Höhe 
der Mortalitätszahl auf die Tuberkulose folgende Krankheit mit 69.776 Fällen 
ist die Altersschwäche vom 60. Lebensjahre an g-erechnet; die dann folgende 
Diphtherie mit 50.597 Fällen betrifft grüsstentheils Personen bis zum 15. Le- 
bensSabre, also gieiehfalis ein weniger widerstandsAhlges Alter, so dass auch 
hier wiederum deutlich ist, dass wie bei jener oben angeführten Daiisignag 
des Gesundheitsamtes hauptsächlieh das Lebensalter von 15 — 60 Jaliren von 
der Tuberkulose ergriffen Ist. 

In dieser Chrense erseheint das Altw von 20 — 40 Jahren am meisten 
geillirdet, wie auch die preussische Statistik fQr 1887 selgt. Bnreohnet man 
prncpntuarisch die Zahlen der in den verschiedonon Altersclassen an den 
eiiizeinen Krankheiten \'erstorbenen, so erhält man mit Ausnahme von Alters- 
schwäche, Krämpfen und Diphtherie, sehr hoho Zahlen für die Tuber- 
kulose und am hOehsten für das 20. — 40. Lebensishr: 

Ueb«r Usber üeb»r 

SO -36 Jahr« 35—30 Jakn 80—40 Jahn 

Männlich 40.48 46,5S 41,11 

WeibUch 4:^1.41 43,06 a»,48 

Fast alle anderen Krankheiten erreichen liei Berechnung der Sterb- 
lichkeit in den einzelnen .Altersclassen Zahlen, hei denen vor dem Komma ■ 
meistens höchstens eine 10. ^«'«'öhnlich aber soj^ar nur eine 5 steht. 

Noch eine andere von der Medicinalabtbeilung des preussischen Mini- 
steriums der geistliehen Unterrichts- und Medicinalaagelegenheiten bearbeitete 
Statistik ttber die Todesursachen (Scharlach, Diphtherie, Typhus, Tnberku* 
Inse, TiUngen- und Rrustfpllentzundun<j:. Kreits' in Städten Freussens mit mehr 
als lUO.OOü Einwohnern in den einzelnen Altersclassen zeigt die stete Ueber- 
einstimmung der Zahlen fOr ieaes Alter, d. h. die höebsten Sterbliehkelts- 
siftem fQr Tuberkulose vom 15. — 60. Lebensiahre. Ich habe die Zahlen der « 



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Lungenheilstätten. 



197 



Tuberkulose aus denen der übrigen 0 Gruppen für die 5 Altersclassen bis 1, 
Aber 1 — lö, über 15 — 30, über 30 — 60 und über 60 Jahre heraasgesos^en 
nnd fttr sich snssinineDgestellt Die hBebflteo Zahlen baben dann dfe tm Westen 
des Staates gelegenen Städte für die Lebenszeit von 30 — 60 und besonders 
über 60 Jahre, während die östlichen Bezirke relativ niedrige Tuberkulose- 
Sterblichkeit darbieten. In Westphalen und der Rheinprovinz sind wohl sicher 
die grossen Industriecentren mit ihren ungünstigeu WohnongB- und Em&b- 
rnngseentren als Ursacben der hohen Hortaliltt an Tnbericnloae anrasehen, 

welrhf- '!H^r'''its \-nrh''r (">ru'~hn* wiirflf' 



W.OM Ubradw 
•Uwlwii ma 

TuberknloD« 


Jahr 


1 ' 

] Berlin 


9. 

BretUu 


s. 

Köln 


4. 

Magde- 


s. 

Frank- 

iort 
». M. 


s. 

Hknoo- 
Ter 


KOniga- 
b«rK 
1. Pr. 


dorf 


1 

») im Alter | 
bis 1 Jahr j 


1 1876 
1 1881 
1 1886 
1891 


30,45 27,91 
32,67 52,78 
41,88 61,80 
43,74 40.71 


90,82 
33,92 
43.26 
101,06 


3,86 
21,91 
19,93 
.38,29 


50,66 
77,63 
84,20 
70,92 


32,02 
109,01 
95,88 
4.77 


28.44 
15,60 
7,49 
43,15 


29,15 

10,14 
55,75 
43,94 


hi im Alfpr 

*f/ IUI Albl^l 

aber 1 bis 
15 Jahre 


ji 1876 
' 1881 
1886 
1891 

^876 
1881 
1886 

j 1881 


10,81 
12,40 
14,37 
11,88 


16.8H 
, 15,36 
1 18,75 

16,96 


15,13 
10,38 
80.01 
22,72 


5,23 
7.14 
12,01 
13.92 


13,37 
17,17 
16,99 
18,21 


7,91 
24,19 
20,28 
12,84 


19,07 
9,91 
13,17 
12,74 


10,49 
12,63 
15,68 
16,67 


«•1 Im Altpr 1 

r/ IUI Aii^^r 1 

ÜIht Ih bis 
30 Jalire 1 


30,52 
31,36 
88,44 
86,88 


25,86 
89,68 
41,87 
38,78 1 


33,48 
29,77 
3437 
2739 


25,52 
25,73 
2139 
81,78 


33,14 
28.19 
31,77 
8633 


20,39 
25,12 
2130 
81,16 


23,48 
21,75 
20,02 
80,» 


.32,(X) 
28,80 
27,42 
8830 


rfl im Alt»r 1 

fr/ IUI AIW3r 1 

«her :]Q bis 
60 Jalire 1 


! 1876 
' 1881 
1886 
,|1881 


54.66 
' 55,05 
1 51,10 
1 43.07 


54,.i3 
66,65 ) 
86,64 i 
67,06 • 


71,28 52.37 
65,17 46,25 
67,88 1 4838 
60,44 42,94 


53,60 
53,68 
6438 
6631 


52.25 
44,03 
6839 
4636 


49.22 
44,93 
41,16 
8938 


66.11 
67,61 
65.66 
46,24 

62.95 
105,65 
7836 
46,13 


AI im AUtüp 

V/ IUI AfwOr 

über 
60 Jahre 


1876 
1881 1 
1886 
; 1801 


48,78 
46.16 
43,93 
38,43 


40.73 
66.75 
79,20 
56,58 


102,51 
69,67 
56,42 
49.43 


69,66 
58,27 
82,21 
63,30 


68.42 
44,87 
61,21 
67,04 


57,67 
44,86 
49,38 
37,74 


41,49 
42,.38 
28.57 
3732 


10 000 L<'b).nil>'n 
( «t.-«rb«n an 
1 TaberkuloM 


f 

r\ 


9. 
AltOQ» 


10. 

nbar- 
bld 


II. 
nsMtf 


StoMs 


IS. 

1 


u. 
KnMd 


Ift. 


* 16. 

Hau« 

a. 8. 


ai im Alter 
bis 1 Jahr 


' 1876 
1 18MI 1 
1 1886 
1891 


25,33 
86, IS 
44,57 
114,61 

12,90 
.32.68 
21.78 
24,01 


84.69 
45. lU 

:5'.l.35 
2t),86 

20,69 
17,16 
21.50 
10,'.tl 


634 

12,94 
41.40 


81,46 

12,.'S4 

53,72 
37.72 


84.50 436,06 
44.98 154,;)8 
.52.37 24,41 
.50.07 58.19 


3.94 
190,31 

1S2.S4 
♦■),79 


25,8.3^ 
37, .V2 
40,.)0 
67. H2 


hl im AI ti*r 

Uber 1 bis 
15 Jahre 


1876 ' 
; 1881 
1S86 1 
1891 1 

1876 
1881 ! 
1886 
1891 ' 


3,86 
3,82 
6.36 
10,36 


1 6,84 
' 10,62 
1 13,27 
17.47 


1 21,29 
13.49 

21.74 
12,38 


43,73 
1 19.0S) 
15.82 
12.23 


1,38 
27.17 
31,(')6 

8.39 


14.06 
14,78 
16.93 
13,06 

29,43 
26,95 
26,98 
22.54 


r* im AltiT 
Aber 15 bi« 
80 Jahre 


43,01 

32,95 

43.:i7 
25,13 


42,79 
42,79 

33,77 
27,91 


16.46 
18,73 

20.60 
24.27 


20,81 
31,66 
21,50 
27,45 


47,18 
46,69 

35,93 
26.28 


62,44 , 34,83 
39.88 ' 31,34 
39.83 29.97 
2b.m 22.96 


'/ im A\tvT 
Uber 30 bis 
60 Jahre 


1876 1 
1881 1 

1886 
' 1891 

1876 . 
■ 1881 1 
1886 
1891 


61,45 i 
66,07 1 

55,71 , 
49,70 

32,00 
66,98 
4.5,16 
60,14 1 


104,26 1 
8837 1 

57.64 
45,46 


36,21 
42,78 

38, .35 
40,44 


54,53 ! 87,13 
46,66 66.72 

.50,49 64,01 
50,44 51,71 


96,70 65,17 
62,28 66.92 

66,45 .58,09 
.-j2,79 43,74 


54,86 
45,69 

49,59 
47.23 


im Alter 
aber 
60 Jahre 


93,48 
79,96 

101,65 
61,55 


39,61 1 
6a77 1 

46.35 
38,05 1 


64,78 
61,62 

•54,20 
40,()0 


114,05 1 142.90 
72,66 1 168,27 

84,11 124,46 
4«;,29 73.52 


119,79 . 39.27 
85.74 i 88.61 

63.88 40,.53 
45.U5 48,52 



L.iyu,^cd by Google 



198 



Lungenbellttätten. 



Ein Vergleich der angpführten Tabellen ist besonders bemerkenswerth, 
indem die von mir berechnete Zablentafel von Berlin ein gleiches Verhält niss 
wie df«{eiilg»e de« Hiolsteriiimt fflr gans Preassen celgt Wenn man die auf 
10.000 berechneten Zahlen von Preussen auf 1000 nirflekführtf wie die 
Ziffern ffir Berlin aafgestellt sind, so erhUt man 

1*99 18»0 IMI 

Preoflsen 2 H i 2^1 2,67 

H.-rliii a,(;U 2,70 2.72 

Ausserdem zeigt sich noch in den Zahlen für die grossen St&dte in 
Preussen eine Abweiebnng von den vom Oesnndheitsamte fOr das ganse 

Deutsche Reich festgestellten, insofern als bei letzteren, wie Director Köhlbr 
1895 in Stuttgart flarleffte. im Jahre 1893 von 1000 an Tuberkulose Ver- 
storbenen im ersten Leben^ahre 10,8, von 1 — 15 Jahren 62,2, von 15 — 60 
Jahren 322,3 , von über 60 Jahre alten Personen etwa 60 starben. Beim 
Vergleieh mit der Tafel der preusirisehen StAdte zeigt siob jedoeb, dass In 
mebreren Städten im Westen des Staates Köln. Dfisseldorf, Elberfeld, Barmen. 
Krefeld, Aachen für die Altersstufe über r»0 Jahre höhere Zahlen vorhanden 
sind als für Verstorbene im Alter von 15 — 30 und 30 — 60 Jahre. Allerdings 
sind bei dieser Bereehnnng die Jahre 1876, 1881, 1886, 1896 In Betraobt 
gezogen, während fQr jene Zusammenstellang fQr das Dentscbe Reich das 
Jahr 1893 zu Grunde gelegt ist. 

£s ist noch auf ein interessantes Verhalten der Zahlen aufmerksam 
m maehen, welches sidi naeh meiner Berechnung bo^ts ▼om Jahre 1886 
herausgestellt . und welches ich an dieser Stelle besonders hervorheben 
möchte, ein Sinken der Zahl der Todesfälle an Lungenschwind- 
sucht im Verhältniss zur Zahl der Kinwohnerschaft Berlins, 
welches in Stab 6 der Zahlentafel auf pag. 195 deutlich zu Tage tritt. Der 
Unterschied der Zahlen von 1886—1894 betrftgt 8,17 — 2,30. also fast 
1 vom 1000 der Einwohner, d. h. im Ganzen etwa 1000 Menschen. Oscar Wtss 
hat in einem Vortrag:e das Sinken der Tuberkuloseziffer in Berlin seit 
10 Jahren gleichfalls hervorgehoben. 1889 zeigt sich eine kleine Erhöbung 
der Zahl; es ist dies das Jahr des ersten Auttretens der Influenza. 

Bs starben (s. pag. 195) : 

IMI 1M7 ISM 18W i960 INI 18tt im 18M 

3.17 2,98 234 8,00 2,76 2,72 2,43 2,ö6 2,30 
von 1000 Einwölmeni Berlins an Phthise. 

Irgend welche Schlfisse will ich aus diesem Herabsinken nicht ziehen, 
ohne dnss irb jedoch vnllst&ndig der in dem mehrfach angezogenen Ministerial- 
werke, welches die Jahre 1889, 1890, 1891 umfasst^ aufgestellten Ansicht 
belpfllehten kann: 

»Die kleine Abnahme, welche sich im Jahre 1891 zeigt und auch In 
der Mehrzahl der Repiernnfrsbozirkc deutlich hervortritt, ist wohl darauf zu 
beziehen, dass viele Tuberkulöse der vorausgebenden Influenzaepidemie zum 
Opfer gefallen waren. Jedenfalls darf man daraus nicht auf ^n andauerndes 
Sinken der Tuberkniosesterbllehkeit, etwa infolge der seit 1890 yielteeh 
durchgeführten prophylaktischen Massrepoln schüossen,' 

Auch im öiebenten Gesamuitijericht üt)er das Sanitäts- und Medicinal- 
wesen in Berlin und Charlottenburg von W ermch und Öfkingfeld über die 
Jahre 1892 — 1894 finde ich eine Zusammenstellung der Zahl der Todes- 
Alle an Tuberkulose von 1881 »1894. Die Zahlen betreffen nur Langen- 
urd Hnlsschwindsucht (ohne Lungenblutsturz) . sind daher mit geringen 
Abweichungen die gleichen wie die meinigen. Die Autoren meinen überein- 
stimmend mit der im Mlnisterlal- Berieht geäusserten Ansieht, da die Proeent- 
sabl der Todesfälle an Tuberkulose eine beinahe t^loiche p:eblieben, dass bis 
Jetzt die BourtheilunjT des Erfolges der hygienischen Massnahmen doeh sehr 
vorsichtig geschehen müsse. 



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Lungenheilitfttteii. 



199 



Tbatsäcblich ist in Berlin eine jährlich fortschreitende Verringe- 
tnng der Todesf&lle an Taberkalose im Verh&ltDisa snr Ein- 
wohnerzahl s^elt 1887 festzustolIoD. Im Verh&ltniss rar Zahl der Ober- 
haupt Verstorbenen zeigt die Tuberkulose keine Abnahme, sondern in den 
einzelnen Jahren ein wechselndes Verhalten. 

Ans allen diesen statistischen Darleprun^en ist klar, dass die Taber- 
kulose die weitaus grösste Zahl von Todesfällen im Deutschen Reiche (wie 
in Freussen und Berlin i und im Auslande hedinpft, dass keine andere Krank- 
heit auch nur annähernd so viele Opfer fordert, und ausserdem dieselben im 
bIQhendBten und arbeitsfähigsten Alter dahinrafft 

Obwohl also die Lnogensohwindsueht eine Volksseoehe darstellt, welche 
mehr Opfer in jedem Jahre fordert als die furchtbarsten Kriege, Kata- 
strophen oder andere ansteckende Krankheiten, wie z. B. die Cholera, hatte 
man dennoch bis vor mehreren Jahren der Herrschaft der Krankheit in 
Deutschland freien Lanf gelassen. Der dentsch-ffraasSslsohe Krief des Jahres 
1870/71 forderte 43.000 Opfer; an Tuberkulose geht in jedem Jahre hi 
Deutschland die vierfache Zahl von Menschen zu Grunde. Nach Lohmann 
starben in Preussen von 1831 — 1870, d. b. in 40 Jahren 343.593 Menschen 
an Cholera, wfthrend an Tuberkulose jiUirllcb Ober 90.000, also in 40 Jahren 
3*/s Millionen Personen an Omnde Idingen. 

Von 10000 Personen starben ia Preuflsen 1848—1859 in 12 Epldemipiabren 8.4ß an Cholera 
* 10.000 > > > Bayern 1836-1874 > 4 > 6,52 > » 

> 10000 » » > SaelweD 1836-1878 » 11 • 7,73 • » 

al»o durchschnittlich 7,67, wihrend an Tuberkulose {fthrlieh etwa 

85 von 10.000 starben (KOchlbr). 

Man kannte und beobachtete die Heilerfolß-e , welche in den wenigen 
bestehenden Anstalten für Wohlhabende in Deutschland erzielt wurden, 
welche 25% betragen, man wusste auch, dass in ausserdeutschen Lftndern, 
▼onQglich Kn;;Iand und Amerika, zahlreiche solcher Heilstätten für weniger 
bemittelte Brustkranke bestanden und ^-ule Ergebnisse hatten, aber dennoch 
geschahen nicht die zweckmässigen Schritte, um dem weiteren Vordringen 
des Feindes zu begegnen. 

Einige Zahlen Aber die Hdlerfolge mögen an dieser Stelle erwihnt 
werden Nach der Zusammenstellung von Liebe erw&hnt Dettweii.br 18*/t 
Heilungen, Kketschmkk 14,5"',, (20°\, arbeiten wieder), Driver und Wolfp 
l3,t)6«/o (28,02% bedeutend ifebessert; nach 14 Jahren waren y% aller Be- 
handelten noch gesund). In 11 Jahren fand Brbhmbr 26,6% Heilungen. In 
England Ist die Zahl der Todesfille au Phthise seit 50 Jahren um die HUfte 
gesunken. 

Naturlich fehlte es nicht in der Zwischenzeit an Empfehlungen von 
Mitteln gegen die Phthise. Sie allo anfeusfthlen, gehört nicht In den Rahmen 
dieser Arbeit ; es mag nur benrorgeboben werden, dass neben den einzelnen 
chemischen, organischen und anorpranischen Stoffen, roch mehr oder weniger 
verwickelte Verfahren, allerdings häufig mehr aus Gründen der Speculation 
als um wirklich der Sache zu dienen, angepriesen wurden. Die Misserfolge, 
welche beim Versuch aller Medicamente und Methoden sur Bekämpfung der 
Schwindsucht eintraten, mochten dieselben auch aus berufenstem Munde 
stammen, führten allraälig zu einer dumpfen Resignation. Man nahm die 
auf der gesammten Menschheit lastende Plage als etwas Unabänderliches 
hhi, denn die geringe Zahl der Kranken, welche In den vorhandenen Lungen- 
heilanstalten Rettung fanden, konnte zu der Masse von Personen, welche nicht 
in der Lage waren, jene Heilstätten aufzusuchen, ja kaum in s Gewicht fallen. 
Von allen jenen empfohlenen Mitteln kann wohl nur das Kreosot, beziebungs* 
weise Ouaiaool Aasprudi eriieben, einigermassen von Wirkung bei den 
Phthlsikem su sein, obwohl die Art und Ursache dieses Einflusses bis Jetst 



200 



LongenheilstätteD« 



Mich noch streitig und in Iceiaer Weise festgestellt ist Sicher ist, wie ich 
selbst bei einer grossen Zahl von Phthisikern zu sehen Gelegenheit hatte, 
dass während der Zeit der Darreichung des Mittels viele Kranke sich wohler 
fflhlen und theilweise quälende Erscheinungen verlieren. 

Ich kann Vollard nicht gans beistimmen, wenn er sidb so sehr gegen 
die grossen Gaben von Kreosot erklärt; einzelne Phthisiker vertragen aller- 
dings das Mittel nicht, bei einer recht bedeutenden Zahl aber sah ich unter 
dem Kreosotgebrauch Steigerungen des Appetits, und zwar nicht nach 
kleinen Gaben, sondern erst nadi anhaltenderem Gebrauch höherer Dosen. 
Dass diese also so ti^e Hsgenstömngen bewirken sollen, kann Ich nicht 
bestätigen, wohl aber, dass bei einigen Kranken der Appetit schwand, sobald 
Kreosot ausgesetzt wurde, um sich beim Weitergebrauch des Mittels — 
aber gar nicht in so kleinen Mengen — sofort wieder einzustellen. 

In den englischen Hospltfttem fllr Brustkranke, besonders in Ventnor 
auf der Insel Wight, im Brompton Hospital und City of London Hospital 
for diseases of the ehest in London, wird Kreosot und Guaiacol in sehr 
grossen Gaben verordnet. Dr. Coghill* Ventnor benutzt mit Vorliebe IJnter- 
haotefaispritsungen des Mittels, wihrasd In den beiden letzgenannten An- 
stalten Inhalatorien für Kreosotdämpte vorgesehen sind, in denen die 
Kranken ein bis zwei Stunden lang verweilen. Auch ])ei HronchiektÄsien 
nicht tuberkulösen Ursprungs wird im City of London Hospital guter Er- 
folg mit den Kinatbmungen erzielt. Wie ich mich persönlich überzeugen 
konnte, ist der Aufenthalt in diesen Räumen fQr Personen mit gesunden 
Atbmungswerkzeugen kaum erträglich, selbst wenn der Verdamptungsapparat 
einen Tag vorher in Thätigkeit gewesen. 

Nach diesen kurzen statistischen und therapeutischen BemerkuDgen 
soll ietst die *Heilstftttenbewegung«, wie sich dieselbe seit etwa 15 Jahren 
entwickelt hat, beschrieben werden. 

Wie oben bereits dargelegt, hatte Brehmer 1855 die erste Anstalt 
zur Behandlung Lungenkranker in Deutschland errichtet. Sein erwähntes, 
im Jahre 1869 eraeblenenes Werk beginnt er mit den der »Hedicinisohen 
Reform« von Virchow und Rbimhardt entlehnten Worten: »Epidemien 
gleichen grossen Warnungstafeln, an denen der Staatsmann von grossem 
Styl lesen kann, dass in dem Entwicklungsgänge seines Volkes eine Störung 
eingetreuu ist, welche selbst eine sorglose Politik nicht länger übersehen 
darf.« Und etwas weiter fahrt Brehmkr an, dass Virchow vor einigen Jahren 
(d. h. damals) es mit Recht als »die Aufgabe der Menschheit, jetzt die Lungen- 
schwindsucht zu überwinden, wie der Scorbut des Mittelalters überwunden 
ist-, bezeichnet habe. Was also bereits 1869 von Virchow angeregt wurde, 
scheint Jetst nach beinahe 30 Jahren endlich begonnen werden zu sollen, 
denn mit einigen wenigen, noch dazu nur Wohlhabenderen zugänglichen 
Statten konnte ja nicht tlarun gedacht werden, der Schwindsucht, welche 
ja überwiegend die wirtbscbafllich Schwächeren heimsucht^ Herr zu werden. 
Zu diesem Behufe konnten und kSnnen natflrlich nur zahlreiche Anstalten 
ffir weniger Bemittelte und gänzlich Unbemittelte, in welchen eine nach 
gleichen Grundsat/cn frch'itete Behandlung wie in den bereits vorhandenen 
Anstalten für Wohihatiendere «'rfolut. in Frage kommen. Diese Pürkenntniss, 
welche beute selbstverständlich erscheint, hat sich erst mühsam und lungsam 
Bahn gebrochen. 

In der zweiten Sitzung der IV. Jahresversammlung des »Internationalen 
Veroins trecren Verunreiniguntr der Flusse, des Bodens und der Luft« am 
14. September 1880 zu Mainz sprach A. VuGT-Bern über »Schwindsucht und 
Höhenklima«. Das Referat dieses Vortrages, welches in der unter Redaction 
von Prof. Karl Reclam erscheinenden »Gesnndheitc. Zeitschrift für öffentliche 
und private Hygiene, Nr. 24 des Jahrganges 1880 abgedruckt ist, lautet: 



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Lungenheilstätten. 



201 



»Die neuesten Untersuchungen, welche in Bayern und der Schweiz 
angestellt wurden, haben bestätigt, dass die Schwindsucht in zunehmender 
Höhenlage abnehme, waa mit den Erfahrungen nnd Brhebnnfpen der frQheren 
Zelt flberein stimmt. Physiologische Forschungen ergaben nun bekanntlich, 
dass für die Gesundheit des menschlichen Organismus eine bestimmte nor- 
male Sauerste ffmenge nothwendig sei, dass dieses Bedürfniss sich nach dem 
Oewiehte des Sauerstoffes richtet, welche Gewicbtsmenge aber je nach den 
Verinderungen des Lnftdmdces in ebiem grSsseren oder kleineren Volumen 
von Luft enthalten sei. Es müs^pn also zur Befrfpflitriin*; dieses Bedürfnisses 
verschiedene Mengen Luft eingeathraet werden, je nach dem geringeren (uier 
höheren Luftdruck und auf der Höhe, wo leichtere Luft ist, natürlich eine 
grossere Luftmenge als am lleeresstrande oder in der Ebene. Infolge dessen 
Qbt das Höhenklima einen michtigen EinfloM auf unsere AthemvorgSnge 
aus. gegen welchen jede wUlkOrliche Athmungsgymnastik in der Ebene weit 
zurücktreten muss, weil beim reichlichen Einathmen von Luft in der Ebene 
(las normale SanerstoffbedBrfnfss flberschritten und die Bilans des Stoff- 
wechsels hiedurch gestört wird. Das Höhenklima führt durch seinen nnunter- 
brochentn Einfluss die Einwirkung täglich 24 Stunden lang aus, während 
die willkürliche Athmungsgymnastik sich nur auf kurze und gegenüber dieser 
Zeitdauer unbedeutende Fristen zu beschränken hat, wobei die Thätigkeit 
des Heraens gleichseitig fai höherem Grade angeregt wird, bi Europa sterben 
alljährlich an der Phthlsls von je einer Million Einwohner nahezu 30Q0 ; 
will die Hyfriene diese zahlreichen Opfer verringern, will sie die Schwind- 
sucht wirklich bekämpfen und sich nicht darauf beschränken, theoretisch 
nur fiber die Nachtheile sn sprechen, so mössen Volks-Sanatorlen auf 
geeigneten Höhen angestrebt werden, welche nicht nur der geringen Zahl 
der Wohlhabenden erreichbar und benutzbar sind, sondern welche in erster 
Linie den weit zahlreicheren Hilfsbedürftigen der ärmeren Ciassen auch zu 
Oute kommen, weldie jetst infolge der besdirftnkten Mittel der Hilfeleistung 
vi^aeh entbehren und dasn verurthellt bleiben, langsam hinsusiechen. Redner 
macht eine Reihe sehr beherzigenswerther Vorschlilge Sur Ausfflhrung dor 
von ihm empfohlenen Sanatorien.« 

Weder dieser Hinweis, roch ein zweiter, welcher sich in Nr. 34 des 
Jahrganges 1882 der »Gartenlaube« vorfindet, bat Erfolg gehabt. An lets* 
terem Orte veröffentlichte Dhiver unter dem gleichen Titel »Schwindsucht 
und Höhenklima einen Aufsatz, in welchem er in volksthfimlicher Dar- 
stellung den damaligen Standpunkt der Schwindsuchtslehre darlegte, nach 
welchen die Lungenschwindsucht mit der chronischen Lungenentsfindung 
gleichgesetzt wurde. Ans Jenem Artikel mögen einige hier interessirende 
Punkte besonders hervorp:<'hoben werden. Driver empfiehlt die Errichtung 
einer Qebirgs-LungenbeilaDätalt in |eder dazu geeigneten deutschen Provinz. 
Da aber der Aufenthalt in diesen stets auf mehrere Monate zu veran- 
sohlagen Ist, so gehört sar Heilung einer Lnngenkrankheit immeriiin ein 
Capital, welches für Unbemittelte und minder Vermö^-ende unerschwinglich ist. 
Und tTPrade unter dipsor Classe finden sich naturj^emäss die meisten Opfer 
der ScbwinUsiUcht. Deshalb entspricht das Verlangen des Prof. V'^oüt nach 
Schaffung von Höhen- Volks-Sanatorien einem wirklichen Bedflrfnisse. 

Ich habe diese Darlegungen wörtlich angeführt, um tu zeigen, dass 
eine erhebliche Uehereinstimmung zwischen den heutigen und damaligen 
Forderungen betreffs der Errichtung von Lungenheilstätten vorbanden ist. 

Gans besonders sind diese bertits vor langer Zeit eriiobenen Forde- 
rungen bemerkenswert b, als sie in einer Periode geschehen, wo man noch 
keine fxlpr nur geringe Kenntnisse vom Dasein und der Bedeutung der 
Tuberkelbaeillen hatte. Heute ist nicht nur die hygienisch-diätetische Be- 
handlungsmethode, die in jenen Anstalten geübt wurde, als beste und wirk- 



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202 



LaDgenbellstäMen. 



II 



samate anerkannt, sondern vor allen Dingen auch der Aufenthalt in einer 
Anstalt «la der für LoDgenkranke geeignetste angesehen, da dieselben hier 
ganz besonders alles das lernen, was ffir sie und ihre Tmirebun^ von 
Vorlheil ist. In den Anstalten und besonders in den Voll^sheilstätten lernen 
die Kranken, wie sie mit ihrem Auswurfe umzugehen haben, nachdem 
man dnreh Cornbt's Untersnobnngen erfahren, dass nicht etwa die einen 
Phthisiker umgebende Luft ganz von dessen AusdQnstungen verpestet sei, 4 
sondern, dass die Bacillen sich im Auswurfe befinden und daher die rieht is:? 
Behandlung dieses besonders wichtig sei. Trocknet der Auswurf, so 
gelangen die Bacillen von dem Orte, wo sie sich befinden, mit dem Staube 
in die Atmosphire und kennen dann von anderen Individuen eingeathmet 
werden und in diesen ihre verderbliche Wirkung entfalten. 

Ks ist besonders wicliti^r, gerade Kranken im Betrinne des Leidens 
den Aufenthalt in den Anstalten zu ermöglichen. Die Erkennung der Anfangs- 
stadien der Phthise ist natürlioh nur dem Arzte mi^ldi; sie ist aber, 
wie |eder erfahrene Arzt hinlänglich weiss, selbst bei grosser Uebung und 
selbst unter Zuhilfenahme des Bacillennachweisos bisweilen sehr schwierig. 
Letztere fehlen ja häufig im Anfange der Krankheit, und man findet in 
elnselnen Berichten von Anstalten Phlhlsen ohne Bacillenbefund en^hnt. 

Im Jahresberichte des Frankfurter Vereines lOr ReconvaleNcenteo- 
Anstalten für 1895 96 äussert Nahm: »Man wird immer wieder der Meinung 
zugedrängt, dass es auch eine nicht bacilläre Phthiine giebt, wenn man so 
viele Fälle zu Gesicht bekommt, die alle Zeichen der Phthise darbieten, 
doeh nie Bacillen Im Auswarfe finden lassen.« 

Ein wirkungsvolles Vorbeuguntrsmittel gegen die Verlireitung der 
Tuberkulose sehe ich nun in der boständiir wiederholten Unterweisunir und 
Aufklärung des Volkes über das Wesen, die Möglichkeit der Prophylaxe und 
die Heilbarkeit der Phthise, welche auch von Gebhard in seinem noch sn ■ 
erwähnenden Vortrage als wQnschenswerth erachtet wird. Solches soll ja 
auch, was ich sehr wohl wei.ss und auch anerkenne, durch den Aufenthalt 
in den Heilstätten geschehen; die entlassenen Kranken, mögen dieselben , 
g^dlt, gebessert oder angeheilt sein, werden die Lehren, welche sie In 
den langen Monaten in den Anstalten in sich anfgenommen. nicht nur 
selbst beherzigen, sondern auch in ihren ei^pnen tind anderen Hausstflnden 
weiter verbreiten, so dass die in den Heilstätten erworbene hygienische 
Disciplin auch fortgesetzt gute Früchte trägt. Ich gehe aber noch weiter. 
Ich verlange In allen den Unterweisangsenrten, welche Ober Oesundbeits- 
und Krankenpflege an Laien ertheilt werden, Aufklärungen über das Wesen 
der Schwindsucht, dass dieselbe heilbar sei, in Anfangsstadien bierfür ganz 
besonders gute Gewähr gebe un i nur in Anstalten zu bebandeln sei. Be- 
sonders mnss Ober den Auswarf und dessen Behandlung Belehrung geschaffen 
und dem Volke die Furcht vor dieser Krankheit genommen werden, welche 
derartig ist, dass Aerzte es gewöhnlich für nicht angebracht halten, einen 
Menschen über den kranken Zustand seiner Lungen aufzuklären. Dies kann 
und muss in schonender Welse geschehen, aber geschehen muss es, zugleich 
mit dem Hinweise, dass der Zustand heilbar sei, wenn sofortige Behandlung 
eintrete. Die Verheimlichung dos wahren Leidens kann dem Patienten nicht 
nutzen, sondern nur schaden ; er kann ja nur zum Aufenthalte in einer Heil- n 
anstalt veranlasst werden, wenn er die Art und Beschaffenheit seines 
Leidens kennt. 

Von den zeitlich nächsten in Deutschland hervorgetretenen Bestre- 
bungen für Errichtung von liUngenheilstRtten ist ein auf Veranlassung von 
Thilbnius von Güldschmiot- Heichenhall gehaltener V' ortrag zu nennen, 
welcher am IS. Mira 1887 in der balneologischen Section der Oesellscbaft 
ffir Heilkunde mit treffenden Worten die Verhftltalsse der wenig bemittelten 



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L u n gc n h e ilstätten« 



Phthisiker schilderte. Auch dieser vor 10 Jahren grehaltene Vnrtrap: enthält eine 
Fülle beacbtens werther Winke, auf welche umsomehr aufmerksam zu machea 
ist, als gerade Jetst, wo yon vleleti Selten die Bearbeltans und praktisebe 
DurchfQlirnnK der Errichtnng der V'olksheilstätten ins Werte gesetzt wird, 
nicht immer die Arbeiten und Gedanken früherer Autoren g;enfip:ende Be- 
rücksichtigung finden. In einzelnen Punkten ist allerdings Golüschmiüt 
nicht Kuzustimmen, z. B. wenn er sagt, dass dem armen Schwindsüchtigen 
das Krankenhaus nnr in Ansnabmerällen an Gebote stehe. Die allgemeinen 
Krankenhäuser sind sehr wohl, hpsnnders in Deutsrhiand und Berlin, auf 
welche Goluschmidt sich <i:fTa(ie bezieht, den Schwindsüchtigen geöffnet, 
aber dennoch müssen Sunderanstalten für dieselben errichtet werden, und 
swar ans den OrOnden, welehe v. Lbydsr in einem noeh an erwihnenden 
Vortrage auseinandersetzte. Güldschiudt wflnaoht »nicht etwa casemirte 
Institute, nicht durchaus Spitäler«, sondern von einem Mutterhause ab- 
hängige Colonien, wie sie für Geisteskranke bestehen, obwohl er die guten 
Erfolge der Behandlung in geschlossenen Anstalten sehr wohl anerkennt. 
Er meint aber, dass einzelne, vemfinftige Menschen auch ausserhalb einer 
geschlossenen Anstalt ein zweckentsprechendes Lehen zu führen im Stande 
sind, und in diesem Punkte ist ihm wohl nur zuzugehen, dass diese »ver- 
Dünftlgen« Menschen so vereinzelt sind, dass man im Grossen und Ganzen 
nur sagen kann: 

Die Behandlung der Lungenkranken hat mdglichst In einer 
geschlossenen Anstalt stattzufinden. 

OoLDSCHMiUT führt seinen Gedanken noch weiter aus, dass er die 
Kranken unter steter ftrstlicher Controle als freie Arbeiter behandelt wissen 
will. Nicht jeder Schwindsüchtige ist arbeitsunfähig, er soll allerdings nicht 
in der Fabrik weiter arbeiten, aber doch auf dem Lande. Man hat diesen 
Gedanken jetzt in vielen Anstalten verwirklicht; jedoch scheint es aus 
socialen Qrflnden nicht so gans einfach, die Kranken, welche monatelang in 
den Anstalten zuzubringen haben, passend su besch&ftigren. Die Kranken 
würden, und vielleicht mit Recht, dagegen einwenden, dass sie nicht zum 
Arbeiten, sondern um Heilung zu finden, sich in der Anstalt befänden, und 
es können hierdurch mancherlei Unzuträglichkeiten entstehen. Es erscheint 
tiberhaapt nicht gans einwandsftrei, langenkranke Personen mit Landarbeit 
zu beschäftigen, selbst wenn ftrstllche Aufsicht, wie dies ja natflrlloh, vor^ 
banden ist. 

Genau einen Monat später fand, wie bereits oben erwähnt, unter 
V. Lbtdbn^s Vorstts auf dem VI. Congress fOr Innere Medicin su Wiesbaden 

am 13. April 1887 eine Erörtemng über die gleiche Angelegenheit statt, 
bei welcher der Referent Dkttweiler folgende Schlusssätze aufstellte : 

>1. Eine specifische Behandlung der Phthise giebt es noch nicht, alle 
in dieser Richtung angestellten Versuche haben noch keine Entscheidung 
gebracht 

2. Die bis jetzt rationellste Behandlung hat das Ziel, den Qesammt- 
stoffwechsel zu normalisiren, die Ernährung und Function aller Organe auf 
den für das betreffende Individuum physiologischen Punkt zu bringen, um 
beeonders das von dem Vhrus bedrohte Organ snr wirksamen Abwehr an 
hefähfgen. Ausser der mOgUehst dauernden Einwirkung der reinen, anregenden 
Luft und der bis zu einem gewissen Grade nöthigen Uebernährung. ausser 
der Abhärtung, der Vorbeugung oder coupirenden Behandlung capillar- 
bronchitischer Znstilnde und der individuell angepassten Trainirung zu 
körperlichen Leistungen, nachdem dnreh Ulngere Ruhecur an der Luft die 
Besserung angebahnt ist, sowie ausser der symptomatischen Behandlung 
des Fiebers ist die Abhaltung aller, den Kampf zu Ungunsten des Organismus 
beeinflussender Schädlichkeiten von der allergrössten Bedeutung. Es muss 



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I 



204 Limgeohellstfltten. 

also eine Gesammtbebandlung in körperlicher wie geistiger Beziehnng^ ein- 
treten, deren Stärke in dem Angriffe g-egen die allerersten Symptome 
leglicber Art gelegen ist. 

3. Ein sppcifisches wie ein wirklich immunes Klima giebt es nicht; 
der Werth eines Klimas bemisst sich darnach, wie weit gewisse Eigen- 
seluften deaaelben die Erreichang der unter 2. aufgestellten Forderungen 
ereohweren oder fördern. Die PbtUae kann in Jedem von Extremen freien 
Klima geheilt werden ; die Individuellen Zustande des Kranken entsrheiden 
allein die Wahl. Für die QenesuDg eutecbeideu in erster Linie die Lebens- 
weise und die Methode. 

4. Das Omndübel der heutigen Phthiseotherapie ist der in der Tiefe 
der Geister wurzelnde Unglaube an wirksame Hilfe bei unserer Krankheit. 
Wir müssen, um nachhaltige Erfolge zu erzielen, mit errosserem Ernste an 
die Krankheit herantreten, müssen die frühesten und für die ieweiiige Lage 
des Kranken bSehsten möglichen Opfer fordern, das selbttftndige und selbst- 
gefällige Flaneurthum der Kranken an den südlichen Stationen, die Doppel* 
tfiuschung einer Sechswochencur im Bade- oder Oebirgsorte müssen einen 
durchgreifenden Wandel erfahren. Die verschleiernde Diagnose »Spitzen- 
katarrh« ist vom Uebel, isolirter Spitzenkatarrh ist schon Phthise. 

6. Die Beziehungen des Ante« zu seinem Kranken mOssen onnnter^ 
hrocbene, nieht im Belieben des letzteren stehende sein. Ganz und voll 
kann dieser Forderung, sowie den meisten übrigen nur die strenge Anstalts- 
behandlung, das Specialkrankenhaus entsprechen, denen meines Erachtens 
die Znkonft der Phthiseotherapie gehört. Das pädagoglsehe und psychische 
Moment spielt in der Behandlung eine hervorragende Rolle. Darum muss 
der Arzt eine feste Ueberzeugung, einen beherrschenden Willen haben. Er 
bedarf der grössten Geduld und Hingabe, eines gewissen Gemüthsverständ- 
nisaet f8r den Leidenden and mnsa daher, am NoTBiiAOiL*a MdiSnea Wort 
hier anzufOhren, in diesem Betracht auch ein gnter Mensch sein, soll 
er ein guter Lungenarzt sein.« 

Im Jahre 1888 wurde vor einor Subcommission der städtischen 
Deputation für Gesundheitspflege iu lierliu, nachdem mehrere Jahre vorher 
bei den stftdtischen Behörden der Oedanke, besondere Anstalten tOr Tuber- 
kulöse zu begründen, angeregt war, die Frage eingehend und grOndlioh 
l)erathen. Ks wurde folgender Bescbluss angenommen: 

»Mit Rücksicht auf die grosse und voraussichtlich zunehmende Zahl 
der chronischen Brustkranken, welche in die stAdtischen Kranken- und 
Siechenanstalten aufgenommen werden müssen, ist die Errichtung einer 
besonderen Heil- und Pflogeanstalt für solche Kranke in der Umgegend 
der Stadt dringend wünscbenswerth. Zunächst würde für etwa 400 Kranke 
zu sorgen sein.« Trotz dieses Beschlusses wurde in der Deputation selbst 
gegen die Stimme des Referenten Wassbrfuiir die Erledigung der Ange» 
Icgenheit auf vorläufig ein .lahr vertagt, da anderweitige grosse sanitär*' 
Aufgaben für Berlin zu erfüllen waren, und die Angelegenheit für noch nicht 
spruchreif erachtet wurde. Spinola schilderte diese Verhältnisse in einem 
Vortrage in der Deutschen Oesellsohaft ffir öffentliche Oesundbeit^ptlege 
1889 und besonders auch die von ihm selbst gegen eine allgemeine Heil- 
and Pflegeanstalt für Schwindsüchtige geltend gemachten Gründe. Nach 
den von ihm angeführten Zahlen starben in den U grossen öffentlichen 
Berliner Krankenhäusern durchschnittlich jährlieh von 3000 mit Sehwindsucht 
Aufgenommenen mehr als 1600. Im Charite-Krankenhause selbst wurden 
1882 aatfrenominea 918 SebwindaOcbtijire» von deaea 404 8t&rb«n 
18R3 » 1097 » » » 527 » 

1S84 » 10<>4 » » . 444 » 

IbHö » 1189 » . » 527 » 

18N6 > 975 > • >• 426 > 



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LnngenhellBtAtten. 



205 



Durchschnittlich wurden 1036 Pbthisiker behandelt, von denen 4G6 
veFstarben; im Ganzen starben in der Cbaritö ]&brllch durchscbnittlioh 
1927 Personen. Da la diesen Zahlen noch die der anderen Krankenh&nser 
kommen, so würde, folgert Spixola, di(^ neue Pflegeanstalt ein Krankenhaus 
werden, in welrhem SO" o der Insassen sterben, und aus Gründen der Mensch- 
lichkeit müsse man von der Errichtung einer solchen Anstalt absehen. Nicht 
ganz mit Unrecht würde der Vorwurf eriioben, daas in den letsigen Sffentlicben 
Krankenhäneern nicht genügend für die Scbwindtfioiitlgen gesorgt werde, 
was Spixola anscheinend der ärztlichen Fürsorge entcregenhält. Die aus- 
scbliessliche Behandlung von Phtbisikern sei für einen Arzt »sehr einseitig«; 
Ansteckungsgefahr durch Phthisiker für andere Kranke sei In hygienisch 
gehaltenen Krankenh&nsem nicht sehr gross. Die Discusslon über diesen 
Vortrag- gestaltete sich sehr lebhaft und ich führe sie aus dem Grunde 
etwas ausführlicher hier an, weil in ihr die Meinungen der Anhänger und 
Gegner besonderer Lungenbeilanstalten deutlich zum Ausdruck gelangten. 
Pbtri hob hervor^ dass die Errichtung von Sanatorien In derN&he grosser 
Städte erstrebcnswerth sei, wenn tbatsächlich Heilung-en, nicht vorüber- 
gehende Besserungen erzielt weiden sollten; mit der Errichtung der letzteren 
sei ja wohl die Aufgabe allgemeiner städtischer Krankenhäuser erfüllt, in 
ienea Sanatorien kSnne aber eine Heilung der geeigneten Kranken unter 
speeialirztlicher Behandlung sehr wob! erfolgen. Gegen die Anlage von be- 
sonderen Schwindsuchtshospitälern erklärte sich noch MEHLHAt'SKn, der den 
gleichen Grund wie ViRCUüw gegen dieselben vorbrachte, dass in kurzer 
Zeit die Anstalten mit Unheilbaren gefüllt nein wflrden. Cabl FRABmBL betonte 
die Uebertragbarkeit der Tuberkulose, welche ein ganz bedeutender Qrund 
sei , die Phthisiker von den Gesunden zu trersren und in besonderen An- 
stalten unterzubringen. Auch Lazarus erklärte sich für Heilanstalten, wünschte 
aber, dass dieselben nur heilbare Kranke aufnähmen. Die meisten Mediciner 
stellten sich in lener Versammlung auf gleichen Staadpunkt, dass die 
Stadt Berlin eine Lungenheilanstalt erbauen solle. Es wurde auch von Ein- 
zelnen hervorgehoben, dass eine Anstalt in der Nähe Berlins nicht errichtet 
werden könne, sondern in einer »schwindsuchtsfreien Zone«, als welche 
Wbyl den Harz und Schlesien la Vorschlag brachte. Spinola schloas die 
Erörterung mit den bemerkenswerthen Worten: 

»So sehr wünschenswerth es auch sein majr. Sanatorien zu errichten, 
so glaube ich doch, dafür hat die Stadt Berlin kein Geld; eine Pflegeanstalt 
aber würde ebenfalls viel Geld kosten und nicht ein Act der Humanität, 
sondern der Inhumanitftt sein.« 

Nur fünf Monate sp?lter hielt an demselben Orte v. Levdrx einen Vor- 
trag »Ueber Specialkrankenhäuser«, in welchem er mit voller Energie 
für die Errichtung von Sonderheilanstalten für minderbegüterte Phthisiker 
^trat, nachdem kurze Zeit vorher auf t. Lbydbh's Veranlassung eine ausser- 
ordentlich inhaltsreiche Dlscussion über den glichen Gegenstaad im Verein 
für innere Medicin zu Berlin stattgefunden. 

Die jetzige Heilstättenbewegung ist — für Deutschland wenigstens — 
mit V. Lbydbn'b Namen so innig verknüpft, dass gerade die Ansichten des 
Berliner Klinikers Ober diesen Gegenstand, welche er in mehreren ausge- 
zeichneten Vorträgen zum Ausdruck gebracht, an dieser Stelle weitere Er- 
wähnung finden müssen, v. Levdex hat in jenem Vortrag, in welchem er die 
Errichtung von Specialkruikenhäusern als dringendes BedQrfniss betonte, 
wohl Alles beigebracht, was Qbw diese Frage zu sagen ist, so dass eigent- 
lich von den zahlreichen Forschern, welche diese Angelegenheit gleichfalls 
erörterten, später wenif? Neues oder rrsprüngliches gesag:t ist. 

V. Leyd£N hält für das beste Krankenhaus »dasjenige, in welchem 
die meisten Kranken gesuad werden und in welchem fQr die gute 



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206 



Lung«nbell8tfttten. 



Behandlung Aller, auch der Schwerkranken, die zweckmässigsten und aus- 
reiehendaten Mittel yorhanden sind«. In einem Speefatkrankenhaue alod die 

Einrichtungen nach diesem Ziel bin eoneentrirt, und es entspricht eine solche 
Anstalt diesem Zweck am meisten. »Das Vorständniss für die zahlreichen 
Aufgaben und Rücksichten, für ausserordentliche Sorgfalt und das Eingehen 
auf die IndlTidoellen BedflrfDteae der Kranken wird auch der Binsiclit die 
Bahn öffnen, dass die grossen allgemeinen Krankenhäuser nicht im Stande 
sind, nach dieser Richtunic: hin das Reste zu leisten. Das Beste kann nur 
geleistet werden in beschränktem und concentrirtem Wesen, wenn alle Ein- 
richtungen gleichsam nach dem einen Ziele streben, die Leistungen der ärzl> 
liehen Knnet und Bebandlans; auf die mSgllelut bdehste Stufe au bringen.« 
Auch die directen Mittel der Behandlung Bind ia für die einzelnen Gruppen 
von Kranken verschiedene und können nicht gleichmässig für ein grosses 
Krankenhaus eingerichtet werden. »Auch die Aerzte sind heutzutage kaum 
Im Stande, mit firl^Icbrnteei^r Kenntniee and Genaaigkeit alle Formen von 
Krankheiten zu behandeln. Es ist sozusagen die Kunst des Arztes auch auf 
bestimmte Gesichtspunkte gerichtet. »In {gleicher Weise, wie die .Aerzle sich 
in Specialitäten theilen, ist es auch bei den Krankenhäusern. Oleicbmässige 
Behandlnngr nnd ansreicbende Binrichtungen in einem allgemeinen Hoipital 
für alle Krankheiten aind schwer beizustellen. »Die gn'osse Complioirtbelt der 
Verhältnisse, das grosse Material der Kenntnisse und ebenso das grosso 
Material der Mittel, welche für die Behandlung erforderlich sind, machen 
es schliesslich fast zu einer Unmöglichkeit, Alles gleicbmässig in einem ein- 
a^n Rahmen an umfaaaen.« v. Lbydbn vertrat aooh in diesem Vortrage den 
gleichfalls von Anderen hervorgehobenen Standpunkt, dass es die dringlichate 
Aufgabe sei. für die Minderbegüterten zu sorgen, d.h. für diejenigen, 
für welche in Fällen von Krankheiten am schlechtesten gesorgt ist. Die 
Wohlhabenden können fflr sieh selbst sorgen ; für die Aermeren sorgt die 
Gemeindeverwaltung, ferner für Viele die durch die sociale Gesetzgebung, 
Krankencassengesetz etc. geschaffenen Einrichtungen. Jene mittlere Cl'isse 
ist diejenige, »weiche im Durchschnitt durch ihre Arbeit einen genügenden 
Lebensnntwbalt erwirbt, ja selbst xum Theil Ober das Genügende hinaus, 
80 daas sie an einen gewissen Luxus und Comfort gen^hnt ist Aber ihr 
Wohlergehen ist abhängig von ihrer Erwerbs- und Arbeitsfähigkeit; sowie 
diese aufhört, treten gerade luv diese sociale Classe die allerungünstiirsten 
Verhältnisse ein, weil sie schon grössere Ansprüche an das Leben macht, 
aber auf eigene Selbsthilfe angewiesen ist. Niemand sorgt fSr nie in der 
Notb. Arst, hilf dir selber! heisst ea. Bei kurzdauernden Krankheiten geht 
es ganz gut ; es kann so viel erspart und credit irt werden, dass sie 
während einer kurzen Krankheit nichts entbehren, sei es, dass sie sich 
an Hause behandln lassen oder kleinere und besser eingwiehtete Hospi- 
täler oder Specialkliniken aufsüchen. Ganz anders aber ist es bei lange 
dauernden Krankheiten, besonders bei der Tuberkulose, welche die Erwerbs- 
fäbigkeit erheblich herabsetzt und wiederholte, langdauernde Curen erfordert. 
Auf diese Weise kommen solche Kranke, wie wir Aerzte das genugsam 
wiaaen, In die allertraurigsten VerhUtnisae. Wenn wir ihnen ein Bad, eine 
Reise nach dem Süden, einen Aufenthalt in den jetzt bestehenden Sana- 
torien elc. empfehlen, so können sie das wohl ein- oder vielleicht auch noch 
zw^eimal leisten, sei es, dass sie ihr letztes Ersparniss aufzehren oder Unter- 
BtQtsung von ihren Verwandten erhalten; aber dann stehen sie im eigent- 
lichen Sinne des Wortes: vls-ä-vis de rien. Sie kommen in die traurigsten 
Verhältnisse, um so trauriger, da sie Besseres gewöhnt waren. Diesen armen 
Unglücklichen zu Hilfe zu kommen, ist eine edle, dankenswerthe Aufgabe.« 

Bs seigt sieh ohne Weiteres aua dieaen Ausführungen, welehe theil- 
weise wörtlich wiedergegeben sind, der Oegensats der Ansichten der compe- 
tenten Beurtheiler. 



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Lungenheilstfltten. 



207 



Im Verein fär innere Medicin hatte v. Lbydsn einige Wochen vor 
diesem Vortrage bei Oetegeniieit der Vonrtelliragf einer gehellten Kranken, 
welehe an Pyopnenmotborax tuberculosus gelitten, die Präge der Errichtung 

besonderer Heilstätten für Phthisiker gleichfalls in Anregung: gebracht, und 
die Discussion. welche hier während mehrerer Sitzungen stattfand, war ein 
Beweis, dass der Frage erhebliches Interesse entgegengebracht wurde. Es 
wurde beeebloseen, in Oemeinsehaft mit anderen Vereinen einen AossohuBs 
nur weiteren Förderung der Angelegenheiten zu bilden. 

Auch auf dem X. internationalen medicinischen Congress, welcher vom 
4. — 9. August 1S90 zu Berlin tagte, war in der 5. Abtheilung von v. Leydbn 
ein Referat über die LnngeDheilstättentfage auf die Tagesordnung gesetzt 
worden, welcbes von Hermann Weber London gehalten wurde. Dieser erachtet 
eine Behandlung: und Heilung der Schwindsucht uberall da für mos-lich, wo für 
reine Luft bei Tag und Nacht, passende Nahrung und massige Bewegung 
gesorgt werden kann. Verbesserung der Em&hrung und Kräftigung des 
gansen Körpern nnd aller Organe, besonders von Longen and Hers, bilden 
die Hanp'sache der Behandlung. 

Besonders legt er auf genaue Anordnungen über Gebrauch und Mass der 
freien Luft, der Nahrung, der Genussmittel, der Bewegung oder Ruhe, über die 
Bekleldang. Lage ond LOftung der Wobn- nnd Sehlafeimmer und die Notb- 
wendigkeit der Anpassvng dieser Einflüsse auf die Constitution Gewicht. Die 
Discussion war besonders werthvoll, als der CorreferentKRETZSCHMAR- Brooklyn 
die in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vorhandenen Einrichtungen 
sebilderte. Im Uebrigen war die Oesellscbaft ^nsümmig der Ansicht , dass 
Sanatorien zur Behandlung von Lungenkranken zu errichten wären. 

Auf demselben Congress erfolgte die Mittheilung Robert Koch s von 
der im Werke befindlichen Herstellung eines specifischen Heilmittels gegen 
Tuberkulose. Die Bestrebungen zur Errichtung von Sonderheilst&tten für 
Phtbisiker kamen in der Folge In's Stocken, da bei dem Widerstreit der 
Meinungen über den Werth des neuen Mittels an die Vollendung bestimmter 
Einrichtungen nicht gedacht werden konnte. Naturgemäss war, dass be- 
sonders in Berlin in der Zwischenzeit wenig geschah. Es wurde im October 
1892 eine Pflegeetätte fflr Lungenkranke beiderlei Oescbleebts auf dem 
lUeeelgute Malchow bei Berlin eröffnet, welche jetzt nur männliche Kranke 
aufnimmt, während die weiblichen in Blankenfelde untergebracht sind. Ueber 
^ene erste Anstalt bat sich v. Leyden in zwei Vorträgen in nicht sehr aner- 
iMniMnder Weise geäussert und bervorgebobenf das« dieselbe nieht den an 
sie SU stellenden Ansprflcben genOgre. Ans den mir sn Gebote stebenden 
Verwaltungsberichten dieser Anstalten aus den beiden letzten Etatsiahren 
1894/95 und 18'.»5/96 werde ich weiter unten Einiges mitzutheilen haben. 

Zu erwähnen ist noch aus der Zwischenzeit, dass die 17. Vorsammlung 
des Dentacben Vereines für önentUebe Gesundbeitspflege, welebe 1891 zu 
Leipzig tagte, gleichfalls die Berathung über »Sanatorien für Lungenkranke« 
zum Gegenstand ihrer Tagesordnung gemacht hatte. Moritz München hielt 
das Referat und erläuterte, dass in Bezug auf die Behandlung der Phthise 
nach Veröffentliebung des KocR'seben Mittel die gleichen Oeslehtepnnkte 
wie früher massgebend seien. Die von ihm aufgestellten nicht sur Abetim- 
muBg bestimmten Schlusssätze lauteten: 

»I. Durch die KocHsche Behandlungsmethode der Lungentuberkulose 
sind die bis dahin massgebenden Gesichtspunkte für die Behandlung dieser 
Krankheit nicht geändert worden. 

2. Bei der Lungentuberkulose hat sieh die Anstaltebehandlung als die 
erfolgreichste erwiesen. 

3. Die Anstalisbehandlung der Lungentuberkulose hat nicht nur eine 
therapeutische, sondern auch eine prophylaktische Bedeutung. 



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208 



LungcnheilstflUen. 



4. POr die Erriehtun; von Sanatorien (Heiletätten) fOr unbemittelte 

Langenkranke ist demnarh thunlichst Sorge zu tragen. 

5. Zu (lipspin Zwecke sind alle Hilfe vprsprechenden Factoren in An- 
spruch zu nehmen. Nicht nur Staat und Gemeinde, sondern auch die be- 
theiligten Caiten und vor Allem die private Wohlthätigkeit mfissen su dem 
segensreleben Werke beletenem.« 

Angenommen wurde folgender Antrag: 

»Der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege empfiehlt die 
Bildung von Vereinen, welche t»ich die Gründung von Heilstätten für be- 
dflrfUge Langenkranke rar Aa^abe maelien.€ 

Auch an anderen Orten war man rüstig vorwärts gesehritten. 

Am 28. Mai isyi ernannte die Aerztekammer für Hessen- Nassau eine 
Commission mit dem Auftrage, über die Errichtung von Lungenheilanstalten 
sa berathen and in beriebten. Der von Dbttwbilbr erstattete Berieht steltt 
ein treffendes Bild der damals herrschenden StrOmongen dar, so dasa aas 
demselben einige Punkte wiedergegeben zu werden verdienen : 

»Bevor an die Berathung der eigentlichen Aufgabe gegang;en werden 
konnte, musste noch in kurze, aber ernsthafte Erwägung gezogen werden, 
ob die Qrflndung von Heilanstalten ffir Lungenkranke, die in solehen strenge 
geübte methodische, hygienisch-diltetische und klimatische Behandlung wirk- 
lich das Beste, unabweisbar Nothwendigste und höchsten Erfolg Verspre- 
chende sei, in einer Zeit, wo noch zahlreiche offene Curorte besteben, die 
durch ilire Höhenlage, Klimaverlilltaisse, Trink- und Badewftsser besondere 
Ansprüche zu begründen streben, in einer Zeit, wo das Sueben nach epe- 
cifischen Heilmitteln gegen die Tuberkulose die Kräfte aller Forscher in 
Bewegung setzt, die Herzen alier Menschenfreunde in Hollen und Harren 
hllt Wenn auch wahrsehelnlioh die Ansieht der Mehrheit dieser Kanuner 
eine in unserem, die Anlage von Heüstfttten beffirwortenden Sinne bereits 
eine entschiedene ist, so muss doch in Rücksicht auf die mancherlei Be 
denken und Einwürfe weiterer Aerzte- und Laienkreise, deren Mitwirkunt^ 
fQr die praktische Erledigung zweifellos unerlässlich wäre, dieser Punkt etwas 
näher, als es fDr den heutigen Zweck scheinbar nöthig Ist, erOrtert werden. 

AVio schon erwälmt, iiat sich ihre Commission einstimmig entschieden 
für die Errichtung von Heilanstalten, welche die Versetzung der wenifrer 
bemittelten und armen Lungenkranken aus der Familie, aas dem Hospital 
In die besten klimatischen, hygienlsch>dl&tetisehen Veriiiutnlsse, in die Indi* 
vidualisirende Behandhing und unausgesetzte Ueberwachung dureh erfUirene 
Specialärzte mit allen zur Zeit giltigen Hilfsmitteln gestatten. 

Zur Begründang dessen nur einige Worte: 

Das Bessere ist bekanntlich des Goten Feind. 

Die Behandlung Lungenkranker im st&dtisehen oder Gemeindehoqiital 
ist allgemein als unzuISngHch anerkannt, Prof. OiRHARDT beselcbnet sie sogar 
direct als lebensahkürzend. 

Die Behandlung in sogenannten offecen Cur- und Badeorten, wo der 
Arst nur eine gelegentlieh gesuohte, berathende, niclit entscheidende Stimme 
hat über die Lebensverhältnisse und Lebensffibrung des Kranken, ist eine 
ungenügende, sie zieht ihre Berechtigung nicht mehr aus dem Nachweis 
bester Erfolge, aus der Durchführung der von der Wissenschaft und Er- 
fahrang aufgestellten höchsten Forderongen. Sie sieht ihre Berechtigung 
heute nur noch zum Theil aus dem noch vorhandenen Glauben vieler Aerzte 
an ihre Wirksamkeit . zum Theil aus der althorgobrachten Gewohnheit 
und dem früher wohlbegründeten guten Rufe, denn auch damals war das 
Bessere des Guten Feind ; zum Theil aus anderen persönlichen Orfinden 
der Patienten. Bei letxteren spielen unter bewusstem oder unbewusstem 
Versieht auf eine Summe gQnstiger Chancen der Wunsch nach grösserer 



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LungenlMilstätteD. 



209 



pertSnlielier Freiheit, nach sosenannter kOrzerer Cnrdaaer (als kSnnte eine 
Holche durch etwas Anderes als den speciellen Fall vernünftigerweise ent» 

schieden werden I i, nach billiger Lebensweise u. A. m. die Hauptrolle. Den 
streng wissenschaftlichen, auf eine möglichst klinische Behandlung zielenden 
Forderungen genügen solche »Curen« nicht, die wohl besstTe stutionüre 
Kraaken annriBchen, aber im seltenaten Falle heilen könneo. 

Fassen wir da^'egen die heutige giltige Anstaltsbehandlung d(>r Lungen- 
schwindsucht in's Auge, so ist deren Superiorität aus rein Wissenschaft liehen 
Gründen sowohl wie nach den statistisch festgestellten Ergebni^isen eine 
unbeatreitbare. Das Bestreben, diese Behandlaogsioethode doroh Brrlehtunjp 
salüreieher Anstalten and Asyle rilfemein ein- und durchzuführen, könnte 
nur dem Einwände begegnen, dass dasselbe durch die Entdeckung eines 
specUischen Mittels gegen die Tuberkulose eites Tages hinfällig würde. 
Gegenüber einem Orenilixm so hoch angesdietter und erfahrener Aerste, dem 
wir unsere Brwftfrnng unterbreiten, ist es QberflOssig (weitere Kreise müssen 
aber darauf hingewiesen werden), dass fast unmittelbar nach Haftung: und 
Entwicklung des Infectionskeimes krankhafte Zustände localer Art ent- 
stehen, die selbst im Falle der baldigen Abtödtung desselben als solche 
noch bestehen bleiben und den allsubreiten Boden fdr eine sofortige Wiedel - 
erkrankung bieten. 

Es ist ausserdem überflüssig zu sagen, dass nach kurzem Bestände 
der tückischen Kiankheit eine Anzahl lebenswichtiger Organe und bedeut- 
samer Kdrperfunctionen in den Kreis der Störungen hineingezogen werden, 
Störungen, welche keinesfalls durch ein noch so sicheres, tuberkuloeides 
Mittel ausgeglichen werden könnten, sondern eine weitere besonders ge- 
artete Behandlung heischten, die ganz und gar zusammenfällt mit den Ge- 
setzen der heutigen, vorgeüchrittenen Behandlung der Lungenphthise, zumal 
letxtere gar nicht einmal immer eine rein tuberkulöse su sein braucht. 

"Wir müssen uns ausserdem noch vor Augen halten, dass auch im 
günstigsten Falle der Kntdeckunp: eines sicheren Heilmittels der Tuber- 
kulose, wie die menscbiicben Verhältnisse nun einmal liegen, der Zwang 
der Umstände, Armuth, ünkenntniss und Nachl&ssigkeit immer bestehen 
werden. 

Infolge dieser Momente wird es wohl kaum Je gelingen, auch nur die 
Hälfte der Erkrankungen in ihrem frühesten Stadium zur Behandlung zu 
bringen, so dass wir leider nur tu wenig Omnd haben su der unsere 
heutige Tbatkraft vielleicht lähmenden Befürchtung, es könnten die von 
uns erstrebten , von der Wissenschaft , der Staats- und Rürgerpflicht und 
der Menschenliebe gebotenen Veranstaltungen einmal überflüssig werden. 

Wie nalurgemäss, fordern diese Behauptungen gewisse StQtzen, dio 
nur in Thatsaehen und in Aussprüchen von hochwissensehaftllch anerkannten 
Autoren unserer Tage gesucht und gefunden werden können.« 

In demselben Jahre 1891 hatte der Frankfurter Verein für Reconvale- 
scentenanstalten eine Heimstätte für Genesende in Neuenhain bei Soden ein- 
gerichtet, in welcher Lungenkranken ursprfinglich nicht dlreet die Aufnahme 
verweigert, jedoch so erschwert war, dass keine aufgenommen worden waren. 
Da die Zahl der letzteren aber, wie wir oben gesehen, Uider eine sehr 
grosse war, so wurde der Plan gefasst, eine zur Aufnahme von Lungen- 
kranken allein bestimmte Heilstfttte zu errichten und der Vorstand trat mit Dbtt 
WEILER in Verbindung, um in Falkenstein eine solche Anstalt aufzufuhren. Die 
von der Hauptanstalt etwa 0 Minuten entfernt gelegene H' ilstütte für lungen 
kranke Israeliten, welche seit einigen Jahren geschlossen war, konnte zu 
annehmbarem Preise gemiethet werden und wurde durch weitere Bemühungt^n 
des Vereins In swei Monaten zu einer trefflichen Anstalt fflr Brustkranke 
umgewandelt 

Btxjtiup. J«hrbttali«r. VCI. 14 



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210 



Lttiig«iili«ltetfttten. 



Am 15. Aofl^att 1892 wurden die enten fOnf Kranken anffcenonimen, 

am 10. September fand die eigentliche EroffnuDg dieser ersten 
Volksheilstätte für Lungenkranke In Deutschland statt. Die An- 
stalt enthielt 28 Betten. Bemerkenswertb ist, daas bei 254 Verpflegten mit 
5892 Verpflegrstagen nur 1,62 Marie ffir den Kopf and Tag, elnaddieealleli 
des Wirthschaftspersonals , beansprucht wurde, eine Summe, weiche mit 
allen Zinsen, Steuern, Aufwendungen auf 2,12 Mark steigt, so dass selbst 
bei weitgehendsten Massnahmen in dieser theoren Provinz mit 2,50 Mark 
täglich ausgekommen werden konnte. 

Zettlleli innAdhat war der Vortrag von v. Lbydbh am 7. Septeml)er 1894 
4ittf dem VIII. internationalen Congress für Hygiene zu Budapest: »üeber 
die Versorgung tuberkulöser Kranker seitens grosser Städte« , von Bedeu- 
tung, obwohl in der Zwischenzeit auch einzelne Städte und Kurperschaftea 
in Denteclriand und anderen Staaten xnr Frage der Binrlclitnng besonderer 
linngenheilanstalten Stellung g^MMMUmen hatten. 

Ein Jahr später hielt der unermüdliche Vorkämpfer für die Erbauung 
•der Lungenheilstätten, v. Leyden, im National verein zur Bebung der Volksge- 
«nndlieitni Berlin dnra Vortrag, in welcbem er alle naeb eeiner Aneieht ffir die 
Errichtung erforderiidien Punkte in folgenden Schlnsssätzen zusammenfasste: 

»1. Ein Volkssanatorium für Lungenkranke ist eine solche Anstalt, in 
welcher Lungenkranke durch erprobte Aerzte nach wissenachaftlich and 
praktisch bewährten Heilmethoden behandelt werden. 

2. Bin Volkisanatorinm kann nnr als Hdlanstalt gedadit werden, atoo 
kftnnen nur dieienigen Stadien der Krankheit in Frage kommen, in welehen 
noch eine Heilung oder wesentliche Besserung zu erwarten ist ; das sind 
die ersten Stadien der Krankheit, welche ich etwa mit ein Drittel der Ge- 
sammtzahl berechnet balie. Schwerkranke gehören in die Hospitftler nm 
ihrer selbst willen; die Anttaltsbehandlung ist für sie nicht die geeignete. 

3. Die Curdaner niuss auf 'A Monate im Jahre limitirt sein; Ansnalunen 
von dieser Hegel sind natürlich nicht ausgeschlossen. 

4. Die Ortsfrage lietreflend, so kann von den Anforderungen eines 
besonderen, sei es sadllehen, sei es HShenklimaa, Abatand genommen werden. 
In Parenthese bemerke ich, was den Meiston dor Anwesenden bekannt sein 
wird, dass man lange Zeit klimatische Curen für das Vorzüglichste gehalten 
bat, besonders das südliche, das See- und das Höhenklima standen im An- 
sehen. Neuere Brtahrungen halten gelelirt, daas das Klima an sieh keinen 
Beileffect ausübt, sondern dass es nnr eine Unterstützung der gesanimten 
Behandlungsmethode ist. Genaue Experimente haben gezeigt, dass Thiere, 
welche mit Tuberkulose behaftet (geimpft) sind, keinen Unterschied zeigen, 
ob sie Im Süden oder in Davos oder in einem Keller von Berlin ihre Krank- 
heit durchmachen. Wir sind also im Ganzen davon abgekommen, dass die 
veränderten Verhältnisso. unter denen die Kranken in einem anderen Klima 
sich befinden, ebenso wesentlich einwirken als das Klima selbst, dass also 
das besondere Klima nicht die unerlässliche Bedingung für Volkssaaatorien 
ist Wir kOnnen also von der Forderung eines hesMderen, sei es sfidiichen, 
sei es Höhenklimas, Abstand nehmen : es genügt die Wahl einer gesunden 
Gegend, welche staubfreie Luft hat, welche gegen Nord- und Ostwinde durch 
Wälder geschützt ist und in welcher sowohl Sonnenschein als Schatten ge- 
funden wird. Die Hauptfront des Gebäudes soll nacdi Sflden gelegen sein. 
Die Lage der Anstalt am >feere5strande bietet mancherisi Vortheile ; aber 
auch die Lage in der Nflhe der Stadl Berlin ist keineswegs zu verwerfen 
und bietet ihrerseits ebenfalls Vortheile dar, namentlich die leichtere Ver- 
sorgung mit Provision und vielen, sum Comfort, wie cur Behandlung ge- 
hörigen Dingen. Femer f&Ilt bei der Wahl eines Ortes in der Nähe der 
Grossatadt in's Gewicht die Möglichkeit des Verkehrs der Kranken mit 



LuDgenbeiUtätten. 



211 



ibren Amrebörigren und dfe Högllebkdt aiBw Angememenen, mebr oder weniger 

beecbränkten Erwerbstbütigkeit. 

5. Die Einrichtung der Anstalt muss gesund, comfortabel und ange- 
nehm sein, jedoch einfach, ohne fiberflQssigen Aulwand. Im Allgemeinen soll 
sie den OewobnbeHen derjenigen SUUide entepreeben, d«ren AngdiSrige sto 
aufnehmen soll. Die Krankenzimmer können auf mobrore Kranke berechnet 
sein, bis zu vier. Das Alleinsein thut den Kranken meist nicht gut. Die 
Einrichtung von Speise- . Conversations- und Rauchzimmern ist wQnschens- 
werth. Badezimmer mit Douchen sind nothwendig. Eine Liegehalle nach 
dem Muster der Falkensteiner Anstalt darf nicbt feblm. 

6. Auf reichliche Kost, sorgfältige schmackhafte Zohereituog der Speisen 
und appetitliches Serviren ist Bedacht zu nehmen. FOr gesunde MUeb in 
reichlicher Menge muss gesorgt werden. 

7. Bs Ist in Betrarbt sn sieben, dass den Kranken angemessene Be> 
sehiftlgung, eventuell aueb Erwerb in der Stadt ermöglicht werde. 

8. Die Anstalt kann nach dem Muster der Privatsanatorien in Gestalt 
eines grossen Wohnhauses (Logierbauses) erbaut werden, das Pavillonsystem 
ist nicht erforderlich, eventuell nicht wflnsohenswerth. Wenn man fQr einen 
Anfang (Lift) sorgt, sind 2 — ft Etagen snlftssli^. 

9. Ich meinerseits habe von jeher grossen Werth darauf gelegt, dass 
Heilstätten der besprochenen Art nirht blos für die der Gemeinde anheim- 
fallenden Kranken , sondern auch für die minder begüterten Patienten ge- 
sdiaffen werden, solcbe, welche einen mässigen Preis von nabesn 2,60 Mark, 
wie ich ihn vorbin genannt habe, wohl aufwenden können. Diese minder 
begüterten Stände, wenn sie erkranken, besitzen nicht genügende Mittel, 
um kostspielige und lange Curen in Privatsanatorien mit südlichem Klima 
so bestreiten. Sie werden daher, wenn sie erkrankt sind, in knrser Zeit 
dem wirthschaftlichen Ruin entgegengefübrt, ja, auch ihre Familien werden 
in diesen Ruin hineingezogen. Mit allen Opfern aber können sie doch für 
ihre Gesundheit bei weitem nicbt dasjenige leisten, was ihnen in Heilanstalten 
für einen m&ssigen Preis geboten werden kann. Für diese Kranken habe 
ieb immer gewirkt nnd bin Ich immer eingetreten, well diese Clasae es 
gerade n:ewesen ist, für welche bisher am wenigsten gesorgt wurde. Man 
gedachte der Armen, die Wohlhabenden halfen sich aus eigener Kraft ; aber 
die minder Begüterten wurden, wenn sie der Hilfe am meisten bedurften, sich 
selbst Oberlassen. Ich habe mir daher gestattet, unter den hier formidfarten 
Ornndsätzen auch denjenigen aafsQfftiiieii, dass gerade ffir die Lungenkranken 
der minder begüterten Kreise gesorgt werden solle, dass sie nicht Alles, 
ich möchte sagen >gescbenkt« bekommen, sondern nach ihren Verhältnissen 
beitragen sa den Kosten der Behandlung; daas ilinen aber aneb ffir 
ihre Oesnndbelt mehir geleistet werde, als es ohne Beiiiilfe der Fall nein 
wftrde.« 

Das Jahr 1895 war in der Folge für die Bestrebungen auf dem Ge- 
biete der Lungenheilstätten in Deutschland insofern günstig, als zwei grosse 
Vereinigungen die Beratbnng* über diesen Punkt auf ihre Tagesordnung 
gesetzt hatten. In der 67. Versammlung der Gesellschaft deutscher Natur- 
forscher und Aerzte zu Lübeck hielt v. Ziemssen einen einleitenden Vortrag, 
welcher einen Meinungsaustausch anzuregen bezweckte. Er schilderte die 
Tbfttigkeit, welche der Mflnehener Verein entfettet^ und wies besonders auf 
die grossen socialpolitischen Einrichtungen hin , welche zur Mithilfe heran* 
susieben seien. Vorzüglich die Wirksamkeit der Hanseatischen Invalidität«- 
und Altersversicberungsanstalt, welche ein eigenes Sanatorium besitzt, sei 
als Vorbild ffir diese Bestrebungen m wiUen. 

IMe Tlifttiffkeit der HanseaUsehen Anstalt, welebe der gesammten 
VngB eine neue und entscheidende Wendung gegeben, wurde in der 20. Ver^ 

14» 



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212 



Lungmhellstfttteo. 



MmmluDip des dentseben Vereins fOr MIentllehe Oeeandheitspfle^ 1895 in 

einem iahaltreichen Vortrage: »Die Erbanang^ von Heilstätten ffir Lunfcen- 
kranke durch Invalidit&ts- und Altersvorsicherungsanstalten, Krankencassen 
und Communalverb&ndec von Gebhard als Referenten erörtert, während Haufe 
als Oorreferent aalfpestelH war. 

Wenn auch von allen Seiten die hohe sociale Bedentong der Be- 
kämpfung der Schwindsucht anerkannt und ausgesprochen war, und zum 
Theil zahlenmässig — wie dies besonders in England und Amerika geschieht — 
in Geldwerth die kürzere oder längere Arbeitsfähigkeit des einzelnen Indivi- 
dnuma berechnet wnrde, so trat ^gentüeh die Frage der LnngenbeOstfttten 
ffir das Deutsche Reich erst in ein neues Stadium, als klar dargelegt wurde, 
in welcher Weise es raSjrlich sei, diejenige socialpolitische Kinrichtunp:, welche 
an dieser Frage das grösste Interesse hat, mit ihren grossen Mitteln heranzu- 
dehen. Die yersfebernngsplliebtfgen selbst, welche mit Ihren eigenen geringen 
Mitteln einen Theil dieser ganz erheblichen Summen aufbringe, haben ein 
Anrecht auf alle diejenfpen Wohlthaten , welche die Anstalten nach dem 
Gesetze zu gewähren im Stande sind. Die Schlusssätze, mit welchen ienes 
Referat beendigt wnrde, ▼eransehanllehm den Standpunkt des Berieht- 
erstattera. 

»1. Die Einschränkungen der Verheerungen, welche die Lungenschwind- 
sucht in allen Volkskreisen hervorruft, ist von prösster Bedeutung für die 
Wohlfahrt des ganzen Volkes. Zur Bekämpfung der Lungenschwindsucht 
haben deshalb alle staatllehen und eommnnalen Organiaatlonen, so deren 
Obliegenheiten die Minderung der ans Krankheit and Sleohthnm entspringen- 
den Leiden gehört, mitzuwirken. 

2. Es ist insbesondere auch Aufgabe der Invaliditäts- und Altersver- 
siehemngsaastalten, In Anwendung des § 12 des biTallditftts- und AKers- 
▼enrieherODgsgesetzes zur Bekämpfung der Lungenschwindsucht die Hand 
anzuleoren und je nach den Umständen allein oder in Verbindung mit Kranken- 
cassen und zuständigen commanalen Organen die hierzu geeigneten Mass- 
regeln sn ei^T^Ifsn. 

3. Da unter den verschiedenen fOr die Bekämpfung der Lungenschwind- 
sucht bis jolzt empfohlenen Massregeln die hygienisch diätetische Rohandlung 
in klimatisch günstig nelepenen Heilstätten allein Erfolge von grösserem 
Umfange aufzuweisen bul, sind zur Zeit die Bestrebungen der bezeichneten 
staatlichen und commanalen Organisationen auf dem in Rede stehenden 
Gebiete in erster Linie dahin zu lenken, dass eine dementsprechende Be- 
handlung in Heilstätten den dafür geeigneten Lungenkranken derjenigen 
Volkskreise, auf deren Wohlfahrt sich ihre amtliche Thätigkeit zu erstrecken 
hat, za TheO wird. 

4. Bs fehlt bislang an der genOgenden Zahl von Heilstätten für Lungen- 
kranke aus den nnhemittelten und den wenig bemittelten Hevölkerungs- 
kreisen. Die Bemühungen der zuständigen und communalen Organisationen 
sind deshalb auf Beschaffung solcher Heilstätten zu richten. Von der Be- 
nrtheilung der besonderen Verhältnisse der einsefaien Beslrke hängt es all, 
von welcher der verschiedenen zur Mitarbeit berufenen Stellen die Errichtung 
der Heilstätten unter angemessener Mitwirkung anderer dazu berufener 
Organe vorzunehmen ist, insbesondere auch, ob die Invaliditäts- und Alters- 
Terslcheruogsanstalten selbst Heilstätten fflr Lungenkranke errieht«ni und 
Krankencassen und communale Organisationen sich an der Tragung der 
Kosten für die dort unterzubringenden Kranken botheiligren, oder ob sich 
die Invaliditäts- und Altersversicherungsunstalten beschränken, zur Deckung 
der Kosten, welche durch die Behandlung der Kranken entstehen, die in 
vorhandenen oder zu errichtenden Heilstätten gemeinniltxtger Vereine, Privat- 
nntemehmer, Krankencassen und eommunaler Organisationen untenubringen 



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Lungenheilstätten. 



213 



sind, in dem oaeh Lage der Umst&nde zu bemeeseaden Umfange Tbeil 
zu nehmen. 

5. Sache der Aerate ist ee« darauf hliumwirken, dass die LimgeDkranken 
TOD der Benatzung des ihnen za bietenden HeilverfahrenB« so lange Erfolg 

von diesem mit Wahrscheinlichkeit erwartet worden kann, also moj^lichst 
bald, nachdem die Erkrankunc: eingetreten ist. Gebrauch machen. Ks ist 
von grosser Bedeutung, dass die Erfahrungen darüber, unter weichen V'or- 
anesetsattgen Briolg von dem HeUverfahren In AasBleht steht, sn immer 
altgemeioerer Erkenntnlss gebracht werden. 

6. Die auf die Errichtung und den Betrieb von Heilstätten für Lungen- 
kranke gerichtete Tbätigkeit gemeinnütziger Vereine bleibt, auch nachdem 
von Invalidlt&ts- und AltersTersieherungsanstahen, Krankeneassen nnd com- 
munalen Organisationen Massregeln der weitestgehenden Art zur Bekämpfung 
der Lungenschwindsucht auf dem ihnen Bukommmden Tbftügkeitsgebiete 
ergriffen sein werden, unenthehrlich. 

7. Allen zuständigen staatlichen Behörden liegt die grSsstmdglicbe 
Fl^rdernng aller aof die Brriditang von Hellst&tten fflr Lungenkranke ge- 
richteten Bestrebungen ob.< 

Wichtig ist besonders die Bestimmung der Aufgabe, welche die Inva- 
liditäts- und Altersversicberungsanstalten haben. Nach dem Gesetz vom 
22. Juni 1889 baben sie den bei Ihnen Versieherton Renton sn gewähren, 
nachdem sie ein höheres Lebeusaltor erreicht haben, oder nachdem sie, ohne 
einen Unfall erlitten zu haben, erwerbsunfähig geworden sind, d. h. eine sehr 
beträchtliche VerminderuDg ihrer Erwerbsfähigkeit erlitten haben. Im § 12 
des Oeseties erhalten die Vwsiefaemngsanstelten die Befngniss, bereite früher 
bei drohender ErwerbsnnflUiigkeit einzuschreiten, d. h, »bei solchen Erkran- 
kungen von V^ersicherten, als deren Folge Erwerbsunfähigkeit, die einen 
Anspruch auf Invalidenrente gewähren würde, zu befürchten ist, ein Heil- 
verfahren einzuleiten, dessen Zweck ist, den Eintritt der Invalidität auszu- 
scbliessen oder wenigstons fOr einen längeren Zeitraum hlnaussusdileben«. 

Die Zahl der durdi Lnngenkrankheiten bedingten Invaliditätsfälle ist 
hei den einzelnen Versicherungsanstalten verschieden, wächst aber von Jahr 
zu Jahr, und zwar nicht nur entsprechend der V^ermehrung der jährlichen 
Invalidenrenton. Sind jetst 60.000 Rentenbewüligungen jälirlioh vorhanden, 
von denen 14^3"/,, in Lungenschwindsucht Ihren Grund haben, so sind dies 
jährlich 8500 Fälle, deren Invalidität zu verhindern oder hinauszuschieben 
wäre. Die durchschnittliche Bezugsdauer der Invalidenrente bei Lungenkranken 
beträgt 2 Jahre; Ihre Höhe ist nach der Vereicherungsdauer verschieden. 
Da das dnrehsohnittUehe Alter der in Behandlung su nehmenden Personen 
33 Jahre betrfigt, welche vom vollendetpn Ifi. Lebensjahre an versichert ge- 
wesen sind, so würde der Betrag der Rente in der 3. Lohnolasse f&r ein 
Jahr 190 Mark, also für 2 Jahre 380 Mark betragen. 

Die VerpHegnugskoston f fir solche Kranke betragen in eigenen Anstalten 
2,50 Mark, welche mit Transportkosten u. s. w. auf 3 Mark zu erhohen sind. 
Bei einer Curdauer von 3 Monaten beträgt dies 3 X 90 = 270 Mark, hei 
verheirateten Personen betragen die täglichen Unkosten 4 Mark, also 
4 X 90 = 360 Mark. Wenn hiervon die Hälfte von Krankeuoassen u. s. w. 
fibernommen wQrde, so beliefen sich die Ausgaben der Versiehemngsanstait 
auf 180.000 Mark, während für lOOn Rentenempfängor ;5«0 - 1000 Mark 
aufzuwenden wären. Der Unterschied zwischen beiden Summen beträgt also 
200.000 Mark, welcher sich, wenn jene Krankencasse u. s. w. nur 1,50 Mark 
heitrOge, auf 155,000 Mark verringern, bei durchschnittlich dreijährigem 
Rentenbezuge auf 390.000 Mark steigern wurde. GebbabO setzt mit Klarheit 
und Schärfe seine Ausfuhrungen fort und erörtert besonders die Theilnahme 
der Krankencassen an der Verpflegung: 



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2U 



LungenheilstAtten. 



»Zu den Kosten der Verpflegung eines lungenkranken Versicherten in 
einem klimatischen Curorte zahlt die Krankeocasse 1,50 Mark fOr den Pfiege- 
tag bei einer Pfle^ezeit biB ta 18 Woohen. Den flilrigem TheD der Pflege 
koston irftgt die Verflioherangsaottalt Dieser fallen «ach die Kotton allein 
zur Last für die Ober den Zeitraum von 13 Wocben etwa hinausreichende 
Pflegezeit. Die Versicherungsanstalt trägt ferner die Kosten der Reise, 
die Krankenoasse dagegen gewährt, soweit dies dem Cassenstatute entspricht, 
den Familien der Krankmi die ihnen gebührende FamOleoQatontflteang.« 

Es werden also am besten die Versicherungsanstalten sieh an den Ein- 
richtungen für Lungenkranke nicht nur betheiligen, sondern möglichst selbst- 
8t&ndig solche ins Leben rufen, je nach den örtlichen und sonstigen vor- 
handenen Verbftltntosen. Die Binriebtungen kSnnen nnr fQr diejenigen Kranken, 
bei denen Heilung wahrscheinlich ist. getroffen werden ; zur Untorbringfnng 
▼on unheilbaren Kranken sind dieselben dem Gesetze nach nicht ofpp'fjnet. 

Der Correferent HAMPE-Helmstedt legte die medicinisohe öeito der 
Frage nach folgenden Gesichtspunkten dar: 

»1. NaehdMB wedw die Vendehtung der specifiaehen Krankheitserreger, 
noch die Tuberkulinbebandlung der Kranken eine nachweisbare Verminde- 
rung der Lungenschwindsucht herbeigefülirt haben, greift die öffentliche Ge- 
sundheitspflege auf die schon seit Jahrzehnten mit zweifellosem Erfolge 
geftbte »hyt^enleeh-difttotiaehe« Behandlung der Kranken rardek, welche um 
so sicherer ist, wenn sie in besonderen Anstalton — »Sanatorienc, »Heil' 
st&tton«, — stattfindet. 

2. Eine Einschr&nkung der Lungenschwindsucht werden diese SanSr 
torlen |edoeh nnr dann tmd allmllig bewirken können, wenn sie In grösserer 
Zahl erriehtet und aueh den wenig begütorten Volksschichten suginglich 
gemacht werden. 

3. Die Aufgabe, diese hochwichtige humane und hygienische Aufgabe 
der Lösung entgegenzuf Qhren , ist durch unsere Gesetzgebung vor allen 
den bivaHdltEto- und Altersversleherungsanstallen satbell geworden; sie 
haben das Recht, sich ihrer kranken Mitgrüeder schon vor Eintritt der In- 
validität anzunehmen, um diese durch eine zweckmässige Behandlung mög- 
lichst zu verhüten. In dem Streben, von dieser Berechtigung (Jebrauch zu 
machen, werden sie snnlehst darauf hinwirken müssen, die an Lungen- 
tuberkulose Leidenden mÖgUdiSt frfih in Obhut nehmen und den spec>fischen 
Heilanstalten zuführen zu kf^nnen, denn nur in den ersten Stadien der* 
Krankheit gelingt es, ohne allzu grosse Opfer ihren Stillstand zu veranlassen 
und die ArbeltsOihigktit der Kranken wieder hersustellen, besiehungswefse 
SU erhalten. Vor Allem aber w«rden bei dem gegenwärtigen Mangel an 
Sanatorien die VerBicherungsanstalten dahin wirken mflssen, solche su 
gründen oder gründen zu helfen. 

4. Die Sanatorien für Lungenkranke müssen nach den hygienischen 
Gmndsätsen eingerichtet und verwaitot werden, welche In den für Ange- 
hörige der begüterten Bevölkerungskreise in Deuteehland bestehenden Master- 
anstalten zur Geltung gebracht sind. Wenn auch einfach ausge>tattet. 
müssen sie doch Alles enthalten, was erfahrungsgemäss zur Erreichung einer 
grösseren Widerstandsfähigkeit- des menschlichen Körpers gegen die dele- 
tftren Blnwirkungen der Tuberkelbaelllen als nothwendig oder sweckmissig 
erscheint. 

5. Die Sanatorien dürfen nicht ohne Vorkehrungen und Einrichtungen 
bleiben, welche nothwendig sind, die specifischen Krankheits-, Insiwsondere die 
Ausworfsstoffe su vernichten und für die Nachbarschaft nnscbidlich su machen. 

6. Ohne einen ständigen sachkundifren Arzt wird der Erfolg der An- 
staltsbehandlung stets ein zweifelhafter bleiben. Ihm liegt es ob. durch stete 
persönliche Einwirkung den Muth der Kranken zu beleben und ihnen die 



Lungentaeilstfltten. 



215 



für ihre Genesung erforderliche Lebensweise so fest and sicher einzuüben 
und anzug^ewdbnen , dass sie dieselbe auch in ihrem Familienkreise nach 
Ihrer HelluDg: ohne Zwang fortoetxen werdeii.€ 

Der Bericht f!er Hanseatischen Versicherungsanstalt über Anträge auf 
Uebörnahme der Kosten des Heilverfahrens für Versicherte weist aus, dass 
im Jahre 16ü3 32, 18'J4 260, 1895 6Ü8 Anträge gestellt wurden. 

Die Brgtebnlrae waren folgende: Im Jahre 1894 gingen etnsohlleselicli 
von 2 Anträgen, die unerledigt von 1893 Gbernommen waren, 228 Anträge 
auf Uebernahme dor Kosten des Heilverfahrens ein. Von diesen betrafen 
192 Lungenkranke, von weichen 128 berücksichtigt wurden, welche theiis 
in Rehbnrg, theiis In Andreasberg nntergehraoht worden. Bntlassen worden 
88 Personen, 'JO blieben in Behandlung; 26 der ersteren hatten ihre Er^ 
werbsfähigkeit wiedor erlangt, bei 12 war eine mehr oder weniger erheb« 
liehe Besserung des Zuätandes eingetreten. 

1895 worden 408 Lungenkranke zum Heilverfahren Obernommen nnd 
In St. Andreaaberg, Rehborg, AHenbrek, Or..-Tabara ontergebracht Insge- 
sammt betrug die Zahl der Verpficgstage 35639. Bei 338 Patienten fand 
sich eine durchschnittliche Gewichtszunahme von 4,71 Kgrm. 40t Patienten 
worden aas der Behandlung entlassen; von diesen war bei 37 keine Spor 
eloer Brkrankong mehr naehwelsbar, bei 116 geringe Spuren, aber Tolle 
Erwerbsfähigkeit, hei 141 nicht vollkommener Erfolg, aber Erwerbsfähigkeit, 
hei 65 geringer Erfolg, F&higkeit nor Ifir leichte Arbelten, ond bei 45 kein 
Erfolg zu verzeichnen. 

Abgesehen von den sablreichen Bestrebungen, welche an verschiedenen 
Orten in Deotschland nnd andern Ländern am diese Zelt so Tage traten, 
welche noch zu erwähnen sein werden, ist ganz besonders als ein u-oitorer 
gemeinsamer Sammelpunkt der Bemühungen, der Schwindsucht in wirksamer 
Weise zu begegnen, in Deutschland im Jahre 1895 das Rothe Kreuz in die 
Erseheinnng getreten. Der Gedanke, diesen Tbell der soelalpolltlsehen Oesets- 
gehung in Zusammenhang mit der Friedensthätigkeit des Rothen Kreuzes so 
bringen, ist als ein sehr glücklicher zu bezeichnen. Nach einem Aufsatze von 
Pannwitz soll das Rothe Kreuz mitwirken »hei Begründang von Volksheil- 
stätten im Biniremehmen mit den Altera- ond Invalidltittsversleherongs- 
nnstaltent. Oerade das Rothe Kreuz mit seiner straffen Organisation, mit 
seiner autorii.itiven Kraft ist im Stande, sich wirksam bei der Arbeiterver- 
sicherungsgesetzgebung zu bethätigen, und es gehört diese Betheiligung voll- 
ständig SU den satzungsmässigen Aafgahen des Rothen Kreuzes, denn sie 
bewirkt Ansblldung von Priegepersonal ond Berdtatellong sahlreloher Lager- 
steilen für Kranke. Diese neue Arbeitsrichtung der Vereine vom Rothen Kreuz 
soll mit der Thätigkeit der Versicherungsanstalten in Zusammenhang treten, 
indem »Volksheilstättenvereine vom Rothen Kreuz« allerorts in s Leben ge- 
rofen werden. Als Unterknnftsstfttten sollen die von der Gentralstelle nieder- 
gelegten transportablen Baracken benutzt werden, welche nach allen Stellen, 
wo sie benöthigt sind, leicht gesendet werden können. Neben der Thätigkeit 
dieser Vereine, welche hauptsächlich für die Versicherten sorgen, ist aber 
die Mltwiricuog privater Kreise nieht sn entbehren, da sahlreiobe Nlchtver- 
sieherte vorhanden, welche nicht in der Lage sind, im Falle der Erkraokong 
an so Tang dauernder Krankheit, noch aus eigenen Mitteln Aufwendungen 
für ihre Gesundheit zu machen. Am 21. November 18'.)ö fand die erste vor- 
herathende Sitzung in dieser Sache statt; am 27. wurde die Ausführung 
weiterer Sdiritte berathen ood besonders die Blldoog eines dentsehen Central- 
comitte vorgeschlagen, welches als Centralstelle fQr alle Bestrebungen auf 
dem Gebiete des Heihtättenwesens für Lungenkranke dienen sollte. Dieses 
»Deutsche Centralcomitä zur Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke« 
soll, om den Orts- ond Bezirkshellstättenvereioen nicht die Geirinnong 



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216 



LiingMiheilstAtten. 



leistuDgsf&higer Mitglieder su erschweren, nur Mlchtt PwaSnllelikoIton so 
littgtiedem liUen, bei denen ▼orannaaetiMi, dsM ile neben der Fflrdwang 

der Unternehmungen in ihrer cngreren Heimat auch bereit seien, ihr Interesse 
durch personliche und materielle Unterstützung der Centralstelle zu be- 
th&tigeD. Dadurch, dass der Reichskanzler des Deutschen Reiches, Fürst zu 
Hohenlotae*Sebi11ingsfQr8t, welcbw stete der Frage lebhaftes Interesse 
sngewendet, den Ehrensitz im Centralcomitä übernommen, ist der ganzen 
Bewegung und ihrer Weiterentwicklung für das Deutacho Reich eine 
günstige Vorber»age zu stellen, so dass also, obwohl die Errichtung von 
YolkslieU^titten fflr Lungmikranke In Deutsebland erst spftt begonnen worden, 
dennoch jetzt bereits sahlreiehe Anstalten In's Leben gerufen worden sind, 
oder Vereinigungen für diesen Zweck sich gebildet haben. In der ersten 
Generalversammlung des Cent ralcomites am 16. December 18'JG wurde hervor 
gehoben, dass an Geldmitteln 400.000 Mark eingegangen waren, und ferner 
efn knrser Uebcrblick Ober die vorhandenen Anstalten und sonstigen Be- 
strebungen gegeben. Das Centralcomit^ hat die Aufgabe, die Ueberzcugung 
von der Nothwendigkeit einer planmässigen Schwindsuchtsbekämpfung in 
die weitesten Kreise des Volkes zu tragen und durch Aufbringung von mög- 
licbst reidien Mitteln einen Ansgleidi swisehen Heilbedarf und Heilmitteln 
im Belebe su ermöglichen. 

Wichtig ist der Bescbluss des Centralcoraites , welchen Pannwitz in 
der Sitzung der Centralstelle für Arbeiter- Wohlfahrtseinricbtungen im Mai 
1897 in Frankfurt a. M. «^Ihnte, eine Heltotätteneorrespondenz zur Ver 
Sffentiichnng der Erfsbrnngen der HeUstSttenvereine herausxngeben. Die 
zerstreuten Berichte werden hierdurch gesammelt und können leicht in ihrer 
Gepammtheit verwerthet werden. Als eine weitere Aufgabe des Central- 
Comit^s oder jener Correspoodenz möchte ich es betrachten, genau die 
Punkte darzulegen , welche fflr die Benrthellung des Ergebnisses der Be* 
handlung in Frage kommen mQssen. Bisher sind die Heilerfolge In den ein- 
zelnen Anstalten, wie sich noch zeigen wird, unter sehr verschiedenen 
Ausdrücken eingetbeilt; z. B. es trat beschränkte, verminderte, volle 
ArbeltsßUiigkeit, wesentliche, bedeutende, geringe Besserung ein, oder die 
pbyslkallseben Erscheinungen waren ganz oder tbeilweise geschwunden 
oder gebessert u. s. w. Eine statistische Zusammenstellung der Erfolge der 
Anstalten ist natürlich aus solchen Angaben nicht anzufertigen. Erst wenn 
▼on der Centralstelle aus für alle Anstalten einheitliche Regeln fflr die 
Feststellung der Heilergebnisse angegeben sind, wird eine suverUtssige und 
brauehbare Statistik anzulegen sein. 

Der oben erwähnte, im Anschluss an die Erörterunor von v. Leyüen im 
Verein für innere Medicin seinerzeit gewählte Ausschuss war zwar in seinen 
Vorbereitungen dorch die »Sturm- und Drangperlode des Tuberkulins« hA> 
hindert worden, aber er muss doch als Vorläufer der Vereinigung angesehen 
werden, welcher als Berlin-Brandenburger Heilstüttenverein für Lungen- 
kranke« unter Vorsitz von v. Leyden und unter dem Prolectorate der Kaiserin 
von Deutschland sich gebildet hat, um Heilstfttten tfir die weniger be« 
mittelten Kreise der Gesellschaft zu gründen. Die Constituirung begann 
bereits Ende des Jahres 18'.'4 ; die Heilstätte sollte für '2 0 Kranke eröffnet 
werden und die Verpflegung daselbst 3 Mark pro Tag kosten. Noch im 
Verlaufe des Jahres 1897 soll in der Kirchenhaide bei Beizig eine Heilstatte 
errichtet werden. Die Aufgabe des Veroins legte v. Lbydiin in einem tr. ff- 
liehen Vortrage in der deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheits- 
pflege atn 14. Februar 1890 dar. besonders um zu betonen, dass die Bestre- 
bungen des Vereines nicht etwa anderen entgegengesetzte seien, sondern 
dass eine gemeinschaftliche Action vorl&ge. Der Berlin Brandenburger Hell> 
st&ttenTeroln habe sieb unter steter FQhlung mit dem Rothen Krens eonstitulrt. 



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LungenlieltBtätteii. 



217 



Am 22. März 1896 veröflentlicbte das Reichsversicherungsamt einen Erlass 
an die Invaliditäts- und Alteraversicherungsanstalten, in welchem es auf die 
Ziele der drei ▼orbaadenen Verefnigniii^ mit folgenden Worten hinwies: 

Dai Reiehsversieherangsamt ersneht die Beetrebnngen der sEmmtllcben 

genannten Vereine nach Kräften zu fördern, indem es in Betracht zieht, 
dass durch dieselben nicht minder den Interessen der Versicherungsanstalten 
als denen der ärmeren Volksclassen gedient wird. Insbesondere werden die 
Vertfeherungsanetalten dnrdi derartige Vereine in die Lage Tersetzt, den 
besserungsfähigen, Tersicherten Lungenkranken unter gQnstigen Bedingungen 
und ohne F'estlegung eip:ener Mittel eine zweckdienliche Heilbehandlung an- 
gedeibeo zu lassen und dadurch, sofern die Erfolge den gehegten Erwar- 
tungen entsprechen, gleichzeitig ihre Rentenlast zum Woble der Oeeammtbeit 
SQ vermindern. 

Unter diesen Umständen hält es das Reichsversicberungsamt für ge- 
boten, den Vorstand zunächst auf die am 1. Mai d. J. zu eröffnende »\'olks- 
heilstätte des Rotben Kreuzes bei Oranienburgc aufmerksam zu machen 
und Wobldemselben die Benutzung dieser Anstalt in allen den]enigen Fällen 
zu empfehlen, in denen die Uebornabme des Hellrerfabrent fflr Inngeokranke 
Versicherte männlichen Geschlechtes gemäss dos ^12 des Invaliditäts und 
Altersversicherungsgesetzes dortseits bf absichtigt wird und die Entfernungs- 
verhältnisise eine UeberfOhrung der Kranken in die Heilstätte gestatten. 
Hierbei wird noch beeonders bemerkt, wie aueh die Krankeneassen und 
Oemcintleverbände etc. im Allgemeinen ein erhebliches Interesse an der 
Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit von Lungenleidenden haben, und wie 
es sich daher im Falle der Anwendung der vorgenannten Gesetzesbestimmung 
empfehlen wird — sei es behufs gemelnschartllcher Tragung der Pflege- 
kosten In der Anstalt, sei es behufs Sicherung einer angemessenen Unter« 
Stützung für die während der Dauer des Heilverfahrons etwa ihres Ernährers 
beraubten Familienangehörigen — mit den Rrankencassen, Gemeindevor- 
ständen etc. rechtzeitig in Verbindung zu treten. 

Der vom Rothen Kreus in*s Leben gerufene VolkshetlstSttenverein, 
dessen begrCndcnde Hauptversammlung am 19. December 1895 stattfand, 

konnte bereits nach Verlauf einer pehr kurzen Zeit seine Anstalt am Qrabowsee 
bei Oranienburg eröffnen Wie Divisionsarzt Werxkr, der steil vertretende 
Vorsitzende des Vereines in einer Plenarsitzung der Fachcommission und des 
VOToinsvorstandes am 80. April 1896 darlegte, sind zwei Perioden In der 
Entwicklung des Unternehmens zu unterscheiden, die vorbereitenden Schritte 
bis Mitte März und die eigentliche Errichtung der Heilanstalt, welche sich 
vom 20. März bis 25. April, also in etwa ö Wochen vollzog. Es ist diese 
Sehnelligkeit wohl mit als eine Folge der rührigen Thfttlgkeit von PAmrwiTZ 
anzusehen. WIrthschafts- und sonstige Verwaltungsgebäude der Anstalt sind 
Massivbauten aus Fachwerk, während die Krankenunterkunftsräume trans- 
portable Lazaretbbaracken sind. Die ärztliche Leitung der Anstalt ist dem 
Stabsarzt Schultzrn unterstellt ; der Preis fOr den Aufmthalt beträgt täglich 
8 Mark. Jede Baracke Ist fllr adit Kranke, die sich entweder in einem ge- 
meinsamen W^ohn- und Schlafraura befinden, eingerichtet, oder die Baracken 
sind in drei gleich grosse Zimmer zerlegt . deren beide äusseren Schlaf- 
slmmer für je vier Kranke sind, während der gemeinsame Wohnraum in 
der Mitte liegt. Bereits am 25. April traten die ersten Kranken in der Anstalt 
ein, deren Eröffnung am 1. Mai erfolgte. Der Betrieb war zunächst auf sechs 
Monate festgesetzt, um zu erkennen, ob die Baracken den an sie gestellten 
Anforderungen genügen würden. 

Im Folgenden ist der Bericht über die Krankenbewegung in der Heil- 
stätte am Onibowsee bei Oranienburg abgedruckt: 



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218 



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Langenheilstfitten. 



219 



Des weitQ^ehenden Interesses wegen, welches diese erste in der 
norddeutschen Tiefebene gelegene Luugenheilanstalt für die be- 
fbelU^B Kreise hat« sollen aooh noeh die AnataHaordnaoip nnd Aufnahme- 
Bedingungen wörtlich hier abgedruckt werden. Jedenfalls scheint der enielte 
Erfolg die Hoffnungen, welche man in die Anstalt gesetzt hatte, zu recht- 
fertigen, so dass der Beschluss, dt-n geplanten Betrieb der Ueilsl&tte weiter 
fortsoMtsen, angebraoht ist 

Avfnahme-Bedingnagen der Y olkth eilst fttte des Rothee Krevse« ani 

Grabowsee bei Oranienburg. 

1. Die Tollubeilstitte dea Kothen Kreuzes ist iamitteo aaagedebnter Nadelvraldnogea 
am Orabowaee bei Onndenboiv In fennder, landaehafttiidi MkOoer nod geschtttiter Lage er- 
richtet und wird am 1. Mal 1896 erOlIiiet Ab WokaatlttoB ^Heoen die i^wAlntea BuaekeB 

des Kothen Kreuzes. 

2. Die Oberaufsicht über einen dem Heilzweck der Anstalt voll entsprechenden, 
Bondbeitsgemässen Zastand und Betrieb der HeiUtUtte labrt der Vorstand des Volksheilstauen 
Vereines vom Rothen Kreoz nnd seine 8adirerst&ndigencommisBion. Die irztHcbe Leitung der 
Anstalt Vu-'^t in der ll.iud des Gthi irnen Medicinalrathes Prof. Dr. Gf.uhaudt zu Berlin und 
seines Assistenten Dr. äcBDLTZSM als ersten Änstaltsarztes, welchem ein ausreichendes, wobl* 
geaelraltes UntHelies und Pnegepersonal beigaben ist. 

3. Das durch reiche Erfolge in Sanatorien fflr Lungenkranke erproi>te Tleilverfahren 
ittt da.s hygieni8ch di:iteti.sfhe. Es beruht iui Wtsi ntlulien aut dein stiindipcn Aufenthalt des 
Kranken in reiner staubfreier Luft bei angemessener körperlicher Hewegung, geistiger and 
körperlicher Bescbältigang, sowie auf einer reicUiclieD, dem Krankheitssutasd «nge|>aastaii 
EmBhniDg. Es wird, soweit ertorderfieb, nirterstatst dnreb medieamentBse Behandlnng. 

4. Aufnahme in die VnlksheilstUtte des Kotben Kreuzes finden miinnliche Liin;:en- 
kranke, deren Leiden Aussiebt auf Wiederberstellung oder erbebliche Bessernng der Erwcrbs- 
fäbigkeit bietet, und welche niebt mit dner aadeieii aaaleekeiiden oder cdner ekelerregen- 
den Krankheit behaltet sind. 

5. Die Bewerber haben einen behSrdlichen (OrtsbehQrde, Krankeneasse, Verricherungs- 
anstalt u. s. w. i Ausweis iiher ihre PerHon, snwir « ine ärztliche Bescheinigung Uber ihren 
Krankheitszostand, insbesondere die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit einer wesentlichen 
Besaernng der ErwerbsliMgkeK betrabringen and den Naehwels Ober die SIeberstdIvng der 

PUegekoSten zu fuhren. 

6. Die Bewerber haben wenn nni},'lich zwei AnzQge, sowie iedenfalls doppelte Fu*8- 
bekleidnng und doppelte Leibwäsche in sanberem Zustande mitzubringen. Im Bedarfffnlle 
QbemimiDt aal Antrag die Anstalt, soweit «ogingig, die Llelemog der den Kranken fehlen- 
den Ansstattongsgegenstilnde. LagerrteOe. Bettwlaobe, HaadtUcher werden Ton der Anstalt 
gelierert. Das Mitbringen von BeqnenUfllikeltBkleldnng, irie Seliintroek, Pnatoitebi n. dergl., 

ist gestattet. 

7. Die Wisehei^igttng wUiread dea Antonthaltee In der Hellalitte beaoigt die letatere 

kostenfrei. 

8. Die Bewerber haben sich zu verpflichten, dasa sie sich in Jeder Beziehung der 
Aaataltsordnung fügen werden. 

9. Die Bewerber haben sich, soweit nicht besondere Yereinbaraagen gutrollen sind, 
einer endgiltigen Featatellang der Aurfnahmeflliigkeit an anteralelien, nnd zwar naeh ihrer 

Wahl entweder in der Poliklinik der Geheimratb GKanAHDT'schen Klinik in der Königlichen 
Gbarite zu Berlin — Unterbaumstrasse Nr. 7 — (Montags, Mittwochs, Freitiigs von 8 bis 
10 Uhr Morgens) oder durch den leitenden Arzt dw Beilstätte am Grabowsee zu jeder Zelt. 

10. Die lUr Unterkunlt, ärztliche Behandlang nnd Verpflegung in der Heilstatte an 
entriebtenden Gesammtkosten betragen fOr jeden Kranken täglich B Mark. Hierin sind auch 
die Kosten für au,s,^ergewiihnliche Verpllignntrs uml .'^tliikunj^.smittfl linbegriffen. Ci^^en. 
Anstalten, Behörden u. a. w., welche Kranke Uberweisen, rechnen allmonatlich postnumerando 
mit der Anstalt ab. Kranke, welehe auf eigene Kosten oder auf Koaten anderer Personen in 
die Anstalt aufgenommen werden, entrichten den Betrag für 10 Taj^e im voraus. Scheidet der 
Kranke vor Ablauf der Zeit, für welche bereits Zahlung geleistet ist, aus, so erfolgt die Rttck- 
eratattung des verauslagten Betrages vom Tage nach dem Ausscheiden ans der Analnlt ab. 

11. FQr Hin- und BUckreise kommt die Anstalt nicht auf. 

18. Die Anmeldungen beben sehrfftlieh, imd swar mSgHebst frflb vor dem beantragten 

Anfnahmetermin zu erfolgen. Alle Zuschriften sind bis zum I.Mai d, .1. an den »Vorstand 
des Tolksheilstätteovereinea vom Kothen Kreuz«, Berlin W., Wilhelmstrassc 73, später an diu 
»Dliection der 7oUuhetlatitle dea Bethen Krensea« nm Qrabowsee bei Oranienbncg an lichten. 

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Anataltaordnnng der Volksheilstätte dea Eothen Krensea am Grabowsee 

bei Oranienburg. 

1. Jeder Kranke iat verpflichtet, den Anordnungen der Anstaltsärzte und des Aufsichts- 
personal« in nnd ausserhalb der Aaatidt nabedingt Folge an leisten, widrigenfalls die sofortige 
Entlaasong erfolgen kann. 



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220 



Lungenhellstätteii. 



2. Die Kranken «lad gokalton, so den AxstleatfeMtstM Standen aniraiMien nnd 

zu üvtt zu ^eben. 

3. Anfcnthaltsanordnung und Ta^seintbeilaDg erfolgt dnroh die Aenle« Kimkei ^ 
es wttoflchen, können mit äntUeher Zofttlmmaag mit leichteran Artisten — nnd nwar nnter 
Umttibuden gegen Entgelt — bewliiftlgt werden. 

4. Vor dem Verlassen der Schlafräume sind von dfn Kranken die Fenster ru tiffncn. 
Auch Nachts mass auf Erfordern des Arztes in jedem Zimmer ein Fenster geöffnet bleiben. 

5. Soweit in einzelnen Fällen nicht besondere Anordnang getroffen wird, hsben die 
Kranken das Anfmiclien ihrer Lagerstittten, sowie das Betaigea ihrer Belüeidong seihst sn 

beflorgen. 

0 Da» Tabakranchcn ist nar ananalunswelse nnd anr «B einem dam bestimmten Orte 

mit ärztlicher Qenebmigang gestattet. 

7. Der Oennss geistiger Oetribil^e, nasser den cnrgemiss Terordneten nnd Ton der 
Anstalt gelieferten, ist verboten. 

8. Das pUnktUcbe Erscheineu zu den einzelnen Mahlzeiten , deren Beginn durch das 
Läuten einer Gloelra aageseigt wird, wird den Kranken zar besonderen Pflicht gemacht. Die 
Halüseiten finden geneinseludtlich nnd nur anl besondere ftntliohe Anordnnog im Zimmer 
der Kranken statt. 

9. Die Kranken «lürfen sicli nur in den ihnen angewiesenAB Blamea der Anatalt aaf- 
balten. Das Betreten der Wirthschattsrüume ist untersagt. 

10. Die Bewegung der Kranken in der Umgebung der Anstalt (auf SpaiiergingMi n. s. w.) 
wird ärztlicherseits (jeregelt. Der Verkehr in .Schankwirthschaften ist Terboten. 

11. Die Kranken dürfen, soweit nicht ärztlielie Bedenken entgegenstehen, Dienstag, 
Donnerstag und Sonntag von 2—6 Uhr nachmittags Besuch emiifantren, zu anderer Zeit nur aus- 
nahmsweise mit jedesmal einioholender Genehmigong des leitenden Arstes. Den Besnohem ist das 
Mltbriogen Ton Lebensmitteln, Getilnicen n. s. w. ohne Erianhniss des Anstnltsante« Torboten. 

12. Von den Kranken wird dir Schonung de» Anstaltszubehörs, sowie die grösste 
>>auberkuit erwartet; auch haben sie jede Beschädigung der Anlagen sorgsam zu ver- 
meiden; CS wird tarner voransgesetst, dasa sie selbst für Heinlichkeit und (Mnnng in den 
Schliifzinimem nnd sonstigen ihnen lor Verfügung stehenden Anstaltsräamen , sowie in den 
Anlagen sorgen und in gleichem Sinne anf die Mitbewohner der Anstalt ihren Einflnss ans- 
•nSbeu suchen werden. 

13. Den Kranken wird im Interesse des Heilverfahrens cur besonderen Pflicht 
gemaebt, wo de rieh nodi anftadten mVgen, sei es hi der Anstnlt, mtf SpaciwgiBgeo ete , 
znm Spncken nnr die anfgestelHen Spueknüiile oder die ihnen gelieferten Taschenflilsehchen zu 
benutzen. Die Entleerung und Reinigung dt-r .Spuckgefässe erfolgt auf ärztliche Anordnung. 
Insbe.s(nul<Te ist es streng untersagt, auf den Boden oder in's Taschentuch zu spucken. 

14. Etwaige Beschwerden der Kranken während ihres Aufenthaltes in der Anstalt sind 
in ein von der Leitung der Heflatltte angelegtes Beaehwerdebnch dnndi die KianiteB sellwt 
einzntra^M n oder können dem leilenlen Anstaltsaitt oder einem Vorstandsmitglied penOnlieh 
vorgetragen werden. 

15. Widersetzlichkeit, Tmnkeniit it, unanständiges Benehmen gegeu weibliche Personen 
können die sofortige Entlassung ans der Anstalt anr Folge haben. FUr mathwülige Bescliädi- 
gnngi-u des Anstultseigenthums ist der Thiter haftbar. 

Auster diesen vorhandenen Vereinen ist noch die BLEiCMRODBR-Stlftang 
in Berlin zu nennen, ein Verniächtniss zur Gründung: einer Heilanstalt 
für I^unsenkranke, an dessen Spitze ein Curatorium steht, zu weU-heni die 
Testameatsvollslrect^er des Stifters und drei Vorstandsmitglieder des Berlin- 
BrandenbiirKer HeUatftttenvereinB für Lungenkranke gebOren. 

Die FQrsorge Berlins fflr Brustkranke findet bis jetzt, abgesehen von 
der Möo^Hcbkeit der Aufnahme der Kranken in den Krankenhäusern, ihren 
Ausdruck im Bestehen der bereits oben erwähnten beiden städtischen An- 
stsllen. In Malchow fQr 86 Mtoner, In Blankenfelde ffir 60 Frauen. Die 
Aufoahni«! und Erfolge waren hier folgende: 



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j Von dlwca «nnlMii «BtlUfaB 


Mbr 

bMMIt 


1 nloht 

hanart > B*- 
■""■^ , baiMrt 


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18!tr» 9() «583 » 

1895/96 268 » 


212 
112 
168 


171 7« 

320 81 
02 17 
103 ö 


1 

2 



Bemerkens Werth ist, dass nur von »sehr gebessert« Entlassenen in 
dieser nach dem amtlichen Vervaltungsberichte von mir zasammengestellten 



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LungcnhcilstAtten. 



221 



Statistik die Rede ist. Obwohl Husten, Auswurf und Bacillen sich bei die&en 
Pfleglingen verloren hatte, halten sich die betreffenden Aerzte dennoch für 
nicht berechtigt von einer »Heflnngc cn spreolien, da die Beobaclitangn- 
und Bebandlungszeit, eine zu kurze, und ferner die Patienten, erst wenn sie 
in ihre früheren Verhältnisse und Beschäftigung: zurückkehren und längere 
Zeit in dieser waren, einen Prüfstein für den Erfolg der Behandlung ab- 
t(eben können. Diese vorsichtige Auffassung, welche auch Wbicker vertritt, 
dfirfte sieher nicht unberechtigt sein. 

Die Alters- und Invaliditälsversicherungsanstalt Berlin hat in QOtergotz 
seit einigen Jahren eine Heilanstalt errichtet, in welcher Tuberkulöse bis ^etzt 
keine Aufnabiue finden. 

Fflr die KrankencaasenBiItglleder Berlins sollte durch eine eombinlrte Ver- 
sammlung von Aeraten, Sütenlcencassenvorständen, Verwaltungsbeamten und 
Mitgliedern des Ausschusses der Invaliditäts untl Altersversicherungsaostalt, 
welche am HO. März lö*J7 stattfand, ein wesentlicher Fortschritt in der 
Toberkvlosebehandinog angebahnt werden. Nach den statistischen Er- 
hebungen ist anzunehmen, dass von den in den Krankencassen vereinigten 
Arbeitern in Herlin etwa die Hälfte der Tuberkulose zum Opfer f&Ut. Folgen- 
iler Beschluss wurde von der Versammlung angenommen: 

»In Anbetracht der Thatsache, dass die Schwindsucht Immer weitere 
Volksschichten ergreift und namentlich unter der Arbeiterschaft Berlins 
furehtlNUre Opfer fordert, ist es Pflicht der dazu geeigneten social poIitischMi 
Faotoren, alle Kräfte zur Bekämpfung dieser Seuche zu vereinio:en 

Wir erwarten daher: 1. dass die Invaliditäts- und Altersversicherungs 
anstatt Berlin bei denjenigen Kranken, bei welchen festgest^ Ist, dass die 
Lungentuberkulose noch im Anfangrsstadium begriffen ist, auf Antrag der 
zuständigen Krankencasse das Heilverfahren auf eigene Kosten übernimmt, 
indem sie die Kranken einer der zur Zeit verfügbaren Lungenheilstätten 
Uberweist. Im Femeren erwarten wir, dass die Invalidltits- und Altersver- 
sicherungsanstalt in Berlin im Interesse der Versicherten sowohl wie im eigenen 
mit der Errichtung eines Sanatoriums für Lungenkranke beiderlei Geschlechtes 
unverzüglich vorgeht, da nur so dem mächtig erwachten hyi>:ienischen Be- 
wusstsein der arbeitenden Bevölkerung Rechnung getragen werden kann. 

Wir erwarten: 2. dass die Berliner Aerste von ollen ffir das hygie- 
nisch- diätetische Heilverfahren geeigneten Fällen der zuständigen Kranken- 
casse Mittheilung machen, damit letztere diese Kranken unverzüglich der 
Invaliditäts- und Altersversicberungsanstalt überweisen kann. Ferner ist es 
Pflicht der Berliner Aerxteschaft, durch hftuflge Referate Auflclftrung Ober 
Wesen und Verhütung der Tuberkulose in die weitesten Bevölkerungs- 
schichten zu tragen, und erhoffen wir einen dahingehenden Einfiuss und 
Förderung von den Aerztevereinigungen sowohl wie von einzelnen in autori- 
tativer Stellunir befindlichen Mitgliedern des AerstestandM. 

3. Die Krankencassen vorstände und Verwaitungsbeamten verpflichten 
sich, in allen durch die Aerzte i'iherwiesenen geeierneten Fällen sofort bei 
der Invaliditäts- uad Altersversichorungsansiali Antrag auf Einleitung des 
Heilverfahrens zu stellen. Ferner verpflichten sich sämmtliche Krankencassen, 
bei denienigen Ihrer Mitglieder, fflr welche die Invalldittts- und Altersver- 
sidiemngsanstalt, ohne die Casse ersatzpflichtig zu machen, das Heilver' 
fahren übernommen hat, die Fürsorge für die P'amilienangehorigen im vollen 
Umfange der der Casse obliegenden Leistungen zu übernehmen. 

4. Zur Forderung der rechtzeitigen Brkenntniss der Schwindsucht muss 
die Errichtung einer Centraistelle für l>akterioskopische Untersuchungen, die 
den oft vielbeschäftigten Cassenärzten unentireltlich zur Xerfügunp steht 
in s Auge gefasst werden, wodurch die Stellung von Frühdiagnosen wesent- 
lich orlslehtert werden würde. 



L.iyu,^cd by Google 



222 



LaogenbettstflUen. 



Endlich erhofft die Centralcommission , welche die Agitation in die 
Wege geleitet hat, dass sie von Seiten der Krankencassen durch Ueber- 
weisung des ganzen statistischen Materials zur weiteren Agitation bestmög- 
liehst antgerflstei wird.« 

In der Veraammlnng war auch der Vorschlag gemacht worden, eine 
besondere Untersuchungsstation zu errichten, am den Auswurf in suverlfissiger 
Weise und schnell untersuchen zu können. 

Beaehtenawerlh erseheint ein in der »Medicinlschen Reform« verölfent- 
liehter Vorsehlag, um eine brauehbare Statistik der Zahl der Erkrankungen 
an Tuberkulose bei den Krankencassenmitgliedern in Berlin zu erhalten, 
durch Bewerkstelligung einer Sammelforschunnr. Die Cassenärzte füllen von 
einem bestimmten Zeitpunkte ab für alle zu behandelnden Lungenkranken 
ein Z&lükarte aus, deren Schema naoh folfcendem Entwürfe hergestellt ist : 

Zählkarte. 

Eiitwurl mudificirt darcb VON LKVUKK. 

A. Bericht des behaodt;liidea Arztes: 
NB. Bei Nr. 3, 4, &, 6 das Zatrelleiide sn imt«ntreieheB, nOtUcMfaU« bsodaoluiltlivli 
SB ergiuzes. 

1 Knnkencasse Bneh^Nr. 

2. „ 

Xam«, TonUM«. Altar (gab. mI) Sp«ttUll* 

3. Wohnung : ^ 

OliaiM, HwmMT, Vccdariww, StiUiaaabtad», Qw gt b iaJ», 

4. Aetiologie: 

mj £rerbte DispoBttion: Tabercniose io der Familie ^Urosseltero, Eltern und deren 
Gesehwlflter, OeMdiwIster). 

b) Vermutbete lufection: durch Taberculose der Ehegatten, Kinder, Wohnnng»- 
ffenoMeo, AflMitaffeDOssen. 



c) Frühere Krankheiten (tierophuloae , Keuchhusten, Masern, lullueuza, Pleuritis, 
BlatbuiteB, Typhus, Loei); 

Wochenbetten; Abortc; 
Trauma (ContUHion der Brust). 



5. Kurze Angaben den Futicntvn über Beginn und Verlauf der Krankheit : 

(Beginn Heiserkeit, Husten, Bnistschmemn, Fieber, XachtächweiHge; Appetit- 

loBiykeit, Durchfälle, Brecbneigoog, erschwerte AthnuiBg; BubjectireB Belinden; frühere 
ArbeltsnotShlgkeit; bisherige Bdiudlang). 



6» (ifgenwürtigfr Befund ^aufgenommen am - ); 

aj I^hysikaliscbe Untersuchung der Lungen und des Herzens. 



b) Ansseben: 

Körpergewicht (wie vid Irilher?) 

Arbeitsfähigkeit. 

Fieber'/ 

r r n m p 1 i c a t i 0 n e n : 

Tuberculoee des Kehlkopfes, des Hittelobres, der Nase, des Darmea, der Haut, DriUeo, 
KDoehen, Oelenke; anderer Organe. 

Lues, Carcinom, Diabetes; andere Krankheiten. 



d) B»eiIIen: (wenn natersacht) 

Zur Nuchuuteräuchuug geschickt an 

Stemp«! du b«b*D«l*liid«o Arstet. 



Digitized by Google 



Lungenhcitetfltton. 



223 



B. Naehuntorsuehung am 

J>Ulßa08e: Sicher TubrrctilnHt- 

Kurzer Luagenbefuad. 



FngamM: m) Mebter Fall, b) mittelseliwvrar Fall e) •dhwerer FalL 

Nochmalitrc Voi-Ntcllunp nach erwOoflobt. 
Zurück Uli den bebundeloien Arzt am 

Nam«, boiiitbuagswvU« ätcmpel de« NAobantenucbcn. 

Der Kranken «ftiae snr Aafnabuie «mpfohlen am 

Wiodwhahnig Unterrachang » > 

An die Sammelatelie aas 

C. Nutizcii über weiteren Verlauf. 

In die Heilanstalt nicht auIjronoanneiB. 
P :i t i *' n t verweigerte die Ciar. 
Aulgenomiueu am entlassen am .... 

Berielit der Anstalt: 

T ili'.- Aufi-nthalts 

ii. Zuuaüiue des Kürpergewichts ^ ^ 

HI. Ob|eetiver Befand bei der Batlassang 

Lungen (eventuell Kehlkopf, Knochen etc.) 



Bai-nien: 

IV. ArbeitslUhigkelt (1, »/,. */,)• 
V. Voraussiehtliche weitere Prognose 
Wiederholung der Cor erwünscht? 

D. Späterer Verlauf: 



U. 

Zur MittheUung an die CasBen bestimiiite Karte. 

Berlin d. 189 

Krankencasse Bncb No. 



IKmun, yocMim AlMr (fih. «ri 



erwerbsfliliit: 



krank aeit 



erirerbsuniuliig 
Mdet an Lnnffenaebwindaoebt (■ 



nnd eignet sfcb nach dem Urtbeil des Unterzeichneten und des Herrn 

zur Behandlung in einer Lungeaheilaaatalt. 

Noebmalige VorateUang bei Herrn „ „ 

• •- nach erwünscht. 



bshandaladsr Amt (l'ntenchrift und Stempel). 

Die Zählkarlen sollen an einer ärztlichen Sammelstelle endgriltig ge- 
sammelt worden und dann als Grundlage weiterer Verarbeitung dienen. 

Im Jahre 1897 ist das Thema der Errichtung von Heilstatten für 
Lungenkranke wiederam aar Berathang fQr die Vereammlnng der GenelU 
Schaft deutscher Naturforscher und Aerzte gestellt. Auf dem internationalen 
medicinischen Congress in Moskau wird v. Lrvden in einer der allgemeinen 
Sitzungen einen Vortrag über die Versorgung der Lungenkranken Seitens 
dee Staates halten. 

Wie oben bereits erwähnt, ist von deutschen, Städten, ausser Berlin 
hauptsächlich Frankfurt a. M. sn nennen, welches durch seinen Verein 



224 



LunsenheiUtAtten. 



fQr ReconvalescentenanstalteD liabnbrechend für die Errichtung: von Langfen- 
heilstfitten wirkte. In dor «weiten Hälfte des October 1895 konnte eine 
Heilst&tte im eigenen Heim in Rappertsliain für 40 Männer und 40 Frauen 
eröffnet werden. An manchen Orten bat man gegen die Vereinigung der Ge- 
schlechter in einer Anstalt das Bedeniceii geltend gemaeht, dass Unsatrig- 
lichkeifon entstehen würden, da Phthfsiker g^eschlechtlich sehr erregbar 
sind. Im Jahre IS'JG wurde zwischen dem Frankfurter Verein und der 
Invaliditäts- und Altersversicherungsanatalt Hessen- Nassau ein Vertrag be- 
treffs Ueberweisung von Kranken abgesehlossenf am anch Venmehe mit der 
Heilbehandlnng fQr die VersicherungrspfHchtigen anzustellen. 

Ausser diesen bat der V^erein noch Mitglieder von einer erheblichen 
Anzahl von Krankencassen etc. vertragsmäsaig aufgenommen. Im Ganzen 
waren im Beriebtsjabre 1895/96 829 Kranke bebaodelt. 

Von anderen deutschen Städten bat aneb Bremen eine rege Thätig- 
keit entfaltet. Der Bremer Heilstättenverein, welcher nach der Schilderung 
von Georg Liebe zuerst eine Gruppe des 18Ö8 in Hannover gegründeten 
»Vereines zur Errichtung und Erhaltung von Heilstätten für bedürftige 
Lungenkranke« war, stellt sieh die »Aufgabe, in besonders gflnstig gelegenen 
Gegenden Heilstätten zu erruhten und zu unterhalten, wo bedürftige 
hreini.sche Lungenkranke, und zwar nöthigenfalls auf Kosten des Vereins 
verpflegt werden. Daneben wird der Verein sich bemühen, die Behandlung 
▼on Lungenkranken an Garorten oder in Anstalten naeh soldien Methoden 
so Tarmitteln. welche in der Wohnung der Kranken nicbt dnrehfQhrhar sind. 
Ausnahmsweise ist auch die Aufnahme oder liehandlung auswärtiger Lungen- 
kranker statthaft. Der Verein eröffnete I6d'6 eine eigene Heilstätte in Reh- 
bnrg, deren letsta Jabretberlehte sebr günstige Zahlen aofir^en. 

ISN ISM UM 



Mlaaar Wnmm Mlamc Wtuum MIaMr fliMtB 



II* wurden verpflegt 


65 


40 


93 


49 


83 


&S 


Vou diesen wurden entlassen . . 


49 


32 


76 


41 


71 


46 


HU voller Arbeitaflbif keit . . . . 


18 


18 


27 


16 


60 


82 


Mit beschränkter Arheitsf:lhiY'keit . 


19 


3 


38 


19 


9 


7 




12 


7 


16 


6 


12 


7 



In München war man besonders durch v. Ziemssen b Anregungen der 
Frage der Brriebtnng von Volksbellst&tten nfther getreten. Am 13. Januar 1892 
hielt MoRiT/. im Aerztlichen Verein einen Vortrag, und es wurde auf 

v. ZiEMSSENS Antrag eine Commission gewählt, Ober deren Berathungen 
Schmidt am 1. März 1HI*3 referirte. Am 2. December 18'J4 fand die Be- 
gründung des Vereines fflr Volksbeilst&tten statt, und es konnte am 
5. November 1890 die Grundsteinlegung fflr diese erste Volksbeilstttte fflr 

Lungenkranke in Bayern in Planegg stattfinden. Die Anstalt cnfhSlt 
8*J, erforderlichen F'alles 114 Krankenbetten . wenn die im zweiten Stock 
gelegenen Flügel bauten mit Zimmern ausgebaut werden. 

Hervorragend Ist von sfiddeutscben Stftdten aueb Worms fflr Er* 
bauung von Volksheilstätten eingetreten. OberbOrgermeister KQcbler fflhrto 
in einer interessanten Denkschrift durch Herechnun«:: der Zahl der Lungen- 
kranken den Nachweis, dass für die Stadt Worms eine Anstalt von 24 Betten 
erforderlich sei. Dieselbe ist am Felsberg im Odenwald zu errichten. K fleh 1er 
besonders trat dafflr ein, dass die Gemeinden Heilanstalten errichten sollten, 
und leL'te dar. dass es die vornehmste AufK-ahe der Städte sei, sich dieser 
hohen Aufgabe zu unterziehen, eine Ansicht, welche, wie wir oben gesehen 
haben, leider nicht von allen Stadtverwaltungen getheilt wird. 

Zu Gunsten einer Heilstätte fflr Lungenkranke der Stadt Nflrnberg 
bat sich 185G daselbst ein Verein gebildet, welcher in Engelthal bei Her.s- 
bruek eine Anstalt errichten wird, deren Vollendung zu erwarten steht. 



Limgenlieltetätten. 



225 



Hannover bat einen »Verein ffir bedflrfti^ Lnngenkrankec, welcher 
die Patienten in Rehburir nnterbrinst Im Jahre 1896 betrag die Zahl der- 
selben 20. von denen 14 gebessert und 13 wieder arbeitsfähii^ wurden. 
Die Gewichtazunahme betrug zwischen 3 und '22, bei den mei.sten Kranken 
zwischen 7 und 10 Pfund ; Qewichtsabnahme trat bei keinem Kranken ein. 

Der Verein rar Brriehtnnff einer LnnfenheilstStte fflr Stettin Iweitst 
bereits einen Platz in der Buchbeide bei Höckendorf nahe Stettin. Die Vor- 
t>ereitungen werden unter Zenker's Leitung rührig betrieben. 

Von den sonstigen Vereinen und Körperschaften sind Heilstätten im 
Betriebe oder in Vorbereitnng von der 

Norddeutschen Knappscbaftspen8ionscas.se Halle a. S. Diese 
stellt eine besondere Casseneinrichtung für die Invaliditäts- und Altersver- 
sicherung im Sinne der 5 ff. des Gesetzes vom 22. Juni 1889 für 20 Knapp- 
schaftsvereine dar. Obwohl der § 12 des Gesetzes nicht in die Satzungen 
aalgenommen ist, kann die Berechtigung der Pensionseasee, das Heilverfahren 
zu übernehmen, keinem Zweifel unterliegen. Um niöjrliohst frühzeitig in den 
ersten Anfäniron der Krankheit die betreffenden Patienten herauszusuchen, 
eignen sich besunders die Verhältnisse der Knappschaftsvereine, wo die 
Knappschaftainte den grSssten Thell ihrer Sprengeleingesessenen elniger- 
massen kennen, so dass sie die zur Behandlung geeigneten Mitglieder bald 
heransfinden können. Die Anstalt wird bei Salzhagen im Sfidhan für 100 
Betten errichtet werden. 

In Westphalen baut der Kreis Altena eine Volksheilstfttte für 100 
Lungenkranke. Die Invaliditäts- und Altersversicberangsanstalt für West- 
phalen zu Münster beabsichtigt, zur Zeit keine eigene .\nstalt zu er- 
richten. Es empfiehlt sich auch für westphäiische Verhältnisse mehr, An- 
stalten fOr engere Bezirke und unabhängig von der Versicherungsanstalt zu 
banen. Die Anstalt des Kreises Altena wird 8 Km. von LOdenscheid ent- 
fernt am 1. Juli L^i'S eröffnet werden. 

Die Thürintjische Alters- und Invaliditätsversicherungs- ' 
anstalt hat seit dem 27. Mai 1896 eine Curcolonie auf der Harth bei 
Berka a. L errichtet. Znerst waren die Kranken in swei privaten Pensions- 
hftnsem, S(diloss Rodberg und Sophienhöhe, untergebracht; später werden sie 
nur in ersterem Aufnahme finden. Der ausführliche ilrztliche Berirht Ober 
die ersten 5 Monate in der Anstalt enthält genaue Angaben über alle medi- 
dnlsdien Fragen, Carplan, Diät, Behandlang. Hoher Werth wird aaf die 
Behandlung des Auswarfes seitens der Kranken gelegt; die betreifenden 
Anordnungen folgen anbei wörtlich: 

Pflege des Auswurfs. 

Bei der Behandlung Lungenkranker ist ein wichtiges Brfordemlss, 
dass dem Auswurf derselben die genügende Beachtung gewidmet wird. Der 
Auswurf Tuberkulöser ist der vornehmliche Träger der Ansteckungskeime 
und von ihm gehen die ununterbrochenen Selbstansteckungen der Kranken 
ans, sowie bekanntermassen auch die Uebertragung dieser Seudie von Einem 
snm Andern durch den Auswurf anstände kommen. 

Die Kranken sind strengstens angewiesen, den Auswurf tagsüber stets 
in DETTWEiLBR'sche Taschenfläschchen abzugeben und die V^ersicherungsanstalt 
giebt einem jeden Kranken ein solches Pl&schchen snm BfgenthunL Nachts 
wird bis jetzt noch in die Nachtgeschirre ausgeworfen; demnftohst aber wird 
auch jedem Kranken eine handliche Spucktasse ans etnaillirtem Blech zur 
Benutzung während der Nacht >;e<;eben. Zur Reinif^un«; und Desinfection 
dieher Gefässe wird der Kranke selbst angehalten. Den Auswurf ander- 
weitig absageben, zu verschlucken oder mit dem Taschentaoh aufsunehmen, 
ist nnter entsprechender Belehrung verboten. Zum Sehuts unserer Colonisten 

Xb^joIov. JahtbBelMr. VII. 15 



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226 



LttOgenheilstAtten. 



ppgen ihren Auswurf ist fernerhin angeordnet, dass die Kranken mit Aber* 
hängendem Schnurrbart, sich diesen bis zum Beginn des Lippenroths an dor 
Oberlippe kfirzen lassen, eine Massregel, der nicht alle gerne Folge leisten, 
sondern lieber eine öftere vorsichtige Desinfection des Schnurrbartes mit 
SnbUmatwasser vornebmen. TMcbentllcber, welehe sam Pntsen der Nase 
und dos Mundes dienen, sollen nur einige Tage in Gebrauch sein und 
werden mit der Leibwäsche auf Kosten der Versicherungsanstalt gewaschen. 
Die Tasche, iu welcher das Taschentuch steckt, die vorderen Theile des 
Roekes und der Weste, die Fingerspitsen werden ebenso wie der Scbnarr« 
hart des Oefteren mit Sublimatwasser behandelt, weil an diesen Stellen 
leicht Theile des Auswurfes haften bleiben. Ein 100 Grm.-Fläschchen mit 
Sublimatwasser führt deshalb jeder Kranke stets bei sich. Zur V erhinderung 
der SelbsUnfeetion wird der Kranke auch gehalten, t&glich mehrere Male 
eich so gnigeln, die ZUine an bürsten, die Binde zu seifen, nnd nm die 
Uebertrasrung von Einem znm Anderen zu vermeiden, wird bei den Mahl- 
zeiten achtgegeben, dass die Kranken Speisen der Anderen mit ihren Händen 
nicht berühren. 

Von 102 ▼erpfl^^ten Kranken wurden 88 enUusen. Drei dersellten ver* 
lieeaen die Colonie einige Tage nach ihrer Aufnahme. Von den übrigen 80 war 

bei 7 keine Spur der Erkrankung mehr nachweisbar, 
bei 25 noch Spuren, die Individuen aber vollkommen erwerbsfähig, 
bei 26 Erwerbsffthigkelt ohne Gewihrleistnng l&ngerer Daner dieses 
Znstandes, 

bei 11 geringer Erfolg, Fähigkeit nur an leichteren Arbeiten, 
bei 12 kein Erfolg. 

Die Invalidit&tS' nnd Altersversicherungsanstalt Braun- 
schweig wird eine Heimstätte fflr Genesende bei Stiege im Harz im oberen 

Selkethal mit 40 Betten im .luni eröffnen. Der Director der Versicherungs- 
anstalt Hasrol ist als ein für die Voiksheilstättenfrage hervorragender Vor- 
kämpfer zu nennen. 

Die Inyaliditftts- und Altersversichernngsanstalt der Provins 
Brandenburg flberwelst ihre Kranken der Anstalt am Grabowsee Tom 
Kothen Kreuz. 

In Schleswig-Holstein beabsichtigt die Versicherungsanstalt der 
Provinz, swei Heilanstalten ftlr Lungenkranke zu errichten. 

In der Pfals ist ein Vorein für Volksheilstätten begründet worden. 
Die Versicherungsan-stalt d<'r Pfalz sendet in gleicher Weise wie die ba- 
dische Invaliditäts- und AltersverHicherungsanstalt Kranke nach 
Nordrach in die Anstalt von Hbttinger, welche auch Privatkranken zum 
Tagessatze von 5 Mark geöffnet ist nnd 80 — 90 Kranken Aufnahme ge- 
währt. Auch die badische Kisenbahnbetriebskrankencasse belebt die Anstalt 
mit ihren Mitgliedern. Die badische Versicherunirsanstalt versiebt ausserdem 
die Heilanstalt Schönberg (Würlttmberg), Hornberg, Bonndorf im budischen 
Schwarz wald. 

Eine besondere Fürsorge hat die badische Anilin- und Sodafabrik 

in Ludwigshafen am Rhein für ihre Arbeiter eingerichtet. Ein eigenes 
Krankenhaus ist seit 18. September 1893 in Dannenfels eröffnet in welchem 
bis 22. November 1895 49 Lungenkranke verpflegt wurden. 37 derselben 
wurden entlassen; geheilt oder nahezu geheilt 8, wesentlich gebessert 14, 

nicht gebessert, beziehungsweise verschlechtert 11, crestorben 1. Die »Ge- 
heilten« waren bis März 18'Jü gesund und arbeiten; von den ^Oeliessei ten- 
haben Rückfälle; von den »Nicht gebessert« Entlassenen sind lu in ihrer 
Heimat gestorben. 

Eine sehr ruhrige Thatigkoit hat der Verein zur Begründung und 
Unterhaltung von Volksheilstätten für Lungenkranke im König- 



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LuBgenbeilstitten. 



237 



reiehe Sachsen entfaltet Die Vorbereit ongen sind hier so weit gediehen, 

dass vermuthlich im August dieses Jahres die Heilstätte »Albertsberg« liei 
Auerbach für etwa 120 inäDnllche Kranke eröffnet werden wird. Die Auf- 
sicht der Anstalt führt WüLFF-IuMERUANN-Reiboldsgrüu, welcher die bekannte 
Heilanstalt von Drivbr leitet Die bivalidittts» nnd Altersverslohenmgi- 
anstalt fOr das Königreich Sachsen hat eine grössere Snmme sum Bau IQr 
das Recht, ;?n Betten zu belegen, hewilli^t. 

In Überschlesien soll vom Ueilstattenvereia für Lungenkranke im 
Reglemngsbesirke Oppeln bei Breslau eine Anstalt fSr Lungenkranke erbaat 
werden. 

Tn Alton?! hat sich ein Comit^ zor QrAndnng einer Heilanstalt IQr 

Lungenkranke gebildet. 

Auch in Hamburg wurde die Frage der Errichtung einer Heilanstalt 
fflr 100 Lungenkranke angeregt 

Ein Verein zur Gründung eines Sanatoriums fUr unbemittelte Lungen- 
kranke in Unterf ranken besitzt zahlreiche Zweigvereine, welche für die 
Sache des Vereins tbätig sind. 

In Oldenburg ist Iwsohlossen, einen Volksheilstättenverein su grflndmi, 
um Lungenkranke in einem Curorte unterzubringen. 

In Stettin besteht ein Verein zur Errichtung von Genesnngsst&tten 
für unbemittelte Lungenkranke. 

Zum Scbluss sollen noch zwei Anstalten Erwähnung finden, deren eine 
an einem Orte liegt, dessen Namen IQr die gesammte Schwindsuchtsbehand- 
lung entschoidonden Klang gewonnen hat. Die Anstalt von WbiCKIR In 
Görber-sdorf, das >KrankeDbeim für unbemittelte Lungenkranket ist die 
erste Anstalt üeuUcblunds, welche sich auf die Heranziehung des § 12 
fflr Mitglieder der Invaliditäts und Altersversieherangsanstalten gründete. 
Die Anstalt besteht aus einem Haupthause und einer Anzahl kleinerer» Villen«. 

Es wurden daselbst lH'.i4 aufprenommen 12 Personen mit >^'M], 1895 
86 Personen mit 48üü und lÖUü 2ü0 Personen mit 17.104 V^erpflegungstagen. 

Von den 1896 Aufgenommenen kommen 185 ffir die Durchaefanitts- 
berechnun^^ in Betracht, da die übrigen zum Theil frfiher entlassen worden, 
zum Theil in Behandlung verblieben. 

Arbeitsfähig von diesen waren 13ü Personen 70,3%» bedingt arbeits- 
fähig 18 Personen = <J,7Voi gebessert, aber nicht arbeitafihig 22 Personen 
= 11.9%, ungebessert 15 Personen = 8, P/o* 

Eine Hauptsache für die Bcurtheilung des Werthes der Behandlung 
von Lungenkranken in besondertn Anstalten ist natürlich die Kenntniss der 
Zeit, wie lange die Erfolge bei den Einzelnen angedauert, nachdem die Be- 
schäftigung wieder aufgenommen. Die von Wbickbr angestellten Erhebungen 
ergaben in dieser Hinsicht Folgendes : 

Die Curresultate der :'> .Jahre seit der Gründung des Krankenheims 
stellten sich laut Umfrage wie folgt: 



n) Im All^'emeiocn: 











Luit ÜBfng« Aaiu« 1M7 tiiid 






3 mht 


Zalild«r 

•OtlMMDen 

Vsti«at»n 


Naohrieht 


aiteiultbig 


Kentpn- 
•mpftkng»r, b«- 

«u leicbtor 1 
AlMl iilil« 1 












P r o • • B t 






1894 

isyü 

1 


12 

m 

1 


s 

4:! 


&0,0 

»50.5 
Ü2,2 


87,5 1 12..Ö 

2.i,r> 

27,4 1Ü,4 





15* 



228 LungenheitotäCten. 



b) Die Daaer der erlangten Arbeitafiihigkeit ergiebt Rieh ans folgender AnfHtelInng: 



Jmht 


1 

ZAhl dar 

•Btluaenen 
PWWBHI 




Laot Cnifr*9« Ajtfaag 1807 »lad 

1 mnptinger, be- | 

1 m Uiehwr , 
1 Arb«lt tthi« 1 




T r o e • a • 




f) 


5 


60,0 


20,0 


90,0 




1895 ' 


47 


31 


71,0* 


16,1 


18,9 




1896 


130 

i 


'JI 


851,0 


8,8 


2,2 





Zu diesen Statistiken ist erläuternd zu bemerken, dass die Tabelle 
über die 1894 Entlassenen nicht volle Beweiskraft haben kann. Einmal war 
die Zahl der EnflasBeiien an sich gering, weiter aber waren die FUle noch 
nicht alle unter dem Gesichtspunkte des § 12 aufgenommen. Ans den Mit- 
theilungen der entlassenen Privatpatienten geht hervor, dass nach Berech- 
nung ein Procentaatz von 33,3 y„ nach der Cur zugenommen bat (1 bis 
18 Pfund), 42,4 Vo nach der Cor abgenommen hat (1—11 Pfund), l'4,3"/o au! 
dem in der Anstalt erlangten Gewicht stehen geblieben ist. 

Von bemerkenswerthon Besonderheiten seiner Anstalt, welche Weickkr 
anführt . sind noch die Haus- und die Tischordnung von Interesse, welche 
hier wiedergegeben sind. 

Hausordnung. 

Jeder Aufgenommene ist verpflichtet, der Hausordnung Folge zu leisten. 

Der Neuaufgenommene darf das Haus nicht eher verlassen, bis er vom 
Arct nntersneht worden ist und seine Gurvorschrltten empfangen hat. 

Fflr Kehlkopf-, Nasen«, Rachen-, Ohrenleidende findet die Sprechstunde 
Mor<2:ens von 8 — :> Uhr statt: weiter ist täglich von Uhr Nachmittags ab 
Sprechstunde. Die zu Untersuchenden finden ihren Namen für den Tag im 
Curaaal notirt FQr Jeden, der sich fihel befindet, ist der Arzt zu jeder Zeit 
zu sprechen nnd der Patient verpfiichtet, sich sofort in melden. 

Jeder Abreisende hat am Tage vor der Heimreise in die Sprechstunde 
von 8— 0 zu kommen. Die Auswurfstasse ist mitzubringen. 

Jeden Dienstag wird unter Controle des Arztes das Gewicht des Ein- 
telnen bestimmt. 

Im Cursaal liegt ein Beschwerdeblock auf, auf welchem solche Wunsche, 
Beschwerden und Klagen, welche nicht .sofort oder fiberhaui)t durch die 
Verwaltung geregelt werden können, kurz und sachlich zu notiren und dem 
Arzte an überreichen sind. 

Die gemeinsamen Räume stehen den Kranken im Sommer von 7 Uhr, 
im Winter von 7' '.. Uhr ab, bis Abends Uhr zur Verfügung, so weit nicht der 
Einzelne durch ärztlich verordnete Bettruhe, Liegen im Freien, ."^p.iziergang, 
Bad etc. verpflichtet ist. 9 Uhr ist Schlafenszeit, und es wird dann jedes 
Licht gelöscht. 

Jedes Lärmen, Sing^ laute Sprechen, Pfeifen, ThArenwerfen, Poltern 

ist untersagt. 

Der Auswurf ist nie hinunterzuschlucken, nicht ins Taschentuch zu 
werfen, noch viel weniger auf die Brde zu spucken, nicht austreten! fadls 

es dennoch geschehen, sondern nur in die Spnckn&pfe und Spucktassen. 

l>ie in den Zinuufrn hängenden Wärmemesser sind für die Zimmer- 
temperatur massgebend. Als normale Temperatur ist tagsüber 15" K., nachts- 
über 10« R anzusehen. 



♦ Im Vorjahre 91V,7«. 



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Lungenheilstätten. 



229 



Für den Lungenkranken ist die frische Luft die beste Medicin; dlo 
Fenster sollen daher weder Tag noch Nacht ganz geschlossen sein. 
Das Rauchen ist verboten. 

In Betreff der Lnogengynmastik, des Bergsteigens, der Liegeenr im 
Freien sind die ärztlichen Anordnungen strengstens sn befolgen und niemals 
über die Vorschriften des Arztes auszudehnen. 

Der Kranke hat sich beim Zubettgehen s&mmtlicher am Tage ge- 
tragener Kleidungsstfloke zu entledigen und NaobtwSscbe ansasfefaen. 8s 
ist gesundheitswidrig, nur die Oberkleider beim Schlafen ausznslehen. Die 
Wäsche ist zweimal in der Woche zu wechseln und ein besonderes Hemd ffii- 
die Nacht zu benutzen. V^or der Untersuchung ist Jedesmal frische Wäsche 
anzulegen. Taschentücher sind mindest«ns alle zwei Tage zu erneuern. 

Die Mitglieder der InTallditfttsanstalt baben wegen Ansebaffang von 
Badeutensilien, Wäsche, Seife etc. den Arzt zu befragen. Oline sein Wissen 
wird von der Versicherungsanstalt keine Zahlung geleistet. 

Die Zähne sind Früh und Abends mit der Zahnbürste zu reinigen. 

In Betreff der Abreibungen, Waschungen, Bftder bat Jeder seine be- 
sonderen Vorschriften zu befolgen. 

Ohne Erlaubniss dos Arztes bat kein Kranker sieb aus dem Weiobbilde 
üörbersdorfs zu entfernen. 

Dem Personal ist bSfiiiAes and besebeidenes Beaebmen gegen die 
Kranken zur Pfliobt gemacht; mngekebrt verlange der Kranke ntebts Unge 
bObrliches. 

Man schelle nicht unnöthiir lanp und stürmisch, sondern gedulde sich 
kurze Zeit, falls nicht sofort die Bedienung zur Stelle, da dieselbe möglicher- 
weise durch andere Kranke aufgebalten ist 

Zuwiderbandlungen gegen die Hausordnung können sofortigen Aus- 
seblnss aus der Anstalt zur Folge haben. 

Tischordnung. 

Das gemeinsame Frühstück findet im Sommer um 7 Uhr, Im Winter 
um 8 Uhr statt. Das zweite F'röhstuck wird um 10 Uhr eingenommen, das 
Mittagmabl um 1 Uhr, Vesperbrot wird um 4 Uhr verabreicht, das Abend- 
brot um 7 Uhr. Eine Glocke giebt das Zeichen zum Beginn der Mahlzeiten. 

Jeder Kranke bat pünktlich bei Tisch zu erscheinen. Nnr die Verord- 
nung des Arztes, auf dem Zimmer zu bleiben, entschuldigt. 

Der Kranke mache es sich zur Regel, vor jeder Mahlzeit die Hände 
mit der Nagelbürste zu reinigen. Vor und nach dem Essen ist eine Mund- 
und RacbenspHIung mit Salzwasser auf den Zimmern Torsunebmen. 

Aus den auf dem Tisch befindlichen Salzfässchen ist das Salz nur mit 
dem darauf liefrenden I.nffolrlien zu entnehmen. Von den Brotschnitten ist 
nicht abzubrechen und auf den Teiler zurückzulegen j man nehme eine ganze 
Schnitte Brot und zerkleinere dieselbe nicht mit dem Messw auf dem Tisch- 
tuch. Auch benutze man bei herumgereichten ScbQsseln nur die darauf be- 
findlichen Löffel und Gabeln, niemals die eigenen. Man esse und trinke 
nicht zu heiss und nehme sich Zeit zum Kauen. 

Jeder melde sich sofort, falls er noch Appetit bat und die Schüsseln 
geleert sind. 

Vom Tisch hat sich Keiner zu erheben, bis die Tafel aufgehoben wird; 
wer ledocb auswerfen muss , stehe auf und benutze die Auswurfsbehälter. 

Bztradiäten werden nur auf ärztliche Verordnung verabreicht; man 
wende sich daher im Bedürfnissfalle direct an den Arzt 

Die wöchentliche Butterration beträgt 400 Grm. Die Verwaltung Ist 
nicht bererhfi<rt, mehr ZU geben Wer eine grOsssre Ration hegehrt, hat 
sich deshalb an den Arzt zu wenden. 



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230 



Lungenheilstätten. 



Die Leitung der Pflege ruht in den Händen einer Oberin, einer Diako- 
nissin und eines Hausarztes. Ausserdem sind »Obmänner« vorgesehen, deren 
Aufgaben so befreBit ■Ind: 

Ueber die Stellung der Obmänner. 

Der Obmann hat ein Vertrauens- und Ehrenamt. 

Jede VlUa besHst ihren eigenea Obmann, welcher von den Kranken 

selbst fQr die Dauer seines Cnranf enthalt es gewählt wird; herreoht Stinunen- 
gleicbheit oder -Zersplitterung, so entscheidet das Los. 

Der Obmann vermittelt die Wünsche und Beschwerden der Kranken, 
soweit dieselben nicht direct dem Arzte vorgebraoht werden. 

Der Obmann nimmt eine Viertelstunde vor dem FrQhstQelc wie vor 
dem Abendbrot von allen Kranken im GesellschaftsTiimmer die Korper- 
temperatur auf. Es ist Pflicht und im Interesse des Einzelnen, pünktlich 
zu erscheinen und mit seinem Fiebermesser die Messung genau vorzu- 
nehmen. Der Obmann ist im allgemeinen Interesse verpflichtet, Sftnmige 
oder Widerwillige zu melden. 

Der Obmann sei sich stets bewusst, dass er seinen kranken Kame- 
raden durch seine Thätigkeit Hilfe leistet. 

Jeden Sonntag haben sidi die Obminner za einem Referate über 
etwaige fn der Woche aalgetretene Betriebsstörangen bei mir einzufinden. 

Anschläge, Nenemngen etc. sind mir zor PrQfnng, bezüglich Unter- 
schrift vorzulegen. 

Der Obmann hat die Pflicht, zur Befolgung der allgemeinen Gesund- 
heitsregeln, die durch die Aerste gegeben werden, anzuhalten, im SpecieUen 
alle die Kranken, welche sich lässig oder leichtsinnig den Bestimmungen 
der Hausordnung (Auswurf!) gegenüber verhalten, zum Hechten zu ermahnen. 
Im Weigerungsfälle aber zu melden. 

Streitigkeiten zwischen dem Obmann und anderen Patienten sind mir 
unverzüglich vorzutrag^. Tlifttiiche Selbsthilfe bewirkt Ausschluss aus der 
Anstalt. 

£b erschien mir von Interesse, gerade diese genau durchdachten Vor- 
schriften hier im Worlaut anzufahren, um den O^nsatz zwischen der in 

den Anstalten in Deutschland und z. B. in England üblichen Behandlung 
der Brustkranken, welche noch dargelegt werden wird, zu zeigen. 

Neben dieser Anstalt ist die am 1. April 1894 eröffnete Zweiganstalt für 
Minderbemittelte der BREHMBR'schen Heilanstalt zu erwähnen, welche alles 
zur Cur Nothwendige für den monatiichen Preis von 130—160 Mark bietet 

Der zweite Ort, welcher noch zu erwähnen, ist St. Andreasberg, 
wo zwei Privatheilanstalten, dann die Anstalt von Ladendorf, die Heil- 
stAtte des Felix-Stiftes und die Anstalt der Hanseatischen Versicherungs- 
anstalt errichtet sind, beziehungsweise ihrer VoIlMidung entgegengehen. In 
der ersteren Anstalt wurden ausser Privatkranken Mitglieder der Hansesp 
tischen Versicherungsanstalt verpflegt, welche nunmehr nach Fertigstellung 
der neuen Anstalt in der letzteren unter Leitung von Ueouu Liebe unter- 
gebracht werden soUeo. Das Felix-Stift, eine Anstalt, weldie als ein Ver- 
mächt niss eines Patienten von Laden de rf errichtet werden soO, liat den 
Zweck, »heilbaren, bedürftijrt n Lungenkranken jeden Glaubensbekenntnisses 
die Möglichkeit der vollständigen Heilung zu gewähren, und zwar in Armuths- 
f&llen unentgeltlich, in anderen gegen eine massige Vergütung:. 

Von den Bestrebungen, welche sieh ausserhalb des Deutschen Reiches 
zeigten, sind einige zu schildern, welche am deutlichsten zu Tage getreten, 
obwohl zu betonen ist, dass auch in anderen als hier erwähnten Ländern 
die Frage der Errichtung der Lungenhoilstätten bereits lebhaft erörtert 
worden Ist. 



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Lungenheilstätten. 



231 



Der Verein zur Errichtuog und Erhaltung einer klimatischen Heil- 
anstalt fOr Brustkmke, welcher jetzt den Namen »Verein Heilanstalt 
Allandc führt, wurde 1890 in Wien begrrflndet Wesentlleh dnrch die Thai» 

kraft seinos Vice- Präsidenten Sr HHöTTER ist der prSchtifje Bau der Anstalt 
für ,'.00 Kranke soweit gefördert, dass die Eröffnung wohl bald erfolgen 
dürfte. Die Anstalt soll keine Versorgungs-, sondern eine Heilanstalt sein, 
die AnswaU der Kranken wird daher sehr eoffMin geschehen. Die Anstalt 
soll ferner eine Stätte fQr das wissenschaftliche Studium der Tuberkulose 
bilden, alle neuen Massnahmen u. s. w. sollen dort geprüft werden »Es 
liegt z. B. die Frage vor, ob es zweckmässig ist, die Kranken, wie es in 
einigen Anstalten geschieht, selbst bei Temperatnren yon — 15* tind — 20* 
bis spät am Abend im Freien zn belassen < 

In der Schweiz ist eine ausserordentlich rege Thätigkeit entfaltet. 
Bern, Glarus, St. (iallen, Aargau, Qraubündten, Luzern , Neuenburg, Solo- 
thurn, Thurgau, Waadt, Zürich sind mit Vorarbeiten besehiftigt. In Basel 
hat die »Qesdlsehaft rar Betördemng des Guten und GemeinnUtsigenc swei 
Anstalten vorbereitet, von denen die eine im Hochgebirge in der Stille« 
gelegen ist. Die Basier Heilstätte für Brustkranke in Davos ist zur Auf- 
nahme von Unbemittelten und Minderbemittelten bestimmt, welch letztere für 
5 Francs tSglich verpflegt werden, nnd enth&lt 70 Betten. Die ersten Kranken 
wurden am 14. Deeember 1896 an(fe;enomnien. 

In Dänemark ist eine Actiengesellscbaft zur Errichtung von Volks- 
sanatorien für Lungenkranke begründet worden. 

In Rnssland ist die SterbUehkelt an Tuberkulose eine sehr bedeu- 
tende. Nach Pavlowsky wurden 1891 in Hospitälern und ausserhalb der- 
selben 24.872.70fi Personen (unter Bezeichnung der Krankheit) behandelt, 
von denen 37i).7ü6 starben; Tuberkulose war bei l'J7.273 Personen Grund 
der Erkrankung und bei 30.065 Todesursache. 

Bs war also das Verbältniss der Phthisiker zu den flbrigen Kranken 
— 1 : 126 oder 8 vom Tausend; das Verbältniss der Sterblichkeit an Lungen- 
phthise zur allgemeinen Sterblichkeit = 1 : 12 oder 8 vom Hundert; von 
den erkrankten Phthisikern starben 15,14^^o' Sterblichkeit an Lungen- 
tuberkulose betrug 1891 in den grossen Städten: 



... Stirblkhkoit 

o. 1 u ul."". «" LunBeii- Vom Uimdert Varb&ltnir« 

Storhliohke.» taberkulo«, 

St. Petersburg .... 27597 4468 16.2 »/• 

UoakM 27915 4168 14,0 Vi 

Ode«« 820Ö Iba 9,2 Vio 

Warteban ...... 11824 2007 17,0 V* 

4878 304 10.3 V» 

Niahni-Xowgorod . . . 28<;i 861 12.1 * , 

Kiew 54U7 647 12,0 \ 

ABtrai'han 4482 883 7,4 */„ 

Archiuib'elak ..... Ü27 26 4,0 V» 



Diese Statistik bezieht sieh nur auf ein Jahr, giebt aber doch unge- 
fähr ein Bild vom V^erhalten der Phthise in Russland. Pavlowsky meint : 
»Leider kann man ielzf noch nicht viel von den statistischen Angaben für 
ganz Russland verlangen ; doch möchte man von den grossen Städten 
wenigstens genaue statistische Angabe erwarten können.« 

In Petersburg werden die Phthisiker — wie auch in anderen grossen 
Städten — in den allgemeinen Krankenhäusern unterg'ebracht. Es sind 
300 — rifioBfMten für .sie vorgesehen, und zwar im 0 buchof f'scben Hcspital 
100 für Männer, 50 für Frauen, im Alexander- Hospital ]e 5U für Männer 
und Im Maria Magdalenen •Hospital 25 für Männer, 15 für Frauen, im 
Peter Pauls-Hospitel je 20 für Slänner und Frauen; im städtischen Ba- 
rackenhospital und im Roshdestnewsky- Hospital werden die Schwind» 
süchtigen nicht isulirt. 



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232 LungeDhellfltätteii. 

Pavlowsky tritt warm für Errichtaag zahlreicher Sanatorien in Russ- 
land ein, da das eine vorhandeiM In HaUla in Finnlaad nicht annihemd 
dem Bedürfnise genügt. Nach einer Schilderung von Gabrilowitscb ist diese 
forste Heilstätte 1H89 in Haiila errichtet und 1892 in ein VoltLsaanatorinm 
utugewandeit worden. 

Neben diesem Alexander^Saaatorinm fOr 82 Kranke wurde 1893 das 
Marlen-Sanatorium für 25 Kranke und 181^5 das Nikolai Sanatoriamt iets> 
teres fflr 100 dem Milit&r angehörige Lungenkranke errichtet. 

Verpflegt wurden iiu Alexander- Sanatorium liU 109 

Gehettt 00 = 31, 4«/» 21 = 10,:iVo 

GetHiSfleft 72 = 37,87o 6« = ^>*^'o 

Kein Besaitet 36 18,8% 20 =^ 18,3'/o 

Gertorben . 28 =: 12,07, 9 = 

Auch in England ist die Phthise betrichtlieh ausgebreitet 1889 starben 

in England und Wales 44.738 Personen, etwa 045»/o der Einwohner an 
Phthise. i>7..Sti6 an anderen Erkrankungen der Athmunffswerkzouge. Etwa 
f^O.OOO Menschen (0,2G% der Bevölkerung) leiden beständig an Phthise. Im 
Jahre 1898 starben in England nnd Wales 48.632 Personen, d. h. 1468 von 
einer Million Einwohner an Phthise and 107.247 Menschen an anderen Er^ 
krankungen der Athiniin'rsworkTiPUjre. 

V^on den bisher gelieferten Beschreibungen dieser Anstalten ist besonders 
die Schilderung von RoaiN sn erwflhnen, welche prophylaktische und thera« 
peutlsehe Massnahmen, welche in den englischen Hospitälern für Brust- 
kranke zur Anwendung gelangen, nicht enthält. Das Koyal Hospital for 
Diseases of the Chest, das filfeste Hospital für Hriisl kranke in Europa, 
wurde 1814 gegründet. Es enthält öü Betten und eine sehr besuchte Poli- 
klinik und wird, wie der grösste Theil der allgemeinen englischen Hospltftler, 
durch froiwilllg geleistete, milde, aber theilwelse sehr hohe Beitrage erhalten. 
Die 80 Betten sind In drei grossen Krankensälen vertheilt, von denen zwei 
den Männern und einer den Frauen eingeräumt ist. Neben der Matrou 
(Oberin) sind 8 SIsters und 12 Nurses sur Pflege der Kranken vorbanden. 
Es sind grosse, behaglich eingerichtete Tagerftutne für die Kranken. Biblio- 
thek, Aufzüi^e, eif^ene Apotheke vorupsehen. Jeder Krankensaal bat be- 
sondere Wasserciosets, Wasch Vorrichtungen, Lcinenvurrathskammer , Tbee- 
kfiche. Zwischen je swei Betten ist in der Wand ein runder, mit Milchglas 
verdeckter Raum, welcher sur Belenehtnng fQr die Kranken sum Lesen, 
Schreiben in ihren Betten dient. Zur Aufnahme gelangen hier wie in allen 
übrigen Ho.spiials for Diseases of the t'hest nicht allein Phtbisikrr. sondern 
auch Patienten tuil allen anderen Erkrankungen der Organe des Hru.'stkurbes, 
des Hersens, der Plenren, mit Pneumonie u. s. w. Phtblsiker werden von 
den Uebrigen weder hier, noch in irgend einem anderen Krankenhause ge- 
trennt. Gerade dieses Hospital, dessen Wände mit guten Bildern und dessen 
Säle mit Pflanzen und Blumen geschmückt sind, zeigt einen sehr anheimeln- 
den Charakter. In den Sälen sind besondere Abtheilungen eingerichtet, 
hinter denen sich die SIsters zurQckzIehen können. .Ausserdem sind be- 
sondere Schlaf-. Kss- und Aufenthaltsräume für die Pfle<rerinnen vorhanden. 
Die Abtheilungen der Schwestern in den Krankensälen sind aus Mahagoniholz 
hergestellt, in dessen oberem Theil gute Glasbilder eingefügt sind. Alles dieses 
erregt mehr den Eindruck einer grossen Familienwohnung als eines Kranken- 
hauses Besondere Rauchrfiume. auch im F'reien. sind für Raucher eintrerichtet ; 
eine Kapelle und ein Theater sind gleichfalls vorhanden. Die Bänke des letzteren, 
welches im Luterstocke gelegen ist, dienen als Sitzplätze für die wartenden 
männlichen Patienten der Poliklinik. Die Behandlung geschieht hier wie in 
allen englischen Anstalten für Brustkranke mit allen Mitteln der heutigen 



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Lnngenheilstfltten. 



28S 



Schwindsucbtstberapie and ist rein individuell. Frische Luit wird viel an- 
gewendet, ledoeh Hiebt in Form der tu Denteebland gebrindiliclieB Frefliift- 
cnr. Der Fossboden der Säle ist mit Wachs gehöhnt und kaos nicht feuobt 

aufgpwisrht wer(lpr. Nicht nur fn diesoni Krankenhause , sondern in den 
meisten anderen sowohl für die PhthisenbehandluDg, als auch für allge- 
meine Erkrankungen — auch in den Fever Hospitals, die zur Aufnahme 
von Infeetioneknuiken dienen — werden die Fusebdden in dieser Welse 
behandelt. Man huldigt ietzt der Ansicht, dass bei Dielen, welche nicht 
mit Wachs bestrichen sind, die im Holz vorhandenen Risse zur Einlag:erung' 
von Unbauberkeit und Keimen Anlass geben, während man früher gleich- 
falls mit Wasser abwasehbare FnssbSden in den Knuikenb&nsem baUe, wie 
dies in anderen Landern der Fall ist. Von 742 im Jahre 1896 behandelten 
Kranken wurden Ii 1 8 irenesen entlassen; 68 verstarben. 24.896 polikliniscbe 
Kranke wurden Ib'JG behandelt. 

Das 1860 begrfindete Nortb London Hospital for Conanmption and 
Diseases of tbe Cbest bat Ranm für 60 Betten (85 fffir M&nner, 25 tOr 
Frauen): es wird grleichfalls ^by voluntary contribulions« erhalten, gewährt 
aber aiu h einer beschränkten Zahl von Kranken gegen Entgelt Unterkunft. 
Dasselbe beträgt lOsh. Gd. wöchentlich mit Kinpfehlung eines »(ionners« oder 
21 sb. ebne eine solebe. Die Bebandlnngsdaner betrigt bier secbs Woeben. 
1896 wurden im Hospital 4.';4 und poliklinisch 3625 Kranke behandelt; 
seit Begründung wurden mehr als 200 OOo Personen von Seite der Anstalt be- 
handelt. Alle nicht bettlägerigen Kranken essen im gemeinsamen Speisesaal. 

Weit grSsser als diese genannten ist das City of London Hospital for 
Diseases of the Cbest, welches 1848 eröffnet wurde und sich durch schöne 
Lege auszeichnet. Es enthält IGl Betten in zwei Stockwerken (im ersten 
Frauen, im zweiten M&nner); das dritte ist den 25 Nurses vorbehalten. 
Jedes Stockwerk hat an beiden Flügeln je einen grossen Raum, welche 
beide dnrcb einen langen nnd breiten Flnr verbunden sind. An diesem Flnr, 
der durch Sophas. LiegestQhle n. 8. w. als gemeinschaftlicher Tagerauin 
hergerichtet ist. liesron die Schlafräume für die Kranken, deren ieder vier 
bis 6 Betten (einzelne auch mehr) entbSlt. Dadurch, dass alle Thüren zu 
den Corridoren offen stoben, sind letstere vollkommen bell und es wird im 
Ganzen der Eindruck einer grossen Wohnung gewahrt. Der Fussboden in 
den Schlafräumen besteht hier aus nicht gestrichenem Holz, welches feucht 
abgewaschen wird. Nur etwa 50% Jahre aufgenommenen Kranken 

sind Pbtbisiker. Itn Jabre 1896 wurden 1055 Kranke im Hospital be- 
handelt, von denen 818 gebessert wurden nnd 121 starben. Seit 1855 
wurden :U). .')."/_' Kranke in der Anstalt aufgenommen. Poliklinisch wurden 
1896 im Ganzen 17.4r)l Kranke behandelt und seit 1848 betrug die Zahl 
b<o^.'62ii Personen. Hier wie in den meisten Londoner Hospitälern erhalten 
die polikliniseben Kranken die Arsnei kostenlos. Die Pollklinik nnd Dls- 
pensary befindet sich im Keller. Uober jeden polikliniseben Kranken wird in 
.*iehr sinnreicher Weise genau .Journal geführt. Ein grosses Kreosotelnath- 
mungszimmer ist im Keller hergestellt, in dem die betreffenden Kranken 
tfigliob ein bis swel Stunden lang verweilen. Das Mittel wird in eiserner 
Sebale durch Hitze zur V^erdampfung gebracht und soll in dieser Anwen- 
dungsform besonders auch bei — nicht tuberkulösen - Bronchiektasien 
gute Wirkung haben, im Warteraum der Poliklinik wird Theo zum Selbst- 
kostonpreise cur Erfrischung der wartenden Kranken abgegeben. In diesem 
Hospitale benutzen die Kranken Speigliser mit CarbollSsung. 

Die Infirmary for Consumption and Diseases of the Chest and Throat 
wurde IS 17 eingerichtet. Die Anstalt ist eine Poliklinik, welche die Kranken 
zur Anslaitsbühandlung vorzüglich dem Brompton Hospital zusendet. Auch 
diese Infirmary wird by volnntary eontrlbutions erbalten. Leider finden sieb 



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284 



Lungenheilstätten. 



In den Berichten dieser Anstalt gar keine ZaJüftn Ober die dort entfaltete 
ftratliehe Tbftligkelt oder ersiellen Erfolge, «ibrend in den Berichten der 

anderen hier erwähnten und noch zu schildernden Hospitäler für Brust- 
ttranke wenigstens einige Zahlen nach dieser Richtung angegeben sind. 
Allerdings besteben diese Beliebte wie die der anderen Londoner Hospitäler 
eigentlidi nor ans Anfslblnogen aller die betreffende Anstalt erhaltenden 
Wohltbäter, mit genauer Angabe der von diesen eingezahlten Summen, so- 
wie Ahrrcbnunpen über Einnahmen und Ausgaben. Der eifrentliche medici- 
niscbe Tbeil der Berichte ist gewöhnlich ganz kurz abgehandelt. Auch die 
angegebenen Zahlen der Qebesserten und Oebellten aus den Hospitals for 
Diseases of tbe Chest sind meistens nnr mit Vorl>eiialt zu benfitxen, da 
siefa (Ho Kranlcen mit allen anderen Erkrankungen des Bnistkorbos umfassen. 

Eine rühmlicho Ausnahme machen die Berichte des Hospital for Con- 
sumption and Diseases of the Chest Brompton, welches seit Ib41 besteht. 
Die Anstalt setst sich ans swei grossen, in einer Strasse einander gegen- 
ülmrliegenden Gebäuden zusammen, die durch einen unter der Strasse fort- 
führenden unterirdischen Tunnel miteinander verbunden sind. Das ältere 
der beiden Häuser bat 210, das neue, am 13. Juni 1882 errichtete, 137 
Krankenbetten. Im ilteren GelAade befinden sieh in swei Stockwerken 
Kranke, im dritten Nurses. In jedem Stockwerke sind zwei grosse Saal- 
räume, in denen je zehn Zimmer mit je zwei bis acht Betten auf einen 
gemeinsamen Corridor münden. Das neue Haus hat drei Flure. Fahrstühle, 
elektrische Beleuchtung, Dampfheizung auch in der geräumigen Küche ver- 
voUstindigen die in |eder Hinsieht prunkvolle Ausstattung der Anstalt. Der 
Auswurf wird in mit Carbollösun<r <rofrillten Sp)eigläsern aufgefangen, welche 
auch auf dfn Troppenfiuren auf kloinen Holzbrettern zur Henützung aufgestellt 
sind. Sämmtlicbe Speiglüser werden in einen besonderen Verbrennungsraum 
im Keller des neuen Oebftndes in grosse eiserne Kisten gebracht nnd nach 
Entleerung des Auswurfe s in geräumigen Metallgefässen mit kochendem 
Wasser gereinigt. In dieselben Gefässe worden die Taschentücher der Kranken 
gebracht und der gesammte Inhalt täglich verbrannt. Sämmtlicbe 
Insassen der Anstalt werden tftglicb mit neuen Taschentüchern 
versehen. Auch hier ist man auf die Bequemlichkeit der Kranken in hohem 
>fasso bodacht. Das Essen gelangt hier und in den moisten andoron 
Krankenhäusern in London von der gemeinsamen Küche iu die — bei 
uns sogenannten — TheekQchen der Säle, wird hier auf Wärmetischen 
zerlegt und dann an die Kranken Tertheilt. Es wird hierdurch bewfarkt» 
dass jeder Kranke möglichst warmes Essen erhält. Besondere Rauchräume 
sind für die Patienten eingerichtet. Im Keller dos Hauses befindet sich 
ein pneumatisches Cabinet und ein Einathmungsraum für verdampftes Kreosot. 
Im Jahre 1893 wurden 1648 Kranke (296 = 17,9Vo TodesfftUe) behandelt^ 
▼on denen 1166 (i\5r> = i'l,9Vo TodesfiUe) an Phthise litten. Von letzteren 
konnten 8Gl' regelmassig gewogen worden und es zoisrton eine Ge- 
wichtszunahme von ^e 5,36 Pfd. , während Kranke an Gewicht gleich 
blieben. 50,8 7o der Phthiriker nahmen also an Qewidit zn. Das Jahr 1894 
zeigte eine Aufnahme von 1544 Kranken mit 268 = 17,3% Todesfällen ; 
von den Kranken waren lOTJ Phthislkor und hatten 231 iM .'>'^'',, Todes- 
fälle. I'.VJ dorsolhon wurdon regolmässig gewogen. .'>■_'() halten durchschnitt- 
lich je b.lb Pfd. zugenommen, 13 waren auf ihrem Bestände geblieben, so 
dass 48,5*>/o der Zahl der Phthislker Gewichtsverroebrung aufwies. 

Das bedeutendste englische Hospital für Brustkranke befindet sich ia 
Ventnor auf der Insel Wight. Das Royal National Hospital for Consumption 
and Diseases of the Chest wurde 1868 am Meeresstrando des idyllischen Ei- 
landes errichtet. 10 nebeneinander gelegene Geb&ude, Blees genannt, sind 
durch einen unterirdischen Gang verbunden. Acht der Hftnser haben drei, die 



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Lungenheilstfitten. 



235 



anderen zwei Stockwerke, deren jedes secbs Einzelzimmer mit je einem 
Bett enthält, so dass im Ganzen bis jetzt IG8 Krankenbetten zur Verfügung 
steheo. ESin neuer Pftvillon iet im Baa begriffen nnd gelit demntelist der 
VoUoidans entgegwi. Je sechs an einem Flur g:ele£:eBe Zimmer haben 
eine g:emeinMUne Äusseng^allerie, zu der aus jedem Zimmer eine Glasthfir 
fOhrt. Durch das Fester jeder Thür schweift der Blick über die zur Anstalt 
gehörigen weiten Wiesen nnd Waldbestftnde anf das unendliche Meer Unans. 
Sechs Häuser dienen zur Aufnahme für Männern, vier für Frauen. Oetrennt 
sind beide Abtheilungen durch eine fichön angelegte Kirche. Zur ebenen 
Erde befinden sich in jedem Gebäude die für den Aufenthalt bei Tage 
dienenden Räume mit Sophas, RuhestQhlen, Ciavieren, Unterhaltungsspiele. 
Da nnr Kranke aufgenommen werden, die Toranssichllich hettlMur sind, er- 
regt die Anstalt mehr den Eindruck eines grossen Familienhauses als eines 
Hospitals. Es sind auch hier nur etwa 6<>o/„ Phthisiker vorhanden, die 
flbrigen Kranken haben andere Leiden im Bereiche der Brustorgane. Zur 
Behandlung wird viel Kreosot nnd Onajacol, snm Theil in Unterhautein- 
Bpritzungen verwendet: Sinolair Coghill hat mit diesen, wie auch früher 
mit der Tuberkulinbehandlung, wie er mir mittheilte, schöne Erfolge bei 
seinen Kranken erzielt. Seit Besteben der Anstalt wurden daselbst bis 
Ende 1895 mehr als 18.500 Kranke behandelt. 

1891 wurden 689 behandelt, 77 fast gans geheilt, 120 sehr ge- 
bessert, 282 gebessert, 78 hJielMn im frOheren Zustand, 57 versohlimmerten 
sich , 25 starben. 

lÖi>G wurden 67G behandelt, iL'ä sehr bedeutend gebessert, 173 sehr 
gebessert, 286 gebessert, 89 blieben im firOheren Zustand, 21 Tersdilim- 
merten sich, 32 starben; aufgenommen waren im Ganzen 810 Kranke. 

Die Beleuchtung des Hospitals geschieht durch Gas ; die Einrichtungen 
der KQche (Dampfkochapparate), zur Lüftung der Zimmer stehen auf der 
erforderliehen H5he. Besonders bemerkenswerth ist der riesige Speisesaal, 
In welchem auch eine kleine Buhne ffir Äufffihrungen und eine Orgel auf- 
gestellt sind. Alle Häu.ser sind durch Fernsprechleitiing miteinander verbunden. 

Die Kranken haben zu verschiedenen Tageszeiten nach ärztlicher Anord- 
nung Im Bett SU ruhen, sind meistens im Freien, um die herrliche Luft su 
geniessen. Efgsiw Felder ▼ersorgen die Anstalt sum grössten Theil mit den 
erforderlichen Früchten, jedoch werden sie nicht von den Krankon bebaut. 
Dieselben zahlen für ihre gesammte Verpflegung und Behandlung wöchent- 
lich 10 sh. Auch dieses Hospital wird durch freiwillige Beiträge wohl- 
thfttiger Bürger erhalten. 

Von besonderem Interesse im Vergleich zu der in Deutschland herr- 
schenden Ansicht scheint mir die Anordnung in dieser Anstalt zu sein, dass 
die Patienten ihren Auswurf in die Taschentücher entleeren sollen, wenn 
kdne SpeigllSM' in der Nähe vorhanden sind. Die Tasehentüeher werden 
tiglldi durch andere ersetst, während die gebraudhten in der Anstalt ge- 
wnsrben werden. In sämmtlichen Zimmern findet sieh ein Anschlag, der 
in wörtlicher ITehersetzung folgendermassen lautet: 

Anleitungen über das Waschen der Taschentücher der Kranken. 
Schwindsucht (Phthisis oder Lungentuberkulose) ist unter 

gewissen Bedingungen von einer Person zur anderen übertragbar. 

Der Auswurf erkrankter Personen ist das Mittel zur Ansteckung, 
denn er enthält die Tuberkelbacillen, durch welche die Erkrankung bei 
denjenigen Individuen hervorgerufen wird, welche für dieselbe durch Er^ 
Werbung oder Vererbung prädisponirt sind. So lange sich der Auswurf im 
feuchten Zustande befindet, ist die .Ansteckungsgefahr gering; ist er aber 
getrocknet, und die Bestandtheile werden mit dem Staube auf 
den Pussboden verstreut und in die Luft gewirbelt, so ist er sehr 
wirksam und geffthrlieh. 



286 



LuDgenheUstftHen. 



Die VerordnuDg über das Verhallen mit dem Auswurfe ist daher eioe 
Sache von erheblieher Bedenttragr und die Kranken werden ernatlieh 
erevcht, nicht auf die Erde, Fnssboden oder in den Kamin, son- 
dern in die eiß^ens hierfür bestimmten Gefässe auszuwpifon Ist 
dieses unmöglich, so muss unfelübar das Taschentuch benutzt werden ; aber 
damit der Auswurf nicht trocken wird, ist die Einrichtung getroffen, dass 
jeder Kranke t&grlieh ein reines Tasohentneh erhUt nnd das gebranchte ram 
doppelten Zweck, der Desinfection und Wäsche, abgenommen wird. 

Bs ist aber genau zu beacbten. dassSpeipefässe immer nach 
Möglichkeit zu gebrauchen sind, und dass das Taschentuch nur 
als Ersatsmittel dient, nm das Ansspelen anf die Erde, innerhalb oder 
aasserlialb d«r Anstalt oder anf den Erdboden, an den Kamin oder sonst 
irgendwohin zu verhüten. 

MB. Die Taschentücher werden in früher Morgenstunde durch eine 
anssehllesBlidi ffflr diesen Zweck bestimmte Person eingesammelt. 

Im Aaltnge 

ges. Th(»s. h. Khyrer Paynb, 

tioücral-Dirt'ctor, 

17. August 1893. Boyal Natimial Boepital, Ventoor. 

Die Taschentfieher werden Im Hospital selbst gereinigt, wfthrend die 
Versorgung der übrigen Wäsche ausserhalb der Anstalt erfolgt. 

Ausser diesen genannten Anstalten sind Hospit&ler in Manchester, 
Liverpool, Buurnemouth, Belfast, Newcastle upon-Tine vorhanden. 

In Amerika, Frankreich, Beigten sind elnselne Anstalten bereits 
im Betrieb, andere in Vorbereitung. Bin City Hospital for consumptives ist 
bei New York froplant. Dksth^k und Gali.emaerts, welche 1889 eine sehr 
anschauliche Arbeit über die Verbreitung der Tuberkulose in Belgien ge- 
liefert, sprechen in ihren Schlusssätzen aus, dass es erforderlich sei, Phthisiker 
in besonderen Anstalten sn behandeln und Ihre Familien vor den mSglichen 
Gefahren eines Zusammenlebens und beständl^:er Berührung zu schützen. 

Nach den geschehenen Auseinanderst'tzunfren können jetzt die ärzt- 
lichen Gesichtspunkte, welche bei Errichtung von Heilstätten zu Grunde zu 
legen sind, ganz kunt berflhrt werden. Eine treffllohe Darlegung derselben 
hat Heumann WASSERFrim veröffentlicht, welche ich bei Schilderung der ein- 
seinen Fragen zu berücksichtipren habe. 

Bereite oben war erwähnt worden, dass man die Forderung der Anlage 
der Anstalten im Höhenklima fetst mehr fallen gelassen habe. Johann Pbtbr 
Fr.\nk hat 1793 sich ge&ussert: »Uebrigens weiss man, dass gewisse Krank- 
he'ton von dem Einathmen der Bersrhift sich uniremein verschliinniern. Die 
Schwindsucht und <lie Lungensucht ver(rüf;t nur eine kurze Zeit die leichtere 
und zugleich scharfe Luft höherer Gegenden und schwacbbrüslige Men- 
schen befinden sich überhaupt besser In der Ebene.« Hauptsftchlich v. Lbydbn 
u. A. meinten, dass nur eine von unreinen Beimischungen freie Luft, an von 
Winden geschütztem Orte für die Errichtunp: einer Lungenbeilanstalt erfor- 
derlich sei. Andere Forscher, z. B. VVeickeu, halten den Kinfluss der Höhen- 
luft fflr nicht ganz xu entbehren. Bemerkenswerth sind jedenfalls die in der 
Heilanstalt am Qrabowsee gewonnenen Ergebnisse, deren Weiterentwicklung 
von hohem Interesse ist .\iich der Berlin Biandenburfrfr Heilstiittotiverein 
wird seine Anstalt in der Ebene errichten. Die Erbauung der Anijtalten 
in der Nähe der Städte wird von Einigen für vortbeilbaft erachtet, damit 
die AngehSrigen die Kranken leicht besuchen können und diese selliet auch 
sich etwas um ihre Geschäfte besorgen können, was Andere för wonin: 
zweckmässig halten, da dadurch leicht die Anordiuinofcn dfr Aorzte frekieuzt 
werden könnton. Selbstverständlich iät auf gesundbeitsgemässe Beschulfen- 
helt des Bodens, besonders auch der WasserverbUtnisse u. s. w. su achten. 



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Lungenheilstätten. 287 

Die Heilanstalten sind hftnfig als eine Gefahr für ihre Umgebung aD- 
gesehen worden. Nahm hat dieses Verlilltaiss in einer kleinen, aber gewieh- 

ti|G:en Arbeit beleuchtet, indem er die Sterblichkeit an Phthise vor und 
nach der Krrichtuni^ dpr Falkonsteiner Anstalt (187B) statistisch darstellte. 
In dreiiäbrigen Zeitabschnitten starben in Falkenstein von 1000 Lebenden: 



11. 

1877—1879 .... 4.5 vom Tansend 



I. 

1856—1858 .... 4.6 vom Tausend 

IS.V.)— 1801 . . . . 1,5 . » 1 880-1 882 . . . . 3,3 » 

184)2—1864 .... 5,3 > > i 1883— 188Ö .... 1,6 > 

1865-1867. . . .3,0 » » i 1886—1888. . . . 1,0 • 

1868-1870. . . , 3,8 » » 1889 -18Jn. . . . 2,1 » 

1871—1873 .... 6,1 » » 1 1892-1894 .... 2,0 » 

1874-1876. . . .4,4 > > | 

Von 100 Verstorbenen gingen an Taberknlose su Gründe: 



m. 

1^.115— 18.')8 . . .17,2 vom Hundert 
lHr)'.»-18r,l ... 7,7 . > 
mvj -1864 . . . 22,6 » 



IV. 

1877—1879 . . .17,0 vom Hundert 
1880—1882 . . . 14.6 » 
188:5- ISS.-) . . . 6,0 » 



1865-1867 . . . 14,ü » » 1886-1888 ... 5,0 » 

1868-1870 . . .16,7 > > ! 1889-1891 . . . 13,9 > 

1871-1873 . . 21,0 . » ' 1892—1894 . . . 16,1 

187 4 — 1876 . . . 33,3 » 



» 



Vor Erbauung der Anstalt starben also durchschnittlich 4 von 1000 
Lebenden an Phthise, nach der Erbauung 2,-4; 18,9 vom Hundert aller Todos- 
lille sind vor der Gründung, 11,9 vom Hundert nach derselben auf Reobnnng 
der Phthise zu setzen. 

Es ist also augenscheinlich, dass die Nähe der Anstalt in Falkenstein 
auf die Umgebung nicht von ungünstigem Einfluss gewesen ist; es wird 
sogar das Gegentbefl zu erwarten sein, wie sieh dies an sahlreieben Stellen 
in den Denkschriften und Jahresberichten ausgesprodien findet, dass durch 
die hygienische Zucht oder »Drill (Weicker) der Insassen der Anstalt auch 
die umwohnenden Menschen günstig beeinflusst werden, indem sie ienen 
Drill von den Insassen, wenn sie mit diesen snaammentreffen. lernen. 

Demnächst erscheint wichtig sa betonen, dass nur Kranke im Beginn 
ihres T-eidcns aufgenommen werden sollen. Schwerer Erkrankte gehorpn 
in die Krankenhäuser, denn V ersorguntrsanstalten sollen diese Heil- 
stätten nicht (sein. Bei Gelegenheit der Erörterung dieser Frage auf der 
Naturforscher- Versammlung su Lfibeck 1895 hob ich hervor, dass auch für 
die im vorgerfloicten Stadium befindliehen Phthisiker gesorgt werden müsse. 
Denn wenn diese in den Haushaltunfrcn bleiben, so können sie leicht die 
aus den Heilstätten Zurückkehrenden auf's Neue anstecken, und sie bilden 
immer eine gewisse Gefahr für die Umgebung. Gans kflrslieh hat Th. Som- 
MBRPBLD vorgeschlagen, in den allgemeinen Krankenhäusern eigene Abthei* 
lungpn für Phthisiker mit allen Einrichtungen wie in den Heilstätton zu 
errichten und hier besonders alle diejenigen unterzubringen, deren Zustand 
eine Aufnahme in einer Heilstätte nicht mehr gestattet. 

Dass vorsflglich die Minderbemittelten bei der Errlehtnng der Anstalten 
zu beriicksichtigen sind, welche im Stande sind, einen kleinen Beitrag zu 
leisten, wird von vielen Seiten hervorgehoben, obwohl auch häufig die 
Sorge für die Unbemittelten ganz besonders hervortritt. 

Es ist daher der Name einer solchen Anstalt nicht gans gleichgiltig. 
WikSURFUHR verlangt mit Recht, dass das Wort »Schwindsucht«: in der Benen- 
nung aus Gründen der Mensrhlirhkeit vermieden werde, auch die Bezeichnung 
»tuberkulös« sei ungeeignet. Am besten ist der Ausdruck »Heilanstalt 
(oder Pflegeanstalt, oder beides) für Brustkranke«. 

Die Behandlung Inden Heilstätten ist die hygienisch-diätetischo, ohne 
dass ledochMedioamente sur symptomatischen Beeinflussung zn entbehren sind. 



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288 



Lung«nlidlstatt«n. 



Selbttveratäocilldi werden ancli in dieaen Anstalten Vereaehe mit dem 
neuen Tuberkulin anzustellen sein, dessen Anwendungsweise Koch in klarer 
und deutlicher Weise au sj^es prochen hat. Da stets die Pflege des gesaramten 
Individuums im Vordergrund steht, eignen sich die Heilstätten vorzüglich 
snr Vornahme der Versnche, da eie ia ganz besondere auf die Pflege der 
Lungenkranken im weitesten Sinne eingerichtet sind. 

WoLFF richtet sein Augenmerk noch auf gleichzeitig bestehende Grund- 
leiden und sucht dieselben mit Arsen (An&mie), Quecksilber (Lues) etc. zu 
bekämpfen. Athmungsgymnastik, Frellaftcur, Abh&rtung und sehr reichliche 
Em&hrnnff bilden die Grundlagen der Beliandlung, welehe ▼€« elnielnen 
Anstaltsleitern In sehr anregender Weise vor versammelten Pfleglingen 
genau auseinandergesetzt werden. Auch Anfrajren von Seiten der Kranken 
werden beantwortet und auf diese Weise bei den Visiten seitens der Aerzte 
Beepreehungen aus dem Gebiete der Gesundheltspriege abgehalten. In einigen 
Anstalten (Weickbr und in Berka) sind am Arztzimmer Pra<^ekasten ange* 
hängt, in welche die Patienten Zettel, mit Anfragen u. dergl, einlegen, 
deren Inhalt dann vom Arzt in Gegenwart der übrigen Pfleglinge erörtert 
wird. In allen Anstalten Ist auf sorgsamste Behandlung des Auswurfs 
grösstes Gewicht sn legen, und es sind auch in einzelnen Heilstfttten, wie 
oben geschildert, längere Anleitungen Ober diesen Punlct ausgearbeitet, 
welche in den Zimmern der Kranken angeheftet sind. 

Die Dauer der Behandlung darf keine zu kurze sein. Gewöhnlich 
wird letzt eine Dauer von 12 Wochen fOr die erste Cur beansprucht Bs 
ist zweckmässig, diese Zeit den Kranken nicht vorher zu bestimmen, damit 
sie nicht, wenn sie, wie es nicht allzu selten geschieht, wegen zu weit vor- 
geschrittener Krankheit früher entlassen werden müssen, psychisch nieder- 
geschlagen werden. 

Die Kosten für die zu errichtenden Anstalten können in verschiedener 
Weise aufgebracht werden. Die Versicherungsanstalten, Krankcncassen. 
Gemeinden und private Vereine werden nach oben dargelegten Urund- 
sitam fflr die Anlage und Entwicklung der Heilstätten Sorge zu tragen 
haben. Ob auch die einzelnen Staaten hier einzugreifen hallen, Ist eine Frage, 
deren Krnrterung v. Lkvorn auf dem diesjährigen internationalen medlcini- 
schen Conirress beabsichtigte. 

Ein nicht nur für die Behandlung sehr wichtiger Punkt, welcher 
von den meisten Autoren und in sehr abweichender Weise erörtert worden« 
ist die Beschäftigung der Pfleglinge in den Heilanstalt« n Grbh.xrd erklärt 
sich gegen jede zwangsweise auszuführenden Arbelten der Patienten . sofern 
solche nicht zu Heilzwecken etc. erforderlich sind. Einzelne Anstaltsleiter 
wollen die Patienten mit leichten landwirthsehaftlichen Arbeiten, andere mit 
sonstigen h&uslichen Ding:en beschäftigen. AsGHBR verlangt, dass die Cur in 
zwei Theilo zerfalle, voll.ständigi' Entspannung bis zur Hrbolung und Ge- 
wöhnung an die Arbeit bis zur maximalen Arbeitsleistung. 

Die Zahl der Betten der Gesammtanstalt richtet sich nach den ört- 
lichen Verhältnissen, d. h. je nachdem eine grossere Stadt, Versicherongs- 
anstalt, Verein oder sonstige Körperschaft die Heilstätte anlegt. Zahlreiche 
Betten sind in keiner Anstalt bisher vnrct soben. die grössten sind zur Auf- 
nahme von ;>0U Kranken bestimmt. Die Zahl der in einem Kaum zusammen- 
lebenden Patienten ist in den einzelnen Anstalten gleichfalls sehr verschieden. 
Wasseufuhr befflrwortet gemeinschaftliche Ta<!:esr;iuine. aber möglichst für 
]e<l«'n Kranken gesonderten StMiIafraum , wie die>es in vornehmster Weise 
in Veutnor vorhanden. .Massgebend ist unter Anderem für diese Forderung 
der Husten einzelner Kranker, welcher Andere im Schlafe stört 

K'\a Vergleich dieser in Kürze zusammengefassten Anhaltopunkte für 
die Einriebt uncr und Pflege in den Heilanstalten mit den oben geschilderten 
englischen Verhältnissen ist nach mehr als einer Hinsicht bemerkenswerth. 



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Lungenheilstätten. 



239 



Btne sehr wiehtige Frage ist die Aenderanir des Berufes bei den 
Aostaltsinsassen. Kebrt der Patient nach der Entlassung zu seiner früheren 
Bescbfifligunff mit allon ihren SchSdlichkeiten zurück, so wird er ja häufig 
wieder den letzteren erliegen. Man hat daher mit Recht »Vereine zur Für- 
sorge für entlassene Kranke« begründet, denen es obliegt, für die betref- 
fenden Kranken sntrigliebe Berafsarten sn besorgen. Es ist dies eine der 
schwierigsten socialen Aufgaben, deren ErfQllong von entscheidender Bedeu- 
tung: für die gesaramte Frage der LungenheilatStten sein dürfte, da ja nicht 
angenommen werden darf, dass mit der einmaligen Aufnahme und Be- 
bandlnng in einer Heilstätte die Sorge für den betreffenden Kranken er> 
schöpft ist 

Noch ein Verhältniss kommt hinzu , welches zu berücksichtigen ist, 
die Fürsorge für die Familie des Erkrankten. Monatelang wird der- 
selbe aus seiner Arbdt entfernt, so dass er den Lebensunterhalt der An- 
gehörigen nicht aufbringen kann. Diese Sorge ist gerade 1)ei den Minder^ 
und Unbemittelten, für welche die Heilstätten angelegt werden sollen, von 
hober Wichtigkeit, da sie das Gcmüth des Patienten bedrückt und so den 
Heilungsverlauf beeinträchtigt. Die Versicherungsanstalten sind auch hier 
Bur Unterstfitsung der Familien der Erkrankten bereit gewesen. Bedeutungs- 
voll erscheint der in Berlin gemachte und oben dargelegte Vorschlag, dass 
für Kranke, welche Mitglieder von Krankencassen sind, die Versicherungs- 
anstalt die Kosten des Heilverfahrens trägt, während der Betreffende in 
dieser Zeit von der Krankencasse sein Krankengeld erhält, welches auf 
diese Weise seinen Angehörigen Nutzen schafft. 

Der Vorschlag hat bereits in praktischer Hinsicht Früchte getragen. 
Die Ortskrankencasse für das Buchdruckgewerbe in Berlin, meines Wissens 
die erste in Deutschland, hat ihre Mitglieder benachrichtigt, dass sie, im 
Falle ihre Aufnahrae in eine Heilanstalt fär Luogeokraiike seitens der 
Alters* und Invaliditätsversicherungsanstalt erfolgt, während der bewilligten 
Zeit von der Krankencasse day Krankengeld unverkürzt erhalten 

Und wenn die Hausfrau selbst erkrankt ist und dadurch die den 
Hausstand besorgende Hand verhindert ist, sich der AusObung ihrer Pflichten, 
der Wartung der Kfaider su widmsn, so tritt noch ein anderer Factor ein, 
ohne dessen Walten auch in diesem Kampfe ein Vordringen aussichtslos 
erscheinen würde. Die Hilfe der Frauen ist eine unentbehrliche ünter- 
stfltsung bei dem Feldsuge gegen die Tttberfculose. Schultzkh bat die Auf* 
gaben der Frauen und Frauenvereine bei der Bekämpfung der Tnbericulose 
in der Dclogirten- Versammlung des vaterländischen Frauenvereines am 
31. März 1897 in ansprechender Form geschildert: 

»Recht schwer wird natürlich einem solchen Kranken der Entschluss, 
einer langwierigen, ihm kaum nSthig erscheinenden Cur willen die Familie 
zu verlassen, eine gute Stelle aufzugeben. Auch hier wird belehrender Zu- 
spruch. Fürsorge für die Familie eine Verpassung des besten Zeitpunktes 
manchmal verhüten können.« 

Zur Erleichterung des Besuches der Anstalt wird auf einer Ansah! 
von Bahnstrecken in Deutschland den Kranken ermässigter Fahrpreis ge- 
wahrt. Dies ist von Bedeutung, aber e-^ muss auch Sorge getragen werden, 
dass die Kranken nicht durch ihren Auswurf ihre Mitmenschen benacblheiiigen 
können. Auf diese Verhältnisse habe ich ansfQhrlich im Artikel Krank en> 
transport aufmerksam gemacht^ auf welehen ich hiermit verweisen möchte. 

Die in vorstehenden Zeilen kurz dargelegten Bestrehungen auf dem 
Gebiete der Errichtung von Lungenheilstätten sollten die Ziele dieser in 
allen civilisirten Ländern ietzt gewaltigen Bewegung veranschaulichen. Die 
errungenen Erfolge lassen hoffen, dass es gelingt, langsam, aber sicher auf 
dem betretenen Wege der furchtbarsten Volkskrankhelt in wirksamer Welse 
entgegenzutreten. 



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240 



LungenheilatAtten. 



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Lnngenheilfttfttten. 



241 



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bei der heutigen bebandlung der LuiigenBcbwindaücbtigen. Therap. Monnt^b. 1895, Nr. 9< — 
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YortlUge 23. Vortray. Leipzig 1895, Vogel. — (>., 7. und 8. .lahresberieht des Bremer Heil- 
«tSttenvereins für bedürftige Lungenkranke. Bremen 1894, 1895, 189ü. — Bericht des Ver- 
eins zur Iii';;riiiuhing und Unterhaltung von Volksheilstätten fiir Lungi nkrauke im K<hiig- 
reich .Sacbrteu. Mai 1895 und 18UG, Auerbach. — Geschäftsbericht des Vorstandes der nord- 
deutschen Knappseharts-PensionscmiBe sn Halle s. S. InTaliditlts* nnd Alterarersiehemnga- 
anstatt Nr. lür das .Jahr lS;i5. Halle a. 8. 189(5. — Aufnahiii>lie(linf,'unfr< ii der R.isler 
Heilstätte für Brustkranke in Davos. — UaiisorUnung der Baseler Heilstätte für Brustkranke 
>in der Stilli < zu Davos Dorf. — Reglement Hlr die baselstäiltisehe Aufiiahnis-Coiunilssion 
der Baseler Ueilstätte fUr Bruatkrankc in Davos. — Statuten des Baseler HilL^vereins lOr 
Brustkranke. — Statuten der Baseler Heilstätte fOr Brustkranke in Davos. Basel 1896. — 
Beriehte ülMjr dl« von der Tliiiringiseliru V( r-^ichenuigsanstalt auf der ILirth tn-i Bi-rka an 
der Ilm eingerichtete Curcolooic bis £ndc November 1896. — Bi^uMaNviiLO , Wo »oll man 
Heilstätten fOr Lungenkranke erriehtmi? Zeitsehr. f. Krankenpflege. 1896, Nr. 6. — Coobiu, 
Anti^eptie Inhalation in tuberenlar and otht r jmlmonary Diseasi <. Birmitigh.ini med. Heview. 
April 189<>. — Ein Beitrag zur Beurllit iliint,' des Nutzens von Ili ilstätten fiir l.,ungeiikranke. 
Bearbeitet im kaiserl. Gesundheitsamte. — Heimstättenverein fiir Lungenkranke. Deutselie 
med. Wocbenschr. 1896, Nr. G. — v. Jauustowskt, Die geacblosscneu Ueilaustalten für 
Limgenkranke nnd die Bebandlung in denselben. Berlin 1896. — v. Lcrnnr. Ueber die Avf« 
gäbe des Berlin Brand'-nbnrger HeilstSttenven ins fili I nn;,'« nkr.inke. Vnrtras.'. Hy<.Mi n. Bnnd- 
.«chau. 189t>, Nr. l;> — Likuk, Kinigfi Benurkimgiii üImt ilii' Aufiiatiiue weui;; bemittelter 
Kranker in Lnngenlu ilanstalten. Zeitsehr. f. Krankenpflege. 1890, -Nr. 0. — .Naum, Die neue 
Heilstätte fiir unbemittelte Lungenkranke zu Kuppershaiu im Taunus. Ebenda. 1S',M>, Nr. 2. — 
The North London Hospital for Consnmption. IM!. Aunual Report. 1896. — Oki